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Full text of "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität"

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rbuch 

für 

vischen: 

Berücksichtigung 

exualität. 



gegeben 
lamhafter 
^n des 
initären Korr 

Hirschfei 

lottenburg. 
Band. 



pohr. 




Richard Freiherr von Krafft-Ebinj 

geb. 14. August 1840 in Mannheim, gest. 22. Dezember N 



ftru 



/yfUltrf+4 



% ^Y ^f Jf/~s\ 

/fin /Uli M^y^K V /i 



Ursachen und Wese 

des 

Uranismus. 



Von 



Dr. Magnus Hirschfeld. 



tf 






Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft. Äph. ' 
Alle Arten Passionen müssen einzeln 
werden, einzeln durch Zeiten und Voll 
kleine Einzelne verfolgt werden; ihre g 
soll ans Licht hinaus! 



Thomas Carlyle: 

Jedes Gute, das irgend möglich, wird 
sein; so tief und traurig wir es empfinde] 
in finsterer Nacht stehen, so fest und i 
ist unser Vertrauen, daß der Morgen n 
wird. Schon sehen wir, vorausblicken« 
Streifen der Dämmerung. Wenn die ! 
wird der Tag anbrechen. 






Inhalts-Ver; 



Ursachen und Wesen des Uranisn 
Hirschfeld-Charlottenburg (2 
Titel: „Der urnische Mensch" 
I. Das urnische Kind 

II. Das Harmonische der 

III. Die Unausrottbarkeit 

IV. Die Naturnotwendigke 

V. Heredität und Homos* 
Anhang. Lebensgeschichte d 

Einige psychologisch dunkle Fälle \ 

irrungen in der Irrenanstalt. ^ 

N ä c k e - Hubertusburg 
Chirurgische Überraschungen auf c 

zwittertums. Von Dr. med. Fr 

Warschau . 
Brief Wolfgang von Goethes über ( 

in Rom 

Felicitas von Vestvali. Von Rosa 
Quellenmaterial zur Beurteilung an] 

Uranier. Von Professor Dr. F. 

4. Heinrich Hößli (1784—1 

5. Franz Desgouttes (178* 

6. Herzog August der Glt 

7. Mademoiselle Maupin ( 




<*> /LA 










Ursa« 



Dr. 




Nietzech i 
Alle 
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Jedes 
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wird. 
Streifei 
wird di 






£ & 



* ^ -*99 . 



Fröhliche Wissenschaft. Äph. 7: 
Lrten Passionen müssen einzeln durchgedacht 
, einzeln durch Zeiten und Völker, große und 
Einzelne verfolgt werden; ihre ganze Vernunft 

Licht hinaus! 



lyle: 

ate, das irgend möglich, wird einst wirklich 
tief und traurig wir es empfinden, daß wir noch 
er Nacht stehen, so fest und unerschütterlich 
Vertrauen, daß der Morgen nicht ausbleiben 
hon sehen wir, vorausblickend, im Aufgang 
ier Dämmerung. Wenn die Zeit erfüllt ist, 
Tag anbrechen. 



• „Beol 

Worten b 

herr von 

fast' jede 

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in Fleiscl 

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Autor halten, < 
schriebe, ohne ; 
haben, der von 
zu kennen? I 
mancherlei übe: 
mit der Bitte 
stellen, da er b ; 
persönlich kern 
Bloch, ein um 
Forscher, 1 ) bei 
sehr großen S 
Effertz, 2 ) daß 
dessen Buch« 
niemals einen 
Wenn aber irj 
nismus nur dt 
Beobachtung, 
tigen Verstäi 
Man hat 
vorgehalten, 
Organen arbe 
seien, hintan 
dem Zellen] 
Demgegenül 
Geist und 
exakte Einz 
wer eine gr< 
Homosexue 
hat und zv 
schichten, g 
Krankheit« 

*) Dr. 
pathia sexua 
*) O. I 



4 — 



i\>er die Ursachen der Tuberkulose 
neu Schwindsüchtigen untersucht zu 
sen des Weibes spräche, ohne eins 
.ch wandte sich, ein Gelehrter, der 
Homosexualität veröffentlicht hatte, 
ich, ihm doch Homosexuelle vorzu- 
nicht Gelegenheit gehabt habe, solche 
l lernen. Ein anderer Autor, Dr, Iwan 
reschichte der Medizin sehr verdienter 
, wo er von der nach seiner Meinung 
leit der Homosexualität spricht, von 
3r, — wir zitieren wörtlich — „aus 
ie große Erfahrung spricht, noch 
n Homosexuellen gesehen haben will." 
o, so führt auf dem Gebiete des Ura- 
nien zum Erkennen, nur die objektive 
rsuchung und Vergleichung zum rieh* 

takten Methode nicht ganz mit Uureeht 
sie zu ausschließlich mit den Sinnes- 
inge, die diesen nicht direkt zugänglich 
in der Erforschung des Menschen über 
das Seelenleben vernachlässigt habe. 
zu betonen, daß auch der Einblick in 
des Menschen unr durch zahlreiche 
Achtungen gewonnen werden kann [ Nur 
age — sagen wir, mindestens hundert — 
gehend und sorgsam persönlich erforscht 
»Aie aller Altersstufen und Gesellschafts- 
leren Eindruck nicht durch akzidentelle 
Konflikte verwischt ist, wird mit voller 

an Bloch: Beiträge zur Ätiologie der Peycho- 
jil. Dresden, Vertag von Dotim, 3909, Seite 218, 
IberNeurastheniaseiiialis, New-Yorkl894. 8,192. 



Klarhe 

mit de] 
Wie n 

weiblic 
auch b 
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Fortpft 
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lieh, sie 
gar, h 
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folgerte 
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weiblic] 
und ko 
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verbreite 
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griechisc 
nit'ln hui 
denn in 
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in der B 
mich d 
Sttddeuts 
deshalb 
gestattet, 
etc) in r 

Leipzig ] 




denken, wenn 

an bloße sin 

Act Tji««V>o«, «?r 

u.H ist ihnen ei 

wir kennen ni 

sexuell bekann 

mit der Riehtui 

des Willens zn 

Männer gibt, e 

naturgemäß ac 

der geschlechtli 

Personen wirkli 

es mit der Kei 

scheint uns für 

„das höchste St 

Noch ist der B 

Ilrauier in ('er 

„spielt hat, hImt 

der Jahrbflcher « 

des § 175, *• « 
„aterschiebt; dar 

tri** - "f 

aber •«* »** 
der !»**» 4 

**» ÜT 

i, nv'-" ,J -' , ' ; ' 



- 6 - 

en Hümoseiuellen reden, immer nur 

HamJioQgeo, an die „Mechanik 

eieo, daß es eine reine Liebe gibt, 

?d ; daß Homosexuelle vorkommen — 

üge derart, die sich auch als homo- 

die keusch lebeo. Das hängt nicht 

iera mit der Stärke des Triebes und 

i. Wie es frigide Frauen, asexuelle 

leidenschaftslose Urninge, die sich 

en beherrschen können. Die Art 

itätigung Erwachsener sollte dritten 

tchgültig sein. Etwas anderes ist 

les Uranismus überhaupt Diese 

der im Menschen nach Goethe 

sieht, ganz unerläßlich zu sein. 

licht erbracht, welche Bolle der 

:eluDgsgeschichte der Menschheit 

l erbracht werden. Dieser Zweck 

s viel höher, als die Abschaffung 

ild v ) ihnen als einzige Tendenz 

hat doch nur dann einen Zweck, 

n Ländern haben es zur Evidenz 

entliehe Meinung das Wesen der 

tat erfaßt hat, die — wir be- 

md wiederholt — gewiß nicht 

iche und weibliche Komplex, 

tiger. 

ann man auch die Ursachen 

ndung nur auf dem Boden 

rials stehend aus direkt Ge- 

man beispielsweise ein Urteil 

Trieb eine Degenerations- 

der Straf Würdigkeit des homo- 
* Arohiv f. Strafrecht. 1902. S. 38. 



erscheinung ist 
Dutzend damit 
geistige Degen 
bedauerlich, da 
wie Iwan Blocl 
forschung nich 
viele sachliche 
Stelle nur ein 
die große Seit« 
rühmend hervc 
ventiven Einfli 
licher Anomali 
spiel hierfür li 
Familienleben 
seit ihrer Zers 
zu suchen ist, 
Homosexua 
Hätte Bloch d 
so wären ihm 
typen, wie die 
entgangen, wie 
Gelehrtenstand 
auch nicht jen 
die Urninge de 
namen anzurec 
unter ca. 150« 
letzten 7 Jahr 
11 Jüdinnen, i 
zember 1900 
56345014Einw 
mit Sicherheit ] 
kein gering» 
Die jüdischen 
in dem Sinne s 
man Gleiches b 



Im Gegend 
Wachenfeld r ) di 
besonders stark v< 
ohne statistische . 
sehen Ländern, i 
namentlich in Ita 
verbreitet ist, wi 
Wir haben, um 
den verschiedene 
gleichsweise zu 
haltene Anfrage 
urnisch bekannter 
unter den Urning 
Lande zu Lande 
Worten sprechen i 
Sexualität überall i 
sämtliche ander 
und angelsächsisch« 
sexuelle vorfanden, 
in Italien und De 
rein germanische I 
auf, als die lateini 
richtet: .Ich hab 
geschlechtliche Li* 
der Türkei wenij 
Schweden und Da 
„In Italien, einem 
Aufenthalt kennen 
keit viel weniger 1 
anderer Schriftstell 
im Norden mehr ^ 
England sehr häuf 



») Blochs Beitrag 
a ) Wachenfeld in 



2 zu den Jaden soll nach Bloch ') und 
? Homosexualität unter den Romanen 
r breitet sein. Letzterer schreibt : „Aach 
(eiege ist es sicher, daß in den romani- 
ie keinen Urningsparagraphen kennen, 
en, die Homosexualität in einer Weise 
man sie in Deutschland nicht ahnt". 
e Verbreitung des Uranismus unter 

Völkern, Bässen und Ständen ver- 
nitteln, eine völlig unparteiisch ge- 

einer beträchtlichen Anzahl uns als 
jlobetrotters" veranstaltet Es gibt 

viele, die ihr ganzes Leben von 
en. Unter 40 einwandsfreien Ant- 

18 dahin aus, daß sie die Homo- 
gener Ausdehnung gefunden hätten, 
tonen, daß sie bei den germanischen 
tflkern verhältnismäßig mehr Homo- 
bei den Romanen. Ein abwechselnd 
!and lebender Arzt schreibt: »Die 
weist mehr wirklich Homosexuelle 
Ein vielgereister Kaufmann be- 
Erfahrung gemacht, daß gleich- 
Frankreich, Spanien, Italien und 
rkommt, als in Deutschland, 
.* Ein Schriftsteller bemerkt: 
>, das ich durch fünfjährigen 
ah ich die Gleichgeschlechtlich- 
•teil, als in Deutschland. * Ein 
rtet: «Homosexualität kommt 
m Süden ; besonders ist sie in 
"alien geben sich zwar junge 

9 IT. 
rs Archiv S. 57 ff. 



Leute für Geld 
eigentliche Urn 
Aristokratie end 
in etwas ironis 
für einen Staat 
bedeutet, so w< 
Deutschland Pw 
Sieben Experter 
Straffreiheit der 
sei, wie in Berli 
der Homosexual 
die auch wir i 
eingänge bestäti 
„ Ungewöhnlich 
den Kurländern 
kennt in Riga 
Dolmetscher end 
hat, teilt mit: „ 
Volke Oberbay« 
gesundes ist." ^ 
welchen Trugscl 
fluß des warme 
können oder auc 
ohne Nachprüfu 

Immerhin 
dankbar sein, < 
unzureichenden 
zu kommen. 
Wissenschaft n 
salitätsgesetze. 



*) Bloch stufe 
dessen Werk 1768 
seine Studien verö* 
ganz zu schweigen 



kenntnis der Ursachen i 
sondern auch einen ei 
kritischer, forensischer i 
Kritisch insofern, als die g< 
den Homosexuellen ganz a 
sie seinen Zustand als ei 
gegebenen ansehen, als w 
Onanie (Bloch 8. 135 ff.) 
entstanden. Gelingt es un 
beweisen, daß niemand hoi 
nicht ist, daß äußere Umstiir 
normal noch einen Normalse 
daß die Urninge ihrer ih 
nicht widernatürlich handel 
vielfach geschehen, Haß ui 
Achtung verwandeln. 

Auch für den Strafri« 
Unterschied sein — wir stii 
bei — ob die Neigung d< 
in die Wiege gelegtes Mif 
Lebenswandels * zu gelten 
zwar: ,Für uns Krimina 
boren oder erworben, gle 
Strafbarkeit hiervon nicht 
Moll 3 ) vertritt in einer ge 
denselben Standpunkt, irn 
auch mit demselben Rech 
angeborenem Blödsinn mü 
erworbenem Blödsinn hl 



l ) Goltdammera Archiv, \ 

*) Im Archiv für Krituiua 
Heft S. 195. Bei Besprechung 

•) Albert Moll: Sez^;. 
10. Jahrgang 1902. Xr. SO. '> 



- 10 



achen nicht nur einen theoretischen, 
aen eminent praktischen Wert in 
eher und therapeutischer Hinsicht. 
5 die gelehrten und ungelehrten Stände 
ganz anders beurteilen werden, wenn 
als einen ihm von Geburt an mit- 
ah wenn sie glauben, er sei durch 
5 ff.) oder Vielweiberei (Bl. S. 170.) 
es uns, dem Volke unzweifelhaft zu 
d homosexuell werden kann, der es 
nstände weder einen Homosexuellen 
aalsexuellen konträr machen können, 
• ihnen eingeborenen Natur nach 
adeln, so wird sich, wie es bereits 
> und Hohn in Milde, Mitleid und 

richter wird es ein wesentlicher 
timmen hier Wachenfeld l ) völlig 
ies Homosexuellen „als ein ihm 
ßgeschick oder als Folge seines 
i hat. Hans Groß 2 ) behauptet 
listen ist die Frage, ob ange- 
ichgütig, weil die Frage der 
abhängig sein kann", und auch 
aer letzten Veröffentlichungen 
*m er meint, daß man dann 
behaupten könne, Leute mit 
en straffrei, Leute, die an 
bei gleichen kriminellen 

fahrgang. 1, «n* 2. Heft. S. 40. 
bropologie, 10. Band. 1. und 2. 

Blochs Beiträgen zur Ätiologie. 

rlschenstufen, in der Zukunft, 



Handlungen str: 
halten, daß wob 
Gedanken gekom 
unter Strafe zu s 
Motive gemeint 
ihnen natürlichen 
brief I. 24 fl'.). 
des Paragraphen 
Bestandes : mauj 
heit hat aber vo 
wie Böswilligkeil 

Für den Sti 
Urnings gleich ra 
angeborenes, un 
schädliche aebun 
folgerichtig sein, 
zum Tode zu vei 
geschlossenen A: 
der Staat allerdi 
Quantität der 
aber nur als Gr 
wohuheitsmäßige 
der „modernen 
wird man auch d* 
nicht außer Aeli 

Ähnliche G 
handlung der H 
hat dies schon 
„Für die Beurt 
namentlich in B< 
Ätiologie von 



l ) Dr. A, Ft 

thenipie bei krank 
Stuttgart, 1892. S. 



y 



anderer Stelle: „Je mer 
in denen bleibende theraj 
sind, um so geringer ers 
Anteil, den die erblich 
dieser Anomalie beansp 
Aussichten, einen Trieb 
lieren, wesentlich größei 
Anlässe, wie fehlerhafte 
S. 167 ff.), hervorgerufen 
— wenn wir von der . 
vidualität reden — klarzul 
Heilbarkeit noch keinesw< 
Standes beweist. 

Solange das Problen 
schaftlich erörtert wird, 
Grundursachen vor oder 
der einen Seite befinden i 
ein sehr großes Beobachtur 
Krafft-Ebing, Moll und ic 
eingeborene Anlage das H; 
sionellen Momenten demge 
Wert bei. Wie Gelegenhei 
malen Trieb auslösen, erwec 
oft den schlummernden, ab< 
homosexuellen Trieb. Diese . 
Natur, das Primäre bleibt 
des Individuums, seines ( 
Körpers. Ein hervorragende 
ein Muster gewissenhaften 
folgenden Worten bei: „Ich 
ich niemals einen Fall von H 
habe, dem ich nicht das Prä 
legen müssen. In allen von 
sobald die Betreffenden siel 
ihren äußerlich zur Schau ge 



12 



sich die Zahl der Fälle häuft, 
utische Resultate erzielt worden 
leint nach unserer Meinung der 
Disposition in der Entstehung 
chen kann/ Gewiß sind die 
urch äußere Einflüsse zu ver- 
wenn derselbe durch äußere 
Erziehung (Schrenck-Notzing 
?t. Wir werden freilich später 
istigkeit der urnischen Indi- 
en haben, daß die hypnotische 
3 das Erworbensein eines Zu- 

der Homosexualität wissen- 
•eitet man darüber, ob ihre 
ich der Geburt liegen. Auf 
h die Forscher, welche über 
material verfügen, vor allen 
selbst. Diese legen auf die 
jtgewicht und messen occa- 
nüber nur untergeordneten 
irsachen aller Art den nor- 
i auch äußere Einwirkungen 
doch deutlich vorhandenen 
lasse sind jedoch sekundärer 
besondere Beschaffenheit 
irns, seines Geistes und 
elbst urnischer Psychiater, 
rbeitens, stimmt uns in 
n und muß erklären, daß 
>sexualitüt kennen gelernt 
it „angeboren" hätte bei- 
• untersuchten Fällen — 
ur natürlich gaben und 
eiien „Normalmenschen" 



bei Seite ließen — waj 
dem ganzen Wesen d< 
Individuum Adaequates 
als die einer angeborei 
tionellen Anlage gerad 
Auf der andern 5 
liehe Anzahl von G 
Notzing, A. Hoche, 1 
Meinert, Wollenberg, E 
den entgegengesetzten I 
mit Bloch 1 ): „Ein vi 
in ein typisch homos 
werden.* Der Verfass 
über 60 verschiedene 
erzeugen. Es ist wo! 
Ausnahme von Schrencl 
theorie zusammengenor 
aufzuweisen haben, wi 
Ärzte. Auf einem Gebi 
der meisten so fern li 
deutung, ob sich ein c 
oder 5 Fälle stützt. Bl 
so sagt Prof. Dr. Euh 
dem Blochschen Wer! 
„ Angeborensein " der 
Homosexualität, muß 
heblich eingeschränkt 
die Letzten, um ihr ei 
wir es mit erworben 
äußerer occasioneller ^\ 
die Verhältnisse kün 
haben, werden wir un 



*) Dr. J. Bloch: Zwi 
Psychopathia sexualis. Di 



fühlen dürfen, ihnen 
prophylaktisch wirksaor 
Dr. jur. L. Kuhlenbeck 
gegebenen .Juristisch* 
äußerst anerkennend 
ist, keine unzeitige Na 
Bestrebungen, die daj 
giften und die bereits ; 
oder sexuelle Zwischen 
losigkeit das Haupt 2 
entarteten Altertum fr 
wohl schon der Apo-tr 
als eine der schlimmst 
nischen Zivilisation ken: 
im Jahre l&öi 

Es stehen sich al- 
schiedenheit gezeu^rer 
^angeborenen* Fäule t 
überhaupt nicht.* W.: 
Urning aus desa ztlL* 
sexuelle Main m>d ilj 
Bloch beha^jÄ*!: Jbi. 
zahl d-r Fll^e ezzezrjL, 
aaierea o^»^fc>«S:o*L.*ri J 
ru «ier5#ert«€s* ist ***-Lr 
seih«.* Wir r.trz&vi'^ 



n*i.»#es 


rSXzT 


we •.•^v>ä 


es^pr^ 


S*SiSe* -r-ervt;:i^ 


m'i^ii.* 


hrs-'i. Ui^LV. 


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w*rjb fci^#-n 


l&JLH&u 


:* iiat^riiiJi v 


wiiii«: 


2.^ 


t»*Tt ^ ::u***l 



3 3<r ä hü: Ü i*-^ 



14 - 



;iv und vor allem präventiv, 
egenzutreten." Ein Jurist aber, 
Dricht in der von ihm heraus- 
ochenschrift" *) Blochs Buch 
fügt hinzu: „Die Hauptsache 
itigkeit zuzulassen gegenüber 
en an seinem Ursprung ver- 
Namen wie Homosexualismus 
literarisch mit einer Scham- 
eben wagen, die selbst dem 
gewesen zu sein scheint, ob- 
lus ihre Widernatürlichkeit 
Ichte der verfallenden heid- 
len mußte." So Kuhlenbeck 

Ansichten mit großer Ent- 
h sagt (Bd. I. S. 11): „Die 
nosexualität existieren wohl 
r „Nur aus dem geborenen 
[inde kann sich der homo- 
sexuelle Weib entwickeln." 
5.): „In der großen Mehr- 
jleichgeschlechtliche Liebe 
an, eine originäre Anlage 
scheinlich, jedenfalls sehr 
kann sich weder ein männ- 
in ein gleichgeschlechtlich 
3I1 ist das Umgekehrte 
iinde der Homosexualität 
r meinen, sie liegen aus- 
buchen Organisation, sie 
nschen heraus. 



ust 1902, Verlag W. Moeser. 



Es sollte selbstv 
lieh Wachenfelds >) E 
eigens betont werder 
der homosexuell em 
sexuell betätigt odei 
liehen, wenn auch i 
nebensächlich. Ein 
sexuell betätigt, ist n 
sexueller, dem es g< 
zu verkehren, trotzd 
beiden handelt es siel 
trieb, sondern um m 
wandte Manipulation« 
Normalsexuellen, die 
wird vielfach sehr üb 
Jahrbüchern, die den 
sind, überhaupt nicht 
hängern des § 175 m 
würden. Aus weicht 
Natur Widersprechenc 
unterscheiden : 

a) solche, die 
verkehren: Prostitu 

b) solche, die 
Dankbarkeit, Mitlei 

c) solche, die 
Personen dazu gr 
Klöstern, Gefängnis 



*) Vgl. Jahrbuch, I 
Wachenfelds. 

2 ) Die in manchen u 
besser den Kern der i 
„Homosexueller* 4 und „Kc 
kannten Personen vielfact 
mit) und „t. u." (total un 







Alle diese haben » 
: sexuelle Verkehr für sie 
darstellt, daß sie völlig 
sobald ihnen Gelegenhe 
außerehelich mit dem \\ 
die Mitglieder dieser dr< 

Die Gründe, welche 
gewerbsmäßig den Hon 
sind dieselben, die bei 
rächt kommen, wie übei 
Unzucht in ihren Ersehe 
aufweisen. Auch für dei 
zu prostituieren, teils in e 
ererbten oder anerzogene 
zum Müßiggang und M 
Verhältnissen. Aus let 
die männlichen Prostitui 
ärmeren Kreisen. So ud 
die nicht davor zurück« 
lieh wenn sie durch ein 
erscheinen — ebenso w 
diesem traurigen Beruf 
einem der bekanntesten 
verlässig berichtet unc 
eigenen Eltern ihn ber 
Laufbahn brachten. In 
jedoch die treibenden M< 
Beispiel und Verführun 
vor — und solche Falb 
urteilt werden — daß « 
zur Prostitution verftih 
in welchem er arbeitet, 
es vor, daß ein junger 
raten sich vergebens 
kommen, die Bekanntsc 



16 



ben das gemeinsam, daß der homo- 
r sie nur eine vorübergehende Episode 
ö'Jlig normalempfindend bleiben und, 
mheit geboten ist, ehelich oder auch 
1 Weibe verkehren. Betrachten wir 

drei Abteilungen noch etwas näher. 
che junge Männer veranlassen, sich 
lomosexuellen für Geld hinzugeben, 
n weiblichen Prostituierten in Be- 
berhaupt beide Arten gewerblicher 
Meinungen sehr viel Gemeinsames 
len Mann hegen die Ursachen, sich 

seiner inneren Veranlagung, einer 
ien großen Willensschwäche, Hang 
Wohlleben, teils in den äußeren 
tzterem Grunde rekrutieren sich 
ierten in der großen Anzahl aus 
glaublich es klingt, es gibt Eltern, 
jhrecken, ihre Söhne — nament- 
chöneres Aussehen dazu geeignet 
» ihre Töchter anzuhalten, sich 
n die Arme zu werfen. Von 
Jerliner Prostituierten wird zu- 
von ihm bestätigt, daß seine 
5 in seinem 14. Jahre in diese 
*n weitaus meisten Fällen sind 
e die Not, demnächst schlechtes 
Nur ausnahmsweise kommt es 
nnen nicht scharf genug ver- 
romosexueller einen Burschen 
ndem er ihn dem Geschäfte, 
lehi. Häufiger schon kommt 
., welcher außer Stellung ge- 
,üht, wieder in Brot zu 
nes Urnings macht, mit dem 



er gegen Entgelt intim 

und Kleidung, behande] 

Kreise ein, was seiner 

queme Verdienst, der : 

veranlagt ist, noch dazu *\ 

leben werden ihm so se 

mehr davon lassen kann 

boten würde, in ein el 

rückzukehren. Sehr oft 

folgendermaßen ab: Eir 

und frierender Junge ste 

Friedrichstraße. Bald m 

„Herrchen" gewahr, die 

ab stundenlang die Straß 

ein vornehmer Herr ans 

Hauptes von dannen zieh« 

dann kühnere Versuche, 

eines Tages glückt es ihn 

nehmen Herren lieben gei 

ihren schmutzigen Kraj 

scheinigen Eöcken und z 

ihnen einmal gelungen, d 

es ist ihnen gär zu schlec 

tauschen möchten. Mit < 

liehen Prostitution häng 

manche besonders schied 

Gewerbe im Nebenberuf 

bürgt gelten, daß sich in 

stellten des Telegraphenc 

spärliches Einkommen (5 

einen solchen Nebenverdiei 

ist es in London mit den 

diese und andere Mitteiln 

stitution 'einem äußerst zu 

mann, der sich. Pherander 

Jahrbuch V. 



— 28 — 

der bei den Dragonern diente. Aufme/i F 
weshalb er mit Männern verkehre erw* 1 
meiner Braut treu zu bleiben." I C J, b^:* 
Kadettenbäusern eine Reihe von Bericht r 
daß, trotzdem leider wechselseitige Ona " ' * 
Weise geübt wird, nur ein ganz kleiner Bricht * 
sexuell wird, nämlich solche, die nachweLsluV ' 
männlich, sondern urnisch sind. I c h ^m \ l l 

veröffentlichten Beispielen einen r»*»k+ i l °. Vu 
u iL r v. xir . rvcni 'ehrreich« 
aus einem katholischen Waisenhause h m 
verdanke die Mitteilung einem mir h t ' 

verlegen Beobachter K. A, der daseCTo 7 
unter 120 Mitschülern erzogen wurde 
„Ich war 8 Jahre alt, als ich in dien* I 
schon früher gerne mit Knaben zusammen ° 8titut ^ai 
ersten Tage etwas Heimweh und fühlte mi iT**' ** attv h 
den 120 Knaben im Alter bis zrj 14 Ja . Cft ftehr b *id \ 
15 und 16 Jahre alt Der freundschaftlich"* v *** Wni} 
Knaben war ein so inniger, daß man glaube er ^ e ^ r uni 
vom reinsten Wasser vor sich zu habe mUfite ' Jauf( ' 
älteren suchten sich unter den jüngeren R aIie 

den sie alsdann hegten und schützten. Di * e ' n, * B 
Teil nicht gerade unangenehm, denn ante ** * ar ^ r( Jen 
die kleineren gewöhnlich manchen Stoß * 80 J lp l Knabe 
einen älteren zum Freunde, so durfte kein ** teUl hatt 
anzufassen, beide überboten sich gegenseiH * ♦*** Wa ^ t<n i 
Zärtlichkeiten. Als ich selbst 9 Jahre alt * ** ^ rwp,hü " 
2 ältere auf einmal um mich warben und*^' * e8cnan 
weichen wollte. £s wurde dann durch einen K mer ^'m 
entschieden, die anderen stellten eich he ^^ UDter ( * n 
nichts sehen sollten, und schauten zu w ^ ( * ,( ' 

wurde, der Sieger hatte alsdann ein öffentr l 6Iner * am I>f 



Dieser war mein Freund fast ein g anzt . 8 , f Anre(, ht *, 
seinem 14. Jahre aus der Anstalt entlag ]ang ' '" H 

Freundschaft erinnert mich noch heute ein *• W I 1^ ^ e • Ai, 
stabe, der Anfangsbuchstabe seines Namen/ 1 !? 11 ^ ^ roii( ' s 
seitig damals mit chinesischer Tusche und • wir un * 
Oberarm tätowierten. Da dies sehr oft v t ^^ T ^ a< * vi 
darin eine ziemliche Fertigkeit. Ich erin« r * m ' Valien 

^ nere *ich nach 




— 29 

*>als war, für d 
7 en. Dieser Jui 
daß er mir a) 
Da er vermö$ 
}kam er jede \ 
öglichen besch 
n er gewöhnli 
\ann war sein, 
v ,ze vor mir au 
, ,datf er Beibdi 
i wir abends 
[oment abzuw 
1. Hatte mai 
*s gefiel, so 
ld Tritt und 
lachte ihm Gm 
zu spielen. 
m r g-egenübe 
jern hatte, d 
usgeBchloasei 
7 denn eine 
einem Aben 
d wir setztd 
le, wobei u 
im sucht, t 
ehlä^e sehr 
riehen. Nai 
16 und läsai 
ir mir, er K, 
l war glück; 
o wir uns ; 
in dann mr 
len ein bei 
lie der Fri 
atte, bei 
I Laufende 
i.en Freun 
, daß jed« 
i er, wenn 
iges Beste 
5r benutzi 
Besteck 



— M) — 

Schmutzkasten und kaufte neue. Ebenso bmiu* * 
Winter seinen bestimmten Shawl, man trnat ab » J * 
Freundes, da derselbe in so enger Berührung m /7 /" 
Halse gewesen. Das Tätowieren der Anne 
bnehstaben des Freunde» war an der Ta^JT^r* '* 
mußte man bei dem allen sehr vorsichtig »emV*H * l 
nichts merkten. Sahen diese von zweien eineh******** 
Freundschart, so wurde ihnen strenge verböte ? Dti * ' 

zu verkehren, doch tat man es alsdann um s *i*> Iter " 
man Strafe, so war man glücklich, ffo. tfen ° J,e j >er » ' ' 
können. Hatte einer einen Streich gespielt- ander, * D 
daß der Freund die Tat auf sich nahm der 3^**° ** Hcl j 
litt und der Lehrer alsdann 2 Missetäter vor ' T di<H 
nicht wußte, wer der eigentliche war. Bekam rf * tl *' 1 « 
so ging das dem andern so nahe, daß er 6r ^ r<Ml1 I 
kleinen Einzelheiten zeigen, wie der Freund ein t Weior 
Innigkeit in dieser Freundschaft W r**? * Ue * Wa 
__,_, e _^^_ ,r._ L ^_ _ it . __ _^_. T* «aß dabei 

Uä Dl 
jünger. Besonders bot der Winter tum geschl ""k* . mÄnt ' 

viel •ßatapAnheit. man snntt abend« nn* A . j_ __ Cn ^icA 



sohlechtiiche Verkehr nicht ausblieb, ist 8e ih * 6i 
war 9 Jahre alt, als ich die Onanie kennen i"^^ 



keß aen lernte, 



viel -Gelegenheit, man ging abends unter dem V CÄf *° 
zu müssen, hinaus, der Freund folgte einige J^^n, a 
draußen war man dann ungestört, wenn dies a* 611 *''* 
geschah, um sich küssen und umarmen z Q k>. na °pt> 
regung blieb dann das andere nicht aus. Dann ****** } ° ' 
auch viel nachts in den Betten statt. NaturUch derV 
den übrigen Knaben dies verheimlicht werden, d m . 1Iöte aH 
ein Verräter darunter sein können. Ich gj^k *]* ieicln 
dabei nur Onanie getrieben wurde. Kam ein ne . timni 
so wurde sofort darauf geachtet, ob er hübsch ' lD ^ e ^ 
es auch nicht lange und der oder jener hatte si h** ^ d 
freundet, wobei es oft nicht ohne heftige j^ 6 ^'üm 
ging. Es würde zu weit führen, noch mehr Ein ° ene 
geben. Man findet ja in allen Instituten, ^ lhei ^ 
schlechtlieh miteinander verkehren, aber wohl seit * ^° a ^ ei 
Diese leidenschaftliche liebe, so aufopfernd ^^ \ . 80 *^8 (> i 
man glaubte, alles sei tot für einen, wenns dem vÜ*^^ 
zu schmollen, und man toll eifersüchtig g^ u * en &de ei 
einen anderen bevorzugt glaubte, müßte auf das • Wenn l 
gemüt verhängnisvoll wirken-, wenn man von e' 6 ^ na * 
der Homosexualität sprechen könnte, so müßte 8» hJ- ^ Derw ' Pi 
bewahrheiten, besonders da die meisten weni^fn ? 68 ^ ier d< 

g8ten *3biB 4 j, Ä 




— 31 

I 
I 

a der Anstalt 
zt waren. W 
leine Mit so 
selbst inter^ 
Ibo bevor leb 
rfitlich, und 1 
^sonders will 
i einjähriges '. 
de haben dai 
mit ihm ges'i 
üb. Daß gr) 
rtir aufwies, . 
hutzelt und ; 
gebetet, ai 
waren. Di< 
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1 zwar ii 
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Sj wie 
voller I 
?h nich 
20 Wai 
'. erzog 
d muti 
ger hc 



— 32 — 

worden ist. Hat nun Schrenck-Xotzing, der in <l 
Ziehung, Schiminelbusch, der in der Onanie die l 
der Homosexualität erblickt, Recht, oder diejenigen, 
in der angeborenen Beschaffenheit de« (Jehir 
Grund dieser Erscheinung suchen? 

Außer diesen drei Kategorien sind es l>e.M>ml 
heterosexuellen Wüstlinge und Rouls, von den* 
annimmt, daß sie „aus Verlangen nach Variation* 
„Reizhunger", Übersättigung, Raffinement schlic-Ü 
das eigene Geschlecht verfallen. Dieser Glaube i 
nur im Volke weit verbreitet, er findet sieh u 
vielen Ärzten und Juristen. So beruft sich ttloi 
Wollenberg*), der die Homosexualität in den 
Fällen als das Endprodukt eines lasterhaften Gcm 
lebens betrachtet. Und Wachenfeld 8 ) sagt: „Den 
mit dem gleichen Geschlecht als einen spezifisch s 
Reiz sucht der Rou6, der nach Durchkostung alle 
liehen und unnatürlichen Genüsse am Weibe üb 
ist." Ich habe mir große Mühe gegeben, diese „Wi 
ausfindig zu machen, es ist mir nicht gelungen 
der großen Anzahl Homosexueller, die ich beo 
war nicht ein vom Weibe Übersättigter, die meist 
froh gewesen,* wenn sie überhaupt nur vom Weil 
„kosten* können, geschweige denn, daß sie satt , 
wären. Zweifellos hätten homosexuelle Jüngl 
eine Vorliebe für ältere Männer haben, solcl 
kennen lernen müssen. Sie stellen ihr Vorkom 
schieden in Abrede. Ich habe es mich auch n 
drießen lassen, männliche Prostituierte und Chan 
wohl homosexuelle als heterosexuelle, zu intei 



*) S. 235 a. a. 0. 
. a ) Wollenberg. .Über die Grenzen der strafrecht 
rechnungsfähigkeit bei psychischen Krankheitszuständ« 
rologischen Zentralblatt 1899. No. 9. 

a ) A. a. 0. in Goltdammers Archiv S. 48. 



— 33 



Dg, der in der Er- 

)nanie die Ursache 

r diejenigen, welche 

des Gehirns den 

es besonders die 
von denen man 
Variationen" aus 
ü schließlich auf 
Glaube ist nicht 
3t sich auch bei 
ich Bloch *) auf 
3 den meisten 
m Geschlechte- 
„Den Verkehr 
Ssch stärkeren 
g aller natür- 
»e übersättigt 
„ Wüstlinge" 
gen. Unter 
beobachtete, 
isten wären 
eibe Latten 
; geworden 
•Jinge, die 
he Rou4a 
men ent- 
icht ver- 
teure, so- 
lellieren, 



,hen Zu- 
ini Neu- 



von welchen Leuten sie lebten. Sie 
eine Antwort, die in die wissenschl 
tragen lauten würde: „Ausschließlich 
lieh Veranlagten." Es müßte nach] 
männer doch auch einmal ein hoc 
— und es gibt deren genug 
das Weib verfallen. Es wäre dl 
ein therapeutischer Weg gegeben.] 
nicht vor. Ich halte nach meinen) 
Wüstlingspäderasten für ebensolche 
Hexen, von deren Aussehen, Sitten] 
man zur Zeit der Hexenprozesse au 
Schilderungen zu geben wußte. Mal 
der köstlichen Hexenszenen in Goethl 
licher Weise erzählt sich das Volk» 
allerlei von dem stieren Blick der wari 
ganz kleinen oder sehr langen dünnen G 
eine Art Ungeheuer halten sie sich mit V< 
versteckt, jeden Augenblick bereit, üb 
herzufallen u. dgl. Noch ein neuere 
schildert das Auge der „Anhänger der 
liehen Liebe" folgendermaßen: „Sein fr 
erloschen; es blickt verschleiert, gläsern, 
sich die Lidspalte fast durchweg verengt 
kleiner Teil des Augapfels sichtbar gebl 
nehmlich der Urning im mittleren und re 
daran; den Greis läßt dieses Kainszeichen 
Man vergleiche mit dieser Beschreibung 
Photographie eines urnischen Arbeiter* 
überhaupt hier von einem Typus rede 
dieses große, träumerische Auge — der g< 
des geschilderten — in viel höherem Gra 
ristisch für den Urning anzusehen. 

*) M. Braunschweig. Das dritte Geschlec 
homosexuellen Problem. Halle a. S., Carl Marhc 

Jahrbuch V. 



34 



Ist mithin diese vielgenannte Menschenklasse der 
vom Weibe übersättigten Homosexuellen empirisch nicht 
nachweisbar, so ist sie auch theoretisch höchst unwahr- 
scheinlich. Wessen Naturtrieb mit elementarer Gewalt 
zum Weibe neigt, kann, wenn er auch noch so wüst ge- 




Th. Widdig, urnischer Arbeiter. 

lebt hat, nicht plötzlich den Mann begehren. Groß 1 ) hat 
vollkommen ßecht, daß ein solcher Umschlag der Ge- 
schmacksrichtung in das Gegenteil außer aller Logik und 

*) Groß: Archiv f. Kriminalanthropologie. 10. Band. 1. u 2. 
Heft. S. 195. 




Wahrscheinlichkeit liegt, 
wohl auf die Art der Betätigung 
aber auf die Neigung des Geschled 
sich. Dieser Trugschluß dürfte auf \ 
zuführen sein, daß der Homosexü 
chismus, Sadismus, Fetischismus und! 
gleichzusetzen sei, mit denen er seitj 
gemeinsam dargestellt ist. Bei letzt! 
um etwas ganz anderes, nämlich um! 
trophieen normaler Triebe, nicht etwa u 1 ^ 
stufen (Mischung männlicher und weiblij 
wie manche Autoren in völligem Miß^ 
uns gewählten Titels glauben. Jederl 
Geliebte erobern, der Sadist will sie tj 
bringen; der Liebende will ihr gefäl 
Masochist ihr Sklave, ihr „Hund" sd 
legt sich die Locken seines Mädchens \ 
Fetischist bewahrt sich Weiberzöpfe \\ 
auf. Selbstverständlich kann ausnahmst 
sexueller ebenso wie ein Heterosexueller \ 
Fetischist sein, vielleicht alles zugleich, $ 
ein Homosexueller ein Heterosexueller \ 
kehrt. Groß 1 ) bemerkt: „Der sogenannt 
sättigte ist aber nicht übersättigt, sonde^ 
nur, daß von den zwei Wegen, die seij 
standen : dem heterosexuellen und dem hol 
der erstere für ihn nicht der richtige war! 
er auf den zweiten Weg." I 

Der Autor fühlt hier ganz richtig r\ 
namentlich die psychischen Hermaphrodi 
sexuellen sind, die von vielen als Rou6s dj 
desten als Menschen angesehen werden, dl 
das Weib verlassen. Ich gestehe offen, daß 



») Archiv f. Kr.-A. S. 195. 



— 36 — 

meines Beobachtungsmaterials noch nicht in der Lage bin, 
über das Vorkommen, die Häufigkeit und Bedeutung der 
Bisexuellen ein abschließendes Urteil zu fällen. Früher 
hielt ich sie für eine weit verbreitete Gruppe. Aber die 
gewissenhafte Exploration vieler verheirateter Urninge 
hat mich schwankend gemacht. Krafft-Ebing hob, als 
er die psychische Hermaphrodisie als erste Stufe der 
angeborenen konträren Sexualempfindung beschrieb f ), her- 
vor, daß in diesen Fällen die Neigung zum andern Ger 
schlecht viel schwächer und episodischer sei, „während 
die homosexuale Empfindung als die primäre und zeitlich 
wie intensiv vorwiegende in der vita sexualis zu Tage 
tritt." Um hier, wie in der ganzen Frage klar zu sehen, 
muß man unbedingt den Geschlechtstrieb von den ge- 
schlechtlichen Handlungen, die möglich sind, unterscheiden. 
Nur der natürliche Trieb ist das Ausschlaggebende. Man 
glaube nur nicht, daß wer mit beiden Geschlechtern ver- 
kehren kann, auch beide liebe. Wer urnische Ehe- 
männer befragt, wird meist hören, daß sie entweder in 
völliger Unkenntnis ihres Zustandes heirateten oder weil 
«ie meinten, von ihrem sie quälenden Triebe loszukommen. 
Betrachten wir einmal die Verhältnisse, wie sie wirklich 
sind. Ein junger Uranier wächst heran. Von allen 
Seiten hat er die Liebe zum Weibe preisen hören, sie 
erscheint ihm als das begehrenswerteste Ziel. Die ganze 
heterosexuelle Umgebung wirkt auf ihn wie eine mächtige 
Suggestion. Die erwachende und erstarkende Sinnlichkeit 
führt ihn, indem sie ihn dem allgemeinen Triebe der 
Kameraden folgen läßt, zu einer Art Schwärmerei für 
weibliche Personen. Vom Uranismus weiß er nichts; die 
Päderastie hält er, nach allem, was er gehört hat, für 
etwas Abscheuliches. Es kommt die Zeit, wo ihm „nur 
noch die Frau fehlt.* Man macht ihn auf ein Mädchen 



») Psych, sex. S. 251. 



— 37 — 



aufmerksam, die für ihn wie geschil 
eine kennen, die ihm „sympathisch^ 
die ihrer äußeren Erscheinung und \ 
nach viel männliche Eigenschaften ^ 
Scheidung von Liebe und Freundschsi 
leicht; so geht er in allen Ehren di^ 
zieht „pflichtschuldigst" vielleicht die 
Geschlechtsverkehr, vielfach — wie \ 
lied heißt, — „nicht um der schnöi 
um Gottes Willen zu erfüllen". Sei 
harmonisch, während es ringsherum \ 
Ehen gibt, in denen die Männer ihi 
fremden Frauen befriedigen. Er aber 
des Nächsten Weib. So stirbt er, oh 
tums bewußt geworden zu sein; denn 
verbringen ihr Leben in einer Art Dämme| 
folgen sie den andern, individuelle Ke^ 
für „Schwächen," alles, selbst das koinpl 
nur in ihrem Unterbewußtsein ab. Ihre 8, 
reflektorisch. Sie kommen aus einem dum 
stand trotz aller scheinbaren Aktivität 
Vielen aber geht doch schließlich — eiri 
Oberbewußtsein hat über das Unterbewui 
errungen. Aber oft kommt dann die Erk^ 
„Seit ich wissend bin, schreibt uns ein hoher! 
kleide ich die Freundschaft zu meiner ¥r\ 
wand der Liebe und die Liebe zu meinen! 
das Gewand der Freundschaft, und so seil 
einer Täuschung meiner Umgebung — ursprl 
getäuscht — weiter durch das Leben." 1 
Sehr fein hebt Krafflt-Ebing *) hervor,! 
bei sexueller Frigidität in Wirklichkeit unj 
Hermaphrodisie handeln kann. Auf die Da^ 



*) A a. 0. S. 252. 



— 38 — 

aber doch nur mit sehr schwachem Geschlechtstrieb be- 
gabte Personen diesem Irrtum verfallen. Viele soge- 
nannte Bisexuelle müssen sich zum Coitus stark mecha- 
nisch erregen lassen, andere bedürfen psychischer Kunst- 
hilfe. Ich will zur Charakterisierung dieser Gruppe eine 
Auswahl von Antworten wiedergeben, welche ich von 
Bisexuellen über die Art ihres „normalen" Geschlechts- 
verkehrs erhielt. Ein verheirateter Universitätsprofessor 
berichtet: „Ich bin zum Coitus mit dem andern Geschlecht 
ohne besondere Vorstellungen und Kniffe fähig, habe 
keinen Widerwillen dagegen, aber auch keinen Genuß 
davon.* Ein Fabrikant schreibt: „Hätte ich vorher die 
über die Homosexualität aufklärende Lektüre gekannt, 
ich hätte nicht das Unglück der Ehe über mich herein- 
gebracht. Es war gewissermaßen ein Verzweiflungsakt 
in dem törichten Wahn, ich könnte mich doch vielleicht 
ändern; ich habe mich aber nur doppelt unglücklich ge- 
macht und leider noch dazu eine gute Frau, die ein 
anderes Glück verdient hätte, als einen Urning zum 
Manne zu haben. Der Akt ist möglich, ich bringe es 
zur Ejakulation, aber ganz ohne Wonnegefühl und bin 
nachher sehr angegriffen. Mir bei dem mir widersprechenden 
Verkehr eine edle Jünglingsgestalt vorzustellen, bringe 
ich nicht fertig." Ein Offizier teilt mit: „Ich habe viele 
Bordells besucht, und mit Erfolg, d. h. ich blamierte mich 
nicht. Ich sagte den Damen immer, daß sie bald wieder 
einen ordentlichen Lebenswandel führen sollten und sie 
versicherten mir noch nie einen solchen braven Herrn 
gesehen zu haben. Vor dem Beginn habe ich meistens 
gezittert, aber es galt meinen guten Ruf zu erhalten und 
nachher triumphierte ich wie ein Feldherr nach ge- 
wonnener Schlacht.* Ein Dolmetscher gibt an: „Ich habe 
auch viel mit W r eibern verkehrt, aber nur im angetrunkenen 
Zustand/ Ein Arbeiter, der Frau und Kinder hat, gibt 
folgende Schilderung: „Ich führe den Beischlaf aus, aber 




mit größtem Widerwillen und fü 
Sterben unglücklich; am liebsten mc 
darauf den Akt mit einem Manne 
Ein Jurist antwortet: „Ich gehe se! 
zwei bis drei Wochen ins Bordell, 
als Dirnen habe ich nie verkehrt. 
Mädchen gefallen mir wohl, aber da 
intensiver anzieht und ich nach den| 
Weibe mich nach männlicher Umarrr^ 
ich mir nicht die Mühe, mich den lal 
zu unterziehen, die nötig sind, Mädchel 
sind, zu gewinnen. Sentimentale Liebe 
von einer Tanzstundenschwärmerei i 
für Frauen nie empfunden, für Männ< 
letzten zehn Jahren drei heftige Leidj 
Kaufmann erwidert: „Ich kann mit Fr* 
ausüben, aber nur durch den Gedanken' 
mir das Weib besessen hat." Ein junger 
erzählt: „Als ich siebzehn Jahre alt w! 
gleichaltrigen Kollegen Verhältnisse 
schafften, nahm ich mir auch mein Mädc 
meines eigenartigen Wesens nicht bewuß 
mir selbstverständlich, daß ich mir auch 
eine Frau anschaffen mußte. Beim Gesch! 
der sinnliche Reiz stets durch psychische! 
geführt werden. Nachher war ich durch 1 
strengung sehr abgespannt und ich schwuil 
wieder auf derartiges einzulassen. Ich fühlt 
zu einem Verwandten sehr hingezogen. \ 
Ältere und bei den Weibern Einflußreiche 
ihn immer die Mädchen beschwatzen und 
oft nach einander den Akt vollführt. Die 
seines heißen Temperamentes reizte mich bis 5 
und war mir dann die Ausführung des ^ 
leichtes." Ein anonymer Briefschreiber m 



Verkehr ejakulieren können. Per^ 
Zeichen der Verliebtheit einmal vo^ 
Mal vom Manne gefesselt werden -4 
Bisexuelle — habe ich nicht ermitteln! 
scheint mir noch ein annähernd gleid 
für beide Geschlechter bei Fetischistj 
Sadisten vorzukommen. So kenne 1 
schisten, der fast in gleicher Weise zu h 
neigt und eine Sadistin, die feminine ^ 
peinigt, wie normale Mädchen. In so^ 
Perversion als solche so vorherrschend,! 
ein bestimmtes Geschlecht hinwegzusi 
Perversion hebt dann die Inversion auf. \ 
man wohl bei den sexuellen Zwischenstt 
der Bisexualität für naheliegend anseht 
Vereinigung männlicher und weiblicher 1 
rücksichtigt, die beide nach einer ge\i 
streben. Anderseits ist aber zu bede^ 
einzelne Geschlechtscharakter, zu denen d\ 
lieh der Geschlechtstrieb gehört, sich 
männlicher oder weiblicher Eichtung ges ] 
die einfach auftretenden, sondern auch die b- 
wie die Keimdrüsen. Baraus könnte m\ 
das auch für das sexuelle Triebzentrum der! 
falls halte ich einen ausgesprochenen u 
Trieb zu beiden Geschlechtern für unwahrsj 
wiederhole ich, daß ich in dieser Frage ein \ 
Urteil noch nicht abgeben möchte. \ 

Viele H.-S. halten sich fiir bisexuell^ 
einer „grande passion" befallen werden, a^ 
Unterschied zwischen „lieb haben" und „lii 
werden. Ich erinnere an den obengeschildei 
Oberlehrers. Es wurde bereits darauf hing 
schwer die Selbsterkenntnis des urnischen See 
ist, von dem man garnichts oder doch nur 



— 42 — 

teiliges gehört hat. Selbst wenn die Erkenntnis allmählich 
aufdämmert, sträubt sieh bei den meisten der Verstand 
mit aller Kraft gegen das Gefühl. Mehr wie einmal habe 
ich aus körperlichen und geistigen Stigmen die Früh- 
diagnose der Homosexualität stellen können, bei Personen, 
die über ihre urnische Natur keine Ahnung hatten; spätere 
Tatsachen bestätigten die Richtigkeit der Diagnose. So 
fällt mir ein Herr ein, mit dem ich vielfach auf Gesell- 
schaften zusammentraf. Einmal erzählte er mir von einem 
uns beiden bekannten Selbstmörder und fügte ziemlich 
wegwerfend hinzu „er soll mit Männern geschlechtlichen 
Umgang gehabt haben." Ich konnte mich nicht enthalten, 
ihm zu erwidern: „Wissen sie wer ebenso empfindet? 
Sie selbst ; Ihre keusche Kameradschaftlichkeit dem Weibe 
gegenüber, Ihre langjährige so starke Schwärmerei für 
den Bildhauer X., Ihre weiblichen Charaktereigenschafben 
und Bewegungen, Ihre Kunstfertigkeit die berühmte 
Sängerin X. in Stimme und Haltung zu kopieren, sagen 
genug." Er wies meine Annahme in breiten Auseinander- 
setzungen mit großer Entschiedenheit zurück. Nach 
längerer Zeit sah ich ihn wieder, glücklich über die endlich 
erlangte Klarheit und innere Buhe, die im Anschluß an 
ineinen berechtigten Hinweis bei ihm eingetreten waren. 
Ist es schon schwierig, über die eigene Natur ein 
richtiges Urteil zu gewinnen, so schwer, daß manche 
Unglückliche sich ihr ganzes Leben schuldig fühlen, ohne 
es zu sein, so nimmt die Schwierigkeit noch zu, wenn es 
sich darum handelt, die Ursachen eines von der Norm 
abweichenden Seelenzustandes richtig zu bewerten. Jeder 
Arzt weiß, wie unzuverlässig die Angaben eines Patienten 
über den Grund eines körperlichen Leidens sind, wie oft 
für ererbte und bazilläre Krankheiten, beispielsweise 
tuberkulöse, ein Trauma, eine Erkältung, Anstrengung oder 
Aufregung als Ursache angegeben werden, während wir 
doch genau wissen, daß keiner dieser Anlässe eine causa 




43 — 



sufficiens abgeben kann, daß die Hs 
da sein muß. Ist das schon auf 
möglich, wie viel mehr auf geistig^ 
nervöse und psychische Störungen 
Anlage, sondern stets auf äußere 
Selbstverständlich wird daher ein gesc} 
hafter Arzt alle Angaben seiner KU 
vergleichend würdigen müssen. Eil 
gläubigkeit vorzuwerfen, wie es in dei 
Sexualität wiederholt geschehen ist, hej 
losigkeit zeihen, und das bedeutet ein arge 
in Bezug auf seine fachliche Tüchtigkei 
es aber auch, die Homosexuellen für ve^ 
Schrenck-Notzing *) meinte, daß „ die Seil 
Urninge nur mit großer Eeserve zu berüi 
Nur in einem mißt dieser Autor ihren! 
Glauben bei, nämlich in dem, was sie ül 
der Hypnose berichten, trotzdem es docl 
oft gerade Hypnotisierte dem um sie bei 
complaisance" die Unwahrheit sagen. 
Schrenck und Cramer 2 ) nur unbewußte! 
unter dem Einfluß diesbezüglicher Leki 
geht Bloch 8 ) bedeuten^Kweiter, er spricht 
Täuschungen und Fälschungen, die siel 
in ihren Autobiographieen zu schulden 
„Die kritiklosen Theorien eines Ulrichs," sl 
„wurden von vielen Urningen für Wahrh( 
und auf den eigenen Zustand übertragen." \ 
späteren Stelle 4 ) fügt er hinzu „Ulrichs Schi 



*) A. a. 0. S. 195. 

2 ) A. Cramw. Die konträre Sexualempfinduni 
Ziehungen zum § 175 des R.-Str.-G.-B. Berliner klin^ 
1897. N. 43. Seite 964. 

3 ) A. a. 0, S. 13. 

4 ) A. a. 0. S. 198. 



— 45 — I 

1 

Urning. Mit großer Entschieden hei 
Ebing den so bequemen Einwurf \ 
worden" zurückgewiesen *). Neuerdin| 
auf diese Beschuldigung eingegangen 
Behauptung, diese Leute lögen oder i 
etwas weiß, ist nicht haltbar, denn! 
und da zutrifft, bleiben so viele unanti 
übrig, daß an der Ursprünglichkeit, 
Dauer der abnormen Gefühle nicht zu 
möchten gegenüber dem schweren Vor 
die Homosexuellen noch hervorhebe^ 
Übereinstimmung zahlloser Anamnesen ^ 
Stände, namentlich auch von urnischen \ 
ein Buch über den Gegenstand gelesen 1 
haftigkeit des Gesagten über allen Zwei^ 
daß diese Angaben in einer sehr großen 
von den Angehörigen, Vätern, Müttern! 
bestätigt wurden, — erst vor kurzem k\ 
ein protestantischer Geistlicher mit einem \ 
der ebenfalls Theologie studierte und sagt 
Anfang an anders, wie meine 5 anderen So! 
rühren die Mitteilungen oft genug von Uni 
sich nie in ihrem Leben homosexuell betätigt 
unantastbarer Integrität, für die auch nicht 
Grund besteht, die Unwahrheit zu reden. ' 
den vielen uns zur Verfügung stehenden Selb, 
nur eine einzige im Anhang wiedergegeben, 
einem ganz einfachen Arbeiter her, ist 
orthographisch richtig geschrieben, aber für 4 
dessen, was dieser schlichte Mann aussagt, st 
wenn es überhaupt noch Treue und Glauben! 

*) In der Schrift „über sexuelle Perversionen* ' bi 
Schwarzenberg. 1901. Seite 130. 

2 ) Dr. P. J. Möbius in Leipzig. Geschlecht mi 
bei Marhold in Halle 1903. S. 30. ' 



— 46 — 

lese dieses Lebensbild, wo kann da von einem Variations- 
bedürfnis, von Reizhunger, der leichten Beeinflußbarkeit 
des Geschlechtstriebes durch äußere Einwirkungen, von 
Suggestion, Nachahmung oder choc fortuit die Rede sein ? 
Enthält nicht allein diese eine Biographie eine ganz 
furchtbare Anklage gegen die Wachenfeld und Bloch, 
welche in einer so wichtigen Frage vom grünen Tisch 
ihr Urteil fällen, ohne die, welche sie richten, gesehen, 
gehört, beobachtet und untersucht zu haben? 

Es genügt natürlich nicht, die Lebensgeschichte der 
H.-S. zu durchforschen, sondern ein jahrelanges Beob- 
achten vieler Urninge aller Altersstufen und Stände, 
ihrer Lebensäußerungen und Lebensgewohnheiten ist not- 
wendig, um sich über die Gesamtpersönlichkeit ein Urteil 
bilden zu können. Diese Aufgabe wird dadurch er- 
schwert, daß vielen Urningen nach Lage der Verhält- 
nisse durch Selbsterziehung und Gewohnheit manches 
zur , zweiten Natur" wird, was ihnen ursprünglich nicht 
zukommt. Man wird bei der psychologischen Erkenntnis 
nicht nur auf positive Äußerungen zu achten haben, sondern 
auch auf negative Züge, so ist beispielsweise bei manchen 
Uraniern die sexuelle Negierung des anderen Geschlechts 
viel vorherrschender, als die durch intensive Geistes- 
tätigkeit abgelenkte oder zum Schweigen gebrachte posi- 
tive Neigung zum gleichen Geschlecht. 

Sehr wesentlich wird die Exploration und Beob- 
achtung unterstützt durch die Körperuntersuchung mög- 
lichst zahlreicher Zwischenstufen aller Art. Den Sektionen 
H.-S. können wir hingegen vorderhand noch keine so 
hohe Bedeutung beimessen, solange das sexuelle Centrum 
im Gehirn noch nicht ermittelt und wir über die Ge- 
schlechtsunterschiede zwischen männlichen und weiblichen 
Gehirnen noch so wenig unterrichtet sind. Der von 
Rüdinger gefundene und neuerdings von Waldeyer be- 
stätigte Satz, daß die Windungen des Stirn- und Schläfen- 




lappens beim Weibe schwächer entwii 
Manne stützt sich auf ein zu geringe! 
als daß er eine Grundlage für die \ 
suchung urnischer Leichen abgeben 
wie die Geschlechtsunterschiede im 
wir später noch eingehender, zurückkc 

Wir sind mit den angegebenen 
der Lage, sofern nur eine genügende 
beobachtungen vorliegt, ausreichende 
wir werden als Endergebnis dieser Objel 
sicheren Beweis erbringen können, da 
und das gleichgeschlechtliche Empfinder 
Sexualität niemals durch äußere Ursach^ 
anerzogen, sondern stets angeboren 



I. Das urnische Kinc 

Für das Angeborensein einer Eigens« 
hohem Maße bezeichnend, wenn dieselbe, 
innerung reicht, nachweisbar ist. Berei 
der große französische Psychiater, welcher! 
Sexualempfindung noch zu den Geistesstörul 
arteten zählt, sagt: 1 ) „Sie zeigt sich oft sei 
Jugend und gerade das ist charakteristisch ; 1 
deutlicher für die ererbte Beschaffenheit diesl 
als ihr frühzeitiges Auftreten." Und zwei \ 
bemerkt derselbe in einer anderen Vorlesung: \ 
sich bei dem Zustand, den Westphal kontri 
empfindung nannte und Charcot und ich als \ 
des geschlechtlichen Empfindens (inversion du sl 

*) Psychiatrische Vorlesungen, IL/HL Heft übersetz^ 
Leipzig bei Thieme 1892 in der II. aus dem Jahre 1887 \ 
Vorlesung Seite 26 und in der III. über geschlech^ 
weichungen und Verkehrungen vom Januar 1885, 




Ta,e,, -^c hf . sexue „ e 

(le,p »*- Verla« von Max Spoi 




Willibald von Sadler-Grüi 

in verschiedenen Trachten. 



— 49 — 

rnais einzusehen, daß ich anders geartet war/1 
nischer Chemiker, der sich noch nie in seinem j 
^tätigte, berichtet: „Ich war als Kind sehr artij 
abe im Gegensatz zu meinen Brüdern von meinen ] 
ie Prügel bekommen. Onanie ist mir unbekannt.; 
bilden Knabenspiele waren mir zuwider, ich schloß 
ait Vorliebe an Mädchen an und hatte deswegen! 
Meckerei und Spott zu erdulden; das waj 
sehr unangenehm, doch konnte ich nicht dagegej 
Ich liebte zu nähen, zu stricken, beim Kochen und Bä 
zu helfen und mich mit Bändern wie ein kleines Mä^ 
zu schmücken. Es ist mir jetzt immer sehr peic 
wenn diese Jugenderinnerungen von Angehörigen aij 
kramt werden." Andere Mitteilungen von Urningen laij 
„Im Kadettenkorps hieß ich die keusche Jungfrau." j 
der Schule nannte man mich allgemein Fräulein." ] 
ich 13 Jahre alt war, sagte unser Hausarzt, ich sei 1 
Kerl, sondern ein hysterisches Frauenzimmer." „IVJ 
Vater rief mich Wilhelmine." „In der Tanzstunde nanij 
mich die Damen: Willy mit den Mädchenaugen." „Sej 
zu Hause, wie später in der vornehmen Gesellschaft fül 
ich den Spitznamen: Die Baronesse." „Wenn ich eii 
Stein in die Luft warf, sagten die Jugendgespielen: | 
Widdigs Jong wirft grad wie ein Mädchen." „Mel 
Mutter sagte oft von mir, er ist meine kleine Tocht^ 
„Von mir und meiner ältesten Schwester hieß es st^ 
wir seien verwechselt worden." „Man meinte stets, mei 
Schwester hätte der Junge und ich das Mädel werd 
sollen." „Als Kind schon hieß ich Mademoiselle." „J 
Hause nannte man mich den Träumer." „Als ich kiel 
war kämmte man mir die Haare ins Gesicht und freu! 
sich: der Junge sieht wie eine kleines Mädchen aus." A 
wurde oft gesagt, er ist kein Junge." „Meine Stiefmuttj 
meinte: er ersetzt mir mehr als eine Tochter." Urniscl 
I Damen berichten: „So lange ich denken kann, wurde ic 

Jahrbuch V. 4 



— so - 



boy genannt". Eine andere: »Schon tU K 
mit Vorliebe Mütze und Rock meine* Vat 
auf die höchsten Bäume und wurdt* initiier »hi 
< >ft nutzen die Angehörigen dif Wrunlug 
Kinder aus. Die Väter fühlen «ich zu urni*c 
besonders hingezogen — man denke an da 
lichkeit fein abgelmuolita Verhältnis * wisch 
Kramer und seiner Tochter Michaeli na in Ger 
mann- Michael Krämer — die Mütter hin 
besonders ihre u mischen Sohne, welche 
allerlei häuslichen Beschilft igungen, wie Be 
der Geschwister, verwenden. Man glaube n 
erat durch die Erziehung diese femininen 
Eigenschaften hervorgerufen werden , hei 
umischen Knaben würde die Mutter übe 
solche Verwendung versuchen* Auch hie 
Beispiele, „Meine neue Mama — schreibt 
ließ sich die Vorzüge meiner angeborenen 1\ 
wohl gefallen, ich verstand im Haushalt alle; 
sie sich um nichts zu kümmern brauchte, i 
lagen vollendet bereit zu jeder Gelegen hei 
das Haar wurde frisiert, die Flute auf dt 
garniert-, die "Wirtschaft besorgt, Menüs beste 
wacht, eigenhändig die Tafel dekoriert, u 
dann zu den Gästen in den Salon, hieß 
geringem Erstaunen der Anwesenden: „So je 
Tochter fertig, uun kann der Sohn uns etwa 
Gute Alte, ich höre sie noch und habe sie 
ich ihr aber letztes Jahr die Augen offne 
Tochterschaft ihres vermeintlichen Sohnes, litt 
sie sehr, leider vergeblich," Eiu junger Lern 
n Sobald ich dem Schulzimmer entflohen war 
meinen Freundinnen; ich galt überhaupt h\ 
und Lehrern als Musterknabe* Meine Mutl 
mich zu ihren Geschäftsgängen mitzunehmei 




1 
— 51 — \ 

\ 

mich dann bei Einkäufen, wie mir\ 
gefiele. Bei jedem neuen Hut, den \ 
kaufte, wurde ich als Modell verwan\ 
wurden die verschiedenen Damenhüt 
gesetzt und der mich am besten kl^ 
meine Mutter für sich. „Du siehst wie! 
chen aus, sagte mir meine Mutter häui 
probe, schade, daß du kein Mädel gewoi 
selbe Gewährsmann gibt noch folgende s\ 
Schilderung: „Mein Vater war Offiz^ 
Willen gemäß sollten seine drei Söhnel 
werden. Ich stand im 13. Lebensjahr! 
Kadettenkorps einberufen wurde. Von \ 
setzten habe ich nur Gutes erfahren, da\ 
recht braver Schüler war und zum Tadeln 
lassung bot. An den wilden Jugendspiele: 
mich wenig und nur auf höheren Befehl, 
waren Plauderstündchen mit gleichgesinnte: 
die wilden mied ich, eines Tages aber h 
Erfahrung machen, daß ein solch wilder 
besondere Zuneigung zu mir faßte, mich öfters! 
keiten beschenkte und mir half, wo er hei 
dabei bemerkte er, ich besäße ein so „ätherisc! 
das gefiele ihm so, er behauptete, ich duftete 
Vanille. Im Singen war ich die Säule des S< 
der Lehrer sich ausdrückte, und als in der 
stunde Schillers Jungfrau von Orleans mit 
Rollen gelesen werden sollte, und es sich u 
Setzung der Jeanne d'Are handelte, da war m 
keinen Augenblick im Zweifel und übertrug di< 
unter allgemeiner Akklamation der Kameraden, 
ab behielt ich im Korps den Titel: „Jungi 
Orleans" oder auch „ Fräulein Johanna." 14 Die 
der normalsexuellen für den urnischen Mitschüler 
weibliche Grundnatur sie instinctiv herausfühlen, 






— 52 — 

charakteristisch; so berichtet ein anderer Offizier, d«-r auf 
einer Ritterakademie erzogen wurde, daß, als er 13 Jahr«* 
alt war, fast alle älteren Knaben in ihn verliebt waren. 

Mit der Märchenhaftigkeit hängt es auch ziisumim-ii, 
daß urnische Knaben oft eine sehr große Ähnlichkeit mit 
der Mutter haben, bei manchen wird auch die auffallend«' 
Übereinstimmung mit der Großmutter hervorgehoben. 
Doch ist beides durchaus nicht durchgängig der Fall, viel- 
mehr zeigt die Erfahrung, daß ebenso wie die männlichen 
und weiblichen auch die urnischen Kinder körperlieh und 
geistig unter dem Einfluß der gemischten und latenten 
Vererbung stehen. Viele scheinen in der Jugend mehr 
der Mutter, später mehr dem Vater zu gleichen. 

Von manchen Seiten, besonders von Tarnowsky, ist 
vorgeschlagen, Knaben, welche zu weiblichen Beschäfti- 
gungen neigen, recht zu verspotten, um so der Ent Wicke- 
lung homosexueller Triebe vorzubeugen. Es heißt die 
Macht der Erziehung weit überschätzen, wenn man an- 
nimmt, daß eine so tief in der Persönlichkeit wurzelnde 
Triebkraft dadurch nennenswert beeinflußt werden könnte. 
Wir halten diese prophylaktische Maßnahme nicht nur 
für wirkungslos, sondern auch für verhängnisvoll, weil sie 
geeignet ist, das ohnehin schüchterne, empfindsame, zum 
Weinen geneigte urnische Kind noch zaghafter und scheuer 
zu machen. Diese Kleinen spüren es instinktiv, daß sie 
eigentlich weder zu den Knaben, noch zu den Mädchen 
gehören, ihr Selbstvertrauen leidet unter diesem Zwiespalt, 
sie nehmen alles tiefer und ernster wie die gleichaltrigen 
Kameraden. Unter den jugendlichen Selbstmördern, die 
sich wegen gekränkten Ehrgeizes ein Leid antun, befinden 
sich gewiß relativ viel urnische Knaben. Eine wohl- 
bedachte Erziehung sollte das psychologische Erfassen der 
Kindesseele zur Grundlage haben, sie sollte individuali- 
sieren, indem sie die vorhandenen guten Keime in die 
rechten Bahnen leitet, die schlechten Anlagen liebevoll 




— 53 — \ 

hemmt. Statt dessen wird in völligel 
Kindesnatur von Eltern und Lehrern ni 
siert. Gerade die urnische Kindesseele, \ 
deutlich von der Knabenseele durch eine d 
tat, von der Mädchehseele durch stärke 
unterscheidet, enthält viele Keime, deren! 
sich außerordentlich verlohnen würde. \ 
Die meist in hohem Maße vorhande\ 
f ähigung urnischer Kinder wird durch eine gel 
heit und Verträumtheit, oft auch durcß 
infolge allzureger Phantasie wesentlich beeinl 
kommen die meisten recht gut in der Sch\ 
besondere Vorliebe besteht für schöngei^ 
namentlich Literatur, für Geschichte und\ 
Musik und Zeichen, etwas weniger für Sprac\ 
zeigen sich von 100 urnischen Kindern 90 ii 
schwach für Mathematik veranlagt. Merkwüri 
es demgegenüber, daß von den übrig bleibl 
jedoch 4 eine weit über dem Durchschnitt stehe 
matische Befähigung aufweisen. So schreibt eil 
Ingenieur: „Ich habe auf dem Fragebogen meiii, 
Fähigkeiten als „ hervorragend " bezeichnet, deni 
ohne Überhebung sagen, daß ich als Knabe d^ 
schnittsmaß sicherlich ganz erheblich überragte. \ 
vor allen Dingen als guter Rechner und Math, 
bekannt und von den Kameraden war meine ß 
ihren Arbeiten stark gesucht. Vokabeln lernte ich \ 
leicht. Zu Hause zu arbeiten, hatte ich überhaui 
nötig, ich lernte alles bei der ersten Durchnahme 
Schule. Das sogenannte Präparieren und Rep 
kannte ich überhaupt nicht, ich extemporierte st\ 
es sich um lateinische, griechische, französisch ei 
englische Klassiker handelte. In Mathematik übern 
ich meine Lehrer häufig durch rasche, elegante L 
der Konstruktionsaufgaben und fand ein großes Vergn 



— 54 — 






daran, meine Lehrer selbst gelegentlich J 
Den Primusplatz hatte ich bis in die <> 
Urne.** Wim die übrigen Flfclicr iinhrhingt. 
die Reifezeit herum bei uro lachen Kmthcn 
religiöse Schwärmerei» zum Turnen nmng 
Muskelkraft und Mut, doch wird «I 
Geschicklichkeit, üslheti&ehcs Wohlgefallen 
liehen Übungen der Mitwirkenden und 1 
nachzutun, ausgeglichen. 

Das [nUrflMI für den r«terricht«ge| 
bei vielen im engsten Zusammenhang mit i 
Lehrers, Die Verehrung urniseher Knalu 
Lehrer, diejenige uniischer Mädchen I 
Lehrerinnen und Erzieh erinneo tragt oft 
hochgradiger Schwärmerei. Daneben geh 
Zurückhaltung vor den Übrigen MitsehüU 
heftige Zuneigung zu eiucm Kameraden, ch 
typus besonders reizt; vielfach ist derse 
anderen Klasse oder Schule. Masturbiert 
Junge, was häufig der Fall ist, so gesc 
Phantasiegebilde oder unter Yorstelluri 
Personen, manche haben Abneigung vor sol 
Hang zu mutueller Onanie. Im Traum spi 
dem Erwachen des eigentlichen Geschlechts! 
Kameraden eine grotie Rolle. Ein Urning 
„Es bestanden schon sehr frühe seh wärm eri> 
gleichgeschlechtliche Empfindungen, eine li 
liebe hatte ich für schone Ministranten i 
mit 8, 9 Jahren. Ich konnte mich nicht 
sehen, im Traume setnvebten sie mir wied 
vor/ Die leidenschaftliche Zuneigung un: 
für Personen desselben Geschlechts ist von 
schaft liehen Verhältnissen normaler Knabe, 
einen erotischen Beigeschmack haben , w 
schieden, Indem es sich bei letzteren oft 



— 55 — 

\ 

starken Freundschaftsenthusiasmus, oft 
tive Herausfühlen des Ändersgeschlech 
haften im TJrningsknaben, oder auch um 
Manipulationen handelt. Ich halte die\ 
Professor Dessoir vertretene Auffassung,! 
bische Geschlechtstrieb undifferenziert is 
für richtig, als er nach der Reife erst klarer 
tritt. Wie alle Geschlechtszeichen bereits! 
faltung latent einen bestimmten Charakter! 
der Trieb. Nur so sind die vom heterosö, 
sichtlich abweichenden Ereignisse zu vers^ 
im Urningskinde abspielen, von denen icl 
recht anschauliche Belege geben will; diei 
Schilderungen rühren von Edelleuten, die viel 
Kaufmann her. 

1. Als Kind lebte ich in Märchenphantasieet 
häufig Schelte, weil ich mir mit den Spielsachen mej 
lieber zu schaffen machte, als mit Peitsche, Schau 1 
Zinnsoldaten. 1870 — ich war 8 Jahre — kam ein\ 
inspektor zu uns, der mich völlig bezauberte. Ich s 
Mann bei Tische so unablässig an, daß mein Vater ; 
was ich an ihm habe, worauf ich erwiderte, sein rt 
gefiele mir über alles. Verabschiedete sich dieser Heri 
von meinen Eltern, lief ich ihm auf den Korridor \ 
nach und erbettelte einen Kuß von ihm. Hatte ich eiE 
erlangt, drückte ich diesen Kuß in meine Linke, ballte 
Faust und nahm den Kuß so mit zu Bett, um in der 1 
die Hand immer wieder zu küssen, bis ich einschlief. S 
ich es auch, den Inspektor Sonntags in seinem Zimme 
suchen und, wenn er auf dem Sofa lag, mich neben ih 
strecken. 

2. Ich haßte Knaben und Knabenspiele; das größt 
war mir und meiner um 1 1 / 2 Jahr jüngeren Schweste 
gegenseitiges, überaus inniges Verhältnis. Wir waren beid 
all die Lieblinge, sie brünett, graziös und energisch, ich 
sinnend, träumerisch, am glücklichsten waren wir ohne 
Menschen. Meine Schwester war mein alter ego, wahrem 
13 Jahre älterer Bruder, ein sehr schöner Mann, mein lOjä 



— 56 



El 



reine«, unschuldiges Herx furchtbar verwirrte. Ich habe ihn tm-it 
mehr seiner Schönheit, als seiner guten Eigenschaften weg«*n an- 
gebetet. Dabei wurde ich äußerlich immer schroff «*r gegt-n ilm. 
Mit 10 Jahren weinte ich eine ganze Nacht, als ich mich in »••in»T 
mir schaurig-süßen Gegenwart zur Ruhe habe begeben iuii«««-n. 
Ich empfand ein Schamgefühl, wie ich es in Vaters, Mutter» im<l 
Schwester« Gegenwart nicht kannte. Ich erinnere mich irniau, 
daß im 6. oder 7. Jahr vorübergehend meines Bruders Schönheit 
mir wie ein geoffenbartes Mysterium durch Mark und Bein zitterte. 
Klar und bewußt, natürlich als tiefstes Geheimnis zumal vor ihm, 
habe ich ihn vom 10. bis 15. Jahr angebetet, am höchsten stand 
diese Verehrung vom 10. bis 12. Jahr, als er sich verheiratet«*. 
Ich war totunglttcklich, daß er uns dadurch ferner rückte und 
empfand es als etwas Entsetzliches, daß er, wie ich glaubte, nun 
seine Jungfräulichkeit einbüßte. 

3. Ich bin auf dem Lande unter denkbar günstigen Verhiilt- 
nissen aufgewachsen als achtes Kind unter neun (Jeschw intern, 
von denen eine Schwester früh am Scharlach starb, zwei erlaben 
der Schwindsucht während ihrer Brautzeit Erwiesenermaßen int 
die Krankheit vom Bräutigam erst auf die eine, dann auf die 
andere übertragen worden. Dies sind die einzigen Fülle von 
Lungenschwindsucht, die überhaupt in unserer Familie vorge- 
kommen. Meine Brüder und meine übrigen Geschwister sind <1.im 
Bild der Gesundheit, wie ich selber. Von Kinderkrankheiten hatte 
ich nur Masern und Keuchhusten, neigte aber bei den geringsten 
Erkältungen sehr leicht zu Fieber, was sich aber seit meinem 
zehnten und elften Jahre gänzlich gegeben hat. 

Das Entzücken meiner Kindheit war das Puppenspiel. Mit 
ausschweifendster Phantasie begabt, zeichnete und schrieb ich, so 
gut als ich es damals vermochte, Modejournale für meine Lieb- 
linge. Ich erfand zum Entsetzen meiner jüngsten Schwester, 
meiner Spielgefährtin, die abnormsten Kostüme, meist Schlepp- 
gewänder aus zarten, durchsichtigen Stoffen und Schleiern; insze- 
nierte Tauf- Sterbe- und Heiratszenen, ich hielt Reden, bei denen 
ich mich selber zu Tränen rührte. 

Ich lernte sehr rasch und leicht, hatte aber ein schlechtes 
Gedächtnis für Zahlen, während ich frühzeitig Liebe und Talent 
für lebende Sprachen entwickelte, bei deren Erlernung sich stets 
mein Gedächtnis als treu und fest erwies. Mit ziemlichem Wider- 
willen dagegen betrieb ich Griechisch und Lateinisch. Mathematik 
ist stets meine größte Schwäche gewesen, und bin ich darin, 




trotzdem ich seinerzeit die Abiturientenpri 
bestanden, unglaublich unwissend. \ 

Früh hatte ich ein leidenschaftliches Ve| 
stellerisch tätig zu sein. Mit acht Jahren v\ 
spiel, das als Kuriosum noch bis heute in uns 
blieb. Ohne je einen Roman gelesen zu habt 
ein halbes Dutzend so betitelter Sachen in mei 
und zwölften Jahre. Ich habe einiges davon a 
manchmal noch mit stiller Freude gewisse Ste; 
absoluter Unkenntnis des sexuellen Lebens ge\\ 
denn unter anderem ein Paar Zwillinge über 1 
Vaters zur Welt kommen. Am Morgen beme^ 
die Überraschung, und beeilt sich, der ahnung^ 
Freudenbotschaft zu überbringen. \ 

Da es mir verboten war, andere Sprachei 
Schule gelehrten zu betreiben, so verfaßte ich heil 
erfundene Sprache mit besonderen Buchstaben. . 
eigene Grammatik, in der Regeln mit den ungehe 
nahmen vorherrschend waren; ich verfaßte Üb^ 
Lexika. Ein Resultat der Stunden der physikalisch 
waren eigens gezeichnete, gemalte und geschriebi 
unseren Buchten und inselreichen Seen, zu einer Z\ 
das Wasser als Land und das Land als Wasser a 
schrieb sogar eine Geschichte der damals dort le^ 
und deren tragischen Untergang infolge vulkanisch* 
welche dann schließlich die heutige Gestalt der Erdt 
Folge hatten. 

Die ersten noch unbewußten Regungen des h\ 
Lebens fallen etwa ins zehnte und elfte Jahr. Wir 
Kutscher, einen schönen und kräftig gebauten M 
dunkelm, langem Schnurrbart. Es machte mir stets 
um ihn zu sein und ihn in seinen hohen Stiefeln, Led 
Livreerook oder Winters in seinem russischen Sd 
betrachten. Ich hatte schließlich das unwiderstehliche 
ihn zu umarmen, da das aber schwer anging, so schlicl 
öfters, wenn ich ihn bei der Arbeit wußte, in seine 
schlüpfte in seine riesigen Stiefel, hing seinen Rock odi 
mich und hatte ein Gefühl des seligsten Wohlbeha| 
drückte die Kleidungsstücke fest und krampfhaft an n 
der Geruch der Lederstiefel und der ledernen Hosen, w 
auf meinem Schoß hielt und öfters an mich drückte, vt 
mit dem Gedanken an den schönen groß gebauten Kutsc 



— 58 — 






ich mir dachte, indem ich die Kleidungsstücke an meinem K«»r|»«-r 
befühlte, verursachten mir heftige Erektionen, über die ich j«-«it-w- 
mal, ohne mir bewußt in sein infolge wovon sie entstanden, ent- 
setzt war, da ich sie für eine krankhafte Erscheinung hielt. — 
Eines Tages, nach reiflichem Hin- und Herdenken, wußte ich mit 
Hilfe meiner Kameraden, Knaben, die mit mir erzogen wur<l«*u. 
eine Szene ins Werk tu setzen, bei welcher der Kutscher veran- 
laßt wurde, mich zu sich emporzuheben. Diese fielegmhHt 
benutzte ich nun, da meine Kameraden mich ihm entreißen wollten, 
meine Wange an sein bärtiges Gesicht zu legen, meinen Arm um 
seinen Nacken zu schlingen und meine Beine fest an seinen Körper 
zu pressen. Ich schloß die Augen und verspürte ein Gefühl 
schwindelnder Wonne. 

Im Sommer pflegten wir ein Haus am Strande zu beziehen. 
Dicht an der Veranda, zwischen Haus und Meer, führte eine 
Straße vorbei, auf welcher zu gewissen Stunden die Strom lan- 
darmen vorbei patroullierten. — — Ich fühlte mich sofort zu 
den strammen Kerlen mit hohen Stiefeln, straffer Uniform und 
gebräunten Gesichtern mit flottem Schnurrbart, hingezogen. Bald 
konzentrierte sich all mein Denken auf sie. Abends im Bett, vor 
dem Einschlafen, malte ich mir die ungeheuerlichsten Szenen mim: 
Es klopft ans Fenster, ich öffne neugierig, da langt plötzlich eine 
braune Hand, ein Arm herein, an dessen Ärmel ich die mili- 
tärischen Aufschläge und Knöpfe wahrnehme. Ehe ich mich 
umsehe, werde ich hinausgezogen. Unter dem militärischen Mantel 
geborgen, an der Brust eines Mannes liegend, den ich fest, fest 
umklammere, so daß ich mein und sein Herz zusammen schlagen 
höre, werde ich eilenden Schrittes davongetragen. Dazu höre ich 
den Säbel klirren, empfinde den festen Tritt der derben Stiefel 
und den Ledergeruch, den sie ausströmen. In eine Hütte tief 
im Walde bringt mich der Gendarm, er legt mich in «ein Bett, 
küßt mich und legt sich dann mir zur Seite, ich klammere mich 

fest an ihn — und bin endlos glücklich, selig. Resultat 

dieser Phantasien waren die Träume, in denen sie fortgesponnen 
wurden, wobei ieh zum erstenmal Pollutionen hatte, bei denen ich 
stets erwachte und entsetzt war über die merkwürdige Erschei- 
nung, die ich für eine Krankheit hielt. 

Schließlich verspürte ich ein riesiges Verlangen, diese Phan- 
tasien zu verwirklichen. — Abends wenn es bereits dämmerte, 
versteckte ich mich im Walde hinter einen Busch an der StraUe 
auf welcher der Gendarm vorbei kommen mußte. Wie klopfte 
mein Herz, wenn ich seine Schritte hörte Oft ging er so nahe 



— 59 — 

vorbei, daß ich nur meine Hand hätte a 
um seine Füße zu berühren — aber ich tat 
in einer Art Starrkrampf lag ich da, mit gei 
der Hoffnung, er würde mich entdecken, unter! 
und mit mir davon gehen — wie im Traumj 
unendlichen Kummer nie geschah, gab ich 
suche schließlich auf und tröstete mich in 
Meinen Angehörigen teilte ich nie etwas vi 
und Gefühlen mit — nicht weil ich etw 
glaubte, aber doch wohl, weil ich mir schon 
werde bewußt gewesen sein, etwas zu empi 

selber verständlich war. 

Ein anderes Erlebnis steht lebhaft in 
Es ist ein wolkenloser, sonnig klarer Herbstti 
ist geschnitten und liegt in schimmernden Garfi 
pelfelde. Das Laub der Bäume in den Alleen A 
mert gelblich, rötlich, und in der Ferne, voml 
bis in die hellsten Schattierungen des Blau, dei 
sich verlierend, die endlosen Wälder meiner Heim 
sind auf der Jagd nach Feldmäusen, die wir unt 
häufen hervorscheuchen. Da ein heller, schallend^ 
aufhorchen macht — und in der Richtung, wo e| 
bhtzt und glitzert es. Die Musik wird lauter — 
und Funkeln, das auf der Landstraße näher um 
ist ein Trupp Soldaten mit blinkenden Säbeln im 
biegen sie von der Straße ab und marschieren 
die sich längst dem Felde hinzieht, auf dem wir 
Den Soldaten voran marschiert ein Offizier, der i 
in meinem Leben gesehen. — Er ist groß und kräi 
dem Schnurrbart und blauen, froh leuchtenden 
Bewegung an ihm ist Kraft und Leben und Freude 
als wäre er die lustige Militärmusik, die ich hörte,! 
der klare wolkenlose Himmel und die reine, köstlich! 
die mich umgab. Es überkommt mich ein Gefühl gro\ 
Freude, ein Gefühl edler Taten- und Schaffensfreul 
zugleich eines schrecklichen, mich erstickenden Sehn| 
ich unwillkürlich die Hände emporstrecke — und dani} 
beginne — mir selber nicht bewußt warum. — Die andei 
waren den davonmarschierenden Soldaten nachgelaufen, 
unbeachtet geblieben. — Zu Hause angekommen, erfut 
der Offizier unser Gast war. — Aus welcher Veranlass^ 
sich der kleine Trupp Soldaten in unsere weltentleg« 



— 60 — 

einsamkeit verirrt hatte, vermag ich heute nicht zu sagen. — -- 
Im Vorhanae entdeckte ich den Säbel und Mantel de* ofiizi» m. 
Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Silin* l zu 
befühlen, und meinen Kopf in den Mantel zu stecken, wobei mir, 
mit den peinlichsten Erektionen verbunden, deutlich die Stent» auf 
dem Felde vor Augen stand. — Bei Tisch, wo ich kaum mrine 
Augen zu erheben wagte, fesselten die strammen Beine un»«'re* 
Gastes meine Aufmerksamkeit. Ich hätte diese Beine, in <l«r 
kleidsamen Uniform sitzend, umarmen und drücken mögen. Beim 
Abschiede hängte mir der Offizier ein goldenes Kreuzcheo, an 
einer braunseidenen Schnur, um den Hals. Ich war daiiialn, wie 
wenigstens meine älteren Geschwister behaupten, ein au*nehmen<i 
hübscher Junge. — Das Geschenk machte mich selig. Man Melle 
sich daher meinen Schmerz und meine Wut vor, wie meine streng 
orthodoxe, evangelisch-lutherische Mutter mir verbot das Kreuz 
zu tragen, weil es ein nach griechisch-katholischem Muster 
geformtes war, und es mir einfach fort nahm. Ich heulte, aber 
was half es! Noch Jahre ist der Besitz dieses Kreuzes das höchste 
Ziel meiner Wünsche gewesen, ja ich ging sogar einmal mit dem 
Gedanken um, den Schreibtisch meiner Mutter zu erbrechen, um 
mich so in den Besitz des Heiligtums zu bringen. Aber die 
Jahre vergingen, und das Kreuz ist in Vergessenheit geraten. 

4. Mein Vater las und studierte viel, zum Landwirt war er 
garnicht geeignet. Störungen liebte er garnicht. Wenn wir zu 
laut wurden, und dann sein Befehl „Ruhe - bis in die Kinderstube 
drang, wurden wir sofort vor Schreck mäuschenstill. Wir mieden 
die Zimmer, in welchen er sich aufhielt, tunlichst und waren ihm 
eigentlich stets merkwürdig fremd geblieben. Um mein Seelen- 
leben hat er sich nie recht bekümmert. Mein weibliches Weaen, 
meine mädchenhaften Eigenheiten entgingen selbstverständlich 
ihm ebensowenig, wie Anderen. „Der Junge ist das richtige 
Mädel", äußerte er sich zu meinem Ärger oft Fremden gegenüber. 
Mit Zinnsoldaten spielte ich nur, weil ich als Junge doch eigent- 
lich mußte. Das war der Beginn meines Urningschicksals: im 
Leben stets Komödie spielen zu müssen, beständig etwas Anderen 
vorstellen zu müssen, als man in Wirklichkeit gern möchte. 

Am liebsten stellten meine Schwester und ich erwachsene 
Herren und Damen dar. Meiner Schwester imponierten die 
schwarzen Husarenoffiziere der Garnison, die ständige Besucher 
unseres gastlichen Elternhauses waren und sich manchmal auf 
Bällen den Scherz machten, die kleine Dame zu einer Extratour 
zu engagieren. Sie umgürtete sich mit einer Elle als Sähel, 




— ■ 61 — 

stülpte einen ausrangierten, altmodischen 
den Kppf, machte sich aus Blumendraht ei 
den Herrn Leutnant vor. — loh entlehnt« 
eine gebrauchte Küchenschürze, die ich verkl 
Schleppe zu markieren, hing mir Mamas 
setzte den Gartenhut meiner Schwester, di 
Fliederzweig oder eine dem Gärtner entwend 
zu geben suchte, kokett auf den Hinterkopf, u: 
für die „Stirnlöckchen" zu haben, und bildet 
sehr schöne und vornehme Dame zu sein, 
haben heute wieder ganz wun-der-bare Toilette^ 
dann meine Schwester, die Hacken zusamme] 
Herr Leutnant, es ist nur ein ganz einfaches 
meiner Meinung nach sehr distinguiert die Auj 
indem ich die Kattunschleppe meiner imagi 
möglichst graziös aufraffte und mir mit einem gr< 
welches den Fächer vorzustellen hatte, Ktihlun L 
ich in der Stadt zur Schule kam, fingen meine 1 
Ein nicht normal veranlagtes Kind sollte man 
Schablone erziehen. Für mich hätte ein einsicl 
lehrer ein Segen sein können. Das Gymnasium, zri 
ich fortan zählen sollte, war für mich — in den 
wenigstens — einfach eine Marter. Wenn man 
schüchternes Mädchen in eine Klasse von 40 bis 50 
steckt, wird es sich unter diesen sicher nicht behl 
und es hat doch wenigstens den Vorteil voraus, gl 
als andersartig gekennzeichnet zu sein. Ich arme, 
liehe Mädchenseele im Knabenkörper, befand mich 
inmitten eines halben Hundert derber Großstadt) ungei 
große Hoffnungen auf die Schule, angenehme Lehrei 
Mitschüler gesetzt; ich sollte gräßlich, enttäuscht we 
all den Jungen hätte ich nicht einen zum Freunde hat 
ebenso hätte sich wohl ein Jeder von ihnen für mei^ 
schaft bedankt. Wir waren gar ^u verschieden geartet \ii\ 
Mein Lehrer war ein Mensch, der gern durcl. 
Scherzchen über meine Zimperlichkeit den Hohn meiner a 
die ohnedies zu Hänseleien nur zu sehr geneigt waren 
forderte. Zimperlich war ich, das , steht fest, heute muß i 
darüber lachen. Als ein Beweis meiner tibergroßen Schill 
keit, die vielleicht durch meine Veranlagung bedingt wi 
erwähnt, daß ich es Jahre lang nicht über mich gewinnen- 
den gemeinsamen Abort zu benutzen. 



r>2 — 



Mit einigen meiner Mitschüler wurde ich genauer Im1umi(. 
Für einen schönen Polen, ein Bild von einem Mcnnchen, inter- 
essierte ich mich sehr; er war, wenn iche* recht bedenke. m»-ixir 
erste Liebe. Küssen durfte ich ihn bei allen möglichen Anlagen 
ohne Auffälligkeit, da es ja bei den Polen sehr üblich ist. Ich 
machte ihm kleine Geschenke, erwies ihm, so oft es anging. Auf 
merksamkeiten, nm wieder geküßt zu werden; zu meinem Leid- 
wesen tat er es ganz leidenschaftslos. Er war jünger al* ich. 
und meine Klassen kollegen verdachten e* mir »ehr, daß ich mit 
dem Jnngen umging und sie vernachlässigte. Meine Neigung « ar 
so groß, daß ich mir nichts daraus machte nnd die rnlirhen»- 
würdigkeiten, die das im Gefolge hatte, willig ertrug. Kr l»«uii 
die den meisten Polen eigene oberflächliche Liebenswürdigkeit : 
sehr tief war seine Neigung zu mir nicht, es schmeichelte ihm, 
von dem Schüler der oberen Klasse bevorzugt zu »ein. Ge- 
schlechtliche Annäherungen haben weder mit ihm, noch mit 
anderen Schülern stattgefunden ; ich ergab mich stillen Ergüssen. 
Als ich meinen Adonis nach Jahren wiedersah, hatte er viel \ « m 
seiner Schönheit eingebüßt, war ein großer Mädchenjäger ge- 
worden und litt an einer Geschlechtskrankheit 

Bemerkenswert ist noch ein Traum, der ganz homosexueller 
Natur war, obgleich ich damals von gleichgeschlechtlicher Lieb«» 
nicht die geringste Ahnung hatte. Dieser Traum ist für mich «1er 
untrüglichste Beweis, daß mein Urningtiim angeboren ist: Einer 
meiner Lehrer, ein hübscher, unverheirateter Herr, war mein Ideal. 
Bei ihm hatten wir Geographie und Geschichte, meine Lieblings- 
fächer. Um ihm zu gefallen, bereitete ich mich für seine Stunden 
mit der größten Sorgfalt vor und blieb selten eine Frage schuldig. 
Von ihm träumte mir nun, und zwar so lebhaft, daü ich noch 
beim Aufwachen das deutliche Gefühl davon hatte, er läge bei 
mir im Bett. Der Traum war ungeheuer wollüstig und bewirkte 
eine Ejakulation. Ich mußte sehr oft daran denken, sprach «her 
zu Niemandem davon, weil ich mich schämte. Als ich nach dem 
Abiturienten-Examen bei ihm, der mir in der letzten Zeit keinen 
Unterricht mehr erteilt hatte, meine pflichtschuldige Visite machte, 
küßte er mich glück wünschend und abschiednehmend auf die 
Stirn. Dieser Kuß erregte mich so stark, daß ich an mich halten 
mußte, ihm nicht um den Hals zu fallen. Heute bedaure ich, es 
nicht getan zu haben; ich glaube, er hätte mir meine Dreistigkeit 
verziehen. 

Die letzten Schuljahre waren besser als der unglückselige 
Beginn. Meine Zeugnisse waren befriedigend, und die Lehrer 




lobten mein musterhaftes Betragen — ein 1 
nie gewesen. Während der letzten drei 4 
Primus und meine Mitschüler gestanden mir ä 
eine gewisse Autorität zu. Ich konnte also! 
alles gut!" Diese Vergeltung war mir dasScrn^ 
der vielen vorherigen, ich kann wohl sagen — ui 
die mir die Kindheit vergifteten, schuldig. I 
die Leiden der Knabenzeit auf mich machten,! 
daß ich selbst jetzt noch, „im 



bangen Schulträumen heimgesucht werde; ich ei 
um dann aufzuatmen mit dem erhebenden Bewii 
Kümmernisse zum Glück längst nicht mehr 
angehören. \ 

Von hohem psychologischen Interesse ist! 
Schilderung: 

Ich habe mein Leben lang ein so zartes S 
sessen, wie es nur wenigen Menschen eigen zu sein 
Schamgefühl äußerte sich spontan und unwillküri 
allein dem männlichen Geschlecht gegenüber. Mi 
über befliß ich mich zwar gleichfalls eines züchtig« 
haften Benehmens, aber ich befliß mich desselben eb< 
einem Gebot der Sitte, es war nicht ein natürlicher 
dem ich mich angetrieben fühlte. Noch erinnere ich 
daran, wie einst, als eine Blatternepidemie ausgebroc) 
Arzt erschien, um in der Schule zu impfen. Die Kn 
die Böcke ausziehen und den Hemdärmel zurückschlage! 
war ich nun völlig empört und ich wollte heim! 
schleichen. Ich gab meinen Unwillen und meine Befa] 
so deutlicher Weise kund, daß ich dem Lehrer auffiel, 
befragt, äußerte ich, daß ich mich vor den anderen Kn 
mit entblößten Armen sehen lassen wollte. Es nutz) 
nichts, ich mußte. Aber als ich an die Reihe kam, bri 
Gesicht mir heiß vor Scham und das Herz pochte mir h< 
Aufregung. Hätte ich mit den Mädchen zusammen mich e\ 
müssen, es wäre mir vollständig gleichgiltig gewesen, 
nicht die leiseste Spur irgend eines Gefühls der Unlust 
Scham in mir wahrgenommen. So aber ging ich nach be 
Impfung gekränkt und in meinem kindlichen Gemüt aufsl 
verletzt von dannen. — Ich hätte um alles in der Welt t 
mit anderen Knaben zusammen gebadet oder mich auch n 
offenem Hemd vor ihnen gezeigt. Ich hatte deshalb vu 



fl 



— 64 — 

meinen Kameraden zn leiden and wurde oft bis aur rn<*rträfrlirhkt-it 
geneckt Aach am Gymnasium ging es mir nicht vi«»l t>« 4 »»«r. 
Als einst der Religionslehrer vom heiligen Aloysius erzählt«« und 
erwähnte, daß dieser es nicht einmal über sich gebracht ln»l»«\ 
barfuß vor irgend jemand sich sehen su lassen, da gm* «in 
kicherndes Gemurmel durch die ganze Klasse, aus dem drutluh 
mein Name herauszuhören war, und von den verschieden» t<-n 
Seiten richteten sich die Blicke auf mich. Am Schluß der Stund«* 
traten einige besonders übermütige Jungen an mich heran und 
apostrophierten mich: „Heiliger Aloysius, bitt Air uns! 44 — AU 
einst in die Wand zwischen dem Abort unserer Klasse und dem 
eines anderen Kurses der Unterhaltung wegen ein Loch gebohrt 
worden war, wagte ich zwar nicht Anzeige zu erstatten, da ich 
dabei verlacht zu werden fürchtete, aber ich nahm nun stet*, wu* 
für ein Bedürfnis ich auch zu befriedigen haben mochte, ein 
Blatt Papier und eine Stecknadel mit mir, so lange, bis das Loch 
vom Schuldiener bemerkt und Abhilfe geschaffen worden war. — 
Als ich zum ersten Mal — ich war etwa 16 Jahre alt — vou den 
Sitten und Gebräuchen der Kaserne erzählen hörte, war ich 
darüber so entrüstet, daß mich ein völliger Haß gegen den ganzen 
Militarismus erfaßte. Ich erblickte in ihm eine Negation meiner 
Natur und meines Empfindens, einen Hohn auf meine Gefühle. 
Und ich bin seither dem Militarismus nie wieder hold geworden. 
Der Tag, an dem ich mich selber stellen mußte — ich war nur 
einmal dazu genötigt — ist mir einer der qualvollsten meines Indiens 
gewesen. Dagegen empfinde ich, wie gesagt, dem weiblichen 
Geschlecht gegenüber nichts, was über ein bloßes Anstandsgefühl 
hinausginge. Ein eigentliches Schamgefühl dem Weib gegenüber 
kenne ich nicht Es ist mir vollkommen fremd. 

Diese lebenswahren Schilderungen, herausgegriffen 
aus einer größeren Anzahl ähnlicher, gewähren einen höchst 
wertvollen Einblick in die Psychologie der urnischen 
Kindesseele. 

In der Reifezeit zeigen sich bei urnischen Knaben 
und Mädchen allerlei von der Norm abweichende Er- 
scheinungen. Der Stimmwechsel tritt oft überhaupt nicht 
ein, manchmal erstreckt er sich über eine lange Zeit, nicht 
selten macht er sich verhältnismäßig spät mit 19 oder 
20 Jahren bemerkbar; sehr viele haben nach der Mutation 




noch die Neigung, Sopran oder Fistelst 
andere, die nicht mutiert haben, sind\ 
methodische Übungen ihr Organ wesentl 
So berichtet W. v. S., ein ganz hervorra; 
sänger (mit Tenorqualitäten), dessen Bild il 
Damentracht wir beifügen 1 ): „Meine Stim^ 
merklichen Umschlag oder Übergang g 
Jahren konnte ich Sopran singen, und \ 
heute (30 J.), tiefere Sprech- und Singtön4 
durch Schule und Übung erlangt.* Währ 
größerung der Stimmbänder ausblieb, veri 
während der Reife um so mehr die Brüste, <\ 
wie ich mich durch Inspektion und Palpatio\ 
einen vollkommen weiblichen Charakter \ 
werden junge Urninge wegen ihrer hohen m 
geneckt, so schreibt ein urnischer Arbeit^ 
Stimme ist nicht gebrochen, man nannte mich \ 
kreisen mit 19 Jahren wegen meiner helld 
„Gretchen." Bei vielen bleibt die Stimme d 
liehe Kraft. Urnische Mädchen bekommen zil 
Pubertät oft eine tiefere Stimmlage. Ich M 
derartigen Fall, wo ein Spezialarzt für Halskr^ 
weil er Kehlkopfkatarrh annahm, mehrere Monat* 
Eine urnische, jetzt 25jährige Journalistin bericti 
der ßeifezeit trat der AdamsapfeJ stärker bei m\ 
Ich bekam eine Singstimme, die sich nur bi^ 
zwischen der dritten und vierten Linie erstreckt, 
das tiefe c des Basses umfaßt. Ich pflege Lie^ 
anderes stets in der tieferen Oktave des Soprans, 
Tenor zu singen. Man sagt allgemein, ich hättl 
einen Tenorklang." Der Bartwuchs stellt sich bd 
sehen Jünglingen oft sehr spät, oft auch recht sj 
und ungleich ein. Dagegen ist ein hie und ä 



J ) Siehe Tafel 1 in Anlage. 

Jahrbuch V. 





— es — 




Schmerzhaftigkeit verknüpfte An*chw 




zur Reifezeit i in bei urnincbeii KnaU» 




seltenes Vorkommen, während hingegtO 


recht häufig sehr mangelhafte lirustentwi 




Bei ti mischen Knaben weheint mir en 






ein besonders Üppiger an da» Weib ei 




des Haupthaares vorzukommen, hingegen 




hebaarung iirnischer Knaben oft fem in 




Mädchen oft virile Anklänge auf. V% 






Störungen findet man bei tiroisch» OB B 
mäßig häufig Migräne und Chlor 




von denen sonst mit Vorliebe das wei 






heimgesucht wird. 


'■• 




Sind diese letztgenannten Zeichei 


1 




nicht in jedem Fall nachweisbar, und U 


i 




auch nicht mit unbedingter Sieh er hei t i 
Empfinden schließen, so wird die Dia 
mit den vorher geschilderten psycho 
doch eine völlig sichere. 

Ich habe wiederholt her 10 bis 14 
die Diagnose Uranismus gestellt. So 
eine Mutter mit einem 12jährigen 
Migräne litt, sehr schreckhaft war un»! 
wurde von seinen Mitschülern, an derei 
nicht beteiligte, viel gehäuselt, war am 






Cousine zusammen und hesatt einen F 
der Sommerfrische kennen gelernt hatte 
täglich korrespondierte. Er liebte hesoi 




Musik, dagegen konnte er Mathematik 


^^^^^■H 


Die Untersuchung des bei großer Liebem 






ordentlich schamhaften Knaben ergab 


( 




unentwickelten Genitalapparat, der Pcnü 




4 jährigen Kindes, dagegen zeigte sicLi e 


^^si 




der Mammae wie bei Mädchen im Beg 


y^ 




Ich stellte die Diagnose auf Uran Um u 



I 



Eltern entsprechend auf. In diesem ui 
Fällen ist die Zeit noch zu kurz, sodaß eil 
Bestätigung ermangelt. Dagegen habe ichi 
18jährigen ausgesprochen homosexuellen \ 
bereits vor 4 Jahren , ehe derselbe ei 
Uranismus diagnosticieren können. Noch 
Beobachtung gehört hierher. Ich erinnd 
meiner Gymnasialzeit an einen Knaben, \ 
Mitschülern „ Mieze* genannt wurde. N^ 
femininen Eigenschaften besaß er eine besoi 
fertigkeit im Kochen und der Verwendung 
die er Papierpuppen sehr geschickt aufnäh! 
der vorjüngste von sieben Geschwistern, meiste 
die alle dieselbe strenge Erziehung genossen, 
wurde, als der Sohn in Quarta war, versetzt 
mir dieser Mitschüler völlig entschwunden, i 
Zwischenstufen-Studien fiel er mir ein und i{ 
nach mehr als 20 Jahren, was aus ihm \ 
sei. Ich erfuhr, daß er Damenhutmacher \ 
geblieben war und seit Jahren ein anscheinend s^ 
Verhältnis mit einem von ihm überaus verehrtet 
hatte, auch lagen andere Anzeichen vor, die ül 
Geschlechtszugehörigkeit keinen Zweifel ließen, 
urnischen Kinde war ein homosexueller Mann g 
mit derselben Naturnotwendigkeit, mit der sich \ 
Normalkinde ein heterosexueller Mensch entwicfc 



IL Das Hartnonische der urnischt 
Persönlichkeit. 

Es spricht ganz außerordentlich für das Angebot 
einer Eigenschaft, wenn diese mit der ganzen Persfc 
keit aufs innigste verknüpft ist, mit ihr in völj 
Übereinstimmung steht, sozusagen aus der Tiefq 
ganzen Individualität emporsteigend mit elementare! 



— 68 — 

walt hervorbricht. Das ist bei der Homosexualität in 
höchstem Grade der Fall. Wären die gleichgeschlechtlich 
Empfindenden körperlich und seelisch in Nichts vom weib- 
liebenden Mann unterschieden, wären sie dieselben kraft- 
voll erobernden, selbstbewußt berechnenden, mutig wollen- 
den Menschen, wären die homosexuellen Frauen die 
gefühl- und stimmungsvollen, anschmiegenden, zurück- 
haltenden, von Kindessehnsucht und Mutterliebe erfüllten 
Wesen, die Gegner hätten Recht: diese Menschen, die 
zu einer Wiederholung ihrer selbst Neigung verspürten, 
böten etwas Disharmonisches, Monströses dar. Es gereicht 
der Menschheit zur Ehre, daß ihr so kraße Inkonsequenzen 
nicht eigen sind, der Mann, der Männer liebt, die Frau, 
welche Frauen begehrt, sind nicht Männer und Frauen 
im landläufigen Sinn, sondern ein anderes, ein eigenes, 
ein drittes Geschlecht. Naturgesetze werden durch 
mangelndes Natur Verständnis nicht Naturwidrigkeiten, 
eine Erscheinung, deren Sinn wir nicht erfassen, ist darum 
noch nicht sinnlos, so wenig etwas, dessen Zweck uns nicht 
klar, zwecklos ist. Bei der Beurteilung eines Naturrätsels 
dürfen wir uns freilich nicht an Teile halten, sondern 
müssen das Ganze zu ergründen suchen, ein körperlicher 
Teil kann irreleiten, das psychische, dessen Bedeutung in 
unserer materialistischen Zeit so sehr unterschätzt wurde, 
bringt uns dem Ding aii sich schon näher. Martials 
Pentameter, „pars est una patris, caetera matris habet/ nur 
ein Teil ist männlich, alles übrige weiblich, paßt auch 
noch heute auf sehr viele Menschen. Wenn man auch 
diesen Teil als den Geschlechtsteil xar e^o^v bezeichnet, 
so bleibt er doch immer nur ein Teil. Die Auffassung 
mancher Gelehrter über die Geschlechtszugehörigkeit einer 
Person erinnert lebhaft an den Vorschlag, den ich als 
Sachverständiger vor Gericht wiederholt von Laien hörte, 
man möchte doch den Menschen, die sich gegen § 175 
vergingen, den Penis abschneiden, dann würden sie ja 




ganz brauchbare Bürger sein. Ich erwicl 
täte dann besser, ihnen den Kopf abzii 
dieser, nicht das membrum, sei der Teil 
sündigten.* Tiefer in den Kern der Saci 
eine Antwort, die ich bei einer andern Geric\ 
hörte, zu der ich als Gutachter zugezogen \ 
Vorsitzende die Zeuginnen fragte, was sie \ 
Angeklagten gedacht hätten, der beschuldig}, 
belästigt zu haben, welche mit ihnen im Dui 
gartens den Koitus vollzogen, entgegnete \ 
stituierten unter großer Heiterkeit des Q 
„Wir glaubten, es sei ein Weib in Männergestä 
falls können die primären Geschlechtschara 
nicht den Ausschlag geben, das Zentrum ist\ 
wie die Peripherie; da es mehr als zwei G 
gibt, ist die innere Empfindung, nicht allein \ 
Erscheinung das Entscheidende. 

Die Äußerungen dieser inneren Empfi 
schränken sich allerdings keineswegs auf rein 
liehe Handlungen. Die Sexualpsyche im wer 
beherrscht mehr oder weniger unbewußt die ganz 
führung und Geschmacksrichtung einer Person, 
auch nicht im entferntesten geahnten Umfangt 
die Schicksale und Werke der Menschen ihre gel 
volle Hauptaxe in das Geschlechtszentrum hinein 
wir bei der Beurteilung und Abschätzung eines Mi 
seiner Sexualpsyche mehr Berücksichtigung zu Teil \ 
lassen, wir würden die Gestalten und Geschehnis 
Weltgeschichte ganz anders zu verstehen im Stand 
wie es bisher der Fall ist. Mit Recht sagt Niet\ 
„Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Men 
reicht bis in den letzten Gipfel seines Geistes hii 
und der Dichter Przybyszewski hebt seine Totenri 
(1893) mit den gewichtigen Worten an: „Ani Anfang 
das Geschlecht, nichts außer ihm, alles in ihm." 



— 70 — 

Deshalb ist es auch für das Verständnis hoher und 
führender Menschen von so unschätzbarem Wert, ihre 
Sexualpsyche richtig zu erfassen. Man meine doch nicht, 

— ich bemerke das besonders gegenüber Fuld — daß, 
wenn wir in diesen Jahrbüchern große Geister sexual- 
psychologisch analysieren, damit zwecklose Indiskretionen 
begangen werden; so fern es uns liegt, wenn von Bismarcks 
männlicher Kraft, von der Weiblichkeit der Königin 
Louise die Rede ist, an heterosexuelle Handlungen zu 
denken, ja so abstoßend der bloße Gedanke daran ist, 
genau so niedrig sollte es sein, homosexuelle Akte im 
Auge zu haben, wenn von Michelangelos oder des großen 
Friedrich Urningtum gesprochen wird. Der Betätigung 

— das kann nicht oft genug wiederholt werden — ist 
nur ein ganz untergeordneter, höchstens symptomatischer 
Wert beizumessen gegenüber der Gesamtheit der psychi- 
schen Sexualität. 

Wenn wir im folgenden von der Urningspsyche eine 
Schilderung entwerfen wollen, so sind wir uns voll be- 
wußt, nur ein Schema geben zu können. Denn ist es 
schon schwierig, das Charakteristische der männlichen 
und weiblichen Seele klar zu fassen, das individuelle von 
dem gemeinsamen, das nebensächliche vom wichtigen zu 
trennen und zu unterscheiden, was vom Geschlecht, was 
vom Alter abhängig ist, was Natur, was Kunst bewirkte, 
so erhöhen sich diese Schwierigkeiten ganz ungemein bei 
dem Urning, wo der innere und äußere Zwang ein un- 
gleich größerer ist. Die meisten bemühen sich, wesent- 
liches in ihrer Natur zu unterdrücken, anders zu erschei- 
nen, als sie sind; viele sind stolz darauf, wenn sie ihre 
männliche oder weibliche Rolle so gut spielen, daß „ihnen 
keiner etwas anmerkt." 

Es kommt hinzu, daß die Typen Mann — Urning — 
Urninde — Weib nicht fest normiert einander gegenüber- 
stehen, sondern daß es naturgemäß zwischen diesen auch 



- 71 - \ 

wiederum Übergänge gibt. Die weiblicl 
die in jedes Mannes Geist und Körper nal 
finden sich in geringerem und höheren G 
Summe so stark ist, daß für den Gesehl© 
mehr in dem Weibe, sondern in dem Jü^ 
gänzung empfunden wird. Das ist die Gt 
ab wir den Mann als Urning bezeichnen, in \ 
männlichea und weiblichen Eigenschaften^ 
stark auftreten, bis sie ganz allmählich, in 
loser Linie über das urnische Weib, die meli 
ger männliche Frau zum Vollweibe führen. \ 
also Mann — Urning — Weib als drei Geschieh 
getrennt und umgrenzt gegenüberstellen, so % 
in den früheren Fehler. Wie von Mann \ 
können wir auch vom Urning nur einen Durchsei 
geben. \ 

Wenn wir die Wesenheit der reinen Manlj 
der Aktivität, die der Frau in der Passivität zij 
haben, so läßt sich von der Urningsseele sagei 
viel aktiver, wie die weibliche, aber nicht so 
die männliche ist, ferner, daß sie viel passiver^ 
männliche, aber bei weitem nicht so passiv wie i 
liehe Psyche erscheint. \ 

Äußere Eindrücke wirken auf den Urning 
stärker ein, als auf den Mann, sein Gemüt ist 
widerstandsfähig, weicher, empfindsamer, dieBesti; 
keit größer, die Stimmung wechselnder. Freude, H<^ 
Begeisterung heben ihn höher, Schmerz und Leid d 
ihn viel tiefer darnieder. Oft besteht eine ausgesprl 
Neigung, sich Stimmungen hinzugeben; so bericht 
Urning, er schlösse sich mit Vorliebe Leichenbegäng 
an, um weinen zu können. 

Demzufolge treten auch das Mitgefühl, das Mi 
die Hilfsbereitschaft stärker hervor. Der erbitterte 
kurrenzkampf, das energische Eintreten für gewöhn 



— 72 — 

Interessen, das Kriegführen, Schießen und .lagen liefen 
dem Urning im allgemeinen nicht, auch ist der Hang *" 
verbrecherischen Handlangen — selbstverständlich zu 
wirklichen Verbrechen — bei ihm gan« außerordent- 
lich selten. Zum strengen Vorgesetzten ist er nicht 
recht geeignet Sehr bezeichnend ist folgende Schilderung 
eines umischen Offiziers: „Meine Leute hatten mich gern ; 
ein junger Rekrut, dem infolge Blutvergiftung der Arm 
amputiert werden mußte, wünschte ausdrücklich, daß ich 
bei der Operation zugegen sein sollte. Der Arzt will- 
fahrte seinem Wunsche; ich reichte ihm die Hand vor 
der Narkose und so schlief er ruhig ein. Nach der < >pe- 
ration verließ ich auf kurze Zeit das Krankenzimmer - 
da hörte ich vom Nebenzimmer aus meinen jungen Rekru- 
ten, der soeben wieder erwacht war, die Worte aussprechen: 
„Wo ist denn mein Leutnant? 44 Sofort erschien ich wie- 
der am Krankenlager, reichte meinem armen Patienten, 
der mich traurig anblickte, die Hand. Ich nahm mich 
meiner Rekruten in jeder Weise an, die Leute gingen für 
mich durchs Feuer, vermied übermäßigen Drill, war stets 
in der Kaserne, da ich am Wirtshausleben keinen Heiz 
fand — so fiel die Rekruten Vorstellung glänzend aus und 
dank auch meiner guten theoretischen Kenntnisse gewann 
ich das besondere Lob meines Kommandeurs.* 

Man kann häufig beobachten, daß in exklusiven Ver- 
bänden, namentlich in militärischen und studentischen 
Korps, urnische Mitglieder wegen ihres höflichen, ge- 
fälligen, aufopferungsfähigen Wesens anfangs sehr wohl 
gelitten sind, im Laufe der Jahre aber Schwierigkeiten 
haben, weil sie sich nicht in die strenge Etiquette fügen 
können und mit Außenstehenden freundschaftliche Be- 
ziehungen anknüpfen. Ebenso erwachsen ihnen oft auch 
mit ihren Familien Unannehmlichkeiten, weil sie in Krei- 
sen verkehren, die diesen nicht standesgemäß erscheinen. 
Die Unterschiede des Standes, der Religion, der Rasse 



- 73 - \ 

\ 

und Nationalität spielen bei dem Urning 
ferntesten die Rolle, wie bei dem normale 
Er besitzt nicht den Stolz, das Selbstbe^ 
häufigen Dünkel des Vollmannes. Für den^ 
begriff fehlt ihm das Verständnis. Wohl ist \ 
und leicht verletzt, aber die Fähigkeit zu hass 
abzugehen. Er ist eben nicht das, was man \ 
Kerl" nennt. Eine Beleidigung durch eine and 
zu erwidern ist ihm nicht gegeben. Findet siel 
in der Grettissaga (28) der kriegerischen Y 
bezeichnende Spruch; „Der Sklave rächt sici 
(d. i. der Urning) nie." Weniger aus Feigh^ 
ihm das Gefühl der Rachsucht mangelt, zii 
lieber zurück, meist ohne Groll. Immer \ 
Verzeihen geneigt, oft in . zu hohem Maße vers^ 
er im Gegensatz zum Weibe gewöhnlich weder na^ 
noch kleinlich. Die Gutmütigkeit vieler Urani« 
weit, daß es ihnen unmöglich Jst, eine Fliege umz 
Selbst seinen ärgsten Feinden, den Erpressern \m 
gegenüber, bewahrt der Homosexuelle ein sympl 
Gefühl. Was von Leonardo da Vinci berichtet 
er den Lieblingen, die ihn bestahlen, nie seine Liebt 
klingt durchaus glaubwürdig. Die Großmut, weli 
Urning Feinden gegenüber zu zeigen imstande ist 
geradezu erstaunlich. Freier von Vorurteilen a 
Durchschnittsmann, ist er meist unfähig, ein hartes \ 
zu fällen. Alle diese Eigenschaften befähigen ihn ung 
zum Altruisten und Vermittler, zum Friedensstift^ 
Überwinder sozialer Gegensätze. Dabei beschränkt 
sein philantropischer Zug fast nie auf seine Klasse* 
gar seine Familie, sondern geht auf die große ~Ml\ 
Ein urnischer Arbeiter schreibt: „Dort wo es gilt, 1^ 
zu erkämpfen, wo es sich darum handelt, die schlumm 
den Geister aufzurütteln, die starre Masse eine Si 
weiterzubringen zur Veredelung und Vermenschlicht 



— 74 — 

dort bin ich der höchsten Begeisterung fähig und möchte 
Schulter an Schulter vorwärts stürmen mit den edlen 
Kämpfern für Wahrheit und Recht* Ein anderer streng 
katholischer Urning aus Arbeiterkreisen: „ich möchte alle 
Menschen glücklich sehen, alle sollten sie die Allmacht 
Gottes preisen, ich möchte ein Bild malen, alles in Nebel 
gehüllt, darüber eine leuchtende Sonne, die mit Gewalt 
die Nebel zerteilt." Urnische Fabrikbesitzer geben wieder- 
holt an, daß sie einen förmlichen Drang haben, für die 
ihnen unterstellten Arbeiter zu sorgen, Wohlfahrts- 
einrichtungen zu schaffen. 

Oft fehlt es jedoch an Mut und Beständigkeit, das 
gute Vornehmen in die Tat umzusetzen. Der Wille ist 
beim Urning durchaus nicht so schwach, aber es besteht 
daneben vielfach ein beträchtlicher Hang zur Bequemlich- 
keit und Scheu vor der Menschen Gerede. Jedenfalls 
zieht ihn im allgemeinen die geistige Arbeit mehr an als 
die körperliche. Es kommt das instinktive Bestreben 
hinzu, etwas zu leisten, was auf Personen desselben Ge- 
schlechts Eindruck macht, sie fesselt und erfreut. Von 
vielen wird auch die Arbeit als große Trösterin empfunden. 
Der Trieb, andere geistig zu befruchten, ist häufig sehr 
ausgesprochen. Es resultiert daraus eine bei Urningen 
weit verbreitete Befähigung zum Pädagogen, zum Volk.s- 
erzieher im engeren und weiteren Sinne. Unterstützt 
wird dieser Drang durch den mehr oder weniger unbe- 
wußten Ehrgeiz, sich geistig vor der Umgebung auszu- 
zeichnen. Besonders an urnischen Bauern und Arbeitern 
fällt es auf, wie sehr sie ihr Milieu überragen. Mit 
diesem Ehrgeiz verbindet sich oft starke Empfänglichkeit 
für Beifall und Bewunderung, die aber fast immer in 
eigenartiger Weise mit einer gewissen Bescheidenheit und 
Scheu verknüpft ist. Der Urning schafft fast stets aus 
dem Gefühl heraus. Das zielbewußte, verstandesgemäße 
Arbeiten des Mannes ist ihm nicht eigen. Das Zahlen- 



— 75 — 

gedächtnis ist vielfach sehr schwach, Math 
Mehrzahl geradezu „ein Gräuel" Voren 
ihm der Trieb zu empfangen, aufzunehmen, 
der Empfängnis heraus formt und gestalte 
starken Gefühlsleben entsprechend ist d; 
Empfinden, der Sinn für schöne Form* 
Kunst und im täglichen Leben boehgradi 
In erster Reihe steht das Verständnis für 
ebenso groß ist die Freude an der Plastik, 
an der Malerei und Architektur anschließt 
Interesse für Schauspielkunst, Litteratur, E, 
ist ein lebhaftes. Für alle „schonen Kunst i 
Kochkunst und Kunststickerei bis zur Bildi 
finden sich starke Talente im Urning tum. I 
die von der Sexualpsyche abhängige Gesohniac 
meist eine eigentümliche Mischung männlicher 
lieber Tendenzen, die im großen und kleinen d 
Tage tritt; beispielsweise ist das in der Kle 
Fall, viele halten das antike griechische Gewan* 
schönste, ein urnischer Künstler bemerkt: „Ichs 
für lange, wallende Gewänder, trotz der Gewöhn; 
halben Menschenalters schäme ich mich in der 
liehen Männerkleidung, ohne langen Mantel he* 
nie die Straße, am meisten geniere ich mich iL 
bei Ausübung meines Berufs auf dem Podium, zi 
trage ich nur schleppende Gewandung." Ein 
h.-s. Künstler äußerte sich: „Ich liebe Kleidung » 
Geschlecht nicht erkennen läßt, weil diese i 
eigentlichen Wesen entspricht ." Und ein urnischer ' 
bahnarbeiter schreibt : „Es tut mir leid, daß der Pek 
mantel altmodisch wurde. Ein schöner Jüngling 
jedoch stets einen glatten Überzieher tragen," Wir \ 
noch einen eingehenden Bericht eines 31jährigen lj 
sexuellen Chemikers folgen, der die urnische Geschmj 
richtung charakterisiert: „ Die Vorliebe, die ich als } 



— 76 — 

für Nähen und Sticken hatte, ist glück licherwei>e j?t*- 
schwunden. Mein Talent zum Kochen, wozu ich al« 
Junggeselle manchmal gezwungen bin, wird allerdings 
von meinen Freunden sehr gerühmt Doch wäre ich 
ganz froh, wenn es mir jemand abnähme. Wirkliche* 
Vergnügen macht es mir dagegen, wenn ich Gäste habe, 
alles, Tisch u. s. w., hübsch anzuordnen und zu schmücken. 
Blumen habe ich von jeher sehr geliebt und habe großes 
Geschick, Blumensträuße geschickt zu arrangieren. Von 
Sport liebe ich nur das Bergkraxeln, doch entspringt die» 
mehr der Freude an der Natur, ich wandere manchmal 
während meines Sommerurlaubs wochenlang allein in den 
Bergen; das gehört zu meinen höchsten Freuden. Ein- 
samkeit bedeutet für mich nicht Langeweile, ich ziehe sie 
der Gesellschaft nüchterner Alltagsmenschen und Stumm- 
tischphilister vor. Ich interessiere mich sehr für Politik, 
namentlich innere Politik, für Theater und vor allem für 
Musik. In Theatern fesseln mich sowohl die Klassiker 
als auch die Modernen, dagegen langweile ich mich in 
Lustspielen h. la Bhimenthal-Kadelburg. Ich bevorzuge 
in der Kunst überhaupt im allgemeinen die düstere 
Färbung, doch erfüllt mich auch der Humor der Meister- 
singer mit sonniger Freude. Außer für Naturwissenschaft, 
speziell Chemie, die ich erwählt habe, fühle ich Neigung 
für Philologie." 

Sehr häufig tritt bei dem Uranier eine Vorliebe für 
„neue .Richtungen* hervor. Wenn es ihm seine Mittel 
verstatten, unterstützt er gern junge aufstrebende Künstler. 
Während ihn der übliche gesellschaftliche Verkehr mit 
den Festessen, Tischdamen, dem vielen Trinken, Hauchen, 
Kartenspielen vielfach abstösst, liebt er die ungebundene 
Geselligkeit, wie sie sich beispielsweise in dem Treiben 
der Böhfeme sowie oft in Wirtschaften niederer Gattung 
kundgiebt. Er geht gern auf Abenteuer aus, liebt es, 
immer neues kennen zu lernen, ist oft sehr reiselustig 




und fast nie einseitig. Un verhältnismässig 
interessieren sich deshalb flir Entdeckungsr 
künde, Tiefseeforschungen. 

Daneben findet sich ein Hang zum Ai 
Sammeln von Büchern, Kunstwerken uud 
aller Art. Viele Urninge eignen sich dadt 
Zeit eine tiefe, umfassende Bildung an, wol 
gutes Gedächtnis und ihre leichte Auffassu 
Hilfe kommt. 

Hält man gewöhnlich schon eine einzige 
genannten Eigenschaften, beispielsweise die n 
Befähigung, für angeboren, um wie viel m\ 
ganzen in sich durchaus nicht disharmonischen 
der von der männlichen und weiblichen Natur t 
abweicht und stets mit einer gewissen Kindlici 
knüpft ist, nicht solcher, in der wir ein Zurückgeb 
zu erblicken haben, sondern jenen ungekünstelten, 
teren, harmlosen, offenen Art, welche leider so oft ui 
durch die Verhältnisse beeinträchtigt wird, ind* 
den Urning mißtrauisch, unwahr und verschüchtert 
Der geschilderte Komplex befähigt die Urningi 
Kreise besonders auch für den Dienst iü der Dip 
Ein aristokratischer Gewährsmann, über dessen 
Würdigkeit auch nicht der leiseste Zweifel bestehe 
teilt uns mit, daß er Homosexuelle besonders za 
in der Diplomatie gefunden hat, am meisten in Er 
dann in Rußland und Deutschland. Derselbe gibt 
folgende interessante Einzelheiten : „Persönlich keni 
neun deutsche Prinzen aus regierenden Häusern, 
aus andern souveränen Staaten. Aus reichsunmittell 
Familien sind mir 14 bekannt. Vier Botschafter 
höchste Hofbeamte kenne ich, deren Anlage mir hii 
Detail bekannt ist. Mir ist ein preußisches Kavallt 
regiment bekannt, in dem neun Offiziere homosex 
sind. Stets fand ich, daß es fast durchweg reizei 



— 78 — 

intelligente Menschen waren, die viel Interessen hatten 
und der Menschheit zur Zierde gereichten." 

Man kann leicht konstatieren, daß der Homo.- .uelle 
in den Kreisen, in denen er verkehrt, und über diese 
hinaus meist sehr beliebt ist Als vorzüglicher Gesell- 
schafter ist er überall gern gesehen. Schon als Kinder 
sind sie ihres ruhigen und geschickten Wesens Siegen 
die Lieblinge der Eltern und Geschwister. Erst, wenn 
den Angehörigen eine mehr oder weniger klare Er- 
kenntnis ihrer Abweichung aufgeht, macht sich eine g gen- 
seitige Entfremdung und Verstimmung geltend. Vangt 
die weitere Umgebung an, allerlei zu vermuten uhd zu 
flüstern, wird der an sich schon ängstliche Uranier ver- 
bitterter und scheuer. Viele Edeluranier zieheri f sich 
schließlich ganz in die Einsamkeit zurück und 'T^Vn 
gänzlich isoliert mit ihren Büchern und geistigen V. 
essen, vielleicht auch „mit .einer trauten Seele, ds 
versteht.* Kommt es zum Skandal, ist das Ersta 1 .' - 
der Verwandten und heterosexuellen Freunde sehr groß. 
Man kann das Unfaßbare nicht glauben, man hielt den 
so zartbesaiteten, hochgeschätzten Freund, der fast nie 
das sexuelle Thema berührte, für „asexuell". Schließlieh 
finden sich doch allerlei Anhaltspunkte, die für die Rich- 
tigkeit des Unglaublichen sprechen und man enfoctz' '<) 

über diesen Menschen, dem man etwas so Gräßliches 

allerwenigsten zugetraut hätte. Noch ist die Geschfr 1 * 
der Urningsverfolgungen nicht geschrieben, wie V 
Geschlechter ein drittes in seinem Heiligsten zu m »- 
drücken suchten, aber sie wird geschrieben werden und 
sich als einer der dunkelsten Abschnitte der Menschheits- 
geschichte erweisen. 




Genau so wie in geistiger Hinsicht 
wachsen e Homosexuelle auch in körperl 
eine Xt >aige Mischung männlicher und weit 
Schäften dar, von der es an und für sich 
schlössen ist, daß sie künstlich erworben sein 
somatischen Stigmata sind wie die psychisch« 
bald weniger deutlich ausgesprochen, fehU 
sorgsamer Beobachtung niemals. Allerdii 
Nachweis nicht immer leicht. Vieles Chan 
wird^man nur bei großer Übung herausnnri 
Wer hunderte von Urningen und Urninden g 
wird nicht zweifeln, daß sie ganz bestimmte Gei 
aufweisen. So schwer es sich aber definiren 
im C runde den männlichen oder weiblichen 
aus ' ,rack ausmacht, so wenig kann man dem 
y ..tümliche, klar machen,, das dem Kenner 
•Anblick der Photographieen in die Au£ 

Jen die Geschlechter dieselbe Kleidung trag, 
m .lx sich vermutlich gewöhnt, die Übergangsstufec 
herauszukönnen, so beeinflußt die Verschieden; 
Anzug und in der Haartracht das Urteil ganz, 
ordentlich. Doch kommt es auch so noch oft geri, 
daß urnische Männer für verkleidete Mädchen und u 
Dornen Jjir verkleidete Herren gehalten werden. 
Si^i XJrninge, selbst solche, die recht männlich erscl 
d^ Bart abnehmen und legen weihliche Kleidungsi 
ar 7 .50 ist es meist geradezu verblüftend, wie seh 
wa^ gliche Typus, namentlich in der Augen partie, , 
Vorschein kommt. Ich befand mich einmal mit 4 
urnischen Gelehrten in dem seiner Volkstrachten', 
Volkssitten wegen hochinteressanten Fischerdorf Volen. 
am Zuidersee. Wir betraten des Studiums halber i 
der eigenartigen Behausungen. Im Laufe der Un' 
haltung setzte sich mein Begleiter eine der ortsiiblicl 
Frauenhauben auf. Der Erfolg war überraschend, 1 



— 80 — 

braven Fischerfrauen konnten sich über die Verwandlang 
garnicht beruhigen and riefen ein über das andere Mal; 
„wie ein Mädchen, wie ein Mädchen." Auch ich selbst 
konnte seitdem nicht mehr den weiblichen Eindruck los- 
werden, der mir in dem Gesichte des Forschers, weil ich 
darauf nicht achtete, zuvor nie aufgefallen war. Viele 
Homosexuelle sehen „als Weib bedeutend besser aus, wie 
als Mann.* Ich erinnere mich eines urnischen Aristokraten, 
den ich Jahre lang nur in Damentoilette gesehen hatte, 
in der er sich höchst elegant ausnahm. Als er mich das 
erste Mal im Herrenanzug besuchte, erkannte ich ihn 
kaum wieder, so zu seinen Ungunsten verändert sah er 
aus. Bei manchen tritt das undefinierbar Weibliche erst 
im Affekt stärker hervor. Ein Richter schreibt, sein 
Gesicht sei scharf geschnitten, doch sei ihm von Damen, 
die seine homosexuelle Natur nicht kannten, bemerkt 
worden, wenn er lächle, habe er die Augen eines Weibes. 
Ein urnischer Offizier, der sich durch eine „ martialische" 
Erscheinung (bei etwas breiten Hüften) auszeichnet, teilt 
mir mit, daß, wenn er sich in Erregung befände, seine 
sehr großen, blauen träumerischen Augen von gänzlich 
unbefangener Seite als weiblich erkannt worden seien. 

Die Körperkonturen des Urnings sind nicht ganz so 
abgerundet und weich wie beim echten Weibe — das 
urnische Weib ist meist hager — aber äußerst selten so 
hervortretend, wie beim Mann. Diese Rundung beruht 
auf stärkerer Fettablagerung, die mit der größeren Passi- 
vität des Urnings im Zusammenhang steht. Ganz beson- 
ders auffallend ist diese Konturierung bei den passiven 
Pygisten, die daher ein geübter Beobachter unter den 
übrigen Homosexuellen leicht herauserkennt. Sehr wichtig 
ist es, auf das Verhältnis der Schulterdurchschnittslinie 
zur Beckendurchschnittslinie zu achten, welches am geeig- 
netsten mit dem bei gynäkologischen Untersuchungen 
üblichen Beckenmesser festgestellt wird. Während beim 




D'Eon de Beaumont 

Kopie von Angelika Kauffmann, 
nach einem Bilde von Latour aus der Sammlung des George Keate, Esq. 

Ritter D'Eon de Beaumont, geb. am 5. Oktober 1728, als Knabe erzogen, schon 
früh Neigung in Frauenkleidern zu gehen; 1755 am russischen Hofe als Dame 

vorgestellt. 



*4 



CHARLKS-GKNEVlEVK-L<)riS-Ar(HSTK-ANim^>TlMoTHri; 

CHARLOTTE-GP:NEViEYJ:-Lori8A-ArnrsTA-AxiH:KK-TiMoTiir.j.-MAi:ii 

D'EON DE BEAUMONT. 

Doctor of Civil and of Canon Law, and Advooate of the Parliaiiifut 

of Paria. 

Cenfor Royal for Hiftory and Belh's-Lettres. 

Sent to Ruffia, firft fecretly, then officially, with the Chevalier I>c>ii^I:ih 

for the Purpofe of re-eftablifhing friendly Relation» betwem that Cuimtry 

and Francs. 
Secretary of the EmbtHTy Extraordinary at the Court of Her Imperial 

Majefty, the Empreff Elizabeth. 
Captain of Dragoons and Aide-de-Camp to Marfhal the Duke und 

to the Count de Broglio. 

Secretary of the Embaffy Extraordinary from France to Ureat Iirit:iin 

for concluding the Peace of 1703. 

Knight of the Royal and Military Order of Saint Louis. 

Refidcnt, and afterwards Minifter PI eni potent iary 

r* from France to Great B ritain, 

and, finally, 

a Ladyat the Court of Marie Antoinette, 

and an occafional and honoured Ininate 

at 

L'Abbaye Royale des Danies de Hauteg Brnyeres, 

La Maifon des Demoifelles de St. Cyr, 

and at the 
Monaftere des Fi lies de Ste. Marie. 



f 




normalen Mann die Schulterlinie um ein 
länger ist als die Beckenlinie, und beim 
viel breiter als die Schulterlinie, ist 
der Unterschied meist 3 ehr gering, o\ 
nicht vorhanden, und nicht selten umgeke 
schon dem Laien, namentlich den Schneider! 
nehmen, auffällt. Urnische Arbeiter haben 
holt erzählt, daß sie die Beinkleider über 
bequem ohne Hosenträger tragen können, 
berichtet, bei der militärischen Einkleidun 
Vorgesetzte gesagt „er habe wohl bei der Ve 
Gesäßes zweimal ,hier* gerufen." 

Die Hände und besonders die Füße des II: 
im Verhältnis zu der Figur oft klein, die Häi 
sich zumeist eigentümlich weich an. Die Hail 
stets bedeutend zarter, glatter und weißer wi* bei! 
wenn auch selten in so hohem Grade wie bei i 
Die Blutgefäß- und Tastpapilkn der Haut sind gel 
sehr affizierbar, was sich einerseits in erhöhter $ 
empfindlichkeit zeigt, anderseits in sehr leichtem 
und Erblassen. Mündliche und schriftliche Mittel 
wie die eines Schriftstellers: „Ich erröte mädd 
leicht bei jedem kleinen obszönen Witz* oder d^ 
Geistlichen: „Ich erröte, wenn ich öffentlich au! 
muß, ganz außerordentlich" sind sehr häufig. Nich 
erklärlich ist das entschieden geringere Wärmebe- 
vieler Uranier. Sehr zuverlässige Selbstbeobachter 
das hervor, so gibt einer derselben an, daß er So 
und Winter stets bei offenem Fenster schlafe, ohne 
bett, nur bei tüchtiger Kälte mit zwei leichten T>e\ 
bedeckt. Es gibt allerdings auch Ausnahmen, doch \ 
sich die Haut der Urninge meist wärmer an, wie \ 
ihrer Umgebung. Ich glaube, daß die im Volke i 
breitete Bezeichnung „warmer Bruder" (auch das Wl 
schwul = schwül meint ähnliches)^in dieser Erscheine 

Jahrbuch V. 6 \ 



— 82 — 

seine physiologische Begründung hat, während der rümischt- 
Ausdruck homo mollis, weicher Mann, auf die Weichheit 
der Haut und Muskulatur zurückgeführt werden dürfte. 
Die Haare des Urnings sind meist feiner und weicher, 
wie die männlichen, am Kopfe oft ungewöhnlich üppig, 
der Bart ist vielfach, aber keineswegs immer, schwach 
entwickelt Viele empfinden den Bart als etwas Unange- 
nehmes, ebenso wie die Urninden das lange Kopfhaar. 
Lucians 1 ; Erzählung von der Megilla, die von ihren 
Freundinnen mit männlichem Namen gerufen zu werden 
wünschte, Demonassa ihre Gattin nannte und sich die 
Haare wie ein Athlet schor, und dann rief: „Ha«t 
du je einen so schönen Jüngling gesehen wie mich/ Ut 
recht charakteristisch. 

Die Muskeln der Uranier sind schwächer wie die 
männlichen, wenn auch selten so schwach wie die weib- 
lichen. Infolgedessen besteht meist ein natürlicher Trieb 
zu ruhigen Bewegungen, wie Fußtouren, Wandersport, 
Bergsport, Radfahren, Schwimmen und Tanzen. Wo die 
Körpermuskulatur zu wünschen übrig läßt, zeigt gewöhn- 
lich die Zungenmuskulatur eine stärkere Aktivität, und 
so finden wir denn, daß bei den Urningen, ähnlich wie 
bei den Frauen, die Redseligkeit oft eine recht beträcht- 
liche ist. Einer bemerkt: „Plappern kann ich für zwei, 
aber nur mit Damen oder Gleichgesinnten, Herren dagegen 
genieren mich." 

Von jeher haben Kenner den Gang und die übrigen 
Bewegungen des Homosexuellen als kennzeichnendes 
Merkmal hervorgehoben. Es finden sich kleine, trippelnde, 
tänzelnde, schlürfende, oft geziert erscheinende Schritte, 
auch ein leicht schwebender Gang, dabei leichte drehende 
Bewegungen in Schulter- und Beckengiirtel ; der Rumpf 



') Luciani Samosatenis opera ex recensione, G. Dinriortii. 
Parisii» 1890. Dialogi meretricii S. 671. 




ist vielfach ein wenig vornübergeneigt, der K\ 
unruhiger, als dies beim ausgesprochen män^ 
viduum der Fall ist. Die Gangart ist so chai 
daß ich sehr oft von meinem Sprechzimmer i 
treten erkannte, wenn ein Urning ins Wartezl 
Ein urnischer Pastor gibt folgende Schilderung 
„Es besteht Neigung zu wiegenden Bewegungen 
jedoch diese Neigung so gut als möglich zu ü\ 
da ich mich äußerst beschämt fühle, wenn jen\ 
Damenhaftes an mir entdeckt. Trotzdem ist\ 
dann und wann schon vorgekommen. Besonci 
Gang wurde schon öfters „damenhaft* gefund 
Schritte sind mehr klein, mitunter schlürfend, die S 
wiegen sich beim Gehen etwas hin und her, wei 
wenn ich mir keine Gewalt antue, auch die \ 
Weise, wie ich mich niedersetze, ist schon aufgi 
Ein homosexueller Polizeibeamter erzählt, daß eini 
stets von ihm sagte: „Der Kommissar mit dem 1\ 
Mädchenschritt. tf Der Gang eines Menschen is, 
anatomischen und psychischen Faktoren abhängig 
meine, daß die somatischen Verhältnisse des Urning 
Breite der Hüften, die infolgedessen stärker konvergier« 
Oberschenkel, die schwache Entwickelung der Beuge 
Streckmuskeln auf den Gang nicht ohne Einfluß 
können, daß aber auch seelische Einwirkungen in F^ 
kommen. Dafür spricht, daß Urninge, die sich, um 
nicht zu verraten, ruhigere, gravitätischere Schritte aii 
wohnen, leicht bei Erregungen, oft schon beim Lau 
iu ihre natürliche Gangart verfallen. Der eben zitie 
Polizeikommissar bemerkt: „Meine Schritte waren s 
klein und hüpfend, ich habe es mir aberzogen, es tr 
aber immer wieder hervor, sobald ich neben jungf 
schönen Herren gehe." Auch die urnischen Armb 
wegungen sind meist typisch — man vergleiche d 
Jugend-Bildnis König Ludwigs II. — insbesondere sin 



84 — 



es auch diejenigen Bewegungen, aus denen die Handschrift 
resultiert, welche von ähnlichen körperlichen und psychischen 
Momenten abhängig ist wie der Gang. Dieselbe zeigt 

bei Urningen oft einen 
durchaus weiblichen, bei 
Urninden einen männ- 
lichen Charakter, bei bei- 
den nicht selten auch 
einen solchen, den die 
Graphologen als ge- 
schlechtslos zu bezeich- 
nen pflegen. Daß die 
Brust- und Stimmbe- 
schaffenheit häufig Ab- 
weichungen aufweist, habe 
ich bereits bei Besprech- 
ung der urnischen Puber- 
tätszeit erwähnt, hier will 
ich noch bemerken, daß 
bei den erwachsenen Ho- 
mosexuellen selten volle 
Umkehrungen dieser sekundären Geschlechtszeichen son- 
dern gewöhnlich nur Mittelstufen konstatierbar sind. 

Wie in seelischer, so zeigt auch in körperlicher Hin- 
sicht der Urning und die Urninde eine bemerkenswerte 
Jugendlichkeit. Viele haben kleine, zarte, ihrem Alter 
nicht entsprechende Figuren. Ein hervorragender, mir 
persönlich bekannter Schriftsteller, der jetzt Mitte der 40 
ist, sagt von sich, daß er den Körperbau eines etwa 
15jährigen Jungen habe. Das ist natürlich ein sehr 
extremer Fall, aber Tatsache ist, daß die Urninge meist 
für viel jünger gehalten werden, wie sie sind. Ist die 
Uranierin unverheiratet, so bildet sich bei ihr viel weniger 
der bekannte Typus der alten Jungfer heraus, in der wir 
ein verkümmertes Geschlechts wesen zu erblicken haben. 




König Ludwig II. von Bayern 

in stark femininer Haltung. 



■n 





^ ^ 






^7 



— 85 — 

Die Urninde bewahrt sich im Gegensatz zui 
malen Weibe bis ins hohe Alter eine erstaunliche 
und Elastizität. Ebenso treten auch beim ur 
Junggesellen weniger wie beim normalsexuellen Hai 
die Griesgrämigkeit und die anderen Eigentümlicl 
des ledigen Standes hervor. Im allgemeinen erfreij 
der Urning eines guten Gesundheitszustandes, die 
Standsfähigkeit seines Nervensystems ist in Anbei 
dessen, was er durchzumachen hat, eher als günstl 
bezeichnen. Neben der früher bereits genannten Chli 
und Migräne finden sich nicht selten hysterische Störui 
verschiedener Art, besonders hervorzuheben sind I 
Affektionen, welche an die weiblichen Menstruatid 
erinnern. Ein mir seit einer Reihe von Jahren bekani 
femininer Uranier leidet seit seinem 14. Lebensjahr 1 
28 Tage an Migräne, zugleich an heftigen Rücken- il 
Kreuzschmerzen. Dieselben waren Veranlassung, d 
seine Stiefmutter, bereits als er 20 Jahr war, bemerkt 
„das ist ja bei dir, wie bei uns." Eine Untersuch u\ 
des Urins auf Blutkörperchen hat leider nicht sta^ 
gefunden. Neuerdings — Patient ist jetzt 36 Jahr -\ 
haben die Erscheinungen wesentlich nachgelassen, docl 
tritt immer noch vierwöchentlich eine hochgradige Mattigi 
keit auf. 1 

Der Urning ist im allgemeinen wohlgestaltet] 
sein meist sympathisches Äußere trägt viel zu seiner 
Beliebtheit bei, keinesfalls ist er häßlicher — Möbius 1 )1 
sieht in der Häßlichkeit ein Hauptzeichen der Entartung! 
— wie der Durchschnitt der Normalen. Ich hebe dies | 
besonders Wachenfeld und Bloch gegenüber hervor, welche 1 
auf diesen Punkt in ihrer Ätiologie der Homosexualität 
Wert legten. Wachenfeld 2 ) sagt: „ Mißgestaltete Personen, 



J ) Stachyologie S. 186. 
2 ) A. a. 0. S. 49. 



— 86 — 

die einen naturgemäßen ehelichen Genuß nicht erhotl'eii 
können, neigen eher zur Homosexualität, als solche, die 
dem Weibe begehrenswert erscheinen, - und Bloch ') ver- 
tritt sogar die kühne Hypothese, daß Michelangelo wegen 
seiner Häßlichkeit homosexuell geworden sei. Er sagt 
wörtlich: „Michelangelos Häßlichkeit war so groß, daß 
er in jungen Jahren nie die Liebe kennen lernte und zu 
homosexuellen Neigungen, die sich in seinen Sonetten an 
Tommaso Cavalieri, Luigi de Riccio, Cecchino Bracci 
kundgaben, gedrängt wurde." Diese Angaben beruhen 
auf völliger Unkenntnis des einschlägigen Materials. 

Man hat eingewandt, daß es Männer gibt, die sehr 
feminin erscheinen und gleichwohl völlig normal em- 
pfinden. Das mag vorkommen, ebenso wie es vorkommt, 
daß manche homosexuelle Männer einen durchaus männ- 
lichen Eindruck machen. Es ist jedoch zu bemerken, daß 
derartige Urteile meist nach dem Äußeren ohne die un- 
bedingt erforderliche Körperuntersuchung abgegeben 
werden und daß in solchen Fällen der sorgsame Expert 
stets psychische Zeichen finden wird, welche die Ubergangs- 
stufe charakterisieren. Einen Homosexuellen, dersich körper- 
lich und geistig nicht vom Vollmann unterscheidet, habe 
ich unter 1500 nicht gesehen und glaube daher an sein 
Vorkommen nicht eher, bis ich ihn persönlich kennen 
gelernt habe. 



Was neben den bisher genannten Symptomen den 
Urning und die Urninde nun aber in ganz hervorragen- 
dem Maße vom Vollmann und Vollweib unterscheidet, 
ist, daß ihnen der Trieb der Arterhaltung gänzlich 
mangelt. Diese negative Seite der Erscheinung, die zum 
mindesten so wichtig ist, wie die positive, die gleieh- 

Bd. I. 




— 87 — 

geschlechtliche Anziehung, haben die Autor« 
Variationsbedürfnis, in Verführung oder 
Ursache der Homosexualität erblicken, fast i 
Wenn nicht äußere Einflüsse und Rücksicht^ 
schlag gäben, würde kein Urning überhaupt 
Gedanken kommen, eine Familie zu gründen.! 
von denjenigen ab, die aus Zweckmäßigkeitsgri 
eingingen, so haben nur 3% den Wunsch, Kin 
sitzen, und zwar sind dies ganz besonders fei 
sehr pädagogisch Veranlagte. Die ersteren wünl 
dann selbst zu gebären, so schreibt ein urnischer 
„Ich möchte ein Kind bekommen, aber selbst! 
einer Frau" und ein anderer bemerkt: „Ein Kin 
ich haben, doch muß ich es selbst zur Welt bril 
der Vater müßte schön und gut sein." Umgeki 
eine sehr virile Urninde aus: „Ich möchte ein B 
sitzen, doch natürlich nur, wenn ich der Vater^ 
Die pädagogische Gruppe der Uranier wünscht si^ 
einen Knaben, den sie heranbilden und erziehei 
Die urnischen Ehefrauen fühlen sich oft überaus ur\ 
lieb, wenn sie gravid werden, es mangelt ihn 
mütterliche Instinkt meist gänzlich und sie suche 
Möglichkeit einer Empfängnis vorzubeugen oder gl 
geschehene zu anullieren. Mir sind drei verhei! 
homosexuelle Damen bekannt, von denen zwei bek! 
Namen tragen, die wegen ihrer Schwangerschaft vori 
gehend maniakalische Erregungszustände mit Suicf 
ideen bekamen. Bei vielen kommt es überhaupt nie 
zum Koitus. Nicht selten schreitet man dann zur 
Scheidung, die früher, als man noch „gegenseitige j 
neigung* als Scheidungsgrund gelten ließ, wesentl^ 
leichter war. Die urnischen Frauen, welche eine E 
eingehen, für die sie nicht geschaffen sind, versündig 
sich schwer, wenn auch unwissentlich, an den normi 
sexuellen Frauen, denen sie die für sie bestimmten Männ< 



"'»'»II r~, *» — 

SSrsSSSSC-ssfcs 




Schuld zur Hölle für uns werden sollte. — Ich bq 
los getäuscht über die Macht der mir offenbar an^ 
Trotz Aufbietung meiner gesaraten Willenskraft 
Horror, den ich stets gegen geschlechtlichen 
Weibe empfunden, auch der mir angetrauten, 
gegenüber nicht überwinden; die Hochzeitsreise na^ 
Italien wurde zu einer seelischen Marter für uns \ 
verstimmt und einander entfremdet kehrten wir zi 
Heim, das, von treuer Eltern- und Geschwisterlich^ 
geschmückt, unser wartete. 

Seither sind lange 15 Jahre vergangen; meine\ 
leben neben-, aber nicht für einander und führen ii 
der Welt eine musterhafte Ehe! Über den schwere 
Punkt haben wir nie mehr gesprochen, seitdem ich 4 
anbot, damit sie an der Seite eines ihr würdigeren \ 
glücklicheres Dasein finden könne. Sie, die von meii 
keine Ahnung hat und meint, es liege demselben ein 
Fehler bei mir zu Grunde, erklärte mir, mich Dicht vi 
wollen, da sie mich trotz Allem liebe. — Wie sehr ich\ 
Schuldbewußtsein leide, ein so edles weibliches Wesel 
elendes Schicksal gekettet zu haben, kann ich nicht bei 
Mein Dasein ist eine endlose Kette geheimer Seelenqui 
Ängstigungen; ich lebe immer in Furcht, meine Leid 
könne offenkundig werden, namentlich erst recht seit dem 1 
prozeß, der sich erst vor wenig Monaten in den hiesigem 
abgespielt und in welchem durch eine Bande schrecklii 
presser mehrere Herren aus der besten Gesellschaft 'ö{ 
bloßgestellt und unmöglich gemacht worden sind, dank 
immer noch verfolgenden öffentlichen Meinung. 

Die sexuelle Gleichgültigkeit des Homosexii 
gegen das andere Geschlecht ist fast stets eine vollkomn 
bei sehr vielen ist die Abneigung vor dem Akt, nanl 
lieh, wenn sie ihn erst kennen gelernt haben, ganz u^ 
mein groß; manchen steht der vorgenommene Vers\ 
als ein schreckliches Ereignis in der Erinnerung, and 
geben an, sie hätten auf Rat eines Arztes den Verk^ 
vollziehen wollen, es aber höchst lächerlich gefundi 
wieder andere sprechen von dem Gefühl tiefster Erniecf 
rung, das sie dabei verspürten, während bei einer niel 



\ 



— 90 — 

unbeträchtlichen Zahl schwere Nervenstörungen post 
coitum aufgetreten sind. Wir geben einige Mitteilungen 
wieder, die zeigen, wie sehr die Urninge die Fortpflanzung 
und den Geschlechtsverkehr mit dem Weibe, wohl ge- 
merkt nur diesen, perhorrescieren. Ein 31 jähriger Land- 
wirt schreibt: «Familiensinn ist bei mir nur insoweit vor- 
handen, als ich meine Eltern zärtlich liebe, auch zu 
meinen Geschwistern fühle ich mich hingezogen. Der 
Gedanke, selbst eine Familie zu gründen, existiert für 
mich nicht, weil er mir schaudererregend ist. Geschlechts- 
verkehr mit dem Weibe ist mir ganz unmöglich, ich fühle 
mich von Ekel erfüllt, wenn ich nur an die Möglichkeit 
denke. Versuche, den normalen Akt auszuüben, habe 
ich nie angestellt und werde es voraussichtlich, weil der 
Widerwillen zu groß ist, niemals können. Weil mir junge 
Damen unheimlich waren, nahm ich schon keine Tanz- 
stunde, ich besuche keine Bälle und meide möglichst Ge- 
sellschaften, zu denen junge Damen herangezogen werden. 
Meine Unbehülflichkeit jüngeren Mädchen gegenüber 
scheint man, ohne Argwohn zu schöpfen, bemerkt zu 
haben, denn es ist mir neuerdings angenehm aufgefallen, 
daß man mich zwischen bejahrte setzt, mit denen ich 
mich zwanglos, gern und rege unterhalte." Ein anderer 
berichtet: „Meinem Freunde zu Liebe besuchte ich das 
erste Mal das Bordell. Ich war entsetzt, daß es mir 
nicht gelang, den Coitus zu vollführen, jeglicher Sinnes- 
regung baar lag ich in den Armen des Weibes. Außer 
mir vor Scham sprang ich endlich auf und markierte den 
Betrunkenen. Ich habe mich wohl ein Dutzend Mal für 
junge Mädchen interessiert, es fielen aber dabei nur ihre 
geistigen Eigenschaften ins Gewicht, ein Geschlechts- 
verkehr ist mir dabei nie wünschenswert erschienen. Diese 
meine sogenannten Geliebten waren meist Mädchen von 
auffallender Häßlichkeit, während ich mit einem häßlichen 
Kameraden nie gern verkehrte. Ein besonderes Ver- 




91 — 



gnügen bereitete es mir von meiner Gymnasi! 
Brüderschaften zu trinken, da das dabei v<J 
dreimalige Küssen mir höchst angenehme G\ 
ursachte. Dagegen beteiligte ich mich höchst! 
Pfänderspielen, bei denen die Gefahr bestand! 
küssen zu müssen." Ein urnischer Hotelier, ! 
Bekannten „die wissenschaftliche Köchin B nennen! 
„Ich begreife den normalen Akt ebensowenig^ 
normaler Mensch den meinen begreift, ich war! 
merkte aber noch rechtzeitig, daß es sinnlos \ 
und mein Unglück, da machte ich uns wiedl 
Ein Franzose von 38 Jahren gibt an: „Ich habe \ 
einem Weibe zu tun gehabt und könnte es nicht u\ 
in der Welt. Hübsche Gesichtszüge bewundere! 
vorübergehend bei einem Weibe, wie man ein hü 
Bild betrachtet, sollte ich dasselbe Weib aber nacl 
mir sehen, oh, mon dieu! ich würde die Flucht ergr^ 
Ahnlich erzählt ein Schweizer: „Vor dem intimeren! 
kehr mit weiblichen Personen empfinde ich einen uni 
windlichen Abscheu und habe daher nie ein Weib! 
rührt. Der Umgang mit Damen ist herzlich, so 14 
sie keine wärmeren Gefühle für mich zeigen, gescr 
dies, so erwacht ein Unlustgef ühl und ich ziehe mict 
bald wie möglich zurück. tf Ein 26 jähriger Arbeiter 
richtet: „Als ich, 17 Jahre alt, einmal von einem älter 1 
Freunde verleitet wurde, mit einem Weibe geschlect 
liehen Umgang zu pflegen — ich wußte damals no<! 
nichts von meiner urnischen Natur — empfand ich eine! 
derartigen Ekel, daß ich Erbrechen bekam. Seitdem hatti 
ich eine heilige Scheu vor der Berührung mit dem Weibe» 
bis ich vor wenigen Wochen, zur Verzweiflung getrieben,! 
mit meiner Natur zu brechen suchte, vergebens, es trat» 
weder eine richtige Erektion noch Ejakulation ein, dagegen 
habe ich mir infolge der vergeblichen Anstrengungen eine 
Gliedentzündung zugezogen." Endlich ein Kaufmann 



— 92 — 

aus Bayern: „Die Folgen des wiederholten Verkehrs mit 
dem Weibe waren schwere Nervenstörungen, starkes Un- 
wohlsein mit Erbrechen und tagelange Migräne. Der 
Geruch, welchen das Weib ausströmt, verursacht mir das 
größte Unbehagen, ich bin unfähig, ein Weib zu befriedi- 
gen, wogegen die Umarmung eines Soldaten mir ein un- 
aussprechliches Wonnegefühl verschafft und mich kräftigt 
und stärkt" Es ist durchaus nicht selten, daß Urninge 
die erste Kenntnis ihrer Homosexualität von Prostituierten 
erhalten. Einen bezeichnenden Fall berichtet mir ein 
herrschaftlicher Diener, welchem von einem Arzt, den er 
wegen Impotenz konsultierte, nach längerer Anwendung 
des elektrischen Stroms geraten ward, einen Kohabitations- 
versuch vorzunehmen. Als die Prostituierte in ihrer 
Wohnung sich vergeblich bemüht hatte, ihn sexuell zu 
erregen, betrachtete sie sich ihn etwas genauer und sagte 
dann in unverfälschtem Berliner Dialekt: „Weeste denn 
nich, daß Du en Warmer bist, ick werde Dir meenen 
Luden (Zuhälter) rufen, paß uf, mit dem kannste." Der 
Vorschlag wurde von den drei Beteiligten erfolgreich 
in die Tat umgesetzt und der Diener wußte seitdem über 
sich Bescheid. 

Schrenck-Notzing hat in seinem Werke ') den Homo- 
sexuellen die Eheschließung und einen geregelten Ge- 
schlechtsverkehr mit dem Weibe geraten, wobei er sogar 
empfiehlt, unter Umständen bei den ersten Debüts die 
Alkoholwirkung zu Hilfe zu nehmen. Der Vergleich mag 
etwas kraß erscheinen, aber mir kommt dieser Vorschlag 
nicht viel anders vor, als wenn ein Arzt einem Normal- 
sexuellen, der ein Mädchen unglücklich liebt, raten würde, 
er solle, um seinen Trieb loszuwerden, sich berauschen 
und mit einem Manne sexuell verkehren. 



') a. a. 0. S. 205 ff. 



— 93 — 

Die Abneigung vor dem zur Erhaltung 
eigneten Verkehr ist bei fast allen Urninj 
tiefgehende, ich möchte fast sagen selbstverstä] 
sich daraufhin unter der Mehrzahl von ihne 
nung gebildet hat, die Natur wolle durch sie \ 
völkerung vorbeugen. Nun bin ich zwar auc\ 
sieht Näckes, daß man die ganze Homosexual\ 
mit theologischen noch mit teleologischen Augd 
dürfe, sondern nur mit nüchtern naturwissensch 
ich möchte aber doch dieser weitverbreiteten An\ 
gegenüber geltend machen, daß, wenn das Ai 
eines Stammes der Hauptzweck der Homosexualiti 
es völlig unnötig erscheinen würde, der negath 
positive Gefühlsrichtung entgegenzusetzen. Ich me\ 
letzterer wohl auch ein positiver Zweck entsprechen^ 
nämlich der, daß der homosexuelle Trieb, welcher 
heterosexuelle, mit dem ganzen Fühlen und Wol^ 
fest verknüpft ist, auch wie dieser Anstoß und Kri 
nutzbringender Betätigung der Persönlichkeit gebe: 
Wenn es für den Menschen einen Daseinszweck gi 
ist es jedenfalls die Liebe an und für sich, die stets fri 
bar ist, auch wenn sie nicht der Erzeugung wiedei 
zeugender Wesen dient. Die Liebe ist eine Triebk 5 
die sich immer in produktive Arbeit umsetzt zur Gei 
tung und Weiterbildung von Menschen und zwar nJ 
nur in körperlichem Sinn. Tolstoi sagt einmal: „Liel 
ist Streben nach dem Wohle anderer," ein Wort, das 
der Bibelspruch, daß Gleichgültigkeit alles tot, Liebe al 
lebendig macht, eine unantastbare Wahrheit enthä] 
Würden die von der Fortpflanzung ausgeschlossene^ 
Menschen überhaupt keine Liebe fühlen, ihre egozentrischi 
Interesselosigkeit würde eine Gefahr für die andern bei 
deuten. In den Uranfängen der Sprache erhellen sich! 
oft durch Gewohnheit verdunkelte Begriffe. Das Wort 
Sexus = Geschlecht kommt von sequi = folgen, der Ge- 



— 94 — 

schlechtstrieb ist ursprünglich nur der Trieb zu folgen, 
sich andern anzuschließen, und damit ist er der freilich 
oft nur leise durchschimmernde psychologische Hintergrund 
jeder sozialen Regung. Der Monosexuelle folgt nur sich 
allein; die wenigen Monosexuellen, die ich persönlich ge- 
sehen habe, es waren drei zur Einsamkeit und Eigen- 
bewunderung neigende Onanisten mit ausgesprochener 
Antipathie gegen beide Geschlechter, zeichneten sich durch 
den denkbar größten Indifferentismus nicht nur allen 
Menschen, sondern auch allen Dingen gegenüber aus. 

Daß es sich aber bei der homosexuellen Empfindung 
um wirkliche Liebe handelt, die in allen ihren Details ein 
vollkommenes Äquivalent der heterosexuellen Liebe dar- 
stellt, darüber kann für den Kenner auch nicht der ge- 
ringste Zweifel obwalten. Auch Krafft-Ebing hat auf 
die absolute Analogie hingewiesen *), welche sich in der 
Entfaltung der normalen und conträren Vita sexualis 
findet; diese Übereinstimmung ist, wie allerdings nur eine 
sehr lange und genaue Beobachtung erweisen kann, in der 
Tat in allen physiologischen und pathologischen Einzel- 
heiten eine so eminente, daß es eigentlich nur zwei Mög- 
lichkeiten gibt, entweder sind beide Triebe als integrierender 
Bestandteil der Persönlichkeit eingeboren oder es ist auch 
die Liebe zwischen Mann und Weib kein eingeborener 
Naturtrieb, sondern eine durch äußere Ursachen im Ver- 
laufe des Lebens erworbene Eigenschaft. 

Wie bei den Heterosexuellen, so gibt es auch bei den 
Homosexuellen solche, bei denen der Geschlechtstrieb im 
engeren Sinn nur eine mehr oder weniger untergeordnete 
Rolle spielt, und andere, die von ihrer Leidenschaft völlig 
beherrscht werden. Man hat den Urningen dann und 
wann vorgeworfen, daß ihre sinnliche Neigung sie in viel 
höherem Maße erfülle und beschäftige wie die Normalen. 



l ) Über sexuelle Perversionen S. 129. 




Doch ist hier zu bedenken, daß letztere in der \ 
Lage sind, ihre Frauen und Mädchen so oft 
sehen, wie sie wollen. Sinnesregungen, dene 
jeder Zeit und ohne Gefahr Genüge geleistet wei 
sind nicht dazu angetan, die Seele sonderlich in ' 
zu nehmen. Anders bei dem Uranier, der denselt 
meist nur mit den größten, oft seine ganze Exi^ 
drohenden Schwierigkeiten, nach langer Zurüct 
seiner Gelüste befriedigen kann. Immerhin gibi 
nug Urninge, die die Kraft völliger Entsagung 
es wäre aber verfehlt, wollte man daraus den 
ziehen, daß sich alle anderen ebenso gut beher\ 
könnten, so wenig man außereheliche Abstinenz ver^ 
wird, weil ein gewisser Prozentsatz * sie innehält. \ 
fallen dabei die Worte ein, welche mir einmal ein Mi 
seiner Neigung gemaßregelter Offizier in begreifll 
Aufwallung schrieb: »Die Herren der Schöpfung sol 
wissen, was es heißt, wegen irgend einer erotischen Läpp* 
ewig boykottiert zu sein. Drehe man einmal den Sri 
um und stelle einen Gesetzesparagraphen hin, nach d\ 
jeder außereheliche Beischlaf mit Zuchthaus oder n 
Gefängnis und mit Aberkennung der bürgerlichen Ehre! 
rechte zu bestrafen sei. Selbst wenn solcher Paragraph 
nur ein Jahr in Kraft wäre, was würde die Welt für eil 
herzzereißendes Schauspiel erleben; wieviel Existenzen 
würden vernichtet werden, wieviel junge Leute sich dem^ 
freiwilligen Tode weihen; aber wir Uraniden würden ge- 
rächt sein für die unendliche Schmach, die man seit 
Jahrtausenden über unser Haupt heraufbeschworen hat." 

Hören wir einige Berichte keuscher Homosexueller. 
Ein urnischer Student von 23 Jahren schreibt: 

„Ich habe keinerlei geschlechtlichen Verkehr gepflegt. Der 
Geschlechtstrieb ist sehr stark, die Selbstbeherrschung jedoch 
ebenfalls stark. Daß ich mich auf Kosten der Gesundheit be- \ 
herrsche, ist mir völlig klar. Der Kampf hat mich schon so er- 



— 96 — 

mattet, daß ich zusammenstürzte. Der Gedanke an die Blöße 
eines Weibes ist mir so verhaßt, daß es mir absolnt unmöglich 
ist, auch nur an den Versuch eines normalgeschlechtlichen Aktes 
zu denken. Mich fesseln nur hochgebildete, vornehme Naturen, 
die ich am höchsten stelle, wenn sie sanftmütig und kraftvoll 
zugleich sind. Ärzten und Offizieren gebe ich den Vorzug. Beide 
Typen sind gebildet und stehen im freien, tätigen, gesunden 
Leben. Bei beiden ist das Moment der Bewegung, das mir auch 
die Musik zur liebsten Kunst macht. Von meinem 15. bis 22. Jahr 
war mein Leben beherrscht von einer nie zu beschreibenden 
idealen Liebe zu einem jungen Mediziner, einem trotz seiner 
Jugend — er ist jetzt 26 — ganz eminenten Kopfe. Es ist eine 
schlanke, strenge Gestalt, mit einem Empirekopfe, durchaus 
normalempfindend und ein harter Charakter. Im ersten Jahr 
unserer Bekanntschaft war er mir freundschaftlich außerordentlich 
zugetan. Damals war ich ganz glücklich, ganz wunschlos und 
bemitleidete alle Könige der Welt ob ihrer Armut. Ich verband 
meinen Freund in mystischer Weise mit meinem Gottesbegriff; 
mein Leben hatte als Pole: „Christus" — „Lothar." Als mir 
nach P/g Jahren klar wurde, daß — um mit Platen zu sprechen 
— der schöne Spröde seine Seele mir nie offenbaren würde, ver- 
lor ich damals schon viel, ja das eigentliche Wesen meines 
Himmels. Ich kämpfte hart, auch mit ihm und namentlich wegen 
seiner irreligiösen Lebensauffassung. Vor einem Jahre verlobte 
er sich, ich war nicht eifersüchtig, ich war nur wie tot; nur mein 
Gedanke, ins Kloster zu gehen, hielt mich aufrecht. Ich sagte 
ihm damals alles — er nahm es kalt, wissenschaftlich, nicht ohne 
etwas Roheit auf. Seit einem Jahre sah ich ihn nicht mehr, 
korrespondiere auch nicht mehr mit ihm. Wachend fühle ich auch 
keine Sehnsucht mehr nach dem einstigen Geliebten, die hat sich 
in 6 Jahren an seinem Egoismus und seiner materialistischen 
Lebensauffassung verblutet. In längeren Abschnitten träume ich, 
daß er zu mir kommt und mich küßt und dann weine ich im 
Schlaf. Im Leben hat er mich nie geküßt." 

Ein sehr intelligenter Akademiker von 39 Jahren, 
der die große Merkwürdigkeit aufweist, daß bei ihm 
überhaupt noch nie eine Ejaeulatio seminis stattgefunden 
hat, giebt folgende Schilderung: 

„Meine Leidenschaft ist keine gewaltig lodernde Flamme, 
die über mein ganzes Denken und Sinnen zusammenschlägt und, 
wenn sie keine Nahrung findet, alles Glück verzehrt, sondern ein 




glimmendes Feuer, das nur von Zeit zu Zeit stärl^ 
Ich kann nicht sagen, daß mit der Unmöglichkeit, ] 
„all mein Glück dahin" ist. Ich habe noch so viele \ 
Ideale in der Freude an der herrlichen Natur und \ 
daß ich bis jetzt ein im ganzen glückliches Leben 
jedenfalls intensiver genießend, als mancher normi 
außer im Geschlechtsleben die Kulmination seiner \ 
Stammtisch findet. Nur bisweilen, wenn meine 
stärker erregt, vergebens nach Befriedigung ringt, 
meine Dornenkrone stärker. Einst liebte ich einer! 
meinem Alter, an Bildung weit unter mir stehend, del 
Beobachter kaum schön genannt haben würde. Meil 
wurde erst zur Leidenschaft, als ich ihn persönlich kel 
und fand, daß er einen sehr ehrenwerten Charakter, gut! 
und einen auffallenden Bildungsdrang hatte. Ich u{ 
seine Lernbegierde und seinen Eifer, seine Fortschritte 
mich manchmal in Begeisterung, dann schien er mir \ 
schön zu sein. Er sah in mir seinen Freund und Wohl\ 
liebte ihn nicht nur geistig, sondern mit allen meinen Sil 
oft kostete es mir meine ganze Willenskraft, mich zu behd 
Jede Gelegenheit suchte ich, um seine Hand zu berühr^ 
gar neben ihm sitzend, den Arm vertraulich um seine 
zu legen. Ob ich ihm nicht mitunter in meinem Benehmel 
auffällig vorkam, ich weiß es nicht. Jedenfalls blieb er\ 
gleichmäßig freundlich. Alle Qualen der Eifersucht hat 
durchgemacht, wenn ich einmal zu bemerken glaubte, 
gegen jemand anders freundlicher war, als gegen mich. Es ' 
strebt mir, näher auf dies Verhältnis einzugehen, ich möcht^ 
bemerken, daß es durchaus ideal geblieben und nie über di 
wähnten Vertraulichkeiten hinausgegangen ist. 

Noch „platonischer* ist die homosexuelle Liebd 
einem dritten Fall: \ 

„Kurz bevor ich meine Natur entdeckte, indem mir \ 
Kollege, der mich über sich selbst aufklären wollte, den Moll\ 
die Hand gab, hatte ich mein Herz an einen Unteroffizier d 
Artillerie verloren, einen Mann von stolzer, herrlicher Schönhe 
Er wohnte ganz in meiner Nähe. Als ich ihn zum ersten Mai 
auf der Straße sah, blieb ich wie festgewurzelt stehen und blickt 
ihm nach, bis er mir entschwand. Von nun an sah ich ihn öfte 
und wie sehnte ich mich nach diesen Begegnungen, und wenn e\ 
kam, wie stockte mir der Atem, die Kehle war mir wie zuge4 

Jahrbuch V. 7 



— 98 — 

schnürt! Gingen wir entgegengesetzt, dann kehrte ich um und 
folgte ihm, mit den Blicken die wunderbare Gestalt verschlingend. 
Ich fand bald heraus, um welche Zeit er ungefähr abends aus der 
Kaserne nach Hause kam. Ich saß dann am Fenster und wartete 
geduldig, ein moderner Toggenburg, um ihn blos für einige 
Sekunden zu sehen. Wenn sich seine Heimkehr verzögerte, saß 
ich so wohl eine Stunde und länger, ein Buch oder eine Zeitung 
in der Hand, bei jedem Säbelklirren zusammenfahrend. Oft 
fürchtete ich, er könne mein Benehmen bemerken, aber nein, 
gleichgültig streifte mich sein Blick wie jeden beliebigen anderen 
Menschen, wenn ich an ihm vorüberging. So ging es viele Jahre, 
ohne daß ich je gewagt hätte, seine Bekanntschaft zu machen." 

Wie die Sehnsucht, so trägt auch die mit ihr so 
oft verschwisterte Eifersucht bei beiden, der anders- und 
gleichgeschlechtlichen Triebrichtung einen vollkommen 
entsprechenden Charakter. Ein urnischer Militär— Inten- 
dantur-Beamter erzählt, dass er aus Eifersucht einem 
normalsexuellen Freunde, den er „ wahnsinnig" liebte, alle 
Mädchen „ausspannte," in die dieser sich , vergafft* hatte. 

Unter den Homosexuellen findet man genau wie unter 
den Heterosexuellen polygame Don Juan-Naturen, deren 
Liebe sich bald diesem, bald jenem zuwendet, und mono- 
game, deren beharrliche Treue jedem Ehebündnisse zur 
Ehre gereichen würde. Auch hier zwei Beispiele. Ein 
homosexueller Buchhändler von 33 Jahren erzählt: 

„Als ich 20 Jahre alt war, lernte ich einen 17 jährigen Jüng- 
ling kennen. Ohne von meiner Veranlagung zu wissen, fühlte 
ich mich zu ihm unaussprechlich hingezogen. Da er vollständig 
weibliebend war, konnte er meine Liebe nur mit Freundschaft 
erwidern. Ich nahm den Jüngling zu mir und arbeitete und darbte 
für ihn. Auch er hing an mir mit einer Freundesliebe, die ihres 
gleichen suchte. Ich verlebte selige, glückliche Zeiten. Nach drei 
bis v}er Jahren aber kam das Unglück, in ihm erwachte jetzt die 
Liebe zum Weibe. Er konnte es nicht verstehen, daß es mich 
schmerzte, wenn er sich in den Armen eines Mädchen befriedigte. 
Ich rang und kämpfte mit mir selbst, ich wollte fühlen lernen wie 
andere Menschen. Mein Herz sträubte sich, daß mein Liebling 
nicht mehr ganz mein eigen sein sollte, wenn er mir auch sagte» 
daß er mich noch eben so lieb hätte wie früher. Damals war ich 




noch sehr religiös, ich flehte zu Gott, aber mir w\ 
keine Bettung. Mein Freund wußte mir keinen \ 
geben, als es auch mit Weibern zu versuchen. 1 
und ging eines abends mit zu einer Maitresse. Ä 
bei ihr im Zimmer war, bebte ich an allen Gliedern} 
liehe Erregung war kein Gedanke, kurz entschlösse; 
Hause und ließ dort meinen Tränen freien Lauf, 
mir klar, daß ich nicht wie andere Mensch en war, 
die Stunde der Erlösung. Ich kaufte „die Enterb tel 
glucks" und wie Schuppen fiel es mir von den 
wußte nun, daß ich mit meinen Gefühlen nicht 
Welt war; der Schmerz war stark, wie ich mich je\ 
kannte, aber ich segne die Zeit, wo ich Aufklärung fa 
sie lernte ich auch Nachsicht mit den Gefühlen meind 
haben. So sind die Jahre dahingegangen und noch heute i 
zehn Jahren wandle ich mit meinem Liebling, den ich all 
jährigen Jüngling kennen lernte, Hand in Hand dui 
Leben. Mit meinem Schicksale zufrieden, die heilige 
liebe im Herzen, denke ich mir oft, der glücklichste Ml 
Erden zu sein. Selbst nicht die harten Urteile der Mens<} 
unsere Liebe sind mehr im Stande, die Zufriedenheit 
meines Herzens zu erschüttern. Ich denke: „Sie sind wit 
und wissen nicht was sie tun." Meine grenzenlose Liebt 
den vielen Jahren nicht vermocht, in meinem Liebling ai 
eine Idee von dem Triebe zum Weibe auszulöschen, obw\ 
stets von Zeit zu Zeit mit ihm geschlechtlich verkehrte." \ 
Im Gegensatz zu diesem Fall will ich die 
Zeichnungen eines polygamen Homosexuellen wieder] 
Es ist derselbe, den wir schon früher als urnischen Kd 
kennen lernten und den im weiteren Verlaufe des Le 
der Fluch seiner orthodoxen Familie durch alle 
jagte. Er schreibt: 

„Ich habe mich, um meinen geschlechtlichen Reiz zu befriedig 
in der Folge wohl hunderten von Leuten der verschieden! 
Nationen hingegeben. Dabei habe ich aber absolut meinen eigei 
Geschmack gewahrt, denn mit einem mir physisch unsympatisc] 
Menschen ist es mir überhaupt nicht möglich, geschlechtlich 
verkehren. Männer, die ich geliebt habe, hatten immer etwi 
von der Idealgestalt meiner Jugend. Dahin gehören männlicl 
aussehende, kräftige Gestalten und Gesichter, frische, gesundi 
Farben, fröhliche, wenn möglich, blaue oder graue, treuherzige! 

7* 



— 100 — 

offene Augen, ein frischer Mund, schöne Zähne und möglichst 
großer Schnurrbart. Schöne Männer, die sich weibisch benehmen, 
sind mir ekelhaft. Jnnge Leute, oder auch ältere ohne Schnurr- 
bart kann ich nicht leiden, ebenso ist mir jeder Bart außer dem 
Schnurrbart höchst unsympathisch. Schöne Gestalten sind mir 
lieb, aber das Gesicht ist ausschlaggebend. In Deutschland sind 
es Soldaten, Unteroffiziere, Offiziere, Schaffher, Schutzleute, Post- 
beamte, Droschkenkutscher, Portiers, Maurer, Arbeiter, besonders 
in hohen Stiefeln und Lederhosen, unter denen ich die mir sym- 
pathischen Erscheinungen meistenteils gefunden. Selbstverständ- 
lich kann ein solches Verhältnis nie von Dauer sein, da nur das 
rein sinnliche Element dabei in Beträcht kommt, doch momentan, 
noch kürzlich, konnte ich mich für einen schönen Ulanenunter- 
offizier dermaßen interessieren, daß ich ihm stundenlang nachge- 
laufen bin, bis es mir gelang, eine Gelegenheit auszunützen, bei 
der ich in unauffälliger Weise mich eng an ihn schmiegen konnte. 
Ich entdeckte in ihm einen Gleichgesinnten und längere Zeit war 
dieses Verhältnis im^Stande, mich völlig auszufüllen. Unter den 
höheren Ständen finde ich viel seltener mir körperlich sympathische 
Leute, dagegen unterhalte ich mich oft und gerne mit ihnen und ver- 
kehre in ihren Kreisen. — Ich finde überhaupt, daß im Vergleich 
mit dem wirklich gebildeten Amerikaner, Irländer oder Engländer 
der Deutsche, was männliche Erscheinung und männliches Wesen 
anbelangt, oft einen gezierten, fast weibischen Eindruck macht. 
Im homosexuellen Verkehr ist mir der Franzose am unange- 
nehmsten. Er hat eine mir abscheuliche Art und Weise hundert 
Küsse zu geben, die nicht einen wert sind. Er ist in seinen 
Liebesbezeugungen von einer hastigen, affektierten Leidenschaft. 
Den Italiener ziehe ich bedeutend vor, er ist wirklich leiden- 
schaftlich empfindend und in seiner Art sich zu geben liegt etwas 
tieferes, ernsteres. Mit Spaniern ging es mir ebenso. Am liebsten 
hatte ich den Irländer, es ist entschieden die männlichste Nation, 
die ich kenne. Wenn er jemand wirklich zugetan ist, so ist er 
treu und aufopferungsfähig wie kein anderer. Amerikaner und Eng- 
länder waren mir meist angenehm — oft aber etwas zu kühl und 
geschäftsmäßig. Dänen, Norweger und Schweden fand ich oft 
geziert. Rein sinnlich beim Akt, den Reiz oft bis zum Wahnsinn 
steigernd, sind die slavischen Völker. Mit Negern, außer Misch- 
lingen mit rein kaukasischer Gesichtsbildung und ohne Wollhaar, 
habe ich nie zu tun gehabt, obwohl sie vielfach ihrer stark aus- 
gebildeten Genitalien wegen beliebt sind, Sie sind feurig, fast 
tierisch wild, wenn sinnlich erregt. Vor den asiatischen Rassen 




habe ich stets Abscheu empfunden, mit Ausnah 
und Persern, mit denen ich nie homosexuell verk^ 
Wenn ich die frischen Lippen eines Mannes 
küsse, und seine feste Gestalt umfasse, dann eri 
in mir die Sehnsucht, auch Geist und Verständnis! 
mich körperlich reizt, vereinigt zu finden. Im Grun<^ 
immer unwillkürlich die mit den Augen des 
Knaben geschaute und wohl in der Erinnerung id\ 
stalt jenes Offiziers, nach der ich rastlos jage und; 
allen Nationen, in den verschiedensten Klassen der 
die zu finden ich jetzt fast aufgegeben habe, ohne^ 
danach lassen zu können. 

Bei der Diagnostik der echten Homosexua\ 
Näcke *) mit vollem Recht besonders Wert auf d^ 
weis, daß auch, ebenso wie der Heterosexuelle 
sexuell träumt, das Traumleben der Homosexuell 
seiner Triebrichtung beherrscht wird. Wie eil 
große Anzahl von Einzelmitteilungen zeigt, ist dl 
sächlich durchgängig der Fall. Dabei erscheint \ 
beachtenswert, daß die angenehmen Träume der \J\ 
auch schon vor Eintritt der Reife von gleichgescli 
liehen Vorstellungen erfüllt sind, 2 ) sowie daß nich\ 
tische Träume qualvoller Art durchaus nicht selten i 
normale Gohabitationsversuche hervorgerufene Beän 
gungen zum Gegenstande haben. Ein Urning gibü 
„Ich träume oft, ich bin verlobt oder verheiratet. Dl 
habe ich das Gefühl furchtbarer Beklommenheit \ 
einer undefinierbaren Angst." Hie und da kommt\ 



*) Näcke: Kritisches zum Kapitel der normalen und patl 
logischen Sexualität. Archiv f. Psych. Bd. 32. Heft 1. (1899.)\ 

Näcke: Die forensische Bedeutung der Träume. Archiv \ 
Kriminalanthr. 1900. 3. Bd. \ 

Näcke: Probleme auf dem Gebiet der Homosexualität in de 
H. Laehrschen Zeitschrift f. Psychiatrie etc. 59 Bd. S. 812. 81^ 
und 825. 

2 ) Man vergl. das bei der Schilderung des urnischen Kinde? 
Angeführte. 



— 102 — 

vor, daß Urninge sich scheuen, mit Angehörigen das 
Zimmer zu teilen, weil sie befürchten, sie könnten durch 
„Sprechen aus dem Schlaf* ihre homosexuellen Neigungen 
verraten. Ähnlich wie im Traum dokumentiert ' sich auch 
in der Trunkenheit deutlicher die geschlechtliche Tendenz, 
indem ja der Alkohol durch Lähmung des kritischen 
Oberbewußtseins das Gefühlsleben mehr hervortreten 
läßt. Überhaupt tritt das Elementare und Natürliche 
der urnischen Liebe überall da besonders deutlich her- 
vor, wo die Hemmungsvorstellungen in stärkerem Grade 
ausgeschaltet sind. Ein älterer urnischer Staatsbeamter 
teilte mir mit, daß er einem lang gehegten Wunsche 
entsprechend vor einiger Zeit in seinen engeren Kreisen 
einen jungen Konträrsexuellen von etwa 20 Jahren kennen 
lernte. Er berichtet darüber: „Der betreffende Jüngling 
ist bereits in seinem Äußern, vollständig aber in seinem 
Fühlen und Denken, feminin. Erst seit kurzem unter- 
richtet, daß es Konträrsexuelle gäbe, war er über sich 
selbst noch nicht klar. Ich hatte ihn eingeladen, mich 
auf einige Tage zu besuchen und als ich ihn des Abends 
in sein Schlafzimmer geleitet und ihm gute Nacht ge- 
wünscht, war er so ungeheuer erregt, daß er mir wortlos 
in die Arme fiel. Wenn man solche hervorbrechende 
Leidenschaft mit dem Worte Unnatur abtun will, so 
haben die Leute, deren Urteil leider heute noch maß- 
gebend ist, niemals ein solches Menschenkind in dem 
Augenblicke gesehen, in dem mit so elementarer Macht 
zum ersten Male die Liebe gebieterisch ihr Recht ver- 
langt und zwar in einer für das betreffende Individuum 
normalen Form." — 

Durch die Hebung der ganzen Persönlichkeit er- 
klärt es sich, daß trotz der beispiellosen Widerwärtig- 
keiten, denen die Homosexuellen ausgesetzt sind, 90 von 
hundert keine Änderung ihres Zustandes wünschen, d j r 
Rest dieselbe auch fast ohne Ausnahme nur aus sozialen, 




nicht aus persönlichen Gründen erstrebt, i 
sich zeitweise höchst unglücklich fühlen, ni 
vorübergehend an Selbstmord ideen litten, ni 
Selbstmordversuche vorgenommen haben, fühl\ 
liehe den homosexuellen Trieb so sehr als\ 
ihrer selbst, daß sie sich ohne denselben kauß 
können und meinen, mit demselben eines ^ 
Lebensguts beraubt zu werden. Ein urniscbl 
den ich wegen Schlaflosigkeit hypnotisierte, \ 
einmal ein förmliches Versprechen ab, daß ich \ 
Hypnose nicht an seiner Homosexualität „herumsii 
Ich gebe noch einige Bemerkungen Homosexuell\ 
die sich auf diesen Punkt beziehen. Ein V\ 
schreibt: „ Meine Natur hätte mir von vorn he\ 
sein müssen. Nur künstliche Konstruktionen aul 
anerzogener Begriffe konnten über sie hinwegti 
sie aber nicht im Geringsten unterdrücken. Eiii 
änderung meiner Veranlagung wünsche ich nicht,! 
damit meine ganze Persönlichkeit negieren würde], 
Richter äußert sich : „Ich verspürte schon lange vd, 
körperlichen Berührung ein so inniges Glücksgefühl \ 
meine Neigung, sie war so sehr ein Teil meines inn\ 
Wesens, daß ich nur dann anders sein möchte, wei^ 
wüßte, wie ich mich alsdann fühlen und befinden wii 
Ein alter Pfarrer bemerkt: „Sollte ich noch die \ 
merzung des § 175 erleben, so würde nichts zu me\ 
Glücke fehlen. Ich bin der festen Überzeugung, daßl 
der sogenannte anormale Zustand vom Schöpfer geg^ 
ist und für mich gerade so normal ist, als der gewÖ 
liehe Sexualzustand für die übrigen Menschen. Ich \ 
neide sie nicht im geringsten um das Kleinod, welches sie \ 
Weibe besitzen, sondern danke Gott, daß ich meine Liä 
und Zuneigung einem Jüngling schenken kann." So seh 
wir, daß wie der Heterosexuelle nicht homosexuell, aud 
der Homosexuelle nicht heterosexuell empfinden möchte 



— 104 — 

Diese absolute Kongruenz, die sich ausnahmslos auf 
alles erstreckt, was es in der Liebe und im Geschlechts- 
trieb Physiologisches und Pathologisches, Hohen und 
Niederes, Gutes und Böses, Schönes und Häßliches gibt, 
ist nur begreiflich und erklärlich, wenn es sich um zwei 
völlig analoge, nebengeordnete und auch in ihren Ursachen 
gleichgeartete Gefühlsrichtungen handelt. 



III. Die Unausrottbarkeit der 
Homosexualität 

Es ist anzunehmen, daß ein Trieb angeboren ist, wenn 
äußere Einflüsse nicht imstande sind, denselben umzu- 
wandeln; wenn Homosexuelle durch Umstände irgend 
welcher Art im Verlaufe ihres Lebens normal fühlend 
werden, so würde das sehr dafür sprechen, daß es sich 
um eine erworbene Eigenschaft handelt. Schrenck-Xotzing, 
der unter denjenigen, die Näcke neuerdings *) als wirkliche 
Sachverständige in dieser Frage bezeichnete, der einzige 
Vertreter der Erwerbstheorie ist, sagt mit einem gewissen 
Recht 8 ): Je mehr sich die Zahl der Fälle häuft, in denen 
bleibende therapeutische Resultate erzielt worden sind, um 
so geringer erscheint nach unserer Meinung der Anteil, 
den die erbliche Disposition in der Entstehung dieser 
Anomalie beanspruchen kann." Die Therapie, von der 
hier die Rede ist, ist die hypnotische Suggestionsbehand- 
lung. Aber gerade die Wirksamkeit dieses Heilmittels 
kann nach allem, was verbürgt über die Erfolge der Hyp- 
nose auch bei angeborenen Eigenschaften berichtet ist, 
hier als beweiskräftig nicht herangezogen werden. 



*) Näcke, Probleme auf dem Gebiete der Homosexualität, in 
der Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie etc. S. 809. 
2 ) S. 149 a. a. 0. 




Wenn es möglich ist, durch Beeinflussuni 
körperliche Veränderungen wie Brandblase! 
rufen, wenn man Blindheit und Taubheit, A\ 
Ageusie suggerieren konnte, wenn man in d^ 
tiefgreifende Wirkungen auf die Menstruatl 
Pollutionen ausüben kann, Medien zu veranl^ 
mochte, nach dem Erwachen „ etwas zu sehen, 
da war, etwas nicht zu sehen, was da war," 
alte Leute davon überzeugte, sie seien wieder K\ 
worden, warum soll es denn etwas Ungewöhnlic 
Homosexuellen Genuß am Weibe zu suggerier^ 

Anmerkung. Man vergleiche über die hypnotische! 
lung der Homosexualität neben von Schrenck-Notzing: \ 
gestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschleo 
und Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis S. 303 ff. bö 
Fuchs: Therapie der anormalen Vita sexualis 1899, S, 45; W\ 
Strand: Der Hypnotismus und seine Anwendung in der 
tischen Medizin, 1891, p. 52 ff.; Bernheim: „Hypnotisme",! 
1891. S. 38. \ 

Über Beeinflussung und Umwandlung angeborener Eigenset 
durch Hypnose findet man Berichte ausführlich angeführt in: ^ 

1. Jame-Braid: Neurypnology or the rationale of ner^ 
sleep considered in relation with animal magnetisme. Lon\ 
Churchhill. 1843. 

2. A. Liebault: Du sommeil et des etats analogues, considi 
surtout au point de vue de l'action du moral sur le physique. Pa 
Masson, 1866. 

3. A. Liöbault: Le sommeil provoque et les 6tats analogu^ 
Paris. Doris, 1889. 

4. H. Bern heim: De la Suggestion dans Tetat hypnotique 
dans l'ßtat de veille. Paris, 1884. 

5. H. Bernheim: De la Suggestion et de ses applications 
la the>apeutique. Paris, 1886. 

6. H. Bernheim: Hypnotisme, Suggestion, Psychotherapie.' 
Etudes nouvelles. Paris, 1891. 

7. R. Haidenhain: Der sogenannte tierische Magnetismus. 
Physiologische Beobachtungen. Leipzig. Breitkopf & Härtel. 1880. 

8. Albert Moll: „Der Hypnotismus". Berlin. Kornfeld. 1889. 



— 106 — 

würde sicher in ähnlicher Weise auch gelingen — ob 
derartiges bereits versucht. wurde, ist uns nicht bekannt 
— Heterosexuellen homosexuelle Libido einzuflößen. 
Würde man nun aber aus der Umwandlung heterosexueller 
Empfindungen den Schluß ziehen, daß der Trieb der 
Männer zum Weibe nicht angeboren, sondern erworben 
sei? Mit nichten, ebensowenig kann man es dann aber 
auch aus den hypnotischen „Heilungen* Homosexueller. 
Ich teile nicht die pessimistische Ansicht Binswangers J ) 

9. A. Forel: Der Hypnotismus, seine psychologische, medi- 
zinische, strafrechtliche Bedeutung etc. Stuttgart. Enke. 1895. 
(III. Aufl.) 

10. Ewald Hecker: Hypnose u. Suggestion im Dienste der 
Heilkunde. Wiesbaden. Bergmann. 1898. 

11. Otto St oll: Suggestion und Hypnotismus in der Völker- 
psychologie. Leipzig. Koehler. 1894. 

12. Wetterstrand: „Der Hypnotismus". Wien und Leipzig. 
1891. S. 31. 

13. J. M. Charcot: „La foi qui guerit". Revue hebdomadaire. 
Tome VH. Dec. 1892. 

14. Reinhold Gerling: Der praktische Hypnotiseur. Berlin. 
Möller. HI. Aufl. 1902. 

15. Zeitschrift für Hypnotismus. Seit dem Jahre 1893 
herausgegeben von A. Forel u. 0. Vogt. Leipzig. Barth. 

Wie weit sich unter bestimmten Verhältnissen die ganze Per- 
sönlichkeit unter hypnotischem Einfluß umgestalten kann, zeigt 
die noch so geheimnisvolle Erscheinung des doppelten Bewußtseins. 
Man findet darüber näheres in: 

1. Max Dessoir: Das Doppel-Ich. Leipzig. Günther. 1890. 

2. Azam: Hypnotisme et double conscience. Paris. Alcan. 1893. 

3. Uson Osgood: „Duplex personality" Journ. nerv, and 
ment. diseases. Spt. 1893. 

4. Freiherr v. Schrenck-Notzing: Über Spaltung der 
Persönlichkeit etc. Wien, Holder, 1896. 

Endlich auch in: 

Robert Macnish: „The philosophy of sleep", Glasgow und 
London. 



*) Bins wanger: Verwertung der Hypnose in Irrenanstalten. 
Therap. Monatshefte 1892. Heft 3 u. 4, S. 167. 




„daß den Aussagen der an perverser Sexua 
Leidenden über Erfolge in der Hypnose k^ 
beizumessen sei," umsomehr stimme ich aber ! 
der — gleich groß als Kenner der Hypnos 
Homosexualität — erklärt, 1 ) daß selbst die 
Erfolge der Hypnose „nicht auf wirkliche^ 
sondern auf suggestiver Dressur beruhen* 
bewunderungswürdige Artefakte hyi 
Kunst, keineswegs Umzüchtungen der psychi 
Existenz." Krafft-Ebing führt, als bezeichne! 
den glänzendsten Heilerfolg Schrenck-Notzings 
Repräsentant nach vollendeter „Heilung 11 von sie 
sagte: „Ich fühle immer eine gewisse, nicht 
windende Schranke, die nicht auf moralischen 
basiert, sondern, wie ich glaube, direkt auf die Beha 
zurückzuführen ist.* Der Verfasser der Psyche 
sexualis schließt diese Bemerkungen mit dem 
„Jedenfalls beweisen solche „Heilungen 11 (die hiel 
vorher bei diesem Wort angebrachten Anführungssi 
finden sich im Original) nichts gegen die Annahmi 
originären Bedingtseins der konträren Sexualempfindii 
Ich selbst habe sehr viele Urninge gesehen, die sich 
geblich hypnotischen Kuren unterzogen haben. Mir 
ein Jüngling im Gedächtnis von so femininer Beschafi 
heit, daß außer dem eigentlichen Genital apparat ai 
nicht das geringste männliche an ihm zu entdecken w\ 
Derselbe hatte sich über ein Jahr erfolglos bei ein^ 
süddeutschen Kollegen hypnotisieren lassen. Ich kenl 
persönlich nur einen Homosexuellen, der mir mitteilt^ 
daß er sich durch die suggestive Behandlung des Kollegel 
Fuchs in Wien von seinem gleichgeschlechtlichen Triebi 
befreit fühle. Doch, wie gesagt, wenn auch hundert 
solcher Heilberichte vorliegen würden, sie würden nicht! 



l ) Psychop. sex. S. 311 ff. 



— 108 — 

das Erworbensein der konträren Sexualempfindung er- 
weisen, abgesehen davon, daß, die Realsuggestionen, die 
das Leben dem homosexuell Veranlagten erteilt, die Auto- 
und Fremdsuggestionen, die fortgesetzt auf ihn wirken, 
viel stärker sind, als die Verbalsuggestionen eines noch 
so befähigten Arztes. Wären äußere Einflüsse imstande, 
die Triebrichtung zu ändern, so müßte der gleich- 
geschlechtliche Trieb längst erloschen sein. 

Wie sehr ist die ganze Erziehung darauf gerichtet, 
aus dem urnischen Knaben einen Vollmann zu entwickeln; 
zu Hause und in der Schule wird er genau so wie die 
anderen normalen Kinder erzogen, schon früh wird ihm 
alles förmlich als Schande, zum mindesten als Unschick- 
lichkeit, ausgelegt, was man als dem anderen Geschlechte 
zukömmlich ansieht. Fangen dann die Kameraden oft 
schon mit dreizehn, vierzehn Jahren an, für das Weib 
zu schwärmen, so gibt sich der homosexuelle Jüngling 
die größte Mühe, es den andern nachzutun, er schämt 
sich förmlich, daß er noch „keine Flamme* hat und ihm 
kein Name einfallen will, wenn es im Rundgesange heißt: 
„Bruder, Deine Liebste heißt?" Sehr häufig tritt auch 
die erste sexuelle Verführung von weiblicher Seite, 
namentlich durch Dienstmädchen, ein. Aber so wenig 
ein Heterosexueller durch die ebenfalls nicht seltene erste 
geschlechtliche Erregung einer männlichen Person homo- 
sexuell wird, ebenso wenig wird ein Homosexueller dadurch 
weibliebend. Eine ganze Reihe von Urningen erklären 
auf das allerbestimmteste, daß sie sich genau erinnern^ 
daß die erstmaligen Erregungsversuche vom anderen Ge- 
schlecht ausgingen. So schreibt einer unserer bedeutenderen 
Schriftsteller: „Ich lege das Hauptgewicht darauf, daß, 
trotzdem der erste sexuelle Anstoß weiblicher Art war 
— eine Kindsmagd verführte mich — , trotzdem mir das 
weibliche Geschlecht durch Erziehung von Jugend an 
sozusagen auf dem Präsentierteller gereicht wurde und 



109 — 



meine Lektüre nur die Weiberliebe verherrli 
Neigung zum männlichen Geschlecht doch eir 
ich des Zwanges ledig war." In der Tat 
Suggestionskraft der gesamten Literatur, dil 
Romanen und Epen, ihren Dramen und lyrischen! 
nahezu ausschließlich die normale Liebe zum Mi\ 
hat, nicht imstande, den Trieb auf das Weib z\ 
seine Richtung ist unerbittlich und unveränderlich 
es dem jungen Mann allmählich klar wird 
um das zwanzigste Jahr herum der Fall ist — 
sein Begehren von dem seiner Umgebung wesentlich 
scheidet, beginnt gewöhnlich ein Kampf gegen siel 
der an Stärke wohl kaum seines gleichen hat. Ein 
sexueller Künstler berichtet: „Ich habe ganz ful 
gekämpft mit Aufgebot meiner ganzen Willenskraft 
gebens; ich habe so gelitten, daß ich eine langil 
Nervenkrankheit bekam. Kaum genesen , begani 
aufreibende Kampf von neuem. Als ich merkte, dafl 
die ureigenste Natur nicht umwandeln läßt, verfiel 
in eine tiefe, lange Melancholie, die sich — obwohl 
nie äußere Konflikte hatte — bis zum ärgsten Leb\ 
Überdruß steigerte etc." Ein Schweizer Uranier schrei 
„Von Jugend an bin ich hartnäckig gegen mich an\ 
gangen und habe mir die größte Mühe gegeben, mel 
Neigungen zu beherrschen. Es gelang mir hie und 
aber leider machte ich stets dieselbe Erfahrung; je läng 
ich anscheinend siegreich den Trieb unterdrückte, um 
heftiger kehrte er auf einmal zurück. Hauptsächlich g^ 
schieht dies nachts beim plötzlichen Erwachen, wenn dii 
Willenskraft durch den Schlaf vermindert ist. Was habe 
ich nicht alles angewandt: feste Entschlüsse und Gelübde,\ 
Ärzte zu Rate gezogen, ( Wasserkuren, Hypnose und\ 
Elektrizität, systematische Ablenkung der gefährlichen \ 
Gedanken durch körperliche Übungen, Ackerbau, Reisen, \ 
Militärdienst, Studien, Lesen etc. Ich opferte geliebte 



— 110 — 

Gegenstände ; weder Religion noch Philosophie waren mir 
behtilflich. Ich litt stark an Lebensüberdruß. Vier Jahre 
war ich leidenschaftlich in einen jungen Mann gleichen 
Alters verliebt, bis derselbe im 24. Jahre starb, ohne daß 
ich ihm jemals eine Äußerung machen durfte. Es war 
ein Höllenleben." Noch einen urnischen Arbeiter wollen 
wir hören: „Ich hatte von meinem 19. — 21. Jahr ein sehr 
inniges und ideales Freundschaftsverhältnis, mein Freund 
war ein Jahr jünger als ich, von großer Lebhaftigkeit, 
Natürlichkeit und Fröhlichkeit Nichts wäre imstande 
gewesen, uns zu trennen. — Da entdeckten seine Eltern 
in ihm den Urning und jagten ihn njit Schimpf und 
Schande aus dem Hause. Er ging nach Paris und ist 
seit 4 Jahren verschollen. O, diese elterliche Unvernunft! 
Damals lernte ich erkennen, daß auch ich voll und ganz 
zu jenen von der ehrbaren Welt Ausgeschlosseuen gehöre, 
öfter als einmal war ich nahe daran, diesem jammervollen 
Leben ein Ende zu machen. Was ich infolge meiner 
urnischen Natur gekämpft und gelitten, vermag ich auch 
nicht annähernd zu schildern. Wenn ich nicht los- 
knallte, so ist es wahrhaftig keine Feigheit gewesen, 
sondern allein die Erkenntnis hielt mich ab, daß ein 
größerer Mut dazu gehört, auszuharren, und daß nicht 
die Natur, sondern die kurzsichtige Menschheit in Ver- 
blendung den Fluch über uns geschleudert hat, welcher 
— ich sage leider — hundertfach auf sie zurückfiel, indem 
sie tausende von Menschen, deren geistige Tätigkeit für 
sie von größtem Nutzen gewesen wäre, zur Verzweiflung 
und in den Tod getrieben hat." 

Unter den Mitteln, die angewandt wurden, den homo- 
sexuellen Trieb auszurotten, steht die Religion obenan. 
Sehr viele Urninge haben jahrelang auf den Knieen ge- 
legen und Gott um „Errettung" angefleht. Eine nicht un- 
beträchtliche Anzahl hat mitgeteilt, daß sie in diesem 
langen vergeblichen Ringen schließlich ihren Glauben 




verloren haben. Ich zitiere zwei. Der eine - 
— schreibt: „ Durch meine sehr fromme Mutti 
Religion erzogen, habe ich nach Erkenntnis 
lischen Zustandes Gott in heißen Gebeten 
solle mir in meiner Not einen Ausweg zeige^ 
sah, daß sich trotz eiserner Beherrschung und 
Kämpfe mein Zustand nicht änderte, habe ich 
vertrauen verloren/ Ein zweiter berichtet: , 
zu dem Gott, der mir in der Schule gelehrt 
von dem gleichgeschlechtlichen Triebe, den ich 
haft hielt, zu befreien. Der Himmel aber blieb ta\ 
kam mir oft vor wie ein Schiff, das mitten 
Ozean den Wellen preisgegeben ist. Obwohl 
solchen Stunden dann niederkniete und im Geb^ 
Erlösung schrie, blieb ich verlassen. Schließlich 
darüber alle meine religiösen Anschauungen ins ^ 
ken. Jetzt glaubte ich an nichts mehr. Ich 
nicht mehr glauben." 1 ) Einige stark religiöse Nd 



J ) Anmerkung: Vor kurzem schrieb mir zu diesem Punl 
Ordensgeistlicher folgendes: Ich zweifle nicht daran, dass zahlr! 
Urninge um ihrer Geschlechtsnatur willen den Glauben verlieren.! 
kommen allmählich dazu, sich selbst als lebendige Argumente wide^ 
Bibel und wider die Lehren der Kirche zu betrachten. Man 
sicher nicht fehl, wenn man annimmt, dass der Anteil des Uranisii 
an dem Kampf gegen das kirchliche Prinzip von jeher ein sehr 
trächtlicher gewesen ist. Andere werden Zweifler und Grübl\ 
Auch homosexuelle Geistliche, und vielleicht diese gerade 
meisten, gehen oft ihrer Glaubensfreudigkeit verlustig und kämpft 
ihr Leben lang mit schweren Zweifeln. Je mehr die Reflexion übd 
sich selbst ihr [Innenleben beherrscht, um so schwerer wird el 
ihnen, die religiöse Disziplin ihrer Gedanken aufrecht zu erhalten! 
Wieder andere, und dahin dürften wohl ganz vorzugsweise Theologen! 
gehören, regt das Geheimnis, das auf dem Grund ihrer Seele liegt,! 
zu positiver Geistesarbeit an. Die Argumente aus dem Consensus 
communis und aus der Auctoritas doctrinalis, denen der Urning 
überhaupt mit einem für ihn naturgemässen Skeptizismus gegen- 
übersteht, werden ihnen zum Gegenstand der Kritik und sie fangen 



— 112 — 

kommen nach langen vergeblichen Kämpfen zu der 
Überzeugung, daß ihr Zustand von Gott gewollt sein 
muß. Ein katholischer Graf sagt: «Die Annahme, meine 
Gleichgeschlechtlichkeit sei Sünde, Laster, Unnatur, er- 
scheint mir als Beleidigung des allweisen Weltenschöpfers." 
Und ein protestantischer Pfarrer meint: «Wenn ich um 
meines mir eingepflanzten Triebes willen ein Verbrecher 
bin, dann ist es der Schöpfer, der mich als Verbrecher 
erschaffen hat. Das aber heißt doch, den Schöpfer einer 
Untat bezichtigen. Gott erschafft niemand als Verbrecher. 
Wer das sagt, lästert Gott B Einige wenige endlich be- 
sitzen die Kraft, sich durch die Religion zur Abkehr 
durchzuringen. Im unklaren über die Natur ihrer 
Neigungen, die sie als niedrige Fleischeslust empfinden, 
gelangen sie schließlich — meist nach Ablegung von 
Keuschheitsgelöbden — zum Enthaltsamkeit*- und Sittlich- 
keitsfanatismus. Ich behandele ein 25 Jahre altes Mit- 
glied des weißen Kreuzes an hochgradiger Neurasthenie, 
an dessen Uranismus nicht der mindeste Zweifel besteht. 
Er zeigt die vier charakteristischen Stigmata, somatische, 
psychische Zeichen, große Abneigung gegen das Weib, 
das er noch nie berührte, und einen Freundschafts- 
enthusiasmus, über dessen geschlechtlichen Grundcharakter 
er nicht unterrichtet ist. Nachdem er viele Jahre mastur- 
bierte, hat er das Gelübde der Keuschheit abgelegt, das 
er seit drei Jahren durchführt. 



an, energisch zwischen Dogma und Schulmeinung, zwischen kulturell 
bedingter äusserer Form und wesentlichem Inhalt, zwischen objek- 
tivem und subjektivem Christentum zu unterscheiden. Sie betonen 
das Recht der Naturwissenschaft und der weltlichen Wissenschaft 
überhaupt sowie die Notwendigkeit des Anschlusses an sie, sie ver- 
urteilen die übertriebene Berücksichtigung der Tradition und ihrer 
Auffassungen, sie bekennen sich zum Grundsatz „des durch das 
Naturgesetz verbürgten Rechtes auf die ganze Wahrheit", sie 
werden notwendig dahin gedrängt, wo das Losungswort „Reform" 
und „Fortschritt" ausgegeben ist. 



— 113 — 

Noch weniger wie die Religion ist das 
Stande, die Homosexualität nennenswert einzJ 
Selbst die drohende Todesstrafe, die in einige] 
früher auf dieser Art der Liebe ruhte, ver 
Urninge trotz ihrer Ängstlichkeit nicht abzul 
Die übereinstimmende Erfahrung von Leuten, die 
im Stande sind, darüber ein Urteil abzugeben, 
ganz -außer Zweifel, daß homosexuelle Handlu\ 
gleicher Häufigkeit vorkommen, ob Gesetze 
oder nicht; so sind diese Akte in Deutschlai! 
England keinesfalls seltener, nach Ansicht viel^ 
ninge sogar eher häufiger als in Holland und 
reich, wo die entsprechenden Paragraphen gest 
sind. Mir teilten Homosexuelle mit, daß ihr 
gedanke im Gefängnis die Sehnsucht nach dem Fr4 
war, durch dessen Umgang sie ihre Freiheit 
loren hatten. Wiederholt habe ich von urnisi 
Richtern gehört, wie sehr sie gerade unter dem Koni 
zwischen ihren Berufspflichten und den eigenen Triei 
zu leiden hatten. Ein noch junger Jurist schrieb m 
„Einmal hatte ich, selbst homosexuell, als Staatsanw. 
gegen Homosexuelle zu plaidiren, einmal als Rieht 
über einen Homosexuellen zu urteilen, einmal über m 
bekannte Homosexuelle, darunter war ein guter Freun 
und einer, mit dem ich oft geschlechtlich verkehrt, aL 
Richter mitzuurteilen wegen Vergehen gegen § 175. 
„Letztere Zwangslage wurde mir erspart, indem ich mich 
durch einen anderen Richter vertreten ließ.* 

Auch der Verlust der Lebensstellung nützt nichts, 
ebenso wenig schützen die Erpressungen, von deren 
Furchtbarkeit und Ausdehnung sich niemand eine Vor- 
stellung machen kann, da ja nur ein ganz verschwindender 
Bruchteil an die Öffentlichkeit gelangt. Es ist das Gleiche 
wie mit venerischen Ansteckungen, unehelichen Schwänge- 
rungen etc. der Heterosexuellen, von denen wir ja auch 

Jahrbuch V. 8 



— in — 

wissen, daß sie trotz der entstehenden Unannehmlichkeiten, 
vor Wiederholung normalsexueller Akte mit zweifelhaften 
Personen selten abhalten. 

Der Konflikt mit der Familie, unter dem der ge- 
fühlvolle Urning ganz besonders heftig leidet, vermag 
ebenfalls nichts. Am ehesten scheinen noch die Mütter 
für das abweichende Empfindungsleben der Söhne Ver- 
ständnis zu haben. Ein Urning erzählte mir einmal, daß, 
als seine Mutter auf dem Sterbebette lag und ihre fünf 
Kinder mit dem Gatten um sich versammelt hatte, sie 
als letzten ihn zu sich herabzog, ihn länger umarmte als 
alle andern und mit sterbender Stimme sagte: «Grüße 
mir Deinen Freund.* „An dem Blick, mit dem sie mich 
dabei ansah," schloß der Mann, , merkte ich, daß meine 
Mutter, mit der ich nie darüber gesprochen, alles wußte.* 

Als eines der wirksamsten Mittel zur Bekämpfung 
homosexueller Triebe wird von manchem der Geschlechts- 
verkehr mit dem Weibe und die Eheschließung angesehen. 
Scbrenck-Notzing rät 1 ) sogar: „Man bestimme solche In- 
dividuen (gemeint sind Urninge) temperamentvolle Frauen 
mit lebhaftem Geschlechtstrieb zu heiraten.* Ich kenne 
unter vielen Hunderten auch nicht einen einzigen, der 
durch den heterosexuellen Verkehr seines Triebes Herr 
geworden wäre, im Gegenteil, der inadäquate, oft er- 
zwungene Verkehr scheint oft einen Anreiz zu geben, die 
subjektiv natürliche Befriedigung zu suchen. Es stimmt 
diese Erfahrung damit überein, daß von Normalsexuellen 
den Urningen gegenüber oft angegeben wird, ein homo- 
sexueller Akt reize sie zu heterosexuellem Verkehr. 

Die Regelung der Lebensweise sowie physikalische, 
diätetische und pharmakologische Medikationen sind wohl 
imstande, hie und da das Beherrschungsvermögen, die 
Willenskraft, die Triebstärke günstig zu beeinflußen, nie 



>) a. a. 0. 8. 205. 



115 — 



aber den Trieb selbst in seiner Richtung 
Auch in Spezialheilanstalten, die Bloch und\ 
Homosexuelle vorschlagen, dürfte schwerlich jl 
heilt" werden. Mir ist ein junger Kollege bei 
auf Veranlassung seines Vaters, der ebenfalls 
zur Behandlung in eine geschlossene Anstalt 
einigen Wochen aber bereits vom Chefarzt gefra^ 
ob er nicht lieber als Assistenzarzt der Heilanst 
hören wolle, ein Vorschlag, der acceptiert wur 
kenne Homosexuelle, die aus therapeutischen 
eine sehr energische Sportstätigkeit entfalteten, 
die Vegetarier, wieder andere, die alkoholabstinent ' 
ohne daß sie die Richtung ihres Triebes im ger 
beeinflußen konnten. 

Als ein etwas besseres Mittel Wirkt intensiv g^ 
Arbeit, durch die viele sich zu betäuben suchen, 
zwischen geistiger und geschlechtlicher Betätigung \ 
Art Gegensatz besteht, ist ja seit langem bekl 
Besonders scheint die rein verstandesgemäße Tätig! 
wie sie sich beispielsweise bei den großen Philosopl 
vorfindet — man denke an das große Dreiges 
des XIX. Jahrhunderts, Kant, Schopenhauer, Nietzsc) 
— die A Sexualität zu begünstigen; eine dauern! 
Unterdrückung oder Ablenkung des Geschlechtstrieb* 
gelingt aber nur verschwindend wenigen, ja es scheint 
als ob gewisse Arten geistiger Produktion, die mehr ir 
Gefühlsleben wurzeln, also künstlerische, sogar eine^ 
Steigerung der Libido eher förderlich sind. 

Alles in allem kann man sagen, daß der homo- 
sexuelle Trieb durch gewisse Umstände wohl in seiner 
Gewalt beeinflußbar, aber an und für sich völlig un- 
ausrottbar ist, geschweige denn, daß es möglich ist, 
ihn in einen heterosexuellen umzuwandeln. 

So wenig äußere Faktoren den homosexuellen in 
einen heterosexuellen Trieb abändern können, genau so 

8* 



— 116 — 

wenig können sie aber auch den Heterosexuellen — wie 
es die Anhänger der Erwerbstheorie glauben — homo- 
sexuell machen. Die von uns angeführten Tatsachen 
stehen im denkbar größten Widerspruch zu der Meinung 
Blochs, daß der Geschlechtstrieb durch Gelegenheitsur- 
sachen ganz außerordentlich bestimmbar sei und daß wir 
im Variationsbedürfnis das „Ur- und Grundphänomen des 
Geschlechtslebens" zu suchen . haben. 1 ) Geben äußere 
Einwirkungen für psychologische; Zustände fast niemals 
einen zureichenden Erklärungsgrund, beruhen, wie — wenn 
ich nicht irre — Möbius einmal sagt, „Erklärungen aus 
dem Milieu fast stets auf Oberflächlichkeit", so trifft dies 
in hervorragendem Maße bei einem Triebe zu, der, wie 
wir sahen, aufs innigste mit der ganzen Persönlichkeit 
verwachsen ist, der vielleicht sogar die Basis aller übrigen 
psychischen Erscheinungen bildet. Die zuerst von Binet 
in der Revue philosophique (Paris 1887. Nr. 8) aufge- 
stellte, später in ähnlicher Weise oft wiederholte Ver- 
mutung, daß die konträre Sexualempfindung durch „patho- 
logische Associationen" in frühester Kindheit, durch „einen 
„choc fortuit'^ ein psychisches Trauma bedingt sei, ist 
eine bisher durch kein Tatsachenmaterial erhärtete Hypo- 
these. Wenn es wirklich lediglich darauf ankäme, ob 
jemand die erste Erektion durch ein Weib oder durch 
einen Mann gehabt hat, dann müßte die Zahl der Homo- 
sexuellen weit größer sein, da nachweislich in den Schulen 
sehr viele zuerst gleichgeschlechtlich erregt werden. Wie 
soll aber ein derartiger choc die doch meist im Vorder- 
grunde stehende negative Seite der Erscheinung, die Ab- 
neigung gegen das Weib, erklären und wie vor allem soll 
er imstande sein, eine solche Umgestaltung der ganzen 
körperlichen und geistigen, Beschaffenheit hervorzurufen, 
wie sie doch beim Homosexuellen die Regel bildet? Ich 



*) a. a. 0. BaDd II. S. 364. 




erinnere mich der Bemerkung eines Kollege 
einmal einen Homosexuellen vorstellte, der iii 
seines Gesichts, in der kleinsten Bewegung, in \ 
und im ganzen Gebaren den geborenen Urnii 
Der Kollege rief mit feiner Ironie aus: „Wie \ 
bei dem Manne der choc fortuit gewesen sein H 
Würden wir übrigens annehmen, was ich für\ 
geschlossen halte, daß eine occasionelle Ideenassocii 
partum den Geschlechtstrieb so fest zu determinil 
die ganze Individualität dementsprechend umzui 
imstande wäre, so würde das nach allem früheren \ 
fassung nicht beeinträchtigen können, daß es sich \ 
eine unveränderlich normierte und unverschuldete! 
schaft handelt. Im Widerspruch mit der soeben erw 
Theorie steht die Ansicht derer, welche glauben, dai^ 
sowohl der erste Eindruck, sondern mehr die Sucht! 
Abwechslung, das Bedürfnis nach dem Neuen« 
dem Einfluß „ äußerer Reize" das Entscheidend« 
(Bloch, II.R, S.260 u. 364). Beide Ätiologieen Ü 
das gemeinsam, daß sie Gelegenheitsursachen für Gri 
Ursachen, Anlässe für Bedingungen halten. Die gesi 
derten Beize sind gänzlich wirkungslos, wenn nicht! 
angeborene Anlage als das wahre ätiologische Mom\ 
vorhanden ist. Bloch hat das Verdienst, in seiner fleißig 
Arbeit eine Reihe von Umständen zusammengestellt \ 
haben, die zur Manifestation des Triebes den Anstoß gebe 
von dessen Stärke es abhängig sein wird, ob er selbstänctt 
hervorbricht oder Gelegenheiten bedarf, die ihn aus deii 
Latenzstadium erwecken. Daß die zahlreichen angeführte! 
Gründe — über 60 — unmöglich als ausreichend ange-\ 
sehen werden können, geht mit Sicherheit daraus hervor,^ 
daß es wohl überhaupt keinen Menschen gibt, der nicht 
im Leben einem oder mehreren der genannten Faktoren 
nachdrücklichst und wiederholt ausgesetzt war. Tatsäch- 
lich wird von diesen aber nur ein ganz kleiner Teil homo- 



— 118 — 

sexuell. Derselbe Reiz läßt den einen vollständig kalt 
oder beeinflußt ihn nur ganz vorübergehend, für einen 
andern bildet er das höchste Lustgefühl, und er beginnt 
sich dauernd homosexuell zu betätigen. Der Grund hier- 
für kann nur in der verschiedengearteten Psyche 
der Beteiligten gefunden werden, nur die unterschiedliche 
Konstitution kann bewirken, daß sich Menschen denselben 
Umständen gegenüber so unterschiedlich verhalten. Deß- 
halb ist das wesentliche die angeborene Be- 
schaffenheit Gerade daß diese äußeren Eindrücke, 
wie Bloch meint, mit solcher Leichtigkeit Homosexualität 
erzeugen, beweißt ja, eines wie geringen Anstoßes es be- 
darf, den vorhandenen Trieb zu erregen. 

Es gibt nach Blochs Ätiologie der Psychopathia 
sexualis fast nichts, was nicht als Entstehungsursache 
der Homosexualität in Betracht gezogen werden müßte; 
es hat förmlich etwas Rührendes, zu beobachten, wie sich 
dieser eifrige Autor abmüht, alle nur möglichen äußeren 
Anlässe zusammenzutragen, und dabei an dem ausschlag- 
gebenden inneren Faktor gänzlich vorübersieht Unter 
den Dingen, die allein durch ihre Einwirkung Homo- 
sexualität erzeugen sollen, befinden sich vielfach die voll- 
kommensten Gegensätze. So führt Bloch als Ursachen 
der Homosexualität an zu heißes (Bd. I. S. 21 u. 174) und 
zu rauhes (S. 33) Klima, Askese (S. 97) und Über- 
sättigung (S. 67, S. 221), Ehelosigkeit (S. 61) und Viel- 
weiberei (S. 170), Jugend (S. 52) und Greisenalter (S. 53), 
mangelnden (S. 38) und übermäßigen (S. 68) Geschlechts- 
trieb, Verehrung (S. 74) und Verachtung (S. 96) der 
Körperschönheit, Anblick des bekleideten (S. 141) und 
des nackten Körpers (S. 185, 221). Leben in Arbeiter- 
wohnungen (S. 179) und bei Hofe (S. 179), in Fabriken 
(S. 184) und auf dem Lande (S. 51). 

Als weitere ätiologische Momente, welche bei normal- 
sexuellen gesunden Menschen zur Homosexualität führen 




sollen, nennt Bloch Berufe, die mehr de\ 
Charakter entsprechen wie die der KöcH 
Damenschneider, Damenkomiker (S. 65), s^ 
oder irregeleitete Phantasie (S. 70) besonders b^ 
(S. 74), religiösen Affektzustand 1 ) (S. 78 ff). AI 
der Genitalien 2 ) (S. 126), übermäßige Kl\ 
membrum virile, abnorme Weite oder ^ 
Vagina (8. 127), Gonorrhoe (8. 127), Kastr^ 
Eunuchentum (S. 128), körperlichen Hermaph 
(S. 130), Onanie (S. 132), chronischen Alkol 



^Anmerkung: Bloch erwähnt die mohamedanische 
Sufis und zitiert F. v. Hellwald*), welcher berichtet, q 
äldyn-Kaschy zu beweisen versuchte, daß nur ein Päi 
großer Sufi sein könne. Bloch fügt diesem Zitat wörtli 
„Hier haben wir also bereits ein typisches Beispiel einer \ 
giösen Entstehung und Ausübung der homosexuellen Befr 
des Geschlechtslebens." Diese kühne Hypothese erinnert 1 
die später (S. 117) ebenfalls von Bloch erwähnte Vermute 
Baas**), daß die Beschneidung weniger eine hygienische M 
sei als vielmehr in der fetischistischen Verehrung der Pr 
(„Fetischoperation") ihren Grund habe. Von S. 120 ab ve^ 
sich der Autor noch ausführlich über die „religiöse Homosexu 
und gibt der Meinung Ausdruck — ohne sie allerdings durcl 
Sachen zu begründen — daß man anfangs wohl weibische, 1 
sexuell empfindende Menschen gern zu Priestern bestimmt \ 
deren Neigungen dem primitiven Menschen als etwas bescn 
Dämonisches erschienen seien, später habe man wohl auch s< 
künstlich gezüchtet, besonders in gewissen Sekten relig 
Fanatiker. 

*) Hellwald: Kulturgeschichte. Augsburg 1875. S. 5111 

**) H. Baas: Die geschichtliche Entwickelung des ärztlicl 
Standes. Berlin 1896. S. 7. 

9 ) S. 126 heißt es wörtlich: „Auch die Phimose kann dire 
homosexuelle Zustände erzeugen/ 

3 ) S. 137 heißt es: „Es ist sehr bezeichnend, daß in Zansib^ 
das Suaheli- Wort „Walevi" = Säufer direkt für Päderast gebrauch 
wird." \ 



— 120 — 

(S. 137), Opiümgenuß (S. 138) *), Haschischgebrauch (S. 138), 
Effemination in Tracht und Sitte (S. 161), Bedürfnis nach 
Variation in den sexuellen Beziehungen, welches sich 
zum geschlechtlichen Reizhunger steigern kann (S. 166), 
Wüstlingtum, Don-Juanismns, Müssiggang und Blasiert- 
heit (S. 171), direkte Verführung, besonders durch Auf- 
sichtspersonen (S. 174) und in Bordellen (S. 177), sowie 
durch andere Urninge (S. 238), Zusammenwohnen gleich- 
geschlechtlicher Personen in Kasernen (S. 179), Schulen, 
Pensionaten (S. 180), Kadettenhäusern, Harems (S. 182), 
Mönchs- und Nonnenklöstern, Gefängnissen (S. 183), 
großen Hotels (S. 184) und Theatern (S. 185), die öffent- 
lichen Bedürfnisanstalten (S. 185), den Anblick tierischer 
Geschlechtsakte sowie das intime Zusammenleben mit 
Tieren (S. 186), die erotische und obscöne Litteratur*) 
(S. 188), auch nicht obscöne Werke wie die Bibel und 
die Schriften der Kirchenväter (S. 189), den Anblick ge- 
schlechtlich erregender Kunstwerke (S. 200), die Betrach- 
tung des eigenen Spiegelbildes 8 ) (S. 201), obscöne Photo- 
graphien (S. 202 ff. und Bilder*) (S. 302), obscöne Täto- 

') S. 138 sagt Bloch: „H. Libermann (les Fumeurs d'Opium en 
Chine. Etüde medicale Paris 1862. S. 63 ff.) führt daher wohl 
nicht mit Unrecht die Verbreitung der Homosexualität in China auf 
den Opiumgenuß zurück." 

*) S. 196 heißt es: „Die ätiologische Bedeutung derartiger 
Lektüre für die Genesis geschlechtlicher Verirrungen wird vor allem 
dadurch erwiesen, daß die meisten geschlechtlich abnormen Indi- 
viduen eifrige Leser solcher Werke sind. 4 ' 

*) S. 201 : „Unter Umständen kann die Darstellung des eigenen 
nackten Ich im Spiegelbilde die Phantasie in abnormer Richtung 
beeinflußen, besonders bei noch undifferenziertem geschlechtlichem 
Empfinden und bei Unkenntnis des anderen Geschlechts." 

4 ) S. 208 erklärt Bloch wörtlich, „daß die große Verbreitung 
der obscönen Bilder mit ihren Darstellungen aller geschlechtlichen 
Verirrungen, perversen Akte und scheußlichster Unzucht einen un- 
verhältnismäßig größeren Anteil an der Genesis und zunehmenden 
Häufigkeit der sexuellen Perversionen hat, als irgend eine ange- 
borene oder auch nur durch Krankheit erworbene Anlage." 



— 121 



wirungen (S. 210), ferner den Besuch von Mr 
tiken und modernen Statuen, noch mehr abe 
nannten anatomischenMuseen mit plastischenNal 
männlicher und weiblicher Geschlechtsteile (& 
wie der öffentlichen Kunstausstellungen (8. 
Ballette, Tänze, gewisse Darbietungen im Zi\ 
zialitätentheater, lebende Bilder, Poses plastiques 1 
oder idyllischer Natur, sowie den Anblick von\ 
in Damen- und Mädchen in Männerkleidern 
weiterhin die zufällige Beobachtung männlicher 
z. B. des väterlichen Membrums (S. 221), eig 
stoßende Häßlichkeit (S. 222), Furcht vor ven\ 
Leiden (S. 223), abnorme Beschaffenheit der Ana 
(S. 224), Analmasturbation (S. 224). *) Flagellatil 
Analgegend (S. 227), Annahme männlicher Lebensfl 
namentlich bei Prostituierten (8. 232), umgekehrt \ 
liehe Angewohnheiten bei Männern 2 ) (S. 233)\ 
Mysogynie des Lebemannes (S. 235), die mäni 
Prostitution (S. 241). Als besondere Ursachen! 
weiblichen Homosexualität führt Bloch an einmal! 
„mutuelle Masturbation der Clitoris cum digito et ling 
(S. 244), „den Überdruß am Manne, den Widerwillen g^ 
den Verkehr mit dem Manne" (S. 244 und 245), 
Wunsch mancher Männer, besonders der voyeurs (S. 2\ 



*) S. 226 beruft sich Bloch auf Leo Taxil, der in seini 
Buche „La corruption fin-de-siecle Paris 1894 S. 245 berichte, „\ 
gäbe Subjekte, die sich in coitu cum femina von deren Zuhältei 
gleichzeitig pädicieren ließen" und fügt dann seinerseits wörtlic 
hinzu: Hieraus entwickelt sich dann naturgemäß häufig genug eti 
gleichgeschlechtlicher Verkehr, der den ehemals heterosexuelle^ 
Wüstling zu einem typischen Urning stempeln kann." 

■j S. 233 behauptet Bloch: „Der wirkliche „Weibling" wird\ 
meist künstlich gezüchtet" und S. 235 : „Es ist kein Zufall, daß 
Komiker, die Frauenrollen darstellen, fast stets homosexuell sind. 
Diese scheinbar rein äußerliche Effemination vermag eben den 
ganzen inneren Menschen umzuwandeln." 



— 122 — 

und last not least die moderne Frauenbewegung (S. 248) , 
von der er sagt: „Einen meines Erachtens nicht unbe- 
denklichen ätiologischen Faktor in der Genesis der 
Tribadie bildet die moderne Frauenbewegung, die das 
Weib auf sich allein stellt, männlich empfindende Charaktere 
züchtet etc.* — Bloch beschließt seine sorgsame Auf- 
zählung, in der wohl nichts übergangen ist, was für die 
Erwerbstheorie in Frage kommen könnte, mit dem Satz 
(8. 249): „Wir haben erfahren, daß in der großen Mehrzahl 
der Fälle die gleichgeschlechtliche Liebe aus äußeren 
occasionellen Momenten entspringt, daß eine originäre 
Anlage zu derselben sehr unwahrscheinlich, jedenfalls sehr 
selten ist*. 

Der Beweis, daß diese „äußeren occasionellen Mo- 
mente* unmöglich für die Entstehung der Homosexualität 
genügen können, ist sehr leicht zu erbringen. Man kann 
die von Bloch aufgeführten Erwerbsmöglichkeiten unschwer 
in drei Gruppen teilen. 

In der ersten Abteilung sind die zahlreichen 
Dinge unterzubringen, die viel zu allgemein verbreitet 
sind, um überhaupt als einigermaßen vollgiltiger Grund 
in Frage kommen zu können. Da Millionen und aber 
Millionen Menschen tierische Geschlechtsakte erblicken 
oder eine Bedürfnisanstalt benutzen, unter hundert 
Menschen aber nur einer homosexuell ist — nach Bloch 
sind es noch viel weniger — so kann nach allen Gesetzen 
der Logik hier unmöglich ein Causalnexus statuiert werden. 
Wenn von den vielen, die im heißen oder rauhen Klima, 
in Arbeiterwohnungen oder bei Hofe leben, die eine sehr 
lebhafte Phantasie oder ein sehr religiöses Gemüt besitzen, 
die öffentliche Kunstausstellungen oder Museen aufsuchen, 
in, Schulen und Pensionaten zusammen wohnen oder sich 
nackt im Spiegel erblickt haben, nur ein ganz ver- 
schwindend kleiner Prozentsatz Urninge sind, so müssen 
die genannten Umstände einer anderen Causalität gegen- 



123 — 



über völlig irrelevant sein. Dasselbe gilt ai 
Onanie. Berücksichtigen wir, daß sich unt<5 
sonen 99 Onanisten befinden, unter diesen 
ein Homosexueller, so werden wir niemals die\ 
hinreichenden Grund für den homosexuellen Tr 
dürfen. Es sei hier übrigens angesichts der imr 
kehrenden Betonung dieser angeblichen En\ 
Ursache betont, daß der wohl größte Sachverstäl 
diesem Gebiet, Rohleder, in seiner trefflichen Mon\ 
„Die Masturbation" die Onanie wohl als eine Folg 
nung der konträren Sexualempfindung hervorhebt, ^ 
Entwickelung der letzteren aus der Onanie abei^ 
zu berichten weiß 1 ). 

Wir sind damit bei der zweiten Gruppe an^ 
bei den nicht weniger zahlreichen Momenten Blöd 
denen die Verwechslung von Ursache und Wirkut 
verkennbar ist. Nicht aus der Ehelosigkeit oder Imi 
eines Menschen entsteht seine gleichgeschlechtliche Nei 
sondern diese hat seine Ehelosigkeit zur Folge, el 
ist der Widerwillen der Frau vor dem Manne nich\ 
Ursache, sondern eine Wirkung ihrer homosexul 
Natur. Auch bedingt nicht die weibliche Kleidung 
Umgestaltung des inneren Menschen, sondern der ini 
Mensch verschafft sich die Kleidung, die ihm zusi 
Die Ursache des Charakters liegt also nicht in der Trac 
sondern die Ursache der Tracht im Charakter des Menschl 
Ebenso ist es mit dem Beruf des Urnings. Er wird nie 
feminin, weil er Frauenrollen spielt, sondern, weil 
feminin ist, bevorzugt er Frauenrollen. An homosexuelle 
Kunst- und Literaturwerken wird nur derjenige Interess\ 
nehmen, der dafür empfänglich ist. Dem Normalsexuell e^ 



*) Dr. med. Hermann Rohleder. Die Masturbation, eine Mono-\ 
graphie für Ärzte und Pädagogen. Berlin. Fischers mediz. Buch-\ 
handlung 1899. Seite 65 und 287. 



— 124 — 

wird ein urnischer Roman gleichgültig oder abstoßend 
sein. Wer keine Jünglingsphotographieen liebt, wird sich 
auch keine kaufen. 

Die dritte Rubrik endlich umfaßt alle jene Behaup- 
tungen, die gänzlich eine Kenntnis des Homosexuellen 
vermissen lassen. Wenn Bloch nur 200 Homosexuelle 
untersucht haben würde, hätte er ganz sicherlich nicht 
geschrieben, daß Abnormitäten der Genitalien, abnorme 
Beschaffenheit der Analgegend, abstoßende Häßlichkeit 
oder gar chronischer Alkoholismus zur Homosexualität 
führen können. Es entspricht einfach nicht den Tat- 
sachen, daß der Durchschnitt der Homosexuellen häßlicher, 
trunksüchtiger oder im höheren Maße mit Genitalanomalien 
behaftet ist, wie der Durchschnitt der Normalsexuellen. 
Manche der angegebenen Gründe lassen sich unter zwei 
Gruppen rubrizieren. So sind die Anhängerinnen der 
Frauenbewegung viel zu zahlreich im Verhältnis zu der 
Menge urnischer Frauen, als daß dieser Emanzipations- 
kampf — so sehr er immerhin in der Häufigkeit sexueller 
Zwischenstufen seine Stütze findet — einen ausreichenden 
Erklärungsgrund abgeben könnte, andererseits besitzen 
allerdings gerade die homosexuellen Frauen Eigenschaften, 
die sie zu besonders aktiven Vorkämpferinnen für die 
Rechte der Frau befähigen. Diese Qualifikation ist aber 
nicht die Ursache, sondern lediglich die Folgeerscheinung 
ihres Uranismus. Daß aus der Verführung, dem Variations- 
bedürfnis und dem Wüstlingtum nie ein homosexueller 
Geschlechtstrieb entstehen kann, haben wir bereits oben 
sehr eingehend auseinandergesetzt. Wenn übrigens Bloch, 
Hoche u. a. so oft betonen, daß ein Normalsexueller aus 
jpReizhunger" homosexuell werden könne, so bleiben sie 
stets den Beweis schuldig, worin denn die Reizsteigerung 
hier bestehen soll. Welche Vorteile oder Vorzüge bietet 
denn dem Homosexuellen der Verkehr mit demselben 
Geschlecht, welcher doch im Gegenteil an seine psychische 




Potenz mindestens so hohe Anforderungen si 
Umgang mit dem Weibe? \ 

So gelangen wir denn auch, indem wi 
Ursachen, die für das Erworbensein der c. S. \ 
kommen, leicht als nicht stichhaltig oder nicht i 
widerlegen können, per exclusionem zu dem Seil 
die Homosexualität nicht erworben, sondern 
angeborenen Konstitution des Menschen begründet' 



IV. Die Naturnotwendigkeit de\ 
Homosexualität. 

Es ist ein Beweis für das Natürliche und Ur* 
liehe einer Erscheinung, wenn sich dieselbe in ein\ 
laufende Reihe verwandter Naturerscheinungen 
fügt, daß ihr Mangel geradezu einen Ausfall n 
lückenlosen Linie bedeuten würde. Für die Ersch« 
der Homosexualität triflt dies im vollsten Umfanj 
Es wäre sehr merkwürdig, wenn von. den fließ« 
Übergängen, die sich an jedem Organ, an jeder Fun] 
von einem zum anderen Geschlechte führend nachw< 
lassen, der Geschlechtstrieb ausgenommen wäre, 
sämtliche männliche Eigenschaften gelegentlich verein! 
oder in größerer Anzahl bei einem Weibe und umgekel 
sämtliche weiblichen beim Manne auftreten könnt 
woran auch nicht mehr der mindeste Zweifel besteh^ 
kann, so würde es etwas ganz Außerordentliches sei 
wenn der Geschlechtstrieb hier die einzige Ausni 
bilden sollte. Das Nichtvorhandensein der Homosexualiül 
würde ein viel größeres Wundör gewesen sein, wie ihr) 
Existenz, die vielen befremdlicher und naturwidriger er- 
scheint, wie das gelegentliche Vorkommen eines wohl! 
entwickelten Bartes beim Weibe oder railchgebender 



— 126 — 

Brüste 1 ) beim Manne. Wie man nach den Atomge- 
wichten die im periodischen System der Elemente noch 
fehlenden Stoffe vorausberechnen konnte, ehe man sie fand, 
wie man aus den Abständen der Planeten die Stelle und 
die Umlaufsbahn des Neptun beschrieb, ehe man ihn 
entdeckte, wie man die Zwischenstufen zwischen den 
Vögeln und Reptilien eingehend schilderte, ehe man im 
Solenhof er Kalkschiefer auf den Archaeopteryx stieß, so 
hätte ein gescheiter Kopf die Homosexuellen nachweisen 
können, ehe er sie von Angesicht zu Angesicht sah. 
Keine Erscheinung steht in der Natur isoliert da, jede 
zeigt die vielseitigsten Verbindungen mit den übrigen 
Naturkörpern, überall gibt es Übergänge; wie zwischen 
dem Kinde und dem Erwachsenen der Jüngling und 
die Jungfrau, so bildet zwischen Mann und Weib der 
Urning und die Uranierin eine Naturnotwendigkeit. Man 
hätte .vermutlich diese Übergangsreihen viel eher er» 
kannt und gewürdigt, wenn sie sich nicht auf jeden Ge- 
schlechtscharakter für sich beziehen könnten, ohne daß 
entsprechend die anderen miteinbezogen sind, dadurch 
entsteht ja eben die ungeheure Variation und kaum zu 
übersehende Mannigfaltigkeit. Im Grunde genommen ist 
jeder Mensch erst durch das ihm innewohnende Mischungs- 
verhältnis männlicher und weiblicher Teile verständlich. 
Selbst im gröberen ist die Verschiedenartigkeit und Menge 
der Abweichungen so groß, daß alle Versuche, die 
körperlichen und geistigen Zwischenstufen in eine be- 
stimmte Ordnung zu bringen, a ) gescheitert sind. Zwischen 



*) Milchgebende Männer werden bereits von Alexander von 
Hnmboldt und Bonplandt erwähnt in der „Reise in die Äquinoctial- 
gegenden des neuen Kontinents in den Jahren 1799—1804. 2. Teil. 
Stuttgart und Tübingen 1818. S. 40 ff. 

') Derartige Klassifizierungs-Versuche wurden unternommen von: 

1. Leonidas, Chirurg in Alexandrien, im 3. Jahrhundert, dessen 

Werke verloren sind; seine Einteilung wird angeführt von Aetius, 



— 127 



den echten, Pseudo- und psychischen Her 
den scheinbar rein somatischen und anschl 
geistigen Formen sind keine sicheren Grenzer 
Mit der Menge wissenschaftlicher Beobachi 
sich das System mehr und mehr komplizier^ 
schließlich dahin zu vereinfachen, daß im 
nommen jeder Fall in der Unsumme der Zwis^ 
einen Fall für sich, eine Klasse für sich, ein 
für sich bildet \ 

Der Vollmann und das Vollweib sind in Wir 
nur imaginäre Gebilde, die wir nur zu Hilfe \ 
müssen, um für die Zwischenstufen Ausgangspu 



der in der lütte des 6. Jahrhunderts in Mesopotamien lebte 
Angaben finden sich zitiert bei Haller- Bibliotheea Chirurg 
1774. T.L/p. 79. 

"2. Ulisse Aldrovandi, Monstrorum historia, Bononiae 16 
Ämbrosini veröffentlicht. Früher hatte Aldrovandi, der 160$ 
erklärt, eine Klassifizierung der Hermaphroditen sei wegen d( 
den Autoren beschriebenen großen Zahl und Verschiedenhe 
Formen unmöglich. Einer seiner Vorgänger, Argelata Pietro, Vi 
1499, erklärte in seiner Chirurgia den Hermaphroditismus für, 
„unerklärliche und abscheuliche Affektion bei den Menschen". 

3. Pierre Dionis, Gours d'operations de Chirurgie. Br 
1708, p. 197. Er befürwortete das auch noch im 19. 
hundert wieder vorgebrachte Gesetz, daß die Hermaphroditen 
für eins der beiden Geschlechter entscheiden, und es ihnen verbd 
sein sollte, das nicht gewählte zu gebrauchen. 

4. Albrecht v. Haller, Comm. Göttiugen. 1752. T. I. 1? 
hatte Haller eine Schrift verfaßt: An dentur hermaphroditi ? 

5. H. A. Wrisberg, Commentatio de singulari genitalium di 
formitate in puero hermaphroditum mentiente cum quibusdam obsei 
vationibus de hermaphroditis. Göttingen 1796. Par. 19. S. 541 — 542 

6. J. Fr. Meckel, Handbuch der pathologischen Anatomie\ 
Zwitterbildung, Leipzig, 1816. Bd. 2, Abt 1, S. 196—221. 

7. R. Lippi, Bizarre formi degli organi della riproduzione di 
due individui della specie umana. Firenze 1826. 

8. Johannes Müller, Bildungsgeschichte der Genitalien. Düssel- 
dorf 1830. 



— 128 — 

besitzen. Einen hundertprozentigen Mann gibt es nicht, 
solange noch jeder die Brustwarzenrudimente und den 
uterus masculinus aufweist, wohl aber einen, der zu 95, 
94, 93 etc. % männlich, zu 5, 6, 7 etc. % weiblich ist, 
die männlichen Qualitäten nehmen ab, und wir erreichen 
die Stelle, wo 50% männliches und 50% weibliches in 
einem Körper verbunden sind, von nun ab überragen die 
weiblichen Charaktere die männlichen bis wir ganz all- 
mählich dicht an den Typus des Vollweibes gelangen, an 
dem vielleicht nur noch die Paradidymis an den Mann 
erinnert Es ist durchaus nicht gesagt, daß ein Indivi- 
duum, das zu 75% weiblich, zu 25% männlich ist „ein 
Weib" sein muß, es kann ebenso gut „ein Mann" sein, 
an dem alles, abgesehen von dem Membrum und seinen 
Adnexen, weiblich ist. 

Was von dem Ganzen gilt, [ gilt auch von seinen 
Teilen. Wenn die Zellen des weiblichen und männlichen 



9. E. F. Gurlt (Berlin), Lehre von der pathologischen Anatomie. 
1832. S. 183 (34 Tafeln). 

10. Isidore Geoffroy de St. Hilaire, Histoire des anomalies de 
l'organisation. Paris, 1836. T. II, p. 36. 

11. Carlo Cotta, Alcune idee sulTermafroditismo. Milano 1844. 
(Gazz. medico d. Milano.) T. III, S. 205. 

12. A. Förster, Die Mißbildungen des Menschen. Jena 1861. 

13. Edwin Klebs, Handbuch der pathologischen Anatomie. 
Berlin 1876. Bd. 1, Abt. 2, S. 736. 

14. E. F. Gurlt, Über tierische Mißgeburten. Berlin 1877. 

15. F. Ahlfeld, Die Mißbildungen des Menschen. 2. Abschn. 
Leipzig 1880. S. 243. 

16. G. Pozzi, De Termaphroditisme. Gaz. hebdom. 1890. 
Nr. 30, p. 351. 

17. Cesare Taruni, Hermaphrodismus und Zeugungsfähigkeit, 
deutsch von Dr. R. Teuscher. Berlin 1903 (Barsdorf). 

18. Die psychischen Hermaphroditen klassifizierte Krafft-Ebing. 
Psychopathia sexualis. Auch seine Klassen gehen unabgegrenzt in- 
einander über, ebenso wie die von Ulrichs aufgestellten Gruppen 
der Mannlinge und Weiblinge. 



— 129 — 

Organismus in ihrer Größe und Konsistenz 
aufweisen, was durchaus wahrscheinlich ist, 
wir sicher sein, daß es zwischen der einen uk 
Durchschnittsform zahllose Abstufungen gibt, 
jedes beliebige Stück am Menschen herausgrei 
wird man diesen ganz allmählichen Übergang leU 
nehmen können. Nehmen wir die kräftige, der\ 
des Vollmann-Typus und die relativ und absolut \ 
zartere, weichere Hand des weiblichsten Weibes, z\ 
beiden gibt es eine Legion unmerklich in einandi 
gehender Formen. Das Durchschnittsbecken des \ 
und des Mannes weisen wesentliche Differenzen a\ 
doch sind auch hier die Zwischenformen so zahlreich 
es bei ausgegrabenen Becken häufig sehr schwer hl 
sagen, ob es ein männliches oder weibliches war,\ 
Becken, die der Gynäkologe als „allgemein verei 
bezeichnet, sind tatsächlich nur virile Becken. Da^i 
gilt vom Schädel, von den weiblichen und männli 
Brüsten, von der Schrift und Gangart der Geschlecl 
von ihrem Fühlen, Denken und Wollen, stets wird \ 
zwischen der spezifisch männlichen und typisch weiblicl 
Form die Zwischenstufen, die Überbrückung der Geg\ 
sätze ohne Schwierigkeiten entwickeln können. \ 

Auch der Geschlechtstrieb besitzt eine männlicl 
also auf das Weib gerichtete und eine weibliche, also de\ 
Manne zugeneigte Form. Die Reize der Außenwelt, dl 
Objekte, die den Geschlechtstrieb passieren, sind an sic\ 
gleich, der Eindruck, den sie auf die Nervenendorgane 
von wo sie hirnwärts projiziert werden, machen, ist der-^ 
selbe; das von der hübschen Frau auf der Netzhaut! 
entstehende Bild, die Klangwirkung ihrer Stimme auf\ 
das Gehör, die Fortleitung ihrer Ausdünstung auf das \ 
Geruchsorgan sind nicht verschieden. Auch die sen- \ 
siblea Nerven, die von diesen, wie von allen Punkten 
der Körperoberfläche durch das centrum libidinosum 

Jahrbuch V. 9 



— 130 




Urnischer Arbeiter 



131 




mit weiblichem Becken. 



9* 



132 — 



ziehen, sind anatomisch und physiologisch identisch, aber 
dieses Zentrum selbst muß verschieden bei Mann und 
Weib konstruiert sein. Auch der Urning sieht da« 
Weib nicht „mit anderen Augen" an, sondern mit 

einem anders gearteten 
Zentralorgan. Die motori- 
schen Nervenbahnen, die 
von diesem Zentrum peri- 
ph er ie warte ziehn, dürften 
ebenfalls bei beiden Ge- 
schlechtern nicht wesent- 
lich von einander ab- 
weichen. Daß bestimmte 
Sinneseindrücke, die von 
dem erregenden Objekt 
ausgehen, bei manchen mit 
besonders starken Lustge- 
fühlen verknüpft sind — 
die besonders vom Ge- 
sichts-, Gehörs- und Ge- 
ruchssinn ausgehende feti- 
schistische, sowie die vom 
Hautsinn wahrgenommene 
masochistische Reizung ge- 
hören hierher — sind ange- 
sichts der spezifischen Er- 
regung des bestimmten 
Zentrums durch ein be- 
stimmtes Geschlecht von 
ebenso untergeordneter Be- 
deutung wie die zentri- 
fugale im Sadismus zum Ausdruck gelangende gelegentliche 
Steigerung und Störung' sexueller Motilität. Worin die 
verschiedene Beschaffenheit des zentralen Organs ana- 
tomisch liegt, können wir um so weniger sagen, als ja 




Allgemein verengtes weibliches 
Becken. 




— 133 — \ 

\ 

der Sitz desselben noch nicht lokalisiert ist.\ 
sind es auch nur Größenunterschiede, wie bei 4 
Geschlechtscharakteren, sodaß also etwa das \ 
einer bestimmten Größe nur durch weiblich^ 
Mitschwingungen versetzt wird, während in an^ 
dehnung männliche Reize wirksam sind. Dochi 
natürlich nur Hypothesen, immerhin ist eine \ 
achtete Mitteilung Galls, *) des neuerdings wii 
Möbius und Bunge 2 ) zu Ehren gebrachten genialen B 
bemerkenswert, daß er „bei Männern, die eine Ab 
gegen das andere Geschlecht an den Tag legten, \ 
sonders schwach entwickeltes Kleinhirn gefunden^ 
Bekanntlich nahm Gall an, daß das Kleinhirn d\ 
des Geschlechtstriebes sei und zwar stützte er siel 
im wesentlichen auf folgende Argumente: 

I. Das Kleinhirn ist bei Neugeborenen im 

hältnis zum Gesamthirn schwach entwickelt, wie 1 : 9< 

Es wächst am stärksten nach der Pubertät, besonde^ 

18. Lebensjahr, und ist beim Erwachsenen dann das "\ 

hältnis wie 1 : 5 — 7. 

\ 

II. Die individuellen Verschiedenheiten in der fi 
wickelung des Kleinhirns sind sehr groß. Der Grad i 
Entwickelung ist beim lebenden Menschen äußerli 
kenntlich an dem Abstand der Processus mastoidei. \ 
weiter diese von einander abstehen, je breiter und stärkt 
ist die Nackenmuskulatur. Gall will nun an einem seh 
umfassenden Material beobachtet haben, daß Persone^ 



*) Franz Joseph Gall. Anatomie et Physiologie du systeme\ 
nerveux. 4 Bände. Paris 1810—18. Die uns interessierenden Stellen 
finden sich Vol. III. P. 85—138. 

2 ) P. J. Möbius: Über Franz Joseph Gall. Schmidts Jahr- 
bücher. Bd. 262. S. 260. 1899. G. v. Bunge -Basel. Lehrbuch 
der Physiologie des Menschen. Leipzig bei Vogel 1901. I. Band 
16. u. 17. Vortrag S. 222 u. ff. besonders auch S. 236. 



— VM — 

mit breitem muskulösen Nacken einen besonders starken 
Geschlechtstrieb haben. 

III. Das Kleinhirn ist beim Manne durchschnittlich 
stärker entwickelt als beim Weibe. Diesen Unterschied 
fand Gall in der ganzen Säugetierreihe von der Spitz- 
maus bis zum Elephanten bestätigt. 

IV. Werden Menschen und Tiere vor der Pubertät 
kastriert, so bleibt das Kleinhirn in seiner Entwicklung 
zurück. 

V. Wird nur ein Hoden exstirpiert, so atrophiert 
nur die eine Hälfte des Kleinhirns und zwar an der ge- 
kreuzten Seite. Gall will dies nicht nur bei Tieren, 
sondern in mehreren Fällen bei zufälligen Verletzungen 
am Menschen beobachtet haben. 

VI. Der Mensch, in welchem der Geschlechtstrieb 
das ganze Jahr über rege ist, bat ein stärker entwickeltes 
Kleinhirn als die Tiere, bei denen sich der Geschlechts- 
trieb nur zur Zeit der Brunst regt. 

Galls bestechende Behauptungen entbehren vielfach 
einer exakten zahlengemäßen Grundlage, sie sind daher 
auch vielfach bestritten und heftig angegriffen — der 
edle Gelehrte hatte unter dem Haß der Kirche und dem 
Neid der Fachgenossen namenlos leiden müssen — sie 
sind aber noch keineswegs widerlegt. Für seine Annahme 
spricht die neuerdings festgestellte Tatsache, daß sich die 
sensiblen Nervenbahnen von der ganzen Körperoberfläche 
her bis zum Wurm des Kleinhirns verfolgen lassen, und 
zwar reichen die ersten Neurone bis zu den Clarkeschen 
Säulen, von wo aus sie auf den Kleinhirnseitenstrangbahnen 
weiter ziehen. 

Mag das Geschlechtstriebzentrum nun im Klein- 
hirn oder anderswo seinen Sitz haben, jedenfalls ist 
nach dem Gesagten mit Sicherheit anzunehmen, daß es 




einen männlichen oder weiblichen Typus trägt \ 
hin, daß auch hier wie bei allen anderen mäni 
weiblichen Teilen fortlaufende Übergänge vorh\ 
und zwar selbständig, ohne daß eine Übereii 
mit den übrigen Sexualcharakteren unbedingt ei 
ist. Theoretisch ist zuzugeben, und ich selbst t 
Meinung früher vertreten, 1 ) daß das Centrum li^ 
aus zwei Teilen zusammengesetzt ist, indem \ 
vorhandenen körperlichen und geistigen Ru^ 
des anderen Geschlechts auch ein Triebrudim^ 
verschiedener Stärke entsprechen muß, so da\ 
eine doppelseitige Erregbarkeit in verschieden \ 
Grade möglich wäre. Wäre dies der Fall — wi 
bereits auseinandergesetzt, bin ich mit der Fül 
Materials schwankend geworden — so würde das fl 
häufigere Vorkommen der ßisexualität sprechen, \ 
dings nur bei einer gewissen Größe des Rudiments^ 
sexuelle Erregbarkeit durch beide Geschlechter läßi 
ohne weiteres noch nicht in diesem Sinne verwenden, \ 
abgesehen von Suggestivwirkungen handelt es sich 
oft nur um mechanische Reizungen, rein spinale Refi 
im Gegensatz zu den viel komplizierteren und zweck! 
sprechenderen zentralen Reflexen, die von der Psy\ 
ihren Ausgang nehmen und für deren Beschaffenheit \ 
allein Entscheidende sind. Darum sind auch gerade i 
Träume für die Richtung oder besser gesagt die man 
liehe oder weibliche Qualität des Triebzentrums von 1 
hohem Wert, weil im Schlaf zahlreiche Assoziationen i 
Wegfall kommen, die im wachen Zustand modifizierend 
und störend eingreifen. \ 

Zwei Umstände machen die große Häufigkeit dei 
sexuellen Übergänge und Zwischenformen erklärlich und 



*) Dr. med. Hirschfeld, Sappho und Sokrates etc. IL Aufl. \ 
1902, S. 8 ff. 



— X36 — 

wahrscheinlich. Einmal die Tatsache, daß jedes Individuum 
mit beiden Geschlechtern in unmittelbarem Erbschat ts- 
verhältnis steht. Der männliche Sproß erbt nicht nur vou 
seinem Vater, sondern auch von der Mutter und diese ge- 
mischte Vererbung wird noch wesentlich erweitert durch die 
latente Vererbung, nach deren Gesetzen auch die Mütter 
und Großmütter väterlicher- und mütterlicherseits an jedem 
Knaben partizipieren. Gewiß wird dieser Einfluß durch 
die sexuelle Vererbung, nach der Knaben gewisse väter- 
liche, Mädchen bestimmte mütterliche Eigenschaften er- 
halten, durchkreuzt, aber doch nicht in dem Grade, daß 
die vorher genannten wichtigen Gesetze der Heredität 
ausgeschaltet werden. Es hat vieles für sieb, daß bei 
der Vereinigung der weiblichen und männlichen Keim- 
zelle von vornherein ein bestimmtes Mischungsverhältnis an- 
gelegt ist, sodaß bereits die befruchteten Eier in männ- 
liche, weibliche und gemischte zerfallen würden. Diese 
sehr variable Mischung legt als Sexualbasis, vielleicht 
sogar als Sexualzentrum in der Hauptsache den Körper 
und Geist des Individuums für die Dauer seines Be- 
stehens fest 

Der zweite Umstand, welcher die Häufigkeit der 
Zwischenstufen so naheliegend erscheinen läßt, ist der, 
daß alle qualitativen Unterschiede der Geschlechter in 
Wirklichkeit nur quantitative sind. Alle sexuellen 
Charaktere verharren eine gewisse Zeit im neutralen Zu- 
stand, dann findet bei allen in einem bestimmten Alter 
vor oder nach der Geburt ein gemeinsamer Anlauf statt, 
der bei manchen Teilen früher, bei anderen später sein 
Ende erreicht, indem die unbekannte Zentrale auf das 
Wachstum der einzelnen Organe bald hemmend, bald 
fördernd einwirkt. Von dieser Wachstumsenergie ist es 
abhängig, ob ein Stück männlich oder weiblich geartet 
erscheint; gänzlich schwindet keins dieser Stücke, selbst 
beim Vollweibe ist alles männliche in mehr oder weniger 




großen Resten vorhanden, so wenig die 
weiblichen bei keinem Manne fehlen. Bei diei 
duellen Verschiedenheit der Individuen und (^ 
kann es nicht Wunder nehmen, daß eine V\ 
der Grenzen so häufig ist. 

Man hat wohl behauptet, daß die Trennung 
schlechter umso schärfer sei, je höher ein I 
stehe, daß die Natur auf eine immer größere Differl 
der Geschlechter hinarbeite. Das entspricht \ 
nicht den Tatsachen. Die Geschlechtsunterschi^ 
bei den niederen Tieren viel größer, als bei den \ 
so sind bei manchen Insekten die Männchen und W 
so verschieden gestaltet, daß man sie lange als 
derselben Art garnicht erkannt hat. Selbst 
meisten Säugetieren unterscheidet sich das Mal 
mehr vom Weibchen, als beim Menschen. Dabe\ 
halten sich die sexuellen Geschlechtscharaktere \ 
stabil, der weibliche Typus, der männliche und d^ 
Zwischenstufen hat sich soweit unsere Kenntnisse rel 
weder bei den Tieren noch beim Menschen nach\ 
und Zeit erheblich verändert. Namentlich sind die V\ 
gangstypen unter den Menschen zu allen Zeiten uni 
allen Zonen nachweisbar. Schon aus diesem Grunde \ 
scheint es nicht gerechtfertigt, im Uranismus einen Atavisfi 
zu erblicken, wie es wiederholt geschehen ist. Gewiß 
die Geschlechtseinheit im Naturreich das Ursprüngliche! 
die zwei Geschlechter stellen eine höhere Stufe der Ee 
wickelung dar. In den Zwischenstufen tritt uns ab^ 
kein Rückschritt zum eingeschlechtlichen, sondern vie 
eher ein Fortschritt zum mehrgeschlechtlichen entgeger 
Das dritte Geschlecht stellt nichts einfacheres, sondere 
eher etwas komplizierteres dar. Mit ihm gestaltet sich! 
die Menschheit nicht einförmiger, sondern reichhaltiger \ 
und vielseitiger. Läge wirklich eine immer schärfere 
Differenzierung der Geschlechter im Plane der Natur, so 



— 138 — 

müßten die Männer immer männlicher, die Frauen immer 
weiblicher, die Kluft zwischen beiden Geschlechten) mithin 
immer größer und klaffender werden. Wir vermögen darin 
weder etwas Zweckmäßiges, noch etwas Segensreiches 
zu erblicken. 



V. Heredität und Homosexualität 

Angeboren ist nicht immer ererbt. Wäre beispiels- 
weise unsere Vermutung richtig, daß das Männliche und 
Weibliche im Menschen von dem Mischungsverhältnis 
der männlichen und weiblichen Zeugungsstoffe abhängig 
ist, so wäre der homosexuelle Trieb wohl eingeboren, 
aber nicht ererbt im eigentlichen Sinne des Wortes. Genau 
genommen kann man nur etwas erben, was die Eltern 
besitzen. Demnach müßte von den Eltern eines urnischen 
Kindes zum mindesten eines urnisch sein. Das ist aber 
verhältnismäßig sehr selten der Fall. Der wissenschaft- 
liche Sprachgebrauch hat allerdings den Begriff der Ver- 
erbung wesentlich erweitert, und nennt ererbt auch 
solche Eigenschaften, deren Auftreten erfahrungsgemäß 
von gewissen oft ganz anders gearteten Zuständen der 
Eltern hereditär beeinflußt wird, so nennen wir die 
Skrophulose ererbt, wenn das Kind einer tuberkulösen 
Familie entstammt, die Epilepsie ererbt, wenn der Vater 
ein Trinker war, die Taubstummheit ererbt, wenn die 
Eltern blutsverwandt waren. Auch die Definition von 
Möbius 1 ): „Entartete sind die, welche vermöge krank- 
hafter Zustände ihrer Erzeuger mit einem krankhaften 
Geisteszustände zur Welt kommen", gehört hierher. Rich- 
tiger wäre es in allen diesen Fällen nur im allgemeinen 
von ererbter Belastung oder von Belastung allein zu reden. 



*) V. Magnan: Psychiatrische Vorlesungen; in der Einleitung 
von Möbius S. VI. 



— 139 — \ 

\ 

Die Forscher, welche die Überzeugung ve^ 
die Homosexualität angeboren sei, haben u\ 
achtens dieser erblichen Belastung einen zu h\ 
beigelegt und zwar dürfte die Überschätzung des ll 
Einflusses mit der Besonderheit des verarbeiteten 
zusammenhängen. Sie berücksichtigten zu wenig 
alle Konträrsexuellen, die zu ihnen als hervor\ 
Nervenärzten kamen ; sich subjektiv leidend füll 
objektiv oft in indirekter Verbindung mit ihrei, 
Sexualität meist an Neurasthenie litten, einer ebenf^ 
fach auf neuropathischer Heredität basierenden Ä 
Meist handelt es sich auch um Patienten aus ti, 
Ständen, in denen es wohl kaum noch eine Famili 
bei der nicht unter den Angehörigen Abweichungen z\ 
statieren sind, etwa Migräne der Mutter, Selbstmora 
Vetters, die sich im Sinne psychopathischer Dispq 
verwenden lassen. Wer sehr viele gesunde Homosej 
exploriert hat, wird erstaunt sein, wie häufig her4 
belastende Umstände — auch bei weitester Fas| 
des Begriffs der Erblichkeit — fehlen. Von denen, dii 
beobachtete, stammen mindestens 75% von gesuq 
Eltern aus glücklichen, oft sehr kinderreichen E 
Nervöse oder geistige Anomalien, Alkoholismus, Bl 
Verwandtschaft, Lues sind in der Aszendenz keineswi 
häufiger, wie unter den Vorfahren normalsexueller P< 
sonen. In der Mehrzahl der Fälle heirateten Vater ui 
Mutter aus Neigung, sehr viele Urninge heben das b< 
sonders glückliche Zusammenleben ihrer Eltern hervo: 
Der Altersunterschied der beiden Eltern weist großi 
Schwankungen auf, im Durchschnitt ist der Vater 5 bi^ 
10 Jahre älter wie die Mutter, in einem Falle betrug de^ 
Altersunterschied 45 Jahre, der Vater war 64, die 
Mutter 19 Jahre, als das urnische Kind, welches das 
einzige blieb, geboren wurde. Unehelich geborene Homo- 
sexuelle kenne ich 8. Wiederholt schien es mir, daß die 



— 140 — 

Mutter eine mehr aktive, der Vater mehr eine passive 
Natur war, ohne daß eins von beiden direkt urni**h 
gewesen wäre. Das von manchen als ätiologisch be- 
deutsam angegebene Moment, daß die Mutter sich ein 
Kind entgegengesetzten Geschlechtes gewünscht habe, 
entbehrt einer statistischen Unterlage. Die Mutter eines 
urnischen Leutnants teilte diesem auf seine Anfrage mit, 
daß sie sich allerdings vor seiner Geburt — er ist der 
dritte Sohn — eine Tochter gewünscht habe, noch mehr 
aber habe sie dies vor der Geburt des vierten Knaben 
getan, aus dem ein scharf heterosexueller Frauenfreund 
und Familienvater geworden ist. Bei den 20 — 25° der 
Homosexuellen, wo erbliche Belastung vorlag, fanden sich 
fast durchgängig Zeichen der Degeneration, 
die von der Homosexualität als solcher unabhängig waren. 
Sind also in 8 / 4 der Fälle „ krankhafte Zustände der 
Erzeuger" bei gewissenhafter Nachforschung nicht zu 
eruieren, so gibt es doch eine Tatsache, aus der sich mit 
Sicherheit schließen läßt, daß eine Familienanlage zur 
Homosexualität bestehen muß, wenn auch keine krank- 
hafte. Dieses Faktum ist das verhältnismäßig sehr häufige 
Vorkommen homosexueller Geschwister. Unter 100 
Urningen finden sich durchschnittlich 8, deren Bruder 
oder Schwester ebenfalls homosexuell sind. Diese Zahl, 
die mit der Gesamtmenge der Urninge in gar keinem 
Verhältnis steht, kann kein Zufall sein, auch ist der Ein- 
fluß der gleichen Erziehung oder psychischer Ansteckung 
auszuschließen, denn meist haben diese Personen noch 
eine ganze Reihe normalsexueller Geschwister, die in dem- 
selben Milieu aufgewachsen sind und in nahezu der Hälfte 
der Fälle handelt es sich um Bruder und Schwester, auf 
die, wenn sich Homosexualität züchten ließe, ganz ent- 
gegengesetzte Faktoren eingewirkt haben müßten, denn die 
Umstände, die den Sohn effeminierend beeinflussen könnten, 
müßten die Tochter erst recht weiblich machen und um- 



141 



gekehrt, es sei denn, daß Eltern absichtlich i\ 
nach weiblicher, ihre Töchter nach männlich^ 
ziehen, was schwerlich vorkommen dürfte. Oft i 
die urnischen Geschwister getrennt von einandd 
wachsen. So berichtet ein höchst femininer Ur^ 
russischer Abkunft, der in Deutschland erzoger 
„Meine einzige Schwester, von der ich seit Kindl 
trennt bin, hat fast alle Vorzüge eines Mannes, sie 
in Petersburg Medizin, raucht und treibt sehr viel\ 
sie schwärmte in der Schule sehr für ihre Lehrer\ 
lebt mit einer Studiengenossin in enger Freundschd 
sammen.* Unter 58 urnischen Geschwistern, die mJ 
sönlich oder dem Namen nach bekannt sind, finden 
26 mal Bruder und Schwester, 21 mal homosexuelle Br\ 
darunter 2 mal Zwillingsbrüder, 3mal homosexuelle Sei 
stern, 6 mal 3, 1 mal 4, lmal 5 urnische Geschwil 
29 mal sind sämtliche (2, 3 und 5) Kinder homosex^ 
in 7 Fällen hat sich ein Bruder wegen Homosexuall 
das Leben genommen. Verhältnismäßig häufig finden s\ 
auch Homosexuelle in der Vetterschaft. In einer eul 
päischen Fürstenfamilie, welche im Jahre 1880 14 män\ 
liehe Mitglieder zählte, fanden sich nachweislich vie 
wahrscheinlich sogar sechs Urninge. In den Fällen, 
mehr als zwei Kinder homosexuell sind, scheint mir eini 
psychopathische Belastung häufiger vorzuliegen, soweit 
sich dies bei dem relativ spärlichen Material sagen läßt] 
Im Falle der 4 urnischen Geschwister waren der Vater \ 
und der Großvater mütterlicherseits Brüder, in dem der 
5 Geschwister berichtet der älteste Bruder, ein mir auch 
persönlich bekannter tüchtiger Schriftsteller : „Meine vier 
jüngeren Geschwister, eine Schwester und 3 Brüder, sind 
wie ich veranlagt. Mein 2. Bruder nahm sich im 28. Jahr 
das Leben. Er verlobte sich, glaubte aber nach kurzer 
Zeit das Mädchen nicht wirklich lieben und befriedigen 
zu können, wurde krankhaft mißtrauisch gegen seine 



— 142 — 

Umgebung, von der er sich in seiner Anomalie durch- 
schaut glaubte und erhängte sich in einem Sanatorium. 
Wir Geschwister sind sämtlich von der Mutter her sehr 
musikalisch und schöngeistig veranlagt, die Mutter war 
eine kluge energische Frau von vorzüglichen Gemüts- 
eigenschaften. In ihrem Gesicht lag ein männlicher Zug. 
Sie starb im 50. Jahr an Unterleibskrebs. Der Vater 
war skrophulös, schwerhörig, willensschwach, er starb im 
58. Jahr nach langjährigem Rückenmarksleiden. Die 
Mutter meines Vaters hatte in ihrem Tun etwas ent- 
schieden Männliches und hatte im Alter einen Bart." 
Ich bemerke, daß der Berichterstatter körperliche und 
geistige Degenerationszeichen aufweist (u. a. unregelmäßige 
Zahnstellung, verbildete Zehen, allerlei Absonderlichkeiten 
und Exzentrizitäten neben hoher geistiger Befähigung, 
Zwangsvorstellungen, so ist es ihm unmöglich rechts von 
jemandem zu gehen, exhibitionistische Anwandlungen etc.). 
Es handelt sich hier also um einen erblich belasteten 
Homosexuellen, der zugleich ein Degenerierter ist. 

Die Frage zu entscheiden, wie gesunde Eltern zu 
homosexuellen Kindern kommen, werden wir schwerlich 
im Stande sein, bevor wir nicht wissen, wovon es ab- 
hängt, daß das eine Mal Knaben, ein anderes Mal Mädchen 
geboren werden. Vorläufig können wir nur die uns in 
ihren Gründen völlig unklare, aber höchst weise Tatsache 
konstatieren, daß in Deutschland wie fast in ganz Europa 
auf 100 Mädchen durchschnittlich 106 Knaben zur Welt 
kommen. Wir werden kaum fehlgehen, wenn wir hieraus 
und aus der Erfahrungstatsache, daß — soweit unsere 
Kenntnis reicht — überall Homosexuelle in gleicher 
Menge vorhanden sind, folgern, daß auf ein bestimmtes 
Quantum Knaben und Mädchen ein konstanter Prozent- 
satz urnischer Personen geboren wird. Die Größe desselben 
auch nur annähernd anzugeben, besitzen wir keine exakten, 
einwandfreien Grundlagen; sie zu beschaffen, dürfte 



143 






eine der wichtigsten Aufgaben des wissenschaftlich, 
tären Komitees sein. Als statistisch erwiesen dl 
dagegen ansehen, daß die Homosexuellen in der 1 
der Fälle nicht erblich belastet sind, wie es bisfi 
geglaubt wurde. Diese Feststellung spricht wi 
dagegen, daß es sich in allen Fällen von Homosö 
um eine Degenerationserscheinung handelt. Bek^ 
waren die Psychiater, die sich zuerst mit der kol 
Sexualempfindung beschäftigten, namentlich Magna 
Krafft-Ebing auf Grund ihres Materials zu dieser \ 
zeugung gelangt. Magnan *) hatte gesagt: „Die \ 
kehrung des geschlechtlichen Empfindens ist nicht^ 
Krankheit für sich, sondern das Zeichen eines a 
meinen krankhaften Zustandes, ein Syndrom im 1 
der ererbten Entartung. " Krafft-Ebing 2 ) gelangt ha\ 
sächlich unter Berücksichtigung der „in fast allen Fä\ 
vorhandenen neuropathischen Belastung* zu dem Schluß 
„daß diese Anomalie der psychosexualen Empfinduni 
weise als funktionelles Degenerationszeichen klinisch a 
gesprochen werden muß." Mit der Menge der zu sein! 
Beobachtung gelangenden Homosexuellen hat er allei 
dings diesen Standpunkt wesentlich eingeschränkt und il 
seiner Arbeit im III. Bande dieser Jahrbücher (S. 6) er\ 
klärt er ausdrücklich : „Daß die konträre Sexual empfindung 
an und für sich nicht als psychische Entartung oder\ 
gar Krankheit betrachtet werden darf." Neuerdings hat^ 
Möbius in der geistvollen Schrift: „Geschlecht und Ent- 
artung" 8 ) die Anschauung vertreten, daß die Homo- 
sexualität stets eine Form angeborener Entartung sei, 
er beruft sich dabei besonders darauf, daß stets erbliche 
Belastung nachzuweisen sei und daß stets auch außer- 
halb der Geschlechtlichkeit liegende körperliche und \ 

*) Magnan. Psychiatrische Vorlesungen, IV. V. Heft. S. 38. 

2 ) Psychop. sex. S. 209. 

3 ) S. 28 ff. 



— 144 — 

geistige Zeichen der Entartung vorhanden wären. Wir 
sahen bereits, daß die erste Voraussetzung nicht zutrifft, 
und werden erfahren, daß auch die zweite Prämisse einer 
Massenbeobachtung gegenüber nicht Stich hält. Übrigens 
rechnet Möbius ') (3. 36) die Homosexuellen „nur zu den 
Leichtentarteten oder wie man gewöhnlich sagt, zu den 
Nervösen." Ein anderer sehr erfahrener Psychiater — 
selbst Urning — schreibt: „Meine Studien haben mir kein 
positives Resultat ergeben. Wohl fand ich in einzelnen 
Fällen von Homosexualismus hereditäre Einflüsse, die 
aber bei anderen fehlten. Allerdings fand ich unter 
Homosexuellen Typen mit ausgeprägten psychischen und 
körperlichen Degenerationszeichen, andererseits fand ich 
aber wieder so kerngesunde, harmonische Naturen, daß 
sich für mich trotz eifrigsten Bestrebens nichts Eindeutiges 
zur Entscheidung dieser Frage ergab. Allerdings ist ein 
so verhältnismäßig kleines Material, wie es bisher jedem 
auch dem bedeutendsten Forscher vorgelegen hat, nicht 
geeignet, absolut einwandfreie Schlüsse zu ziehen. Ein 
entscheidender Beitrag zur Lösung dieser Frage ist wohl 
nur von der Bearbeitung des großen einschlägigen Ma- 
terials, das dem wissenschaftlich-humanitären Komitl zur 
Verfügung steht, zu erwarten.* 

Vor kurzem hat sich auch Näckez) zu der Frage ge- 
äußert und zwar in dem Sinne, daß die Homosexualität 
allein für sich bestehend noch keine Entartung ausmacht, 

! ) Möbius sagt in dieser Broschüre S. 40: „Auch ich bin der 
Meinung, daß die Abschaffung des § 175, dessen Wirkung haupt- 
sächlich in Erpressungen und weiterhin in Selbstmorden besteht, 
dringend zu wünschen sei." Wir betonen dies Bloch gegenüber, 
der sich gegen die Aufhebung dieses § ausspricht und sich dabei 
auch (B. I. S. 252) auf frühere Ausführungen von Möbius stützt. Auch 
die zwei anderen Hauptgewährsmänner von Bloch: Eulenburg und 
v. Schrenck-Notzing haben die Petition unterzeichnet, welche für 
die Beseitigung dieser verhängnisvollen Strafbestimmung eintritt. 

*) In Laehrs Allg. Zeitschrift f. Psychiatrie 1902. S. 827. 



— U5 — 

daß es geistig und körperlich völlig normal 
sexuelle gibt, daß man dagegen die Homosext 
ein Stigma neben anderen gelten lassen kann, 
nicht als ein so schweres, wie es vielfach h^ 
wurde. Ich habe in Gemeinschaft mit dem 
Dr. Ernst Burchard, mehrjährigen psychiatrischi 
stenten, die Beziehungen zwischen Degeneratil 
Homosexualität einem eingehenden Spezialstudiuu 
zogen und können wir den Thesen Näckes voll un^ 
beipflichten. 

Wir legten uns zuvörderst die Frage vor, in\ 
die Homosexualität als Teilerscheinung bei Persöl 
keiten auftritt, die ihrer gesamten körperlichen \ 
geistigen Veranlagung nach als Entartete zu bezeicl 
sind. Wir gingen dabei von dem jetzt allgemein gült 
Grundsatze aus, daß ein vereinzeltes Degenerationszeic 
noch kein Beweis von Entartung ist, daß es in jec 
Fall des Zusammentreffens mehrerer solcher Eigenschaf 
bedarf, von denen Möbius sagt: „Wo sie sind, da 
Entartung, wo ihrer viel sind, viel, wo ihrer wenig, weniji 
Auszuschließen waren bei dieser Untersuchung von vor! 
herein psychische und- somatische Erscheinungen, welch 
mit der Homosexualität in unmittelbarem Zusammenhangs 
standen. Wenn beispielsweise Möbius 1 ) sagt: „Kindern 
liebe ist ein wesentlicher Zug des weiblichen Geistes ;\ 
wenn ein Mann seine Kinder abscheulich findet, so erregt \ 
das kein Bedenken, tut es ein Weib, so ist sie mit Be- ' 
stimmtheit als entartet zu bezeichnen", so trifft dies für 
ein normalsexuelles Weib gewiß zu, nicht aber für eine urni- 
sche Individualität, zu deren Gesamtbild diese Abneigung 
gegen Fortpflanzung und Kinder als Teilerscheinung ge- 
hört. Ebensowenig werden wir bei einem homosexuellen 
Manne sehr weiche Hände oder starke Brustentwickelung 



*) Staohyologie S. 176. 

Jahrbuch V. 10 



— 146 ■ — 

oder Bartlosigkeit als Stigma der Degeneration, sondern 
vielmehr als urnisches Stigma ansehen dürfen. Von 
körperlichen Degenerationszeichen hatte Kollege Burchard 
folgende für unseren Zweck zusammengestellt: 1 ) 

Abnormer Kopfumfang 

Asymmetrie des Hirnschädels. 

Asymmetrie des Gesichtsschädels. 

Abnorme Häßlichkeit. 

Mikro- und Anophthalmus. 

Fehlen, Colobom der Iris. 

Farbenungleichheit der Iris. 

Ektopie und Ungleichheit der Pupillen. 

Retinitis pigmentosa. 

Angeborene Kataract. 

Cysten der Augenhöhle. 

Schielen, Nystagmus. 

Die zahlreichen Anomalien im Bau des äußeren Gehörorgans 
(wie Spitzohr, Darwinsches Knötchen, tibermäßig große, 
sehr stark abstehende Ohren). 

Fisteln der Ohrmuschel. 

Anhänge der regio aiiricularis und regio colli. 

Eiemengangcysten. 

Gesiohtsspalten. 



*) Es wurden besonders folgende Werke berücksichtigt: 

Morel: Degenerescences de l'espece humain, Paris 1856. 

Magnan: Psychiatrische Vorlesungen, Deutsch von Möbius, 
Leipzig 1891. 

Fere: Nervenkrankheiten und ihre Vererbung. Deutsch von 
Schnitzer, Berlin 1896. 

Möbius: Über Entartung, Wiesbaden 1900. 

Nordau: Über Entartung, Berlin 1898. 

Arndt: Biologische Studien (II. Artung und Entartung, 
Greifswald 1895). 

Rhode: Über den gegenwärtigen Stand der Frage nach der 
Entstehung und Vererbung individueller Eigenschaften und Krank- 
heiten, Jena 1895. (Mit eingehender Litteraturangabe über Ver- 
erbung bis 1895.) 

Cohn: Ein Beitrag zur Lehre von der Vererbung. — Deut- 
sche medicinische Presse. 

Fuhrmann: Das psychotische Moment, Leipzig 1903. 



— 147 — 

Hasenscharten. 

Cysten des Zwischenkieferspalts. 

Anomalien der Zahnstellung und des Zahnbaus. 

Hoher und spitzer Gaumen. 

Spaltungen des Gaumens. 

Auffallend massiver Unterkiefer. 

Mikro- und Makroglossie. 

Anomalien des Zungenbändchens. 

Stottern, Stammeln. 

Angeborene Abweichungen der Wirbelsäule. 

Fehlen von Extremitäten und£einzelnen Gliedern. 

Entwickelungshemmungen in der Länge der Finger und' 

Polydaktylie, Syndaktylie. 

Schwimmhäute. 

Zu harte knochige, zu breite tatzenartige, zu weiche 

knochenlose, übermäßig feuchte kalte Hand. 
Klumpfuß, Pferdefuß etc. 
Hammerartige Mißbildungen der großen Zehe. 
Angeborene Luxationen, Neigung zu Luxationen. 
Größenmißverhältnisse der Extremitäten zum Rumpf. 
Riesen-, Zwergwuchs. 
Angeborene Exostosen. 
Akromegalie. 
Spina bifida. 

Mangelhafte Muskelentwickelung. 
Fehlen einzelner Muskeln. 
Starke Fettleibigkeit. 
Multiple Lipome. 
Hämophilie. 
Situs inversus. 
Neigung zu Krampfadern. 
Aplasie der Arterien. 
Pigmententartung der Haut (Flecken etc.). 
Albinismus. 

Hornartige Gewächse der Haut. 
Mangelhafte und abnorme Behaarung. 
Vorzeitiges Ergrauen. 
Doppelter Haarwirbel. 
Ungenügendes Wachstum der Haare. 
Zartheit der Nägel. 
Brüche, Bruchanlage. 
Atresie, Prolapse des Mastdarms. 

10* 



— 148 — 

Abnorme Länge des proz. vermiformis. 
Neigung zu Appendicitis. 
Überzählige Brüste. 
Pseudo-Hermaphroditismus. 
Kryptorchismns. Ektopie der Teatikel. 
Hypospadie. Epispadie. 
Phimose. 

Natürlich sind die einzelnen Stigmata in ihrer Be- 
deutung sehr verschieden zu bewerten, so werden vor- 
zeitiges Ergrauen, Neigung zu Appendicitis, zu Krampf- 
adern und Bruchanlage zusammengenommen weniger zu 
besagen haben als eine Verbindung von Hasenscharte 
und Polydaktylie. An die körperlichen Entartungszeichen 
schließt sich die Neigung zu bestimmten konstitutionellen 
Erkrankungen an, die man ebenfalls als Entartungszeichen 
ansieht. Im Wesentlichen sind es Rachitis, Tuberkulose, 
Skrophulose, Diabetes und die Krankheiten der arthriti- 
schen Gruppe. Die Anlage zu gewissen nervösen Er- 
krankungen, der man eine gleiche Bedeutung beilegt, zur 
Chorea, Basedowschen, Parkinsonschen, Thomsenschen 
Krankheit, Muskelatrophie, M igräne, Neuralgieen, Epilepsie, 
Hysterie und Neurasthenie leitet uns auf das Gebiet der 
psychischen Degenerationszeichen über. Hier kommt es 
für uns weniger auf die ausgesprochen pathologischen 
Zustände des sogenannten Entartungsirreseins an, die 
ohnehin von den übrigen endogenen Psychosen schwer 
zu trennen sind, als vielmehr auf jene psychischen Stigmata, 
die außerhalb eigentlicher Geistesstörungen den Entarteten 
charakterisieren. Es sind dies nach F£r6: Extreme Reiz- 
barkeit des Charakters, Veränderlichkeit der Gefühle und 
Neigungen, Absonderlichkeit des Geschmacks (z. B. im 
Alkoholismus und Morphinismus hervortretend) , damit 
im Zusammenhang steht die für den Entarteten charakte- 
ristische Tatsache, daß bei ihm der Impuls zum Handeln 
stärker ist, als es nach den bestimmenden Motiven der 
Fall sein sollte. Magnan stellt in den Vordergrund die 



149 — \ 






verringerte Fähigkeit sich geistig konzentrieren zi\ 
nebst der Unfähigkeit, lästige Gedanken zu ban^ 
zu Zwangshandlungen führt (Platzfurcht, Onomai 
Arithmomanie, Selbstmordmanie etc.). Möbius \ 
sieht das wesentliche in der psychischen Unbestän\ 
und Disharmonie, die in Gleichgewichtsstörungen 
Ausdruck gelangt. Wichtig für die Bewertung psycH 
Entartungszeichen ist der Satz, daß diejenigen, M 
unter gleichen Lebensbedingungen stehen, wissen we 
was an dem Betreffenden atypisch ist. Hier ist je\ 
wieder zu berücksichtigen, daß dem Normalsexui 
vieles atypisch erscheinen wird, was dem spezifisch ho\ 
sexuellen Empfinden entspringt und mit der urniscl 
Natur vollkommen harmoniert, sodaß von diesem Gesich 
punkt aus von einer Disharmonie der psychischen Persq 
lichkeit nicht die Rede sein kann. Weiterhin sind aui 
die nervösen Stigmata in Abzug zu bringen, welche a, 
unmittelbare Folgeerscheinungen der homosexuelle] 
Triebrichtung aufzufassen sind. Wenn wir uns vergegeri 
wärtigen, welchen gewaltigen Faktor die honiosexuell^ 
Leidenschaft im individuellen Leben ausmächt, so werdeni 
wir begreifen, daß stärkere Alterationen dieser Sphäre \ 
auf das ganze mit dem Sexualtrieb so eng verknüpfte \ 
Nervensystem besonders nachteilig wirken werden. Un- 
glückliches Lieben steht unter den Ursachen der Neu- 
rasthenie obenan und man sollte nie versäumen, wenn man 
bei Patienten die mit erhöhter Erregbarkeit verbundenen \ 
nervösen Depressionen findet, das Sexualleben im weitesten \ 
Sinn als ätiologisches Moment in Betracht zu ziehen. \ 
Gilt das schon für Normalsexuelle, um wie viel mehr für \ 
Homosexuelle, deren innere Angst und Erregungszu- \ 
stände, deren so oft zu Selbstmordversuchen führende \ 
Liebeskonflikte, deren qualvolle Unterdrückungskämpfe \ 
oft eine fortlaufende Reihe psychischer Traumen darstellen. \ 

Wir müssen also bei unseren Untersuchungen die auf dem 






\ 



— 150 — 

Boden der Entartung und die auf dem der Homosexualität 
entstandene Neurasthenie wohl unterscheiden. 

Wenn wir uns nun nach Auschluß der mit dem homo- 
sexuellen Triebe im unmittelbaren Zusammenhang stehen- 
den Stigmen die Frage vorlegen: Bestehen bei Homo- 
sexuellen die körperlichen und geistigen Entartungszeichen 
in höherem Prozentsatz als bei Normalsexuellen?, so 
lautet die Antwort: Nein. Burchard und ich fanden 
unter 200 beliebig ausgewählten Homosexuellen 32 mit 
ausgesprochenen Degenerationszeichen also ca. 16% und 
zwar waren diese fast sämtlich erblich belastet. 

Stände die Homosexualität im unmittelbarem Zu- 
sammenhang mit der Degeneration, so müßten die Zeichen 
der Entartung nicht nur bei Homosexuellen, sondern auch 
die Homosexualität in größerem Umfange bei schwerer 
Degenerierten nachzuweisen sein. Auch das trifft nicht 
zu. Man vergleiche . die im II. Aufsatz dieses Bandes 
von Näcke mitgeteilten Beobachtungen aus der Irren- 
anstalt Hubertusburg, auch Dr. Burchard sah während 
seines mehrjährigen Aufenthalts in der Heilanstalt Ucht- 
springe unter dem dortigen überaus zahlreichen Material 
von Degenerierten schwerster Art nur einen Fall aus- 
gesprochen homosexueller Veranlagung (bei einem Epi- 
leptiker.) 

Tritt also die Homosexualität in gut 4 / ft der Fälle 
bei völlig Gesunden und nur in knapp 1 / B bei Degene- 
rierten auf, steht sie demnach keineswegs so oft in Ver- 
bindung mit sonstigen Zeichen der Degeneration, daß sie 
notwendig mit ihr verknüpft erscheint, so bleibt noch der 
Einwand übrig, und dieser ist erhoben worden, daß die 
Homosexualität allein für sich ihren Träger zum Degene- 
rierten, zu einem minderwertigen Repräsentanten der 
Gattung Mensch stempelt. Auch Möbius scheint dieser 
Meinung zuzuneigen. Er sagt (Stachyologie S. 132) einmal : 
„Mit der Zivilisation wächst die Entartung, d. h. die Ab- 



— 151 — 

weichung von der ursprünglichen Art. — 
wichtigsten Arten geistiger Abweichung bestet 
daß der Geschlechtscharakter an seiner Bestimmt! 
liert, daß beim Manne weibliche Züge, beiml 
männliche auftreten/ . Man mißt dabei diesen Züget 
Symptomenkomplex doch zweifellos eine Einheit \ 
eine Bedeutung bei, die man keinem anderen Stigi 
erkennt, und setzt sich in Widerspruch mit dem v^ 
Psychiatern allgemein angenommenen Satz, daß es zur\ 
Stellung der Entartung stets mehrerer Degenerat 
zeichen bedarf. Um zu entscheiden, ob die Homosexu\ 
für sich eine Entartu'ng bedeutet, muß man sichl 
allem über diesen Begriff Klarheit verschaffen, \ 
durchaus nicht leichte Aufgabe, denn die Erkläru 
„Entartung ist ein krankhafter Geisteszustand auf Grii 
krankhafter Zustände der Erzeuger ", sowie die andi 
Definition: „Entartung ist eine ererbte Abweichung vi 
Typus, die die durch die Variabilität gezogenen Grenzi 
übersteigt", rufen sofort die Gegenfragen wach: was i\ 
krankhaft? was ist der Typus ? was ist die Norm? welche 
sind die Grenzen physiologischer Varietät? Wir könnei 
doch unmöglich Lombroso beipflichten, der auf die tele- 
graphische Anfrage des New York Herald: Was ist ein, 
normaler Mensch? antwortete: „Ein Mensch, der über\ 
einen gesegneten Appetit verfügt, ein tüchtiger Arbeiter, \ 
egoistisch, geschäftsklug (routin£) geduldig, jede Macht- \ 
Sphäre achtend . . ein Haustier." 

Gewiß stellt der Homosexualismus die Minorität des 
geschlechtlichen Empfindens dar, sodaß man ihn ver- 
gleichsweise als von der Norm abweichend und in 
diesem Sinne als abnormal bezeichnen kann. Sieht 
man aber von Vergleichen ab und betrachtet ihn ganz 
objektiv, rein für sich, als etwas einmal Bestehendes, 
so bildet er in sich etwas so Übereinstimmendes, die ihm 
eigenartige Geschlechtsempfindung entspricht so sehr 



— 152 — 

seinem ganzen Wesen und zeigt so bis ins einzelne 
gehende Analogieen mit der heterosexuellen Geschlechts- 
empfindung, daß man bei ihm wohl von einer besonderen 
Art, einem besonderen Geschlecht absolut gesprochen, 
aber nicht von einer Anomalie im pathologischen Sinne 
reden kann. Das Disharmonische, die Störung der nor- 
malen geistigen Proportionen (d£s£quilibration), auf welche 
die Psychiater mit Recht hohen Wert legen, ist beim 
Homosexuellen nur scheinbar vorhanden. Die Ansicht 
Molls, welche er in einer deiner letzten Arbeiten 1 ) mit 
den Worten vertritt: „Zu den krankhaften Erscheinungen 
rechne ich unter allen Umständen die ausgeprägte Homo- 
sexualität. Wo ein solches Mißverhältnis zwischen Körper- 
bildung und seelischer Verfassung besteht, haben wir 
einen pathologischen Zustand vor uns,* diese Ansicht 
wäre richtig, wenn der Homosexuelle körperlich und 
geistig so konstituiert wäre, wie der Normalsexuelle. Wir 
haben ausführlich dargetan, daß ein derartiges Mißver- 
hältnis in Wirklichkeit nicht besteht. Nicht ohne 
Berechtigung schreibt ein homosexueller Gelehrter: 
„Wenn jemand, der sonst gesund ist, durch die Be- 
friedigung eines Triebes Glück empfindet, dürfte doch 
das Prädikat „krankhaft" widerlegt sein. Ich verspüre 
nach jeder Auslösung meines Triebes ein so erhöhtes 
Kraftgefühl, soviel innere Harmonie, eine so arbeitsfrohe 
Stimmung, daß seine völlige Unterdrückung für mich 
eine kontradiktio in — subjekto bedeuten würde." Die 
Pathologen verstehen unter Krankheit eine den Körper 
schädigende, meist auch unangenehm empfundene Er- 
scheinung. Die Homosexualität an und für sich verschafft 
ihren Trägern aber weder Schaden noch Unannehmlich- 
keiten, diese erwachsen ihnen nur aus den Verhältnissen. 
Auch der häufige Mangel hereditärer Belastung spricht 



*) Zukunft: Sexuelle Zwischenstufen. S. 433. 1902. 




sehr dagegen, daß die homosexuelle Empfindung i 
ein Degenerationsphänomen ist, ebenso der Unist 
sich die Homosexuellen sehr oft einer ersta 
körperlichen und geistigen Gesundheit, Kraft unci 
keit erfreuen; erst kürzlich besuchte mich ein \ 
jähriger Uranier, der mir mitteilte, daß er nie kra 
wesen sei und es im alpinen Sporte, dem er mi\ 
huldigte, noch jetzt mit jedermann aufnehmen \ 
Eulenburg 1 ) und Bloch meinen, daß die Ubiquit^ 
Homosexualität, ihre Unabhängigkeit »von Zeit und, 
von Rassenverhältnissen und Kulturformen u gegeii 
Annahme einer Degenerationserscheinung spräche, \ 
ist dem mit Recht entgegenzuhalten, daß es überall \ 
artete geben kann. Richtig ist, daß Kultur und Civilisa\ 
sowie „ das Zeitalter der Nervosität 11 nicht verantwortt 
zu machen sind und es freut mich, nach so viel 
Meinungsverschiedenheiten hierin mit Bloch überei 
stimmen zu können, wennschon ich gewünscht hätte, d^ 
der Autor aus dem Ergebnis seiner historischen Fol 
schungen: Die Homosexualität kann kein Ä Kulturprodukti 
sein, den Schluß gezogen hätte: Dann wird sie wohl ei^ 
„Naturprodukt* sein. \ 

Manche erblicken in der relativen Fortpflanzungs4 
Unfähigkeit der Homosexuellen einen Beweis ihrer Krank- \ 
haftigkeit. So sagt Wachenfeld 2 ): „Die Homosexualität 
kann nichts rein Natürliches, Physiologisches sein; denn 
sonst würde die Natur die homosexuelle Befriedigung, 
ebenso wie die heterosexuelle, in den Dienst der Fort- 
pflanzung und Arterhaltung gestellt haben." Auch Krafft- 
Ebing schwebte wohl diese negative Seite des homosexu- 
ellen Triebes vor Augen, als er sagte 8 ): „Die Verletzung 

*) Eulenburg in der Vorrede zu Blochs Beiträgen z. Ätiol. d. 
Psych, sex. S. IX u. Bloch ibidem S. 3 u. ff. 
*) A. a. 0. S. 38. 
8 ) Ps. sex. S. 248. 



— 154 — 

von Naturgesetzen ist anthropologisch und klinisch als 
eine degenerative Erscheinung anzusprechen." Wie aber, 
wenn hier gar kein Naturgesetz verletzt würde, wenn es 
im Plane der Natur gelegen hätte, Wesen hervorzubringen, 
für die es nicht normal ist, sich fortzupflanzen? Unter- 
scheiden wir recht genau die Gesetze, welche wir schufen 
und die Gesetze, welche uns schufen. 

Gewiß ist der geschlechtliche Verkehr die Ursache 
der Fortpflanzung, diese ist seine Folge, eine — wie die 
Erfahrung zeigt — oft nicht einmal erwünschte Begleit- 
erscheinung. Auch ohne daß wir bisher über den Prozent- 
satz der Homosexuellen zur Gesamtbevölkerung genaue 
Angaben machen können, dürfen wir behaupten, daß der 
im homosexuellen Verkehr der Fortpflanzung entgehende 
Zeugungsstoff prozentual verschwindend ist gegenüber dem 
im normalen Geschlechtsverkehr bewußt und unbewußt 
verschwendeten. Die schöpferische Natur geht mit dem 
Zeugungsstoff allüberall in ungemein verschwenderischer 
Weise um. Es genügt ihr, wenn von diesem Stoff nur 
ein ganz ungeheuer geringer Prozentsatz der Befruchtung 
dient. Der Anatom Henle 1 ) berechnete die Zahl der 
Eier in dem Eierstock eines 18 jährigen Mädchens auf 
36000, in beiden Ovarien zusammen also auf 72 000. In 
den 30 Jahren von der ersten Periode bis zum Klimacte- 
rium werden davon nur 30 X 12 = 360 Eier abgestoßen. 
Und von diesen werden selten mehr als 10 befruchtet. 
Unvergleichlich größer noch ist die Verschwendung des 
männlichen Zeugungsstoffs. 500 Millionen Samenzellen 
füllen den Raum einer einzigen Kubiklinie aus; 3 ) be- 



') J. Henle: Handbuch der System. Anatomie de» Menschen 
Bd. 2 S. 483. Braunschweig, Vieweg 1866. 

*) Man vergL Banges Physiologie Band I 1901 S. 344 u. Bd. 11 
S. 100. Über die Spermamenge bei einer Ejakulation finden sich 
Angaben bei: 

1. William Acton: The functions and desorders of the repro- 




rücksichtigen wir nun, daß die bei einer Entle^ 
gegebene Spermamenge c. 10 gr. beträgt, da# 
Eskalationen im Jahr gewiß nichts seltenes sind,\ 
man getrost sagen, daß von vielen Milliarden mi 
Keimzellen kaum eine den Keim zu einem neuen 
legt. Sterben doih die direkten Nachkommen fi 
einzigen Menschen — man vergleiche die genealo) 
Tafeln — nach wenigen Generationen aus. Der nah 
Mensch denkt beim Geschlechtsverkehr auch gar\ 
an die Fortpflanzung. Für ihn ist der Geschlechtsv« 
nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Voll 
er den Geschlechtsakt zum Zwecke der Fortpflan\ 
so handelt er aus Reflexion. Von den beiden Koi 
nenten des Geschlechtstriebes, dem Kontrektations- und 
tumescenztriebe Molls, dem Ergänzungs- und Geschieh 
befriedigungstrieb, hat der erstere mit der Fortpflanzt 
direkt überhaupt nichts zu tun. Dabei ist er für i 
Charakter und die Richtung des sexuellen Triebes i 
wesentlichere. Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß, wel 
die Fortpflanzung beim Menschen, wie bei so viel' 
Lebewesen, ungeschlechtlich wäre, der Gefühlskomplel 
der in der geschlechtlichen Zuneigung zum Ausdruck g 
angt, nicht völlig aus der Welt verschwände. Das, wj 
wir im weiteren Sinne Herdentrieb, im engeren Sinm 
Ergänzungstrieb (Kontrektationstrieb) nennen, würde sicher 
lieh auch dann noch fortbestehen. Denken wir uns den\ 
Ergänzungstrieb- vom Geschlechtsbefriedigungstrieb los- ■ 
gelöst, so wird es uns nicht mehr so rätselhaft erscheinen, 



duetive organs etc. III. ed. London. Churchhill 1862 p. 151, (A. 
nimmt 8 — 10 gr. an.) 

2. Dr. J. Marion Sims: „Klinik der Gebärmutterchirurgie" 
deutsch von H. Beigel. Aufl. 3. Erlangen. Enke 1873. S. 317. 
(o. 10 gr.) 

3. Paolo Mantegazza: Sullo sperma umano. Reale istituto 
Lombardo di soienze e letere. Rendiconti Vol. III 1866. p. 184. 



— 156 — 

daß das Objekt dieses Ergänzungstriebes, der Gegenstand 
der Liebe, auch eine Person sein kann, mit der ein neues 
Wesen zu zeugen nicht möglich ist. Andererseits wird 
es uns auch verständlicher werden, daß sich der Ge- 
schlechtsbefriedigungstrieb (Detumescenztrieb) demjenigen 
Objekt zuwendet, auf das der Kontrectafiionstrieb gerichtet 
ist. Der Detumescenztrieb ist, so groß seine praktische 
Bedeutung sein mag, dabei doch nur untergeordnet, sekun- 
där, und man sollte ihm daher bei einer objektiven Beur- 
teilung der Homosexualität nicht die erste Rolle zuweisen, 
wie es vielfach geschieht. 

Der Geschlechtsverkehr beansprucht für die Er- 
haltung de* Arten keineswegs die Bedeutung, welche 
ihm mit dem Gegenstand nicht Vertraute zuerkennen. 
Bunge sagt in seinem meisterhaften Lehrbuch der Physi- 
ologie 1 ): »Die Konjugation, die geschlechtliche Zeugung 
ist fiir die Fortpflanzung unwesentlich. Das Wesentliche 
ist die Zeugung durch Teilung einer Zelle, die vom 
Wachstum nicht verschieden ist. Welche Bedeutung 
die geschlechtliche Zeugung hat, wissen wir 
nicht." 

Das Ausschlaggebende bei der Fortpflanzung, die 
Befruchtung, die Vereinigung der Keimstoffe, ist ja über- 
dies ein völlig gefühlloser Vorgang, von dem wir ebenso- 
wenig wie vom Wachsen das geringste merken. Bunge 
hat vollkommen recht: „Wachstum und Fortpflanzung sind 
im Grunde genommen ein und dasselbe. Wachstum ist 
Fortpflanzung innerhalb der Grenzen des Individuums. 
Fortpflanzung ist Wachstum über die Schranken des 
Individuums hinaus"; auch der Mensch, der über 
sich hinaus wächst, der durch neue Gedanken 
undWindungen seine und des anderen Gehirn- 
oberfläche vergrößert, pflanzt sich fort. Vom 



*) 1. Aufl. 1901 erschienen. 



— 157 — 

Wachstum zur ungeschlechtlichen Fortpflanzt 
dieser zur geschlechtlichen Zeugung führen alli 
denklichen Übergänge. Gerade die imposante 
keit, die unendliche Mannigfaltigkeit, mit der d\ 
an der Erhaltung und Vervollkommnung ihrer G^ 
arbeitet, sollte uns vor der Vermessenheit schüt: 
Natur ins Handwerk zu pfuschen. Wie können \ 
verantworten, dem Menschen ein Recht abzuerkenn 
keinem anderen Lebewesen vorenthalten ist. D 
schlechtlichen Beziehungen erwachsener und zurech^ 
fähiger Wesen gehen wahrlich keinen dritten etwl 
Wie, wenn der Zweck des Geschlechtstriebes nul 
Liebe wäre, die Liebe, die stets fruchtbar ist, zeugi 
gebiert, auch wenn ihr keine neue Lebewesen entspri^ 
Man kann auch produktiv sein, ohne sich fortzupflail 
Wenn Möbius die Fortpflanzung als wichtigsten Nal 
zweck 1 ) bezeichnet, so setzeich dem Leipziger Psycho 
den Leipziger Psychologen entgegen, Wundt, den n^ 
den größten Philosophen der Jetztzeit genannt hat Diel 
stellt als mittelbaren und unmittelbaren. Zweck des Lebe 
die Erzeugung geistiger Schöpfung hin. 2 ) Haben dei 
Michelangelo, Beethoven und Friedrich der Große ihre 
Naturzweck verfehlt^ weil sie keine Kinder zeugten? Ic\ 
meine, sie bedeuten der Menschheit mehr, als 100 ihreii 
Zeitgenossen, die 1000 Kinder hinterließen. Nicht um4 
sonst hat man von geistiger Befruchtung und Zeugung\ 
gesprochen. Genie kommt von yevaco-zeugen und die 
Spenderin der Wissenschaften nennt man alma mater, 
nährende Mutter. Die Erzeugnisse des Geistes, die Ge- 



*) In dem Aufsatz „über die Vererbung künstlerischer Talente" \ 
sagt Möbius (Stachyologie S. 123): „Das Talent ist dem wich- \ 
tigsten Naturzweck, der Fortpflanzung, nicht förderlich. \ 
Gerade unter den großen Talenten finden wir viele kinderlose Leute." \ 

2 ) Eisler. Wilh. Wundts Philosophie und Psychologie in ihren \ 
Grundlagen dargestellt. Leipzig. Barth 1902. S. 183. \ 



— 158 — 

danken, sind Taten, treibende Kräfte, Entwickeier der 
Menschheit, Vorkämpfer besserer Zeiten. Wer neue 
Wahrheiten entdeckt und verbreitet, neue Gestalten bildet 
und formt, ist ein zeugender und säugender Förderer. 
Tolstoi ruft einmal aus: „Möchten doch die Menschen 
begreifen, daß die Menschheit nicht durch tierische Er- 
fordernisse, sondern durch geistige Kräfte fortbewegt 
wird.* Das Leben absolut schön zu schaffen, reich, reif 
und rein, das ist der Arbeit Ziel, des Daseins Zweck. 
Bis aus Ideen dieses Ideal entsteht, wird noch manche 
Generation dahingehen, manche Denkerstirn sich furchen 
und manche Arbeitskraft erlahmen. Nur der Tatenlose 
ist nutzlos, zwecklos nur, wer nicht am gemeinsamen 
Werke der Erziehung, Weiterbildung, Vervollkommnung 
mitarbeitet. Der Wert eines Menschen hängt von den 
Werten ab, die er erzeugt. Hand in Hand mit den 
beiden anderen Geschlechtern hat der Uranismus trotz 
allem und allem Werte und Werke geschaffen für den Ein- 
zelnen und die Gesamtheit. Das war des Uraniers, wie 
jedes Menschen Zweck und Pflicht. 

Und nun schlagen wir die Brücke vom Erkennen 
zum Leben. Groß sagt einmal: 1 ) „Heute sperren wir die 
Homosexuellen ein und geschieht es ohne Berechtigung, 
so wurden eben so und so viele Menschen ungerecht 
ihrer Freiheit beraubt und etwas Ärgeres können wir 
überhaupt nicht tun/ Und ich füge hinzu, — indem 
ich vor meinem Geiste noch einmal die vielen hunderte 
von Uraniern vorüberziehen lasse, vom Prinzen zum 
Tagelöhner,, die ich in sieben Jahren sah, diese hülf- 
losen Ärzte und Priester, diese angsterfüllten Staats- 
anwälte und Richter, diese bedeutenden Gelehrten und 
Künstler, die braven Offiziere, die pflichttreuen Be- 
amten, die tüchtigen Kauf leute , Landwirte, Studenten, 



*) Archiv für Kriminalanthrop. 10. Band 1 u. 2 H. S. 195. 




Arbeiter alle, alle stigmatisiert, verstümmelt, £ 
in ihrem Heiligsten, — : Solange Staat und \ 
schalt in diesen von der Fortpflanzung, nicht a\ 
der Liebe Ausgeschlossenen Verbrecher sehen, l\ 
Mittelalter sein Ende noch nicht erreicht Ich fü\ 
Teil werde nicht aufhören, für das Recht dieser \ 
drückten zu kämpfen, nicht aus Ruhmbegier, so 
weil ich es nicht ertragen könnt«, untätig Mitwisser \ 
so gewaltigen Unrechts zu sein. 



Anhang: \ 

Lebensgeschichte des uniischen Arbeiters Franz S.,\ 

von ihm selbst erzählt. 

Als Kind armer Eltern — mein Vater war Schreiner — kai, 
ich im Allgemeinen auf meine Jugendzeit eigentlich nicht als ai 
eine goldene Zeit zurückblicken, zumal da meine Mutter frühe starl 
und wir 2 Brüder, die wir von 5 Geschwistern zurückgeblieben 
waren, bald eine Stiefmutter bekamen. Unsere Stiefmutter, die noch 
heute lebt und unseren Vater in der Folge noch mit 2 Söhnen be-\ 
schenkte, war eine äußerst rechtschaffene Frau und uns eine liebe- \ 
volle Pflegerin, die uns gewiß in jeder Beziehung die rechte Mutter 
zu ersetzen bemüht war. Allein die dürftigen Verhältnisse unserer 
Familie brachten es mit sich, daß wir schon als Jungen zum Lebens- 
unterhalt mit beitragen mußten. Der rücksichtslose Kampf ums 
Dasein warf schon frühe seine grauen Schatten in den Sonnenschein 
unserer Jugend. Die Stunden, wo ich frei mich meinen Alters- 
genossen zugesellen durfte, waren mir bedeutend knapper zuge- 
messen als allen anderen Kindern. Um so eifriger und in steter 
Angst, daß der Ruf meiner gestrengen Mutter mich, ach nur zu 
frühe, wieder abrufen würde, gab ich mich den Kinderspielen mit 
meinen — Kameradinnen hin. Freilich, Kameradinnen, denn Mädchen 
waren damals meine liebsten und fast ausschließlichen Spielgefährten. 
Ich fand bei ihnen stets willige Annahme und war ihnen offenbar 
ein angenehmer Spielgenosse. Abhold jenen lärmenden, wilden 
Knabenspielen zog ich es vor, in Gemeinschaft mit gleichaltrigen 



— 160 — 

Mädchen der Nachbarschaft mich an Puppenwagen, Puppenstuben, 
Kochherd u. s: w. zu ergötzen. Dort war ich in meinem Element 
Keine meiner Gespielinnen konnte die kleinen Möbel und Säohelchen 
des Puppenheims so schön zurechtstellen, die kleinen Betten und 
Deokohen so glatt falten, keine konnte so schöne Chokoladen- und 
Milchsuppen zurechtpantsehen, so delikate Mohrrüben mit Zucker 
einmachen, als ich. Deshalb mußte ich auch meistens bei den 
Spielen die Mutter markieren, obwohl mitunter von einer neidischen 
Kleinen Einspruch dagegen erhoben wurde, wobei man lakonisch 
auf meine Hosen als unzweifelhafte Qualifikation zur „Vaterschaft" 
hinwies. Zuweilen mischte sich auch die Mutter Derjenigen, in deren 
Behausung wir spielten, dazwischen, um uns auf diese Umkehrung 
der Begriffe aufmerksam zu machen. Die Majorität der kleinen 
Schar entschied meistens, nach einigen Wenn und Aber, doch für 
meine „Mutterschaft/ Und zwar vornehmlich im Hinblick auf die 
Chokoladensuppe und die eingemachten Rüben. Und um auch 
etwaigen Nörgeleien wegen der „Hose" zu begegnen, wurde oft ein 
altes Umschlagtuch nebst dem Häubchen der Mutter herbeigeschafft. 
Angetan damit war ich glücklich, meine Rolle bis zu Ende des 
Spiels durchführen zu können. — 

Welch rosiger Hauch bolder Unschuld lag über diesen naiven 
Jugendspielen ausgebreitet! Und doch — wenn der Forscher den 
Schleier jugendlicher Naivität durchdrang, bot sich ihm nicht schon 
in dem Verhalten des Kindes manch deutliches Merkmal psycho- 
logischer Abnormität? — Woiter aber: Je älter ich wurde, um so 
deutlicher entwickelten sich meine Neigungen zu allen möglichen 
weiblichen Beschäftigungen. Meine Stiefmutter bemerkte sehr bald, 
mit welchem Geschick ich stets die kleinen Hilfeleistungen ausführte, 
welche sich auf den Haushalt bezogen. 

Bald wurde ich von ihr mit Vorliebe zu solchen Arbeiten 
herangezogen. Und ich erinnere mich lebhaft jener freudigen Ge- 
nugtuung, die Ich empfand, als anläßlich der Geburt meines jüngsten 
Bruders, ich hatte eben mein zehntes Lebensjahr überschritten — 
schon ein großer Teil der häuslichen Verrichtungen mir übertragen 
wurde. Körperlich entwickelte ich mich recht langsam, dafür wurde 
mir aber öfter eine gewisse, nach innen gekehrte geistige Reg- 
samkeit nachgesagt. Mit dem elften Jahr hörten die Spielereien 
mit den Mädchen nach und nach auf. Die Personen der kleinen 
Mädchen hatten ja bei den vorbenannten Spielen wenig oder keine 
Anziehungskraft ausgeübt. Es war nur immer die Art des Spieles, 
die mich festhielt. Eine auffallende, offen und naiv ausgedrückte 
Vorliebe für sehöne Formen und Linien wurde schon frühe bei mir 



— 161 — 

von meiner erwachsenen Umgebung bemerkt und als ein 
Kuriosum an mir belächelt. Gelegentlich eines Wohnund 
meiner Eltern wurde mein Geschick allgemein bewundert,! 
ich in der neuen Wohnung Bilder, Spiegel und sonstige Sa 
an den Wänden geschmackvoll zu arrangieren wußte. Vö\ 
Jahre an gab ich mich nun mehr und mehr mit Knaben, 
Alters ab, doch war die Art des Verkehrs wiederum sei 
Gegenstand vieler Bemerkungen, namentlich der Mütter, \ 
überhaupt mehr Gelegenheit nehmen, das Tun und Treiben \ 
ganze Wesen ihrer Kinder zu beobachten. Man fand mein\ 
mit den Freunden sich abzugeben, komisch, so „eigentümlich, 
anders," garnicht jungenhaft. Wenn ich mit Knaben spiel^ 
kamen die sonst üblichen Katzbalgereien, Gezanke und Feinet 
keiten, die ja sonst unter Jungen gang und gäbe sind, gar\ 
vor. Ich wußte immer alles gleich wieder zu arrangieren un\ 
versöhnen, so daß jeder zu seinem Rechte kam. Nahm auch wohl 
den Rest auf meine Kappe, damit sie nur alle „wieder gut" wuri 
paukte mich mit den Einzelnen nie, gab immer, oft mit tränent 
Augen nach und war froh, wenn sie mich nur leiden mochten, wfij 
ich ihnen nur immer gut sein durfte. Deutlich erinnere ich 
noch, wie mich oft meine Mutter schalt wegen meines duckmäus\ 
rischen, mädchenhaften Benehmens und mir einschärfte, daß ich mic\ 
wenn ich im Rechte sei, zu wehren hätte und mir nicht „alles ge 
fallen lassen dürfte"! Gewöhnlich ohne Erfolg. Soldaten-, Kriege 
und Räuberspiele, die bei allen Jungen doch die begehrtesten Spiele 
sind, mir waren sie ein wahrer Horror. Ich erinnere mich, nur ein\ 
einziges Mal das Spiel „Indianer und Pflanzer" mitgemacht zu\ 
haben, aber bloß unter der Bedingung, daß mir dabei die An- 
fertigung der phantastischen Lendengürtel und Kopfputze über- 
tragen wurde, bei welcher Beschäftigung ich dann eine geradezu 
abenteueriiehe Phantasie entwickelte. An den Spielen selbst hatte 
ich nur insofern ein Interesse, als ich dabei mit kritischem Blick die 
äußeren Erscheinungen der verschiedenen Knaben in Vergleich bringen 
konnte. Gewöhnlich lief ich neben und hinter den einherstürmenden 
Knaben und weidete meine Augen an dem schlanken Oberkörper, 
den tippigen Lenden, den glühenden Wangen und den funkelnden 
Augen desjenigen, der meinen Schönheitsbegriffen besonders ent- 
sprach. Schöne, lebhafte, sprechende Augen liebte ich schwärmerisch, 
und wenn ihr Besitzer gar womögüch noch leichtgelocktes Haar 
hatte, dann wars immer um meine Ruhe geschehen. So einer durfte 
unbeschränkt über mich verfügen. Ich suchte auf alle mögliche 
Art seine Gunst zu erwerben, war glücklich, wenn ich in seiner 

Jahrbuch V. 11 



— 162 — 

Nähe weilen oder gar seine Hände fassen durfte. Ein solcher 

Knabe, Willy M , zwei Monate jünger als ich, doch bedeutend 

kräftiger entwickelt, war es denn auch, für den mich bald eine 
heftige und tiefe Zuneigung ergriff. Er war es, für den ich meine 
ersten „Liebesschmerzen" erduldete. Jenes oben genannte Spiel, 
„Indianer und Pflanzer," hatte uns näher zusammengeführt. Ich 
hatte bei dem Spiel die mehr passive Rolle unter den indianischen 
Kriegern übernommen. Ich mußte die gemachten Gefangenen be- 
wachen. Willy geriet ebenfalls, nach heldenmütiger Gegenwehr 
gegen die Übermacht der Wilden, in ihre Gefangenschaft und wurde 
mir im Triumph zugeführt, damit ich ihn bewache, bis die even- 
tuellen Sieger in den „Wigwam" zurückkehrten, um ihn dem qual- 
vollen Tode am Marterpfahl zu überantworten. Schweigend nahm 
ich ihn in Empfang und schweigend betrachteten wir uns eine Weile 
gegenseitig. Er nahm seine Rolle sehr ernsthaft und betrachtete 
mich mit ungeheurer Verachtung. Ich nahm meine Rolle weniger 
gewissenhaft, sondern musterte seine äußere Erscheinung mit heim- 
licher Bewunderung. 

So wie wir uns später oft einiger 'an sich unbedeutender Epi- 
soden unserer Jugend lebhaft bis ins hohe Alter hinein erinnern, 
mit derselben Lebendigkeit, als sei es gestern geschehen, erinnere 
ich mich noch heute jener unsagbar wonnigen, süßen Freude, 
die ich damals empfand, als dieser Knabe, gefesselt, in seiner 
stolzen Hilflosigkeit vor mir stand. Im Stillen dankte ich es 
meinem gescheiten Einfall, daß ich mich hatte zum Wächter der 
Gefangenen benutzen lassen. War ich doch nun in die glückliche 
Situation gekommen, meinen geliebten Freund vollständig in meiner 
Gewalt zu sehen. Mein erster Gedanke, nachdem wir allein gelassen, 
war, ihn in seiner Hilflosigkeit in meine Arme zu schließen, um ihn 
nach Herzenslust abzuküssen und an mich zu drücken. Was 
wollte er machen; er war gebunden, konnte sich nicht wehren und 
mußte sich meine Liebkosungen gefallen lassen. Allein die Furcht 
vor seiner wirklichen Verachtung hielt mich davon ab. Wonne- 
trunken saß ich eine Weile neben ihm und bewunderte verstohlen 
den schlanken Körper, den schönen Kopf meines Gefangenen, 
Willy war in der Tat eine außerordentlich schöne Jugenderscheinung. 
Tannenschlank gewachsen, waren Kopf und Gliedmaßen geradezu 
klassisch zu nennen im Ebenmaß ihrer Formen. Den schönen Kopf 
schmückte eine Fülle seidenweichen, blonden Haars, das in leichten 
natürlichen Kräuseln die blendend weiße Stirn umrahmte und ein 
paar große, wunderbar sprechende Augen, stahlgrau und von langen 
dunklen Wimperhaaren beschattet, strahlten aus diesem schönen 



— 163 — 

Gesicht mir entgegen. An ihnen konnte ich mich nie s* 
Möglich, daß sich die Erscheinung Willys in meiner jung 
in übertriebenen Reflexen widerspiegelte. Ich weiß m: 
noch genau zu entsinnen, wie ich damals nicht begreifei 
und wie ich eigentlich jedem Menschen böse war, der ihn 
nicht dabei ausrief: '„Wie unendlich schön ist dieser Knabe 
muß betonen, daß ich niemals dabei in meiner ganzen Kna 
sexuelle Regungen empfand, das geschah erst in und nach d 
Wicklung meiner Pubertät. 

Das Ende jenes Spiels aber war ausschlaggebend gev 
für unsere nachherige Freundschaft. Willy hatte bei jener Ge 
heit mein Mitgefühl nicht umsonst benutzt, indem er behau 
die Fesseln seien „zu fest*' und täten wehe, und ich war n 
bereit, diese etwas zu viel zu lockern, und war auch nachher g( 
nicht allzusehr erschrocken, als plötzlich mein Gefangener in grc 
Sätzen entwischte. Das Spiel, hiess es, „gilt nicht," ich wurde tue 
wegen meiner Unzuverläßigkeit ausgescholten. Und als ich di 
noch obendrein meinen Freund Ausreisser in Schutz nehmen wo. 
geschah, was oft zu Ende solcher Spiele zu geschehen pflt 
irgend jemand bekam seine Hiebe und hier in diesem Falle war 
es, der seine schöne Tracht Prügel von seinen Kriegskumpanen e 
heimsen musste. Das waren meine ersten „Liebesschmerzei 
Und Willy machte nicht einmal Miene, mich zu trösten oder nur i 
bedauern. Und doch ist eben dieses Jugendspiel der Grundstei 
zu unsrer langjährigen innigen Freundschaft geworden. Es mocht 
Willy doch wohl leidgetan haben, dass ich seinetwegen so jämmerlich 
gepufft worden. Er liess sich von da an öfter vor dem Hause, wc 
meine Eltern wohnten, sehen. Ach und ich, mir fuhr jedesmal ein 
Wonneschauer durch die Brust, wenn ich ihn nur erblickte. Heisse 
Blutwellen schössen mir ins Gesicht und mehr stürzend rannte ich 
auf ihn los, um seine Hand zum ? ,guten Tag" zu fassen, die ich 
dann oft überlange festhielt, in seinen Anblick versunken und ohne 
zu hören, wenn er mich nach diesem und jenem frug. Von nun an 
begann die schönste Zeit meiner Jugend. Ich war überglücklich, 
dass Willy anfing, sich mit mir zu beschäftigen. Nun bot ich alles 
auf, ihn an mich zu fesseln. Wir besuchten uns gegenseitig und 
wenn ich einmal .von der Mutter einen freien Nachmittag erhielt, 
dann wusste ich's trefflich einzurichten, ihn von den wilden Spielen 
mit den andern Jungen abzuhalten und ihn zu überreden, mit mir 
zusammen in der Umgegend nmberzustreifen. Er tat mir auch öfter 
den Gefallen und ging mit, trotzdem die Neigung dazu bei ihm nicht 
sonderlich gross zu sein schien. Dann lagen wir oft an einem kleinen 

11* 



— 164 — 

Abhang oder im Gebüsch versteckt and lauschten dem Gesänge 
der Lerchen über unseren Häuptern und folgten ihren Bewegungen, 
wenn die kleinen Sänger jubelnd in den blauen Äther aufstiegen. 
Zuweilen war Willy, den Kopf in meinem Schoas ruhend, sacht«* 
eingeschlafen, während ich meiner Lieblingsbeschäftigung oblag, 
grosse Mengen von Blumen zu allerlei Kränzen, Sträussen und 
Guirlanden zu verarbeiten. Dann hielt ich ab und zu inne und 
lauschte auf seine tiefen Atemzüge, betrachtete zärtlich sein schönes 
Haupt von allen Seiten und versenkte heimlich und schüchtern 
meine Lippen in das üppige Haar des Lieblings. Fortan gab ich 
mich dieser berauschenden Zuneigimg mit einer Inbrunst hin, die 
bald mein ganzes junges Dasein ausfüllte. 

Wo ich ging und stand, begleiteten mich die Gedanken an ihn. 
Ich mischte mich jetzt nur noch sehr selten unter die anderen 
Knaben, wenn „er" nicht unter ihnen war, sondern streifte allein 
umher oder ging zu ihm, und wenn ich ihn nicht zu Hanne traf, 
setzte ich mich in irgend eine Ecke, um auf ihn zu warten. Schalten 
schon früher meine Eltern öfter über mein „närrisches" Wesen, so 
war ich nun völlig ein Träumer geworden. Stundenlang sass ich oft 
in der Kammer in einer Ecke und sann und sann und suchte nach 
einem Mittel, wie ich meinem schönen Freund noch mehr wie bisher 
meine Liebe beweisen könnte. Allerlei abenteuerliche Pläne wogten 
in meiner Seele auf und nieder. Ich stellte mir vor, wie dos Haus, 
in dem Willy wohnte, plötzlich in Brand geriete und Willy darin 
in grosser Lebensgefahr sich befinden würde. Ich würde dann, das 
gelobte ich mir, sofort mich in die Flammen stürzen, würde ihn 
natürlich „ganz gewiss" in meinen Armen aus dem Feuenueer er- 
retten u. s. w. So brachte ich oft die Zeit bin in solchen für mich 
wundersüssen Träumen. 

Immerwährend hungrig nach irgend einer Gunstbezeugung 
von seiner Seite, war im Gegensatz dazu WilJy eigentlich recht 
sparsam damit. Willy war im Ganzen ein herzensguter Junge. 
Jedoch geschlechtlich offenbar normal veranlagt, konnte er mir 
gewiß keine anderen Gefühle entgegenbringen, als er für mich eben 
hatte. Nämlich jenes Gemisch von Anhänglichkeit und Dankbarkeit, 
das er mir ja auch bereitwillig zugestand, wohl mit dem dunklen 
Bewusstsein, dass er an mir einen Freund besass, von dem er alles 
verlangen konnte. Was aber in meinem kaum 13jährigen Herzen 
schon damals brannte und wühlte, war eben etwas anderes als 
kameradschaftliche Zuneigung. Es waren die ersten steigenden 
Funken jenes gewaltigen unterirdischen Feuers, jener leidenschaft- 
lichen Glut, die man Liebe nennt. Blieb dem Dreizehnjährigen, in 



— 165 — 



keuscher Unschuld, auch die erotische Natur dieser En\ 
noch unbewusst, so stieg mir doch bereits die dunkle Ahni 
dass diese Liebe ebensolche, gleich heisse und stürmisch 
schaftlichkeit von dem anderen fordern müsse. Ich war n\ 
zufrieden, dass er mich viel aufmerksamer und rücksii 
sanfter behandelte wie die anderen, mich auch wohl mal\ 
sein „Puppchen" nannte, meine Hände packte und mit mir i 
herumjagte, mich plötzlich losliess und dann schnell hinzuspr 
mich auffing, wenn ich, schwindlig geworden, zu stürzen \ 
war auch nicht zufrieden, wenn ich seinen Kopf dac 
wann an meinen Busen drücken durfte, ihm Haar und \ 
zu streicheln. Nein, freiwillig sollte er selbst dergleichen aii 
mir tun, sollte meinen schüchternen Kuss erwidern. Täglich i 
Stunden, wo wir nicht beisammen waren, waren doch meht 
danken bei ihm. Dann stellte ich mir in meiner Phantasie! 
wie er mich innig umarmte, an sich drückte und küsste. Bei sol 
Träumen stieg mir immer der Schlag meines Herzens gleichsah 
zum Hals herauf und ich wäre in solchen Augenblicken nich^ 
stände gewesen, wenn mich Jemand überrascht hätte, auch nur\ 
Wort hervorzubringen. Fest hing ich mich dann im Geiste an i 
um ihn nie, nie mehr loszulassen, er sollte mich tragen, weit, w^ 
fort, irgendwohin, wo wir immer, immer beisammen sein dürfti 
Wie geistesabwesend sass ich dann oft in einem Winkel und riihr\ 
mich nicht. Oft traf mich meine Mutter so und riss mich scheitern 
unsanft aus meinen süssen Träumen. So viel ich nun auch vo\ 
solchen Umarmungen träumte, Willy tat nie etwas dergleichen, un<| 
ich musste mich weiter mit den kärglichen Gunstbezeugungen dieses; 
wild umherstürmenden Knaben begnügen. Und doch — bald sollte, 
ein Teil meiner heimlichen Träume in Erfüllung gehen. Wie ichl 
schon eingangs meiner Zeilen bemerkte, waren meine Eltern arme \ 
Leute, die schwer um die rechtschaffene Erhaltung unserer zahl- \ 
reichen Familie kämpfen mussten. Mit Eintritt in mein 13. Lebens- 
jahr machte sich, hervorgerufen durch lange Krankheit meines 
Vaters, auch für mich die Notwendigkeit geltend, nun dauernd zum 
Unterhalt der Familie mit beizutragen. Ich war im Ganzen etwas 
zart, aber sonst kerngesund und leidlich wohlgebaut. So erhielt ich 
denn eine Stelle in einem grossen Speditionsgeschäft, als sogenannter 
— Rollmops, so wurden jene halbwüchsigen Jungen genannt, welche 
den Rollkutscher auf dem schwerbeladenen Speditions wagen zu be- 
gleiten hatten, vom Güterbahnhof durch die Stadt, wo die Kisten 
und Ballen bei den verschiedensten Firmen abgesetzt wurden. Hier 
begann nun eine sehr trübe Periode meiner Jugend, und doch fiel 



— 166 — 

in sie der erste Sonnenstrahl eines reinen zarten Licbe*glücke<«. 
Der Leser mag mir gestatten, hier die kleinen, an sich ja recht un- 
bedeutenden Vorkommnisse dieses meines jungen Da« ein« etwa« 
ausführlicher zn erzählen. Denn es bieten sich in ihnen, meiner 
allerdings laienhaften Auffassung nach, wohl filr den Forscher alle jene 
charakteristischen Merkmale dar, die schon den Knaben in Heiner 
ganzen psychologischen Entwicklung als ausgesprochenen Homo- 
sexuellen erscheinen lassen. — Heine ganze körperliche und seelische 
Verfassung stand eigentlich im Widersprach zu meinem neuen Tätig- 
keitsfelde. Die ganze Umgebung, in die ich nun plötzlich hinein- 
kam, behagte mir schon von Anfang an nicht. Und doch war 
ich nun verpflichtet, täglich von V«2 bis meistens Abend* nach 
10 Uhr in dieser neuen, für mich so ungünstigen Atmosphäre zu- 
zubringen, unter der ich ungemein litt Meinen geliebten Willy 
sah ich jetzt nur noch selten, denn ich hatte ja nun in der Worin« 
überhaupt keine freie Zeit mehr. Mein ganzes Wesen sträubte sich 
gegen die Art meiner nunmehrigen Beschäftigimg. Der Umgang 
mit den Pferden, das An- und Ausspannen, Füttern und Tränken 
derselben, sowie das Streumachen, alles dieses gehörte zu den Ob- 
liegenheiten eines ordentlichen „Rollmopses" und war mir ein 
Gräuel. Dazu kam, daß ich unter dem ungemein rohen Tun und 
Treiben der Kutscher zu leiden hatte. Das beständige wüste Ge- 
fluche, die brutalen gemeinen Spaße flößten mir Abscheu ein. 
Scheu und furchtsam tat ich, was mir geheißen wurde und hatte in 
Folge dessen auch noch die frechen Sticheleien meiner neuen 
„Kollegen", deren es eine Menge auf dem Speditionshofe gab, ein- 
zustecken. 

Mit Wehmut dachte ich an die schöne Zeit, wo ich mit Willy 
zusammen so glücklich war. Ach wie sehnte ich mich so furchtbar 
nach diesem meinen liebsten, meinem einzigen Freund. Und fast un- 
bewusst lenkte ich meine Schritte nach jener Strasse, in der er 
wohnte, drückte mich in irgend eine Ecke, von wo aus ich seine 
Fenster sehen konnte, und blickte unverwandt hinauf. Meistens 
war es schon immer nach 10 Uhr und meine geheime Hoffnung, 
Willy vielleicht noch treffen und sprechen zu können, war immer 
vergeblich. Fast verzehrte mich die Sehnsucht nach ihm und un- 
sagbare Traurigkeit erfüllte meine Seele. Ich dachte mir dann 
meinen Liebling hinter jenem Fenster, vielleicht schon friedlich in 
seinem Bette schlummernd, er dachte am Ende gar nicht mehr an 
mich, seinen Freund, ja, hatte vielleicht den ganzen Tag, die ganze 
Zeit, wo wir uns nicht gesehen, nicht mehr an mich gedacht, hatte 
mich wohl gar schon ganz vergessen. dann fühlte ich mich so 




furchtbar einsam und verlassen auf der Welt und fing an \ 
in mich hinein zu weinen. Ich war tief unglücklich und 
schlich ich nach Hause. — Solche Abende wiederholten \ 
— Und doch sollte mir hier gerade die glücklichste Stunde 
jungen Dasein's schlagen. Was ich mit meinen glühendsten \ 
sien bis dahin mir heimlich ausgedacht, nie aber verwirkll 
glauben gewagt, das wurde mir an einem Abende zuteil. Ict 
mich, wie oft, nachdem die Feierabendstunde für uns gesc^ 
verstohlen vom Speditionshof davon gemacht, um nicht mi 
anderen Burschen auf der Strasse zusammen zu geraten. Trau; 
trabte ich durch die Strassen und stand auch bald wieder vor\ 
Hause meines Freundes. Ich hatte ihn fast 3 Wochen lang i 
gesehen und bildete mir ein, Willy mtisste nun doch unbedingt \ 
nach mir ausschauen. Meine unendliche Zuneigung konnte sich n 
damit abfinden, dass er so ganz und gar nicht an mich denken so\ 
Lange wartete ich vergeblich, dass er vielleicht zufällig irgend 
noch sichtbar würde. Schliesslich ging ich, da ich nun das r i 
zufällig diesmal noch offen fand, durch den Hausflur und lunger 
wartend und missmutig auf dem mir wohlbekannten Höf umhe 
Im Hause wohnte ein Lohnkutscher, der in den Seitengebäude! 
Remisen und Ställen mit seinen Kaleschen, Droschken, Pferden uni 
allerlei Gerätschaften den ganzen Hof beherrschte. Ich kannt^ 
jeden Winkel, denn ich hatte mich mit Willy zusammen manches^ 
liebe Mal hier umher getummelt. Ich setzte mich auf einen umge- 
stülpten Wassereimer, am Eingang einer offenstehenden Wagenremise 
und starrte nun eine Weile nach dem Küchenfenster der Wohnung 
meines Freundes hinauf. Eine Weile hatte ich so gesessen, schwer- 
mütig seufzend, den Kopf in die Hände gestützt, als ich plötzlich 
aus dem Innern des Schuppens, wo einige Bündel Stroh, Futtersäoke 
u. s. w. lagen, meinen Namen flüstern hörte. Ich bekam einen ge- 
waltigen Schrecken , sprang auf und lauschte. Hinter dem Bündel 
Stroh regte sich etwas, kam vorsichtig näher und mit freudigem 
Erstaunen erkannte ich nun — Willy, meinen sehnlichst erwarteten 
Freund. Er liess mir aber keine Zeit zum langen Fragen, zog mich 
am Arm in den dunklen Winkel zurück und erzählte mir flüsternd 
und mit vor Angst zitterndem Athem, wie er in dieses Versteck 
gekommen sei und wie er sich, aus Furcht vor dem strafenden Arm 
seines sehr strengon Vaters, nicht hinauf getraue. Es war eine 
lange Geschichte. Willy hatte offenbar wieder einmal bei einem tollen 
Knabenstreich die Hauptrolle gespielt. In Gesellschaft mit anderen 
Knaben hatte er einer in der Nahe wohnenden Grünkramhändlerin 
einen Schabernack zugedacht. Das Geschäftslokal dieser Frau befand 



— 168 — 

sieh unterhalb der Strassenfront, die Treppe ging von der Strasse 
aus naeh unten, und die bösen Buben hatten nun einen grossen Blech- 
topf mit Wasser herbeigeschleppt und hatten diese Pandorabtichse 
jene Treppe hinunter „fallen lassen". Das Wasser war natürlich in 
den Laden geflossen und hatte die alte, etwas korpulente Frau sehr 
in Bewegung gesetzt. Nach vollbrachter Tat- fliehend, waren jedoch 
einige der Übeltäter erkannt worden. Und gegen Abend nahte die 
rächende Nemesis in Gestalt der sehr rabiaten Grünkramfrau. Sie 
kam in die Wohnung der Eltern, strengste Strafe heischend fUr den 
„ungeratenen Bengel", widrigenfalls sie sich bei der Polizei be- 
schweren wolle, da das schon „öfter vorgekommen". Willy beteuerte 
mir allerdings, dass er diesmal „wirklich und wahrhaftig" gänzlich 
schuldlos sei, indem die anderen den ganzen Eoup ausgeheckt und 
vollbracht hätten, er aber nur „zugeguckt" hätte. Mit pochendem 
Herzen hatte ich seinem Bericht gelauscht. Mitleid erfüllte meine 
Seele und ich tiberlegte bereits, wie ich meinem Freunde helfen 
könnte. Ich riet ihm zunächst, hinauf zu seinen Eltern zu gehen, 
denn, da er „nichts dafür" könnte, so setzte ich ihm auseinander, 
war doch keine Strafe zu erwarten. Allein mit der gänzlichen Un- 
schuld mochte es wohl seinen Haken haben, und ich konnte ihn 
nicht dazu bewegen, hinauf zu gehen. Schliesslich erklärte er 
schluchzend, er wolle „in's Wasser" gehen, denn sein Vater sei „zu 
strenge". Entsetzt packte ich seinen Arm, als musste ich ihn fest- 
halten. So sassen wir eine Weile stumm nebeneinander. Seine 
Angstlaute schnitten mir in's Herz und ich zermarterte mein arm- 
seliges Hirn nach irgend etwas, womit ich ihn retten könnte. Denn 
helfen musste ich ihm, so viel war sicher. Mit einem Male kam 
mir auch ein trefflicher Gedanke, ja so musste es gehen, so konnte 
ich ihn vielleicht von der drohenden Strafe befreien. Ich überlegte 
garnicht erst, ob auch alles, was er mir erzählt hatte, wahr sei und 
ob er wirklich nur „zugeguckt" hätte. Schnell sprang ich auf, 
flüsterte ihm hastig ein paar Worte über meinen Rettungsplan zu 
und ehe er ein Wort erwidern konnte, rannte ich über den Hof, 
die Treppe zur Wohnung seiner Eltern hinauf und schellte. Beim 
schrillen Klang der Schelle aber erschrak ich doch heftig über meine 
Kühnheit und mir war auf einmal sehr bange. Aber hier blieb mir 
keine Zeit mehr zum Überlegen, denn im nächsten Moment stand 
ich schon vor dem gestrengen Herrn Vater meines Freundes. 
Stockend begann ich nun zuerst und zähneklappernd vor Angst 
und Aufregung eine umständliche Erzählung, wie ich Willy vorhin 
getroffen hätte, wie er auf der Brücke am Kanal gestanden, sich 
nicht nach Hause getraue, in's Wasser wolle aus Angst vor der 



— 169 — 

Strafe und wie er so geweint habe, weil er diesmal „gl 
macht", sondern bei der ganzen Sache „nur zugeguckt 
ich es „ganz genau" gesehen, wie ein andrer Junge den 11 
dem Wasser in den Keller gestürzt, Willy aber nur in d< 
gewesen sei und eben nur zugeguckt habe. Das alles hatte ici 
genau gesehen" u. s. w. Ich log das Blaue vom Himmel un 
wohl in der Hitze in meine Rede „dramatisches Leben" ge\ 
haben, denn Geschwister und Mutter meines Freundes stand 
mich herum und lauschten athemlos. Warum sollte es auch 
so gewesen sein? Es war schon ziemlich spät, man war b 
unruhig geworden, da sich Willy noch nicht hatte blicken la\ 
Also klang meine Erzählung nicht unwahrscheinlich und die M 
fing bereits zu jammern an um „den armen Jungen"; man dran; 
mich, ich sollte ihn holen oder wenigstens sagen, wo er stecke! 
solle ihm nichts geschehen u. s. w. Mir aber, angesichts des u 
warteten schnellen Erfolges, schwoll gewaltig der Kamm, ich 
an, mit meinen höheren Zwecken zu wachsen und erklärte achsl 
zuckend, das Versteck Willy's nicht verraten zu können, bevor m 
nicht Straflosigkeit vollkommen einwandsfrei zusichere. Plötzü 
fiel mir der Vater, der mich während des ganzen Auftritts aufm er] 
sam beobachtet hatte, gelassen mit der Frage in's Wort, ob nich 
wohl ich der wirkliche Täter sei, denn da ich alles so genau wtisstel 
müsse ich doch zum mindesten dabei gewesen sein. Verdutzt^ 
senkte ich die Augen zu Boden, nun hatte mein schönes Lügen- 
gewebe ein ziemliches Loch bekommen, schnell aber besann ich 
mich, schmolz flugs Dichtung und Wahrheit zusammen und erklärte 
prompt, dass ich, auf dem Rollwagen sitzend, zufällig alles mit an- 
gesehen hätte. Die Sache schien plausibel, Willy's Mutter nament- 
lich glaubte alles und suchte ihren Gemahl von der Möglichkeit der 
Wahrheit meiner Angaben zu überzeugen. Dieser war nun freilich 
nicht so schnell von der Unschuld seines Sprossen überzeugt, 
namentlich wollte ihm der Passus von dem „blossen Zugucken" 
nicht recht einleuchten. Die ganze Geschichte schien ihn aber 
endlich zu amüsieren, da ich nicht aufhörte fortwährend die Engel- 
reinheit seines Sohnes zu beteuern. Schliesslich meinte er, man 
könnte es ihm ja diesmal schenken, obgleich es eigentlich um jeden 
Hieb schade sei, der vorbei ginge u. s. w. Mein Herz hüpfte vor 
Freuden und als der grosse bärtige Mann wohlwollend lächelnd 
meinte, ich sei ja ein verteufelt eifriger Fürsprecher und wir hielten 
wohl „dicke Freundschaft", da ward ich über und über rot und \ 

konnte kein Wort mehr sagen. Ich erhielt nun beim Fortgehen noch- \ 

mals den dringenden Auftrag von der Mutter, den Sohn sofort \ 



— 170 — 

hinauf zu schicken. Nochmals nahm ich ihr die Zusicherung ah, 
dass ihm nichts passieren dürfe, flog' die Treppe hinunter, über den 
Hof und teilte meinem Freunde triumphierend die Freudenbotschaft 
mit. Willy traute jedoch dem Frieden noch nicht so recht und 
zögerte. Nun versprach ich, bereits mit tränenden Augen, mitzu- 
gehen und nochmals alles zu bekräftigen in seiner Gegenwart, da 
ich sah, dass er meinen Worten nicht glauben wollte. Ich rounste 
nun nochmals mit hinein und das Damoklesschwert über dem teuren 
Haupte meines Freundes wurde glücklich beseitigt. AU mich 
Willy nachher hinausbegleitete, um mir das Tor aufzuHchliessen, 
— da es mittlerweile spät geworden war — , blieb er auf dem 
Hausflur plötzlich vor mir stehen, fasste meine Hand, sah mich 
eine Weile an und meinte dann in seiner treuherzigen Weine: „Du 
bist aber furchtbar gut, weisst Du, und was Du flir Courage haut! 
Wärst Du nun nicht gekommen, hätte ich immer noch die schreck- 
liche Angst." Ich konnte nichts erwidern, sondern drückte nur 
leise seine Hand. Er aber, wohl in unmittelbarer Aufwallung seines 
dankbaren Herzens, schlang nun seine Arme fest um meinen Hals 
und küsste mich dreimal herzhaft auf die Wange, indem er mich 
seinen liebsten Freund nannte. — loh war wie betäubt. Die 
schnelle, unerwartete, zärtliche Berührung Willys raubte mir fast 
die Sinne. Mein Kopf glühte plötzlich wie Feuer, und das Herz 
drohte mir zu zerspringen, so stürmisch begann es zu pochen. 
Ein unbeschreibüches Gefühl durchrieselte meine Adern und im 
Übermass seligen Entzückens erbebte mein ganzer Körper. Nun 
konnte ich mich nicht mehr halten. Zitternd hing ich am Haine 
meines Freundes und bedeckte sein Antlitz mit tausend leiden- 
schaftlichen Liebkosungen. Der erste Strahl heisser Sinnlichkeit 
durchschoss meinen Körper. War das nicht die Erfüllung meiner 
seligsten Träume, die ich so oft im stillen Winkel, immer und 
immer von neuem, geträumt? Nun sagte er es mir selbst, dass ich 
sein liebster Freund sei — minutenlang war ich nicht imstande, 
einen Laut von mir zu geben. 

Dann aber, unter neuem langen Kuss, gab ich mein süsses, so 
lange bewahrtes Geheimnis preis. Leise kam es von. meinen Lippen. 
Ich bin dir ja so schrecklich gut! „Ich dir auch", beteuerte Willy 
überzeugungsvoll. Und nun lösten sich die Zungen, innig um- 
schlungen gaben wir uns gegenseitig das Versprechen unverbrüch- 
ücher Treue. Nichts sollte uns mehr trennen, nie, nie wollten wir 
uns böse werden, wie es „die andern" so oft gegenseitig täten. 
Willy schwor hoch und teuer, er wolle jedem die „Knochen kaput 
schlagen", der mich beschimpfen oder mir gar „was tun" wollte. 



— 171 — 

Meinen glühenden Kopf an seine Brust gelehnt, erzählte ic\ 
von meinem Missgeschick auf dem Speditionshof, von den Bu 
die mir immer nachstellten und von all den kleinen Sorge 
Kümmernissen dort. Er versprach mir, mich zu schützen, 
nur könnte. So schwatzten wir noch lange von Diesem und ■ 
und konnten nicht voneinander kommen. — Weshalb ich! 
alles so breit und ausführlich schilderte? — Weil ich diesi 
mich so bedeutsamen Momente meines ersten Liebeslebens nie 
nimmer vergessen kann und mag. Weil die unendliche Ge* 
der liebe mir in jenen Tagen zum ersten Male wirklich be? 
wurde. Und liegt nicht ein unbeschreiblich poetischer Hauch 
diesem Stückchen Jugendidyll ausgebreitet, der in seiner schl 
losen Naivität das Herz jedes Menschenfreundes bezaubern mu 
Was wussten wir von der Welt, was von der rauhen Wirklich^ 
mit ihren Regeln und Gesetzen? Was für Begriffe macht s\ 
ein 13 1 /« jähriges Gemüt von dem starren Sitten- und Moralkocl 
der Kulturgesellschaft? Ach, keine! Aus dem reinen Lebensimpul 
aus dem sprudelnden Quell lebendiger Jugendkraft und Füi 
schöpfte ich dieses unendlich schöne Empfinden, diesen unwidei 
stehlichen Drang nach innigster Vereinigung des Körpers und de 
Seele. Immer und immer wieder presste ich den Körper Willy! 
fest an mich, streichelte seine blühenden Wangen, liebkoste dk 
strahlenden Augen dieses Knaben, den ich über alles liebte. Ich^ 
ahnte noch nicht, dass in diesem ewigen stürmischen Verlangen^ 
bereits die schwellenden Keime einer „naturwidrigen Perversität" \ 
emporsprossten. Dass diese meine Zuneigung zu dem Wesen meines 
eigenen Geschlechts bereits alle Merkmale einer verbrecherischen \ 
Leidenschaft aufwies, die der Paragraph so und so mit Gefängnis, \ 
Zuchthaus und Ehrlosigkeit bedroht, was wusste der Knabe von \ 
alledem? Mit kindlicher Sorglosigkeit gab ich mich dieser Liebe 
hin, ging ganz in ihrem Gegenstand auf und konnte überhaupt 
garnicht anders, weil es eben meinem natürlichen Wesen entsprach. 
Ein hohes Glück fand ich in dem stolzen Bewusstsein, von Willy, 
dem schönsten, dem unbändigsten unter den ganzen Kameraden, 
geliebt zu werden. Er hatte es mir ja selbst gestanden, weil ich 
„so gut und so tapfer" war. Ach, mit meiner Tapferkeit war es 
sonst nicht weit her. Aber eben, für „Ihn", meinen Geliebten, 
wäre ich noch aller möglichen Thorheiten fähig gewesen. Rastlos 
nährte und pflegte ich meine Liebe. Über die nun folgende trübe 
und doch so glückliche Zeit meiner Jugend will ich schweigend 
hinweggehen. Sie flog schnell genug hin und aus den Knaben 
wurden Jünglinge. Willy und ich, wir waren und blieben die 



— 172 — 

zwei Unzertrennlichen. Beide mussten wir ein Handwerk lernen 
und nachdem jwir die Lehrzeit absolviert, blieben unsre Verhält- 
nisse und unser beiderseitiger Wohnort vorerst noch so , dass wir 
immer zusammen sein konnten. Willy hatte sich schnell zu einem 
wohlgewachsenen, blendendschönen jungen Mann herausgewachsen. 
Ich war mit meinen 17 Va Jahren immer noch eine recht knaben- 
hafte, unreife Erscheinung, wenigstens musste es nach dem Urteil 
meiner Umgebung wohl so sein. Zart und schwächlich gebaut, 
mit blassem Gesicht, sprach ich noch hell und sang einen tadellosen 
Sopran. Wir waren uns noch immer in treuer Freundschaft zuge- 
tan. Ich mit immer wachsender leidenschaftlicher Glut, Willy mit 
immer gleichmässiger ruhiger Treue und Anhänglichkeit. 

Mir gentigte natürlich diese ruhige, platonische Liebe durch- 
aus nicht. Ich verlangte gleiche, heisse Leidenschaftlichkeit. Aber 
bald sollte ich inne werden, dass er mir das, was ich von ihm 
verlangte, eben nicht gewähren konnte. Gutmütig lächelnd, dul- 
dete er wohl meistens meine heftigen Liebkosungen, wehrte auch 
mitunter sanft ab mit der Bemerkung, er sei ja doch wohl kein 
Mädchen. Dann ward ich böse, nannte ihn einen kalten Frosch, 
eine Fischnatur und schmollte. Er nahm meine Ausfälle gelassen 
hin und tat im übrigen nichts, meine Ansicht zu entkräften. Wenn 
ich ihn dann aber einmal 8 Tage nicht gesehen, hielt ich es nicht 
mehr aus, ging wieder zu ihm und alles war gut. Ich liebte ihn 
zu sehr und seine Abwesenheit aus meiner Lebenssphäre war für 
mich ein unfassbarer Begriff. - 

In dieser Zeit begann ich natürlich auch, poetische Erzeug- 
nisse von mir zu geben. Unendlich lange Verse entrangen sich 
meiner Feder. Sie alle waren an „ihn" gerichtet. Er hat die 
ersten nie zu Gesicht bekommen. Später wurde ich hartnäckiger 
und dichtete ein riesiges Epos, das ebenfalls auf „ihn" Bezug hatte. 
Dieses liess ich Willy „zufällig finden". Er las es im Schweisse 
seines Angesichts und staunte mich an ob meines „Genies", wollte 
aber, zu meinem heimlichen Verdruss, durchaus nicht merken, dass 
dieses alles nur ihn selbst zum Gegenstande hatte. Unsere sonn- 
täglichen Vergnügungen waren auch durchaus von denen der 
meisten unsrer Kameraden, die ja alle, wie wir, dem Handwerker- 
stande angehörten, verschieden. Während diese sich in Rudeln 
Sonntags in den Strassen herumtrieben oder in Kneipen „Schafs- 
kopp" oder Billard spielten, verachteten wir beide natürlich solche 
„barbarischen" Genüsse. Wir gingen gewöhnlich ins Theater oder 
in Konzerte und nahmen nachher das Dargebotene häufig gar 
superklug unter die kritische Lupe. 



— 173 — 

Allein bald sollte unser schönes Verhältnis einen jähd 
bekommen. Wir gingen nun bereits dem 19. Jahre entgegen 
fing es an, aufzufallen, dass Willy nicht mehr seine freie Zeit ga 
gar mit mir teilte. Es kam erst einige Male, dann sehr oft vor! 
er, wenn ich Sonntags zu ihm kam, um ihn abzuholen, schon fori 
oder sich bei mir entschuldigte. Er Hess mich ruhig öfter alleirj 
gehen und kam auch immer seltener zu mir. Die Liebe ist wachsan 
bald erkannte ich, dass er mir auswich, die Gesellschaft eine^ 
deren Person mir vorzog. Sachte schlich sich ein unbehaglil 
Gefühl bei mir ein, das immer stärker und stärker wurde. Es| 
meinem Herzen immer weher und weher und frass mit züngeli 
Flammen an meiner Seele. Ich war eifersüchtig, rasend eifersticll 
geworden. Er kam immer seltener, und wenn er kam, war! 
nicht mehr bei mir, sondern schien immer etwas anderes vorzuhabi 
Und wenn ich ihn dann in alter Liebe zärtlich begrüssen wolll 
wehrte er ab mit den Worten: „Ach lass doch, wir sind dot 
keine Kinder mehr!" Eisig kalt schoss es mir dann durchs Herl 
ich fühlte, ich war im Begriff, ihn zu verlieren. Still und in mic 
gekehrt sass ich dann neben ihm und hörte nur halb auf sein! 
Erzählungen. Bald kam er dann aber auch auf die Weiber zi 
sprechen und dann wurde er immer sehr aufgeräumt und begami 
begeistert ihr Lob zu singen. Wütend biss ich mir die Lippen 
blutig und machte boshafte Anspielungen. Freimütig gab er dann! 
zu, sich da und dort mit andern Freunden in „Damengesellschaft \ 
köstlich amüsiert" zu haben und beschrieb mir umständlich diel 
„feinen Mädels". Und wenn ich höhnisch bemerkte, dass er mich \ 
mit so was garnicht interessieren könne und mich verschonen 
möge, dann lachte er mich aus, nannte mich ein „Bählämmeben", 
das in Damengesellschaft nicht „Zip" sagen könne und meinte, ich 
würde wohl einmal bei Muttern hinterm Ofen versauern. Dann 
wurde ich furchtbar aufgebracht und schalt ihn einen Schürzen- 
jäger und Pantoffelhelden. Er. antwortete prompt, ich sei wohl 
neidisch und bot mir an, mit ihm zu gehen, er wollte michs auch 
lehren, wie man die Mädels „rumkriegen" könnte. Giftig spuckte 
ich dann aus und vermass mich bei allen Heiligen, „so was" könne 
mir nicht einfallen. Zankend schieden wir dann jedesmal von 
einander, ohne den üblichen Händedruck. Einsam blieb ich zurück. 
Das also war es. Die Weiber hatten ihn mir entrissen. Ihnen 
folgten meine schwärzesten Flüche, meine ärgsten Verwünschungen, 
die ich schliesslich in Tränen ohnmächtiger Wut erstickte. Mit der 
ungemeinen Lebhaftigkeit meines ganzen Naturells nahm ich diesen 
ersten wirklich grossen Liebesschmerz auf. Traurig ging ich umher. 



— 174 — 

Wie grauer Nebel senkte sich» herab auf die Träumt» meiner Lift»«», 
auf alle jugendfrohen Pläne und Hoffnungen. Ach, und wir hatten 
so schöne Pläne mit einander geschmiedet! Wollten bald in die 
Fremde gehen, wollten auf der Wanderschaft Welt und Menschen 
kennen lernen! Natürlich gemeinschaftlich! Hatten wir« uns nicht 
damals gelobt, dass wir uns nie, nie trennen wollten? O, ich hatte* 
es noch nicht vergessen! Und da wir uns die gemeinschaftliche 
Reise schon in allen Details ausgemalt, trug ich nun seit 
längerer Zeit eine geheime Hoffnung mit mir herum, eine Hoffnung' 
auf Erfüllung des höchsten Wunsches meiner Liebe, den ich bisher 
nie gewagt vor Willy auch nur anzudeuten, ja ich hatte in meinen 
stillen Gedanken kaum den Mut, mir selbst diesen Wunsch einzu- 
gestehen. Und doch verfolgte mich dieser Gedanke seit Langem, 
wenn ich still und einsam meinen Gedanken nachhing, in lautren, 
schlaflosen Nächten, im Beisammensein mit Willy, überall hin verfolgte 
mich dieser Wunsch, ich wurde ihn nicht los, wollte ihn auch gar- 
nicht los werden. Alles hatte ich mir bereits ausgemalt: Per pedes 
die Welt durcheilen, Städte und Dörfer, ja vielleicht fremde Länder 
sehen und immer beieinander sein können! Hülsten wir nicht auf 
unsern Reisen in Herbergen übernachten V So würden wir dann 
gewiss auch Nachts im Schlummer bei einander weilen können 
auf gemeinschaftlicher Lagerstätte, an seiner Brust ruhend, könnte 
ich selig dem neuen Tag entgegenschlummern. — Wie fest und 
innig wollte ich mich an ihn schmiegen, wollte den Geliebten an 
mein brennendes Herz pressen! In unmittelbarer zärtlicher Be- 
rührung mit dem blütenweissen Körper meines Freundes würde ich 
der höchsten Seligkeit einer mächtigen Liebe teilhaftig werden, 
das süsseste Glück meines Daseins gemessen können, das ich bis 
jetzt vergebens erhofft hatte! — War dieses Begehren etwa aus 
den Abgründen verbrecherischer Phantasien eines übersättigten 
Lüstlings geboren? — Ach nein, ich war als 18 jähriger Jüngling 
in der Blüte meiner Jugendkraft, weder geschlechtlich übersättigt, 
noch war meine Begierde auf irgend eine bewusste oder bestimmte 
geschlechtliche Handlung gerichtet. War ich doch damals noch 
ein in geschlechtlichen Dingen vollständig unerfahrener, unwisHender 
Bursche. Gewiss hatte ich wohl, wie das bei allen jungen Leuten 
der Fall, viel abenteuerliches Zeug von Geschlechtsakten zwischen 
Mann und Weib gehört, und heute noch lächelt man über alle die 
unmöglichen und ungeheuerlichen Vorstellungen, die wir uns als 
junge Burschen auch von den Geburtsvorgängen machten. 

Ich hatte eine Art mystische Scheu vor allen diesen Dingen 
und heillose Furcht vor den Folgen geschlechtlicher „Verirrungen". 



— 175 — 

Inzwischen war jedoch der Knabe zu einem vollkommene: 
schlechtswesen herangereift, in dem sich bereits der mächtige 
nach Ergänzung regte. Was Wunder, wenn sich dieser Dran 
Gewalt auf jene Wesen richtete, die von Jugend auf mein gi 
Sein beherrscht hatten. Die gewaltige Liebe des Geschiel 
konzentrierte sich ganz von selbst und ohne sich klar bewußt 
sein auf das eigene Geschlecht. 

Damit war aber, weil der unerbittliche Sittenkodex dieser 
darin die Momente einer verbrecherischen Handlung erblickt, 
Fluch der Gesellschaft auf das Haupt des Liebenden gefallen, d^ 
nur noch recht und billig geschah, wenn er aus der Gemeinschg 
aller anständigen Menschen verbannt wurde. Jener Fluch soll! 
auch mir später im reichsten Maße zu Teil werden. Zu jener Zel 
aber, da sich in mir die ersten Blüten des Geschlechtsbewusstseinl 
eben erschlossen hatten, ahnte ich von alldem noch nichts. Niemanc 
hatte mir noch bis dahin jemals etwas davon gesagt. Wie konnte 
ich selbst etwa dies edle Feuer in meiner Brust verdammen, da es\ 
doch ein Element von meinem ureigenen Selbst war und zwar ein 
gar gewaltiges ? — nein, ich konnte nichts Unmoralisches darin 
finden, dachte gar nicht daran, daß wohl irgend Jemand kommen 
könnte und sagen : „Deine Gefühle sind verbrecherisch" ! Ich hätte 
ihn schön abfahren lassen. Denn heilig war mir meine Isiebe zu 
Willy, sie, die mich schon als Knabe für alles Edle begeistert hatte. 
Heilig war mir auch die Person meines Freundes. Ich hatte ja zu 
dieser Zeit nicht die geringste Ahnung von irgend einem bestimmten 
Geschlechtsakt, irgend einer Form sexueller Befriedigung zwischen 
Männern. Konnte mir gar keinen Begriff davon machen und dachte 
auch niemals an etwas dergleichen, da ich bis dabin von solchen 
Dingen noch nichts gehört Und doch ist die Tatsache nicht zu 
leugnen, sie war vorhanden, es zog mich mit unwiderstehlicher 
Gewalt nach der körperlichen Berührung mit meinem Freund. Was 
war es denn nun, das mich immer und immer wieder mit magischer 
Gewalt hinzog, mich ewig drängte und trieb, seine Nähe zu suchen? 
Ach, ich machte mir keine langen Gedanken erst über die etwaige 
Unnatur meiner Empfindungen. Unbewußt gab ich mich ihrem 
Zauber hin. Ja es war ein Reiz ohne Ende, der von der Person 
dieses wunderschönen Jünglings ausstrahlte. Alles liebte ich an 
diesem Körper, dies schöne blonde Haupt mit der blendend weißen 
Stirn, die herrlichen Augen, die mir so oft treuherzig entgegen 
gestrahlt, die frischen Wangen, die roten Lippen so schön ge- 
schwungen, auf die ich schon als Knabe so oft im schüchternen 
Kuß die meinen gedrückt, die kräftigen Hände und die hohe breite 



— 176 — 

Brust, an der ich so oft geruht, und alles was diese teure Brust 
umschloß, dieses stolze und doch so gute Herz, das sinnige Gemüt, 
alles, alles liebte ich an diesem teuren Wesen und ging völlig in 
ihm auf. Aber auch das Verlangen nach innerer Gemeinschaft 
brannte in meiner Seele. Die Gleichheit des geistigen Daseins, das 
Ineinandertauohen beider Herzen war es, was ich erstrebte. — Ich 
kehre zum Faden meiner Erzählung zurück. Willy konnte mir nicht 
das gewähren, was ich glaubte von ihm verlangen zu dürfen. Ganze 
Hingabe, so wie meine Liebe zu ihm mein ganzes Wesen beherrschte, 
so sollte es auch bei ihm sein. Die Natur meiner Empfindun- 
gen duldete nicht, daß ich seine Zuneigung mit andern teilen 
sollte. Unser gegenseitiges Verhältnis wurde deshalb in der Folge 
merklich kühler. Willy suchte immer mehr der Richtung seiner 
Entwicklung nachgehend, Verkehr mit dem weiblichen Gesohlechte. 
Ja er wurde sehr bald ein von den Damen viel umworbener Don 
Juan, der eben dank der äußeren Vorzüge, die ihm Mutter Natur 
verliehen, diese Bolle mit sehr viel Geschick überall durchzuführen 
verstand. Trauernd stand ich abseits und verfolgte trotzdem mit 
Beharrlichkeit sein Tun und Treiben. Ich war nur noch das fünfte 
Bad, das „liebe alte Haus", das er noch für würdig genug hielt, 
ihm alle seine neuen Interessen und zarten Geheimnisse anzuver- 
trauen. . All' die kleinen pikanten Sächelchen, die ein rechter Don 
Juan vor den Augen der Welt verbirgt, ich wußte sie, mir vertraute 
er sie an, ohne daß ich danach frug. Und wenn er mir dann all 1 
diese kleinen Intimitäten unbefangen mitteilte, zerriß unsagbarer 
Schmerz mein Innerstes und blutenden Herzens gestand ich es mir 
in der Stille meiner Einsamkeit, daß ich ihn verloren hatte, ihn, 
den ich vergötterte, der mein Alles war auf dieser Welt, dem ich 
alles, was mir heilig, geweiht hatte ! Ich kannte meinen Willy bald 
nicht mehr wieder. Aus dem sinnigen, treuherzigen Jungen war 
bald ein pomadisierter Weiberfex geworden, der aus dem Füllhorn 
seiner Wohlgestalt Kapital schlug. Aber ich konnte und konnte 
noch immer nicht von ihm lassen, obgleich sich alle meine Empfin- 
dungen gegen sein nunmehriges Wesen aufbäumten. Ein weiteres 
Jahr war dahin und aus unserer phantasieumwobenen Wander- 
schaft war natürlich nichts geworden. Willy hatte dazu die Lust 
verloren, ihm schien es so am Besten zu gefallen und mir war durch 
den Tod meines Vaters eine neue Pflicht erwachsen. Ich mußte in 
Gemeinschaft mit meinem ältesten Bruder für die Mutter und zwei 
noch unerwachsene Brüder sorgen. Obwohl das Verhältnis zwischen 
Willy und mir immer mehr verflachte, kamen wir doch noch 
sehr häufig zusammen. Ich konnte eben dieses Wesen, das ich 




— 177 — 



mehr wie mich selbst geliebt, nicht so ohne weiteres aus m^ 
Herzen reißen. Leider sollte auch dieser Zustand nicht lange da 
und Willy selbst war es auch hier wieder, der, wohl unbe^ 
meinem Herzen den letzten brutalen Stoß gab. Eines Tages \ 
Willy zu mir, nahm mich auf die Seite und vertraute mir\ 
neues Geheimnis an. Diesmal war es ernster Natur. Er hatte \ 
im sorg- und schrankenlosen Geschlechtsverkehr infiziert, hatte I 
Sache vertrödelt und frug mich nun, da die Geschichte schlimmi 
werden drohte, um meine Meinung. Er behauptete, daß er sich l 
einer Prostituierten den Schanker geholt und war nun in groß, 
Angst, wie er „das Ding" los werden möchte. Zum Arzt zu gehdi 
wozu ich ihm riet, hatte er keine rechte Lust. Es sei ihm „z 
schenant" und koste auch gleich zu viel, meinte er. Es war da 
erste Mal in meinem Leben, daß ich eine Geschlechtskrankheit ml 
all' ihren widerlichen Begleiterscheinungen kennen lernte. Begreift 
licher Abscheu erfüllte mich und da er die unbedingte Notwendig-^ 
keit einer ärztlichen Behandlung nicht gleich einsehen wollte, so! 
konnte ich ihm natürlich sonst weiter keinen Rat geben und begriff! 
überhaupt nicht, wie er sich in diesem Fall an mich wenden konnte, \ 
da er doch in solchen Dingen zum mindesten mehr Erfahrungen \ 
hatte als ich. Ich hielt es viel mehr für angebracht, ihm allerlei \ 
Vorhaltungen zu machen. Er verteidigte sich so gut er konnte \ 
und da er trotzdem bei mir kein Verständnis fand, nannte er mich \ 
einen närrischen Kauz und gab mir schließlich den wohlgemeinten \ 
Rat, mich nicht so von allem zurückzuhalten, sondern mitzutun. \ 
„Das Leben ist so schön", rief er aus, „und man soll es genießen, 
so lange man jung ist, dazu hat man ein Recht". Dann bedauerte 
er mich mit meinen „ewigen Ansichten", wurde sehr heiter und bot 
sich an, mich in lustige Gesellschaft einzuführen , da sollte ^ch das 
Leben erst kennen lernen, fühlen, was überhaupt leben heisst. Und 
hätte ich erst das „himmlische Manna" der Liebe geschmeckt, dann 
würde ich schon ein Anderer werden, darauf schwur er einen heiligen 
Eid. Er nannte mich schliesslich seinen lieben alten Freund, mit 
dem er gern „alles teüen" wolle, schwatzte noch eine ganze Weile 
auf mich ein und rückte zuletzt in freundschaftlichem Eifer mit 
folgendem Vorschlag heraus. Er wollte mir ja gern, um es mir 
leicht zu machen, sein neuestes „Verhältnis", eine dralle Küchen- 
jungfer, die in der Nähe bedienstet war, „überlassen". Das Mädel 
sei „ganz doli", immer zu haben und nehme es auch nicht so genau. 
Er habe schon einige Mal daran „genascht" und da es mit ihm doch 
nun gegenwärtig nicht ginge, so wollte er mich mit ihr bekannt 
machen. Sprachlos starrte ich meinen ehemals Vielgeliebten an. 

Jahrbuch V. 12 



— 178 — 

War das mein Willy noch, der einzige geliebte Mensch, dem ich mit 
Freuden mein Leben zu Füssen legen wollte? So weit war es also 
mit ihm gekommen, so jung, so schön und eine solche Auffassuiifr,, 
solche Achtung vor den heiligsten Empfindungen der Meii*ch<»n, 
das Gefühl, in dem selbst das Tier geadelt wird? Ein Gefühl end- 
loser Leere überkam mich. Eine solche unsäglich gemeine Denk- 
und Handlungsweise musste ich bei dem erleben, der bin dahin 
in meinem Ideenkreis den vornehmsten Platz eingenommen. 

Von nun an war ich bemüht, sein Bild gewaltsam aus meiner 
Seele zu reissen. Ich behandelte ihn kalt, ging nie mehr zu ihm 
und wenn er, was auch nur noch selten geschah, zu mir kam, stahl 
ich mich leise aus dem Hause und ttberliess ihn meinen Brüdern, 
an die er sich bald enger anschloss. In meinem zertretenen Herzen 
hat es noch lange getobt und geschrieen, ehe dies schönste Bild 
meiner Jugendträume daraus entwich. Später, nachdem wir auch 
örtlich von einander getrennt, hörte ich nur noch durch meine Brüder 
von ihm. Er hat schliesslich die Tochter eines wohlhabenden 
Kaufmanns heimgeführt und ist heute selbst als* Inhaber eines 
renommierten Geschäftshauses in Leipzig ein wohlhabender Mann, der 
sich kaum noch seines einstigen Jugendfreundes erinnert. Wohl 
weiss ich, dass er von meinen ferneren Schicksalen durch meine 
Familie unterrichtet wurde, ich habe jedoch von ihm kein Lebens- 
zeichen mehr erhalten. Er ist eben schnell in den Raten der 
gesellschaftlichen Behaglichkeit eingelaufen. Ihn haben die konven- 
tionellen Lügen dieser Kultlirgesellschaft weiter nicht behelligt. — 

Über die nun folgende Periode meines Lebens will ich mich 
bemühen weniger ausführlich zu sein. Ich begann alsbald ein 
höchst unsolides Leben zu führen. Im Taumel aller möglichen 
tollen Vergnügungen suchte ich Zerstreuung, Vergessen. Eine 
wilde Flucht vor der gähnenden Leere, die in meinem Inneren zu- 
rückgeblieben war, begann nun. Und von dem ungeheuren Wust 
der widerstreitendsten Empfindungen, die mich dann wieder plötz- 
lich durchtobten, hin- und hergeschleudert, tappte ich suchend, wie 
ein Blinder. Die tollste und ausgelassenste Gesellschaft ward mir 
bald die üebste. Eine schon ziemlich trüh erwachte Vorliebe für 
dramatische Kunst und ein bescheidenes Talent in derselben, führte 
mich bald in Gesellschaften ein. In Dilettantenvereinen übte ich 
mit großer Hingabe meine kleinen Fähigkeiten und so bekam ich 
auch leicht Verkehr mit vielen jungen Leuten beiderlei Geschlechts. 
Ich wurde ziemlich schnell gewandt in allen Eigenschaften, die dazu 
gehören, in der Gesellschaft etwas zu scheinen, was man nicht ist. 
Ich wollte ja durchaus das „himmlische Manna" der Liebe schmecken, 



179 — 



wovon mir Willy so begeistert erzählt hatte. Ich gab n 
auch die grösste Mühe, bei den Damen den Schwerem 
spielen. Denn, so dachte ich, was alle Anderen mit so a 
schick und Erfog betrieben, warum sollte ich es auch nicht 1 
schliesslich lag es am Ende bloss an meinem Mangel an Tale 
Gunst der Damen zu erwerben. So warf ich mich denn ge 
in die Brust, um mich endlich zur Mannbarkeit aufzuraffen un 
Hänseleien der Anderen zu entgehen, die mich nur „den i 
Franz" nannten. Und um auch auf den zahlreichen Kränze hei 
Bällen der Vereine in Gesellschaft der Damen bestehen zu kö; 
ging ich auch noch in die Tanzstunde und verliebte mic 
in den jungen Kellner des betreffenden Restaurants. Er wai 
bildhübscher Bursche mit pechschwarzem gekräuselten Haar 
ein Paar kohlschwarzen Augen, die wie Diamanten funkelten, 
hatte nur noch Blicke für ihn und wenn ich die Tanzerei n 
mitmachte, so geschah es nur, um in seiner Nähe bleiben zu könn 
Ich suchte Annäherung und mit überraschend schnellem Erfolg. 
Neue Seligkeit zog in mein Herz ein. In kurzer Zeit war 
wir vertraut mit einander. Hier war ich wieder in meinem Elemei 
hier durfte ich lieben, das fühlte ich sofort. Welch ein Unte 
schied ! Während ich in Gesellschaft junger Damen mich mit mein! 
Bolle des Schwerenöters mühsam abquälte, trat hier wieder sofol 
das echte Feuer natürlicher Leidenschaft hervor. Hier gab echfl 
Liebe das von selbst, wonach ich dort mühsam den Plan absucht! 
um einen gequälten Abklatsch des „himmlischen Mannas" zu eil 
halten, was ich garnicht himmlisch fand, um mich künstlich unJ 
scheinbar daran zu ergötzen, zu dem Zweck, vor den Augen dei 
Welt als das zu gelten, was ich nicht war. Als ich die ersten 
schüchternen Liebkosungen wagte, fühlte ich, dass sie ihm nicht] 
unempfindlich . waren. Er erwiderte sie und jubelnd ahnte ich 
meinem Liebling eine verwandte Seele, loh widmete ihm all diel 
Hingabe, deren nur die echte Liebe fähig ist. All die kleinen! 
Aufmerksamkeiten, in der die Liebe so selbstlos, so erfinderisch! 
ist, tauschten wir nun gegenseitig aus. Doch das Auge des Ge- 1 
setzes wacht und der beleidigte Sittenkodex der „Normalen" im 
Land schrie nach Sühne. Unvorsichtig und tollkühn ist die Liebe. 
Eines Abends spät ereilte uns das Verhängnis, das für mein Leben 
so folgenschwer werden sollte. Wir wurden beide vom Wirte in 
einem hinteren Zimmer bei frischer Tat ertappt. Die Situation 
war über jeden Zweifel erhaben und wir konnten uns auch nicht 
mehr retten, da wir ganz unvermutet überrascht wurden. Ein un- 
beschreiblicher Skandal folgte. Man brüllte nach dem Arm des 

12* 



— 180 — 

Gesetzes. Ich wurde festgehalten und mtisste noch mit an*«»ht*ii. 
wie der Wirt meinen Liebling brutal mißhandelte. WahnHtnni^rer 
Schmerz durchtobte mein Innerstes und zitternd bat ich um Scho- 
nung für den Armen. Willig folgte ich dann dem Di«*ii«»r <l«»r 
heiligen Gerechtigkeit. Ich befand mich in einer Art Traum zustand, 
sah und hörte kaum, was um mich herum geschah. Wie in 
nebelhafter Ferne erschien mir alles. Und immer weiter und weiter 
rückten Welt und Menseben von mir ab, so daas ich sie nicht mehr 
erkennen konnte. Zwei Monate sass ich in Untersuchung, ich be- 
griff nicht, weshalb, da ich alles eingestanden hatte. Wan ich in 
dieser Zeit einsamer Zellenhaft ausgestanden, genügte, um mich 
vollständig niederzuschmettern. Mit all ihrer Schärfe hielt die be- 
leidigte Moral ihr Strafgericht über mich. Nichts blieb mir an De- 
mütigungen erspart Schon auf dem Polizeipräsidium schallte mir 
die Stimme des diensttuenden Beamten entgegen: „Ein Päderaat! 
Ein Päderast! In Einzelhaft mit dem!" Ich hatte keine Ahnung 
von der Bedeutung dieses Wortes. Aber die Art, wie mir die« 
offenbar inhaltsschwere Wort entgegengeschleudert wurde, lies» 
mich ahnen, welch ein verabscheuungswürdiger Verbrecher ich sein 
musste. In ohnmächtiger Verzweiflung wand ich mich auf dem 
Boden meiner einsamen Zelle. War ich denn wirklich eine so 
schändliche Kreatur V Wen hatte ich denn beleidigt, wem etwas ge- 
nommen, wem hatte ich ein Leid zugefügt? In meiner hilflosen 
Verwirrung vermochte ich keinen klaren Gedanken zu fassen. 
Verbrecher, Verbrecher, Päderast ! höhnte es mir nur immer in die 
Ohren. „Bedenke doch, was du nun geworden bist!" so hiess es 
in dem Briefe, den mein ältester Bruder unter dem Eindruck der 
Nachricht meiner Verhaftung an mich geschrieben und in dem er 
sich im Namen der ganzen Familie von mir lossagte. In meiner 
grenzenlosen Verzweiflung über alles dieses reckte ich schliesslich 
die Arme gen Himmel und erflehte von Gott irgend eine Gewiss- 
heit, wie weit die Grösse meines Verbrechens reichte. Aber der 
Himmel rührte sich nicht und ich fand nicht einmal Trost in der 
tränenvollen Busse und Reue, der ich mich in kraftloser Zerknirschung 
nun hingab. Ich wusste ja nicht, was ich eigentlich büssen sollt«*, 
bei wem ich um Verzeihung für zugefügte Schmach betteln sollte. 
Die Stunde meiner Aburteilung schlug und hier sah ich meinen 
Liebling wieder. Bei seinem Anblick brach ich in Tränen au». 
War er es am Ende, dem ich Beleidigung und Schande zugefügt? 
Aber, o Wunder, als wir beide vor der Bailustrade neben- 
einander standen, um unseren Richtern Rede und Antwort zu 
stehen, fühlte ich plötzlich seine Hand in der meinen, die er einen 



— 181 — 



Moment zärtlich und verstohlen drückte. Da zog es einen 
blick wie stiller Friede durch meine Seele und ruhig und 
antwortete ich auf die Fragen des Präsidenten. Freilich, m 
Augenblick bewahrte ich meine Fassung, dann war es wied 
bei, als der Herr Staatsanwalt für mich, als den Verführet 
§ 175 des St.-G.-B. eine empfindliche Strafe verlangte. I» 
und flehte und erklärte unter Schluchzen, dass ich meinem 1 
niemals etwas habe „zu Leide tun" wollen. Und die Herren E 
lächelten über meine naiven, fortwährenden Beteuerungen, 
wurde schliesslich unter Annahme von mildernden Umstände 
6 Monaten Gefängnis verurteilt. Adolf kam, weil er nur der 
dende Teil und der von mir „Verführte" war, mit 7 Tagen da 
Ausserdem wurde auch wohl auf seine Jugend Rücksicht genomi 
er war noch nicht ganz 16 Jahre alt. Ich hatte mich um das A 
meines Freundes nie bekümmert, hielt ihn aber für bedeutend äl 
Er machte in jeder Beziehung den Eindruck eines mindest 
18 jährigen, war ebenso gross wie ich und körperlich viel mehr e 
wickelt. Die Täuschung über sein Alter mochte um so leicht 
sein, als er auch die Entwicklung zur Pubertät bereits hinter si 
hatte. Ich konnte deshalb auch mit gutem Gewissen dem Her! 
Präsidenten auf seine Frage antworten, dass ich mich im Altl 
meines Freundes getäuscht hätte. Das hatte mir denn aber weit! 
nichts genützt, am Urteil änderte das ja nichts. Ich wurde wiedd 
abgeführt und hatte gerade noch so viel Zeit, einen letzten Scheidd 
gruss von ihm aufzufangen, einen stillen Blick liebevoller Teil 
nähme für mich. Diesen stummen Blick habe ich als einzigen Trosl 
mit in mein Gefängnis genommen. Ihn, das wusste ich nun, hattl 
ich nicht beleidigt, er grollte mir nicht. Ich habe ihn nie wieder! 
gesehen, diesen herzigen, schwarzäugigen Jungen, meine späteren 
Nachforschungen nach ihm blieben resultatlos. Ich bin überzeugt,! 
er hat nur gut von mir gedacht. — Der Mensch fügt sich in alles,! 
auch in das anfänglich Unfassbare. Ich ertrug meine 6 monatliche] 
Einzelhaft verhältnismässig gut und wurde zuletzt von dem Auf- 
seher des „Flügels A," der ein halbes Jahr mein Domizil war, mit] 
einigen wohlwollenden Worten entlassen und mit dem guten Rat, ' 
mich fürderhin „in Obacht zu nehmen," damit ich nicht zu bald wieder 
käme. Gerührt drückte ich dem alten Manne die Hand und trat in 
die goldne Freiheit mit dem festen Vorsatz, nun ein „Anderer," 
„Besserer" zu werden. Hatte ich nicht in der langen Zeit der Sühne 
bewiesen, wie man sich beherrschen kann? Hatte ich nicht die 
6 Monate vollständig keusch zugebracht? — Ich kannnte die 
Onanie sehr wohl, doch nicht ein einziges Mal war ich ihr in der 



— 182 — 

ganzen Zeit zum Opfer gefallen. Ja, ich wollte and rousntt* wi«*<l«-r 
ein guter Mensch werden. Hütte ich nur damals schon klar jr«»nujr 
die unabweisbare Bestimmung meiner Geschlechtsnatur begrittVn. 
Ich hätte wohl in jenen oft durchwachten Nächten im (Jefnnjr- 
nisse die Kraft gefunden, ein Ende zu machen mit einem Dasein 
so dunkel und reuevoll bis auf den heutigen Tag. 

In wie weit ich später ein besserer, anderer Mensch geworden, 
mag der Leser aus dem weiteren Fortgang meines Lebens entnehmen. 

Meine Familie nahm mich in Gnaden wieder auf, man verzieh 
mir, wie man sagte, um meinetwillen. Ja, mein ältester Bruder 
hielt es von da ab für eine Art väterlicher Pflicht, mich wieder 
auf den rechten Pfad der Sitte und Tugend sorgsam zurückzu- 
führen. Er fing an, mich auf Schritt uud Tritt zu bewachen. Kr 
hatte das Glück, eine vermögende Frau zu bekommen und nun 
ging seine brüderliche Fürsorge so weit, im Einverständnis mit den 
Verwandten seiner Frau mir einen kleinen Geschäftsbetrieb einzu- 
richten, der in mein Fach schlug. Ich nahm alles dankbar an, 
geschah doch alles zu meinem Besten. Die Sache klappte auch 
im Anfang ganz gut. Ich fühlte mich bald wieder und gefiel mir 
in meiner Eigenschaft als selbständiger Geschäftsmann, war fleissig 
und suchte mein Geschäft hochzubringen. Doch ich hatte meine 
Rechnung ohne mich selbst gemacht. Abgesehen davon, da** es 
ja an und für sich schon ein Missgriff war, einem jungen Menschen 
von kaum 21 Jahren Führung und Verantwortung über ein Ge- 
schäft anzuvertrauen, mit deren fachgemässer Leitung eine be- 
reiftere Manneskraft vollauf zu tun gehabt hätte, so war ich doch, 
meiner ganzen natürlichen Veranlagung nach, viel zu sehr Ge- 
fühlsmensch, als dass ich auf die Dauer einen brauchbaren Ge- 
schäftsmann abgegeben hätte. Wohl hatte ich so etwas wie eine 
dunkle Ahnung davon, dass auf mich noch kein Verlass war. 
Wohl meinte ich im Stillen dies und das, aber sollte ich meinem 
Bruder meine eigene Unfähigkeit und Schwäche eingestehen, sollte 
ich ihm offen sagen, dass mir diese seine Wohltat im Grunde 
eigentlich Plage sei? Welche Antwort hätte ich bekommen? Sie 
konnte nicht zweifelhaft sein. Und hatte ich überhaupt eine Meinung 
zu haben? Als ein in Gnaden wieder aufgenommener Missetäter 
musste ich dankbar und froh sein, dass mir mein liebevoller Bruder 
Gelegenheit verschafft hatte, mich wieder „ins Geleise" hinein zu 
bringen. Er meinte es zweifellos gut mit mir, also hatte ich, das 
fühlte ich wohl, die Pflicht, mich zu fügen. Ich musste stillhalten 
und mich bescheiden, denn sie alle waren „besser" als ich. Mein 
Bruder Hess es sich angelegen sein, über mein Schicksal zu wachen. 



183 



Er achtete beständig und sorgtältig darauf, dass ich mein 
schäftlichen Pflichten nicht versäumte und ich gab mir die 
Mühe, ihm keinen Anlass zur Unzufriedenheit zu geben, 
weiter hinaus ging auch sein Einfluss nicht, weiter reich 
Kraft seiner Autorität nicht. Er war wohl in der Lage, mic! 
merksam zu bewachen, aber einsperren konnte er mich füll 
nicht und mir, dem 21jährigen, das fühlende Herz aus dem 
zu reissen, das vermochte er freilich auch nicht. Und so kai 
denn, wie es wohl kommen musste. 

Ich hatte natürlich nicht die Kraft, lange mit mir allein 
umzulaufen, mein Herz verlangte nach einem Wesen, das ich liel 
könnte. Bald fand ich es in der Person des jungen Angestelli 
eines benachbarten Geschäftes. Es dauerte auch gar nicht lanj 
so hatten wir Freundschaft geschlossen. Die fürsorglichen Schwieg< 
eitern meines Bruders, in Gemeinschaft mit meiner guten Mutti 
hatten zwar bereits für eine „passende" Partie gesorgt und ich hatl 
mir's auch zur Pflicht gemacht, dieser jungen Dame recht fleissii 
den Hof zu machen. Das Mädchen war sonst nicht übel, hatte etwal 
Vermögen, mit diesem sollte sie „ins Geschäft hineinheiraten", so hatten 
es meine Verwandten beschlossen. So schnell, wie ich hier eine Braut 
angewiesen bekam, wäre ich niemals imstande gewesen, mir selbst einet 
zu erobern das fühlte ich, darum war ich auch eifrig dabei, ich hatte es 
mir ja selbst gelobt, den „dunklen Fleck" aus meiner Vergangenheit 
mögtichst zu tilgen. Ich war sehr aufmerksam gegen meine Braut, 
sagte ihr viel Artigkeiten und machte ihr Geschenke. Das hinderte 
mich aber durchaus nicht, mich mit meinem neuen Freund viel mehr 
abzugeben als mit meiner Braut. Er war ein ausgezeichneter junger 
Mann mit guten Manieren und einem natürlichen Wesen. Im trauten 
Beisammensein mit ihm entschädigte ich mich für alle Beklemmungen 
und Unbehaglichkeiten, die ich stets in Gesellschaft meiner „Ange- 
beteten" empfand. loh will kurz sein. Die Sache gedieh so weit, 
dass uns eines Tages ein argwöhnisch gewordener Nachbar, in 
meinem eigenen Geschäftslokal, durch den Türspalt beobachtet hatte. 
Der Mann schlug Lärm und benachrichtigte sofort meine Familie. 
In kopfloser Bestürzung floh ich, so wie ich ging und stand, zum 
nächsten Bahnhof und fuhr zu Verwandten meines Vaters nach M. 
Diese telegraphierten an meinen Bruder und verlangten Aufklärung, 
da ich jede Auskunft verweigerte. Bald erschien mein Bruder, setzte 
meine Verwandten von allem in Kenntnis, sagte sich abermals und 
diesmal für immer von mir los, indem er mich einen Ehrlosen und 
Undankbaren nannte, der nicht wert sei der Achtung anständiger 
Menschen. Meine Verwandten taten ein Übriges, man überliess mir 



— 184 — 

ans Menschlichkeitsrücksichten eine kleine Summe Geldes und so 
musste ich augenblicklich das Hans verlassen. 

Planlos irrte ich eine Zeit lang in der fremden Stadt umher. 
Die Angst vor Verfolgung trieb mich wieder zum Bahnhof und so 
floh ich mit dem nächsten Zug über die holländische Grenze, kam 
bis Amsterdam und irrte, der Sprache des Landes nicht mächtig, 
hilflos umher. Von jeder Verbindung mit der Welt losgerissen stand 
ich nun da und fing an zu überlegen. Die liebe znm Leben trieb 
mich weiter. Ich fing nun an, zu Fuss durch endlose Schnee be- 
deckte Felder und Wiesen, über zugefrorene Kanäle, von Ort zu 
Ort zu wandern, mir durch stummes Betteln weiter helfend. In 

Gr , einer mittelgrossen, holländischen Stadt geriet ich, halb 

verhungert, von Allem entblösst, todesmüde in einen Gasthof, wo 
viele Deutsche verkehrten, hier vernahm ich die süssen Laute meiner 
Muttersprache wieder. Es schien ein Labsal von zweifelhafter 
Qualität zu sein, denn es stellte sich heraus, dass die Inhaberin und 
die weibliche Bedienung meist spät nachts .allerlei Gäste empfingen, 
mit denen bis zum hellen Morgen wüste Orgien gefeiert wurden, 
wobei die Wirtin mit ihren Helferinnen anscheinend gute Geschäfte 
machte. Ich hatte Gnade vor den Augen der fetten Inhaberin 
dieser Höhle gefunden. Sie schien Mitleid mit meiner Lage zu 
haben und da sie auch etwas deutsch sprach und ich ihr einen 
ganzen Roman von der Ursache meiner Anwesenheit vorgelogen 
hatte, so konnte ich vor der Hand dableiben als Hausbursche, Gläser- 
spüler u. s. w. Mir war alles egal, nur weiter leben, mochte 
kommen was wollte. Das Leben, wie es sich nun hier in der Folge 
vor meinen Augen abspielte, lieferte mir einen ungefähren Begriff, 
in welch' unsäglich niedriger Weise sich oft das normale Geschlechts- 
leben der Menschen abspielt. Beispielloser Ekel erfasste mich hier 
vor der Art, mit der hier die Menschen sich der „normalen" Liebe 
hingaben. Ich war der einzige männliche Bedienstete im Hause, 
und hatte bald heraus, dass meine würdige Herrin mehr von mir 
verlangte als blosse Dienste für das Haus und die Gäste. Ein 
fürchterlicher Schrecken packte mich bei dieser Erkenntnis. Mir 
schauderte vor dem Gedanken, längere Zeit hier unter diesen Men- 
schen weilen zu müssen. Aber ich hatte gar keine Ursache, mich 
zu beklagen, war ich doch selbst ein aus der Gesellschaft aller 
anständigen Menschen Ausgeschlossener. Wohin sollte ich auch in 
dieser fremden Welt, in der ich vollständig einsam stand. Ohne 
irgend welche Mittel konnte ich doch überhaupt nicht weiter kommen. 
Und als Landstreicher würde ich sehr bald in die Hände der Polizei 
geraten. Dann aber war es doch sicher um mich geschehen, denn 



— 185 — 

wenn jener menschenfreundliche Nachbar die Sache angezeil 
war sicher ein Steckbrief hinter mir; welche Aussichten eröfl 
sich da für mein Leben! — Und zum Sterben war ich zu 
Sterben, wenn man noch so jung* ist. War nicht di« Welt 1 
alledem schön? Ich fügte mich deshalb, so gut es ging in 
Lage, wich den zudringlichen Freundlichkeiten meiner Herrin \ 
schickt aus und war nur still und zähe darauf bedacht, etwas Mi 
in die Hand zu bekommen um möglichst bald fort zu kommen ' 
dieser Höhle, in deren Pesthauch ich zu ersticken fürchtete. Nl 
14 wöchentlichem Aufenthalt war ich denn auch wieder unterwel 
Ich hatte mir in dieser traurigen Zeit unter allerlei Entbehrung 
von meinem geringen Lohn, eine kleine Summe erübrigt mit 
ich hoffte irgend eine Küstenstadt zu erreichen. Dort wollte ü 
mich als Kohlenzieher oder sonst als dienstbarer Geist auf irgenl 
einem Schiff ohne weitere Barmittel nach Amerika hintiberarbeiteq 
Ich hatte diesen Plan in meinen einsamen, oft schlaflosen Nächtei 
sorgsam durchdacht. Ich hatte in Erfahrung gebracht, dass in 
Küstenstädten sogenannte „Heuerbaasse" ihr Wesen treiben, die ein! 
schwunghaftes Geschäft daraus machten, Aus wanderungslustigen | 
mit Hat und Tat an die Hand zu gehen in der Erlangung günstiger \ 
Überfahrtgelegenheit. Auch solche Leute, die in ähnlicher Lage, 
wie ich, sich befanden, „verheuerten" diese Leute auf irgend ein 
Schiff, damit sie so ohne grosse Baarmittel das ^gelobte Land," 
nach der Versicherung dieser Heuerbaasse, sicher erreichten. Dort 
in dem freien Lande, in der neuen Welt, wollte ich dann abermals 
ein neues Leben, ein „besseres" beginnen. Von Neuem hatte ich 
mir selber hoch und teuer zugeschworen, nunmehr meiner unseligen 
Leidenschaft zu entsagen. Zähneknirschend verfluchte ich meine 
erbärmliche Schwäche, die mich hatte zum Sklaven einer Neigung 
werden lassen, die alle Welt als verbrecherisch bezeichnete. Ich 
glaubte ihnen, wenn sie sagten, es sei ein Verbrechen, sich mit 
„so was" zeitlebens unglücklich zu machen. Hatte ich nicht den 
Frühling meines Lebens damit zerstört? — Sprach doch Jeder- 
mann mit Verachtung und Hohn von diesem abscheulichen Laster 
für das manche die Prügelstrafe empfahlen. Wie ungeheuer schlecht 
und erbärmlich kam ich mir vor. Nun aber sollte, nun musste das 
alles anders werden, wenn ich erst „drüben" sein würde. Dort, wo 
mich Niemand kannte, wollte ich versuchen auf andere Art vielleicht 
wieder glücklich zu werden wie tausend Andere. Mit gutem Ge- 
wissen darf ich sagen, ja ich habe es redlich versucht ein „Anderer" 
zu werden. Ich bin es nicht geworden. Bin bis heute der Alte 
geblieben. Gefängnis, Flüche, Tränen, Gebete, Schwüre, Hunger 



— 186 — 

und Entbehrungen, ja selbst die letzte, tiefste Erniedrigung, die 
einem Menschen widerfahren kann, körperliche Misshandlungen, die 
mir auf jener schrecklichen Ozeanfahrt nicht erspart geblieben sind, 
sie alle hatten nicht vermocht, die liebe zu meinem eigenen Ge- 
schlecht zu ertöten. Und ob alle diese unsäglichen Leiden, Geist 
und Seele in beispiellosem Maasse quälten und folterten, der ge- 
waltsam hin- und hergehetzte Körper, schier bis auf den Rest aus- 
gemergelt wurde, siegreich ist die Natur über dies alles hinweg- 
geschritten und verlangt nach wie vor, gebieterisch die Erfüllung 
ihrer Rechte. 

Ich will den Leser nun nicht mehr allzulange mit den Einzel- 
heiten meiner weiteren Erlebnisse ermüden. Die körperlichen und 
seelischen Qualen, die ich auf all' den Irrfahrten zu erdulden ge- 
habt, alle ausführlich zu schildern, fühle ich mich ausser Stande. 
Sie haben bei mir den Grundstein gelegt für eine stete nervöse 
Empfindlichkeit, unter der Körper und Seele fortgesetzt zu leiden 
haben. Namentlich war es der fürchterliche, wenn auch nur kurze 
Aufenthalt auf jenem Schiffe, auf welchem mich ein schuftiger 
Heuerbaas als Kohlenzieher verdingt hatte, der nach meiner Über- 
zeugung ein bis heute regelmässig wiederkehrendes Leiden (Rheuma- 
tismus) in meinem Körper zurückgelassen hat. Mein Vorhaben, nach 
Amerika auf diesem Schiffe zu kommen, war gescheitert. Ich war 
zu dumm und unerfahren für solche Finessen und musste die Reise 
unfreiwillig als Kohlenzieher wieder zurück machen. Kaum an 
deutschen Gestaden angelangt, entfloh ich, halb wahnsinnig von 
den unmenschlichen Strapazen und beispiellos roher Behandlung 
bei Nacht und Nebel, von dieser schwimmenden Hölle. Von einer 
zweiten solchen Reise nach Amerika war ich gründlich geheilt. 
Ich hätte dem denn doch den Tod vorgezogen. Ruhelos zog ich 
nun wieder durchs Land, von Ort zu Ort, was nun mit mir ge- 
schehen würde, war mir gleichgültig. Ich blieb jedoch während 
meiner ganzen Wanderzeit von der Polizei unbehelligt, ein Steck- 
brief gegen mich existierte wohl demnach nicht. Nachdem ich auf 
meinen Irrfahrten in unzähligen Städten und Ortschaften mich durch 
allerlei Beschäftigungen redlich arbeitend durchgeschlagen und meinen 
äusseren Menschen wieder in Ordnung hatte, konnte ich endlich 
wieder in meinem jetzigen Aufenthaltsort festen Fuss fassen. Jahre 
waren darüber hingegangen und meine Familie hatte bis dahin kein 
Lebenszeichen von mir erhalten. Wieder in meinem erlernten Ge- 
schäft tätig, erlangte ich nach und nach eine gewisse Sicherheit. 
Ich lebte still und zurückgezogen für mich hin, ging fast nie aus 
und beschäftigte mich in meinen vielen einsamen Stunden damit, 



^ k 



— 187 — 

alles zu lesen, was mir nur in die Hände fiel. Ich führte i 
meinen Büchern im stillen Stübchen ein beschauliches Dasein 
Aber nicht lange dauerte dieser Zustand. Wohl hatte ici 
vorgenommen, fürderhin die Geseilschaft der Menschen inögl\ 
zu meiden, namentlich war ich ängstlich bemüht, nicht mit jui\ 
Leuten meines Geschlechts zusammen zu kommen. Darin lag 
nun freilich die einfachste Bestätigung meines noch völlig un^ 
änderten Geschlechtszustandes. Aber statt durch fleißiges, rü^ 
sichtsloses Nachdenken zur endlichen Klarheit über meine 
schlechtliche Verfassung, zu kommen und in deren Konseque^ 
wenigstens einigermassen mein Leben einzurichten, vermied ich 
vielmehr nun ängstlich, an alle diese Dinge auch nur einen Augen 
blick zu denken. Ich glaubte durch die eiserne Standhaftigkeit! 
mit der ich das Denken und die Gelegenheit von mir fern hielt,\ 
das beste Schutzmittel gewonnen zu haben, durch das ich von\ 
fernerem Unglück bewahrt blieb. So verbiss ich mich in einem 
fortwährenden Abwehrkampf gegen meine Leidenschaft. Ich hatte 
mich noch nicht soweit zur geistigen Freiheit durchgerungen, dass 
ich mich hätte von der üblichen Meinung der grossen Masse 
emanzipieren können. Ich fühlte mich abhängig von ihr und hielt 
in Wahrheit meine Neigung für verbrecherisch, so dass ich glaubte, 
sie mit diesen Mitteln erfolgreich bekämpfen zu können. Die 
äusseren Umstände schienen mir günstig in meinem Vorhaben. Ich 
kam durch einen Kollegen, der mich einst zur Kirmess in sein 
Heimatsdorf lud, mit dessen Familie in nähere Berührung. Das 
kleine Dörfchen lag in reizender, romantischer Umgebung an der 
Weser hingestreut, war von der Stadt, wo ich wohnte, nicht allzu- 
weit entfernt und mit der Bahn allsonntäglich bequem zu erreichen. 
Als schwärmerischen Naturfreund zog es mich mächtig hin zu 
diesem kleinen idyllischen Nestchen. Ich fing an, regelmässig 
dies Dörfchen aufzusuchen und lernte nun hier in der Famüie 
meines Kollegen, dessen Schwester kennen. Sie führte, da die 
Mutter unlängst gestorben war, dem Vater den Haushalt. Die 
Familie . war gross. 3 erwachsene Geschwister arbeiteten in der 
Umgegend und 3 unerwachsene hatte sie im Hause zu überwachen. 
So lernte ich dies echte Naturkind kennen, wie es treu und um- 
sichtig waltete in dem kleinen Anwesen; es war ihrem Vater und 
den zahlreichen Geschwistern eine sorgsame Hausfrau und liebe- 
volle Pflegerin. Eine ungemein frische, sympathische Erscheinung, 
gefiel sie mir mit der Zeit immer mehr. Ich genoss bald das Ver- 
trauen der Familie und ging darin ein und aus. Es gefiel mir so 
unendlich wohl in diesem kleinen Ort, inmitten der herrlichen 



— 188 — 

Natur. Ich streifte in dem nahen Walde umher, lag stundenlang 
an dem Ufer der Weser, oder machte mir im Garten und Feld zu 
schaffen. Und wenn Sonntags nachmittags Vater und Brüder das 
Gasthaus im Dorfe aufsuchten, dann leistete ich der Schwerter 
meines Kollegen Gesellschaft, wenn sie einsam zu Haus die jüngeren 
Geschwister hütete. So lernte ich anch Wesen und Charakter dieses 
trefflichen Mädchens kennen, an denen ich schliesslich nur ange- 
nehmes finden konnte. Ich war nie im Leben ein fanatischer 
Weiberfeind und wusste Schönheit, Tugend und natürliche Anmut 
beim Weibe wohl zu schätzen. Hier aber fand ich alles in seltenein 
Masse vereinigt. In der Person dieses Mädchens schien mir 
plötzlich ein Fingerzeig gegeben, meinem ferneren Leben sitt- 
lichen Halt wiederzugeben. Ich hatte zur Zeit keinen männ- 
lichen Verkehr und war, seit ich diesen Ort entdeckt, ganz stadt- 
fremd geworden, arbeitete nur noch in der Stadt und lebte auf 
dem Lande. Hier in der Stille der Natur unter den Kindern der 
Natur hatte ich den langersehnten Frieden wiedergefunden. Ich 
wurde der Freund und Berater Mathildens, half Jihr getreulieh bei 
allen möglichen häuslichen Angelegenheiten. Bald war es im Dorfe 
ausgemachte Sache, dass ich Mathildens Mann werden würde, und 
ich tat nichts, um diese Meinung zu entkräften, im Gegenteil, nie 
schmeichelte meiner Eitelkeit und ich war fest überzeugt, Mathilde 
würde meine Hand nicht abweisen. Ich war stets artig und takt- 
voll in meinem Benehmen ihr gegenüber und hielt mich körperlieh 
in respektvoller Entfernung von ihr, was mir leider nicht schwer 
fiel. Ich genoss deshalb ihr unbegrenztes Vertrauen, wir waren 
wie Geschwister und ich war in die Angelegenheiten der Familie 
bald besser eingeweiht, als selbst ihre Geschwister. Ach, hätte sie 
mir nie dieses Vertrauen geschenkt, hätte sie mich abgewiesen, ihr und 
mir wäre wohler gewesen. Ich aber bildete mir ein, dieses Mäd- 
chen zu lieben, redete mir selbst beständig zu mit allen möglichen 
Phrasen vom häuslichen Herd und Geldeswert — belog mich selbst, 
indem ich vor meinen eigenen schüchternen Bedenken behauptete, 
dass diese Heirat der einzige Weg sei, um im Leben noch einmal 
glücklich zu werden. Was habe ich mir nicht alles vorgelogen, 
um endlich den vermeintlichen Frieden zu finden, nach dem ich 
mich so sehr sehnte. Ich Hess nun ein erstes Lebenszeichen an 
meine Familie daheim gelangen, indem ich einen langen de- und 
wehmütigen Brief an mein Mütterchen richtete. Sie war nur meine 
Stiefmutter, aber ich hatte ihr stets eine innige Liebe und Anhäng- 
lichkeit bewahrt. Ich gab in dem Brief einen ungefähren Überblick 
meiner Schicksale von jenem Tage an, da ich sie verlassen musste, bat 




— 189 



alle um Verzeihung, und wenn es ihnen möglich sei, mich 
als Mitglied der Familie anerkennen zu wollen; teilte 
nicht ohne einiges Selbstbewusstsein mit, dass ich mir jetzt\ 
achtbare Existenz begründet, und im Begriff stände, — mich 
verloben, und bat schliesslich um ihren Rat und um ihren müi 
liehen Segen. Nach kurzer Zeit erhielt ich Antwort von mein 
Bruder. Alles war hocherfreut von meinem Lebenszeichen 
namentlich von meinem Entschluss. Man gratulierte mir, wünscü 
mir Glück, alles sollte vergessen und vergeben sein, denn ich hät\ 
ja nun bewiesen, dass ich ein andrer geworden. Mein Bruder ga\ 
mir den Rat, ja nicht mehr länger mit der Heirat zu warten 
kündigte mir an, mich baldmöglichst aufzusuchen, um sich von 
meinem Glück zu überzeugen. „Du glaubst nicht, wie ich mich^ 
freue," so hiess es am Schluss seines Briefes, „dass wir Dich als \ 
einen Menschen wiedergefunden, der nun wieder als vollberechtigtes \ 
und nützliches Glied in die Gesellschaft aufgenommen werden \ 
kann. Dadurch, dass du dich der Liebe zu einem Weibe hin- 
gegeben, hast du deinen Beruf als Mann und Geschlechtswesen 
der Gesellschaft gegenüber erfüllt, und hast ein Recht, wieder 
unter Menschen zu erscheinen." (!!!) Wenn ich ehrüch sein will, 
so kann ich nicht sagen, dass dieser Brief meines Bruders in 
meinem Herzen einen völlig harmonischen Wiederhall gefunden 
hätte. Es lag in ihm etwas, was ich nicht recht definieren konnte. 
Nur soviel wusste ich, damals, als ich Willy und nachher Adolf 
liebte, war ich doch auch gewissermassen ein Mensch gewesen. Aber 
immerhin, der Brief freute mich sehr und beseitigte meine letzten 
Bedenken. Ich verlobte mich. Und als ich bald darauf im näheren 
Umgang mit meiner Braut ein leidenschaftüches, heissbegehrendes 
Weib vorfand, dessen jungfräuüche Liebesglut mir den normalen 
Koitus leicht machte, da freute ich mich ganz unbändig und war 
nicht wenig stolz auf meine Manneskraft. Um endlich zum Schluss 
dieser Bekenntnisse zu gelangen: Mathilde ist mein Weib ge- 
worden, und so lange wir nun nebeneinander durchs Leben 
wandeln, bin ich ihr nicht einen Augenblick treu geblieben. Das 
bischen Reiz war bald entschwunden. Er war bewusst und plan- 
mässig herbeigezogen und künstlich genährt, war eine Art Onanie, 
war nicht die Liebe, das grosse, heilige Feuer, das aus den dunklen 
Tiefen der Menschenseele emporlodert, mächtig und unmittelbar, 
mit leuchtenden Flammen das geliebte Wesen gleichsam verklärt 
und mit heissem Odem erwärmt. Ein elender Abklatsch, ein 
Popanz war es, der sich heuchlerisch Liebe nennt und im Grund 
nur Eigenliebe ist, die für ihren feigen Schwindel eine legitime 



— 190 — 

Unterlage benötigt. ja, ich leugne es nicht, ich war feige, un- 
endlich feige, dass ich der lügnerischen Ehrenretterei das Glück 
meines Lebens zum Opfer brachte und sohlecht dazu, dass ich ein 
rechtschaffenes, braves Menschenkind damit an mein Dasein kettete 
und auch ihm die Blüten seines Lebenslenzes stahl. 

Allzu langsam ist mir der Schleier von den Augen getrunken 
und als ich endlich nun mein eigenes Selbst im Lichte der Er- 
kenntnis sah, da war es leider zu spät Neue Fesseln habe ich mir 
durch diesen unseligen Schritt auferlegt, ein Zurück gibt es 
nun nicht mehr und vorwärts? — wo wollt ich denn da hin? Da 
müsste ich ja erst ein „Anderer" werden. Wer ratet mir? Soll ich 
meinem armen Weibe, das mir rechtschaffen und treu bis jetzt ge- 
dient, „reinen" Wein einschenken? Die sorgsame Hausfrau und 
die zärtliche Mutter meiner Kinder hinaus stossen in die Welt, in- 
dem ich das Band gewaltsam durchschneide, das uns vor den 
Augen der Welt bindet. Solche gigantische Kraftleistung mag man 
von mir nicht eher verlangen bis man mir sagen kann, was damit 
für uns Beide, für unsere Kinder gewonnen. Unsere Kinder, jawohl, 
zwei herzige kleine Wesen sind diesem Scheinbunde entprossen. 
Jeder Homosexuelle, der los und ledig ist, mag sich wundern, wie 
ein Homosexueller dazu kommen kann. Aber Jeder, der in ähnlicher 
Lage sich befunden, wird nichts Verwunderliches darin finden. Ich 
liebe meine Kinder, die beide aus den ersten 2 Jahren meiner Ehe 
stammen und umgebe sie mit aller Sorgfalt, die in meinen Kräften 
steht; sorge für mein Weib nach bestem Können. Und doch muss 
ich sie ständig betrügen. Überall gelte ich als der beste Gatte und 
Vater meiner Familie. Und beständig breche ich die Ehe. Habe 
ich das Glück, einen jungen, starken, edlen Freund zu treffen, dann 
kennt meine Freude keine Grenzen. All' mein Leid, 'all' die düstren 
Tage, die ich auf dem qualvollen Weg meines Lebens, an der Seite 
eines hochgeachteten, aber ungeliebten Weibes durchwandern muss, 
sie sind vergessen. Vergessen ist meine Gefangenschaft, in der ich 
mein Dasein vertrauern muss im Kreise meiner „Familie", vergessen 
alle Gesetze der moralischen Gesellschaft. Ich schreite unaufhaltsam 
weiter auf der Bahn des — „Verbrechens". Denn ich kann ja nicht 
anders das Glück wirklicher Liebe finden als im „Verbrechen". Wo 
ich hinblicke nichts als Sünde, und wollte ich diesem unsäglichen 
Zustand ein ewiges Ziel setzen, dann erst wird mir der Fluch, Ver- 
brecher, noch übers Grab geschleudert werden. Was also kann 
ich tun? Ich werde weiter zu leben versuchen, um weiter zu sündigen. 

Die Liebe ist so gross, so erhaben, so edel, sie vermag alles 
und sie gibt auch mir immer wieder von neuem die Kraft des 




Lebens wieder. Ja der Eindruck, den die licht- und kraft\ 
Gestalt eines edlen Jüngling auf mich hervorzubringen verj 
lockt sogar noch hier und da ein paar einfache und schlichte 1 
von meiner längst verrosteten Leier. \ 

So erst vor Kurzem als ich auf einem Abendessen einen junj 
Handwerker kennen lernte: Ein schöner Jüngling mit seltei 
Geistesgaben, wie er mir ähnlich immer im Geiste vorschweb 
Er zeigte sogleich am Abend unserer Bekanntschaft tieferes V^ 
ständnis als alle Anderen für meine bescheidenen Darbietunge 
durch die ich zur Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen sucht, 
Wir kamen in ein kleines Gespräch und ich war überrascht unl 
erstaunt über die Tiefe seiner Begriffe über Ästhetik und Kuns 
sowie über die Kraft seiner Lebensanschauung. Ich war sofort voi 
diesem starken Charakter gefangen. Selbst Arbeiter, war ich freudig 
bewegt, auch unter meines Gleichen, einen so fein empfindenden 
und edel denkenden jungen Mann entdeckt zu haben. Ich suchte 1 
näheren Verkehr, besuchte ihn in seiner Wohnung, wo ich ihn stets 
lesend oder malend, auch musizierend — er spielte gut die Klari- 
nette — antraf. Ich war entzückt und verliebte mich unsterblich 
in dieses herrliche Wesen. Eine neue Sonne schien über mein 
düsteres Dasein aufgegangen. Ich hatte nur noch Gedanken, Sinne, 
Interesse, Zeit, für ihn. Mein armes Weib, die von dieser neuen 
Liebe, mit der ich sie betrog, natürlich keine Ahnung hatte, konnte 
garnicht begreifen, was in mich gefahren war. Ich vernachlässigte 
alle meine sonstigen Obliegenheiten. Ich suchte ihm erst zu ver- 
heimlichen, dass ich verheiratet sei, bald jedoch fügten es die Um- 
stände, dass ich ihm die Wahrheit sagen musste. Lächelnd meinte 
er, es täte ihm leid, dass er das nun wüsste. Denn nun könne er 
doch meine Zeit, mein Interesse für ihn nur in halben Portionen in 
Anspruch nehmen, die grössere Hälfte gehöre meiner Familie. Und 
als ich ihm eifrig erwiderte, das käme garnicht in Betracht, da 
schaute er mich lange an und warf die Worte still und leicht hin 
„Hättest dich nicht verheiraten sollen" — ich war fassungslos, 
durchschaute er mich, hatte er in meiner Seele zu lesen verstanden? 
Hier, fühlte ich, war ich der Schwächere, aber gerade deswegen 
liebte ich ihn umsomehr. Lange haben wir an jenem Abend noch 
zusammen gesessen und langsam aber sicher bin ich in seine Seele 
eingedrungen. Und als ich bald darauf das erste Zeichen der Liebe, 
den Kuss von ihm begehrte, lehnte er zuerst ruhig und bestimmt 
ab, und ich hatte zu viel Achtung und Respedkt vor seiner Person, 
als dass ich hätte weiter in ihn dringen wollen. Später hat er mir 
dies Zeichen gern und freudig gewährt. Fester und immer fester 



— 192 — 

schlössen wir uns dann zusammen. In ungetrübter Harmonie gingen 
unsre Seelen in einander auf. Als Geschleehtswesen normal, hat 
er mir doch in hingebender Freundschaft das höchste Glück der 
Liebe gewährt. Er fühlte sich nicht dadurch mit Schmach und 
Schande bedeckt. Er war frei und unabhängig genug im Geiste, 
meine Empfindungen, meinen Zustand zu begreifen. Und konnte 
er auch meine leidenschaftliche Liebe nicht mit derselben Glut er- 
widern, so war er doch sichtlich bemüht, durch verdoppelte treue 
Anhänglichkeit, durch wahrhaft hochherzige Freundschaft und Teil- 
nahme für meine traurige Lage, diesen Mangel wett zu machen. 
Leider währte mein Glück nicht lange. Durch mein Verhältnis mit 
ihm drohte mir ein ernster Konflikt mit meiner Familie. Ich ver- 
wendete natürlich meine freie Zeit nur für ihn. Seine Person be- 
herrschte nur noch allein meinen Ideenkreis. Ich überliess Frau und 
Kinder sich selbst, sorgte nur materiell für sie, und war im übrigen 
stets bei meinem Ludwig anzutreffen. Er selbst hat mich im Kreise 
meiner Familie nur ein einziges Mal besucht. Er hatte, feinfühlend 
wie er war, die Situation bald begriffen und achtete darin gewiss 
nur die Meinen. So war ich denn stets bei ihm. Wir musizierten, 
lasen, studierten und philosophierten miteinander. Die Sache 
wurde zu auffällig und Ludwig bat mich, meine Besuche einzu- 
schränken. Dazu war ich natürlich nur in ganz geringem Masse 
im Stande. Meine Frau musste mich öfter aus seiner Wohnung 
abholen lassen. Kurzum, es gab ernsthafte Auseinandersetzungen 
zwischen mir und meiner Frau. Dies alles merkte Ludwig, und 
eines Tages überraschte er mich mit der Mitteilung, dass er die 
Stadt verlassen wolle. Seine Eltern hatten geschrieben, er solle 
in die Heimat zurückkehren. Ich war wie vom Schlage gerührt, 
mich von diesem Menschen trennen, das war ja rein unmöglich. 
Mein erster Gedanke war — ich scheue mich nicht, ihn hier nieder- 
zuschreiben — ich wollte ihn begleiten und sprach diese Absicht 
sofort aus. Kuhig und bestimmt verbot er mirs und brachte mich 
durch sein liebevolles Zureden wieder zur Vernunft zurück. Nur 
seiner ruhigen, festen Besonnenheit habe ich es zu danken, dass 
es keine Katastrophe gab. Er versicherte mir zuletzt, dass er mir 
dann seine Freundschaft und Achtung versagen müsse, wenn ich 
ihm folgen wollte. Das half, und still ergab ich mich in diese 
Trennung. 14 Tage noch war es mir vergönnt, ihn zu sehen. Ich 
half ihm bei seinen Vorbereitungen zu der weiten Reise. Ludwig 
hatte m Jütland seine Heimat. Er war mit 17 Jahren in die Fremde 
gegangen, hatte Dänemark, Deutschland und die Schweiz schon be- 
reist und hatte sich auf seinen Reisen, die er meistens zu Fuß ge- 



— 193 — 

macht, 2 fremde Sprachen angeeignet (Deutsch und Französin 
die er beide geläufig sprach; für einen mittellosen Handwer, 
gesellen eine zweifellos ausserordentliche Leistung. Dabei sta 
er erst im 22. Lebensjahre. Und von diesem herrlichen Jüngling sol\ 
ich mich trennen. Ich konnte mich mit dem Gedanken garnio 
vertraut machen. Aber was half es. Nach 5 monatlichem sonnel 
vollen Glücke ist nun wieder die düstere Öde meines Dasein 
über mich zusammengebrochen. Niemals im Leben ist es mir i 
vergönnt gewesen, einen edleren Menschen an mein Herz drtickel 
zu dürfen, als diesen dänischen Jüngling. Nie ist mir eine Scheide! 
stunde qualvoller erschienen, als die des Abschiedes von ihm] 
Immer und immer wieder musste ich diesen Kopf an mich pressen,! 
immer wieder in diese dunklen, tiefen Augen blicken. \ 

Wenn je einem Homosexuellen seine Gefühle zum Fluch \ 
seines ganzen Lebens geworden sind, so bin ich es. Und 
wenn je Anstrengungen gemacht wurden, um diese Empfindungen 
loszuwerden, ihnen eine andere „normale" Richtung zu geben, so 
habe ich es getan. Und doch musste ich bei meinem Ver- 
hältnis zu Ludwig erkennen, dass mein Geschlechtszustand heute 
homosexueller denn je ist. Der Zustand, in dem ich mich ge- 
rade ihm gegenüber befand, mag die Art und Weise dartun, 
mit der ich von ihm Abschied nahm. Wir hatten den ganzen 
Abend vor seiner Abreise auf seiner Stube zusammen verbracht, 
und ich hatte schliesslich weinend unter unzähligen Umarmungen 
mich von ihm losgerissen. Ruhelos lief ich durch die Strassen und 
konnte es nicht fertig bringen, nach Hause zu gehen. Ich kehrte 
schliesslich zurück, um meinen Freund noch einmal zu sehen. Er 
war bereits zur Ruhe gegangen. Dumpf vor mich hinbrütend, 
setzte ich mich auf den Flur vor seiner Tür hin und schlief, den 
Kopf an die Tür gelehnt, schliesslich ein. So wurde ich mitten in 
der Nacht von ihm aufgefunden. Liebevoll bereitete er mir eine 
Stätte neben sich. So habo ich dann die letzten Stunden dieser 
letzten Nacht an seiner Brust zugebracht. Noch in der letzten 
Minute unseres Beisammenseins klagte ich mich an über mein un- 
vernünftiges Verhalten. Er tröstete mich und versicherte mich seiner 
treuen Freundschaft, auch in der Ferne. So ward auch dieser mir 
entrissen. Einsam und trauernd lebe ich nun wieder ftir mich hin 
und denke daran, welche Leiden mir wohl noch im Schoosse der 
Zukunft zugedacht sind. 

Erlöst uns, nehmt uns die Fesseln ab: der Kultur wird es nicht 
zum Schaden, der Menschheit aber wird es zur Ehre gereichen. 



Jahrbuch V. 



13 



Einige psychologisch dunkle Fälle 

von geschlechtlichen Verirrungen in der Irrenanstalt 

von 
Medizinalrat Dr. P. Nicke 

in Hubertusburg. 



Es ist eine bekannte Tatsache, dass sexuelle Perversi- 
täten aller Art im Irrenhause häufiger als sonst sich 
finden. Statistische Untersuchungen hierüber in streng 
wissenschaftlicher Weise giebt es aber leider nur ganz 
wenige. Ausser meiner hieher gehörigen grossen Arbeit 1 ) 
kenne ich nur eine solche von Meilhon 2 ) aus der Irren- 
anstalt zu Aix und eine Notiz von Pelanda 3 ), die zu 
Verona betreffend. Während Meilhon unter 83 Geistes- 
kranken 18 Sodomiter, 16 Onanisten und 8 Exhibitio- 
nisten fand, notierte Pelanda unter 240 Männern 12 mit 
„veränderter" Sexualität (ohne nähere Angabe). Ich 
habe dagegen das bisher grösste Material verarbeitet, 
nämlich 1481 Geisteskranke (darunter 509 M.) der Irren- 
anstalt zu Hubertusbiirg. Berücksichtigt habe ich hierbei 
die isolierte und mutuelle Onanie, den Exhibitionismus, 



*) Näcke: Die sexuellen Perversitäten ,in der Irrenanstalt. 
Psychiatrische en Neurologische Bladen 1899, Nr. 2, und in „Wiener 
klinische Rundschau" 1899, No. 27—30. 

2 ) Meilhon: Nach Referat in: Archives d'anthropol. crim, etc. 
1898, p. 360. 

3 ) Pelanda: Ernie ed anomalte sessuali. Archivio delle 
psicopatie sessuali, 1896. 



— 195 — 

die aktive Päderastie und endlich die Fellatores und 
Schmierer. Tabellarisch wurden die einzelnen Prozeß 
sätze für die Gesamtheit und für die einzelnen Kran 
heitsformen berechnet. Speciell betone ich hierbei, da 
je nach den einzelnen Anstalten diese Prozentsätze vel 
schieden ausfallen werden, da ausser vielen ander 
Momenten insbesondere die Anzahl der aufgenommene! 
Krankheitskategorien eben überall sehr schwankt und ei 
ferner hierbei sehr wesentlich erscheint, ob die Kranker 
mehr vom Lande, oder aus der Stadt, oder gar der\ 
Grossstadt sich rekrutieren. Unsere Ermittelungen können \ 
daher nur einige allgemeine Züge . mehr oder minder 
wahrscheinlich machen. 

An unserem Material stellte ich fest, dass alle 
Perversitäten bei Männern häufiger waren, als bei den 
Frauen. Leider musste aber sogleich hinzugesetzt werden, 
dass es bei Weibern viel schwieriger ist Näheres zu 
erfahren, als bei Männern, so dass sämtliche Prozentsätze 
bei ihnen noch viel mehr Minima darstellen, als bei 
Jenen. Onanie fand sich am häufigsten vor — wiederum 
scheinbar mehr bei Männern — , Exhibitionismus dagegen 
nur selten (blos bei 3 Männern!), bei den Frauen doppelt 
so häufig, während öfter homosexuelle Handlungen statt 
fanden, die bei den Paralytikern ganz fehlten. Unter 
den gleichgeschlechtlichen Handlungen war die gegen- 
seitige Onanie am häufigsten (sicher oder sehr wahr- 
scheinlich bei ca. 3% der M. und bei ca. 0,5% der W.) 
Fellatores gab es nur 2 (M). Wirkliche Päderastie 
endlich fand sich bei l°/ der M. vor, viel häufiger als 
bei Frauen und bei beiden Geschlechtern wieder in erster 
Linie bei den Imbezillen. Letztere und die Idioten 
weisen überhaupt die Höchstziffer aller Perversitäten auf. 
Daher kommt es hauptsächlich, dass je mehr diese Art 
von Kranken und auch Epileptiker in einer Anstalt sich 
ansammeln, um so mehr die Zahl aller sexuellen Ver- 

13* 



— 196 — 

irrungen zunimmt. Leider waren unter niciuen Kranken 
nur sehr wenige Epileptiker vorhanden und gerade hier 
wäre eine diesbezügliche Untersuchung an grossem 
Materiale deshalb sehr erwünscht. 

Unter unseren 509 Männern wurden 5 Personen bei 
eigentlicher Pädicatio betroffen (== 1° ) und zwar 4 
Idioten und 1 Paranoiker. Rein passiv verhielten sich 
hierbei 2 Idioten, aktiv und passiv zugleich die 2audern. Alle 
vier onanierten zugleich, zum Teil auch mutuell. Der Eine 
(ein älterer Mann) ist auch Fellator. Die Passiven sind mehr 
apathische Naturen. Der Päderastie sehr verdächtig war 
ein Verrückter, — daher oben mitgezählt — , der, wenn er 
erregt war, in das Bett Anderer kroch. Unter den 972 
Frauen exhibitionierten 16 (der einfachen Seelenstörung 
angehörig); der gegenseitigen Onanie sehr verdächtig waren 
4 andere, 2 weitere endlich der aktiven Päderastie. Cunni- 
lingae fehlten ganz. Erwähnen will ich schließlisch, daß fast 
stets bei allen unsern männlichen und weiblichen Kranken 
Onanie die Vorstufe zu deu übrigen sexuellen Abweich- 
ungen bildete, ohne daß damit aber irgend ein Zusammen- 
hang zwischen Beiden statuiert sein soll (siehe später!). 

Diese obigen Zahlen habe ich nur mitgeteilt, um 
zu zeigen, daß alle sexuellen abnormen Praktiken 
im Irrenhause doch meist viel seltener sind ? 
als der Laie, ja sogar viele Aerzte sich dies 
vorstellen. Wegen aller weiteren Details muß ich schon 
auf meine angeführte Arbeit verweisen, die außerdem 
auch versucht gewisse Aktedem Verständnisse psychologisch 
näher zu bringen. 

Jedenfalls ersieht man aus Vorstehendem, daß homo- 
sexuelle Akte nicht häufig waren, am seltensten 
die eigentlichen Päderasten und Fellatores, dass weiter 
die Schwach- und Blödsinnigen auch hier den 
höchsten Prozentsatz zeigten. Es erhebt sich nun 
hier vorab die Frage, ob wir in diesen Fällen echte 



— 197 — 

Inversion vor uns haben oder nicht. In allen Fällen, gla^ 
ich, müssen wir eine wirkliche Homosexualität ablehn; 
trotzdem nähere anamnestische Daten vollständig fehl! 
Es handelt sich hier nur um homosexuelle Handlungen, faij 
de mieux, um Surrogatshandlungen, wie ich dies nannte! 
Die Verführung meist durch Schwachsinnige, spielt dl 
Hauptrolle dabei. Das Gros der Irren allerdings hl 
friedigt den Geschlechtstrieb nur durch Onanie, die hie\ 
gleichfalls, besonders bei Verheirateten, meist nur al^ 
Surrogat auftritt. Immerhin mag sie öfter auch central 
bedingt sein, durch stärkeren centralen Reiz auf diej 
Genitalsphäre, wofür namentlich die bisweilen frenetisch! 
ausgeübte Masturbation bei tief Verblödeten oder ganz! 
Benommenen spricht, was in anderen Fällen viel weniger i 
wahrscheinlich ist. Schon daß unsere Päderasten neben \ 
der paedicatio noch alle isolierte und gegenseitige \ 
Onanie betreiben, z. T. auch gleichzeitig Fellatores sind, | 
spricht einigermassen gegen echte Inversion. Das Haupt- \ 
argument liegt aber in der Tatsache, daß die Betreffenden 
in der Zwischenzeit den Partnern gegenüber sich völlig 
kühl verhielten, sie nie umschmeichelten etc., bis auf 
Aborten, in dunkeln Ecken, in Gegenwart apathischer 
Schwachsinniger oder sekundär Dementer etc. der 
raptus sie überkam und sie die Andern mißbrauchten. 
Wären ihnen Frauen zur Wahl belassen worden, so 
hätten sie sich wohl sicher auf sie gestürzt. Auch sonst 
sprach bei ihnen alles gegen echte Homosexualität und 
nie zeigte sich effeminierter Typus. Eher könnte schon 
bei den Frauen von Inversion die Rede sein. 

Mag dem nun aber sein, wie ihm wolle, so glaube ich 
aus meinen Erfahrungen schließen zu dürfen, daß in den 
unteren Volkschichten — aus solchen rekrutiert sich 



') Näcke: Einige Probleme auf dem Gebiete der Homo- 
sexualität. Lähr's Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie u. s. s. 
1902. 59. Bd. 



— 198 — 

vorwiegend unser Material — wahre Homosexualität 
ganz abnorm selten ist. Aehnliches wird sich im 
ganzen wohl auch bei anderen Irrenanstalten herausstellen. 
Sehr beachtlich ist aber weiter die Tatsache, daß unter 
einer so grossen Masse von Entarteten — wenn 
man nicht gar, wie manche wollen, alle Geisteskranken 
überhaupt dazu rechnen will — wahrscheinlich kein 
einziger echter Invertierter sich befand, trotzdem 
die Inversion gerade bei Entarteten so häufig sein soll. 
Jedenfalls ist sie bei den schwer Entarteten, 
wie man die meisten unserer Kranken wohl bezeichnen 
kann, sehr selten. Somit bleibt nur die andere Mög- 
lichkeit übrig, daß sie nämlich bei leichter Entarteten 
aller Art auftritt, oder gar vielleicht bei völlig Normalen 
(in der gewöhnlichen Gesundheitsbreite sich bewegenden). 
Letzteres halte ich sehr wohl für möglich, ja sogar für 
gar nicht so selten, wie ich dies in meiner 2. zitierten 
Arbeit des näheren auseinander setzte. Endlich möchte 
ich noch hervorheben, daß trotz der häufigen und jahre- 
lang geübten Onanie, welche besonders bei Imbezillen, 
Jugendlichen oder sekundär Verblödeten nicht selten 
beobachtet wird, diese doch nicht in einem einzigen Falle 
zu Inversion oder nur zu homosexuellen Handlungen 
geführt hatte, die sich vielmehr meist als Produkt der 
Verführung darstellten, und als Surrogathandlungen auf- 
traten. Schon daraus ersieht man, daß Onanie an sich 
kaum je Homosexualität erzeugt. 

Hier will ich nun einige psychologisch dunkle und 
interessante Fälle sexueller Abnormitäten besprechen, 
die ich in der letzten Zeit in hiesiger Anstalt zu beob- 
achten Gelegenheit hatte. Es handelt sich um 3 Fälle 
von homosexuellen Handlungen und 5 Fällen von Exhi- 
bitionismus. 

1) E., 67 Jahre, Händler, ledig. Seit 3—4 Jahren 
erkrankt, halberregt, verschwenderisch, Spieler. Senile De- 



— 199 — 

\ 

menz mit Erregtheit. Kam hier noch hypomanisch an, \ 
ruhigte sich aber relativ bald und ist jetzt ruhig, fleißig al 
schwatzhaft. In seinem hypomanischen Zustande stecl 
er viel mit Idioten und Jugendlichen zusammen, w^ 
wiederholt bei gegenseitiger Onanie betroffen und auci 
wie er am Penis eines jungen Katatonikers' saugte, wj 
er aber, sogar in flagranti ertappt, leugnete. Durch d^ 
Pfleger auseinander gebracht, ging er immer wieder wi 
besessen auf seinen Kumpanen los. Nie aber ward e 
bei der Päderastie betroffen. Seit seiner Beruhigung ha^ 
er sich nichts mehr zu schulden kommen lassen. \ 

Da in der Anamnese nichts auf Inversion bezügliches! 
sich vorfindet, Pät. auch jede homosexuelle Neigung stricte! 
leugnet, so ist er wohl sicher kaum eigentlicher Homo- \ 
sexueller. Es ist anzunehmen, daß er in seiner hypo- \ 
manischen Unruhe von Anderen zu homosexuellen Hand- 
lungen verleitet ward und Geschmack daran fand. Er 
gab der Versuchung um so eher nach, als einerseits durch 
sein Senium gewisse Hemmungen gelockert waren, anderer- 
seits durch die Erregtheit vielleicht die libido sexualis ge- 
steigert wurde, und endlich günstige Gelegenheit sich 
anbot. Nach Abklingen der Hypomanie hat er alles bei- 
seite gesetzt und damit eben gezeigt, daß er kein Homo- 
sexueller ist. 

2) S., ca. 27 — 28 Jahre alt, Musiker. Dementia 
präcox; total verwirrt und scheinbar verblödet, zeitweis 
gewalttätig unter dem Ansturm von Sinnestäuschungen 
und Wahnideen. Im Mai und Juni dieses Jahres ward 
wiederholt gesehen, wie er sich auf den Bauch eines 
sekundär verblödeten jungen Mannes, der sich in einer 
dunklen Ecke auf die Diele ausgestreckt hatte, der 
Länge lang legte und ihn längere Zeit so fest mit 
den Armen umklammert hielt, daß er einmal nur 
mit grosser Gewalt von dem Andern losgerissen 
werden konnte. Dabei waren weder seine noch des 



— 200 — 

Anderen Genitalien entblößt und jede koitusartige Be- ! 

wegung fehlte. Die beiden glichen Fröschen in der Co- j 

pulation. S. erschien dabei aber durchaus nicht geschlecht- , 

lieh erregt. Zu anderen Zeiten exhibitionierte er vor | 

Frauen und riss Zoten. I 

Bei seinem total verwirrten Zustande fehlt uns jede 
Angabe über dieses auffällige Benehmen. Nur während 
zweier Monate zeigte er diese merkwürdige Art der 
Beschlafung. Sexuelle Erregung schien abgängig zu sein. 
Er empfand sonst durchaus heterosexuell, wie seine 
Exhibition vor Frauen bewies. Er ist also kein Inver- 
tierter. Nie hat er seinen Partner sonst aufgesucht und 
sich ihm freundschaftlich genähert. Wahnideen und 
Sinnestäuschungen können nicht wohl mit im Spiele ge- 
wesen sein, eher schon Zwangsimpulse. Vielleicht war 
es aber nur ein rein automatischer Akt, der jedoch 
möglicherweise nicht ganz eines sexuellen Hintergrundes, 
wenn auch unbewusst, entbehrte. Denkbar wäre es end- 
lich, daß hierbei Erinnerungen an normalem Coitus mit 
unterliefen. Jedenfalls ist gerade dieser Fall psychologisch 
ganz dunkel, aber interessant und lehrreich. 

3) O., tiefster Idiot und taubstumm, Ende der 
zwanziger Jahre. Stösst nur unartikulierte Töne aus. 
Ich ertappte ihn kürzlich, als er einen anderen Idioten 
beim Kopfe festhielt, ihn wiederholt auf den Mund 
— doch ohne sichtliche Zeichen geschlechtlicher Er- 
regung — küsste und ihn am Ohre streichelte. Der Kuss 
ward erwidert. Nach Aussage des Oberpflegers soll 
dieser O. sehr verschiedene Kranke in ähnlicher Weise 
liebkosen, wobei aber nie Onanie bemerkt ward. 

Ist hier etwa Inversion im Keime vorhanden? Ich 
glaube es kaum, da eben Zeichen des Orgasmus fehlten 
und die verschiedensten Personen so traktiert wurden. 
Ich möchte vielmehr glauben, daß es hier nur eine Be- 
tätigung von Anhänglichkeit und Gutmütigkeit war, ohne 



201 



sexuellen Anstrich. In meiner erwähnten 2. Arbeit macl 
ich darauf aufmerksam, daß bisweilen — immerhin se 
selten — bei Irren Freundschaftsbündnisse sich heran 
bilden. Diese sind entweder völlig harmlos oder aber d^ 
homosexuellen Handlungen sehr verdächtig. Letzteres 
anscheinend das häufigere — war bei uns nur bei Idiotel 
oder Verrückten der Fall, wobei der eine der aktiv^ 
Teil ist. Aber auch bei ganz harmlosen Verhältnisse! 
sieht man, wie es vorwiegend der eine ist, der denl 
andern liebkost, unterstützt etc. Obigen Fall möchte ich \ 
nun zu dieser harmlosen Kategorie zählen, abgesehen 
davon, daß hier kein eigentliches Freundschaftsbündnis 
bestand. Es giebt nicht selten gerade Idioten, die ihre 
Liebe zu Eltern, Geschwistern, Pflegern etc. durch Küssen, 
Streicheln u. s. f. rudimentär bezeugen, und dies dann 
in andern Verhältnisse auf andere Personen übertragen, 
und zwar unterschiedslos männlichen oder weiblichen 
gegenüber, und ohne Zeichen von libido. 

Die folgenden Fälle betreffen Exhibitionisten. 

4) PI., Paralytiker, 42 Jahre alt, ganz dement und 
meist ruhig. Als er noch leidlich bei Kräften war, lief 
er einmal 2 Tage lang — sonst nie wieder! — auf dem 
Korridore mit heraushängendem Gliede meist in 
dunkeln Ecken stehend und ganz benommen. Niemand 
sah ihn dabei onanieren, was er später, als er bettlägerig 
wurde, öfter tat. 

5) L., berühmter Pianist, Ende der Vierziger, ganz 
dementer Paralytiker, stand monatelang während des 
Gartengangs mit der ganzen Vorderseite des Körpers 
fest gegen die Hauswand gedrückt, mit entblößtem Gliede, 
ohne Masturbation, und ging so auch dann auf seine 
Station zurück. Ließ sich nie davon abbringen. 

6) Schi., 35 Jahr alt. Totale Verwirrtheit und Ver- 
blödung nach dementia praecox; lief sehr oft mit ent- 



_ 202 — 

blößtem Penis auf dem Korridore herum und ließ sich 
gleichfalls davon nicht abbringen. Im Garten wurde es 
nur einmal beobachtet. Er lebte ganz in seinem Sinnes- 
traum und in seiner Wahnwelt befangen. 

7) Seh., dem. praecox, Mitte der 20 er, ganz verwirrt 
und schon verblödet, entblößte wiederholt sein Glied und 
spielte daran herum. 

8) Gr., 29 Jahre alt, verblödet und verwirrt nach 
dem. praecox, trägt wegen steten Zerreißens seit Monaten 
den sog. (unzerreißbaren) Göttinger Anzug. Läßt aus 
dem Schlitz stets den Penis herabhängen und ist davon 
nicht abzubringen. 

Diese Entblößer haben zunächst das Gemeinsame, 
daß sie dem jüngeren und mittleren Alter angehören, aus 
Paralytikern und jugendlich früh Verblödeten bestehen und 
bis auf die sehr mobilen Nr. 7 und 8 ganz in sich ver- 
sunken, tief benommen waren. Homosexuelle Exhibition 
ist hier sicher auszuschließen, schon weil die Betreffenden 
keine Invertierten waren und nur zeitweise und oft bloß 
in dunkeln Ecken exhibitionierten. Siehe namentlich 
Nr. 5. Sexualerregung schien dabei bei Niemandem zu 
bestehen und nur bei Nr. 7 ward Spielen an den Genita- 
lien beobachtet. 

Was war nun der Grund zur Entblößung? Man 
könnte zunächst daran denken, daß dies der Abkühlung 
halber geschah, sei es nun, daß gewisse lokale Reiz- 
vorgänge an den Geschlechtsteilen bestanden, oder 
central bedingte brennende oder sonstige unangenehme 
Gefühle am Penis, die durch Aussetzen des Gliedes an 
der Luft Linderung ergaben. Lokale Reizzustände fehlten 
aber, ebenso wie die dadurch oft bedingte Masturbation 
und für die andere Erklärung liegt auch kein Beweis 
vor. Man könnte ferner auch an Druckwirkung des 
Göttinger Anzuges in Nr. 8 denken, doch muß man diese 
Erklärung hier fallen lassen, da bei den meisten Kranken 



— 203 — 

im „Göttinger" Exhibition nicht bemerkt wird. 1 
Falle 8 kam mir dagegen eine andere Erklärungsmö 
keit in den Sinn. Ich sah den Pat. nämlich einmal h 
seitliche Hüftbewegungen machen, wobei der lange . 
hin- und herpendelte. Vielleicht war ihm gerade 
pendelnde Gefühl angenehm. Bei unserm Kranken 
man ferner als etwaigen Grund Wahnideen, Zwa 
impulse oder Sinnestäuschungen wohl ziemlich si< 
ausschließen, ebenso einen central bedingten Reizzust 
der Geschlechtssphäre, da nie Zeichen von libido sich c 
boten, das Glied stets schlaff herabhing und nie masturbi 
wurde. Es bleibt also fast nur übrig an einen re 
automatischen Mechanismus zu denken, a 
Grund dunkler organischer Reizungen oder unbewußt 
Vorstellungen. — 

Auf alle Fälle ist in allen unsern mitgeteilten Bei 
spielen jede beabsichtigte Befriedigung der libido ausge 
schlössen, im Gegensatze zu der gewöhnlichen Exhibition, 
Auch in der Irrenanstalt sieht man letztere nicht selten 
vor dem andern Geschlecht eintreten und besonders 
Frauen entblößen sich gern vor Männern. Vor dem 
gleichen Geschlecht geschieht es aber, abgesehen von 
Invertierten, höchstens nur dann, wenn tiefe Verachtung 
dem Andern gegenüber kundgegeben werden soll, manch- 
mal auch der Abkühlung halber, oder aus Wahnideen, 
Sinnestäuschungen, Zwangsimpulsen bei mehr oder minder 
erhaltenem Bewußtsein. Tief Benommene endlich, ent- 
blößen sich auch, wie unsere obigen Fälle zeigen; sicher 
ist dies aber keine homosexuelle Exhibition. Ob diese 
überhaupt, wie Bräunschweig 1 ) behauptet, so häufig bei 
Homosexuellen stattfindet, möchte ich um So mehr be- 
zweifeln, als hierüber in der Literatur wohl nur wenig 
bekannt ist. 



J ) Braunschweig: Das 3. Geschlecht. Halle, Marhold. 1902. 



— 204 — 

Zum Schlu (Je möchte ich endlich auf eine Erklärung 
des gewöhnlichen Exhibitonismus aufmerksam machen, 
die ich für die meisten Fälle für richtig halte und 
es auch schon klar aussprach 1 ). Ich sehe nämlich in der 
Entblößung nur eine Abart des Sadismus. Der 
Exhibitionist weidet sich am Schreck, Unwillen oder an 
der Verlegenheit der Zuschauerinnen, was sexuell erregend 
auf ihn wirkt, zumal wenn jene junge Mädchen sind. 
Die andere Erklärung dagegen, daß der Exhibitionist sich 
geschlechtlich aufrege, weil er die libido im andern geweckt 
hätte, dürfte nur in den seltensten Fällen uud nur bei 
depravierten Mädchen oder Frauen zu beobachten sein. 
Eher könnte dies im Irrenhause stattfinden, wo durch die 
Psychose einerseits gewisse Hemmungen ganz oder teil- 
weise beseitigt sind, wodurch der Geschlechtstrieb freier 
sich zeigen kann, anderseits durch die Krankheit immer 
oder zu gewissen Zeiten die Geschlechtssphäre direkt 
gereizt wird, was in concreto freilich schwer zu beweisen 
sein dürfte. So beobachteten wir kürzlich einen älteren 
Paranoiker, der öfter dort exhibitionierte, wo die Bretter- 
wand des Frauengartens an die Stacketwand des Männer- 
gartens stiess und hier die Gelegenheit sich bot die 
Frauen, welche den dort in der Ecke belegenen Abort 
aufsuchten, zu sehen. Wiederholt drückte er hierbei 
seinen Penis durch das Stacket [hindurch und forderte 
eine ältere, total verwirrte Frau auf, denselben in die 
Hand zu nehmen, was diese dann auch unter Streicheln 
und Bewunderung des wohl geformten Organs tat! 
So kamen Beide in sexueller Hinsicht mehr oder weniger 
auf ihre Kosten. 

Hubertusburg, Nov. 1902. 



*) Siehe meine 2. angezogene Arbeit. 




Chirurgische Überraschungen \ 
auf dem Gebiete des Scheinzwittertumä 



Kasuistik von 134 Beobachtungen mit 54 Fällen- 

\ 

irrtümlicher Geschlechtsbestimmung \ 

\ 
\ 

größtenteils durch das Skalpell der Chirurgen erwiesen. \ 



(Mit zahlreichen Abbildungen im Text.) 



Mitgeteilt von 

Dr. med. Franz Neugebauer. 

Vorstand der gynäkologischen Abteilung des Evangelischen 
Hospitals in Warschau. 



Es sei mir gestattet in diesem Jahrgange des Jal 
buches der Frage des Scheinzwittertumes von einer re 
praktischen Seite näher zu treten. Es soll hier d 
Kasuistik, derjenigen Fälle synoptisch zusammengestel 
werden, wo der Chirurg in Beziehungen zu dem Pseudc 
hermaphroditismus trat. Der Leser wird überrascht seil 
von der großen Anzahl von Fällen, wo das Skalpell des 
Chirurgen eine „Erreur de sexe" feststellen durfte! 

Doch abgesehen davon gibt es eine große Reihe von 
Beobachtungen, wo bei richtiger Geschlechtsbestimmung 
der Chirurg Gelegenheit hatte aus der oder jener Ur- 
sache einzugreifen und zu höchst überraschenden und 
lehrreichen Resultaten gelangte. Die im folgenden zu- 
sammengestellten Beobachtungen entstammen der bisher 
von mir gesammelten Gesamtkasuistik von 910 Fällen 
von Scbeinzwittertum. Im Interesse der Leser des Jahr- 
buches werde ich, soweit dies wichtig erscheint, bei den 
einzelnen Beobachtungen auch dem psychosexuellem Em- 
pfinden der einzelnen Individuen Rechnung tragen, so- 
weit darüber Notizen vorliegen. Doch gehen wir gleich 
in medias res vor. Ich beginne mit einer Reihe von 
sogenannten Bruchoperationen bei männlichen Schein- 
zwittern, welche irrtümlich als Mädchen getauft und als 
solche erzogen worden waren, ja, einige dieser Individuen 
waren bereits als Frauen verheiratet. 



— 208 — 

Erste Gruppe. 

38 Bruch-Leistenschnitte bei als Mädchen erzogenen 
Individuen mit Feststellung von Hoden als Bruchinhalt 

Ich muss hier bemerken, daß die Bezeichnung Bruch- 
operation nicht für alle diese Fälle zutreffend ist, da in 
manchen Fällen operirt wurde ohne auch nur einen Bruch 
zu vermuten wie z. B. in einem Falle um eine angeblich 
vereiterte Drüse aus der Leistengegend zu entfernen 
— richtiger wäre es von Operationen mit Inguinoscrotal-, 
resp. Inguinolabial-Schnitt zu sprechen, also einfach ge- 
sagt mit Leistenschnitt. 

1) Alexander [Deutsche Medizinische Wochen- 
schrift 1897 No.: 38 pg. 307J beschrieb folgende inte- 
ressante Beobachtung aus der chirurgischen Abteilung des 
Dr. Hahn im städtischen Allgemeinen Krankenhause am 
Friedrichshain in Berlin: Am 8. Juni 1897 trat die 
16jährige Klara D. wegen eines Leistenbruches in das 
Hospital ein. Der Bruch war ein linksseitiger. Vor drei 
Jahren hatte Dr. Erasmus bei ihr eine rechtsseitige 
Bruchoperation vollzogen, beschrieben von Jordaeus. 
Vor 8 Tagen wurde die Patientin während eines Spazier- 
ganges plötzlich von starken Schmerzen in der linken 
Leiste befallen, kurz darauf bemerkte sie selbst eine 
Anschwellung, einen Bruch, der sioh als irreponibel erwies. 
Man diagnosticierte einen linksseitigen Leistenbruch mit 
fraglichem Inhalte und verordnete zunächst Ruhe. Da 
sich hierbei das Befinden besserte, beschloss man, sich 
abwartend zu verhalten. Sobald jedoch das Mädchen das 
Bett verlassen hatte, traten die heftigsten Schmerzen auf 
und es wurde deshalb von Dr. Hahn die Herniotomie 
vollzogen. Ein 5 Centimeter langer Bruchsack ver- 
schmälerte sich nach- oben zu gegen den Leistenkanal hin. 
In dem jeder Flüssigkeit baaren Bruchsacke fanden sich 



— 209 — 

in dessen oberer Hälfte ein eiförmiges Gebilde 
Kirschgröße und zwei kleinere rundliche Gebilde 
drüsenartigem Aussehen. Alle drei Körperchen hatte! 
eine glänzende Oberfläche, wiesen Verwachsungen mi\ 
dem Bruchsacke auf und wurden entfernt. Die mikros4 
kopische Untersuchung machte Professor Hansemann; 
Hoden und Nebenhoden konstatiert. Erst nach einem! 
so unerwarteten Operationsbefunde betrachtete man mit ' 
grösserer Aufmerksamkeit die äußere Erscheinung des 
Mädchens. Die Brüste sowie das subcutane Fettpolster 
waren sehr schwach entwickelt, das Haupthaar in Zöpfen 
angeordnet. Die Oberlippe wies etwas Bartanflug auf, die 
äußeren Schamteile waren absolut weiblich gebildet. 
Mons Veneris schwach behaart, große und kleine 
Schamlippen wenig entwickelt im Verhältnis zur allgemeinen 
Körpergröße. Clitoris 2 Cent, lang und 6 Mill. dick, 
Präputium clitoridis verschieblich. Der Penis bypo- 
spadiaeus wies eine Lacuna Morgagnii von drei Milli- 
meter Sonden tiefe in der gespaltenen Harnröhre auf; unter- 
halb der weiblichen Harnröhrenmündung lag der Introitus 
vaginae von halbmondtörmigem Hymen garniert. Fossa 
navicularis und Frenulum labforum normal weiblich 
gebildet. Keine Spur von Uterus oder Tuben per rectum 
getastet, ebensowenig eine Prostata. 

Die Scheide endete in der Höhe von drei Zentimetern 
blind. Becken nach Gestalt und Maaßen männlich. Nach 
dem unerwarteten Ergebnis der mikroskopischen Unter- 
suchung der exstirpierten Gebilde wurden nunmehr auch 
die früher rechtsseitig von E r a s m u s entfernten Gebilde 
untersucht und ergaben sich gleichfalls als Hoden und 
Nebenhoden [siehe Jordaeus: Inhalt einer Leisten- 
hernie bei Mißbildung der Genitalien — Festschrift zur 
Feier des 50-jährigen Bestehens der Gesellschaft 
der Ärzte des Regierungsbezirks Düsseldorf 1895.] 
Damals existierte noch kein Leistenbruch linkerseits, 

Jahrbujh V. 14 



— 210 — 

sondern nur der rechtsseitige. Man fand als Inhalt des 
Bruchsackes den processus vaginalis peritonaei ohne flüssi- 
gen Inhalt. In dem Bruchsacke lag ein birnfürniiges 
Gebilde von der Größe einer welschen Nuß, weich von 
Konsistenz und nicht mit dem Bruchsacke verwachsen. 
Der Tumor hatte eine glänzende Oberfläche und enthielt 
zwei Gebilde von drüsigem Aussehen, die nach obenzu 
in eine Art gegen den Leistenkanal hin ziehenden Strang 
übergingen. Da die Reposition nicht gelang, hatte man 
diese Gebilde operativ entfernt Linkerseits war neben 
Hoden und Nebenhoden auch eine Samenblase ent- 
fernt worden, rechterseits auch ein vas deferens. In 
keinem der Hoden Spermatogenese nachgewiesen, also 
atrophischer Zustand. Am 27. Juni 1895 war Klara D. 
aus dem Hospitale entlassen worden, am 30. Januar 1896 
trat sie wieder ein wegen Scheidenausflusses und schmerz- 
hafter Anschwellung in beiden Leistengegenden. Die 
Schmerzen waren die Folge eines Coitusversuches mit 
einem Manne. Der Beischlaf kam nicht zu Stande wegen 
Sehmerzhaftigkeit, wohl aber acquirierte Klara D. einen 
Tripper mit nachgewiesenen Diplokokken. Am 16. 
Februar wurde Patientin nach längerer Kur entlassen. 
Klara D. hatte weder jemals die Regel gehabt noch 
irgendwelche Molimina, es handelte sich einfach um ver- 
späteten Herabtritt der beiden Hoden. Die angeblichen 
Leistenbrüche veranlaßten die operative Entfernung der 
Gebilde, die sich unter dem Mikroskope als Hoden und 
Nebenhoden etc. erwiesen, also eine erreur de sexe 
aufklärten. Zur Zeit der ersten Operation war Klara 13 
Jahre alt, zur Zeit der zweiten 16. 

2) Henry Avery (Philadelphia Med. and. Surg. 
Reporter 1868 XIX. 8. pg. 144) entfernte bei einem 24- 
jährigen aus Neuschottland stammenden Mädchen, Anny C. 
auf dessen Verlangen hin und auf Grund einer Konsulta- 
tion mit noch zwei anderen Aerzten einen Tumor aus 



— 211 — 

einer Leistengegend. Der Tumor erwies sich als Hod« 
Allgemeinaussehen, Stimme und Brüste männlich. L 
Scheide endete in der Tiefe blind. Kein Uterus getastt 
Clitoris zwei und einen halben Cent. lang. Hypospadias 
penoscrotalis mit einseitigem Kryptorchismus. 

3) Brycholow [siehe: Garin: Wjestnik Obszczest 
wennoj Gigjeny, Ssudebnoj i Prakticzeskoj Medicin) 
[Russisch] — T. XXIX. Kniga II. Februar 1896 — und 
Protokoly Anthropologiczeskawo Obszczestwa 1894 No.: 1 
pg. 29 No.: 207.] Die 14jährige Marie X. trat in das 
Petersburger Marienspital ein wegen doppelseitigen Leisten- 
bruches. Die operativ aus den beiden Brüchen entfernten 
Gebilde erwiesen sich als Hoden. Beide hatten in den 
Schamlefzen gelegen, waren also voll herabgestiegen. 
Kein Uterus vorhanden, wohl aber neben den großen 
auch kleine Schamlippen. Die Vulva sah absolut weib- 
lich aus bis auf die infolge ihres Inhaltes strotzenden 
Schamlefzen. Während der Operation konstatirte man 
Erektionen des hypospadischen Penis; zur Zeit der 
Operation noch keinerlei Geschlechtstrieb vorhanden nach 
Aussage des Kindes. 

4) Briuchanow [Ein Fall von Pseudohermaphroditis- 
mus masculinus externus — Bolnicznaja Gazeta BotkhV 
a [Rußisch] Petersburg 1899 No.: 44.J Bei einem 14jährigen 
Mädchen mit absolut normalem weiblichen Aussehen der 
Vulva wurde ein doppelseitiger Leistenbruch operiert: 
die hierbei exstirpierten Gebilde erwiesen sich als Hoden : 
„Erreur de sexe*. Ich weiß nicht anzugeben, ob diese 
Beobachtung nicht etwa identisch ist mit der vorher- 
gehenden, die Jahreszahlen 1894 und 1899 scheinen 
dagegen zu sprechen. 

5) Buchanan (in Glasgow) [Medical Times, 14 
February 1885 — siehe: Centralblatt für Gynäkologie 
1885 pg. 464] beschrieb ein 9jähriges Mädchen von knaben- 
haftem Aussehen. In der rechten Schamlefze tastete er 

14* 



— 212 — 

ein härtliches, durch einen Strang mit dem Leistenkanale 
in Verbindung stehendes Gebilde; links der gleiche 
Befund, nur der Leistenkanal etwas weiter klaffend. 
Große und kleine Schamlippen, Clitoris und Hymen 
normal. Buchanan glaubte, es handle sich gleichwohl 
nicht um ektopische Ovarien, sondern um Hoden und 
zwar wegen des deutlich ausgesprochenen Cremasteren- 
reflexes. Bei der Untersuchung sub narcosi fand der Finger 
eine Vagina von normaler Länge, aber in ihrem Grunde 
statt einer Vaginal portion eines Uterus ein sagittales 
Septum, welches den Scheidengrund in zwei seitliche 
Taschen teilte von je Fingerhutgröße. Jederseits vom 
Scheideneingange fand Buchanan je eine feine Oeffnung. 
Er sprach diese Oeffnungen als Mündungen der Ductus 
ejaculatorii resp. Vasa deferentia an. In der Voraus- 
setzung, die in den Schamlefzen liegenden Gebilde könnten 
in Zukunft Ursache von Beschwerden werden, seien sie 
nun ektopische Ovarien oder Hoden, entfernte er sie 
operativ. Die mikroskopische Untersuchung [siehe auch: 
Pull mann] ergab, daß es die Hoden waren: man hatte 
also das Kind, einen verkannten Jungen, kastriert. 

6) Chambers [Transactions of the Obsterical Society 
of London 1859 citirt von Mundet 1 ] beschrieb ein 
24-jähriges Mädchen von weiblichem Allgemeinaussehen, 
dessen Genitale ebenfalls einen weiblichen Aspectus bot, 
jedoch war die Scheide in der Höhe von drei Centimetern 
blind geschlossen und keine Spur von Uterus, Tuben 
oder Ovarien zu tasten. Zwei in den Schamlefzen tast- 
bare härtliche Gebilde wurden operativ entfernt und er- 
gaben sich als Hoden. Ob Spermatogenese nachgewiesen 
wurde, ist nicht erwähnt. 

7) Clark [ W A case of spurious hermaphroditisme, 
hypospadias and undescended testes in a subjeet, who 

>) Munde: Centralbl. f. Gyn. 1887. N. 42. f. 671: Vagina 
blind endend. 



— 213 



had been brought up as a female and had been marrj 
for sexteen". — Lancet 1898. Vol. I pg. 616] beschri 
eine 42-jährige Frau, welche vor 16 Jahren geheira^ 
hatte und zur Zeit als Witwe in seine Behandlur 
gekommen war. Die Vulva sah echt weiblich aus, dl 
geräumige Vagina war in der Tiefe blind geschlossej 
und nichts von inneren Genitalien zu tasten. In jedel 
Leistengegend feine Anschwellung; die linksseitige sehl 
druckempfindlich bei der 'leisesten Berührung Mammae! 
weiblich, Areolae .kaum ausgesprochen, Warzen atrophisch.! 
Kehlkopf vorstehend, männlich. Hände groß, Scham- 
behaarung sehr spärlich, im Gesicht keine Spur mann- ' 
licher Behaarung. Vom 12. Lebensjahre an sollen Blutungen 
aus dem Genitale stattgehabt haben, anfangs unregelmäßig, 
aber vom 25. bis 38.jJahre regelmäßig aller vier Wochen 
je 24 Stunden andauernd. Die Frau hatte vor einigen 
Tagen einen schweren Gegenstand aufgehoben und war 
sofort von starken Schmerzen in den beiden Leisten 
befallen worden, es waren plötzlich Leistenbrüche aus- 
getreten. Clark glaubte, es handle sich um einen 
Descensus retardatus testiculorum, wurde jedoch in dieser 
Voraussetzung wieder schwankend angesichts der von der 
Frau betonten regelmäßigen Blutausscheidungen aus dem 
Genitale. Er wollte also eine solche Genitalblutung ab- 
warten, die Menstruation: das Warten erwies sich jedoch 
als vergeblich — , so schritt er denn zur beiderseitigen 
Bruchoperation: es wurde jederseits ein Hoden nebst 
Samenstrang entfernt, keine Spermatozoiden nachgewiesen.. 
Da die Scheide blind endete und keine Spur eines Uterus 
zu tasten war, so kann man natürlich nicht anders als 
mit Unglauben dep Angabe der Frau bezüglich jener 
regelmäßigen Genitalblutungen gegenübertreten, wie denn 
in der Kasuistik des Scheinzwittertums so mancher Fall 
sich findet, wo von dem Individuum die Unwahrheit 
ausgesagt wurde aus dem oder anderen Grunde. Die 



— 214 — 

Frau hatte mit ihrem Manne stets im besten Einvernehmen 
gelebt. Clark sah keine Veranlassung, dieser Person 
Mitteilung von der konstatierten Erreur de sexe zu 
machen, umsomehr als sie seiner Zeit Witwe war. 

8) Green [„Hypospadias" Quarterly MedicalJournal 
1898 Vol. I. pg. 169]. Ein 24jähriges Dienstmädchen 
meldete sioh mit der Frage, warum die Periode bei ihm 
noch ausstehe? Die Untersuchung ergab Hypospadiasis 
peniscrotalis eines männlichen Scheinzwitters mit je einem 
Hoden in jeder Schamlefze. Trotz Konstatierung der 
Erreur de sexe wollte das Mädchen absolut nichts von 
einer Änderung seines bisherigen sozialen weiblichen Standes 
wissen und verlangte durchaus die Entfernung der beiden 
Hoden. Green folgte dem Wunsche des Mädchens, voll- 
zog die Operation de complicit£ und schrieb: „The 
question now arrose, as to what should be done, as the 
patient in mind and habit is more a woman than a man. 
and is illegal for him to remain as he is in female attire, 
„he expressed a desire to have the testicles removed and 
continue a woman and it seems to me, that is the best 
Solution of the difficulty". — Die mikroskopische Unter- 
suchung ergab, daß normal funktionierende Hoden entfernt 
worden waren. Nach Entlassung aus dem Hospital nahm 
diese Person sehr bald wieder einen Dienst als Dienst- 
mädchen an. Green hatte dieses Individuum kastriert 
„at his own urgent request!" 

9)Griffith[„ Hermaphroditismus transversus virilis" 
Journal of Anatomy and Physiology. January 1894] be- 
schrieb ein 23jähriges Individuum mit weiblichen Brüsten, 
weiblichem Mons Veneris und blind endender Scheide. 
Man tastete in der Beckenhöhle ein Gebilde, das man 
für einen Uterus ansah mit zwei seitlichen Gebilden und 
tastete auch zwei Gebilde in den Schamlefzen, die exstir- 
piert, sich als Hoden erwiesen. Cremasterreflex beider- 
seits ausgesprochen, aber keine Samenstränge getastet. 



— 215 — 

10) Groß [MonthlyJourn.forMedicalSciences. Dezeni 
ber 1852-Referat: Casper's Vierteljahrschrift 1853 ü| 
pg 268: „Ein Fall von Hermaphroditismus mit Castrationl 
Osterlen gibt im III. Bande des von Maschka herausi, 
gegebenen Handbuches der gerichtlichen Medicin (pg 83jj 
folgende Einzelheiten dieses Falles an: Ein dreijähriges! 
Kind, als Mädchen erzogen, verriet schon vom zweiten! 
Lebensjahre an knabenhafte Neigungen und Liebhabereien. 
Statt einer Clitoris fand sich ein Penis, statt einer Scheide 
eine seichte mit Schleimhaut ausgekleidete Grube ohne 
irgend eine Öffnung in der Tiefe. Harnröhrenöffnung 
normal weiblich, kleine Schamlippen kümmerlich gebildet, 
jede Schamlefze enthielt ein härtliches Gebilde, einen wohl- 
gestalteten Hoden. Groß fragte sich, ob es nicht richtig 
sei, diese Gebilde zu entfernen, welche im geschlechtsreif en 
Alter Geschlechtstriebe hervorrufen könnten und eventuell 
eine Verheiratung herbeiführen, aus der nur Kummer 
und Verdruß resultieren werde, ja sogar der Tod. Dem- 
gemäß entfernte er im Einverständniß mit den Eltern 
diese Gebilde, die Hoden und Samenstränge, am 20. Juli 
1849 unter Assistenz zweier Kollegen. Diese Organe 
erwiesen sich als normal gebildet. Von dem Moment der 
Operation an soll das Kind sein Gebahren geändert haben 
und fortan nur weibliche Neigungen aufgewiesen haben, 
die auch nach zwei Jahren noch weibliche geblieben 
waren. Das Kind macht mit Vorliebe weibliche Hand- 
arbeiten, reitet nicht mehr auf dem Spazierstocke seines 
Vaters und spielt nicht mehr mit Knaben. Osterlen 
unterzog das Vorgehen des amerikanischen Kollegen unter 
Paragraph 224 D. S. G. der österreichischen Gerichts- 
ordnimg — als „Beraubung der Zeugungsfähigkeit" des 
deutschen Strafkodex und unter Paragraph 169, welcher 
Gefängnisstrafe verlangt „für vorsätzliche Veränderung 
oder Unterdrückung des Personenstandes eines Anderen". 
— C asper verurteilt ebenso das Vorgehen von Groß, 



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so wurden sie abgetragen. Bei der Operation hatte ni^ 
auch den Samenstrang gefunden. Linkerseits lag dl 
Hoden noch im Leistenkanale. Da die Extraktion ai^ 
demselben nicht gelang, stieß Heuck den Hoden in di^ 
Bauchhöhle hinein und vernähte die gesetzte Wunde! 
Kurz darauf kamen jedoch die Beschwerden linkerseits, 
wieder. Heuck wiederholte linkerseits die Operation! 
und entfernte jetzt auch den linken Hoden. Nach Aus-1 
sage der Mutter der Patientin sollen beide Brüche bereits ] 
im ersten Lebensjahre entstanden sein und zwar infolge 
von Hustenanfällen. Dieses Mädchen hatte bereite mehrere 
Male mit Männern kohabitiert, aber dabei niemals ein 
angenehmes Gefühl empfunden. Niemals Menstruation 
oder Tormina menstrualia. Allgemeinaussehen und ebenso 
der Gesichtsausdruck weiblich. Langes weibliches Haupt- 
haar, aber Kehlkopf und Stimme männlich. Mammae 
mäßig entwickelt, Hände groß. Fast gar keine Scham- 
behaarung vorhanden. Mons Veneris fettarm, die kärglich 
entwickelten großen Schamlippen bedeckten nicht die 
kleinen, Clitoris von normaler Größe, die Harnröhre öffnete 
sich im Scheiden vorhofe. Keine Prostata zu tasten, 
Hymenaireste vorhanden, die Vagina läßt zwei Finger 
zugleich 7 Centimeter tief ein und endet in der Tiefe 
blind. Sehr deutlich tastete man ein Ligamentum vesicoum- 
bilicaie medium. Per rectum tastete man etwas wie eine 
Duplikatur des Bauchfells jederseits von der Mittellinie. 
Der rechte Hoden war 5 Cent, lang und zwei und einen 
halben Cent, dick, der Nebenhoden anderthalb Cent, breit. 
Der linke Hoden makroskopisch einem Ovarium ähnlich 
war 5 Cent, lang und zwei Cent, breit, der Nebenhoden 
zwei Cent. lang. Vasa deferentia wurden nicht gefunden. 
13) Jablonski [Un caso di ermafroditismo n Bolletino 
delle levatrice" 23 Maggio 1893 Anno. I Fascicolo 5 pg. 
228]: Die 28jährige AnnaLuiseG. hatte eine weibliche 
Erziehung erhalten. Im Alter von 16 Jahren erschien 



— 218 — 

bei ihr männlicher Bartwuchs, die Periode aber wurde 
vergeblich erwartet und kam überhaupt nicht. Die drei 
Centimeter lange Clitoris wurde sub erectione 10 Cent, 
lang (!) Die rechte Schamlefze enthielt ein hoden artiges 
Gebilde. Vor 8 Jahren hatte man linkerseits eine Hernio- 
tomie vollzogen und nach Angabe der Patientin damals 
eine Ovarialektopie konstatiert. Nach Ansicht von 
Jablonski hatte man den Hoden für ein ektopisches 
Ovarium angesehen, trotzdem bei der Operation die Ge- 
schlechtsdrüse bloßgelegt worden war. Ob eine mikrosko- 
pische Untersuchung der vor 8 Jahren in Brüssel ent- 
fernten Geschlechtsdrüse seiner Zeit vorgenommen wurde, 
ist nicht bekannt. Falls Jablonski wirklich einen Hoden 
tastete, so dürfte wohl auch jenes ektopische Ovarium 
einfach ein Hoden gewesen sein. 

14. Dixon -Jones [„Double inguinal Hernia in a 
hermaphrodite" — Medical Record XXXVIII — 27. 
XII. 1890 pg. 724]: Die 27jährige Emma M. meldete 
sich am 2. December 1888 wegen bisheriger Amenorrhoe 
und beiderseitigen Leistenbruches, beiderseits sehr stark 
empfindlich. Weder jemals Tormina menstrualia noch 
vicariirende Blutungen. Von 7 Schwestern der Patientin 
sollen zwei ebenso wie sie mißgestaltet sein, bei einer der 
Schwestern hatte Dr. Webber Mangel des Uterus und 
Amenorrhoe konstatiert. Allgemeinaussehen, Stimme und 
Brüste weiblich. Die Schamteile weiblich gebildet, aber 
wie in der Entwickelung zurückgeblieben. Clitoris 
kleiner als normal — !!!!!!! — Scheidenöffnung sehr 
eng, Hymen vorhanden. Die Scheide endet in der Höhe 
von zwei Zoll blind. Weder Uterus noch Tuben oder 
Ovarien getastet per vaginam oder per rectum. Kleine 
härtliche Gebilde in den beiden Schamlefzen wurden für 
die ektopischen Ovarien angesehen; sie waren äußerst 
druckempfindlich und ließen sich nicht in die Bauchhöhle 
zurückdrängen. Schmerzen in beiden Leistengegenden. 




Nach Einschnitt in die Schamlefzen fand man keiii 
Kommunikation der Bruchsäcke mit der Bauch höhl* 
Man fand nur jederseits je einen bindegewebigen Strang 
von dem in der Schamlefze enthaltenen Gebilde nach deni 
Leistenkanale zu verlaufend. Dixon fügte den Bauch4 
schnitt hinzu, indem er in der Linea alba einschnitt, um\ 
sich zp überzeugen, ob er bei Entfernung der in den! 
Schamlefzen enthaltenen Gebilde nicht Organe, welche \ 
in der Bauchhöhle liegen, beschädigen würde, fand aber \ 
in der Bauchhöhle auch nicht die Spur von inneren weib- \ 
liehen Genitalorganen, sondern nur jederseits einen Binde- 
gewebsstrang vom Leistenkanal in die Beckentiefe 
verlaufend. Er schloß also die Bauch wunde und exstirpierte 
die in den Schamlefzen enthaltenen Gebilde, welche sich 
als Hoden erwiesen. Das Becken war weiblich. Dixon- 
Jones vermutet gleich mir, daß in vielen Fällen von 
Ovariocele wahrscheinlich Erreurdesexe bestehe, also 
ein Hoden des männlichen Scheinzwitters, der irrtümlich 
als Mädchen erzogen wurde, irrtümlich für ein ektopisches 
Ovarium angesehen wurde. Ich habe die bisherige 
Kasuistik angeblicher Ovarialektopie bereits gesammelt, 
jedoch noch nicht die Zeit gefunden, dieselbe einer Kritik 
zu unterwerfen, jedoch, was noch nicht geschehen ist, 
wird geschehen, sobald es meine Zeit erlaubt. — 

DixonJones vollzog in seinem Falle die Kastration, 
nachdem er zuvor einen diagnostischen Leibschnitt dem 
beiderseitigen Leistenschnitte hinzugefügt hatte, ähnlich 
wie auch Snegirjow und P£an in je einem Falle. 

15. Kociatkiewicz-Neugebauer: Dr. Kociat- 
kiewiez bat mich für den 13. VII. 1897 zu einem 
Konsilium betreffend ein junges Mädchen von 21 Jahren, 
Josephine K. Das Mädchen hatte sich in Begleitung 
seines Vaters und Bräutigams im Hospital gemeldet und 
verlangte eine operative Entfernung der Gebilde, welche 
in den Leisten vorhanden seien und ihm Schmerzen 



— 220 — 

bereiten. Allgemeinaussehen weiblich, große, weibliche 
Brüste, dabei hängend, weibliche Stimme, weibliche 
allgemeine und Schambehaarung, weiblicher Charakter 
und weibliches geschlechtliches Empfinden. 

Diese Beobachtung kommt auf Konstatierung einer 
erreur desexe heraus, bei einem als Mädchen erzogenen 
und mit einem Manne verlobten männlichen Scheinzwitter 
von 21 Jahren — die Kastration durch Dr. Kociatkiewicz 
vollzogen ergab normale Hoden mit normalem Sperma. — 
Die Einzelheiten habe ich in meinem Aufsatze im vorigen 
Jahrgang dieses Jahrbuches bereits veröffentlicht. 

16. Lannelongue: [Siehe Fieux: „Anomalie du 
däveloppement des Organes g^nitaux" — Journal de 
M&lecine de Bordeaux — 1871 — Jpg. 502], Lannelongue 
vollzog eine Operation bei einem jungen Mädchen wegen 
Schamlefzentumors, welchen er zunächst wegen vorhandener 
Fluktuation für eine Cyste angesehen hatte: es lag auf 
derselben Seite ein Leistenbruch vor. Zwischen der Cyste 
und dem Bruchsacke fand sich sub operatione eine Gebilde, 
das sich unter dem Mikroskop als Hoden erwies, also 
„erreur de sexe"! Keine Spur eines Uterus getastet. 
In dem Bruche fand sich auch ein Teil des Omentum 
majus. — Die Operierte genas. Vulva normal, weiblich, 
ebenso Brüste und Gesichtsausdruck. Niemals Regel, 
Scheide in der Tiefe blindsackartig geschlossen. Bei Druck 
auf die Gegenden, wo normal die Ovarien liegen, große 
Empfindlichkeit. 

17. Levy [„Ueber ein Mädchen mit Hoden und 
über Pseudohermaphroditismus* Hegaus Beiträge zur 
Geburtshülfe und Gynäkologie. Leipzig 1901 Bd. IV. 
Heft III pg. 347 — 360] beschreibt zwei Beobachtungen 
von Scheinzwittertum aus der Tübinger Klinik, eine davon 
betrifft eine von Döderlein an einem Mädchen aus- 
geführte Castration — es wurden die Hoden entfernt 
durch Leistenschnitt. Die 19jährige Näherin Ch. L. 



— 221 — 

trat in die Klinik ein wegen Beschwerden, welche hei 
vorgerufen wurden durch von ihr bemerkte Tumorei 
Bis jetzt hatte Patientin weder jemals die Regel noci 
auch Tormina menstrualia gehabt. Als sie 15 und cii 
halbes Jahr alt war, bemerkte sie zum ersten Male in dei 
rechten Leistenbeuge ein Knötchen von Kirschengrössei 
welches damals noch keine Schmerzen veranlasste. In den! 
letzten zwei Jahren jedoch wurde dieser Knoten immer 1 
mehr schmerzhaft, gleichzeitig bemerkte Patientin ein 
ebensolches Gebilde in der anderen Leiste. Endlich wurde 
Patientin infolge dieser steten Schmerzen arbeitsunfähig, 
sie hatte früher in einer Druckerei gearbeitet, später als 
Näherin. Ein von ihr konsultierter Arzt hatte ihr eine 
Salbe zum Einreiben verschrieben, zugleich aber ihr die 
Weisung gegeben, sie solle niemanden etwas davon sagen, 
„daß sie solche Dinger im Leibe habe!" Der All- 
gemeinzustand der Patientin wurde in der Folge immer 
schlimmer, Erbrechen trat hinzu, sehr hartnäckige Ver- 
stopfung etc., endlich gestand die Tochter der Mutter 
ihr Leiden ein und die letztere veranlasste die Auf- 
nahme in die Tübinger Klinik behufs Entfernung jener 
schmerzhaften Gebilde in den Leisten. Das Mädchen ist 
von großem Wuchs, 168 Centimeter, aber so abgemagert, 
daß es nur 84 Pfund wiegt. Knochen und Muskelsystem 
schwach entwickelt, zart, Haupthaar lang, keine Spur von 
männlicher Gesichtsbehaarung , Kehlkopf vorspringend, 
männlich, Brüste gut entwickelt, Becken weiblich wie 
das Röntgenskiagramm erwies. Jederseits in der Leisten- 
gegend ein walzenförmige» elastisches Gebilde, verschieblich 
vom Leistenkanal zur grossen Schamlefze herabreichend. 
Diese Gebilde machen den Eindruck von Hoden und 
Nebenhoden; die linksseitigen Gebilde sind grösser als 
die rechtsseitigen. Schambehaarung weiblich, grosse und 
kleine Schamlippen existieren. Die linke grosse Scham- 
lippe ist 11 Centimeter lang, die rechte nur 6. Das linke 



— 222 — 

labium pudendi majus, pigmentirt, macht wegen seiner 
runzeligen Oberfläche mehr den Eindruck einer Scrotal- 
hälfte. Die Gebilde in den Leistengegenden lassen sich 
aber nicht in die Bauchhöhle hineindrängen. Frenulum 
labiorum vorhanden. Die kirschengrosse Clitoris erinnert 
an einen penis fissus rudimentarius. Harnröhrenöffnung 
weiblich, unterhalb die Öffnung der Vagina von einem 
Hymenal8aume umgeben. Die rudimentäre Vagina 
läßt eine Sonde vier Zentimeter tief eindringen. Per rectum 
tastete man selbst unter Narkose weder einen Uterus 
noch dessen Anhänge. Döderlein vermutete männliches 
Scheinzwittertum und entfernte wegen deren S^hmerzhaf- 
tigkeit die in den Leistengegenden liegenden Gebilde am 
13. Januar 1901 mit dem Ligamentum Poupartii parallel 
verlaufenden Hautschnitten von je 5 Centime ter Länge. 
Nach Durchschneid ung der Hautdecken und der Fascie, 
der Mm. obliqui externi abdominis, eröffnete das Messer 
jederseits eine Höhle, die nicht mit der Bauchhöhle 
kommunicierte, die Höhle der Tunica vaginalis. Man 
fand jederseits Hoden und Nebenhoden und Vas deferens. 
Der Samenstrang wurde unterhalb der Oeffhung des 
Leistenkanals jederseits durchtrennt und der Stumpf in 
den Leistenkanal in der Wunde versenkt unter Vernähung 
mit dem Muskelrande, die Hautdecken wurden darüber 
geschlossen. Prima reunio vulnerum. Die Kranke, ein 
kastrierter männlicher Scheinzwitter, irrtümlich als Mädchen 
erzogen, verließ nach einem Monate, von ihren Beschwer- 
den befreit, die Klinik, um nunmehr als Mädchen weiter zu 
gelten. Der linke Hoden war 6 Centimeter lang und 2 
breit, anderthalb dick, der rechtsseitige Hoden etwas 
kleiner. Auf dem Durchschnitte typischer Hodenbau 
sichtbar; man fand aber in der ausgepressten Flüssig- 
keit keine Spermazoiden aber Wucherung des interstitiellen 
Gewebes an einen rudimentären Hoden erinnernd. Man 
fand ferner Spermatogonien, Spermatocyten, cylindrisches 



223 



Epithel des Sainenausführungsganges etc. Nirgends einl 
Spur von Ovarialgewebe in den exstirpierten Gebilden 
deren Schnitte von Professor Hei den hain geprüft wurden^ 
Die Maße der einzelnen Knochen mit der Tabelle vor 
Rauber verglichen, ergaben männliche Knochenmaße. Diel 
Geschlechtsdrüsen und die Maße der Knochen waren inj 
diesem Falle männlich, alle sekundären Geschlechts- 
charaktere aber weiblich mit Ausnahme des Kehlkopfes 
und der Stimme. Der Charakter war weiblich, sympatisch. 
Die Beschwerden waren offenbar die Folgen eines ver- 
späteten Descensus testiculorum. Soweit eine Ejakulation 
möglich war, hätte dieses Individuum eventuell ein weib- 
liches Individuum befruchten können. 

18) August Martin [siehe: Kochenburger: 
„Ein Fall von Hermaphroditismus transversus 
virilis" Zeitschrift für Geburtshülfe und Gynäkologie. 
Vol. XXVI. pg. 73 und Zentralblatt für Gynäkologie 
1892 pg 983] operierte eine 33jährige, seit 10 Jahren 
verheiratete Frau, welche ihn wegen Schmerzen in den 
Leistengegenden konsultiert hatte. Die Schmerzen waren 
zunächst linkerseits aufgetreten und zwar im Anschluß 
an einen Fall im 12. Lebensjahre. Niemals ßegel, nur 
ein einziges Mal im 25. Lebensjahre eine kleine Blutung. 
Coitus stets schmerzhaft und ohne die geringste Annehm- 
lichkeit für die Patientin. Allgemein aussehen ganz weib- 
lich. Clitoris normal, Vagina 5 Cent, lang, blindsack- 
förmig endend. Per rectum tastete man ein elastisches 
Gebilde von Haselnußgröße, welches aber in keiner Ver- 
bindung mit der Vagina zu stehen schien. In jeder 
Schamlefze lag ein sehr druckempfindliches Gebilde. 
Martin sah diese Gebilde für ektopische Ovarien an 
und entfernte sie operativ mit jederseitigem Leistenschnitte 
am 24. September 1892. Das Mikroskop erst erwies, 
daß er unbewußt Hoden entfernt hatte, daß also diese 
verheiratete Frau ein männlicher Scheinzwitter war. Keine 



■— 224 — 

Spermatogenese konstatiert in den herausgeschnittenen 
Hoden. 

Martin glaubte auch nach der Operation zunächst 
ektopische Ovarien exstirpiert zu haben und zwar 
follikelhaltige, ja, er glaubte sogar an einer Stelle ein 
corpus luteum gesehen zu haben; erst das Mikroskop 
wies nach, daß sowohl die klinische Prasumptivdiagno.se 
falsch war als auch die makroskopische Beurteilung des 
anatomischen Charakters der exstirpicrten Geschlechts- 
drüsen. 

19) A. Martin [siehe: Anton Hengge: „Pseudo- 
hermaphroditismus und secundäre Geschlechtscharaktere, 
ferner drei neue Beobachtungen von Pseudoherraaphro- 
ditismus beim Menschen"] operirte die 19jährige Martha 
W., Hausmädchen dem Berufe nach. Die Eltern hatten 
6 Kinder, von denen die vier mittleren normal gebildet 
waren, zwei Töchter aber, die älteste jetzt 32 Jahre alt, 
und die jüngste jetzt 19 Jahre alt, mißgestaltet. Der Vater 
starb an Starrkrampf. In der Familie bisher keinerlei 
Mißbildungen verzeichnet. Von den drei Schwestern 
sind drei verheiratet und haben Kinder, ein Bruder, 
verheiratet hat ebenfalls Nachkommenschaft. Martha W. 
ist von sehr hohem Wüchse (178 Centimeter) und wurde 
von der Krankenkasse am 28. I. 1902 in die Greifswalder 
Klinik gesandt. Seit dem 14. Lebensjahre hatte sie alle 
4 Wochen 1 Tag Kopfschmerzen, Schwindel, Brechreiz 
und bis Oktober 1901 bei diesen Anfällen regelmäßig 
etwas Nasenbluten. Seit vier Monaten treten diese Anfälle 
alle 8 Tage auf und sind so sehr quälend, daß Martha 
nicht mehr arbeitsfähig war. Das Nasenbluten hat sich 
seit vier Monaten verloren. Niemals menstruelle Blutung. 
Patientin hat keine andere Krankheit bisher durchgemacht 
als Bleichsucht im 15. Jahre. 

Das Gesicht rötet sich auffallend leicht. Mammae 
gut entwickelt, aber hängend. Wenig Fettgewebe, aber 




viel Drüsengewebe darin. Auffallend ist, daß die Be- 
haarung des Mons Veneris und in den Achselhöhlen nur 
aus wenigen blonden Haaren besteht. Die Besichtigung 
der äußeren Genitalien erinnert 
an das Bild einer doppelseitigen 
Leistenhernie, wobei die rechts- 
seitige etwas größer ist als die 
linksseitige, sonst ist die Bildung 
der Scham eine echt weibliche. 
Mons Veneris fettarm, Clitoris 
absolut nicht vergrößert, ihre 
Glans kaum etwas entblößt. Die 
Vulv aerscheint geschlossen, die 
kleinen Schamlippen enden nach 
unten zu an dem auffallend 
kurzen Damm. Das rechte 
Labium majusj erscheint als 
hühnereigroßer Wulst, in dem 
man einen pflaumengroßen 
elastischen ovalen Körper tastet, 
dem von untenher ein zweites 
festeres Gebilde von Kastanien- 
größe anhaftet: von diesen Ge- 
bilden, die gleich gut nach oben 
und nach unten zu verschieblich 
sind, zieht ein etwa zwei Milli- 
meter dicker Strang in den 
Leistenkanal hinauf. Das linke 

Labium majus kleiner, nicht so „. - -.n-u • m ..j ä . a 
J / Fig. 1. 19jahnges Madchen, 

vorgewölbt, linkerseits findet sub herniotomia a i s mä nn- 
sich dicht unterhalb der Mün- licher Scheinzwitter erkannt, 
düng des Leistenkanales ein 

wenig unter der Haut verschiebliches, unebenes Gebilde 
von der Größe einer welschen Nuß. Auch hier läßt sich 
ein gegen den Leistenkanal hin verlaufender Strang tasten, 

Jahrbuch V. 15 




— 226 — 

wenn mau diese Gebilde etwas nach unten herabdrängt. 
Die beiden Gebilde rechts und links sind mäßig druck- 
empfindlich. Vestibulum vaginae normal, sowie auch die 
Urethralmündung, Hymen und die Vaginalöffnung; 
Hymen nicht eingerissen, aber deflorirt; die Scheide läßt 
zwei Finger zugleich ein und ist in der Höhe von einigen 




Fig. 2. Äußere Genitalien eines 19 jähr, als Mädchen erzogenen 
männlichen Scheinzwitters. Beobachtung von A. Martin. 

Centimetern blind geschlossen ; man fühlt im Scheidengrunde 
etwas wie eine Art querverlaufender Raphe. Mündungen 
von Vasa deferentia nicht aufzufinden. Per rectum tastet 
man sub narcosi nur einen Strang von der Dicke eines 
dünnen Bleistiftes, etwa zwei Centimeter über dem 
Scheidengrunde. [Siehe Fig. 1 u. 2.] 



— 227 — 

Nach diesem merkwürdigen Befunde wurde 
die allere Schwester untersucht: 32 Jahre alt und 
9 Jahren kinderlos verheiratet und niemals menstr 
Allgemeinaussehen und Entwickelung der Geschlec. 
organe fast genau so wie bei der jüngeren Schwes 
Kräftiger Knochenbau; Körperhöhe 169 Zentimet 
schlechter Ernährungszustand. Im rechten Labium ma 
Gebilde getastet, die sich genau wie Hode und Nebe 
hode präsentieren, links liegt ein Gebilde vor der Oei 
nung desLeistenkanales, ist aber kleiner als das entsprechenc 
bei der jüngeren Schwester und läßt sich in den Leister 
kanal hineinschieben. Scheide in der Höhe blind geschlossen 
im Scheidengrunde etwas wie eine schräg verlaufene Rapht 
zu tasten; keine inneren Geschlechtsorgane tastbar. Du 
ältere Schwester klagt nur ab und zu über Kopfschmerzen 
und Schwindel, ist sonst ganz gesund. Sie übt den 
Beischlaf nicht gerade oft, aber regelmäßig aus und 
eigentlich mehr dem Manne zu Gefallen als um des eigenen 
Vergnügens willen, doch empfindet auch sie manchmal 
dabei Befriedigung und sexuelle Wollust. Irgend welche 
Sekretausscheidungen niemals bemerkt. Wegen andau- 
ernder Allgemeinbeschwerden und großer lokaler Schmerz- 
empfindlichkeit der in den LaBien enthaltenen Ge- 
bilde entfernte A. Martin dieselben operativ bei 
der jüngeren Schwester. Nach Längsspaltung des rechten 
Labium entfernte er dessen Inhalt nach— Unterbin- 
dung und Durchschneidung jenes Stranges unterhalb 
desLeistenkanales: Etagennaht der Wunde : prima reunio; 
ähnlich war die Operation linkerseits. Die entfernten 
Gebilde erwiesen sich unter dem Mikroskop als Hoden 
und Nebenhoden, es wurde aber keine Spermatogenese 
konstatiert. Diese Organe waren atrophisch. Linkerseits 
fand sich eine Cyste im Kopfe des Nebenhodens, sein 
Schwanz war fibrös entartet. Am 21. IL wurde Martha W. 
geheilt entlassen. Während des Aufenthaltes in der 

15* 



— 228 — 

Klinik traten die Wallungen nach dem Kopfe noch 
wiederholt auf, dagegen stellten sich die sonstigen 
Allgemeinbeschwerden nicht mehr ein. Rechterseits fand 
man am Präparate auch ein Stück eines Vas deferens. 
Es ergab sich also, daß Martha W. ein männlicher 
Scheinzwitter war; per analogiam wurde auch die ältere 
verheiratete Schwester jetzt für einen männlichen Schein- 
zwitter angesehen; sie wurde nicht operiert, da keine 
Beschwerden entsprechender Art vorlagen. Trotz Gegen- 
wart von Hoden waren alle secundären Geschlechts- 
charaktere bei beiden Schwestern rein weibliche, auch 
die Stimme war weiblich, es fehlte jede Spur männlicher 
Gesichtsbehaarung. Beide hielten sich für Frauen und 
hatten keinen ausgesprochenen Begattungstrieb und wohl 
auch kein normales Wollustgefühl, doch ließ sich bei der 
älteren Schwester durch Reibung der Clitoris Wollust- 
gefühl wecken; die jüngere Schwester machte dabei 
unregelmäßige Angaben, zeigte aber ein gut ausgeprägtes 
Schamgefühl. Eigentümlich sind bei der jüngeren Schwester 
die allmonatlich auftretenden specifisch weiblichen Be- 
schwerden: Kopfschmerz, Schwindel, Wallungen. Hengge 
erklärt sich diese Beschwerden als auf suggestivem Wege 
entstanden. Martha 'lebte mit einer vier Jahre älteren 
noch unverheirateten Schwester längere Zeit ständig 
zusammen. Jene Schwester litt an Dysmenorrhoe und 
klagte dabei alle vier Wochen über starke Molimina, 
Unterleibsschmerzen etc. Die jüngere Schwester erwartete, 
sie werde auch die Regel bekommen und fing an ähnliche 
Tormina zu empfinden, indem ihre Gedanken ständig 
darauf gerichtet waren, daß die Periode endlich kommen 
werde. Mir erscheint diese suggestive Deutung etwas 
gewagt: weil die ältere Schw T ester dysmenorrhoische 
Beschwerden angab, die jüngere Schwester stets Zeugin 
dieser Leiden war, soll sie selbst ähnliche Beschwerden 
empfunden haben ! Hengge macht unter anderen folgende 



z\ 



— 229 — 

Schlußfolgerung: »Die operative Entfernung der 
schlechtsdrüsen bei Scheinzwittern ist nur dann statt 
wenn durch dieselben starke Beschwerden verurs 
werden und zugleich eine volle geschlechtliche Funk 
dieser Drüsen durch den Mangel der entsprechen 
Begattungsorgane unmöglich gemacht wird." — In d 
Aufsatze von Hengge fehlt eine Angabe, die m 
interessieren würde. Ich wünschte zu wissen, ob Profes* 
Martin zur Operation schritt mit der Überzeugung, di 
jene Körperchen Hoden seien oder ob man an ektopiscl 
Ovarien gedacht hatte, ob die Diagnose der erreu 
de sexe schon vor der Operation gestellt war, oder ers 
nach der Operation, bez. nach der mikroskopischen Unter 
suchung der entfernten Gebilde? 

20) CristopherMartin [The British Gynaecological 
Journal. Part. 37. May 1894. pg 35] trug am 8. III. 1894 
in der Britischen Gynäkologischen Gesellschaft einen Fall 
vor, welcher beweist, wie ungemein schwierig unter Um- 
ständen eine richtige Geschlechtsbestimmung sein kann. 
Ein 20 jähriges Kindermädchen, niemals menstruiert, hatte 
sich vor 12 Monaten wegen rechtsseitigen Leistenbruches 
einer Radikaloperation unterzogen. Die Operation war 
mit bestem Erfolge von einem anderen Arzte gemacht 
worden. Jener Arzt fand in dem Bruche ein Gebilde, 
welches er für ein ektopisches Ovarium ansah und in 
die Bauchhöhle zurückstieß. Im Januar 1894 war nun 
auch linkerseits ein Leistenbruch entstanden. Diesmal kam 
die Patientin nicht zu dem früheren Arzte, sondern zu 
Christopher Martin und zwar sowohl wegen Schmerzen 
in der Leiste als auch beunruhigt durch die bisherige 
Amenorrhoe. Gesichtsausdruck, Stimme und Brüste weib- 
lich, auch das Allgemeinaussehen weiblich, keine Spur 
männlicher Behaarung im Gesichte. Mons Veneris aus- 
gesprochen, aber ohne Spur von Behaarung, ebenso die 
ganze Schamgegend unbehaart. In der rechten Leisten- 



— 230 — 

gegend sieht man eine postoperative Narbe ohne Spur 
Recidiv eines Bruches. Linkerseits in der Leistengegend 
ein ovaler nicht sehr harter sehr druckempfindlicher 
Tumor. Dieser Tumor lag direkt vor der äußeren Öffnung 
des Leistenkanales, war irreponibel und schien ein solider 
Tumor zu sein. Das äußere Genitale dieser Person sah 
genau aus wie dasjenige einer Nullipara. Große und 
kleine Schamlippen regelrecht gebildet, Clitoris von natür- 
licher Größe, keineswegs einem Penis ähnlich! Harnröhren- 
öffnung weiblich. Die Scheide ließ nur eine Fingerkuppe 
ein, indem sie in der Höhe von dreiviertel Zoll blind 
abschloß. Keine Spur von Uterus zu tasten. Harnröhre 
anderthalb Zoll lang, ohne Spur einer Prostata. Zwischen 
Finger und Katheter in Vesica tastete man keinerlei Ge- 
bilde, die als Uterus oder Prostata gedeutet werden 
konnten. Martin entschloß sich zur Exstirpation des 
Leistentumors wegen der großen durch seine Gegenwart 
verursachten Schmerzen. Der Leistenschnitt wurde ge- 
macht; man fand einen serösen Sack, der ein solides Ge- 
bilde enthielt, einen ovalen Körper, man fand den Hoden 
mit seiner Tunica vaginalis testis. Ein deutlich sichtbares 
Gubernaculum Hunteri verlor sich unterhalb in den 
Geweben der Schamlefze. Nach Isolierung entfernte 
Martin den Hoden. Der durch den Leistenkanal in 
die Bauchhöhle eingeführte Finger tastete in derselben 
keine Spur eines Uterus, konnte aber den Verlauf eines 
Vas deferens bis an die Seitenwand der Harnblase ver- 
folgen. Dieser Verlauf ließ sich leicht kontrollieren, wenn 
man den Samenstrang etwas nach außen zu anzog. Die 
Operation wurde radikal vollzogen, die äußere Wunde 
vernäht. Genesung. Professor Allan fand bei mikro- 
skopischer Untersuchung in den entfernten Gebilden den 
Hoden, Nebenhoden und Samenstrang, die Tunica vaginalis 
testis und Tunica albuginea, Samenkanälchen von ver- 
schiedenen Entwickelungsgraden und in einigen Tubuli 



— 231 — 

vollständig ausgebildete Spermatozoiden. Interessant wa: 
besonders, daß eine ältere Schwester dieses Mädchen! 
sich gleichfalls als männlicher Hypospade erwies mit Hypo- 
spadiasis penoscrotalis, descensus retardatus testiculorum 
rudimentärer Scheide bei allgemeinem weiblichem Körper- 
aussehen, kindlich gebildeten Brüsten und absoluter 
Amenorrhoe, völlig unbehaarten Genitalien und blind 
endender Scheide. Diese Schwester war zwei Jahre älter. 
Der Vater dieser beiden Mädchen war zur Zeit der 
Schwängerungen seiner Frau geisteskrank . . Die von 
Christopher Martin vollzogene Operation wies also 
eine „erreur de sexe" nach und ist diese Beobachtung 
besonders dadurch interessant, daß der Arzt, welcher die 
erste Bruchoperation hier vollzogen hatte, sogar nach 
Bloßlegung des Hodens ihn doch noch für ein ektopisches 
Ovarium gehalten hatte, welches er in die Bauchhöhle 
zurückstieß. — Ein Fall, der wie aus meinem heutigen 
Beitrage ersichtlich ist, durchaus nicht einzig dasteht 
und zur größten Zurückhaltung in der sofortigen Be- 
urteilung des anatomischen Charakters der exstirpierten 
Gebilde sub operatione auffordert! 

[Paul Mund 6 hatte in einem eigenen Falle der 
Köchin Marie O' Neill eine diagnostische Incision 
der Schamlefzen vorgeschlagen um festzustellen, ob die 
in ihnen getasteten fremden Gebilde Ovarien oder Hoden 
seien, indem er Hoden vermutete. Patientin ging jedoch 
auf diese Operation nicht ein. Sie war niemals menstruiert 
gewesen, und hatte einen beiderseitigen Leistenbruch. 
Nach Reduction eines jeden Bruches tastete man jederseits 
Hoden, Nebenhoden und Samenstrang; Hymen intakt. 
Scheide in der Höhe von 8 Zentimeter blind geschlossen, 
keine Spur von Uterus getastet. — Vulva normal, Clitoris 
nicht vergrößert.] 

21) Pech („Auswahl einiger seltener und lehrreicher 
Fälle, beobachtet in der chirurgischen Klinik der chirurg.- 



— 232 — 

med. Akademie zu Dresden* — Dresden 1858) Maria 
Rosina Göttlich, der spätere Gottlieb Göttlich, 
machte seiner Zeit in ganz Europa viel Aufsehen und 
wurde deshalb vielfach beschrieben. Da ich im vorigen 
Jahrgange dieses Jahrbuches die bezügliche Kranken- 
geschichte in extenso berichtet habe, führe ich hier nur 
die heute in Frage kommenden Einzelheiten an. Maria 
Rosina wurde am 6. März 1798 in Görlitz geboren und 
als Mädchen getauft. Bereits im 6. Lebensjahre fand man 
einen Leistenbruch von der Größe einer Nuß rechterseits. 
Das Kind vertrug ein ihm verordnetes Bruchband absolut 
nicht und riß es stets wieder herab, sodaß die Mutter 
statt desselben eine Leinen binde anfertigte. Im lti. Jahre 
war der Bruch hühnereigroß geworden, gleichzeitig hatte 
sich schon damals ein stark ausgesprochener Geschlechts- 
trieb eingestellt und zwar als Neigung zum Geschlechts- 
verkehr mit Männern. Vom 16. — 18. Jahre nahmen die 
Brüste ganz bedeutend an Umfang zu, später trat wieder 
Schwund ein. Eosina kohabitierte schon im 16. Jahre 
lebhaft mit Männern, wobei die allmälig bedeutend 
erweiterte Harnröhre die Stelle der fehlenden Scheide 
vertrat. Gleichzeitig rühmte sich das Mädchen, daß es 
sowohl mit Männern als auch mit Frauen kohabitieren 
könne, ziehe es jedoch vor mit Männern zu tun zu haben, 
weil es Frauen gegenüber für sie beschämend sei, ein so 
kleines „Organ* zu haben. Im 20. Lebensjahre entstand 
ein Leistenbruch links. Für den rechtsseitigen Bruch 
empfahl abermals ein Arzt ein Bruchband. Vom 16. — 24. 
Jahre hatte Rosine alle Monate etwa drei Tage lange 
diverse Beschwerden nach Art der Tormina menstrualia, 
allgemeines Mißbehagen, empfand jedoch während dieser 
Zeit keinerlei Schmerzen in den Leistenbrüchen, ebenso- 
wenig schwollen in jenen Tage die Brüche an, woraus 
man vielleicht auf ektopische Ovarien hätte schließen 
können. Niemals war die Periode eingetreten, wohl 



— 283 — 

aber öfters Nasenbluten. Rosine huldigte viele Jan 
lang der freien Liebe und erkrankte im 28. Jahre i 
einem Ulcus molle; eine große Narbe hinterblieb nac 
einem eröffneten Bubo inguinalis. Damals will Rosin 
zum ersten Male Blutspuren auf ihrer Wäsche nach einei 
Beischlafe mit einem Manne bemerkt haben. Der links 
seitige Bruch begann vom 28. Jahre an sich so zu ver 
größern, daß er im 32. Jahre beinahe zweifaustgroß war 
Rosine diente damals als Dienstmädchen, hatte abei 
jetzt so starke Bruchbeschwerden, daß sie den Dienst 
aufgeben und in das Hospital eintreten mußte. Man 
vollzog in Dresden linkerseits die Bruchoperation, fand 
jedoch weder Netz noch Darm im Bruche vor, sondern 
nur eine Hydrpcele und konstatierte dabei das Vorhanden- 
sein eines Hodens in dem vermeintlichen Bruche, also 
„erreur de sexe". Rosine verlangte nun durchaus 
die Ausführung der Operation recht erseits: die Aerzte 
verweigerten jedoch diese Operation, weil keine Indikation 
dazu vorliege. Rosine nahm nun ihren Dienst wieder 
auf und ergab sich auch von Neuem wieder der Prosti- 
tution. Im 33. Jahre trat sie wegen Verstauchung eines 
Beines abermals in das Dresdener Hospital ein und 
machte jetzt hier eine antisyphilitische Kur durch, später 
ging sie in ein Hospital nach Leipzig, endlich nach Halle 
mit der Bitte, man solle den rechtsseitigen Bruch operieren, 
wurde aber überall abgewiesen. Von 1832 bis 1848 reiste 
nun Rosine in Frankreich, Deutschland und England 
umher und zeigte sich für Geld als Hermaphrodit bis 
sie schließlich im 59. Jahre infolge Einklemmung des 
nicht operierten rechtsseitigen Bruches starb. Das Allge- 
meinaussehen dieses männlichen Hypospaden war ein rein 
männliches, auch die Gesichtsbehaarung, nur war das 
Haupthaar weiblich gekämmt. Andromastie mit behaarten 
Brustwarzen, der hypospadische Penis war anderthalb 
Zoll lang, mit faltiger, gerunzelter Vorhaut. In der linken 



— 234 — 

Hälfte des gespaltenen Scrotum fand man bei der Sektion 
Hoden, Nebenhoden and Samenstrang, rechterseits die 
gleichen Gebilde, ferner einerseits einen Leistenbruch 
mit Darminhalt. Hodensack sehr spärlich behaart Die 
Scheide, an der Mündung von einem harten Ringe umgeben, 
endete in der Höhe von sechs und einem halben Centi- 
meter blind. Nur auf der hinteren Scheidenwand fand 
man Querfaltung ihrer Schleimhaut, auf der vorderen 
aber nicht. Pubes weiblich behaart; es scheint, daß für 
den Beischlaf ausschließlich die Harnröhre gedient hat, 
vielleicht war das als Vagina angesprochene Gebilde eine 
durch langjährigen Beischlaf künstlich geschaffene kanal- 
artige Depression, Einstülpung der Gewebe, wie dies in 
analogen Fällen schon öfters beobachtet wurde. In den 
verschiedenen Beschreibungen der Rosine, des späteren 
Gottlieb Göttlich, finden sich so viele Widersprüche, 
daß es schwer ist zu sagen, was der Wahrheit am nächsten 
kam. Der rechte Hoden war bei dem kr vptorch istisch 
geborenen Individuum im 6. Jahre herabgetreten, der 
linke im 20. erst. Nach Eröffnung der Bauchhöhle fand 
man nichts von Uterus, inneren weiblichen Genitalien, 
sondern nur eine leere Excavatio rectovesicalis. Man fand 
auch keine Samen blasen; die ektatischen Vasa deferentia 
öffneten sich in die klaffenden Ductus ejaculatorii (?— N.). 
Marie Rosine hatte wie gesagt einen sehr früh schon 
aufgetretenen und sehr stark ausgesprochenen Geschlechts- 
drang. Trotzdem sie Erektionen und Ejakulationen hatte, 
verkehrte sie viel lieber geschlechtlich mit Männern als 
mit Frauen. Das geschlechtliche Empfinden war also 
homosexuell. [Bezüglich Einzelheiten und Abbildung 
siehe meinen Aufsatz in vorigem Jahrgange dieses 
Jahrbuches: Gruppe VI Fall 21 und Figur 40 daselbst.] 
■ 22) Philippi [Note sur un cas d'Hermaphrodisme 
apparent, ectopie testiculaire, castration double — Union 
Medicale du Canada. Montreal 1893 No. 46 — Referat: 



— 235 — 

Zentralblatt für Gynäkologie 1894 No. 47 pg. 1212]. Eir 
28-jähriges nie menstruiertes Mädchen wandte sich ar 
Philippi wegen Schmerzen im Leibe und den Leisten 
Schon vor 10 Jahren hatte Patientin einen Tumor in dei 
rechten Leiste bemerkt, welcher ihr zeitweilig Beschwerden 
gemacht hatte und an Grösse und Konsistenz sehr wech- 
selte. Gewöhnlich war der Tumor weich, stellten sich 
aber Schmerzen ein, so fühlte er sich hart an. Gleich- 
zeitig wurde dann ein Gefühl von schmerzhaftem Zuge 
in der Leiste empfunden. Vor einigen Monaten war nun ein 
ähnlicher aber kleinerer Tumor auch linkerseits erschienen. 
Diesen Tumor konnte Patientin eigenhändig nach oben zu 
reponieren, beim Gehen fiel er aber sofort vor in die linke 
Schamlefze. Seit drei Jahren hatten die Schamlefzen sich 
stark vergrössert und strahlten die Schmerzen auch in 
den Schenkel und die Hüfte aus. Selbst im Bett hatte 
die Kranke keine Linderung und konnte nicht schlafen. Es 
kamen allgemeine nervöse Reizbarkeit, Erbrechen etc. hinzu. 
Allgemeinaussehen, Brüste und Stimme weiblich, 
aber Körperbau sehr kräftig. Die grossen Schamlefzen, 
gut entwickelt, sind in ihrer unteren Hälfte in der Aus- 
dehnung von 8 Centimern miteinander verwachsen, sodaß 
der Damm ganz auffallend lang erscheint^ dabei 5 Centi- 
meter breit. Die kleinen Schamlippen sind nur in ihrer 
unteren Hälfte entwickelt, die Clitoris ausnehmend groß. 
Die Schamöffnung ist so eng, daß sie knapp den kleinen 
Finger eintreten läßt und .zwar nicht tiefer als 3 Centi- 
meter weit. Die Harnröhrenöffnung erscheint verborgen 
unterhalb einer Schleimhautfalte in dem Vestibulum 
vaginae. Von einem Uterus war nichts zu tasten, die 
in der Höhe blindsackartig abgeschlossene Scheide weist 
keine Faltung ihrer Schleimhautwände auf. Der in der 
linken Schamlefze enthaltene Tumor läßt sich in den 
Leistenkanal hinein und in die Bauchhöhle reponieren, 
er bestand aus einer oberen elastischen und einer unteren 



— 236 — 

weichen Partie. Dämpfung bei Perkussion. Der rechts- 
seitige gänseeigroße Tumor läßt sich bis auf den Boden 
der Schamlefze herunterdrücken, er erscheiut elastisch 
und wie durch eine Einschnürungsfalte in zwei Teile 
zerlegt, sehr druckempfindlich bei Berührung und nicht 
reponibel. Philipp! entfernte zunächst den rechtsseitigen 
Tumor : der dicke Bruchsack wurde reseciert. Der kleine 
Tumor war von einer hufeisenförmigen durchsichtigen 
Cyste bedeckt von oben her, sein Stiel war dick. Schon nach 
einem Monate kehrte die Patientin zu Philippi zurück 
und verlangte nunmehr auch die Entfernung der links- 
seitigen Geschwulst, welche ihr jetzt auch lästig falle. 
P. fand bei der Operation einen Tumor von der gleichen 
Größe wie rechterseits durch eine Art Einschnürung wie 
zweigeteilt; die obere Hälfte entsprach dem Nebenhoden, 
die untere dem Hoden mit dessen Tunica albuginea. 
Auf dem Querschnitt des Präparates sieht man den Bau 
des Hodens. Das Mikroskop bestätigte diese Erkenntnis, 
wenn auch keine Spermatozoiden gefunden wurden. Es 
handelte sich also hier um Hypospadie des Penis, teil- 
weise Spaltung der Scrotum, Vorhandensein einer rudi- 
mentär gebildeten Vagina, und [Descensus retardatus 
testiculorum, bei allgemeinem weiblichen Aussehen und 
weiblichen secundären Geschlechtscharakteren, wo das 
Individuum an und für sich auch nicht den leisesten 
Verdacht einer „Erreur de se xe" weckte. Erst das Er- 
gebnis der Operation stellte die „ Erreur de sexe" fest. 
23) Charles T. Poore [siehe: F. S. Mathews: 
„A male Pseudo- Hermaphrodite* -The Medical Record 
27. Mai 1899 pg. 764] operierte im Januar 1902 ein 
zwölfjähriges Mädchen und entfernte eine angeblich ent- 
zündete Leistendrüse. Dieselbe lag linkerseits dicht vor 
der äußeren Öffnung des Leistenkanales. Im Jahre 1899, 
also nach sieben Jahren, wurde diese damals exstirpierte 
Drüse von Mathews mikroskopisch untersucht und jetzt 



— 237 — 

in der Ärztlichen Gesellschaft demonstriert. Die t 
suchung ergab, daß diese Drüse ein Hoden war. 1 
ohne große Schwierigkeiten gelang es Mathews, d 
Mädchen jetzt aufzusuchen und die Genehmigung zu i 
Untersuchung zu erlangen. 

Die äußeren Genitalien sahen absolut wie die 1 
malen Geschlechtsteile eines 19jährigen Mädchens s 
es fand sich aber keine Spur von Behaarung der Geschlech 
teile, eben so wenig fand sich im Gesicht männliche I 
haarung. Scheide einen und ein Viertel Zoll lang. Kei 
Spur von Uterus oder Prostata zu tasten ; der rechtsseitig 
Hoden wurde nicht gefunden, dürfte also wohl in dt 
Bauchhöhle liegen. Hypospadiasis penoscrotalis mit eir 
seitigem Kryptorchismus. 

24) Porro [siehe Debierre: „L'Hermaphrodisnie. 6 
Paris 1891 pg. 94] vollzog in einem Falle zweifelhaften 
Geschlechtes bei einem jungen Mädchen von 22 Jahren 
eine diagnostische Operation. Allgemeinaussehen absolut 
weiblich, ebenso das Aussehen der Scham bis auf zwei 
in den Schamlefzen enthaltene Gebilde, welche hart waren 
und dicht unterhalb der äußeren Öffnungen der Leisten- 
kanäle lagen. Porro schnitt jede Schamlefze auf und 
legte Hoden und Nebenhoden bloß. Nach zwei Wochen 
verließ das bisherige Fräulein hochbeglückt von dem 
Ergebnis dieser Operation in männlichen Kleidern dieKlinik. 

25) Pozzi [„Sur un Pseudo-hermaphrodite androgy- 
noide: Pr^tendue femme ayant de chaque cöte un testi- 
cle, un ^pididyme (ou trompe?) kystique et une corne 
ut^rine rudimentaire , ä gauche formant hernie dans le 
canal inguinal. Cure radicale, examen microscopique", 
— Acade'mie de M6decine , 28. Juillet 1896, — Annales 
des maladies des organes g^nito-urinaires. Jan vier 1897 
No. 1. pg. 62 — 74.] Das Eigentümliche dieser Beobach- 
tung liegt darin, daß das Allgemeinaussehen der Person, 



— 238 — 

die secundären Geschlechtscharaktere durchweg weiblich 
waren, aber ebenso das Aussehen der Vulva und^zwar 
ohne die sonst bei männlichen Scheinzwittern mit peno- 
scrotaler Hypospadie so auffallende Disproportion zwischen 
der tibergrossen Clitoris bei sonst in Miniatur angelegter 




Fig. 3. Vulva des von S. Pozzi operierten 33jährigen männlichen 

Scheinzwitters Marie C. ohne Spur von Clitorishypertrophie [Nymphen 

vorhanden]. 



Vulva. In diesem Falle konnte niemand männliches 
Geschlecht auch nur vermuten, erst das Mikroskop brachte 
Klarheit in die Frage. Die 33-jährige Stubenmagd 
Marie C. war als drittes Kind ihrer Eltern geboren 
worden. Als die Mutter sich im dritten Monate der 
Schwangerschaft befand, erschrak sie einmal sehr, als 




sie zufällig davon Zeuge war, „qu* un nomine füt 6cras£". \ 
Von jenem Schreck an war sie ständig krank. Ein Bruder \ 
von Marie C. leidet an infantiler Paralysis, sonst ergab \ 
die Anamnese bezüglich der Familie nichts von Belang. 
Marie C. war bisher niemals ernstlich krank gewesen, 
im zweiten Lebensjahre mußte sie ein linksseitiges Leisten- 
bruchband tragen. Vom 12. Jahre an oft Nasenbluten, 
zuweilen mehrmals an einem Tage, einmal sogar 12-malig 
innerhalb 24 Stun- :y 

den; diese Blutun- 
gen wiederholten 
sich niemals länger 
als zwei Tage 'nach 
der ßeihe, sie wie- 
derholten sich aber 
allmonatlich in ge- 
wissen Zeitabstän- 
den. Diese Blutun- 
gen wurden begleitet 
von Schmerzen in 
der Lendengegend, 
dem Unterleibe und 
den Beinen, dem Ge- 
fühl von Hitze, 
Atemnot und Kopf- 
schmerz. In dem- 
selben Jahre traten 

die Erscheinungen der erreichten Geschlechtsreife auf, 
die Behaarung des Mons Veneris und Stimmbruch. 
Im 14. Jahre trat einmal während jener praemen- 
strualen Beschwerden ein dreimaliger Anfall von Som- 
nambulismus ein mit nächtlichem Herumspazieren im 
Hause. Die Nasenblutungen samt dem gesamten Komplex 
der Geleiterscheinungen dauerten bis zum 22. Jahre. 
In diesem Jahre erkrankte Marie C. an fieberhaftem 




Fig. 4. Linkes Uterushorn und Hoden (sub 

herniotomia entfernt) der 33 jähr. Marie C. 

T = Testikel, U = Uterushorn, C = Stumpf, 

V, V = Tunica vaginalis. 

Ansicht von hinten. 



— 240 — 

polyarticulärem Gelenkrheumatismus aber ohne Komplika- 
tionen von Seiten des Herzens. Im 30. Jahre stellte sich 
ein Rückfall dieses Leidens ein mit Schmerzen in Bauch 
und Lenden. 

Vom Januar 1895 bis Juni wiederholten sich 3 — 1 mal 
Blutungen aus dem Mastdarme bei Verstopfung. Obwohl 
die Nasenblutungen seit dem 22. Jahre sich ganz verloren 
hatten, so litt Marie C. doch alle Monate an Lenden- 
schmerzen, Gefühl von Hitze im Unterleibe. Im 22. Jahre 
wurde sie zum ersten Male untersucht und zwar wegen 
der Amenorrhoe und jenen periodisch sich wiederholenden 



v,- 




Fig. 5. Linke» Uterushorn und Hoden (Fall S. Pozzi). 
Ansicht von vorn. 

Kongestionserscheinungen. Damals erklärte ein Arzt, 
Marie sei ein geschlechtsloses Wesen ! Marie C. ging 
infolge dessen zu Dr. Siredey, welcher den Mangel 
eines Uterus konstatierte. Schon im 15. Jahre hatte 
Marie bemerkt, daß sich in ihrer linken Leiste eine 
Geschwulst von Hühnereigröße befinde, es war dies ein 
mobiler Leistenbruch, reponibel. Im 23. Jahre trat ein 
ebensolcher Tumor rechterseits in der Leiste auf. Von 
Zeit zu Zeit wurden beide Brüche schmerzhaft und zwar 
nur für 2 — 3 Tage und zwar nur während der obenge- 
nannten Kongestionserscheinungen. Die Brüche setzten 



— 241 — 

Marie so zu, daß sie dieselben durchaus loswerd 
wollte» Sie ging im Januar 1895 zu Dr. Landriei 
um sich untersuchen zu lassen zwar, weil ein jung 
Mann um sie angehalten hatte. Sie wollte wissen, ob s 
heiraten könne, da ihr jemand gesagt habe, sie müss 
ihren Freier von ihrem Zustande in Kenntnis setzei 
Landrieux riet ihr in 'das Hospital einzutreten: Ar 
6. Juni 1895 wurde sie hier untersucht von Beaussenat 
B o n c o u r und später von P o zz i. Körperhöhe mittelgroß 
Körperbau kräftig, langes weibliches Haupthaar, leichter 
Anflug männlicher Gesichtsbehaarung, Kinn behaart, Hals 
kurz, Kehlkopf nicht hervortretend, Brustumfang über 
die Mammae gemessen 94 Centimeter, ober und unter- 
halb 69 Centimeter. Mammae groß, gut entwickelt mit 
Drüsensubstanz, Becken breit, weiblich, Linea alba unbe- 
haart, Atmungstypus männlich, abdominal. Stimme und 
Konturen der Extremitäten weiblich. Scham behaarung 
äußerst dürftig, kaum hier und da einige blonde Härchen 
auf dem Mons Veneris und den Schamlefzen. Perineal- 
gegend gänzlich unbehaart. Die sehr große linke Scham- 
lefze bedeckt teilweise die kleinere rechte und enthält 
ein frei verschiebliches taubeneigroßes Gebilde, elastisch 
und einem Hoden ähnlich anzufühlen, von diesem Gebilde 
zieht eine Art Strang nach unten herab zu dem Boden 
der Schamlefze. Ein Strang zieht auch nach oben hin 
gegen den Leistenkanal und weist an einer Stelle eine 
druckschmerzhafte Verbreiterung auf; der erweiterte 
Leistenkanal läßt zwei Finger zugleich ein, das elastische 
Gebilde läßt sich leicht in den Leistenkanal hineindrängen, 
der Strang jedoch nicht. Diese Hernie verschwindet 
spontan niemals, wohl aber tritt sie beim Husten tiefer 
herab und enthält keinen Darm. Rechterseits tritt beim 
Husten ein Bruch hervor, reponibel, aber niemals spontan 
verschwindend. Der rechtsseitige Bruch ist ein beginnen- 
der und leicht zu reponieren. 

Jahrbach V. 16 



— 242 — 

Die Schamteile sehen aus, wie bei einem Müdchen 
vor erreichter Geschlechtsreife. Von der Clitoris maß 
man2Centimeterbiszur Urethralmündung, von daanderthalb 
bis zum Frenulum labiorum, von da bis zum After 3 Centi- 
meter. Große Schamlefzen wenig prominent, die rechte bildet 
einen kaum erhabenen Hautwulst, die Bedeckungen der 
linken Schamlefze gerunzelt, erinnern an ein Scrotum 
eines Knaben. Kleine Schamlippen atrophisch, anderthalb 
Centimeter hoch, nur in der oberen Hälfte der Schamspalte 
sichtbar, sehen aus wie am unteren Ende abgeschnitten. 
Hymen annularis mit Spuren von Einrissen nach einem 
Stuprationsversuch (im 8. Lebensjahre), Harnröhrenöffnuug 
normal weiblich, oberhalb die „bandelette masculine* 
von Pozzi, welche aber kaum im unteren Drittel des 
Vestibulum ausgesprochen ist und nicht die Clitoris 
erreicht. Die Clitoris äußerst klein, ragt nicht aus ihrem 
Präputium hervor. In Lumen des Hymens sieht man 
die Falten der Columnae rugarum der Scheidenwand. 
Die Scheidenuntersuchung sehr erschwert durch Enge 
und Empfindlichkeit; ein Speculum konnte nicht ange- 
wendet werden. Die Scheide dürfte in der Tiefe blind 
abgeschloßen sein, nichts von einem Uterus getastet. 
Die Patientin hat normale Verstandesentwickelung und 
hat eine gute elementare Erziehung erhalten. Bis jetzt 
hatte sich noch niemals Geschlechtsgefühl bei ihr gemeldet 
und mit Ausnahme jenes Stuprations Versuches im 8. 
Lebensjahre war sie nie mit männlichen Genitalien in 
Berührung gekommen. Peyrot diagnosticierte eine beider- 
seitige Hernie der Uterusadnexa bei mangelndem Uterus 
und vollzog am 19. VI. die Radikaloperation. Linker- 
seits fand er am Niveau des Leistenkanales eine hühnerei- 
große Cyste mit Flüssigkeit gefüllt, welche durch eine 
Art Stiel mit einem drüsigen Gebilde zusammenhing, das 
er für ein Ovarium ansah. Dieses drüsige Gebilde 
wiederum lag einem Körperchen von Haselnußgröße an, 



243 



welches er für einen rudimentären Uterus ansehen 
wollte: die Cyste faßte er als Hydrosalpinx auf. Nach 
Resektion dieser Cyste schob er die anderen Gebilde, 
welche er für Uterus und Ovarium angesehen hatte, in 
die Bauchhöhle zurück! Den Leistenkanal vernähte er. 
Rechterseits fand er ebenfalls eine cystische Bildung, 
welche einer graugefärbten Masse anlag, die er für den 
anderen Eierstock hielt. Da keine Kommunikation mit 
der Bauchhöhle vorlag und jene beiden Gebilde in einem 
extraperitonealen Sacke zu liegen schienen, so trug er 
sie mit dem Messer ab nach Unterbindung einer Art 
Stieles. Leistenkanal geschlossen. Die Schmerzen ver- 
schwanden nach der Operation und Patientin schien 
geheilt. 

Im Februar 1896 kam es jedoch linkerseits zu einem 
Recidiv und trat abermals ein linksseitiger Leistenbruch 
hervor unter der Narbe. Der Tumor senkte sich nach unten 
herab und wurde beim Gehen hinderlich. In horizontaler 
Rückenlage läßt sich der Tumor in die Bauchhöhle 
reponieren, jedoch auch weiter nach unten herabdrängen 
bis in die Schamlefze. Seit der Operation begann 
Patientin eine vorher nie bemerkteLibido sexualis 
zu empfinden und hatte oft psychische Emotionen, welche 
mit Tränen und Traurigkeitsgefühl endeten, und zwar 
traten solche Stimmungen auf ohne die geringste äußere 
Veranlaßung. Der Geschlechtstrieb war auf Männer 
gerichtet, nicht auf Frauen! Pozzi glaubte, es handle 
sich um ein Recidiv der Hernie von Uterus und Ovarium 
und machte am 6. V. 1896 die Radikaloperation. Er 
fand einen aus zwei Anteilen bestehenden Tumor: Ein 
längliches weißliches Gebilde von drüsigem Aussehen 
[Hoden oder Eierstock?] und dicht an der inneren und 
hinteren Fläche dieses Gebildes eine harte dreieckige 
Masse. Eine Art Vaginalis umhüllte das Ganze und man 
konnte leicht mit dem Finger eine Art Stiel unterscheiden. 

16* 



— 244 — 

Nach dieser Operation nahm die Melancholie der Patientin 
noch bedeutend zu, sodaß die Patientin jetzt fast ständig 
weinte. Die mikroskopische Untersuchung sowohl der 
jetzt durch Pozzi als auch der früher durch Peyrot ent- 
fernten Gebilde wies eine erreur de sexe nach: männ- 
liches Geschlecht der Marie C: sie war ein Androgynoid 
mit Uterus bicornis; ein Hörn desselben lag neben dem 
Hoden in der Hernie (siehe Abbildungen Fig. 3, 4, 5.) 
Pozzi machte folgende Schlußfolgerungen: 1. Die 
Entwickelungsanomalie sollte eine Folge der durch den 
Schreck veranlaß ten psychischen Erregung der schwangeren 
Mutter sein. 2. Das Eintreten der Geschlechtsreife soll 
sich bei Marie C. durch 10 Jahre lang sich periodisch 
wiederholendes Nasenbluten verraten haben, heute nach 
Aufhören der Epistaxis treten doch noch die früher jenes 
Nasenbluten begleitenden anderen Symptomenkomplexe 
auf. Diese Symptome sollen abhängig sein von der 
anomalen Entwicklung der Müller'schen Gänge [rudi- 
mentärer Uterus, Vagina], 3. Marie C. empfindet trotz 
Gegenwart von Hoden weiblichen Geschlechtsdrang. 

4. Dieser Geschlechtsdrang ist erst erwacht nach operativer 
Entfernung des rechten Hodens, eine schwer zu erklärende 
Erscheinung. Leichter ist die Veränderung des Charakters 
zu verstehen, die nach der vollständigen Kastration 
eintrat, welche dieses Individuum noch mehr einem weib- 
lichen ähnlich machte. Es ist dies ein Phänomen, wie 
man es öfters bei Männern und Tieren beobachtete nach 
Entfernung der Hoden. Die Kastration dieses Individuum 
schuf solche Verhältnisse, daß es heute nicht gerecht- 
fertigt wäre, eine Rectifikation der Metrik im Standesamte 
zu verlangen: dieses Individuum gleicht heute mehr einer 
Frau, an welcher man einer Castratio uteroovarialis vor- 
genommen hat, als einem männlichen Scheinzwitter. 

5. Die männlichen Scheinzwitter-Hypospadiäen — Andro- 
gynoides — besitzen keine Spermatozoiden, sind also nicht 



— 245 — 

zur Befruchtung einer Frau fähig. — Ein Trugschluß, 
da die Fähigkeit zur Schwängerung in erster Linie von 
dem Entwickelungsgrade der Hoden abhängt, zweitens 
von dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein der 
zugehörigen Emissionswege für das Sperma. Gibt es 
doch zahlreiche Fälle von Schwängerung gerade durch 
einen solchen männlichen Scheinzwitter und auch einen 
Fall wo diese Zwitterbildung sich vom Vater auf den 
Sohn vererbte, welchen ich im vorigen Jahrgange dieses 
Jahrbuches wiedergegeben habe. [Fall von Traxler.] 

Irrtümlich ist ferner auch die Angabe Pozzi's, es 
seien hier zum ersten Male die bei einem Scheinzwitter 
operativ entfernten Geschlechtsdrüsen zur mikroskopischen 
Untersuchung gelangt. Die mikroskopischen Untersu- 
chungen wurden von Dr. L a 1 1 e u x gemacht. Marie C. 
war also ein männlicher Scheinzwitter par erreur de 
s exe als Mädchen auferzogen mit weiblichen Brüsten 
weiblichem Allgemeinaussehen, einer weiblichem Scham, 
Molimina menstrualia, einem Uterus bicornis und weib- 
lichem geschlechtlichem Empfinden. Die beigefügten drei 
Abbildungen entstammen der OriginalbeschreibungPozzi's. 
Zwei von diesen Abbildungen stellen den Uterus rudi- 
mentarius nebst Hoden und Tunica vaginalis vor und 
zwar die Ansicht des postoperativen Präparates von 
vorn und von hinten. Es lag ein Uterus bicornis vor 
mit inguinolabialer Ektopie der beiden Uterushörner und 
descensus retardatus testiculorum. Der anatomische 
Charakter der seinerzeit von Peyrot entfernten Cyste 
blieb zweifelhaft, ich möchte am ersten vermuten, daß es 
sich um eine Cyste des Parovarium handelte oder um 
eine Cyste des Nebenhodens. Die Testikel waren atro- 
phisch, ohne nachweisbare Spermatogenese. In dem von 
Pozzi amputierten Uterushorne fand man keine uterine 
Schleimhaut. 

26) Sa eng er [siehe Kutz: „Über einen Fall von 



— 246 — 

Pseudohermaphroditismus masculinus mit Feststellung 
des Geschlechtes durch Exstirpation eines Leistenhodens •- 
Zentralblatt für Gynaekologie 1898 No. 165 pg. 889]: 
Ein 23jähriges Dienstmädchen wurde S aenger aus der 
Poliklinik überwiesen: erstens wegen absoluter Amenorrhoe, 
zweitens weil alle vier Wochen einige Tage lang an- 
dauernde Schmerzen im Unterleibe, den Leisten und den 
Brüsten sich regelmäßig wiederholten. Diese Schmerzen 
sind in letzter Zeit so stark geworden, daß Patientin ihre 
Arbeitsfähigkeit einbüßte. Allgemeiner Typus weiblich, 
Gesichtsfarbe gesund, Wangen gerötet, das Haupthaar 
in Zöpfe geflochten. Die Brüste wenig entwickelt, aber 
weiblich. Achselhöhlen reich behaart. Schanigegend und 
Perianalgegend spärlich behaart. Hymen intakt, mit enger 
Öffnung, Scheide geräumig, in der Höhe blind geschlossen. 
Kein Uterus per rectum getastet. In der rechten Leisten- 
gegend ein ovaler, glatter, harter Körper, verschieblich, 
hühnereigroß, sehr druckempfindlich und nicht nach der 
Bauchhöhle zu reponibel. Es wurde eine rechtsseitige 
inguinolabiale Hernie des rechten Ovarium diagnosticiert. 
In der linken Leiste fand Sänger ebenfalls eine Hernie, 
welche ein weiches reponibles Gebilde enthielt, in der 
Tiefe eine härtere Masse. Der rechtsseitige Leistenbruch 
soll in frühem Kindesalter aufgetreten sein, der links- 
seitige aber erst nach Beendigung der Schule. Angesichts 
der Schmerzhaftigkeit der rechtsseitigen Hernie führte 
Sänger die Herniotomie aus, indem er darauf rechnete 
es werde vielleicht gelingen das ektopische Ovarium 
zu reponieren und dann den Bruchsack ganz zu schließen. 
Bei der Operation zeigte sich, daß der Bruchsack nichts 
Anderes war, als der Processus vaginalis peritonaei, die 
tunica vaginalis testis communis; das für ein Ovarium 
angesehene Gebilde war ein Hoden. Sänger entfernte 
den Hoden samt dem rudimentären Nebenhoden und Vas 
deferens und schloß die Operationswunde in toto. Dann 



— 247 — 



schritt er zu der linksseitigen Herniotomie und fand dort 
in dem Bruche nur ein Harnblasendivertikel , wie der 
Katheter nachwies. Hernia extraperitonealis vesicae uri- 
nariae. Man fand weder eine Öffnung, welche nach der 
Bauchhöhle zu kommunizierte, noch eine Geschlechtsdrüse 
in dieser Hernie. Der entfernte rechte Hoden enthielt ein 
kleines Fibroadenom, hart und von der Größe einerrHasel- 
nuß. Wahrscheinlich liegt der linke Hoden noch in der 
Bauchhöhle. Über das geschlechtliche Empfinden dieses 
Individuums ist leider in dem Bericht ebensowenig etwas 
gesagt, wie in den'meisten anderen, es heißt nur von der 
Hymenalöffnung, sie sei dehnbar gewesen aber ohne Einrisse. 
27) Sänger [siehe Schultze - Vellinghausen: 
„Ein eigentümlicher Fall von Pseudohermaphroditismus 
masculinus" Zentralblatt für Gynäkologie 1898 No. 51, 
pg. 1377 — 2385]. Eine 32-jährige Lehrerin, welche nie 
menstruiert war, aber alle 3 — 4 Wochen regelmäßig* an 
Unterleibsschmerzen litt, meldete sich bei meinem leider 
zu früh verstorbenen Freunde unvergeßlichen Andenkens, 
Professor Sänger. Im 18. Lebensjahre hatte sie zum 
ersten Male einen Tumor in der linken Leistengegend 
bemerkt, der in der Folge allmählich sich vergrößerte. 
Ein damals konsultierter Arzt sagte ihr, der Tumor sei 
angeboren und enthalte die Gebärmutter. Die Kranke 
konstatierte selbst, daß der Tumor im Laufe der letzten 
5 Jahre um einige Zentimeter an Umfang zugenommen 
hatte und verlangte jetzt dessen Entfernung, weil der 
Tumor ihr beim Gehen hinderlich sei. Allgemeinaussehen 
und Becken weiblich, keine Spur von männlicher 
Behaarung, Brüste klein aber weiblich. Der linksseitige 
Leistenbruch ist irreponibel und reicht nach unten zu bis 
in die linke Schamlefze herab, der Bruchinhalt ist elastisch, 
aber wenig verschieblich. Gesichtsausdruck weiblich ohne 
irgend ein männliches Charakteristikum. Die äußeren Scham- 
teile sind normal weiblich, aber die Schambehaarung sehr 



— 248 — 



spärlich. Die Scheide nur 7 — 8 Zentimeter tief, schließt 
in der Höhe blind. Es wurde weder ein Uterus noch 
eine Spur von Adnexa getastet. Sänger glaubte zunächst 
auf Grund seiner Untersuchung, der in hernia liegende 
Körper sei ein Hoden, es liege also eine erreur de sexe 
1 2 




7 6 5 

Fig. 6. Operativ sub herniotomia Ton Sänger gewonnenes Präparat. 

Ansicht von vorn. 

1 = Uterus, 2 = Hoden, 3 = Tube, 4 = Cyste, 5 = Lig. latnm, 

6 — Amputationsstumpfnache des Uterus, 7 = Bruchsack. 

vor, er glaubte, jenes Gebildein der Hernie sei ein Hoden 
von einer Hydrocele umgeben. Am 13. VII. 1898 voll- 
zog er die Herniotomie, in dem Bruchsacke fand er einen 
ovalen Körper von Gänseeigröße, von glänzender gelblicher 



— 249 — 



Oberfläche, cystisch entartet. Das untere Ende dieses 
Körpers war von einem Gebilde umgeben, welches als 
eine Tube erkannt wurde mit sichtbarem peripheren Ende 
2 1 7 




5 6 

Fig. 7. Dasselbe Präparat von hinten gesehen. 
1 = Uterus, 2 = Hoden, 3 = Peripheres Tubenende, 4 = Cyste, 
5 = Lig. latum, 6 = Amputationsstumpffläche des Uterus, 
~ 7 = Bruohsaok. 

und Fimbrien. Der Bruchinhalt bestand aus jener cysti- 
schen Bildung und einem härtlichen Gebilde einem klein- 
fingerlangem Uterus in Verbindung mit einer Tube. 
Zwischen dem Fundus uteri und jener cystischen Bildung 



— 250 — 

lag noch eine härtliche Masse von unbestimmter Natur 
vielleicht eine Geschlechtsdrüse?] Das Lumen des Leisten- 
kanales erwies sich durch einen secundären EntzUndungs- 
prozeß obliteriert, sodaß es nicht gelang einen Finger in 
die Bauchhöhle einzufuhren. Der Bruchinhalt wurde mit 
Resection des ßruchsackes entfernt, die Wunde in toto 
geschlossen. Der Stiel der entfernten Gebilde retrahierte 
sich etwas in den Leistenkanal, wurde aber wieder^ heraus- 
geholt und in der Leistenkanalmündung eingenäht. Nach 
zwei Wochen verließ Patientin geheilt von ihren Be- 
schwerden das Hospital. [Siehe Fig. 6 u. 7]. 

An dem Präparate fand man das amputierte obere 
Uterusende 5,5 Centimeter lang, 2 Centimeter breit. Die 
rechte Tube hatte 6 und einen halben Centimeter Länge 
und wies kein Lumen auf am peripheren Ende. In 
Mesosalpinge lag die vorerwähnte Cyste, linkerseits vom 
Uterus fand man keine Tube; das ligamentum latum si- 
nistrum war rudimentär. Der amputierte Uterus besaß 
kein Lumen. In der Struktur des Uterus konnten glatte 
Muskelfasern, Bindegewebe und Blutgefäße nachgewiesen 
werden. In den äußeren Schichten der Uteruswand 
fanden sich Längsfasern muskulöser Natur, in den inneren 
Schichten schräg verlaufende Muskeln. Das Ligamentum 
latum enthielt glatte, muskulöse Längsfasern und lockeres 
Bindegewebe. Die Tube erschien wie ein flachgedrückter 
Strang, aber von normalem Bau ihrer Wände. Die Tube 
besaß ein Lumen und war ausgekleidet mit dicht ge- 
drängtem cylindrischem Epithel. Die Cyste erwies sich 
als subserös, das Peritoneum konnte man in Falten ab- 
heben. Die innere Cystenauskleidung bestand aus fibril- 
lärem Bindegewebe mit zahlreichen Gefäßen und ein- 
schichtigem Epithel ohne Spur von Flimmerepithel. 
Trotzdem es nicht gelang, auch nur eine Spur von einem 
^Epoophoron oder Paroophoron zu konstatieren, so han- 
delte es sich doch sicher um eine Cyste, entstanden aus 



— 251 — 

Resten der Urniere, angesichts des analogen Baues dei 
Parovarialcysten. Nirgends fand man eine Spur vor 
Struktur, welche an den Eierstock erinnerte. Der Körper 
welcher zwischen Uterus und jener Cyste lag, wies auj 
dem Durchschnitte überall den mikroskopischen Bai 
eines Hodens auf, trotzdem man nirgends eine Sperma- 
togenese nachweisen konnte. 

Man fand keine Spur von einem Vas deferens, vor 
einer Saraenblase, einer Prostata etc. Es handelt sicr 
also um einen männlichen Scheinzwitter par erreur de 
s e x e als Mädchen erzogen, mit hoher Entwickelung de,i 
Weber'schen Organes, der Müll ergehen Gänge, Uterus 
Tuben und Vagina und weiblicher Bildung der äußerer 
Geschlechtsorgane. Trotz Gegenwart des Hodens resj 
der Hoden vollzog sich die Entwickelung der äußere 
Geschlechtsteile nach weiblichem Typus. In der rechl 
seitigen Leistengegend wurden keinerlei Gebilde getaste 
es scheint^ also, daß rechterseits bisher Krytorchismus voj 
liegt. Sänger fügt der Beschreibung die Bemerkun ; 
hinzu : Als er dieses Individuum zum ersten Mal ansal 
so hielt er es für einen Mann trotz weiblicher Stimrr ; 
und langen Haupthaares und Mangels männlicher G< 
sichtsbehaarung, als er während der Operation in hern 
einen Uterus fand samt Tube und jener Cyste, so glaub : 
er, er habe sich geirrt und die Person sei doch weibliche 
Geschlechtes, erst die mikroskopische Untersuchung wi ; 
nach, daß Sängers erste Vermutung richtig war, dj ; 
tatsächlich eine Erreur de sexe vorlag. Wenn irgei 
ein Fall aus unserer Kusuistik, so ist besonders dies i 
zweite Fall von Sänger lehrreich und muß zu ga i 
besonderer Vorsicht in der Diagnose auffordern, sowc 
vor einer eventuellen Operation als auch während eir i 
solchen und auch nachher. Das Mikroskop allein ka 
in zweifelhaften Fällen Aufklärung geben und leider au 
dieses nicht immer, denn bei rudimentärer Entwickelu ; 



— 252 — 

der Geschlechtsdrüsen wird uns hin und wieder auch 
das Mikroskop die Antwort auf die Frage nach dem Ge- 
schlechte schuldig bleiben, ebenso bei maligner Entartung 
oder Teratom der Geschlechtsdrüse, das mehrmals kon- 
statiert wurde. 

28) Shattock: [Histological characters of testicle 
removed in the Radical eure of hernia „British Medical 
Journal 1897" Vol. I. pg. 460]: Einem 42 jährigen 
Scheinzwitter mit Hypospadiasis penoscrotalis behaftet, 
wurde wegen doppelseitigen Leistenbruches die beider- 
seitige Herniotomie gemacht. Man entfernte beide noch 
in den Leistenkanälen liegenden Hoden [Descensus in- 
completus]. Man fand in den exstirpiertem Hoden weder 
Spermatozoiden noch Spermatoblasten, aber eine sehr 
starke Hypertrophie des Bindegewebes in dem Hoden- 
stroma. Nach der Kastration dieses Individuum ent- 
wickelte sich sehr starke Obesitaet. Ich weiß nicht, ob 
in diesem Falle eine Erreur de sexe vorlag, ob dieser Fall 
bestimmt hierher gehört. 

29) Snegirjow [siehe Blagowolin: Wracz 1893 
[Eussisch] Fall von Hermaphroditismus transversus. Pro- 
tokolle der Geb. Gyn. Gesellschaft in Moskau. Januar 
1893 Nr. I. pg. 2—5]. Eine 25 jährige Köchin trat am 
21. März in die Klinik ein. Niemals Periode oder Mo- 
limina menstrualia. Im 13. Jahre einmal während eines 
Kopfschmerzanfalles etwas Nasenbluten, ein ander Mal 
im Jahre 1892 eine stärkere Nasenblutung. Im 17. Jahre 
heiratete das Mädchen, vollzog schon ein halbes Jahr 
nach der Hochzeit den Beischlaf cum libidine, später 
wurde ihr der Beischlaf gleichgültig, endlich zuwider, 
weil sie sich nach jedem Beischlaf matt, krank und arbeits- 
unfähig fühlte, geplagt von den rheumatischen ähnlichen 
Schmerzen in Kopf und Gliedern. Schon seit Jahren 
perhorresciert sie den Akt des Beischlafes, der zweimal 
jeden Monat stattfindet. Obgleich sie ihren Mann liebt, 




253 — 



so erscheint er ihr verhaßt zur Zeit des Beischlafes, 
welcher für sie eine Qual ist. 

Sie beschreibt diese Qualen so: „Eine ganze Menge 
verschiedenartiger Schmerzempfindungen entströmt einer 
Welle gleich aus dem Unterleibe und richtet sich nach 
dem Herzen zu, wobei ihr vor den Augen dunkel wird 
und sie glaubt das Bewußtsein zu verlieren.* — Seit einigen 
Monaten klagt diese Frau über Kopfschmerz, Schlaf- 
losigkeit und klonische Krämpfe in den Extremitäten; 
diese Krämpfe treten auf ohne irgend eine erklärliche Ur- 
sache. Brüste und Mons Veneris gut entwickelt, Pubes 
weiblich veranlagt. In jeder Schamlefze tastete man ein 
Gebilde, welches 2 / 8 der Schamlefze einnahm, das links- 
seitige Körperchen erschien tiefer herabgesenkt als das 
rechte. Diese Körperchen, taubeneigroß, mit glatter 
Oberfläche, waren elastisch und ausnehmend druckem- 
pfindlich. An der Rückseite eines jeden tastete man ein 
weicheres, nicht druckempfindliches Gebilde. Das rechts- 
seitige Körperchen ließ sich leicht nach oben dislocieren, 
das linksseitige ließ sich nicht in den Leistenkanal hin- 
einschieben. 

Kleine Schamlippen normal, Clitoris nicht vergrößert; 
bei Zurückschiebung der Vorhaut wird die Clitoris 
strotzend, indem sie anschwillt Ein Hymen fimbriatus 
liegt vor, der sich dehnbar erweist. Vestibulum vaginae 
normal. Die Scheide erweist sich als ein glattwandiger 
Kanal, in der Höhe von drei Zoll blind endigend. Weder 
Uterus noch Adnexa per rectum getastet. In der Mittel- 
linie des Beckens tastete man einen gänsefederkieldicken 
Strang. Nach Angabe der Marie X. sollen jene 
Körperchen in den Schamlefzen schon von Kind auf sich 
dort befinden. Allgemeinaussehen weiblich. Man stellte 
hierauf die Diagnose : Def ectus uteri, hernia inguinolabialis 
utriusque ovarii. Am 23. März 1893 vollzog Snegirjow 
die beiderseitige Hernlotomie und fand in jeder Hernie 



— 254 — 

einen Hoden. Das Mikroskop bestätigte die Richtigkeit 
dieser Angabe. Am 7. Tage nach der Operation befand 
sich die Person wohl. Erreur de sexe. 

30) Snegirjow [siehe: Blagowolin 1. c.J vollsog 
in einem anderen Falle, beschrieben von Galaktjonow, 
die beiderseitige Herniotomie bei einem Mädchen: 
Erreur de sexe. Hypospadiasis peniscrotalis. Sne- 
girjow eröffnete die Bauchhöhle, fand dort weder Uterus 
noch Ovarien, exstirpierte hierauf die in den Schamlefzen 
enthaltenen Gebilde, die sich unter dem Mikroskop als 
Hoden erwiesen. 

31) Solowij («Ein Beitrag zum Hermaphroditismus" 
— Monatsschrift für Geb. u. Gynäkologie. Februar 1899 
pg. 210"] R. Ch. 21. Jahre alt, ledig, niemals menstruiert, 
erinnert sich, daß bei ihr von Kind auf in der Gegend 
der Schamfuge zwei Höcker existierten, welche nicht 
schmerzhaft waren. Vor vier Wochen traten plötzlich 
ohne wahrnehmbare Ursache heftige Schmerzen in dem 
rechtsseitigen Höcker auf. Seit dieser Zeit nahm derselbe 
bedeutend an Größe zu und blieb anhaltend schmerzhaft. 
Schlecht genährtes Individuum; Kopfhaare lang, kein 
männlicher Haarwuchs im Gesiebt, Brustdrüsen gut 
entwickelt, Habitus ganz weiblich, Mons Veneris schwach 
behaart; jederseits der Schamfuge liegt in jeder Scham- 
lefze je ein Gebilde, links taubeneigroß, länglich, glatt, 
verschieblich, von ovaler Gestalt, am unteren Ende etwas 
zugespitzt, von innen eine seichte Vertiefung aufweisend. 
Die Schamlefzen verlieren sich auffallend flach nach 
unten. Clitoris zwei Centimeter lang, hat eine undurch- 
bohrte Eichel, von der zwei Falten zu den großen 
Schamlippen ziehen. Kleine Schamlippen fehlen, nur 
linkerseits eine Andeutung vorhanden. Damm 4 Centi- 
meter hoch, gegen den Scheideneingang etwas vertieft. 
Scheide endet in der Tiefe von 5 Centimeter blind. In 
der vorderen Scheidenwand, etwas mehr rechts, verläuft 



— 255 — 

nach oben ein dünner Strang. Unterhalb der H 
röhren mündung befinden sich zwei kleine Schleimhautfa^ 
Durch den Mastdarm fühlt man einen querverlaufen 
mit unerheblichen Verdickungen versehenen Strang, welc 
links etwas breiter endet. Solowij deutete die in ( 
Schamlefzen enthaltenen Gebilde als ektopische Ovari 
wenn er auch die Möglichkeit ins Auge faßte, daß 
etwa Hoden sein könnten. Wegen der schmerzhaft* 
Entzündung der rechten Keimdrüse, welche trotz vie 
wöchentlicher Ruhe und entsprechender Behandlung nicl 
weichen wollte, vollzog er die Exstirpation. Nad 
Spaltung der Haut ließen sich die beiden Keimdrüsei 
mit Leichtigkeit exstirpieren, da die Leistenringe bereits 
verschlossen waren. Schon makroskopisch konnte man 
feststellen, daß es sich jederseits um Hoden und Neben- 
hoden handelte. Das Mikroskop bestätigte diese Er- 
kenntnis: in den Hodenschnitten fand man Samenfäden 
in verschiedenen Graden der Ausbildung. Ebenso typisch 
fielen die Nebenhodenschnitte aus. An mehreren Präparaten 
war auch ein Vas deferens zu sehen. Das Uebrige bildeten 
vielfache Schichten glatter Muskelfasern, eingescheidet 
und durchzogen von reichlichem und zum Teil kleinzellig 
infiltriertem Bindegewebe. Abgesehen von dem wissen- 
schaftlichen Interesse zögerte S. nicht, diese Gebilde zu 
entfernen, seien es nun Hoden oder Ovarien, weil sie für 
die Fortpflanzung des Individuums keinen Wert hatten, 
andererseits die schmerzhafte Entzündung, namentlich 
des rechtsseitigen Gebildes die Entfernung indicierte. 
Erreur de sexe festgestellt auf operativem Wege. 
Solowij erwähnt nichts über das geschlechtliche Empfinden 
der von ihm operierten Person. 

32) Stonham [Complex or vertical Hermaphrodisme. 
Transactions of the Patholog. Society of London. British 
MedicalJournal 1888. I. pg. 416] beschrieb die Genitalien 
eines nach Herniotomie verstorbenen Kindes. Die äußeren 



— 266 — 



Geschlechtsteile männlich bis auf Kryptorchismus, eine 
Prostata war vorhanden, teilweise Hypospadie. Man 
fand zugleich eine Vagina, einen Uterus bicornis, zwei 
Tuben, zwei Hoden und zwei Nebenhoden in der Bauch- 
höhle; letztere Organe lagen an den Stellen, wo bei 
Frauen die Ovarien liegen. Keine Samenbläschen kon- 
statiert. Die Mutter dieses Kindes war 14 mal schwanger, 
hat aber darunter 8 mal abortiert. Zwei Kinder erschienen 




Fig. 8. Genitalien desNambrok Sadinah, eines Straf lings im Ge- 
fangnisse zu Soerabaja, der von S t r a t z für einen männlichen 
Scheinzwitter gehalten wurde. 

als Knaben, aber mit Kryptorchismus behaftet, — falls es 
Knaben waren. Eine Schwester der Mutter galt als 
Hermaphrodit, hat aber in der Folge ein Kind geboren. 
[Siehe auch Referat in Frommel's Jahresbericht für 
1888 pg. 306.] — 

Stratz proponierte einem im Gefängnis zuSörabaja 
internierten Sträfling NambrokSadinah eine diagnostische 



— 257 — 

Incision der Schamlefzen behufs Feststellung des Ge- 
schlechtes, indem er eine erreur de sexe vermutete. 
Der Sträfling ging jedoch ebenso wenig wie die von 
M u n d 6 beschriebene Köchin auf den Vorschlag ein. Das 
Allgemeinaussehen war eher männlich als weiblich, die 
Clitori8 2 — 4 Centimeter lang, die Harnröhrenöffnung 
weiblich, eine Vagina war nicht nachzuweisen, aber es 




Fig. 9. 



existierten große und kleine Schamlippen. Weder Uterus 
noch Ovarien per rectum getastet, in jeder Schamlefze 
lag ein sehr druckempfindliches Gebilde von Haselnuß- 
größe, welches beim Gehen schmerzhaft war. (Siehe 
Fig. 8, 9, 10 Stratz.) 

33) Swiencicki (Nowiny Lekarskie 1896 No. 4. pg. 
176 — 178). Die 23jährige B, J. wurde zu Swiencicki 

17 



Jahrbuch V. 




Kg. 10. 
Äußere Genitalien des Sträflinges Nambrok Sadinah, 



— 259 — 

gebracht behufs Ausführung einer Operation. D 
Centimeter hohe Mädchen machte einen männliche 
druck ihrer Allgemeinerscheinung nach trotz ihres 
rigen Wuchses. Gesichtsausdruck männlich, Hau]: 
kurz geschnitten, Bartanflug im Gesichte. Amasti 
ganz kurzen Brustwarzen, abdominaler, männl 
Athmungstypus, männliches Becken, Mons Veneris l 
angedeutet. Linkerseits vom Schamhügel eine eifön 
nach unten sich erstreckende Anschwellung von 24 C* 
metern Umfang. Median wärts von dieser Anschwell 
die Clitoris von vier Centimeter Länge, einem Pt 
gleichend, aber hakenförmig nach unten gekrüm 
Man entdeckt leicht eine drei Centimeter lauge hyj 
spadische männliche Harnröhre an der Unterfläche dies 
scheinbaren Clitoris. S. tastete in der . stark vergrößert 
rechten Schamlefze in deren oberem Teile Hoden ut 
Nebenhoden von normaler Gestalt. Auch den Samei 
sträng konnte er leicht tasten. Keine Prostata entdeck 
Erektionen vorhanden. Linkerseits fand sich eine Hydro 
cele. S. entleerte durch Paracentese aus dieser Hydroöeh 
etwa zwei Tassen voll einer durchsichtigen serösen 
Flüssigkeit und gelang es ihm nach Entleerung der 
Hydrocele auch linkerseits Hoden und Nebenhoden zu 
tasten, sowie auch den Samenstrang. Die Mutter brach 
in Tränen aus bei Mitteilung des Sachverhaltes der statt- 
gehabten „erreur de sexe", die Tochter jedoch nahm 
jedes Wort von S. mit Begeisterung auf und jauchzte 
vor Freude darüber, daß sie fortan ein Mann sein werde, 
denn sie habe schon seit jeher einen feurigen Drang 
zu Frauen empfunden! Sie liebte Zigaretten zu rauchen, 
hatte einen Widerwillen gegen alles Weibliche, Kleider- 
nähen, Stopfen und Strümpfestricken, rasierte sich heim- 
lich und hatte sogar, wie sie unter vier. Augen eingestand, 
schon im 16. Jahre einen Beischlaf mit einem Mädchen 
versucht, dessen Bett sie zufällig teilte. Die peniscrotale 

17* 



— 260 — 

Hypospadie hatte die erreur de sexe veranlaßt. Hätte 
nicht die einseitige Hydrocele existiert, so wäre wohl 
auch jetzt noch nicht die erreur de 8 exe verraten 
worden. Descensus testiculorum retardatus. Die Person 
sagte aus, sie habe sich oft so unglücklich gefühlt dadurch, 
daß sie als Frau gelten müsse und daß sie sich deshalb 
mit Selbstmordgedanken getragen habe. 

34) Tillaux: [siehe Voelker: Article: Plnis. — du 
Nouveau Dictionnaire de Mldecine : Enfant male pris pour 
une fille]" — ZuTillaux wurde ein 12 jähriges Mädchen 
gebracht mit der Bitte der Mutter, dem Kinde ein Bruch- 
band zuzupassen. Till au x konstatierte das Vorhanden- 
sein eines einseitigen Leistenbruches, gleichzeitig entdeckte 
er in der Hernie ein Gebilde, welches zunächt den Eindruck 
einer Cyste machte. Instinktiv untersuchte er nun auch 
die andere Schamlefze und tastete in derselben ein ana- 
loges Körperchen. Die Sache erweckte in dem Chi- 
rurgen Bedenken : er machte in jeder Schamlefze einen 
diagnostischen Einschnitt und fand Hoden vor, konstatierte 
jetzt auch, daß ein rudimentärer hypospadischer Penis 
existierte und konstatierte also die „erreur de sexe." 

35) G. K. Turner [,A case of hermaphroditisme" 
Lancet 30, VI, 1900 pg. 1884-1885]: Ujähriges Mädchen 
mit einem linksseitigen Leistenbruche geboren. Der Bruch 
erwies sich als irreponibel und das Kind trug auf Ver- 
langen der Ärzte hin ein Bruchband bis zum 12. Jahre, 
obgleich das Bruchband gar keine Linderung brachte. 
Niemals die Regel bisher, die Ärzte diagnostizierten eine 
Labialektopie des linken Ovarium; endlich wurde eine 
Herniotomie beschlossen. Das aus der Hernie entfernte 
Gebilde erwies sich als Hoden und Nebenhoden. 
In letzterem fand man einige kleine Cysten. Das Mi- 
kroskop (Dr. Rolleston) erwies hier die erreur de sexe. 
Turner vollzog dann gemeinsam mit Dr. W. R. Dakin 
eine Narkosenuntersuchung des Kindes: Brustdrüsen gut 



— 261 — 

entwickelt im Vergleich zum Alter des Kindes, 
normal, weiblich, ohne auch nur im geringsten 
Verdacht auf erreur de sexe zu wecken. Die S 
schon behaart, die Harnröhrenmündung, unregelE 
umrandet, wies Karunkelbildungen auf. Die Scheide 
einen Finger ein und erwies sich in der Tiefe blind 
schlössen; keine Vaginalportion eines Uterus gefun 
wohl aber tastete man ein dünneres strangförmiges Geb 
(Tube oder Vas deferens?). Die Scharalefzen er wie 
sich leer. Man fand weder eine Spur von Uterus ni 
von einer Prostata. Das anatomische Präparat des ( 
stirpierten Hodens wurde aufbewahrt im Museum o 
St. Georges Hospital. Das von Turner operier 
Kind hatte bisher keinerlei Hang verraten zu dem eine 
oder zu dem anderen Geschlechte zu gehören und hal 
der Mutter bei der Beaufsichtigung seiner jüngerei 
Geschwister. 

36) Wegradt [Demonstration stereoskopischer Ab- 
bildungen der Präparate, gewonnen sub herniotomia bei 
einem als Mädchen erzogenen männlichen Scheinzwitter — 
in der Ärztlichen Gesellschaft in Magdeburg; — siehe 
Münchener Medizinische Wochenschrift 28. V. 1901]: 
Beiderseitige Herniotomie bei einem Individuum, dessen 
äußere Geschlechtsteile weiblich veranlagt waren. Die 
rechtsseitige Hernie enthielt einen Hoden, die linkseitige 
ein Fibroadenom. [Einzelheiten fehlen in dem Referate]. 

Auf Grund der Ergebnisse dieser Operation wurde 
das Geschlecht als männlich erkannt. 

37) B. Will („Ein Fall von Hermaphroditismus 
masculinus." — D. I. Greifswald 1896) beschrieb die 
erreur de sexe bezüglich der 54jährigen unverehe- 
lichten Kristine W. aus der Umgegend von Greifs- 
wald, welche in die Klinik eingetreten war mit der Bitte; 
sie von einem beiderseitigen Leistenbruche zu befreien. 
Niemals hatte Kristine die Regeln gehabt, wohl aber 



— 262 — 

von dem 17. big zum 40. Jahre allmonatlich ziehende 
Schmerzen im Unterleibe. Körperhöhe groß, Knochen 
und Muskelsystem stark entwickelt Stimme männlich, 
Brüste schlecht entwickelt, Warzen prominent, unbe- 
deutender Bartanflug im Gesicht. Schamgegend sehr 
spärlich behaart, große und kleine Schamlippen von nor- 
maler Gestalt, Scheidenöffnung eng, die Scheide in der 
Höhe von anderthalb Zentimetern blind geschlossen, die 
Harnröhre ist aber so stark erweitert, daß sie ohne Weiteres 
die Spitze des großen Fingers einläßt. Per rectum tas- 
tete man weder Uterus noch Geschlechtsdrüsen, sondern 
nur einen bleistiftdicken Strang von der Mittellinie nach 
links zu verlaufend. Jederseite in der Leistengegend ein 
Tumor, linkerseits deutlicher als rechterseits ; ein jeder 
Tumor schien aus zwei Anteilen zu bestehen; der link- 
seitige Tumor bestand aus einem hühnereigroßen fluk- 
tuierenden Anteile und einem kleineren härteren von 
Taubeneigröße, der bis in die Schamlefze herabreichte. 
Der obere flüssigkeitserfüllte Tumor hing strikt mit dem 
unteren weicheren zusammen. Der rechtsseitige Tumor 
war kleiner, ließ sich teilweise reponieren und bestand 
ebenfalls aus einem fluktuierenden und einem weicheren 
Anteil. Außer dem Tumor existierte auch ein Leisten- 
bruch. Nach Reposition des Bruches drang der Finger 
in den Leistenkanal ein. Man machte linkerseits einen 
Einschnitt parallel dem Poupart'schen Bande, unterband 
die blutenden Gefäße und legte den Tumor bloß, wobei 
einige Unzen einer klaren, serösen Flüssigkeit abflössen 
Auf der äußeren Kuppe des glattwandigen, harten Tu- 
mors von rosenroter Farbe hing eine taubeneigröße 
Cyste mit durchsichtigen Wänden. Man zog den Tumor, 
soweit es anging aus dem Leisterikanale heraus, unter- 
band den Stiel, durchschnitt ihn dann, fixierte ihn durch 
einige Seidennähte unter gleichzeitiger Vernähung des 
Leistenkanales und schloß dann die Hautwunde mit 



— 263 — 

8 Nähten. Rechterseits könnte nach Entfernung 
Tumors der Finger bequem in die Bauchhöhle eindrii 
linkerseits gelang das nicht. Prima reunio vulne: 
Kristine W. wurde am 7. I. 1896 geheilt entlas 
Erst die mikroskopische Untersuchung der entfernten 
bilde wies hier eine erreur de sexe nach. Der lic 
seitige Tumor hatte vier und einen halben Zentinu 
Länge und zwei und einen halben Breite, der rech 
seitige fünf und einen halben und zwei und einen halb 
Zentimeter Länge und Breite. Die Tumoren waren jed 
von einer mehrschichtigen Bindegewebskapsel umhül 
die Schnittfläche sehr uneben, für den Hoden charakt 
ristisch. Die Farbe des Durchschnittes war bronzero 
Auf dem linken Hoden saß eine kleine Cyste gestielt au 
auf dem rechten eine ebensolche ungestielt. Wo de 
Nebenhoden am linken Hoden liegen sollte, sieht man eil 
härtliches, bohnengroßes Gebilde, auf dem Durchschnitt 
den drüsigen Bau verratend. Sonst fand man keinerlei 
Spuren von Nebenhoden oder Vasa deferentia. W. gibt 
eine sehr detaillierte Beschreibung der mikroskopischen 
Präparate, die ich hier nicht wiederholen will; es genüge 
zu wissen, daß die Untersuchung eine erreur de sexe 
konstatierte. Der rechte Hoden war fibrös degeneriert. 
Kristine besaß also Hoden, hatte aber keine Aus- 
führungsgänge für deren Produkt wegen Obliteration der 
Wolff sehen Gänge. Das geschlechtliche Empfinden der 
Kristine W. war ein rein männliches, doch folgte sie 
dem Beispiele anderer Frauen und kohabitierte mit 
Männern, aber ohne jede Libido. Obgleich sie eine rudi- 
mentäre Scheide besaß, so benützte sie doch für den 
Beischlaf die Harnröhre, welche mit der Zeit dadurch 
sehr erweitert wurde. Kristine empfand nur einen 
auf Frauen gerichteten, also männlichen Geschlechts- 
drang, hat es jedoch nie gewagt, einen Beischlaf mit 
einem Weibe zu versuchen. 



— 264 — 

38) v. Winckel soll ein Mädchen von männlichem 
Aussehen beschrieben haben, weiblicher Kopfbehaarung, 
gut entwickelten Schamlefzen und Clitoris peniformis 
Eine spätere Herniotomie soll erreur de sexe, also 
männliches Geschlecht, erwiesen haben, indem die aus 
den Schamlefzen entfernten Gebilde sich als Hoden er- 
wiesen. Persönlich habe ich die Beschreibung eines 
solchen Falles aus v. Winkels Feder stammend nirgends 
finden können, erwähne aber diesen Fall, weil er von 
anderen Autoren erwähnt wird. 
<. [Sollte der Fall vonShattock sich nicht auf eine 
erreur de sexe beziehen, resp. auf einen irrtümlich als 
Mädchen erzogenen männlichen Scheinzwitter, so wäre 
. dieser Fall aus vorstehenden 38 Fällen zu eliminieren. N.j 

Zweite Gruppe. 

Vier Herniotomien bei weiblichen Scheinzwittern mit 
2 Fällen von irrtümlicher Geschlechtsbestimmung. 

1) Brohl („Hernia uteri bei Pseudohermaphroditimus 
femininus" — Deutsche Medicinische Wochenschrift 
1894 No.: 15.) Eine 36 jährige Person, seit dem 18. 
Jahre normal menstruiert, die sich stets für eine Frau 
gehalten hatte, wünschte sich zu verheiraten. Gesicht 
und Behaarung, Stimme und Kehlkopf männlich, Bart- 
wuchs ausgesprochen, Brüste aber weiblich. Clitoris 65 



Anmerkung: Beiläufig erwähne ich folgenden Fall von 
Pozzi u. Grattäry (Progres mädical 16. IV. 1887. — ^Referat: 
Repertoire Universel d'Obst. 1887 p. 467): Eine 69 jährige Frau 
wurde wegen Einklemmung eines Leistenbruches in das Hospital 
gebracht und starb trotz Reduktion des Bruches, welche Marchand 
vollzog, infolge Peritonitis. Die Nekropsie erwies eine „Erreur de 
sexe." Hypospadiasis peniserotalis, in den Hoden Spermatozoiden 
gefunden. Kein Uterus vorhanden, Behaarung spärlich, Allgemein- 
aussehen männlich. 



— 265 — 

Millimeter lang, wird sub erectione 11 Centimeter lang! 
Große Schamlippen gut entwickelt, die kleinen mangel- 
haft. Scheideneingang von einem Hymen garniert. Die 
linke Schamlefze enthält einen Tumor, welcher seit 1881, 
also seit 13 Jahren schon, der Dame viele Schmerzen 
verursacht. Dieser Tumor soll plötzlich erschienen sein 
nach Aufheben einer schweren Last. Da der Tumor 
während der Regel an Größe zunahm, also offenbar 
anschwoll, vermutete man, es handle sich um eine Hernia 
uteri und ovarii. Von diesem Tumor zog eine Art 
Strang nach dem Leistenkanale zu. Da eine Reduction 
der Hernie nicht gelang, so machte Brohl die Hernio- 
tomie: er fand in dem Bruchsacke den Uterus und beide 
Ovarien. Er amputierte den ektopischen Uterus au niveau 
des Collum uteri und fixierte den Stumpf in der Inguinal- 
wunde mit einigen Nähten. Nach 5 Wochen verließ das 
Mädchen das Hospital kastriert und von den Beschwerden 
befreit. Der linke Eierstock war atrophisch, der rechte 
lag in ligamento lato. Beide Tuben waren bedeutend 
erweitert. Der Uterus war bicornis und die Höhle durch 
ein Septum im oberen Teile zweigeteilt. Collum uteri 
stark verlängert — (wohl infolge der Ektopie des Fundus 
? — N) — Weder Hoden noch Nebenhoden noch Prostata 
gefunden. Es handelte sich also um eine im extrauterinen 
Leben erworbene Hernia inguinolabialis uteri bicornis et 
utriusque ovarii bei ganz ungewöhnlicher Hypertrophie 
und Erektilität der Clitoris und einigen männlichen 
secundären Geschlechtscharakteren. — [Wäre es nicht 
rationeller gewesen, den Leistenkanal soweit als nötig zu 
spalten und die ektopischen Gebilde in die Bauchhöhle 
zu reponieren? — N.] — 

2) P<*an (Bulletin M^dical, 3. April 1895 — und — 
Gazette des Höpitaux 1896 No.: 41) Ein 15 jähriges 
Mädchen wurde schon seit drei Jahren in ihrem Aussehen 
immer mehr und mehr männlich, es trat Stimmbruch ein, 



— 266 — 

die Stimme wurde männlich, es trat männliche Gesichte- 
behaarung auf, es traten Erektionen der Clitoris ein! 
Ein Arzt schickte das 15jährige Mädchen nach Paris, 
wo eine erreur de sexe konstatiert wurde, das Ge- 
schlecht für männlich erklärt. Das bisherige Mädchen 
erhielt männliche Kleider und sollte nun einen männlichen 
Beruf erlernen. Der Junge fand aber an männlicher Be- 
schäftigung keinen Gefallen, er wurde von einem Meister 
zum anderen gebracht in verschiedenen Handwerken, 
wollte aber nicht lernen. Endlich klagte er über allmonatlich 
sich wiederholende Schmerzen im Unterleibe. Einer 
seiner Lehrmeister schöpfte Verdacht, ob der Junge nicht 
doch ein Mädel sei und nun wurde das Kind zum zweiten 
Male nach Paris gebracht behufs erneuter Untersuchung 
und zwar zu Pe"an. Pe"an konstatierte eine Hypos- 
padiasis peniscrotalis und Kryptorchismus und vollzog 
einen Einschnitt in den Leistengegenden wie bei Herniotomie, 
um die Hoden aufzusuchen, fand aber nicht einmal die 
Oeffnungen der Leistenkanäle da, wo sie sein sollten. 
Er eröffnete jetzt die Bauchhöhle, holte ein Organ hervor, 
das er anfänglich für einen Hoden gehalten hatte, es war 
der Uterus; daneben lag die rechtsseitige Tube, regelmäßig 
geformt, er fand endlich auch die linksseitigen Adnexa, 
aber weder Prostata noch Samenblasen. Er beschloß 
nunmehr, da eine erreur de sexe sich ergeben hatte, 
auf plastischenrWege eine Vagina zn bilden, um einen 
Kanal zu schaffen, durch den im Falle von Entstehung 
einer Hämatom etra das Blut nach außen abgeleitet werden 
konnte, er mußte jedoch auf diesen Plan verzichten, da 
die Harnröhrenwand zu nah der vordem Mastdarmwand 
anlag. Er fürchtete auch die Corpora cavernosa penis 
resp. clitoridis dabei zu verletzen. Er diktierte also nur 
die einmal gesetzte Wunde zwischen Urethral mündung 
und Analmündung, indem er darauf rechnete, wenn das 
Mädchen einmal heirate, so werde der Gatte allmählich 



— 267 — 

den heute geschaffenen Recessus erweitern per cohabita- 
tiones. Endlich fügte er noch den Bauchschnitt hinzu 
und entfernte beiderseits die Uterusadnexa, um der 
Bildung einer Hämatometra, Hämatosalpinx, Hämatocele 
vorzubeugen. Cornil und Briault konstatierten mikros- 
kopisch am Präparat, daß die Geschlechtsdrüsen wirklich 
die Ovarien waren. Es handelt sich also um einen weib- 
lichen Scheinzwitter mit Def ectus vaginae, hypertrophischer 
erectiler Clitoris, allgemeinem männlichen Aussehen, 
Behaarung, Andromastie etc. In diesem Falle würde 
wohl ein jeder Gynäkologe denselben diagnostischen 
Fehler gemacht haben wie P£an. Interessant ist, daß 
das Kind gleich nach seiner Geburt richtig als Mädchen 
erkannt und auch als Mädchen getauft wurde, die 
Aenderung der Metrik in späteren Jahren in eine männliche 
falsch war. — Dieser Fall steht, was mehrfache Änderung 
der Metrik anbetrifft, nicht einzig da! 

3) Sujetinow [Medicinskoje Obozrenje [Russisch] 
1897 pg.] beschrieb eine 45 jährige Frau, welche in 
jüngeren Jahren zwei Jahre lang unregelmäßig ihre 
Menstruation gehabt haben soll, später aber gar keine. 
Männliche Gesichtsbehaarung mit Schnurrbart und Backen- 
bart; Andromastie, männliches Becken, männlicher Typus 
der Extremitäten. Rechterseits ein reponibler Leisten- 
bruch. Die rechte Schamlefze enthält ein Gebilde von 
der Gestalt eines Hodens, von letzterem zieht eine Art 
Strang nach dem Leistenkanale hin. Clitoris 5 Zentimeter 
lang und zwei Zentimeter dick, macht eher den Eindruck 
eines hypospadischen Penis. Kleine Schamlippen fehlen 
ganz. Die Scheide eng, in der Tiefe blindsackartig ge- 
schlossen, läßt den Finger nicht ein. Per rectum keinerlei 
charakteristischen Gebilde getastet, bezüglich Ent- 
scheidung fraglichen Geschlechtes. Es wurde später bei 
Incarceration die Herniotomie gemacht. Das in der einen 
Schamlefze enthaltene Gebilde war der Eierstock und 



— 268 — 

der Strang die Tube. Es handelte sich also um einen 
weiblichen Scheinzwitter mit Hernia uteri, salpingis et 
ovarii lateris dextri, hypertrophischer erectiler Clitoris 
und zahlreichen männlichen secundären Geschlechts- 
charakteren bei mangelhafter Ausbildung der Müll erWien 
Gänge, sowie Mangel der kleinen Schamlippen. (In dem 
Referate [Journal für Geburtshülf e und Frauenkrankheiten. 
Petersburg 1898 pg. 248] ist leider nicht gesagt, ob eine 
mikroskopische Untersuchung der Geschlechtsdrüse vor- 
genommen wurde oder nicht, welche für die endgültige 
Entscheidung des Geschlechtes ein wichtiges Desiderat 
sein muß, da makroskopisch man sich mehr als leicht in 
solchen Fragen irren kann. N.). 

4) Walther [Bulletins et M&noires de la Soctete 
de Chirurgie der Paris 1902, Tome XXVIH. No. 31 pg. 
938 und N: 32 pg. 972]: „ Anomalie genitale" — Höchst 
interessante Beobachtung von erreur de sexe. Ein 
24j ähriger Sattler trat in das Hospital de la Piti£ ein 
am 3. IX. 1902 und verlangte operative Abhilfe wegen 
Mißgestaltung seiner Geschlechtsorgane. Gleich nach der 
Geburt war sein Geschlecht als weiblich bestimmt worden, 
später wurde jedoch auf den Rat eines Arztes hin die 
Metrik in eine männliche geändert. Am 4. März 1902 
stellte Petit dieses Individuum in der Soci£t£ M^dicale 
des Höpitaux vor. Die äußeren Geschlechtsteile sehen 
aus wie bei Hypospadiasis peniscrotalis oder wie eine 
Vulva mit bedeutender Clitorishypertrophie. Das Scrotum 
fissum resp. die Schamlefzen leer, aber dicht unterhalb 
der äußeren Öffnung des rechtsseitigen Leistenkanals 
fühlte man ein kleines eiförmiges Körperchen, eine weiche 
Inguinalhernie, in der man ein härteres Gebilde tastete, 
das den Eindruck einer Geschlechtsdrüse machte und 
sehr druckempfindlich war. Eine ähnliche Hernie mit 
einem analogen Körperchen wurde nun auch links getastet. 
Per rectum waren keine für das eine oder andere Ge- 




— 269 — 

schlecht charakteristischen Gebilde zu tasten. Das Aus- 
sehen dieses Individuum war weder männlich noch weib- 
lich, sondern gemischt. Man bemerkte eine gewisse Infan- 
tilität der Entwickelung, keine Spur von Gesichtsbehaarung 
trotz des Alters von 24 Jahren. Becken und Brüste 
weiblich, Taille eher männlich, Stimme indifferent, weder 
männlich noch weiblich. Den Harn gibt der Sattler nach 
Frauenart ab; seit dem 16. Jahre sollen alle Monate 
etwa 160 Gramm Blut aus der Harnröhre entleert werden, 
die Blutung dauert jedesmal 2 — 3 Tage, die Blutaus- 
scheidung ist jedesmal begleitet von Anschwellen der in 
den Leisten getasteten Gebilde (der Ovarien?) — Trotz 
dieser anscheinenden Menstruation ist der Geschlechtstrieb 
rein männlich, sowie auch der Sattler von seinem männ- 
lichen Geschlechte überzeugt ist. 

Der Penis fissus hypospadiaeus verrät sofort Erektio- 
nen, wenn der Sattler sich in weiblicher Gesellschaft 
befindet und nur die Krümmung nach abwärts zu ist 
die Ursache, weshalb der Sattler bis jetzt noch keinen 
Beischlaf mit einer Frau versucht hat. Während der 
Erektionen kommt es zur Ejakulation einer klebrigen 
Flüssigkeit, in der jedoch Laignel-Lavastine keine 
Spermatozoiden fand. Einige Tage nach dieser Demon- 
stration vollzog Walther die beiderseitige Herniotomie 
und fand rechterseits einen atrophischen Eierstock und 
die rechte Tube, die er in die Bauchhöhle zurückschob, 
den Inhalt des linksseitigen Bruches trug er ab; es war 
das zusammengeknickte Mittelstück der linken Tube, 
deren Abdominalende sowie das uterine in der Bauch- 
höhle lagen — eine Sactosalpinx verbacken mit dem 
sklerotischen Ovarium, das cystisch entartet war, und 
mit dem Netz. Der linke Eierstock enthielt ein Corpus 
luteum. Die operative Entfernung dieser Gebilde war 
sehr schwierig. Walther fügte einen kleinen diagno- 
stischen Leibschnitt hinzu um den Zustand des Netzes zu 



— 270 — 

kontrollieren, das er in vier einzelnen Bündeln unterbunden, 
teilweise hatte abtragen müssen, sowie die swei Stümpfe 
der linksseitigen Adnexa, und fand bei dieser Gelegenheit 
einen kleinen Uterus vor. Die Herniotomie konstatierte 
hier also weibliches Scheinzwittertum bei einem Indivi- 
duum, das absolut den Eindruck eines Mannes machte. 
In der Diskussion hatten vor Ausführung dieser Operation 
sowohl Lucas-Championni£re als auch F£lizet dieses 
Individuum mit aller Bestimmtheit für einen Mann erklärt. 
Bruno T. Carreiro: „Pseudohermaphrodismo 
androgynoide on un caso de supposto hernia inguinal 
d'ovario." O Correio med. de Liaboa. Octob. 1896 p. 
149. [Da mir der Aufsatz nicht zugänglich, vermag ich 
keinerlei Einzelheiten anzugeben.] 

Dritte Gruppe. 

13 Leistenschnitte bei Männern resp. männlichen 
Scheinzwittern mit Konstatierung eines mehr oder 
weniger entwickelten Uterus oder einer oder der bei- 
den Tuben in hernia resp. in der Bauchhöhle. 

1) Billroth (siehe Klotz: „Extraabdominelle 
Hystero-Ovariotomie bei einem wahren Zwitter" Archiv 
für klinische Chirurgie Vol. XXIV pg. 454 — 1880 — 
siehe Referat: Zentralblatt für Gynäkologie, 1880 No. 1. 
pg. 15) (siehe Fig. 19 u. 20). Ein 24 jähriger jüdischer 
Kaufmann, Israel Jaroszewski aus Rußland, kam zu Bill- 
roth wegen einer Leistenhernie. Billroth konstatierte 
eine Hypospadiasis peniscrotalis mit einer Pseudovulva 
mit großen und kleinen Schamlippen und weiblicher 
Urethralmündung. In der linken Schamlefze lag ein 
Hode, Nebenhode und Samenstrang, rechterseits jedoch 
enthielt die Schamlefze einen Tumor und wies eine Fistel- 
öffnung in ihren Hautdecken auf, welche eine Sonde 
einige Millimeter tief einließ. Der Tumor soll nach 



— 271 — 

Aussage ^deö^Patienten schon viele, viele Jahre existieren, 
fing jedoch erst im 16. Jahre an, sich zu vergrößern und 
von eben diesem 16. Jahre an. bekam Israel J. alle vier 
Wochen periodisch starke Schmerzen im Kreuz und diverse 
Molimina, welche jedesmal 4 — 10 Tage anhielten. Während 
dieser Schmerzperiode entleerte sich stets Blut sowohl 
aus der Harnröhre als auch aus der vorgenannten 
Fistel des rechten Labium pudendi majus. Diese Blutung 
wiederholte sich alle Monate und dauerte gewöhnlich 
vier Tage. Israel verfiel sowohl infolge seiner Leiden, 
sowie auch infolgedessen, daß er sich angesichts seiner 
genitalen Mißbildung nicht verheiraten konnte, in einen 
Zustand von Melancholie, welche sich mit der Zeit so 
steigerte, daß er sich sogar mit Selbstmordsgedanken 
getragen hatte. Er gestand ein, geschlechtlich sowohl 
mit Knaben als auch mit Mädchen verkehrt zu haben, 
wobeier Erektionen und Ejakulationen hatte. Billroth 
konstatierte zunächst einen rechtzeitigen Leistenbruch, 
der aber keinen Darm zum Inhalte hatte, wie ihm schien, 
und setzte ein Neoplasma des rechten Hodens voraus. 
Am 25. Juli 1878 schritt er zur Herniotomie. Er fand 
in dem Bruchsacke eine cystische Bildung, deren Stiel 
in den Leistenkanal hineinreichte. Er unterband diesen 
Stiel, wobei er teilweise die Bauchhöhle öffnen mußte, 
unter sehr starker Blutung. Er durchschnitt dann den 
Stiel und unterband die Gefäße einzeln und vernähte 
dann die Hautdecken wunde. Nach zwei Tagen erfolgte 
unter Kollapserscheinungen der Tod. Als Ursache ergab 
sich eine Blutung in die Bauchhöhle hinein infolge von 
Abgleitens einer arteriellen Ligatur. Die Sektion des 
Leichnames wurde von Chiari gemacht. Die Brüste 
waren groß, weiblich, in der linken Schamlef ze fand man 
Hoden, Nebenhoden und Samenstrang von normaler 
Anlage, der exstirpierte Tumor bestand aus mehreren 
Teilen : es hatte eine hernia inguinolabialis uteri unicornis 



— 274 — 

der Samenblasen und der Prostata. Eine Erklärung der 
allmonatlichen Blutungen ex Urethra und aus der Fistel 
im rechten Labium majus steht aus. Geschlechtsdrang 
männlich. (Siehe Fig. 11 u. 12). 

2) Bö ekel [„Exstirpation d'un uterus et d'une trompe 
herntee chez un homme". Acad&nie de M&iecine de 
Paris. 19. Avril 1892. — Semaine M^dicale 1892 Vol. XIL 
pg. 146]: Bö ekel fand in einer Inguinolabialhernie bei 
einem männlichen Individuum . einen Uterus bicornis, 
welcher eine Höhle enthielt, eine Tube und einen Hoden 
samt Nebenhoden und Vas deferens, welche letzteren Ge- 
bilde im Ligamentum latum gelagert waren. [Da mir die 
Arbeit von Böc.kel nicht vorliegt, so muß ich mich auf 
das kurze Referat von Prof. Stumpf beschränken]. 

3) Carle [siehe Grüner: „Utero e. trombe di Fal- 
loppio in un uomo* — Giornale della Reale Academia 
di Torino. — 1897 Anno LX. pg. 229 und pg. 257—286]. 
Die mikroskopische Untersuchung wurde im Laboratorium 
des Professors Giacomini gemacht. Am 9. November 
1894 trat ein 36-jähriger Telegraphist in die chirurgische 
Klinik von Carle in Turin ein wegen eines links- 
seitigen Leistenbruches, der vor einem Monate erst unter 
heftigen Schmerzen entstanden war. Der Kranke selbst 
glaubte, der linke Hoden habe sich vergrößert und sei 
härter geworden. Carle machte die Herniotomie und 
fand in hernia einen nicht schmerzhaften, beweglichen 
Körper von Hühnereigröße, welcher sich leicht reponieren 
ließ auf dem Wege der Taxis. Der Patient vertrug ab- 
solut ein Bruchband nicht und kam deshalb in das Hospital, 
Der Hodensack enthielt nur den linken Hoden und ober- 
halb dieses linken Hodens jene reponible Hernie, einen 
Tumor. Nach zwei Monaten kehrte der Patient am 
26. IV. 1894 wieder in die Klinik zurück und wurde 
jetzt die Hernitomie gemacht mit gleichzeitiger Eröffnung 
der Bauchhöhle. Man überzeugte sich hierbei, daß dieser 



— 273 — 

Hypothese aus! Nach unseren [heutigen Kenntnissen ist 
ein derartiges Vorkommnis beim Menschen bisher über- 
haupt nicht zweifellos erwiesen worden. Es scheint viel- 
mehr, daß es sich um einen cystisch degenerierten rechten 
Hoden handelte. Scham behaarung weiblich, die allgemeine 
Behaarung jedoch sowie die des Gesichtes männlich, 



Ftg. .£. 




Fig. 12. Äußere Genitalien desselben Individuum bei Spreizung der 

Pseudovulva. 

a, b = Geschlechtssäcke (Scrotalhälften), c = Geschlechtsglied, 

d = Frenulum, f=Orificiimi sinus urogenitaiis, g = Präputium, 

h = Nymphen, i = fistulöser menstruierender Ausfuhrungsgang 

der in hernia inguinoscrotali liegenden Uterushälfte. 



Hypospadiasis peniscrotalis; Penis 8 Centimeter lang. 
Keine Prostata gefunden, linker Hoden normal. Das 
Ergebnis der Sektion lautete: Uterus unicornis hohen 
Entwickelungsgrades samt Vagina und Hymen — der 
Uterus teilweise in hernia inguinali liegend — bei einem 
männlichen Hypospaden mit Mangel eines Vas deferens, 

Jahrbuch V. 18 



— 274 — 

der Samenblasen und der Prostata. Eine Erklärung der 
allmonatlichen Blutungen ex Urethra und aus der Fistel 
im rechten Labium tnajns steht aus. Geschlechtsdrang 
männlich. (Siehe Fig. 11 u. 12 j. 

2) Bö ekel [„Exstirpation d'un utärus et d'une trompe 
herni£e chez un homme". Acad£mie de Mldecine de 
Paris. 19. Avril 1892. — Semaine Mädicale 1892 Vol. XII, 
pg. 146]: Bö ekel fand in einer Inguinolabialhernie bei 
einem männlichen Individuum . einen Uterus bicornis, 
welcher eine Höhle enthielt, eine Tube und einen Hoden 
samt Nebenhoden und Vas deferens, welche letzteren Ge- 
bilde im Ligamentum latum gelagert waren. [Da mir die 
Arbeit von Böc,kel nicht vorliegt^ so muß ich mich auf 
das kurze Referat von Prof. Stumpf beschränken]. 

3) Carle [siehe Grüner: „Utero etrombe di Fal- 
loppio in un uomo* — Giornale della Reale Academia 
di Torino. — 1897 Anno LX. pg. 229 und pg. 257—286]. 
Die mikroskopische Untersuchung wurde im Laboratorium 
des Professors Giacomini gemacht. Am 9. November 
1804 trat ein 36-jähriger Telegraphist in die chirurgische 
Klinik von Carle in Turin ein wegen eines links- 
seitigen Leistenbruches, der vor einem Monate erst unter 
heftigen Schmerzen entstanden war. Der Kranke selbst 
glaubte, der linke Hoden habe sich vergrößert und sei 
härter geworden. Carle machte die Herniotomie und 
fand in hernia einen nicht schmerzhaften, beweglichen 
Körper von Hühnereigröße, welcher sich leicht reponieren 
ließ auf dem Wege der Taxis. Der Patient vertrug ab- 
solut ein Bruchband nicht und kam deshalb in das Hospital, 
Der Hodensack enthielt nur den linken Hoden und ober- 
halb dieses linken Hodens jene reponible Hernie, einen 
Tumor. Nach zwei Monaten kehrte der Patient am 
26. IV. 1894 wieder in die Klinik zurück und wurde 
jetzt die Hernitomie gemacht mit gleichzeitiger Eröffnung 
der Bauchhöhle. Man überzeugte sich hierbei, daß dieser 




- 275 — 

Mann einen Uterus samt zwei Tuben besaß, deren linke 
in jener Hernie lag. Beim Leistenschnitte erwies sich 
der linke Hoden pathologisch entartet und wurde deshalb 
abgetragen. Oberhalb des Hodens fand sich ein läng- 
liches Gebilde, welches durch den Leistenkaual hindurch 
sich in die Bauchhöhle fortsetzte. Es war dies eine Tube, 
welche mit dem Hoden durch einen fibrösen Strang in 
Verbindung stand. Bei Eröffnung der Bauchhöhle vom 
Leistenschnitte aus fand sich ein Uterus auf der rechten 
Fossa iliaca gelagert und die zweite Tube. — Neben der 
linken Tube fand sich das linke Vas deferens. Der 
Uterushals stand nach unten zu im Cavum rectovesicale 
mit der Prostata in Verbindung. Es wurde der Hoden 
linkerseits abgetragen samt dem Uterus, die Wunde ge- 
schlossen. Wegen postoperativen Fiebers wurde die 
Wunde wieder geöffnet, es fand sich aber kein Eiter; 
die Wunde heilte per secundam intentionem. Später 
erfuhr Giacomini, daß dieser Mann gestorben sei 
infolge eines intraabdominellen Tumors (?) und zwar 
nach Heimkehr in sein Haus. Von der Frau dieses 
Telegraphisten erfuhr er, daß ihr Mann normalen Verstand 
hatte und gutmütigen Charakters war, daß er seinen 
ehelichen Pflichten regelmäßig nachkam, aber die Ehe 
war eine kinderlose; weiter erfuhr er, daß, soweit der 
Frau bekannt, ihr Mann niemals genitale Blutungen ir- 
gend welcher Art gehabt hatte. Bei der Operation war 
die linke Tube, ein Uterus bicornis und das zentrale 
Ende der rechten Tube entfernt worden. Grüner, welcher 
das postoperative Präparat untersuchte, gibt die Ab- 
bildung von vorn und von hinten gesehen, und Bilder 
der mikroskopischen Schnitte von Uterus, Tube und Vas 
deferens und eine sehr detaillierte Beschreibung. Uterus 
und Tuben viabel, linke Tube 8 Centimeter lang, 7 Milli- 
meter im Umfange. Bezüglich des Tumors der ent- 
arteten linksseitigen Geschlechtsdrüse konnte das Mikros- 

18* 



— 276 — 

kop einen sicheren Entscheid nicht geben, O. rechnete 
diesen Tumor zu den Teratomen. Per i preparati fatti 
dal tumore PA. lo ascrive alla categoria dei tumori da 
resti fetali in prolif erazione : Questi appartenavo con tutta 
probilita ad una ghiandola sessuale gia, differenziate in 
testicolo,* 6. gibt an, er sei absolut nicht im Stande, 
auf Grund der sorgfältigsten mikroskopischen Unter- 
suchung in diesem Falle zu entscheiden, ob der Tumor 
aus einem Hoden oder einem Ovarium entstanden war. 
Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte es sich doch um 
einen degenerierten Hoden gehandelt haben. 

4) D e r v e au, Uterus, trompe et testicule contenus dans 
une hernie inguinale cong£nitale chez un homme" — 
Cercle M&iical de Bruxelles 5. IV. 1902 — siehe: Re- 
ferat: Zentralblatt für Chirurgie Vol. XXVUI. pg. 952J. 
Bei einem 69 jährigen Manne, der Ejakulationen hatte 
und aus dessen Ehe 6 Kinder hervorgegangen waren, 
fand Derveau bei der Operation eines angeborenen 
Leistenbruches im Bruchsacke einen Uterus, Tuben und ein 
scheidenähnliches Gebilde, welches wahrscheinlich in die 
Harnröhre mündete. Der Hodensack enthielt außer der 
Hernie keinen Inhalt, in jedem der ligamenta lata fand 
sich ein normaler Hode. Die Blase kam während der 
Operation nicht zu Gesicht. Über den Zustand der äußeren 
Genitalien wird nichts berichtet, schreibt Mohr in dem 
Referate; ich schliesse daraus, daß wahrscheinlich der 
Penis normal gebildet war. Kryptorchismus bilateralis 
bei hochgradiger Entwickelung der Müller'schen Gänge. 

5) Fantino (Giuseppe): Der Prof essor der Gynäko- 
logie Fantino in Bergamo teilte mir am 10. III. 1902 
brieflich mit, er habe am 5. III. bei einem Manne in 
hernia inguinali im Bruchsacke einen Uterus gefunden 
mit beiden Tuben und zwei Hoden. Der linksseitige 
Leistenkanal war leer. (Der Fall scheint bis jetzt noch 
nicht publiziert zu sein.) 



277 — 



6) Filippini [H Morgagni. Dicembre 1900 — 
siehe Referat: Münchener Medizinische Wochenschrift 
1901 No. 10 pg. 403] beschrieb einen Fall von angeblich 
wahrem Zwittertume: Er fand bei einem 23 jährigen 
Manne bei Operation eines rechtsseitigen Leistenbruches 
in hernia einen Uterus und eine Tube und angeblich 
eir^Ovarium, während linkerseits im Scrotum ein Hode 
lag. Die Allgemeinerscheinung dieses Mannes war rein 
männlich. Offenbar liegt hier ein Irrtum in der mikros- 
kopischen Deutung der rechtsseitigen Geschlechtsdrüse 
vor. [Leider bin ich nicht im Besitz der Original arbeit, 
das Referat ist aber so kur«, daß damit nicht viel anzu- 
fangen ist, obwohl ein so seltener Fall gewiß ein ein- 
gehenderes Referat verdiente.] 

7) Griffith [siehe Gruppe I Fall 9: Uterus bei 
einem männlichen Scheinzwitter sub Castratione entdeckt], 

8) Guldenarm [siehe: Siegenbeck van Heu- 
k e 1 o m : Ueber den tubulären und glandulären Hermaphro- 
ditismus beim Menschen. „Ziegl er's Beiträge zur patho- 
logischen Anatomie und allgemeinen Pathologie." 1898 Vol. 
XXIII. Heft I. pg. 144 — 160]. S. beschreibt einen Mann mit 
rechtsseitigem Kryptorchismus und Leistenbruch. Penis 
und Scrotum normal. In dem offen gebliebenen Pro- 
cessus vaginalis peritonaei fand sich ein Uterus, sehr 
wohl ausgebildet. Am 7. XII. 1896 sandte Guldenarm 
aus Rotterdam das postoperative Präparat an Siegenbeck 
van Heukelom zur Untersuchung. Guldenarm hattedie 
Herniotomie gemacht, weil der Mann absolut kein Bruch- 
band vertragen konnte. Ein Arzt hatte ein Bruchband 
wegen von ihm vorausgesetzter Hernia omenti verordnet. 
Guldenarm entfernte sub operatione die in dem Bruche 
enthaltenen Gebilde sowie den linken Hoden und Neben- 
hoden. Rechterseits lag Kryptorchismus vor. Statt des 
Omentum fand sich in hernia ein vom Peritoneum um- 
hülltes Körperchen von 13 Mill. Länge und zylindrischer 



— 278 — 

Gestalt; das rechtsseitige Ende dieses Gebildes endete 
frei, das linksseitige war in strikter Verbindung mit dem 
linken Hoden. Das Gebilde hatte eine dreieckige Ge- 
stalt und saß an einem Stiele, der dnrch den Leisten- 
kanal in das kleine Becken ging. In diesem Stiel konnte 
man eine Art Strang tasten, welcher in der Richtung 
nach dem kleinen Becken zu immer dünner wurde, Dach 
außen zu aber immer dicker. Dieser Stiel inserierte 
in der Mitte jenes dreieckigen Gebildes. Der Stiel wurde 
bei der Operation durchschnitten und es zeigte sich, 
daß er einen Kanal enthielt, in welchen eine Sonde tief 
eindringen konnte bis zur Pars prostatica urethrae. 
Dieses zylindrische Gebilde war abgetragen worden dicht 
bei der Epididymis. Schon während der Operation ver- 
mutete Guldenarm, dieses zylindrische Körperohen sei 
ein Uterus und jener sondendurchgängige Kanal ein ductus 
genitalis femininus, der sich in die Urethra in capite gal- 
•Hnaginis eröffnet. Keine Prostata getastet. Das Präpa- 
rat enthielt den amputierten Uterus bicornis, Hoden und 
Nebenhoden. Letztere Gebilde standen in inniger Ver- 
bindung mit dem peripheren Ende der linken Tube. Es 
gelang sub operatione auch den rechten Hoden und 
Nebenhoden aus der Bauchhöhle herauszuziehen, wenn man 
an jenem Stiele zog. 

Die Hernie hatte also das rechte Hörn eines Uterus 
bicornis enthalten. An dem Präparate fand man den 
Ductus genitalis femininus 10 Mill. lang, eine cervix uteri 
mit Plicae palmatae ausgestattet, — die rechte Tube war 
56 Mill. lang und ohne Morsus diaboli, sie verlor sich im 
rechten Nebenhoden. Man fand am Präparate sowohl 
eine Hydatis pedunculata als auch eine Hydatis sessilis; 
rechterseits von dem ductus genitalis femininus verlief 
das rechtsseitige Vas deferens, verbunden mit dem rechts- 
seitigen Nebenhoden. Man fand Spuren eines ligamen- 
tum rotundum, konnte aber eine Arteria uterina nicht 



■ 



— 279 — 

mit Sicherheit am Präparate nachweisen. Siegenbeck 
gibt eine genaue mikroskopische Beschreibung. Man 
hatte sub operatione den Uterus bicornis samt beiden 
Tuben entfernt und auch den rechtsseitigen Hoden und 
Nebenhoden, welche aus der Bauchhöhle durch den links- 
seitigen Leistenkanal herausgezogen worden waren. Die 
Gegenwart so hochgradig entwickelter Müll e r 'scher Gänge 
bei diesem Manne erinnert an das normale Verhalten 
beim Biber, wo normal die Müller'schen Gänge auch 
beim Männchen zur Entwickelung gelangen. Siegen- 
beck van Heukelom fügt hier eine sehr interessante 
Bemerkung hinzu: Die strikte Vereinigung der beiden 
Hoden miteinander durch den Uterus bicornis, ein mus- 
kulöses, nicht dehnbares Organ, war die Ursache, wes- 
halb der rechte Hoden nicht seinen descensus vollziehen 
konnte angesichts der'Kürze des Uterus und seiner Tuben. 
Der tubuläre Hermaphroditismus war in diesem Falle 
die^Ursache, weshalb rechtsseitig Kryptorchismus vor- 
liegen mußte. Die rechte Tube durchbohrte in schräger 
Richtung den rechten Nebenhoden und reichte bis an 
jene, zwischen Hoden und Nebenhoden belegene Hydatis 
pedunculata, wo sie "mit epithelbedeckten Fimbrien en- 
dete. Das soll die Richtigkeit der 1871 von Fl ei sc hl 
ausgesprochenen und von Waldeyer acceptierten Ver- 
mutung beweisen, daß die Hydatis Morgagnii nichts 
Anderes sei als das persistierende periphere Ende des 
Müller'schen Ganges. 

Siegenbecks Ansicht, daß bei einem so stark aus- 
gebildeten tubulären männlichen Hermaphroditismus, wie 
er hier vorliegt, entweder ein Kryptorchismus bilateralis 
oder Kryptorchismus unilateralis mit einer hernia conge- 
nita da sein muß, erscheint mir durchaus gerechtfertigt. 
Er motiviert dieselbe folgendermaßen: Die Müll er'schen 
Gänge haben sich, statt zu schwinden, zu einem überall 
dickwandigen Gange umgestaltet. Während die oberen 



— 280 — 

Teile sioh jeder für sich entwickelt haben, sind die 
unteren von einer Cervix uteri zusammengeschmolzen und 
so sind die Hoden und Nebenhoden mittelst eines un- 
unterbrochenen, dicken und verhältnismäßig kurzen Stranges 
fest mit einander verbunden. Dadurch wird bei inten- 
diertem Descensus testiculorum das Eintreten der Hoden 
in je eine Scrotalhälfte unmöglich. Es können sich da- 
raus nach Siegenbeck 2, nach meiner Ansicht 3 ab- 
norme Lagerungen der Hoden entwickeln. Entweder 
bleiben beide Hoden in der Bauchhöle zurück, oder einer 
kann in die Scrotalhöhle eintreten, der andere muß in 
der Bauchhöhle bleiben nach Siegenbeck, in welchem 
Falle der Uterus und die Tuben fest verbunden mit dem 
descendierten Hoden notwendig den Descensus des anderen 
Hodens verhindern; ich betone als dritte Möglichkeit den 
Austritt von Uterus und beiden Hoden in eine und dieselbe 
Scrotalhälfte wie im Falle Fantin o's (s. i. Vorhergehenden). 

9) Pozzi (siehe im Vorgehenden Fall No. 25]. Bei 
einem als Mädchen erzogenen männlichen Scheinzwitter in 
einer Inguinalhernie neben dem Hoden ein Hörn eines 
Uterus bicornis. 

10) Sänger [siehe im Vorgehenden Fall 27]. In einer 
Inguinalhernie ein Uterus samt Tube und Parovarialcyste 
neben dem Hoden liegend. 

11) Stonham [siehe im Vorgehenden Fall 32]. Die 
Sektion eines nach Herniotomie verstorbenen Mädchens 
ergab männliches Geschlecht, Hypospadiasis peniscrotalis 
mit Kryptorchismus. Neben inneren männlichen Genita- 
lien fand sich ein Uterus bicornis nebst Tuben und Vagina. 
Hoden lagen da, wo die Ovarien bei Frauen liegen, keine 
Samenblasengefunden. Hier istSiegenbeck's theoreti- 
sches Postulat des Kryptorchismus bilateralis erfüllt. 2 

12) Thiersch [siehe Schmorl: „Ein »Fall von 
Hermaphroditismus* Virchow's Archiv. Bd. CXI. 1888. 
pg. 229 — 244]. Schmorl beschrieb eine interessante Be- 



— 281 — 

obachtung von Thiersch. Ein 22-jähriger Schüler der 
Leipziger Kunstakademie trat in die chirurgische Klinik 
1887 ein mit der Bitte, auf operativem Wege ihm die 
Möglichkeit zu schaffen nach Art der Männer harnen zu 
können und daß er auch als Mann den Beischlaf ausüben 
könne. Thiersch sagte ihm nach der Untersuchung, er 
halte nicht viel von derartiger Plastik, was das Endresultat 
anbetreffe. 1882 war ein rechtsseitiger Leistenbruch 
ausgetreten, welcher bis in die Tiefe des gespaltenen 
Scrotum herabreichte, in derselben Hälfte des Scrotum 
tastete man Hoden und Nebenhoden, die linke Hälfte des 
Scrotum erwies sich geschrumpft und leer. Thiersch 
vollzog eine ganze Reihe plastischer Eingriffe, um den 
hypospadischen nach unten gekrümmten Penis gerade zu 
machen ! Nachdem er Wasser in die Harnblase eingespritzt 
hatte, bemerkte er ein Anschwellen der linken Leisten- 
gegend, in der Folge aber erwies sich sowohl die normale 
Entleerung der Harnblase erschwert als auch diejenige 
durch einen Katheter. Um die Ursache dieser eigentüm- 
lichen Erscheinung festzustellen, machte Thiersch jetzt 
eine andere Operation, er machte einen Einschnitt wie 
bei Herniotomie und fand im Leistenkanale ein Gebilde 
von 5 Centimeter Länge und 2 Centimeter Dicke, welches 
er zunächst für den linken Hoden ansah. Nach Unter- 
bindung des Stieles trug er diesen scheinbaren Hoden ab, 
den Samenstrang kauterisierte er mit Paqueli n's Brenner. 
Gleich nach dieser Operation stellte sich eine Peritonitis 
ein mit Singultus, Coma und Tod am nächsten Tage. Bei 
der Sektion fand man einen Uterus bicornis und eine 
Scheide, welche in capite gallinaginis der Urethra mündete. 
Der Uterovaginalkanal hatte 15 Centimeter Länge. Das 
von Thiersch als Hoden abgetragene Gebilde erwies sich 
als das periphere Ende der linken Tube mit zwei kleinen 
Cysten. Das Abdominalende der rechten Tube lag im 
rechten Leistenkanale, die rechtsseitige Inguinalhernie ent- 



— 282 — 

hielt das große T^etz. Neben der rechten Tube fand ich 
ein Parovarium, die rechte Hälfte des gespaltenen 
Scrotum enthielt einen atrophischen Hoden ohne Neben- 
hoden und ohne Vas deferens.~ Schmorl betrachtete ein 
atrophisches kleines Gebilde, halbkirschengroß rechterseits 
im Bindegewebe unterhalb des abdominalen Endes der 
Tube belegen, als einen rudimentären Eierstock, freilich 
ohne den geringsten Beweis für die Richtigkeit dieser 
Annahme bringen zu können. In diesem Falle wies nicht 
die Herniotomie, sondern die postmortale Leichenschau 
das Existieren eines Uterus bicornis und einer Scheide 
nach. Kryptorchismus unilateralis bei hochgradiger Ent- 
wicklung der Müll ergehen Gänge. 

13) Winkler [„Über einen Fall von Pseudoherma- 
phroditismus masculinus externus*. I. D. Zürich 1898]. 
52-jähriger Mann behaftet mit einem angeborenen Leisten- 
bruche. Während einer Herniotomie im Jahre 1878 hatte 
man Kryptorchismus konstatiert 1892 kam es zu einem 
Recidiv des Bruches. Man machte den Bauchschnitt und 
durchschnitt einen Adhaesionsstrang, welcher die Darm- 
nnwegsamkeit veranlaßt hatte. Der Kranke starb trotz- 
dem am nächsten Morgen infolge von Peritonitis acutissima. 
Die Nekropsie wies einen Hoden, den rechtsseitigen, in 
der Bauchhöhle nach, linkerseits fand man in der Mün- 
dung des Leistenkanales das periphere Ende der linken 
Tube. Man fand in der Bauchhöhle einen Uterus bicornis 
mit Scheide, — der Uterovaginalkanal hatte eine Länge von 
17 Centimetern. Der Uteruskanal war 9 Centimeter lang, 
die Vagina 8. Das untere Scheidenende war von der 
Prostata umschlossen. Penis klein aber normal, Scrotum 
leer. Oberhalb der Prostata fand man die Mündung des 
linken Vas deferens in die Vagina, die linke Samenblase 
lag seitlich von der Vagina. Fundus uteri 2 Centimeter 
breit. Man fand natürlich eine Excavatio rectouterina 
und vesicouterina. Die linke Tube verlief in Ligamento 




— 283 



Fun. 
;. T Ne.Ho. Uu. lyas def , 




Lig la, 



- vag. 

---r.Saf. 
— LSa. 

--• du.ej 

.— Prost 
- 'Et. 



RiTOert (Tel 

Fig. 13. 

Anatomisches Präparat der inneren'Geni tauen eines 52jähr.*!Kryptorchisten fmit 
hochgradiger Entwickeluog der Müller 'schen]Gänge. Beobachtung von W i n c k l e r, 
Nekropsie von Ribber t vollzogen. Der weibliche Genitalschlauch ist~von]|hinten 
der Läpge nach eröffnet. Ei = Einmündungsstelle*des|Uterus in die. Urethra, ent- 
sprechend dem Sitz einer normalen Vesicula prostatica ; Prost. = Prostata ; du. ej. = 
Ductus ejaculatorius ; 1. Sa. = linker Samenleiter; r. Sa. = rechter Samenleiter; 
Vag. = Vagina; Ut. = Uterus; 1. vas T def. = linkes Vas deferens; r. Tu. = rechte 
Tube ; Cy. = Cysten ; r. Ho. = rechte Hode ;"Lig. la. = Ligamentum latum ;'l. Tu. = 
linke Tube ; Ne. Ho. = Nebenhodenkanälchen ; j.l."Ho. — linker Hode; Firn. = 

Fimbrien der.linkenVTube. 
SSektionspräjparat vom^Uterus masculinus eines'Kryptorchiaten. 



— 274 — 

der Samenblasen und der Prostata. Eine Erklärung der 
allmonatlichen Blutungen ex Urethra und aus der Fistel 
im rechten Labium majus steht aus. Geschlechtsdrang 
männlich. (Siehe Fig. 11 u. 12). 

2) Bö ekel [„Exstirpation (Tun utärus et d'une trompe 
herni£e chez un homme". Acad£mie de Mldecine de 
Paris. 19. Avril 1892. — Semaine M^dicale 1892 Vol. XII, 
pg. 146]: Bö ekel fand in einer Inguinolabialhernie bei 
einem männlichen Individuum . einen Uterus bicornis, 
welcher eine Höhle enthielt, eine Tube und einen Hoden 
samt Nebenhoden und Vas deferens, welche letzteren Ge- 
bilde im Ligamentum latum gelagert waren. [Da mir die 
Arbeit von Böc.kel nicht vorliegt, so muß ich mich auf 
das kurze Referat von Prof. Stumpf beschränken]. 

8) Carle [siehe Grüner: „Utero e. trombe di Fal- 
loppio in un uomo" — Giornale della Reale Academia 
di Torino. — 1897 Anno LX. pg. 229 und pg. 257—286]. 
Die mikroskopische Untersuchung wurde im Laboratorium 
des Professors Giacomini gemacht. Am 9. November 
1894 trat ein 36-jähriger Telegraphist in die chirurgische 
Klinik von Carle in Turin ein wegen eines links- 
seitigen Leistenbruches, der vor einem Monate erst unter 
heftigen Schmerzen entstanden war. Der Kranke selbst 
glaubte, der linke Hoden habe sich vergrößert und sei 
härter geworden. Carle machte die Herniotomie und 
fand in hernia einen nicht schmerzhaften, beweglichen 
Körper von Hühnereigröße, welcher sich leicht reponieren 
ließ auf dem Wege der Taxis. Der Patient vertrug ab- 
solut ein Bruchband nicht und kam deshalb in das Hospital, 
Der Hodensack enthielt nur den linken Hoden und ober- 
halb dieses linken Hodens jene reponible Hernie, einen 
Tumor. Nach zwei Monaten kehrte der Patient am 
26. IV. 1894 wieder in die Klinik zurück und wurde 
jetzt die Hernitomie gemacht mit gleichzeitiger Eröffnung 
der Bauchhöhle. Man überzeugte sich hierbei, daß dieser 



- 275 — 

Mann einen Uterus samt zwei Tuben besaß, deren linke 
in jener Hernie lag. Beim Leistenschnitte erwies sich 
der linke Hoden pathologisch entartet und wurde deshalb 
abgetragen. Oberhalb des Hodens fand sich ein läng- 
liches Gebilde, welches durch den Leistenkanal hindurch 
sich in die Bauchhöhle fortsetzte. Es war dies eine Tube, 
welche mit dem Hoden durch einen fibrösen Strang in 
Verbindung stand. Bei Eröffnung der Bauchhöhle vom 
Leistenschnitte aus fand sich ein Uterus auf der rechten 
Fossa iliaca gelagert und die zweite Tube. — Neben der 
linken Tube fand sich das linke Vas deferens. Der 
Uterushals stand nach unten zu im Cavum rectovesicale 
mit der Prostata in Verbindung. Es wurde der Hoden 
linkerseits abgetragen samt dem Uterus, die Wunde ge- 
schlossen. Wegen postoperativen Fiebers wurde die 
Wunde wieder geöffnet, es fand sich aber kein Eiter; 
die Wunde heilte per secundam intentionem. Später 
erfuhr Giacomini, daß dieser Mann gestorben sei 
infolge eines intraabdominellen Tumors (?) und zwar 
nach Heimkehr in sein Haus. Von der Frau dieses 
Telegraphisten erfuhr er, daß ihr Mann normalen Verstand 
hatte und gutmütigen Charakters war, daß er seinen 
ehelichen Pflichten regelmäßig nachkam, aber die Ehe 
war eine kinderlose; weiter erfuhr er, daß, soweit der 
Frau bekannt, ihr Mann niemals genitale Blutungen ir- 
gend welcher Art gehabt hatte. Bei der Operation war 
die linke Tube, ein Uterus bicornis und das zentrale 
Ende der rechten Tube entfernt worden. Grüner, welcher 
das postoperative Präparat untersuchte, gibt die Ab- 
bildung von vorn und von hinten gesehen, und Bilder 
der mikroskopischen Schnitte von Uterus, Tube und Vas 
deferens und eine sehr detaillierte Beschreibung. Uterus 
und Tuben viabel, linke Tube 8 Centimeter lang, 7 Milli- 
meter im Umfange. Bezüglich des Tumors der ent- 
arteten linksseitigen Geschlechtsdrüse konnte das Mikros- 

18* 



— 286 — 

Vorschlag ein. Die Operation ergab folgenden merk- 
würdigen Befund: Nach Durchtrepnung des als Bruch- 
sack vorgewölbten Peritonäalblattes ließ sich an einer 
Peritonaealfalte ein sicher als Tube anzusprechendes 
Gebilde hervorziehen, das sich in seinem uterinen Ende 
in der Peritonäalplatte verlor; unter ihr subperitonaeal 
lag ein höckriger, anscheinend aus einem Schlauchgeflecht 
zusammengesetzter Körper, der als Parovarium bezw. 
Ovarium aufgefaßt wurde; aus dessen in die Bauchhöhle 
ziehenden Peritonäalblatt trat sodann ein etwa taubenei- 
großer gelblicher Körper hervor, dem kappenartig ein 
halbbohnengroßer, mehr weißlicher Knoten, ursprünglich 
als Epididymis angesprochen, aufsaß; es zeigte sich jedoch, 
daß in dem von diesem als Keimdrüse imponierenden 
Gebilde abgehenden Peritonäalblatt ein festerer Strang 
verlief, der nur als Vas deferens aufgefaßt werden konnte, 
und neben diesem subperitonäal ein erbsengroßer, höck- 
riger Körper, mutmaßlich der Nebenhoden. 

Da somit der männliche Geschlechtsapparat vorhanden 
zu sein schien, wurden als unbrauchbar die Tube und der 
unter ihr gelegene Körper abgetragen, aus den übrigen Teilen 
der Keimdrüse kleine Keile excidiert, desgleichen ein Teil 
des neben dem Vas deferens gelegenen Körpers exstirpiert. 

Die Präparate wurden von Dr. Simon, Volontärarzt 
der Klinik, mikroskopisch untersucht. Der größere untere 
Teil der Keimdrüse soll darnach einen Hoden mit den 
Charakteren des Leistenhodens ohne Zeichen von Sper- 
matogenese darstellen, der kleinere dem unteren kappen- 
artig aufsitzende weißliche Knoten ein Ovarium, der unter 
der Tube gelegene Körper ein Parovarium und das neben 
dem Vas deferens gelegene Gebilde eine Epididymis. 
Ovarium und Hoden sollen beide histologisch gut ausge- 
bildet sein. Garr£ vermutet, daß die beiden bei Unter- 
suchung per rectum linkerseits getasteten Körperchen, 
von denen der eine flacher, der andere rundlicher er- 



— 287 — 

schien, Ovarium und Hoden seien, es würde dann bila- 
teraler glandulärer Hermaphroditismus vorliegen. Es sollen 
in diesem Falle zum ersten Male am lebenden Individuum 
sowohl grob anatomisch als auch histologisch an frischen 
Präparaten Testis und Ovarium nebeneinander konstatiert 
worden sein. 

Wie bekannt hat von sämtlichen Fällen, wo bisher 
glandulärer, also echter Hermaphroditismus beim Menschen 
beschrieben wurde, keiner der älteren einer mikros- 
kopischen Kontroiuntersuchung Stand gehalten, nicht ein- 
. mal die von Blacker und Lawrence beschriebene 
Ovotestis — eine Geschlechtsdrüse mit gemischtem Bau. 
Bisher ist nur der einzige Fall von v. Sal£n noch nicht 
angefochten worden. Gleichwohl wäre es dringend zu 
wünschen, daß sowohl die Präparate dieses Falles als 
auch diejenigen des von Keller (Bloomfontein) ver- 
öffentlichten, eines neuerdings im Anatomischen Anzeiger 
angezeigten Falles und diejenigen von Garr£ und Simon 
einer strengen mikroskopischen Kontrole unterworfen 
würden. Theoretisch muß die Möglichkeit des Vorkommens 
von glandulärem Hermaphroditismus beim Menschen laut 
Analogie mit der Tierwelt zugegeben werden, es wäre 
unendlich wichtig, wenn die Behauptungen Simonis 
bezüglich der Königsberger Präparate sich als tat- 
sächlich begründet erweisen würden. 



Vierte Gruppe. 

45 Fälle von Coincidenz von gut- oder bösartigen 
Neubildungen mit Scheinzwittertum einschliesslich 
der an Scheinzwittern vollzogenen Bauchhöhlen- 
operationen. 

1) Abel [„Ein Fall von Hermaphroditismus mas- 
culinus mit sarkomatöser Cryptorchis sinistra* — Vir- 
chow's Archiv Bd. CXXVL Berlin 1891]. 



— 288 — 

Am 21. Oktober 1890 kam die 33jährige AI bertine 
R. aus Schlawe in die Greifswalder Frauenklinik. Das 
Mädchen war verlobt, wurde von ihren Freundinnen 
vielfach gehänselt wegen ihres immer stärker werdenden 
Leibes und suchte nun die Klinik auf, um von der im 
Bauche sich entwickelnden Geschwulst befreit zu werden. 

Patientin soll früher stets gesund gewesen sein, vom 
20. Jahre an soll sie die Regel allmonatlich drei Tage 
lang ohne Beschwerden gehabt haben. Im Frühling 1890 
fühlte Patientin einmal unabhängig von der Regel heftige 
Schmerzen im Leibe, bald darauf begann der Leib stärker 
zu werden und nahm bis jetzt unausgesetzt an Größe zu. 
Auch während dieser ganzen Zeit blieb die Regel schmerz- 
los. Die letzte Regel vor 14 Tagen etwas schwächer 
als sonst Miktion und Defäkation normal. 

Patientin war klein, zart gebaut, von gesunder Gesichts* 
färbe ohne Ödeme. Der Körper scheint normal gebaut. 
An den Genitalien und in den Achselhöhlen fehlt jede 
Spur von Behaarung. Patientin fühlt sich wohl, verlangt 
aber trotzdem eine Operation. Leib aufgetrieben, besonders 
unterhalb des Nabels, namentlich links. Ein elastischer 
cystischer Tumor liegt größtenteils links im Leibe. Der 
Tumor reicht nach unten zu bis an den Beckeneingang, 
wo er etwas spitz zuläuft. Der Tumor hat die Gestalt 
einer Birne, deren spitzes Ende nach unten rechts zu, 
das obere breite nach oben links zu gerichtet ist, sodaß 
auch die Kuppe des Tumors links von der Mittellinie 
liegt, 6 Centimeter oberhalb des Nabels, während der 
Tumor in der Mittellinie den Nabel nur um 4 Centimeter 
überschreitet Oberfläche glatt, Konsistenz gleichmäßig 
prall, elastisch. Scheideneingang eng, Hymen vorhanden, 
der Finger findet die Scheide als einen kurzen Blindsack; 
drängt man den Tumor herab, so kann man ihn durch 
das Scheidengewölbe fühlen. 



— 289 — 



Eine Portio vaginalis uteri tastet der Finger nicht; 
im Speculum sieht man im linken Scheidengewölbe eine 
Andeutung der Portio vaginalis uteri, welche aber eine Sonde 
nirgends einläßt. In der rechten Leistengegend fühlt man 
einen Körper von der Größe und Gestalt eines Eierstockes, 
welcher sich leicht nach der Bauchhöhle zu verschieben, 
aber nicht in dieselbe hinein schieben läßt. Vom unteren 
Rande der Urethralmündung hing ein etwa bohnengroßer 
Polyp herab. Die Diagnose wurde auf congenitalen 
Verschluß der Vagina und Haematometra gestellt. Man 
versuchte sub narcosi mit einer Sonde durch die Portio 
vaginalis uteri sich einen Weg zu bahnen, nachdem die 
Kuppe der Vagina im Speculum eingestellt war. Da 
es nicht gelang, das Gewebe bis zu dem Tumor stumpf 
zu trennen, so spitze Lanze. Man schafft einen Kanal, 
der Finger dringt ein und fühlt jetzt den Tumor deut- 
licher. Man führt einen Katheter in die Stichkanalwunde 
ein und daneben eine Kornzange, welche jetzt geöffnet 
wird, um den Kanal zu erweitern. Endlich wird ein 
Troicart eingeführt und in den Tumor eingestoßen: dann 
seine Canüle weiter eingedrängt. Es entleeren sich bei 
Druck auf den Tumor nur einige Klümpchen geronnenen 
Blutes und einige Bröckel einer glasigen, grauen, 
weichen Masse. Man spricht jetzt den Tumor als bös- 
artig an. Tamponade der Scheide. In derselben Sitzung 
entfernte man mit einem Scherenschlage den Urethral- 
polypen. Abends Fieber + 39° C, am nächsten Tage bis 
+ 41° und nach 36 Stunden Tod an Peritonitis. 

Sektion : Aussehen der Leiche weiblich, Brüste klein 
mit kaum erkennbaren Warzen, in der Beckenhöhle ein 
Tumor, welcher einem 8 Monate schwangeren Uterus 
ungemein ähnlich sieht. Im rechten Leistenkanale ein 
nach der Bauchhöhle zu verschiebliches Gebilde, welches 
aus zwei Anteilen besteht, die wie Hoden und Neben- 
hoden aussehen, durch einen breiten Strang an den Boden 

Jahrbuch V. 19 



— 290 — 

der rechten Schamlefze fixiert. . Der Leistenkanal ist für 
einen Finger durchgängig, aber sein Abdominalende ver- 
schlossen. Die Scham sieht aus wie die eines 12jährigen 
Mädchens. Mons Veneris fettarm und nicht behaart. 
Die Lefzen liegen einander an und vereinigen sich unten 
unter einem spitzen Winkel. Damm drei Centimeter lang. 
Kleine Schamlippen ganz normal gebaut, vom Charak- 
ter einer Schleimhaut (?), umfassen nach oben zu die 
kleine etwa drei Mill. weit vortretende Clitoris. Urethra 
4 Cent. lang. Vagina mündet in vestibulo, ihr Eingang 
von Hymenairesten umgeben (Einrisse sub operatione 
entstanden oder nach Beischlaf s versuch ?-N.) — Columnae 
rugarum an den Scheidenwänden deutlich. 4,8 Centimeter 
oberhalb des Scheideneinganges sieht man keine Schleim- 
haut mehr, sondern den neugeschaffenen Wundkanal. 
Nach links von dessen Öffnung sieht man einen kleinen 
Wulst als Rest der Portio vaginalis uteri. Von der 
Öffnung aus verläuft der Stichkanal 4,7 Centimeter weit 
durch straffes oberhalb der Vagina liegendes Gewebe, 
durchbohrt zweimal die Harnblasenwand und dringt ein 
wenig in den Tumor ein. Der mannskopfgroße Tumor 
erwies sich als ein Sarkom des linken, in der. Bauchhöhle 
retinierten Hodens. Cryptorchis sinistra sarcomatosa 
rechts mit dem Omentum inajus verwachsen. Das Bauch- 
fell überzog den Tumor und bildete an seiner Vorder- 
seite eine Duplikatur, einer Wagentasche ähnlich, deren 
freier Rand 12 Centimeter in der Länge maß, deren Tiefe 
bis zu drei und einen halben Centimeter reichte. 1 Centi- 
meter nach unten und rechts vom Grunde dieser Tasche 
entsprang retroperitoneal ein fester Strang von Bleistift- 
dicke, völlig solid und an der einen Seite in der Ge- 
schwulst endend, an der anderen Seite verlor er sich im 
Bindegewebe der linken Leistengegend. Die Gebilde 
im rechten Leistenkanale erwiesen sich als der rechte 
Hoden und ein ihm aufsitzendes Leiomyom, wohl aus dem 



— 291 — 



Nebenhoden entstanden. . Samenleiter und Sanienbläschen 
fehlten. Der Strang, welcher von dem Tumor nach der 
linken Leistengegend verlief, wird von Abel als Guber- 
naculum Hunteri aufgefaßt. Was nun die angebliche 
regelmäßige Periode anbetrifft, schon vom 20. Jahre an, 
so glaubt Abel, es seien Blutungen, veranlaßt durch den 
Harnröhrenpolypen, irrtümlich als menstruelle Blutung 
von der Patientin aufgefaßt worden. Was das geschlecht- 
liche Empfinden anbetrifft, so fühlte sich Albert ine 
als Mädchen und liebte innig ijiren Bräutigam. [Per- 
sönlich möchte ich vermuten, die Entstehung des Harn- 
röhrenpolypen stehe in Zusammenhang mit Beischlafs- 
versuchen als Produkt eine& künstlich geschaffenen 
Ektropium urethrae deficiente vagina oder vagina pro 
immissione membri virilis nimis arcta. N.] 

Dieser von Abel beschriebene Fall zeigt zur Evidenz, 
welchen groben diagnostischen Irrtümern der Chirurg 
hier unterworfen sein kann und wie unendlich vorsichtig 
man in der klinischen und anatomischen Beurteilung 
solcher Fälle vorgehen muß! — Welcher Gynäekologe 
würde wohl hier die richtige Diagnose gestellt haben? 
Es erscheint ja rationell, in einem solchen Falle zunächst 
einen diagnostischen Leisteneinschnitt, in diesem Falle 
rechterseits zu machen, um den Charakter der dort 
getasteten Geschlechtsdrüse festzustellen, selbst mit Exstir- 
pation derselben. Hätte man dies ausgeführt und kon- 
statiert, daß dieselbe ein Hoden ist, so wäre selbstver- 
ständlich die Operation per vaginam, welche den Tod 
herbeiführte, nicht ausgeführt worden, sondern man hätte 
sofort den Bauchschnitt gemacht um den jetzt von vorn- 
herein diagnosticierten Hodentumor zu entfernen. [Die 
Kasuistik solcher Fälle ist reicher als der Chirurg ahnt, 
aber sie ist noch zu wenig berücksichtigt — wer dieselbe 
kennt, der wird natürlich leichter solche grobe diagnostische 
Mißgriffe vermeiden. — Gerade auf diese Kasuistik in 

19* 



— 292 — 

weiteren Kreisen aufmerksam zu machen, ist der Zweck 
meiner heutigen Zusammenstellung. N.J 

2) Audain [„Hermaphrodisme double, kyste der- 
moide des ovaires" Annales de Gyn^cologie et d' Obst<?- 
trique Vol. XL 1893 pg. 362], Es handelt sich um eine 
beiderseitige Ovariotomie bei Dermoidcystomen bei einem 
Individuum mit männlicher Behaarung und bedeutender 
Clitorishypertrophie. Die Clitoris der 29 jährigen Kranken 
war fingerlang und 3 Centimeter dick. Schnurrbart. Neben 
dem größeren der beiden Dermoide fand sich auch eine 
Parovarialcyste. Die Person genas. [Da ich die Original- 
arbeit nicht gelesen habe, sondern nur ein Referat von 
Stumpff, so kann ich nicht sagen, ob der ovarielle 
Charakter der Tumoren mikroskopisch festgestellt worden 
ist; wo nicht, so bleibt immer noch ein Zweifel erlaubt, 
ob es sich nicht um Tumoren der in der Bauchhöhle 
retinierten Hoden eines verkannten männlichen Schein- 
zwitters gehandelt hat. Die vorstehende Kasuistik würde 
uns zu so einem Zweifel vollauf berechtigen, da makros- 
kopisch eine Bestimmung, ob ovarieller oder testiculärer 
Tumor, lange nicht in allen Fällen möglich, geschweige 
denn leicht ist. N.J 

3) Bacaloglu und Fossard [„Deux cas de Pseudo- 
hermaphrodisme (Gynandroides) La Presse M^dicale 6. 
XII. — 1899 pg. 331 — 333]: Die 31jährige 
A. Lefranijois trat am 15. August 1899 wegen starker 
Leibschmerzen, welche schon vier Tage dauerten, in das 
Hospital ein und wurde auf dem Krankensaale des Dr. 
Troisier untergebracht. Die bisher absolut gesunde Person 
giebt an, sie habe ganz plötzlich nach dem Abendessen 
am 12. August sehr starke Schmerzen rechterseits im 
Unterleibe bekommen. Sie wandte zunächst keinerlei 
Mittel an, in der Hoffnung, die Schmerzen werden über 
Nacht vergehen — es kam jedoch anders! Am nächsten 
Tage wurden die Schmerzen [noch stärker trotz Kata- 




plasmen mit Opiumzusatz. Wegen habitueller Verstopfung 
verordnete man Clysmata mit Zusatz von Glycerin. Am 
14. August Status idem. Am 15. Meteorismus des Leibes, 
stark galliges Erbrechen, ständige Uebelkeiten. Darum 
entschloß sich die Kranke in das Hospital zu gehen. Es 
fiel den Aerzten sofort auf, daß diese Person trotz an- 
scheinend normalen weiblichen Körperbaues einen männ- 
lichen Gesichtsausdruck hatte. Behaarung weiblich , 
außer Anflug von Bart an Oberlippen und Kinn. Extre- 
mitäten klein, weiblich. Becken weiblich, Brüste minimal. 
Leib sehr aufgetrieben, besonders schmerzhaft in der 
Gegend der fossa iliaca dextra. Erbrechen von kopiösen 
grünlichen Massen. Facies peritonitica, trockne Zunge, 
Puls 130 pro Minute. Man vermutete zunächst eine 
Appendicitis oder eine Erkrankung der rechtseitigen 
Uterusadnexa und untersuchte per vaginam. — Zu ihrem 
größten Erstaunen bemerkten nun die Aerzte, daß gar 
keine Väginalöffnung vorlag, sondern daß der Finger in der 
ganz bedeutend erweiterten Analöffnung sich befand. Der 
Finger tastete per rectum ausgezeichnet sowohl den Uterus 
als auch die beiderseitigen nicht druckschmerzhaften 
Adnexa. Man schloß jetzt eine Genitalerkrankung aus, 
vermutete eine Appendicitis und holte einen Chirurgen 
Dr. Bougle. Derselbe vollzog nachts um 1 Uhr den 
Bauchschnitt in der Mittellinie. Aus der Wunde ergoß 
sich sehr viel Eiter; man fand den Wurmfortsatz stark 
geschwellt und hyperämisch. Man fügte einen Einschnitt 
der Bauchdecken in der rechten regio iliaca hinzu, 
öffnete den Wurmfortsatz, der fäkale Massen enthielt, 
und resecierte ihn; hierauf wurde die Bauchhöhle aus- 
gespült und die Wunden vernäht. Trotz Kochsalz- 
infusion etc. erfolgte der Tod nach zwei und einer halben 
Stunde. Am 17. August Sektion: Penis 8 Centimeter 
lang und 5 Centimeter im Umfange statt einer Clitoris 
gefunden, Scham üppig behaart. Unterhalb der weib- 



— 294 — 

liehen Harnröhrenöffnung keine Spur von Vaginalostium 
gefunden, zwischen den Schanilefzen zog sich eine glatte 
Haut von der Urethralöffnung bis zur Analöffnung hin; 
ein Damm von 10 Centimetern fand sich. Bei der Er- 
öffnung der Bauchhöhle fand man einen rudimentär ent- 
wickelten Uterus mit Tuben, Ovarien und Ligamenta 
rotunda. Uterushöhle 5 Centimeter lang, Cervix andert- 
halb Centimeter lang. Arbor vitae deutlich. Die Scheide 
8 und einen halben Centimeter lang, schließt unten blind, 
infolge von Verwachsung der großen Schamlippen mit 
einander. Die cystisch entarteten Ovarien haben, das 
rechte 6 Centimeter Breite und 5 Höhe, das linke 6 
und 4. Man fand mikroskopisch in den Ovarien keine 
Graafschen Follikel, sondern nur ein sklerotisches 
Gewebe, wenig Blutgefäße, sehr viel Bindegewebe mit 
kleinen proliferierenden Embryonalzellen. De facto 
sahen mikroskopisch die Ovariengewebe aus wie Narben- 
gewebe. ,Od y peut distinguer des vaisseaux ä parois 
hypertrophtees et scleros^es et des bandes de tissu fibreux 
adulte." Auch in dem Uterusgewebe fanden sich die 
Anzeichen einer ausgesprochenen Sclerose. Co rnil kon- 
statierte, daß es sich um Ovarien und nicht um Hoden 
handelte. Die Periode hatte diese Person niemals gehabt, 
sonst wäre es zur Bildung einer Hämatokolpometra ge- 
kommen. Dieser Fall würde also in das Gebiet der 
weiblichen Genitalatresien gehören mit Hypertrophie der 
Clitoris und einigen männlich entwickelten seeundären 
Geschlechtscharakteren. 

4) Bazy [Bulletins et M£moires de la Soci£t£ de 
Chirurgie de Paris, Tome XXVIII1 — 1902. N: 31 
pg. 943]; Eine Weibsperson trat in das Hospital ein 
wegen Appendicitis und wurde von Chevallier operiert. 
Nach der Operation wurde diese Person Herrn Bazy 
als Mann vorgestellt. Es war ein männliches Individuum 
mit Hypospadiasis peniscrotalis und Anwesenheit beider 



295 — 



Hoden in dem gespaltenen Scrotum. Trotz seiner 26 
Jahre hatte dieser Scheinzwitter dennoch keine Spur von 
Bartanflug im Gesicht. Mangel der Brüste. Bis jetzt 
keinerlei Geschlechtstrieb ausgesprochen. In diesem Falle 
führte die Appendicitis zu einem Kontakt mit dem 
Chirurgen und führte so die Aufklärung einer Erreur 
de sexe herbei. 

5) Carl Beck [,,A case of Hermaphrodism" — 
Medical Record. 25th July. 1896 Vol. I. N: 1342 pg 135, 
und pg. 694 und 14. XI. 1896. N: 1358 pg. 724 und 
Medical Eecord 20. IL 1897 pg. 260: „Description of 
specimen taken from a hermaphrodite"] : L. M., 21 Jahre 
alt, als Mädchen getauft, hatte bis zum 19. Jahre als 
Mädchen gegolten, war aber zu dieser Zeit als Mann er- 
klärt worden und wechselte demnach seinen Civilstand. 
Allgemeinaussehen, Gesichtsausdruck, Stimme und Be- 
haarung weiblich; gleichwohl hatte dieses Individuum 
schon im 15. Jahre den Beischlaf als Mann praktiziert, 
Penis hypospadiaeus zwei und einen halben Zoll lang. 
Scrotum gespalten. An der Unterfläche des Penis sieht 
man die Narbe nach einer plastischen Operation, um die 
Abwärtskrümmung des Penis zu beseitigen. Die Scheide, 
vier Zoll lang, weist einen eingerissenen Hymen auf, läßt 
den Finger ein. Im Scheidengrunde tastet man das 
Collum uteri. Niemals Menstruation. Während des Bei- 
schlafes entleeren sich aus zwei Öffnungen jederseits des 
„Infundibulum", wie der Mann sich ausdrückte, mit 
Ejakulation einige Tropfen einer klebrigen Flüssigkeit. 
Der Penis wird sub coitu strotzend und zweimal größer 
als sonst. Man fand einen schmerzhaften, fluktuierenden 
Tumor rechterseits im Unterbauche und einen kleineren 
linkerseits. Am 25. Juli 1896 entfernte Beck mit 
Bauchschnitt beide Tumoren, die er für sarcomatös ent- 
artete Hoden ansah. Die Operation war sehr schwierig 
wegen zahlreicher Verwachsungen der Tumoren mit der 



— 296 — 

vorderen Bauchwand und den Därmen. Während der 
Operation gelang es nicht, eine genauere Inspektion der 
Bauchhöhle vorzunehmen. Der Patient starb am 18. Tage 
nach der Operation infolge einer Pneumonie. Bei der 
Sektion fand man einen Uterus von zwei und einem 
Viertel Zoll Länge, dessen Höhle im oberen Teile von 
Flimmerepithel, im unteren von plattem Epithel ausge- 




Fig. 14. Vulva eines als Mädchen erzogenen männlichen 
Scheinzwitters. Beobachtung von Beck. 

kleidet war. Die Tuben enthielten kein Lumen, besaßen 
aber Ampullae. Unterhalb der Tuben soll man angeblich 
Ovarien gefunden haben (? — N. — ) — Brooks unter- 
suchte mikroskopisch die Tumoren und erklärte sie für 
Teratome oder Blastoderme; einige Anteile der Tumoren 
boten das Aussehen und den Bau eines alveolaeren 



297 



Sarcomes. Man fand weder Bartholini'sche noch 
Cowper'sche Drüsen, welche ja Produkte der gleichen 
Anlage sind, also einander entsprechen. Becken und 
Schambehaarung männlich. Der Patient war untersucht 
worden von Garrigues, Bangs, Wallach, Irwin, 
Sprague, Dowling, Johnston, Little, Schoene- 
berg, Cavanagh. Da eine mikroskopische Unter- 




Fig. 15. Vulva eines als Mädchen erzogenen männlichen 
Scheinzwitters. Beobachtung von Beck. 

suchung der angeblichen Ovarien nicht ausgeführt wurde, 
so muß man Mund£ [Med. Record 1896 pg. 214] und 
Keller [ibidem] Recht geben, wenn sie das Individuum 
einfach für einen männlichen Hypospaden ansahen mit 
Bildung von Uterus und Vagina. (Siehe Fig. 14 u. 15.) 
6) Carle [siehe im Vorhergehenden: Dritte Gruppe 
No. 3] fügte in seinem Falle von Herniotomie den Bauch- 



— 298 — 

schnitt hinzu, um sich über diesen Fall Klarheit zu ver- 
schaffen. 

7) Chevreuil [siehe Georgus Steglehner: „De 
Hermaphroditorum Natura tractatus anatomo — physiologico 
— pathologicus." Bambergae et Lipsiae 1817 — pg. 91]: 
Anna Bergaul t, Andegariensis, habitu masculino et 
barba nigra instructa virorum moribus , amictu feminarum 
ex tumore magno in inguine sinistro gravibus sympto- 
matibus afflictatur; petit auxilium chirurgi Pelletier, 
qui examine de tumore instituto, insuetam genitalium 
fabricam advertit, de quo certiorem reddit celeb. Bon- 
denarium Parisiensem et Dr. Chevreuil Andegariae 
medicinam exercentem. Hie quae vidit et in viva et in 
cadavere, sequentibus refert. Instructa erat pene 
clitorideo, Septem ad octo linearum diametri, pollices 
unum et dimidium longo, glande terminato praeputio 
cineta; sub glande sulcus aderat, qui pro reeipienda 
Urethra destinatus videbatur. Canalis urethrae tenuis sed 
dilatatus sub virgae medium orificio desiit, et sulco 
glandis ad urethram usque frenulum apparuit cutaneum. 
Ab orificio urethrae in dextro latere descendit plica 
cutanea major, quae pudendi labium simulabat; in sinistro 
latere haec cutis plica a tumore qui cutim distenderat, 
deleta erat. Vaginae ostium null um sed annus infra 
patuit. Ex annulo prodiit tumor, qui capitis infantilis 
magnitudine ab ilei ossis spina superiori versus pubis 
arcum oblique duetu procedens in immi ventris cava 
versus hypochondrium sinistrum et epigastrium ascendit. 
Post mortem aegrotae Chevreuil cadaver apperiebat, qui 
sub tumore vesicam deorsum urgente uterum cavum 
pollicem longum et uteri cervicem detexit, qui in urethram 
ovali ostio hiabat, superius labio rubente obtecto. In 
latere uteri dextro ligamentum rotnndum adhaesit et 
inter ligamenti lati laminas ovarium et tubae reperie- 
bantur, in sinistro latere observatus fuit tumor hydropicus 



— 299 — 

ovarii, cui tuba sinistra imponebatur; pars hujus tumoris 
in abdomine erat^ pars ejus autem per annulum transiit? 
et tumorem exterius visendum constituit, in abdomine 
mesenterium in massam scirrhosam ab ilei regione ad 
processum sterni xyphoideum coaluerunt." 

In diesem Falle scheint es sich also um einen Tumor 
einer Geschlechtsdrüse zu handeln, der sanduhrförmig 
teilweise in der Bauchhöhle lag, teilweise durch den 
Leistenring nach außen getreten war. Steglehner gibt 
Chevreuils Angabe wieder, es habe sich um einen Ovarial- 
tumor gehandelt. Möglich ist ja dieses, aber es erscheint 
auch nicht ausgeschlossen, daß es ein Hodentumor war 
bei Zurückhaltung des anderen Hodens in toto in der 
Bauchhöhle und Vorhandensein eines hochgradig ent- 
wickelten Uterovaginalkanales, der in die männliche 
Urethra mündete. Heute ist natürlich von einer Ent- 
scheidung solcher zweifelhaften Fälle nicht zu reden, da 
nur das Mikroskop, aber nicht das makroskopische Aus- 
sehen einer Geschlechtsdrüse entscheiden kann. Zum 
Beweise führe ich den oben erwähnten Fall an, wo 
Martin in dem Glauben, ektopische inguinolabiale 
Ovarien exstirpiert zu haben, noch bei makroskopischer 
Betrachtung der exstirpierten Gebilde fest überzeugt 
war, es seien Eierstöcke — ja er glaubte sogar Follikel 
zu sehen — , wo doch das Mikroskop auf Hoden mit aller 
Bestimmtheit verwies. 

8) Clark [„Nephrolithotomie chez unhermaphrodite* 
— M^decine Moderne 1896 No. 43 — Referat: FrommePs 
Jahresbericht für 1897 pg. 927 No. 18] : Eine Frau starb 
nach einer von Clark vollzogenen Nephrolithotomie. Die 
Sektion erwies, daß diese Person, die zeitlebens als Frau ge- 
golten hatte, ein männlicher Scheinzwitter war. Penis hypo- 
spadiaeus rudimentarius, rudimentaere Prostata, kein Uterus, 
Brüste männlich angelegt, Scrotum gespalten, der rechte 
Hoden lag in der Schamlefze, der linke im Leistenkanale. 



— 300 — 

9) Delagenifere aus Tours berichtete der Pariser 
Soctetö de Chirurgie [siehe Progrfes Mqflical 1899 No. 2] 
folgende interessante Beobachtung: Er fand bei einer 
27 jährigen Frau eine absolut normal gestaltete Vulva 
mit ganz kleiner Clitoris, regelrechten Schamlippen, 
sodaß absolut nichts und nichts vorlag, das einen Zweifel 
an dem Geschlechte hätte hervorrufen können. Die 
Scheide erwies sich aber in der Höhe von 5 Centimetern 
blind geschlossen. Von Zeit zu Zeit sollen menstruale 
Phaenomene aufgetreten sein. Er konstatierte jederseits 
einen „petit point d'hernie inguinale". — Ein Bruchband 
vertrug die Person absolut nicht: Taxisversuche waren 
äußerst schmerzhaft. Delagenifere machte also den 
Bauchschnitt, fand dabei weder einen Uterus noch 
Spuren von breiten Mutterbändern. Die von ihm ent- 
fernten Geschlechtsdrüsen erwiesen sich unter dem 
Mikroskop als Hoden. [Siehe auch: Semaine M&licale 
1899, No. 2 pg. 13]: Delagenifere hatte dieser Frau 
den Bauchschnitt vorgeschlagen, um den Uterus aufzu- 
suchen und mit dem oberen Ende der blind endenden 
Scheide zu vereinigen und vollzog die Operation am 
5. VIII. 1897 unter Assistenz von Dr. Parisot. Er 
operierte in Trendelenburg's Hängelage und fand 
zunächst nichts von inneren Genitalien als zwei anfäng- 
lich von ihm für Ovarien angesehene Gebilde, deren je 
eines an der inneren Öffnung je eines Leistenkanales lag. 
Später glaubte er den Eindruck zu gewinnen, als seien 
es atrophische Hoden. Um diese Gebilde entfernen zu 
können, mußte er die innere Öffnung eines jeden Leisten- 
kanales etwas spalten. Bauchwunde geschlossen. Heilung. 
Das Mikroskop erwies atrophische Hoden. [Siehe auch: 
Annales de Gynecologie et d'Obst&rique. 1896. pg. 
57 — 63, mit zwei Abbildungen.] 

10) v. Engelhardt [„Ueber einen Fall von Pseudo- 
hermaphroditismus femininus mit Carcinom des Uterus" 



— 301 — 

— Monatsschrift für Geb. u. Gyn. December 1900 pg. 
729—744 mit drei Abbildungen]: 

Als Todesursache eines lange Jahre hindurch ver- 
heirateten Mannes von 59 Jahren, Karl Menniken, 
wurde ein Carcinoma uteri erhärtet. Die Sektion stellte 
fest, daß Karl Menniken keine Hoden sondern Ovarien 
hatte und ein Weib war, obwohl er jahrelang cum uxore 
den Beischlaf ausgeführt. Bezüglich Einzelheiten — 
siehe meinen Auf satz im vorigen Jahrgange diese Jahr- 
buches sub I No. 18. — 

11) Fehling („Ein Fall von Pseudohermaphro- 
ditismus femininus externus* Archiv für Gynaekologie. 
Bd. 42. pg. 361. 1892]: Im Januar 1891 trat die (s. Fig. 
16 u. 17) 21 jährige P. . in die Klinik ein. Die Periode 
trat im 15. Jahre ein und wiederholte sich regelmäßig; 
anfangs im 16. Jahre war sie postponierend und blieb 
im 17. ganz aus. Schon damals bemerkte das Mädchen 
einen apfelgroßen Tumor im Bauche. Die ständig zu- 
nehmenden Leibschmerzen zwangen sie endlich unter 
Aufgabe ihres Dienstes in das Hospital einzutreten. Man 
konstatierte Scheinzwittertum. Becken weiblich, Brüste 
rudimentär entwickelt, Stimme eher männlich, schnurr- 
bartartige Gesichtsbehaarung. Schambogen weit, Clitoris 
5 Centimeter lang, von Daumendicke, erectil, mit aus- 
gesprochener Eichel und Vorhaut. Die Erektionen traten 
sogar auf während einer libidinösen Unterhaltung. 
Vagina von Hymen am Eingange umgeben. Die linke 
Schamlefze ist schwach entwickelt, aber behaart, das rechte 
Labium majus stellt im oberen Teil einen rundlichen 
Sack dar, wie eine Sero tal half te. Man fühlt darin einen 
kleinen druckempfindlichen Körper nebst dünnem Strange. 
Der Finger läßt sich hier in den Leistenkanal, in die 
Bauchhöhle einstülpen. Darmschlingen sind im Bruchsacke 
nicht nachweisbar. Unter Narkose stellte man eine retro- 
versio uteri fest mit nicht durchgängigem Cervikalkanal. 



— 302 — 




Fig. 16. Äußere Genitalien eines weiblichen Scheinzwitters mit 

Hypertrophie der Clitoris, Inguinolabialektopie des rechten Ovarium 

u. der rechten Tube. Ansicht bei hängender Clitoris. 

Beobachtung von Fehling. 



303 



Im vorderen Scheidengewölbe fühlte man einen fluk- 
tuierenden Tumor, der nach einigen Schwanken als 




Fig. 17. Äußere Genitalien eines weiblichen Scheinzwitters, bei 

dem wegen Neoplasma des linken Ovarium der Leibschnitt gemacht 

wurde. Beobachtung von Fehling. 

Haematometra angesehen wurde. Fieber. Eine zweimalige 
Punktion des Tumors durch die vordere Bauchwand 



— 304 — 

ergab keinen positiven Bescheid. Da es endlich gelang, 
die Uteruskontouren zu tasten, so wurde ein uteriner 
Sitz des Tumors ausgeschlossen und angenommen, er 
entstamme dem linken Ovarium, während wahrscheinlich 
der rechte Eierstock in hernia labiali liege. Der Bauch- 
schnitt am 21. Januar bestätigte vollkommen diese 
Voraussetzung: Es fand sich ein Myxosarcoma ovarii 
sinistri: der Tumor wurde abgetragen, das rechte Ovarium, 
welches mit der Tube in die rechte Schamlefze ausgetreten 
war, wurde in die Bauchhöhle hineingezogen, wo diese 
Organe auch in der Folge verblieben. R. P. war also 
ein weiblicher Scheinzwitter mit ganz bedeutender Hyper- 
trophie der erectilen Clitoris peniformis, und nicht ein 
männlicher Scheinzwitter wie man wohl von vornherein 
hätte vermuten können. Die ektopische Tube konnte 
leicht einen Samenstrang, der ektopische Eierstock einen 
Hoden vortäuschen, die Vulva eine peniscrotale Hypospadie. 
Der Uterus war infantil entwickelt. Fehling unterließ 
die beabsichtigte Vernähung der inneren Oeffnung des 
Leistenkanales, weil er die Operation angesichts schlechter 
Atmung schneller beenden wollte. Neben dem Myxo- 
sarcoma ovarii sinistri globocellulare fand sich ein kleines 
Fibrom mit starker Verkalkung. Der Tumor wog 5 Pfund. 
12) Grub er [M&noires de TAcad&nie Imperiale 
des Sciences de St. P&ersbourg 1859 Tome 41. No. 13] 
beschrieb mit einer Abbildung ein 22 jähriges Individuum 
infolge von Carcinom einer Geschlechtsdrüse verstorben. 
Es war ein männlicher Scheinzwitter mit Hypospadiasis 
peniscrotalis; im sinus urogenitalis lagen die Öffnungen 
der Urethra und der Vagina. Es fand sich ein Uterus 
und eine Vagina von je 8 Centimeter Länge. Linkerseits 
fand man neben der Tube eine carcinomatös entartete 
Geschlechtsdrüse, seiner Zeit von G r u b e r für ein Ovarium 
angesehen, in der rechtsseitigen Geschlechtsdrüse fand man 
canaliculi seminiferi und konstatierte, daß letztere ein 




— 305 — 



Hoden war. Man fand auch den dazugehörigen Neben- 
hoden und das Vas deferens, konnte aber dessen peri- 
pheres Ende nicht entdecken. Offenbar liegt hier in der 
Deutung der ovariellen Natur der carcinomatösen links- 
seitigen Geschlechtsdrüse ein Irrtum vor und handelt 
es sich um männliches Scheinzwittertum und Kryptorchismus 
mit bösartiger Entartung des einen Hodens (siehe Fig. 18). 



i-dtf. 



*jiiii 




Fig. 18. 
Innere Genitalien eines männlichen Scheinzwitters mit hochgradiger 
Entwickelnng der Müll er 'sehen Gange und Carcinom einer Ge- 
schlechtsdrüse. Zeichnung kopiert nach Ahlfeld's Atlas. Beob- 
achtung von Grub er. ves. = Harnblase, prost. = Prostata, ter. = 
ligamentum teres uteri sinistrum, proc. v. per = processus vaginalis 

peritonaei. 

13) Gunkel [„Über einen Fall von Pseudoherm- 
aphroditismus." I. D. Marburg 1887.] erwähnt einen inter- 
essanten Fall folgender Art: Ein Mädchen verriet im 
geschlechtsreifen Alter geschlechtlichen Hang zu Frauen, 
also männlichen Geschlechtsdrang. Infolge einer De- 
nunciation wegen Incest wurde das Mädchen 1863 einer 
gerichtlich-medizinischen Untersuchung unterworfen und 
für einen männlichen Scheinzwitter erklärt, einen Hypo- 
spadiaeus mit Kryptorchismus bilateralis behaftet [männ- 
licher Bart, Penis hypospadiaeus etc.] aber ein Decret 
der Regenz gestattete dem Scheinzwitter, auch weiterhin 



Jahrbuch V. 



20 



— 306 — 

weibliche Kleidung zu tragen. Im 50. Lebensjahre starb 
diese Person. Die Sektion konstatierte zur Überraschung 
der Experten, daß sie sich geirrt hatten: Obgleich das 
Aussehen der äußeren Scham tatsächlich mehr einer 
männlichen als einer weiblichen ähnlich sah, fand man 
einen Uterus und zwei Ovarien, Tuben und die zum 
Uterus gehörigen Ligamente. Die Vagina, nach unten 
zu sehr verengt, öffnete sich in capite gallinaginis in die 
männlich veranlagte Harnröhre. Die äußere Öffnung der 
Harnröhre lag aber nicht in der Glans, wie es beim 
Manne sein sollte, sondern zwei und einen halben Centi- 
meter nach hinten unten von dieser Stelle — der 
vorderste Teil der männlichen Harnröhre war also 
hypospadisch. Auch eine Prostata wurde gefunden. Der 
Uterus war myoniatös entartet. Dieser Fall gehört zu 
den selten vorkommenden Fällen von clitoris peniformis. 
[Sind die Ovarien mikroskopisch als solche bestätigt? N.) 

14) W. Hall [„Carcinoma of the ovary in a herm- 
aphrodite". Transactions of the St. Louis Obstetric. and 
Gyn. Society. 17. VIII 1898, siehe: American Gyn. and 
Obstetric Journal. Vol. XIII. 1898 pg. 181, siehe: 
Referat Fromme Ps Jahresbericht für 1898 pg. 901] 
Scham weiblich, aber hypoplastisch und miniaturell, 
dagegen Clitoris anderthalb Zoll lang. Becken schmal, 
Brüste sind nicht da, Stimme männlich, Extremitäten und 
Oberlippe des 17jährigen Individuum behaart. Im 14. 
Lebensjahre soll einmal eine Blutausscheidung aus dem 
Genitale stattgehabt haben; in der rechten Beckenhälfte 
lag ein Tumor, in dem nach Exstirpation ein Carcinoma 
ovarii erkannt wurde. Der andere Eierstock erschien 
klein, atrophisch. Das Original der Arbeit war mir 
nicht zugänglich. 

15) Hansemann [Drei Fälle von Hermaphroditis- 
mus. ■ — Berliner Klinische Wochenschrift 1898. No. 25. 
pg. 149 u. ff.]: Eine 82jährige Frau Kristine Bock- 




— 307 — 

fleisch, durch lange Jahre in Amerika verheiratet, starb 
im Berliner Krankenhause am Friedrichshain. Der Leichnam 
wurde von Professor Fiirbringer seziert. Ein Sektions- 
protokoll fand sich nicht vor, dagegen vier Photo- 
gramme und die Krankengeschichte. In der pathologisch- 
anatomischen Sammlung des Hospitals finden sich die 
Beckenorgane mit den äußeren Genitalien sowie der 
Kehlkopf. [Präparat I, 268]. Die Sektion fand am 
27. V. 1887 statt. Der Tod war eingetreten infolge von 
Sepsis und Nierenabscessen bei Blasenkrebs. Es bestand 
niemals Zweifel über den männlichen Charakter dieser 
Person, obwohl sie als Frau verheiratet gewesen war. 
— Auch die Photogramme zeigen ein starkknochiges 
männliches Individuum und machen trotz Bartlosigkeit 
und dem lang ausgewachsenen Haupthaar den Eindruck 
eines verkleideten Mannes. Das Scrotum ist gespalten, 
an jeder Seite befindet sich ein normal gebildeter Hoden. 
Penis hypospadiaeus an der oberen Fläche gemessen 8 
Centimeter, an [der unteren 3 Centimeter lang, haken- 
förmig nach unten gekrümmt. An der gespaltenen 
männlichen Harnröhre sieht man eine Anzahl von Lacunae 
Morgagnii in der Mittellinie belegen. Vorhaut kurz. 
Die Urethra ist weit und mag im Leben für den kleinen 
Finger durchgängig gewesen sein, jetzt in dem ge- 
schrumpften Zustande kann man noch leicht einen Blei- 
stift einführen. In der Umgebung der Urethra ist die 
Epidermis etwa in Centimeterbreite glatt, ähnlich einer 
Vaginalschleimhaut. Nach außen wird sie runzlig und 
geht in die Bedeckung der beiden Scrotalhälften über. 
Diese glatte Stelle erweckt den Eindruck eines Introitus 
vaginae, da die beiden Scrotalhälften dicht bei einander 
liegen. Nach hinten biegt diese Partie zum Damm in 
einer scharfen Kante um und von hier bis zum After 
sind noch 5,5 Centimeter. Die Urethra ist bis zum 
Eintritt in die Blase 10,5 Centimeter lang, eine Prostata 

20* 



— 308 — 

nicht vorhanden, dagegen Corpus gallinaginis gut ent- 
wickelt. Die Mündungen beider Vasa deferentia sicht- 
bar. Samenblasen atrophisch, aber an normaler Stelle 
gelegen. In der Harnblase sieht man den flachen 
ulcerierten Krebs. Ureteren und Nierenbecken erweitert, 
in beiden Nieren zahlreiche Abscesse. Kehlkopf etwas 
klein, aber nicht unverhältnismäßig. 

16) Howitz [siehe: Blom: Gynaekolog. obstetr. 
Middelelser. T. X. Heft HI pg. 194—216]. Eine 49jährige 
Frau trat in die gynaekologische Klinik in Kopenhagen 
ein wegen eines Bauchtumors. Howitz exstirpierte 
einen myomatösen Uterus, die Frau starb am 5. Tage 
nach der Operation infolge von Embolie. Obwohl das 
Aussehen der äußeren Genitalien für männliches Geschlecht 
sprach, fand man doch bei der Nekropsie weibliches 
Geschlecht, aber die Ovarien enthielten keine G raaf sehen 
Follikel! Diese Person war unverheiratet und hatte 
kaum einige Mal eine Blutung aus dem Genitale gehabt 
zwischen dem 30. und 40. Lebensjahre und zwar in 
Abständen von einem oder mehreren Jahren. Diese 
Blutungen waren stets minimal, dauerten kaum wenige 
Tage und waren stets ohne irgend welche Molimina 
menstrualia gewesen. Vor 6 Monaten bemerkte die 
Person zum ersten Male einen Bauchtumor, welcher aber 
schnell wuchs und immer größere Beschwerden hervorrief. 
Die Frau war klein von Wuchs, spärlich behaart bis auf 
das lange Haupthaar, mager, mit scharfen Gesichtszügen, 
mußte sich oft rasieren wegen Bartwuchses; Stimme und 
Brustkorb männlich, Kehlkopf vorspringend, Brüste 
fehlten. Schambehaarung und Becken männlich; die 
Schamlefzen waren leer, kleine Schamlippen mäßig ent- 
wickelt, Clitoris 6 Centimeter lang und zwei Centimeter 
dick; die glans Clitoridis zwei Centimeter lang, an ihrer 
unteren Fläche sieht man sowie an der unteren Fläche 
des Corpus clitoridis eine Rinne wie bei einem hypo- 



309 — 



spadischen Penis und in dieser Rinne einige Krypten. 
Sinus i urogenitalis eine flache einen Centimeter lange 
Vertief ung ? eine Fingerspitze nicht aufnehmend. Keine 
Spur von einem Hymen zu entdecken, Durch eine feine 
Oeffnung am Boden des Sinus urogenitalis dringt eine 
dünne Sonde auf 7 Centirueter in eine Vagina ein. 
Damm 8 Centimeter breit, weist eine deutliche Raphe 
auf. Am 29. VI. vollzog Howitz den Bauchschnitt 
in der Meinung, es handle sich um einen myomatösen 
Uterus, er entfernte einen Tumor von der Größe einer 
Kokosnuß, bildete eine Art Stumpf und nähte den- 
selben in die Bauch wunde ein. Am vierten Juli starb 
die Frau plötzlich infolge von Embolia arteriae pulmonalis. 
Der Tumor erwies sich als ein Fibromyom und enthielt 
einen mit Schleimhaut ausgekleideten Kanal; nach unten 
zu erweiterte sich dieser Kanal bedeutend und konnte 
man in seinem unteren Abschnitte deutlich die Zeichnung 
des Arbor vitae erkennen an Vorder- und Hinterwand. 
Die Cervikalhöhle kommunicierte durch eine nur steck- 
nadelkopfgroße Öffnung mit einer Vagina. Portio vagi- 
nalis uteri nur einen Mill. lang, die Cervix dagegen 
war sieben und einen halben Zentimeter lang. Ligamenta 
rotunda uteri normal, ligamenta lata sehr niedrig, linker- 
seits eine normale Tube aber ohne Fimbriae um die sehr 
enge abdominale Öffnung, Rechterseits fehlte die Tube, 
an Stelle der Ovarien lag jederseits eine Gebilde von 
Gestalt und Größe einer Mandel: linkerseits außerdem 
ein gänseeigroßes Fibromyom. Keine Spur von einer 
Prostata, Die Scheide war 7 Centimeter lang und einen 
halben Centimeter breit. An der hinteren Wand der 
Urethra einen Centimeter unterhalb der Blasenmündung 
sah man jederseits eine feine Öffnung, kaum nadelspitzen- 
weit, welche jederseits in einen feinen Kanal führte, 
welcher in der Höhe von 1,35 Centimetern blind schloß. 
Diese Gärtnerischen Kanäle verliefen nach außen und 



— 310 — 

nach hinten zu unter der Schleimhaut der Harnröhre. 
Chiewitz untersuchte die Geschlechtsdrüsen und kam 
zu dem Schlüsse, es seien Ovarien aber ohne Follikel- 
bildung. Das Stroma war härter als das Stroma eines 
normalen Eierstockes einer erwachsenen Frau, erinnert 
aber in nichts an das Stroma eines Hodens. Keine Spur 
von Vasa deferentia gefunden. 

[Meines Erachtens muß das Geschlecht in diesem Falle 
unentschieden bleiben, denn Chiewitz lieferte keinen Be- 
weis, daß die Geschlechtsdrüsen wirklich Ovarien waren, 
er fand Geschlechtsdrüsen in rudimentärem Entwickelungs- 
zustande, die meiner Ansicht nach ebensowohl rudimen- 
täre Hoden sein konnten als rudimentäre Ovarien. N.] 

17) Dixon-Jones [siehe im Vorhergehenden: Erste 
Gruppe: Fall 14] fügte in seinem Falle von doppel- 
seitiger Herniotomie den Bauchschnitt hinzu, um sich 
von dem Aussehen der intraabdominalen Geschlechts- 
organe zu überzeugen. 

18) Kapsammer [Zentralblatt für die Krankheiten 
der Harn- und Sexualorgane. 1900. No. 1] hat eine in 
ihrer Art einzig dastehende Beobachtung beschrieben: 
Nitze in Berlin entfernte bei einem 30 jährigen Manne 
operativ einen Kalkphosphatstein von 165 Gramm Ge- 
wicht, welcher in der Höhle eines Utriculus masculinus 
lag, der mit enger Oefihung in die Pars prostatica 
urethrae sich öffnete. „Gänseeigroßer Kalkphosphatstein 
in einem Vaginalsack beim Manne" [siehe Referat: 
Deutsche Medicinische Wochenschrift 1900, No. 4, 
Litteraturbeilage No. 3 vom 25. I. 1900, pg. 20.] 

19) Kr ab bei [Vortrag in der Vereinigung nieder- 
rheinisch -westphälischer Chirurgen in Düsseldorf, am 
20. Juli 1901 — siehe: Monatsschrift für Geb. und 
Gynaekologie, Oktober 1901, pg. 597] beschrieb eine 
Ovariotomie bei einem 32 jährigen Manne. Dieses Indi- 
viduum war als Knabe getauft und als Mann erzogen 



— 311 — 

worden, indem man eine Hypospadiasis peniscrotalis 
diagnosticierte mit Existenz von Schamlefzen und einer 
engen Vagina. Nachdem der junge Mann das Gymnasium 
und die Universität beendigt hatte, erhielt er eine staat- 
liche Anstellung als Lehrer in einer höheren Schule. 
Niemals Periode. Es wurde ein Bauchhöhlentumor 
diagnosticiert [wie alt war das Individuum zu dieser 
Zeit? — N.] und ein multilokulares Cystom des linken 
Eierstockes entfernt. Sub operatione fand man in der 
Bauchhöhle einen kleinen Uterus und ein Organ, welches 
man für den rechten Eierstock ansah. Der Uterushals 
ließ eine Sonde eindringen, wie man sich vor der 
Operation überzeugt hatte. Anderthalb Jahre nach 
dieser Operation wurde wegen Recidivs abermals der 
Leib geöffnet; der jetzt entfernte Tumor wurde von 
Professor Marchand als Teratom charakterisiert mit 
sarkomatösem Bau. Seit dieser Operation soll der Mann 
sich gesund fühlen. Erst im Februarheft 1902 der 
Monatsschrift für Geb. und Gyn. (pg. 227) fand ich einen 
etwas eingehenderen Bericht über diese seltene Beob- 
achtung: Der Mann war klein von "Wuchs und von 
zartem Körperbau, mit Schnurrbart versehen und 
knappem Backenbart, weiblicher Stimme, nicht promi- 
nierendem Kehlkopf und flachen Brüsten. Hypospadiasis 
penis; die Glans schien ohne Vorhaut. Statt eines 
Scrotum und der Hoden fanden sich zwei Schamlefzen. 
Sub narcosi tastete man per vaginam eine portio 
vaginalis uteri. Nach Entfernung eines Bauchhöhlen- 
tumors von 23 Pfund Gewicht fand man einen kleinen 
Uterus und rechterseits ein Ligamentum latum. Der 
Tumor war aus den linkseitigen Adnexa uteri hervor- 
gegangen, auf dem Tumor lag das linke Ovarium auf, 
das gleichzeitig mit entfernt wurde. Bei der mikro- 
skopischen Untersuchung jedoch erwies sich das als 
Ovarium aufgefaßte Gebilde als ein Parovarium. Der 



— 312 — 

postoperative Verlauf war gut, aber nach anderthalb Jahren 
mußte, wie gesagt, wegen Reoidivs der Leibschnitt wieder- 
holt werden. Der jetzt entfernte Tumor war so groß wie der 
früher entfernte und erwies sich als Teratom von ge- 
mischtem Bau mit sarkomatösem Bau. Inhalt teilweise 
myxomatös ; hier und da fanden sich auch Epithelnester. 
Krabbel sah in dem Tumor ein Embryom (Wilms). 
Dieser Mann hatte weder Menstruation noch Ejakula- 
tionen und soll seit der letzten Operation gesund sein. 
20) Krug [„Ovariotomy in a herraaphrodite* — 
Eeferat: The British Gynaecological Journal, August 1891 
VoL VII. No. 26. pg. 254] in Newyork machte den 
Bauchschnitt bei einer jungen Polin von 19 Jahren. 
„When ten years old, a copious growth of hair appeared 
all over the body, especially the face. At sixteen ab- 
dominal pains with epistaxis occured monthly, but there 
was never any show. A s well in g appeared a few months 
before she entered hospital. It was diagnosed as haema- 
tometra and haematokolpos. Krug noted the masculine 
appearence of the patient. Nothing womanly exists save 
here long tresses. The wiskers and moustache were well 
developed and she shaved daily. The skeleton, espe- 
cially the pelvis, was massive. The external genitals at 
first sight were like those of a male; the clitoris was two 
inches long. Two folds, resembling a scrotum, when they 
lay together, concealed a narrow vaginal orifice. The Ure- 
thra opened, immediately under and behind the penis like 
clitoris. The vagina contained no rugae. The Portio 
vaginalis of the cervix was minute. Itf as a pinhole 
orifice, admitted a fine sound for about two inches. The 
tumor descended into the pelvis and appeared as though 
connected with the Uterus. It caused extreme distension 
of the Abdomen. Bronchitis and kidney disease compli- 
cated the case. A large sarcoma of the right ovary was 
removed. Its base had „to be shelled out of the right 



— 313 — 

broad ligament The left ovary formed ä smaller sarco- 
matous tumour also sensible; it was removed. The stumps 
on either side of the small Uterus, where two ligatures 
had been employed, were normal. — Krug hatte die 
irrtümliche Diagnose einer Haematometrokolpos gestellt 
vor dem Bauchschnitte. Die Operation erwies weibliches 
Scheinzwittertum mit gewissen arrhenoidalen Erscheinungen, 
Pseudohermaphroditismus femininus — der Fall ähnelt 
demjenigen von Fe hl in g in mancher Beziehung. 

21) Lesser (Deutsche Zeitschrift für praktische 
Medizin 17—1878 No. 10 — Referat: Schmidt's Jahr- 
bücher Jahrgang 1878, Band 178. pg, 42]. 

Die 25jährige L., als Mädchen erzogen, hielt sich 
ganz abseits von jeglichem Verkehr, sei es mit Männern, 
sei es mit Frauen. Ihre reine Stimme sowohl als ihr allge- 
meines männliches Aussehen, erweckten schon seit langer 
Zeit in ihrer Umgebung den Verdacht) sie sei ein verkleideter 
Mann. Um endlich einmal diesen Gerüchten die Spitze 
abzubrechen, nahm die L. zu einer Lüge Zuflucht, sie 
erzählte nämlich, sie habe vor einigen Jahren unehelich 
ein Kind geboren, welches aber kurz nach der Geburt 
verstorben sei. Die L. selbst starb eines plötzlichen Todes. 
Sektion: Körperlänge 146 Centimeter, männliche Gesichts- 
behaarung, Schnurrbart und Backenbart, Gesichtsausdruck 
gleichwohl weiblich. Pomum A dam i hervortretend, Brüste 
sehr schwach entwickelt; in der Bauchhöhle ein Tumor. 
Im linken Leistenkanale ein weiches verschiebliches 
ovales Körperchen von Pflaumengröße. Scham stark 
behaart. Man fand ein penisartiges Glied von 5,5 Cent. 
Länge ohne Frenulum praeputii und ohne Praeputium, 
Penis hypospadiaeus. Die Rinne an der unteren Fläche 
des Penis reicht nach unten herab bis zwei Centimeter 
vor dem Anus und schließt mit einer Art Delle, welche 
die Kuppe des kleinen Fingers aufnimmt. Jederseits 
von dem Penis ein Hautdecken wulst von 10 Centimeter 



— 314 — 

Länge und drei Centimeter Breite. Auf der runzligen 
Oberfläche dieser Hautwülste hier und da einige rötliche 
stecknadelgroße Erhabenheiten. Hände und Füße weib- 
lich aussehend. In der Bauchhöhle fand man ungefähr 
3000 Kubikcentimeter dunklen flüssigen Blutes, das kleine 
Becken war von einem fluktuierenden Tumor ausgefüllt, 
der Tumor hatte die Größe des Kopfes eines erwachsenen 
Mannes. Die Därme, ja sogar das Coecum erwiesen sich 
durch den Tumor stark nach oben dislociert. Der Tumor 
war mit der vorderen Bauchwand verwachsen in der 
Ausdehnung eines Fünfmarkstückes in der Gegend der 
inneren Öffnung des linken Leistenkanales. Bings um 
diese Stelle war das Bauchfell besät mit kleinen blut- 
infiltrierten Knötchen von verschiedener Größe und ver- 
schiedenem Aussehen. Die Lymphdrüsen und die linke 
Niere entartet. Von dem Tumor zieht ein 5 Millimeter 
dicker Strang zu dem im linken Leistenkanale liegenden 
ovalen Gebilde. Der Tumor war ein Alveolarsarcom. 
Der in die vorgenannte Delle am Damme eingeführte 
Finger gelangt in einen zylindrischen Kanal, in dessen 
Tiefe sich zwei Öffnungen befanden. Der Kanal war 
der Sinus urogenitalis, 2 Centimeter lang und anderthalb 
im Umfange messend. Wand sehr dick. Die obere der 
beiden Öffnungen im Sinus urogenitalis war die Harn- 
röhrenöffnung, die untere führte in eine 1 und einen 
halben Centimeter lange Vagina, die unten drei und einen 
halben Centimeter breit, weiter oben oberhalb einer Striktur 
5,5 Centimeter breit war. Der Tumor entstammte dem 
Uterus und umgab teilweise sogar die Scheide in deren 
oberem Abschnitte. Der Tumor war an einer Stelle 
geplatzt und hatte so eine tötliche Verblutung herbei- 
geführt. Man fand keine Spur von Ovarien oder Pro- 
stata oder Samenbläschen — wofür wurde denn jenes 
im linken Leistenkanale liegende Gebilde angesehen? — 
Der Penis besaß deutlich drei Corpora cavernosa. [Wenn 



— 315 — 

der Penis hypospadiaeisch war, so ist mir die Möglichkeit 
der Existenz von drei Corpora caversa mindestens zweifel- 
haft, jedenfalls ganz unverständlich. — N]. — Lesser er- 
klärte die Verstorbene für ein Weib mit gewissen Mängeln, 
da sie niemals menstruiert hatte. Einen Beweis bringt 
er jedoch für die Richtigkeit seiner Vermutung nicht — 
meines Erachtens erscheint es viel wahrscheinlicher, daß 
L. ein männlicher Scheinzwitter war und daß wahrschein- 
lich der Tumor ein Sarkom eines in der Bauchhöhle reti- 
nierten Hodens war, während der andere Hoden im linken 
Leistenkanale lag. Selbstverständlich sind das nur ver- 
mutete Möglichkeiten. Da ich die Originalarbeit Lesser's 
nicht besitze, so möchte ich einen Kollegen, welchem die 
Deutsche Zeitschrift für praktische Medizin für das Jahr 
1878 zugänglich ist, ersuchen, die Arbeit Lesser's auf 
diesen Punkt hin kritisch durchzusehen. 

22) Levy [Berliner klinische Wochenschrift XX. 
Jahrgang 1882 pg. 620] stellte in der Berliner geburts- 
hülflich gynaekologischen Gesellschaft am 8. XH. 1882 
[Zeitschrift für Geburtshülfe und Gynaekologie IX. Bd. 
1883 pg. 235: ^ Hermaphroditismus spurius femininus mit 
Tumor in Abdomine"] ein 16 jähriges Mädchen Anna 
Schulze vor. Da ich in der Sitzung zugegen war, damals 
noch Volontair in der Klinik des verstorbenen Professor 
Karl Schroeder, so benützte ich die Gelegenheit, um ein 
Modell der äußeren Genitalien dieses Mädchens anzu- 
fertigen. Das Mädchen hatte seit einem halben Jahre 
die Regel, wie es aussagte; die Regel soll stets schmerz- 
haft sein. Körperhöhe 145 Centimeter, Haupthaar lang, 
Mammae wenig entwickelt, Allgemeinaussehen weiblich, 
Clitoris peniformis ähnelt einem hypospadischen Penis, 
ist drei Centimeter lang, sub erectione 5 Centimeter; die 
Erektion ist sehr energisch, sub narcosi. In jeder Scham- 
lefze tastet man ein härtliches verschiebliches Gebilde 
von 10-Pfennigstückgröße. Unterhalb der Harnröhren- 



— 316 — 

mündung liegt die von einem Hymen garnierte Vaginal- 
öffnung. Die Vagina ist 5 Centimeter lang. Die Scham- 
lefzen sind schwach behaart und runzlig, über dem rechten 
horizontalen Schambeinaste sieht man eine Hervorwölbung, 
fühlt aber dort keine vergrößerte Resistenz; niemals 
Menstruation, wohl aber Molimina vorhanden. Ob der 
Tumor eine Haematometra oder ein Neoplasma des rechten 
Eierstockes ist, schreibt L e v y, wird die weitere Be- 
obachtung zeigen. Per rectum fühlte man einen Strang, 
nach oben etwas dicker werdend, und darüber mehr nach 
rechts gelagert, einen Tumor von der Größe einer großen 
Orange, festweich, nicht fluktuierend, mit glatter Ober- 
fläche; diesem liegt links oben ein mandelförmiges Gebilde 
an, das aber auch von dem Tumor abhebbar ist. Unter- 
halb des Tumors findet sich noch ein erbsengroßes Gebilde, 
aber außer Zusammenhang mit ihm. „Das Aussehen der 
Clitoris sowie die in den Schamlefzen getasteten Gebilde 
müssen den Verdacht einer erreur de sexe" wecken, für 
mich muß das Geschlecht in diesem Falle vorläufig 
unentschieden bleiben, da ja die Angabe der stattgehabten 
Menstruation eine fragliche ist. 

23) Ernst Levy [„Über ein Mädchen mit Hoden 
und über Pseudohermaphroditismus" — Hegar's Beiträge 
zur Geburtshülfe und Gynäkologie. Leipzig 1901. Bd. IV. 
Heft III. pg. 347 — 360.] beschreibt einen von Do e der- 
lei n operierten Fall, der nach Kastration eines Mädchens 
feststellte, daß die exstirpierten Geschlechtsdrüsen Hoden 
waren und giebt im Anschlüsse hieran die Kranken- 
geschichte einer von v. Saexinger mit letalem Aus- 
gange operierten Person. Die 20jährige M. Str. bot ein 
weibliches Allgemeinaussehen, sowie auch manche sekun- 
dären Geschlechtscharaktere weiblich waren. Als sie 
geboren wurde, sagte die Hebeamme, das Kind sei ein 
männliches mißbildetes Kind, es wäre aber besser, das- 
selbe als Mädchen zu erziehen, weil der Harn nicht vorn 



— 317 — 

am Gliede abgegeben werde. Nieraals Regel bisher, 
wohl aber schon seit zwei Jahren alle drei Wochen je 
4 — 5 Tage andauernde Leibschmerzen mit ärztlicherseits 
dabei konstatierten Temperatursteigungen. Seit drei 
Monaten schon bemerkte Patientin, daß ihr in der rechten 
Hälfte des Unterleibes ein Tumor wachse. Seit dieser 
Zeit ist sie sehr abgemagert und arbeitsunfähig geworden. 
Patientin ist 168 Centimeter hoch, anaemisch, ohne Spur 
von männlicher Gesichtsbehaarung. Stimme und Kehlkopf 
männlich, Andromastie. Im rechten Hypogastrium ein 
schmerzhafter glatt wandiger, harter ovaler Tumor von 
Kindskopf große: der Tumor entspringt aus dem kleinen 
Becken und läßt sich nicht in das große Becken hervor- 
heben. Linkerseits ein ähnlicher kleinerer Tumor, da- 
hinter ein sehr druckempfindliches Gebilde, welches den 
Eindruck eines etwas vergrößerten Ovarium macht. Der 
bei Druck auf diese Gebilde empfundene Schmerz 
gleicht absolut dem sonst periodisch allmonatlich em- 
pfundenen Schmerze. Schambehaarung weiblich. Statt 
einer Clitoris fand man einen hypospadischen Penis von 
5,7 Centimeter Länge, hakenförmig nach unten gekrümmt, 
an der Unterfläche drei Centimeter lang. Die Glans 
kastaniengroß. Der Penis erwies sich erectil. An 
seiner unteren Fläche eine Rinne, die bis zwei Centimeter 
oberhalb der Analöffnung reicht. Nach hinten unten zu 
wird diese Rinne ständig breiter und wird zuletzt einen 
Centimeter breit. Hier liegt eine Oeffnung, welche den 
Katheter in die Blase einläßt. Das Präputium, nach 
hinten gestreift, läßt sich soweit vorziehen, daß es die 
ganze Glans Penis bedeckt. 

Keine Spur einer Vagina zu finden, wohl aber 
existieren große Schamlefzen, mit einer Spur von kleinen 
Schamlippen, welche die Harnröhrenöffnung seitlich um- 
geben. In jeder Leistengegend tastet man ein festweiches 
kleines Gebilde von Haselnuß- resp. Bohnengröße. Diese 



— 318 — 

Gebilde lassen sich leicht in die Bauchhöhle hineinstoßen. 
Beide waren sehr druckschmerzhaft. Per rectum fühlte 
man zwischen per urethram eingeführtem Katheter und 
Finger kein Gebilde in der Art einer Vagina. Per 
rectum tastete man den rechtsseitigen sehr schmerzhaften 
Tumor, welcher hier Fluktuation aufwies. Während des 
Aufenthaltes in der Klinik hatte das Mädchen 'seine 
Monatsschmerzen und die Tumoren erschienen dabei ver- 
größert. Am 14. März vollzog Professor v. Saexinger 
den Bauchschnitt, konnte aber die Tumoren nicht ent- 
fernen. Die Operation blieb unvollendet, zudem mußte, 
da es an einer Stelle kontinuierlich blutete, ein Gaze- 
tampon eingelegt werden, also die Bauchwunde nicht 
ganz geschloßen. Die Kranke starb am nächsten Morgen. 
Die beiden Tumoren erwiesen sich sub nekropsia als 
Rundzellensarcome, und zwar entsprangen sie an den 
Stellen des Beckens, wo normal die Ovarien liegen. Man 
fand aber nirgends auch nur die geringste Spur von 
O variaige webe; man fand aber zwischen den Tumoren 
hinten und rechterseits gelagert ein Gebilde von dreieckiger 
Gestalt, welches als Uterus angesprochen wurde. Uterus- 
wände sehr dünn, die Uterinhöhle kommunicierte nach 
unten zu mit einem Kanäle von 18 — 19 Centimeter Länge, 
einer Vagina, welche sich dicht hinter der Urethral- 
mündung in jene vorgenannte Rinne am Damme öffnete. 
[Man hatte in vivo diese Oeffnung übersehen ? — N.] — 
Das Lumen der Scheide war im oberen Teile so groß, 
daß der Zeigefinger einging, im Scheidenausgange aber 
nur kleinfingerweit. Die Cervix uteri war mit den Tumoren 
eng verwachsen und so verlängert, daß man eine deutliche 
Grenze zwischen Cervix und Corpus uteri nicht feststellen 
konnte, ebensowenig fand man eine ausgesprochene Grenze 
zwischen Uterus und Vagina. Die Eileiter waren da, 
ebenso die Ligamenta rotunda, welche außerhalb der 
Leistenkanäle abschlössen mit einer Art cystischen Bildung 



— 319 — 

von zwei Centimeter Länge. [Hydrocele? — N.] — 
Hinter der Vagina fand man zwischen ihr und Rectum 
in der Höhe des äußeren Muttermundes einen fluk- 
tuierenden Sack mit gespannten Wandungen. Dieser 
faustgroße Sack war eine mit seröser Flüssigkeit gefüllte 
Cyste mit glatter blasser Innenwand. Harnröhre vier 
Centimeter lang, von weiblichem Bau, ohne Spur einer 
Prostata, eines Caput gallinaginis oder Öffnungen der 
Ductus ejaculatorii. Die Cyste war mit Flimmerepithel 
ausgekleidet. Die härtlichen Gebilde, in der Gegend der 
Leistenkanäle unter den Hautdecken getastet, erwiesen 
sich als Metastasen der Tumoren. Man fand keine 
Spur von Hodengewebe. Doederlein, welcher den 
v. Saexinger operierten Fall beschreiben ließ, vermutete, 
die Person sei ein weiblicher Scheinzwitter gewesen mit 
maligner Degeneration der Geschlechtsdrüsen, penisartiger, 
hypertrophischer und erektiler Clitoris, bei großer Enge 
der äußeren Scheidenmündung und Existenz einer Cyste 
aus einem Wolff sehen Körper entstammend — wohl 
Parovarialcyste. [Da keine Spur von Ovarialgewebe ge- 
funden wurde, ebensowenig wie eine Spur von Hoden- 
gewebe, so kann hier von einer Entscheidung • des Ge- 
schlechtes gar nicht die ßede sein — ich persönlich 
würde eher männliches Scheinzwittertum in diesem Falle 
vermuten, gestützt auf analoge Fälle von Hodensarkom bei 
Vorliegen eines hochgradig entwickelten Uterovaginal- 
kanales. N.] 

24) Lieb mann [Budapesti Kir. Orvooseg. 1890. 
10. V. siehe: Referat: Centralblatt für Gynaekologie. 
1890 pg. 928]: Bei einer 45jährigen Frau war vor einem 
Jahre ein elastischer Tumor in der linken Leiste ent- 
standen, schnell bis Faustgröße anwachsend. Man fand 
keine Spur von Uterus oder Ovarien. Die äußeren 
Schamteile dürftig angelegt; Brüste gut entwickelt. 
Weder jemals Periode noch auch Molimina menstrualia. 



— 320 — 

Die Person heiratete im 27. Jahre einen Mann von 66 
Jahren und hatte auch nicht die geringste Ahnung von 
ihrer Mißbildung. Der Tumor sollte ein Lipom sein. 
[Leider ist das Referat zu kurz, um alle die Fragen zu 
beantworten, die sich in diesem zweifelhaften Falle von 
selbst aufwerfen. N.] 

25) Litten [Ein Fall von Androgynie mit malignem 
teratoidem Kystom des rechten Eierstockes mit doppel- 
seitiger Hydrocele cystica processus vaginalis peritonaei 
— Virchows Archiv 1879 — Bd: 75]. — 

Am 31. Mai trat in die Klinik von Professor Frerichs 
die 16jährige Klara Hacker ein, angeblich wegen 
Ascites. Gleich bei der ersten Inspektion fiel das eigen- 
tümliche Aussehen der Genitalien auf und schwankte 
man, ob die Patientin in einem Frauensaal oder in einem 
Männersaal unterzubringen sei. „ Der allgemeine Körperbau 
weiblich, aber das Aussehen des Genitale rein männlich, 
nur fiel ein klaffender Spalt auf, welcher sich in der 
Raphe der als Scrotum imponierenden stark gerunzelten 
Hautfalten bis gegen das hintere Ende derselben hin 
erstreckte" — Penis am Dorsum 5 und einen halben 
Centimeter lang, zwei und einen halben an der unteren 
Fläche. Sub erectione wird das Glied 10 Centimeter 
lang, man tastet die Schwellkörper* Man gewinnt das 
Bild einer Hypospadiasis peniscrotalis mit einer Rinne, 
welche bis 4,5 Centimeter vor der Analöffnimg reicht. Zu 
beiden Seiten dieser Rinne fanden sich derbe, gerunzelte 
und mit kurzen Härchen besetzte Hautfalten, welche in 
ihrer Beschaffenheit aufs Lebhafteste an die Scrotalhaut 
erinnerten. Beim Auseinanderziehen dieser fettreichen 
Falten erkannte man in dem nunmehr geöffneten Kanal 
deutlich die oben liegende Urethralmündung und darunter 
den außerordentlich engen, eben noch für die Sonde 
passierbaren Scheiden eingang. Klara war als Mädchen 
erzogen, hatte aber die Stimme eines 20jährigen Mannes. 



321 — 



Sie war das älteste von 8 Kindern ihrer Eltern, die 
Geschwister waren alle normal gebaut. Es fiel jedermann 
auf, wie ungemein rasch sich der Verstand Klara's ent- 
wickelt hatte sowie ein ausgesprochener Trieb zu Selbst- 
ständigkeit und Unabhängigkeit. Sobald Klara bemerkt 
hatte, daß sie anders körperlich gebaut war, als ihre 
Freundinnen, zog sie sich von jedem Verkehr mit ihnen 
zurück. Die Regel trat im 15. Jahre ein, war stets 
spärlich und schmerzhaft und mit Anschwellen der Brüste 
verbunden. Im zweiten Jahre nach Eintreten blieb die 
Periode einige Monate lang aus, in dieser Zeit fing der 
Leib an, an Umfang zuzunehmen. Die Harnsecretion 
nahm sehr zu und das Harnen wurde schmerzhaft. Der 
Tumor, die Bauchhöhle ausfüllend, reichte bis 11 Centi- 
meter oberhalb des Nabels, erschien nicht einheitlich, 
sondern gelappt^ mit ungleicher Konsistenz, asymmetrischen 
Kontouren etc. Im ersten Augenblicke dachte man an 
Schwangerschaft um so mehr als die Regel ausgeblieben 
war, aber die Gestalt des Tumors sprach gegen Schwanger- 
schaft, ebenso das Aussehen der äußeren Genitalien, 
ganz besonders aber die Enge der Scheidenmündung, 
welche kaum eine dünne Sonde einließ. Da man also 
eine Schwangerschaft ausschloß, so wurde der Uterus 
sondiert. Die per vaginam eingeführte Sonde drang 19 
Centimeter tief ein in der Richtung nach rechts oben. 
Die Kuppe der Sonde konnte man in dem kleineren rechts- 
seitigen Tumor tasten, der dem größeren gleichsam aufsaß. 
Dieser kleine Tumor wurde also für den Uterus an- 
gesprochen, nach rechts dislociert durch einen von links 
ausgehenden Tumor. Scheide, Uterus und Blase wiesen 
sämtlich eine bedeutende Verlängerung auf, der Katheter 
drang auf 15 Centimeter Tiefe in die Blase ein! In der 
linken Scrotalhälfte tastete man ein Gebilde von Mandel- 
größe; rechterseits lag ein ebensolches Gebilde vor der 
äußeren Öffnung des Leistenkanales ; von jedem dieser 

Jahrbuch V. 21 



— 322 — 

Gebilde schien ein Strang nach dem Leistenkanale zu 
zu verlaufen. Nach einer am nächsten Tage vollzogenen 
Punktion stellte man die Diagnose auf einen Ovarialtumor, 
ein vielkämmeriges Cystom. Die mandelförmigen Ge- 
bilde in scroto fisso sah man für Hoden an, jene 
Stränge für Samenstränge. Die Kranke starb unoperiert 
nach siebenwöchentlichem Aufenthalte im Hospital an 
Erschöpfung. Die Sektion wurde von Professor V i r c h o w 
gemacht. 

Er hatte die Klara Hacker noch vor ihrem Tode 
gesehen und damals das Geschlecht für weiblich erklärt, 
obgleich die Hypertrophie der Clitoris sowie jene in den 
Schamlefzen tastbaren Gebilde auf männliches Geschlecht 
hinweisen. Virchow schloß männliches Geschlecht aus, 
weil er neben den als Hoden gedeuteten Gebilden keine 
Nebenhoden tasten konnte, und glaubte, es handle sich 
um inguinolabiale Ektopie der Ovarien. Dafür sprach 
auch das Anschwellen dieser Gebilde intra Menses. 
Trotzdem hatte Virchow sich geirrt; die von ihm für 
ektopische Ovarien angesprochenen Gebilde waren aller- 
dings nicht Hoden, wie man in der Klinik von Frerichs 
vorausgesetzt hatte, aber auch nicht Ovarien, sondern 
abgeschnürte praeinguinale Teile der Processus vaginales 
peritonaei. Linkerseits war daraus eine kleine Hydro- 
cele, rechterseits eine Haematocele entstanden. Der 
Bauchtumor erwies sich als ein Myxosarcom des rechten 
Ovarium, das linke erwies sich als normal. Da der 
rechte Eierstock degeneriert war, der linke aber eine 
glatte Oberfläche hatte, ohne Spuren geplatzter Follikel, 
so bezweifelte Virchow den menstruellen Charakter der 
von Klara Hacker angegebenen Blutungen, eine An- 
sicht, die sich wohl heute nicht mehr halten lässt, da, 
wie wir wissen, manche Frauen auch nach operativer 
Entfernung beider Ovarien trotzdem noch eine Zeit lang 
ihre katamenialen Blutungen behalten können. Man 



— 228 — 



fand auch Metastasen des Myxosarcoms in der Leber 
und eine Nephrolithiasis ulcerosa. 

• 26) Merkel [Beiträge zur pathologischen Anatomie 
und allgemeinen Pathologie. Bd. XXXII. I. Heft, pg. 
157 — 1902]. Bei der Sektion eines 52jährigen Mannes 
fand Merkel in einer Leiste eine Hernie. Der Mann 




Fg. 19: Uterus eines männlichen Scheinzwitters von 52 Jahren. 

Sektionspräparat. Beobachtung von Merkel, 

Ut= Uterus, T = Tube, N = Nebenhoden, H = Hoden, V = Vas 

deferens, Ur = Ureter, B = Blase, A = Ampulle, S = Samenblasen, 

D = Duct. ejaculatorii, P = Prostata. 

war infolge von Carcinoma recti gestorben. In hernia 
fand er einen gut gestalteten Uterus und jederseits von 
demselben je eine Geschlechtsdrüse, die wie ein Ovarium 
jede aussahen: sie waren oval und tauben eigroß. Pseudo- 
hermaphoditismus masculinus internus mit gleichem Ent- 

21* 



— 324 — 

wickelungsgrade der Müll ergehen und der Wolf fachen 
Gänge, da die Geschlechtsdrüsen sich mikroskopisch als 
Hoden erwiesen. Der Uterovaginalkanal war 20 Centi- 
meter lang. Die Vagina mündete in capite gallinaginis 
ü parte prostatica urethrae. Prostata normal. Merkel 
fand vier Samenblasen. Das linke Vas deferens war in 
ganzer Länge viabel, das rechte nur im oberen Abschnitte. 
Die Samenblasen enthielten normales Sperma. Allgemein- 
aussehen, Stimme und Behaarung männlich; der Mann 
hatte normal mit seiner Frau kohabitiert und, wenn die 
Ehe kinderlos blieb, so muß die Sterilität von den Or- 
ganen der Frau und nicht von dem Manne abgehangen 
haben. Der Uterus enthielt weder Blut noch Schleim 
und ging ohne eine Spur einer sichtbaren Portio vaginalis 
nach unten zu sehr dünnwandig in die Vagina über. 
Das Lumen der Vagina war bleistiftweit, die Hoden 
lagen da, wo bei Frauen die Ovarien liegen; man fand 
jederseits ein Ligament, dem Ligamentum ovarii proprium 
entsprechend. (Siehe Fg. 19). Merkel gibt an, er habe in 
der Literatur 16 Fälle von Uterus masculinus von hoher 
Entwickelung gefunden, die Fälle sind aber, wie ich ge- 
legentlich nachweisen werde, ganz bedeutend häufiger. 
Ich werde die gesamte Kasuistik der Entwickelung der 
Müll ergehen Gänge bei Männern, resp. männlichen 
Scheinzwittern, Foeten an anderer Stelle veröffentlichen. 
27) Mies [„Pseudohermaphroditismus masculinus 1 * — 
Münchener Medizinische Wochenschrift 1899. Bd. XLVL 
pg. 998]. Man vermutete eine „Erreur de sexe" bezüglich 
der 66jährigen Else G., in das Hospital aufgenommen 
wegen Krebs der Unterlippe — angesichts dessen, daß diese 
Lokalisation des Krebses bei Frauen eine äußerst seltene 
ist, angesichts der männlichen Stimme der Kranken, ihrer 
männlichen Behaarung, des Mangels von Brustdrüsen, 
des absoluten Mangels der Regel zeitlebens. Bei der 
näheren Untersuchung konstatierte man eine Hypospa- 




— 325 — 

diasis peniscrotalis mit Hoden und Nebenhoden in jeder 
Schamlefze, man tastete auch eine Prostata. Dieser Fall 
beweist eklatant, wie wichtig es ist, bei der Kranken- 
aufnahme auch den Zustand der Geschlechtsorgane zu 
untersuchen. 

28) F. Neugebaue r. Persönlich behandelte ich einen 
weiblichen Scheinzwitter, die 56 j. Anastasie K., behaftet 
mit sehr bedeutender Hypertrophie der Clitoris, die drei 
und einen halben Centimeter lang und erectil war. Die 
Kranke hatte ein weit vorgeschrittenes Uteruscarcinom 
und Carcinoma ovarii sinistri. 

29) F. Neugebauer:, „ Sarkom einer Geschlechts- 
drüse durch Bauchschnitt entfernt bei einem als Frau 
verheirateten Scheinzwitter auch jetzt noch zweifelhaften 
Geschlechts." Am 2. III. 1903 vollzog ich den Bauchschnitt 
an einer 35jähr. seit drei Jahren steril verheirateten Frau 
von hohem männlichen Körperwuchs, großem, vorspringen- 
den Kehlkopf und allgemeinem männlichen Aussehen, ab- 
dominalem Athmungstypus. Niemals Menstruation, niemals 
irgend welche sog. Tormina menstrualia, niemals irgend 
welcher Geschlechtsdrang. Äußere Scham weiblich, aber 
hypoplastisch, Mons Veneris fettarm, Behaarung sehr 
spärlich. Hymenalspuren vorhanden, Vagina in der 
Höhe von einigen Centimetern blind geschlossen. Ascites, 
kachektisches Aussehen. Seit einem Jahre ständig zu- 
nehmende heftige Leibsehmerzen. Diagnose: Tumor 
malignus der inneren Genitalien. Tumor größer als eine 
Kokosnuß, das Cavum Douglasii mit einem weicheren 
Anteile ausfüllend, mit härteren Anteilen im linken 
Hypogastrium tastbar. Beim Bauchschnitt gelang es, 
den gesamten Tumor aus dem Becken stumpf herauszu- 
holen nach Resektion eines Anteiles des mit ihm ver- 
wachsenen Netzes. Der Tumor von Herrn Dr. Stein- 
haus mikroskopisch untersucht, erwies sich als Sarkom 
einer Geschlechtsdrüse ohne Spur von ovariellem oder 



— 326 — 

testiculärem Gewebe; die größte Wahrscheinlichkeit sprach 
dafür, daß es sich um eine Cryptorcbis sinistra sarcomatosa 
handelt, umsomehr als ein in einer Duplikatur des Bauch- 
fells über den Tumor verlaufender Strang sich als Yas defe- 
rens erwies. Das centripetale Ende dieses Stranges senkte 
sich in einem schmalen Spalt ein zwischen 2 scheinbare 
Gyn an der Tumoroberfläche, das periphere Ende verlor 
sich spurlos in der lateralen Oberfläche des Tumors. Ich 
fand nirgends eine Spur der rechtsseitigen Geschlechtsdrüse, 
weder in der Gegend vor dem Leistenkanale noch im 
Becken, fand dagegen einen Strang, der an der hinteren 
Beckenwand nach oben zu verlief, wahrscheinlich liegt die 
zweite Geschlechtsdrüse höher oben lateral von der Lenden- 
wirbelsäule, in welchem Falle der rechtsseitige Strang des 
Vas deferens dextrum sein dürfte. Der Tumor hatte eine 
Art Mesenterium, eine Art Gekröse, das behufs Entfernung 
des Tumors durchschnitten wurde mit nachfolgender 
fortlaufender Naht und Unterbindung eines arteriellen 
Gefäßes am lateralen Ende des Gekröses. Ich vermutete, 
es liege vielleicht ein höchst rudimentärer uterus unicornis 
sinister vor — wobei der linksseitige Strang als Tube 
sich deuten ließ, fand jedoch keinen Anhaltspunkt für diese 
Annahme. Eine Prostata fand ich nicht. Das Geschlecht dieser 
Person bleibt zweifelhaft, trotz Exstirpation einer malign 
entarteten Geschlechtsdrüse. Aus der Bauchhöhle er- 
gossen sich einige hundert Gramm Ascites. Die Frau 
verlor ihre Schmerzen sofort und verließ meine Klinik 
nach glatter Wundheilung am 20. Tage nach dem Bauch- 
schnitte. Werde diesen Fall gesondert mit Abbildungen 
veröffentlichen. Es ist dies in der Kasuistik von ca. 400 
von mir vollzogenen Bauchhöhlenoperationen der erste 
Fall zweifelhaften Geschlechtes. 

30) Obolonski [„Beiträge zur pathologischen Ana- 
tomie des Hermaphroditismus." Zeitschrift für Heilkunde. 
Bd. 9. pg. 211]. In der Klinik von Chiari starb eine 



— 327 — 

50jährige Arbeiterin, welche zeitlebens als Weib gegolten 
hatte. Sie soll vom 17. bis zum 49. Jahre stets ihre 
Regel gehabt haben. Gleichwohl erwies die Sektion männ- 
liches Scheinzwittertum mit Hypospadiasis peniscrotalis; 
der gespaltene Penis war 6 Centimeter lang; unterhalb 
der Harnröhrenmündung fand man die Öffnung der 6 
Centimeter langen Vagina, von einem Hymen garniert: 
die Scheide war unten 1 Centimeter breit. Man fand 
einen rudimentär entwickelten Uterus bicornis, linkerseits 
vom Uterus einen Hoden und Nebenhoden und Samen- 
strang, rechterseits fand man keine Geschlechtsdrüse, 
wahrscheinlich war aus derselben ein maligner Tumor 
hervorgegangen, das bei der Sektion gefundene Sarkom, 
welches den Tod herbeigeführt hatte. Zu Lebzeiten hatte, 
man an ein Carcinoma uteri gedacht. Dieses Neoplasma 
hatte auf dem Wege der Kompression eine beiderseitige 
Hydronephrose hervorgerufen. Da Obolonski rechterseits' 
ein Vas deferens fand, welches ganz dem linksseitigen 
entsprach, so vermutete er ganz mit Recht, daß auch die 
rechtsseitige Geschlechtsdrüse ein Hodenge wesen sein mag, 
daß also die Verstorbene ein Mann war, wie schon Wrany 
vor ihr behauptet hatte. Eigentümlich berührt die An- 
gabe von der angeblichen periodischen Genitalblutung, 
Regel, so viele Jahre hindurch, der wir natürlich vor- 
läufig skeptisch gegenübertreten müssen. * Allgemein- 
aussehen ganz weiblich, auch das bis heute in Prag 
konservierte Skelett weist absolut einen ganz weiblichen 
Bau auf. 

[Ich werde in einer anderen Arbeit die sämtlichen 
Fälle von angeblicher Menstruation bei männlichen 
Scheinzwittern kritisch zusammenstellen. N.]. 

31) Paton, (der Assistent der Chirurgischen Ab- 
teilung des Londoner Westminster-Hospital) beschrieb 
eine bisher einzig dastehende Beobachtung [,,A case of 
vertical or complexe hermaphroditism with pyometra and 



— 328 — 

pyosalpinx; removal of the pyosalpinx". Lancet 1902. 
10. VII. No. 4116. Vol. CLXIIL pg. 148—149]: Am 
17. V. 1902 kam zu ihm ein 20 jähriger Mann wegen 
Schmerzen in der Harnblase und erschwerten Hamens. 
Er konstatierte eine Hypospadiasis peniscrotalis mit 
beiderseitigem Kryptorchismus. Der Penis hatte kaum 
2 — 3 Zoll Länge. Auf den Bauchdecken des recht- 
seitigen Hypogastrium sah man eine ausgedehnte 
Operationsnarbe nach Discision eines Abscesses vor 
einem Jahre. Nach letzterer Operation war eine eiternde 
Fistel hinterblieben, welche sich erst nach Ablauf eines 
halben Jahres geschlossen hatte. Man fühlt in der 
Gegend der Narbe eine ausgesprochene Resistenz, ohne 
jedoch weiteren Bescheid über deren Charakter erlangen 
zu können. Der Harn enthält zeitweilig Eiter, zeitweilig 
Blut Der Katheter entleert dicken Eiter. Stimme und 
Gesichtsausdruck weiblich, keine männliche Gesichts- 
behaarung; Schamgegend spärlich behaart. Der Mann 
ist klein von Wuchs und hager. Brüste wie bei einem 
Mädchen von 15 Jahren. Der Mann war nach dem 
Tode seines Vaters in einem Waisenhause erzogen 
worden und hatte immer für schwächlich gegolten; ob er 
jemals die Periode hatte, ist nicht bekannt. Ein Bruder 
und eine Schwester sollen normal gebaut sein. Das 
Individuum - wurde bisher stets als Mann angesehen und 
scheint bis jetzt keinerlei Geschlechtstrieb em- 
pfunden zu haben. Eine Ausspülung der eiternden 
Harnblase — wenigstens glaubte man, es handle sich 
um eine solche — brachte dem Kranken Linderung 
seiner Beschwerden. Am 7. April tastete man sub 
narcosi im Unterleibe einen fluktuirenden Tumor von 
bedeutender Grösse, den man für die Harnblase hielt, 
aber der Katheter entleerte kaum einige Tropfen Harn 
und Eiter. Per rectum tastete man ein Gebilde wie eine 
sehr bedeutend nach oben verlängerte Prostata, deren 



— 829 — 

oberes Ende der Finger, als zu kurz, nicht zu erreichen 
vermochte. Man tastete auch einen zweiten Tumor 
unter der Bauchdeckennarbe gelegen rechterseits ! Drei 
Tage später wurde sub narcosi der Bauchschnitt ge- 
macht. Dabei fiel zunächst auf, dass der früher getastete 
grosse Tumor verschwunden war; man tastete jetzt nur 
den kleinen linksseitigen Tumor. Man machte einen 
medianen Einschnitt unterhalb des Nabels und fand in- 
mitten zahlreicher Verwachsungen einen Uterus mit zwei 
Eileitern, deren rechtsseitiger mit der Bauchwand ver- 
wachsen war und im Zusammenhang mit jener post- 
operativen Bauchdeckennarbe stand. Dieser rechtsseitige 
Eileiter war mit Eiter gefüllt, heißt es in der Beschrei- 
bung. Der linksseitige sah normal aus. (?) Man fand 
jederseits vom Uterus ein Ligamentum rotundum und 
an der Rückfläche des linken Ligamentum latum ein 
Gebilde, das wie ein Ovarium aussah. Der frühere 
Tumor war offenbar die momentan leere Harnblase, die 
sich als sehr erweitert erwies. Man resecierte den links- 
seitigen Eileiter sowie die linksseitige Geschlechtsdrüse, 
rechterseits fand man keine Geschlechtsdrüse — aller- 
dings konnte man angesichts der schlechten Narkose und 
drohender Asphyxie nicht allzusehr gewissenhaft darnach 
suchen. Man mußte wegen schlechten Zustandes des 
narkotisierten Patienten die Operation möglichst bald 
beendigen. Fortwährend floß Eiter mit Harn gemischt 
aus der Harnröhrenmündung ab. Am 8. Mai, als dieser 
Abfluß fortbestand, beschloß man, die Harnröhrenöffnung 
durch einen Einschnitt zu erweitern, aber wegen 
schlechten Allgemeinbefindens des Kranken wurde dieser 
Eingriff auf später verschoben. Eine durch die Harn- 
röhre vier Zoll tief eingeführte Sonde drang nicht in die 
Harnblase ein, sondern in eine andere Höhle. Nach 
einiger Zeit verließ der Kranke das Hospital in relativ 
gutem Zustande: es wurde beschlossen, falls sich das 



— 330 — 

notwendig erweisen werde, auch die rechtsseitigen Adnexa 
uteri zu entfernen. Die mikroskopische Untersuchung des 
linken Eileiters wies eine Pyosalpinx nach; die Ge- 
schlechtsdrüse, welche dem Ligamentum latum hinten 
auflag, war ein Hoden von rudimentärer Entwicklung. 
Die Öffnung im gespaltenen Scrotum, welche man für 
die Urethralmündung angesehen hatte, war keineswegs 
eine solche, sondern das Ostium vaginae, die Harnröhre 
Öffnete sich in die Vagina, in welche also sowohl die 
Harnröhre als auch die Cervix uteri mündeten. 

Man hatte sub operatione, sowie sich aus der Be- 
schreibung zu ergeben scheint, den Uterus samt links- 
seitigen Adnexa, welche statt eines Ovarium einen Hoden 
enthielten, entfernt; ob rechterseits eine Geschlechtsdrüse 
existierte und welcher Art, diese Frage blieb offen. Ob 
eine Prostata existierte und Samenleiter blieb ebenso 
fraglich. Das Allgemeinaussehen dieses Mannes war 
eher weiblich als männlich. 

32) Pfannenstiel [sieheEmilv.Swinarski: »Beitrag 
zur Kenntnis der Geschwulstbildungen der Genitalien bei 
Pseudohermaphroditen." D. I. Breslau 1900]. — Die 
55jährige unverehelichte Chr. Seh m., niemals menstruiert 
imd aller Geschlechtstriebe bar, hatte schon vor drei 
Jahren einen Tumor im Leibe bemerkt. Da der Leib 
stetig wuchs, mußte sie ihre Beschäftigung aufgeben und 
trat in das Hospital ein: Gesichtsausdruck männlich, 
ebenso die Gesichtsbehaarung, Patientin mußte sich jede 
Woche rasieren wegen starken Bartwuchses. Stimme 
männlich, Brustbeingegend und Brüste behaart um die 
Warzen herum. Brüste schwach entwickelt, Bauch- und 
Schamgegend stark männlich behaart, ebenso die Perianal- 
gegend und die Extremitäten. In der Bauchhöhle ein 
harter, wenig beweglicher Tumor, bis an den Rippenbogen 
reichend. Clitoris stark hypertrophisch, drei Centimeter, 
sub erectione 5 Centimeter lang. Langes mobiles Prae- 



— 331 — 

putium clitoridis an der großen Glans. Unterhalb der 
Clitoris liegt eine 1 Centimeter lange Öffnung, unterhalb 
sind die Schamlefzen durch eine Raphe miteinander ver- 
einigt. Durch jene Öflhung dringt der Finger zwei 
Centimeter weit in einen Sinus urogenitalis ein und ent- 
deckt in dessen Tiefe sowohl die Harnröhrenmündung 
als auch die Öffnung der Scheide, welche einen kleinen 
Finger einläßt. Im Grunde der Scheide tastet der Finger 
eine bohnengroße portio vaginalis uteri, die in enger 
Verbindung mit dem Tumor zu stehen scheint. Am 19. 
VI. 1897 diagnostizierte Pf an nen stiel ein Uterusmyom 
und machte den Bauchschnitt mit uteroovarieller Ampu- 
tation. Der Tumor, acht und ein halbes Kilo wiegend, 
erwies sich als ein Kugelfibromyom des Uterus, die ver- 
längerten Eileiter waren 14 und 17 Centimeter lang: 
beide Ovarien vergrößert, verlängert mit glatter Ober- 
fläche, ohne Spur irgend welcher Einschnürungsfurchen, 
und ohne Spur von Ovarial-Parenöhym auf dem Durch- 
schnitte. Der Bau der Ovarien wies nur ein binde- 
gewebiges Stroma auf mit einigen Blutgefäßen: Keine 
Spur von Graafschen Follikeln oder corpora albicantia. 
Es fehlte bei allgemeinem weiblichen Baue der inneren 
Genitalien absolut . das essentionelle Charakteristicum 
der Weiblichkeit der Geschlechtsdrüsen. Diese Person 
von allgemeinem männlichen Aussehen, mit Persistenz 
des Sinus urogenitalis, besaß ein Uterusfibromyom und 
Ovarien ohne Spur von ovariellem Parenchym. Es war 
in dem hypoplastischen Uterus ein hyperplastisches Ge- 
bilde, jene Neubildung, entstanden. Das Individuum 
verriet eine hochgradige psychische Depression, mied 
jede menschliche Gesellschaft und saß stets einsam 
schweigend in der Klinik. [Da kein typisches Ovarial- 
gewebe nachgewiesen werden konnte, so möchte ich 
vorsichtigerweise auch hier das Geschlecht für zweifel- 
haft erklären. Die, wie sich herausstellt, verhältnismäßig 



— 332 — 

zahlreichen Fälle, wo man einen hochgradig entwickelten 
Uterus beim Manne fand zugleich mit Hoden an der 
Stelle der Ovarien liegend (Kryptorchismus bei fehlendem 
Descensus beider Hoden) geben viel zu denken. N.] 

33) P£an [siehe im Vorhergehenden Gruppe II No. 2] 
fügte in seinem Falle von vergeblichem Suchen nach 
den Testikeln mit beiderseitigem Leistenschnitt den Bauch- 
schnitt hinzu, um sich von dem Zustande der inneren 
Genitalien zu überzeugen und vollzog schließlich noch 
die Abtragung der beiderseitigen Uterusadnexa um der 
späteren Entstehung einer Haematometra vorzubeugen. 

34) Primrose [,,A case of Uterus masculinus" 
British Medical Journal 1897. Vol. II pg. 881]. Man 
diagnosticierte bei einem 25jährigen mit beiderseitigem 
Kryptorchismus behafteten Manne einen Tumor eines 
Hodens und machte den Bauchschnitt mit Entfernung eines 
Hodensarkomes. Der Mann starb, die Sektion wies nach, 
daß ein Uterus sammt Tuben und Vagina existierte; die 
Vagina öffnete sich in parte prostatica urethrae in capite 
gallinaginis. [Referat : Fr o m m e 1 s Jahresbericht für 
1897 pg. 933]. 

35) Quisling [Pseudohermaphroditismus femininus 
externus" — Kristiania. Sep. Afdr. af Norsk Magazin 
for Laegevidenskab. No. 5. 1902]: Am 26. VI. 1893 
kam zu Quisling ein 18jähriges Fräulein wegen Bleich- 
sucht und bisherigem Ausbleiben der Periode. Das 
Mädchen glaubte bemerkt zu haben, es sei körperlich 
anders veranlagt, als andere Frauen und verlangte des- 
halb eine Untersuchung. Körperwuchs niedrig, schwäch- 
liche Konstitution, männliche Stimme. Dolichocephalische 
Kopfform mit hoher Stirn. Gesichtsausdruck männlich. 
Starke männliche Gesichtsbehaarung, so daß das Mädchen 
sich diesen Bartwuchs durch Scheere oder Ausreißen der 
Haare beseitigt. Der Haarwuchs nimmt trotzdem ständig 
zu. Schmaler flacher Brustkorb ohne Brustdrüsen. Der 



— 333 — 

gesamte Unterleib ist stark behaart, ganz besonders 
der Mons Veneris und die Innenflächen der Oberschenkel, 
sowie die Perianalgegend; Schambehaarung männlich. 
Betrachtet man das Mädchen, nachdem es die Kleidung 
ganz abgelegt, so fällt die Gegenwart eines Membrum 
virile auf, wenn das Mädchen steht. Das Becken er- 
scheint schmal, ein Scrotum ist bei geschlossenen Schenkeln 
nicht zu sehen. Die Vorhaut bedeckt nicht die Glans 
penis, läßt sich aber soweit vorziehen, um die Glans zu 
bedecken. Harnröhrenöffnung weiblich. Die Schamlefzen 
erscheinen als zwei stark behaarte Hautdecken wülste, 
aber sie sind wenig entwickelt, viel mehr dagegen die 
kleinen Schamlippen, die nach oben zu in die Crura 
clitoridis und die Vorhaut des Präputium übergehen. 
Man findet eine untere Kommissur der Schamlefzen, ein 
Frenulum labiorum! Die Hymenalöffnung ist sehr eng, 
unterhalb der Harnröhrenöffhung belegen. Per rectum 
tastet man einen viereckigen in der Mittellinie gelegenen 
Körper und linkerseits daneben ein rundliches Gebilde. 
Eine Art Strang verbindet diese beiden Gebilde, welche 
wahrscheinlich Uterus und Adnexa sind, ßechterseits 
tastete Quisling ein härteres Gebilde dicht an der 
seitlichen Beckenwand liegend; es war von ovaler Gestalt. 
Der Vater des Mädchen ist vor drei Jahren gestorben, 
die Mutter, drei Schwestern und drei Brüder leben und 
sind normal gebaut. 

Am 31. Juli klagte das Mädchen über Schmerzen 
in der Art von Molimina menstrualia. Zum zweiten 
Male sah Quisling dieses Mädchen am 18. I. 1895 und 
konstatierte damals eine leicht verlaufende Appendicitis. 
Am 29. Juli fand ein Nasenbluten statt, welches sich in 
letzter Zeit periodisch wiederholt laut Angabe des Mädchens 
und jedesmal drei bis vier Tage dauern soll (Menstruatio 
vicaria?) Das Mädchen ist fest überzeugt von seiner 
Weiblichkeit und empfindet weiblichen Geschlechtsdrang. 



— 334 — 

Als Quisling dem Mädchen riet, sich fürderhin männ- 
lich zu kleiden angesichts des Bartes, so rief es aus 
„Aber, Herr Doktor!" — Am 24. XL 1897 sah Quis- 
ling das Mädchen zum dritten Male: er fand abermals 
Symptome der Appendicitis und zugleich Schmerzen im 
linken Hypogastrium sowie hartnäckige Stuhlverstopfung ; 
während der Untersuchung konstatierte er Erektionen des 
Penis. Der Scheideneingang ließ kaum die Kuppe des 
kleinen Fingers ein, eine Sonde drang aber 10 Centi- 
meter tief in eine Vagina ein. Per rectum tastete man 
dasselbe wie vor 4 Jahren. Am 8. III. 1899 gestand das 
Mädchen Masturbation zu, seit lange prakticiert Zur 
Zeit war das Mädchen 23 Jahre alt. 

Seit dem letzten Besuche starke Abmagerung. Die 
heute von Patientin angegebenen Schmerzen hingen aus- 
schließlich von der Appendicitis ab, waren also ganz 
unabhängig von der genitalen Mißstaltung. Quisling 
erstaunte, als es ihm jetzt gelang, ohne Schwierigkeiten 
seinen ganzen Finger in die Vagina einzuführen — das 
Mädchen erzählte zu seiner Rechtfertigung, es habe sich 
wegen seines Bartwuchses von einem Dermatologen be- 
handeln lassen. Letzterer habe um die Erlaubnis einer 
vaginalen Untersuchung gebeten und dabei sei wahr- 
scheinlich die Jungfrauenhaut eingerissen. An der Ge- 
sichtshaut sah man zahlreiche von dem Gebrauche des 
Thermokauters herrührende Narben, aber die männliche 
üppige Gesichtsbehaarung war dieselbe geblieben. Der 
Uterus erschien jetzt als ein Körperchen von drei Centi- 
meter Länge und zwei Zentimeter Breite, Uterus foetalis. 
Von ihm geht jederseits eine Art Strang aus zur vorderen 
Beckenwand hin verlaufend. Man konnte jetzt bequem 
in die Vagina ein Milchglasspeculum 10 Centimeter tief 
einführen und fand in speculo eine Vaginalportion eines 
Uterus einen Centimeter weit in das Lumen der Vagina 
vorragend. Linkerseits vom Uterus tastete man ein läng- 



— 335 — 

liches Gebilde, wahrscheinlich ein Ovariura; ein ähnliches 
Gebilde rechterseits lag nach der seitlichen Beckenwand. 
Aus dem Muttermunde trat etwas Schleim hervor. Die 
Sonde drang in den Uterus drei Centimeter tief ein. Der 
Penis resp. die hypertrophische Clitoris maß jetzt 4 Centi- 
meter Länge, 2 Centimeter Dicke. Man sah deutlich eine 
ßaphe perinaei. Im Oktober 1901 erfolgte wieder ein 
schmerzhafter Anfall von Appendicitis in regione 
ileocoecali: darnach will Patientin etwas Blutabgang aus 
den Genitalien bemerkt haben, vielleicht infolge einer 
zufälligen Verletzung sub masturbatione. Die Mutter 
dieses Mädchens erzählte Quisling, sie habe nach der 
Geburt dieses Kindes selbst eine Zeit lang Zweifel ge- 
hegt, ob denn das Kind auch ein Mädchen sei, desto 
mehr sei sie später beunruhigt worden durch den Bart- 
wuchs bei der Tochter. Als Quisling der Mutter 
mitteilte, ihre Tochter sei wirklich eine solche und kein 
verkannter Junge, äußerte die Mutter alle Anzeichen 
großer Befriedigung. Augenblicklich lebt die Mutter nicht 
mehr, sie wurde von einem Leberkrebs dahingerafft Im 
gegebenen Falle hat sich Quisling für das weibliche 
Scheinzwittertum geäußert; es bleibt abzuwarten, ob eine 
eventuelle Nekropsie seine Vermutung bestätigt oder nicht. 
36) E. v. Sal£n (Stockholm) [„Ein Fall von Herm- 
aphroditismus verus unilateralis beim Menschen." — Ver- 
handlungen der deutschen pathologischen Gesellschaft, 
herausgegeben von Professor Ponfick. Zweiter Jahr- 
gang. Berlin 1900. pg. 241 — siehe Referat: Zentral- 
blatt für Gynaekologie. 1900. No. 32. pg. 862.]: Au- 
gustePersdotter, 43 jährig, unverehelicht, menstruiert 
seit ihrem 17. Jahre. Coitus mit einem Manne schmerz- 
haft, Coitus mit Mädchen oder Frauen bisher nicht ver- 
sucht. Allgeraeinaussehen weiblich, Clitoris 5 Centimeter 
lang mit Glans von Haselnußgröße. Schamlippen normal 
gebildet, sowohl die großen als auch die kleinen. Unter- 



— 336 — 

halb der Harnröhrenöflhung liegt die enge Öffnung der 
Vagina, welche kaum eine dünne Sonde einläßt Die 
Sonde dringt 8 Centimeter tief ein. v. Sal£n entfernte 
mit Bauchschnitt ein cystisches Fibroid von der Größe 
des Kopfes eines erwachsenen Mannes, an einem Stiele 
sitzend, sowie die Geschlechtsdrüsen, welche da lagen, 
wo bei Frauen die Ovarien liegen. Tuben und Ligamente 
des Uterus normal. Die Patientin verließ am 8. 1. 1899 
geheilt das Hospital Die mikroskopische Untersuchung 
der einen Geschlechtsdrüse sollte einen gemischten testi- 
culoovariellen Bau aufweisen, die Drüse sollte eine Art 
Ovotestis sein; eine Hälfte der rechten Geschlechtsdrüse 
soll Hodenstruktur aufgewiesen haben, die andere 
Ovarialstruktur. In dem ovariellen Stroma wurden, wie 
es in dem Referate heißt, Graafsche Folikel entdeckt und 
typische Eier; inmitten reichen Spindelzellengewebes fand 
man in dem Hodenstroma nirgends Spermatogonien oder 
andere Samenzellen. Die linke Geschlechtsdrüse erwies 
sich als Ovarium. Die wörtliche Beschreibung lautet so: 
„Die Untersuchung der Geschlechtsdrüsen ergab linker- 
seits ein ziemlich kleines höckriges Ovarium mit 
Graafschen Follikeln und Eiern, rechterseits eine Zwitter- 
drüse, deren eine Hälfte Eierstockgewebe, deren andere 
Hodengewebe zeigte. Der Ovarialteil ist grobhöckrig, 
von gelber Farbe und derber Konsistenz und zeigt bei 
der mikroskopischen Untersuchung Graafsche Follikel 
und ganz typische Eizellen in einem spindelzellenreichen 
Stroma eingebettet. Der Hodenteil ist oben von ziem- 
lich weicher Konsistenz, mit weißglänzender Tunica 
albuginea. Das Parenchym ist locker, von braungrauer 
Farbe und von weißen Bindegewebssepta durchzogen; 
mikroskopisch zeigt es tubuli seminiferi,. die in einem 
lockeren, von größeren und kleineren Anhäufungen fett- 
und pigmentreicher- Zwischenzellen durchsetzten Binde- 
gewebsstroma liegen. Die Tubuli sind stark geschlängelt 



— 337 — 

von beinahe gleicher Weite. Ihre Membranae propriae 
sind größtenteils verdickt, sehr reich an concentrisch an- 
geordneten Fasern. Das Epithel besteht aus Follikel- 
zellen und S er tolini* sehen Zellen. Nirgends Sperma- 
togonien oder andere Samenzellen. Die Struktur zeigt 
im Ganzen eine auffallende Ähnlichkeit mit derjenigen 
des ektopischen Hodens nach der Pubertät." — 

[Ich weiß nicht, ob die mikroskopischen Präparate 
auch von anderen Forschern die gleiche Deutung er- 
fahren haben. Blacker und Lawrence waren die 
Ersten, die in ihrem Falle eine solche Zwitterdrüse ent- 
deckt zu haben glaubten. Ihre Deutung des mikro- 
skopischen Präparates hat jedoch einer Kontrollunter- 
suchung und Kritik des Herrn Professor Nagel nicht 
Stand gehalten.] Neuerdings hat Prof. Landau diese 
mikroskopischen Präparate in Berlin demonstriert. 

37) Snegirjow [siehe im Vorhergehenden: Gruppe I, 
Fall 30] fügte in seinem Falle von Herniotomia bilateralis 
bei einem irrtümlich als Mädchen erzogenen männlichen 
Scheinzwitter die Koeliotoraie hinzu, um sich von dem 
Zustande der inneren Genitalien zu überzeugen, also eine 
diagnostische Koeliotomie. 

38 J E. Sorel und Ch^rot [,,Un cas de pseudo- 
hermaphrodisme" — Archives Provinciales de Chirurgie. 
T. VII. 1. Juni 1898. pg. 367.]: Die 36jährige Ali ne 
C, als Mädchen erzogen und niemals menstruiert, hatte 
ein allgemeines männliches Aussehen. Der männliche 
Bartwuchs zwang das Mädchen vom 21. Jahre an sich 
täglich zu rasieren. Andromastie. Brust nicht behaart, 
aber die unteren Extremitäten bedeutend behaart. 
Stimme männlich. Statt der Clitoris sah man zwischen 
den Schamlefzen einen Penis hypospadiaeus von fünf 
und einem halben Centimeter Länge, in der Höhe 
der Corona glandis von 6 Centimeter Umfang. Die 
volle Erection dieses Gebildes wurde sehr erschwert 

Jahrbuch V. 22 



— 338 - 

durch die Ä bride", welche das Glied nach unten zu 
hakenförmig gekrümmt erhält. Labia majora reich be- 
haart, aber gut gestaltet. Die Harnröhre erweist sich 
gespalten an der unteren Wand; keine Spur von Hoden 
zu entdecken, keine Spur von Vulva oder Vagina. Der 
Charakter von AI ine erscheint ernst, ohne eine ausge- 
sprochene Leidenschaft; sie hat Erektionen ihres Gliedes 
und fühlt einen männlichen Geschlechtsdrang, auf Frauen 
gerichtet, und hat sogar den Beischlaf mit Frauen ver- 
sucht, aber „sans pouvoir y aboutir*. — Früher war 
AI ine stets gesund, aber seit einiger Zeit empfindet sie 
starke Schmerzen rechterseits im Unterbauche. Augen- 
blicklich, am 15. III. 1898, fühlt sie sich schon seit 6 
Wochen krank: die früheren Schmerzen haben sich 
wieder gemeldet zugleich mit Erbrechen und Durchfall. 
Am 12. III. 1898 trat sie wegen eines Bauchtumors in 
das Hospital ein. Fieber und Meteorismus. Der harte, 
schmerzhafte, druckempfindliche Tumor nahm die ganze 
rechte Hälfte der Bauchhöhle ein, reichte bis zur Linea 
alba und bis drei Querfingerbreit unterhalb der Leber. 
Perkussion oberhalb des Tumors ergab tympanitischen 
Schall. Am 15. März wurde der Bauchschnitt vollzogen 
— und zwar rechterseits seitlich ; es ergoß sich etwa ein 
halber Liter Eiter aus der Wunde, welcher dunkel ge- 
färbt war und faekaloid aussah. Der Finger tastete in 
der Wundhöhle höckrige Gebilde, welche den Eindruck 
von epitheliomatösen Wucherungen machten, so daß 
man an Carcinom des Blinddarmes dachte! Man legte 
in die Wunde einen Gazedrain ein und verschloß den 
Rest der Wunde, -f- 38,0 ° C. Am nächsten Morgen 
war der Verband von Faeces durchtränkt, 16. III; 
am 17. IH. Tod. 

Bei der Nekropsie fand man eine allgemeine 
Peritonitis: die gesamte rechte Hälfte des Unterbauches 
war von einem Tumor eingenommen, der carcinomatös 



— 339 — 

war, mit zahlreichen cystischen Bildungen. Auf der 
Höhe des fünften Lendenwirbels fand man keine Hoden, 
in der Beckenhöhle fand man keine Spur von inneren 
weiblichen Genitalien. Harnblase normal. Zwischen 
Harnblase und Mastdarm fand man einen Sack, gefüllt 
von Flüssigkeit, 8 Centimeter lang und 6 Centimeter 
breit. Die Wände dieses Sackes, ebenso dick wie die 
Blasenwände, waren innen von einer Schleimhaut ausge- 
kleidet, nach unten zu kommunizierte dieser Sack durch 
eine feine Öffnung mit der Harnblase. „A la partie 
inferieure et sur la face peritoneale de cette poche 
aboutit de chaque eöt£ un canal gros comme une plume 
h parois ^paisses, dans lequel on peut enfoncer un stylet 
fin ; chacun de ces canaux a une longueur de 6 — 8 Mill.] 
— Cette v^sicule contient un liquide jaune £pais, 
visqueux et est accol£ sur les cötes de la poche." — Man 
fand weder in den Schamlefzen noch in den Leisten- 
kanälen noch in der Bauchhöhle Hoden. Verlauf der 
Harnröhre wie bei Frauen. Keine Prostata gefunden. 
Der Sack zwischen Vesica und Rectum entsprach einem 
hypertrophischen Utriculus masculinus, die beiden seit- 
lich gelegenen Blasen sollten die Samenblasen sein. 
Mangel der Vulva, Vagina, der Hoden; Gegenwart eines 
Utriculus masculinus und Spuren von Müller'schen 
Gängen. 

Kommentare lassen sich zu diesem Falle nicht 
geben, da sie allzu willkürlich ausfallen würden. Das 
Geschlecht bleibt hier zweifelhaft resp. unentschieden 
für immer. 

39) L. Stimson [„A case of rare form of pseudo- 
hermaphrodism". Med. Record. 24. IV. 1879. — Siehe 
Referat: Zentralblatt für Gynaekologie 1897. No. 43 
pg. 1306]: Nach dem Autor handelt es sich um interne 
Zwitterbildung (Klebs), bisexuelle Entwickelung des 
Hermann' sehen mittleren Segmentes. Ein 48 jähriger 

22* 



— 340 — 

Neger von männlichem Aussehen konsultierte Stimson 
wegen eines Bauchhöhlentumors. Penis normal gestaltet, 
von mittlerer Länge; der kleine Hodensack enthält nur 
den rechten Hoden. Rechterseits eine leicht reductible 
Leistenhernie. Damm normal. Dieser Mann ist zum 
zweiten Male verheiratet und hat einen 25 jährigen Sohn. 
Man tastet in der Bauchhöhle linkerseits oberhalb der 
Schamfuge einen faustgroßen Tumor, der auch bei der 
Untersuchung per rectum tastbar ist. Man vermutete 
ein Neoplasma des einen in der Bauchhöhle retinierten 
Hodens. Beim Bauchschnitte fand man einen unregel- 
mäßig gestalteten Tumor von einer weißen Hülle um- 
geben, beweglich und durch eine Art Strang in Verbin- 
dung stehend mit einem Uterus bicornis mittlerer Größe 
— beide Tuben vorhanden. Man fand keine runden 
Mutterbänder. Rechterseits gelang es, den Finger durch 
den Leistenkanal von der Bauchhöhle aus in den Hoden- 
sack einzuführen. Es gelang nicht, das untere Ende des 
Uterus ■ zu tasten und sein Verhältnis zur hinteren 
Blasenwand sowie zur Harnröhre festzustellen. Der 
entfernte Tumor erwies sich als ein Sarcom des linken 
Hodens. Stimson vergleicht seine Beobachtung mit 6 
ähnlichen von Hermann zusammengestellten Beob- 
achtungen. 

40) H. Stroebe [„Ein Fall von Pseudohermaphroditis- 
mus masculinus internus, zugleich ein Beitrag zur patho- 
logischen Entwickelungsmechanik". Beiträge zur patho- 
logischen Anatomie und zur Allgemeinen Pathologie. 
Her. v. Professor Dr. E. Ziegler. Bd. XXII. (Siehe 
Fig. 20 u. 21.)] beschrieb in ganz ausgezeichnet genauer 
Weise ein Sektionspräparat, abstammend von einem im 
Alter von 63 Jahren in Hannover infolge von Carcinoma 
oesophagi verstorbenen männlichen Scheinzwitters Ernst 
L. Da diese Beobachtung ungemein interessant ist, sei 
sie hier wiedergegeben. Ernst L. verstarb bereits am 



— 341 — 

13. Tage nach seiner Aufnahme in das Hospital. 
Allgemeinaussehen männlich, Gesichtsbehaarung spärlich. 
Äußere Genitalien männlich. Penis 10,5 Centimeter lang. 
Harnröhrenöffnung an normaler Stelle. Scrotum ein 
leerer Sack. Schambehaarung männlich. In der Bauch- 
höhle fand sich ein hochgradig entwickelter Uterus 
mit Ligamenta lata und Tuben. Die Tuben waren 
dünner und länger als normal. Der Uteruskörper, in 
fundo 6 Centimeter breit, verschmälerte sich bedeutend 
nach unten zu. Schon 5 Centimeter unterhalb des 
Fundus stellt der Uterus nur einen cylindrischen Strang 
vor von der Dicke des Mittelfingers, von vorn nach 
hinten zu etwas abgeplattet. Der Uterus reicht nach 
unten zu bis in das Cavum Douglasii. Die größte Länge 
des Uterus, an der Hinterfläche gemessen, beträgt 20 
Centimeter, auf der Vorderfläche hingegen nur 10 Centi- 
meter, hier geht das Bauchfell, ohne 'irgend ein Falte 
zu bilden auf die hintere Blasenwand über. Anus nor- 
mal. Die rechte Tube reicht bis auf die rechte Fossa 
iliaca. Das Ligamentum latum dextrum teilt sich am 
•peripheren Ende in zwei Blätter, deren vorderes auf das 
Coecum und den Wurmfortsatz übergeht In der Ecke 
zwischen Wurmfortsatz und Tube lag ein ovales, plattes, 
bohnengroßes Gebilde, eine Geschlechtsdrüse, darunter 
ein kleineres, nicht ganz vom Bauchfell überzogenes 
Gebilde. Das rechte Ligamentum latum ist 26 Centi- 
meter lang. Das rechte Ligamentum rotundum verliert 
sich in der rechten Scrotalhälfte im Bindegewebe. Der 
rechte Leistenkanal ist verschlossen. Vom Uterus ver- 
läuft nach der erwähnten rechtsseitigen Geschlechts- 
drüse zu eine Art Ligamentum ovarii. Die linke Tube, 
nur 14 Centimeter lang, ist bleistiftdick, an ihrem 
peripheren Ende liegt die linke Geschlechtsdrüse, daneben 
ein kleineres Gebilde wie rechts. Der Uterus macht den 
Eindruck eines Uterus bicornis mit stärkerer Entwicke- 




Fig. 20. Beobachtung von Stroebe (Sektionspräparat). 
Geschlechtsorgane des 63 jähr, männlichen Scheinzwitters E. L. von vorn gesehen (^ der 
natürlichen Grösse) U = Fundus uteri ; SH = linkes Uterushorn, U = Uterus, T. = Tuben an 
der Kante der Ligg. lata (Das rechts Lig. latum ist künstlich etwas torquiert, so dass nahe 
beim Uterus seine vordere Fläche, gegen die seitliche Beckenwand dagegen seine Hinter- 
fläche zur Ansicht kommt, dadurch tritt die rechte Geschlechtsdrüse hervor.) H = Hoden, 
E = Nebenhoden, Hy = Hydatiden des Hodens und Nebenhodens rechts). R = Ligg. rotunda, 
endigend in der rechts geschlossenen, links mit (vorn aufgeschnittener) Peritonaealaus- 
stülpung versehenen Scrotalhälfte. S L = Gegend des Leistenringes, Sp = Strang mit Vasa 
spermatica interna (links), N x N 2 N 3 = Verbindungsbriicken zum unteren Rande des grossen 
Netzes vom linken Nebenhoden (N x ) und dem linken stielförmig ausgezogenen Ligamentum 
latum (N 2 N 8 ), N = grosses Netz, C = Coecum, I = Ileum, Pr, = Processus vermiformis, 
B = Harnblase vorn aufgeschnitten durch Nadeln auseinandergehalten, Ur = Ureteren, der 
rechte nach oben, der linke nach unten gezogen, Pr== Prostata mit vorn aufgeschnittener 
Harnröhre, P = Penis, dicht hinter der Glans subcutan aufgeschnitten mit unten seitlich 
aufgeschnittener Harnröhre Ut, M = seitlich aufgeschnittener Mastdarm, O = Anus. 




Fig. 21. Beobachtung von Stroebe (Sektionspräparat). 
Halbschematische Zeichnung des Genitalapparates (von vorn gesehen). 
U = Uterns masculinus mit Uterushorn links. Aus den beiden Ecken des 
Uteruslumens zweigen die Tubenlumina ab; nach unten tritt eine allmähliche 
Verengerung des Uteruslumens, dann wieder eine Erweiterung ein (Scheiden- 
teil); Mündung des schließlich wieder sehr eng werdenden Kanales auf dem 
Colliculus seminalis (C) in die Pars porstatica der Harnröhre mit längsovalem 
Schlitz. An beide Seiten des Uterus schließt sich je ein Ligamentum latum 
an. B = Harnblase, deren oberer Teil abgeschnitten ist mitUreteren; Pr= 
Prostata. P = Penis, hinter der Glans durchschnitten. Harnblase und Pars 
prostatica der Harnröhre sind vorn in der Mittellinie aufgeschnitten und 
auseinandergeklappt, ferner sind in der Zeichnung diese beiden Teile durch- 
sichtig gemacht, so daß man die hinter ihnen verlaufenden Geschlechts- 
stränge bis zu ihrer Mündung auf dem Colliculus seminalis C hindurch 
sehen kann. H = Hoden, E = Nebenhoden, Hy = Hydatiden, V = Vasa 
deferentia (geschlängelt), A= Ampullen derselben, D = Ductus ejaculatorii 
auf dem Colliculus seminalis C = mündend, T = Tuben, G = Ligamenta 
testis, R = Ligamenta rotunda, rechts in der geschlossenen, links in der 
mit einer (vorn aufgeschnittenen) Peritonaealausstülpung versehenen Scrotal- 
hälfte (S) endigend, L = Gegend der Lei9tenkanäle, Sp = Strang, enthaltend 
die Vasa spermatica interna (links), N 1 N 2 N 3 = Verbindungsbrücken vom 
linken Nebenhoden (E) und dem stielartig ausgezogenen linken Lig. latum 
zum unteren Rand des großen Netzes. Die punktierten Linien markieren den 
Verlauf der Arterien : an beiden Seiten des Uterus je einer Arteria uterina, von 
welcher ein mit dem Lig. testis zum Hoden verlaufender Ast abgeht; bei 
Sp die linken Vasa spermatica intorna im unteren Strang der freien recht- 
eckigen Platte des Lig. latum, sie anastomosieren durch eine schräge ge- 
schlängelte Getäßverbindung mit dem im linken Lig. testis verlaufenden 
Getäße. Von letzterem geht ein Ast in das linke Lig. rotundum über. 
Sp = Arteria spermatica interna dextra. 



— 344 — 

lung des linken Hornes. Von ihm zieht ein Strang in . 
den linken Leistenkanal, der offen ist und einen Finger 
in die leere Scrotalhälfte einläßt, deren Höhlung von 
dem Bauchfell ausgekleidet ist. Man fand in diesem 
Strange das linke Ligamentum rotundum sowie parallel 
der Tube belegen ein Ligamentum ovarii. Auf einem 
Durchschnitte des Uterus, 10 Centimeter unterhalb des 
Fundus, sieht man drei Lumina: das Lumen der Uterus- 
höhle und die Lumina der beiden Wo lff 'sehen Gänge, 
welche in der Uteruswand nach unten zu verlaufen. Das 
Lumen der Uterushöhle ist mit einer gelblichen, teigigen 
Masse erfüllt. Man kann die Kuppe einer von obenher 
in die Uterushöhle eingeführten Sonde am Blasengrunde 
tasten. Penis klein, die Prostata hat sehr kleine Lappen. 
Am Caput gallinaginis sieht man ausgezeichnet den 
Sinus prostaticus in Gestalt einer Rinne von 5 Milli- 
meter Länge und 2 Millimeter Breite. Trigonum 
Lieutaudii und UrethraJmündungen normal, Nieren 
normal. Der Uteruskanal mündet in capite gallinaginis. 
Das Mikroskop ergab, daß die rechtsseitig und linksseitig 
peripher gelagerten Gebilde die Hoden und Nebenhoden 
waren. Es handelt sich also um hochgradige Entwickelung 
der Mülll ergehen Gänge bei einem Manne, der mit 
Kryptorchismus behaftet war. Der Kryptorchismus ist 
für mich auch ein für die Hypothese von Siegenbeck 
van Heukelom bestätigendes Moment. Die Wolff sehen 
Gänge sind vollständig normal entwickelt, sie treten in 
die Uteruswand ein unterhalb des Angulus tubouterinus, 
nachdem sie bisher in ligamentis latis verlaufen wareD. 
Die Tuben besaßen keine Fimbrien und keine Ampullen, 
die rechte dünne Tube endete dicht beim Nebenhoden, 
die linke schwand in Fettgewebe in der Nähe des linken 
Hodens. Was die Geschlechtsfunktionen des Ernst L. 
intra vitam anbetrifft, erfuhr Stroebe nichts weiter, als 
daß Ernst L. kinderlos verheiratet gewesen war, ob er aber 



— 345 — 

Erektionen hatte, den Beischlaf ausführen konnte etc. ist 
nicht bekannt, ebensowenig, ob Pollutionen oder menstru- 
elle Entleerungen vorgelegen haben mögen. Stroebe 
vermutet, die gelbe, teigige Masse im Uteruslumen könnte 
von Blut abstammen, da sie durch Salzsäure und 
Ferrocyankalium blaugefärbt wurde. Stroebe liefert eine 
ganz ausgezeichnete detaillierte mikroskopische Beschrei- 
bung seiner Präparate. Im Interesse des Lesers will ich 
hier 2 mikroskopische Abbildungen des Präparates 
wiedergeben, welche sehr instruktiv sind. (S.Fig. 20 u. 21). 
41) Unter berger [„Ein Fall von Pseudoherm- 
aphroditimus femininus externus mit Coincidenz eines 
Ovarialsarkoms. Laparotomie" — Monatsschrift für Geb. 
u. Gyn. April 1901 pg. 436]: Am 17. XII. 1900 stellte 
Unterberger in dem Verein für wissenschaftliche 
Medicin in Königsberg ein Mädchen von vierzehn und 
einem halben Jahre vor, welches man an ihn gewiesen 
hatte behufs Exstirpation eines Unterleibstumors. Das 
Geschlecht des Kindes erschien zweifelhaft; sein Allgemein- 
aussehen sowie sein Glied, aussehend wie ein hypospadischer 
Penis, sprachen für männliches Geschlecht, ebenso die 
Hypospadie des Scrotum; auf Grund der Untersuchung 
der inneren Geschlechtsorgane jedoch glaubte Unter- 
berger, das Kind sei ein Mädchen. Drei Brüder und 
vier Schwestern sind normal gebaut, desgleichen die 
Eltern. Das Kind war als Mädchen erzogen worden, 
weil die Hebamme sofort nach der Geburt es für ein 
solches erklärt hatte. Das Kind spielte lieber mit Mädchen 
als mit Knaben, half jedoch angesichts seines kräftigen 
Körperbaues am liebsten dem Vater bei dessen Arbeiten. 
Im April 1900 trat einmal eine 8 Tage andauernde 
Blutung aus der Scham auf, von der Mutter für die erste 
Periode angesehen; diese Blutung wiederholte sich jedoch 
in der Folge nicht mehr. Seit jener Zeit fing das Mädchen 
über Unterleibsschmerzen zu klagen an, endlich bemerkte 



— 346 — 

man vor einem halben Jahre den Tumor im Leibe, welcher 
rasch wuchs. In den letzten Monaten wurde dieser Tumor 
recht druckschmerzhaft bei Berührungen. Das Mädchen 
ist übermäßig hoch gewachsen — 164 Centimeter hoch, 
die Extremitäten sind lang, männlicher Knochenbau 
sehr kräftig, männliche Stimme, männliche Gesichts- 
behaarung fehlt dagegen. Becken sehr schmal im Ver- 
gleiche zu der Größe des Körpers. Behaarung von Scham 




Fig. 22. Vulva eines 14 jähr, als Mädchen erzogenen Scheinzwitters. 
Beobachtung von Unterb erger. 1 = Urethralmündung. 



und Damm spärlich, weiblich. Der Tumor überragt den 
Nabel. Die Scham sieht durchaus männlich aus. Penis 
hypospadiaeus von der Größe und Dicke des großen 
Fingers. Vorhaut nach hinten retrahiert. Zwischen den 
getrennten Scrotalhälften sieht man eine Art Schamspalte, 
in deren Grunde die Öffnung der Harnröhre, seitlich 
von ihr je eine kleine Schamlippe. Wenn man das Kind 
drängen heißt, so stülpt sich in jeder Leiste eine An- 



— 347 — 

Schwellung vor wie eine Hernie; rechterseits kann man 
sich leicht vom Darminhalt dieser Hernie überzeugen, 
außer Darm liegt aber in diesem rechtsseitigen Leisten- 
bruche noch ein kleines, rundliches Gebilde, welches weder 
ein Hoden noch ein Ovarium zu sein scheint. Per rectum 
tastet man in der Mittellinie ein Gebilde, welches in 
Zusammenhang mit dem Tumor steht; nach unten zu 




Fig. 23 Vulva eines 14 jähr, als Mädchen erzogenen Scheinzwitters. 

Beobachtung von Unterberge r. 

1 = Vaginalhernie im Scrotalsack. 2 = Urethralmündung. 

3 = Dellenförmige Einziehung, vielleicht entsprechend der Vagjna. 



verjüngt sich dieses Gebilde und scheint am unteren 
Ende eine Art Delle zu besitzen. (?) Die äußere Scham 
sprach für männliches Geschlecht, besonders, wenn man 
annehmen wollte, daß das Gebilde in der rechtsseitigen 
Hernie ein Hoden sei. Unterberger jedoch glaubte, 
daß der per rectum getastete Körper ein Uterus sei, der 
rasch wachsende Tumor ein Ovarialsarkom und daß die 



— 348 — 

Vagina sich wahrscheinlich in die Urethra offene, daß 
jene Blutung aus dem Genitale eine katameniale gewesen 
sei Am 19. XII. entfernte er durch Bauchschnitt den 
Tumor, der sich als mannskopfgroßes Sarkom des linken 
Ovarium erwies. Man fand einen kleinen Uterus, die 
linke Tube auf dem Tumor liegend, in dessen Substanz 
die Ovarialsubstanz gänzlich aufgegangen war. Man 
fand auch die rechte Tube und den rechten sehr kleinen 
Eierstock, kaum haselnußgroß. Man fand ferner die 
runden Mutterbänder und glaubte ein unterhalb des 
Uterus getastetes Gebilde wie einen aus zwei Wänden 
bestehenden Schlauch für eine Vagina ansehen zu dürfen, 
welche sich wahrscheinlich in die Urethra eröffnete oder 
mit ihr zusammen in den Sinus urogenitalis in der oben 
angegebenen Öffnung in der Schamspalte. Nirgends 
Hoden gefunden, die Öffnungen der Leistenkanäle waren 
von Darmschlingen bedeckt. Das Mikroskop erwies ein 
typisches Endotheliom oder Sarkom der Geschlechtsdrüse. 
Unterberger gibt jedoch nichts darüber an, ob dieses 
Sarkom wirklich aus einem Ovarium entstanden war und 
nicht etwa aus einem in der Bauchhöhle retinierten Hoden. 
Da die andere Geschlechtsdrüse nicht herausgeschnitten 
wurde, also nicht zur mikroskopischen Untersuchung 
gelangte, so dürfte man wohl sagen, die Entscheidung 
von Unterberger beruhe auf seiner Vermutung, aber 
nicht anatomischen Beweisen. Das Kind konnte demnach 
ebensowohl ein männlicher Scheinzwitter sein, wie ein 
weiblicher; freilich wurde die Blutung aus dem Genitale 
eher zu Gunsten der Annahme Unt er berge r's sprechen. 
Jedenfalls hatte Unterberger wohl angesichts der 
sarkomatösen Entartung der linken Geschlechtsdrüse das 
Recht, auch die rechtsseitige Geschlechtsdrüse mit heraus- 
zuschneiden, deren mikroskopische Untersuchung vielleicht 
das fragliche Geschlecht entschieden hätte — wenngleich 
ihr Entwickelungszustand auch so rudimentär sein konnte, 



— 349 — 

daß auch das Mikroskop nicht im Stande wäre auf die 
uns vorliegende Frage zu antworten. Meines Erachtens 
erscheint auch in diesem Falle das Geschlecht fraglich trotz 
der Exstirpation einer Geschlechtsdrüse (s. Fig. 22 u. 23). 
42) Westermann [„Over een geval van Herm- 
aphroditism" Nederl. Tijdschr. v. Geneesk. 1901. No. 11 
— siehe Referat: Monatsschrift für Geb. u. Gyn. Juni 
1902. pg. 955]: Ein 30 jähriges Mädchen starb infolge 
von ulceröser Appendicitis. Schon die Mutter war im 
Zweifel über das Geschlecht dieser Tochter gewesen und 
zwar wegen deren absoluter Amenorrhoe. Bei der 
Sektion konstatierte man Mangel der Brustdrüsen, einen 
Penis hypospadiaeus von 6 Centimeter Länge mit nicht 
von der Vorhaut bedeckter Glans. Auch das Scrotum 
war gespalten. Unterhalb der Urethralmündung lag die 
von einem Hymen garnierte Öffnung der Vagina 
Männliche Schambehaarung; die auf der Innenseite be- 
haarten Schamlefzen enthielten keine Hoden. Von der 
Rückwand der Harnblase geht linkerseits eine 7 Centi- 
meter lange Tube aus mit ausgesprochenen Fimbriae, 
mesosalpinx und Ligamentum rotundum. Wo das Ovarium 
sinistrum liegen sollte, fand man fest zusammengeballtes 
sklerotisches Bindegewebe. In den äußeren Schichten 
dieses Gebildes fand das Mikroskop ein aus zahlreichen 
Zellen bestehendes, von einer Schicht weniger zahlreicher 
Zellen umgebenes Gewebe, in der inneren Schicht Binde- 
gewebe, Fett, einige blutgefüllte Bläschen und einige 
Blutgefäße, aber keine Spur von Graafschen Follikeln, 
Pflüger'schen Schläuchen. Erst nach Abpräparieren 
des Bauchfelles von der hinteren Blasenwand • fand man 
einen Uterus von 5 und eine Vagina von 8 Centimeter 
Länge. Der gesamte Uterovaginalkanal war für eine 
Sonde viabel. Mit Mühe entdeckte man den rechten 
Müller'sehen Gang, 22 Centimeter lang, mit seiner 
Tube, welche jedoch nur im peripheren Anteile eine 



— 350 — 

kurze Strecke weit viabel war. Rechterseits fand man 
im Leistenkanale den Processus vaginalis peritonaei offen 
und in ihm ein Gebilde von Bohnengröße: einen Hoden 
mit seiner Tunica albuginea und zahlreichen Tubuli 
contorti. Man fand keine Spermatozoiden. In Mesosal- 
pinge lag der cystisch entartete Nebenhoden. Erst die 
Nekropsie wies in diesem äußerst lehrreichen Falle die 
erreur de sexe nach und den hohen Entwicklungs- 
grad der Müller'schen Gänge. 

43) Winckler [siehe im Vorhergehenden: Dritte 
Gruppe, No. 12]. 14 Jahre nach einer erfolgreichen 
Herniotomie wurde wegen Occlusio intestinorum der 
Bauöhschnitt gemacht und zwar mit letalem Ausgang 
bei einem männlichen Scheinzwitter von 56 Jahren, der 
einen hochgradig entwickelten Uterus besaß. 

44) Zahorski [in Wilno] (Gazeta Lekarska 1900. 
No. 26. — Polnisch) beschrieb folgende eigene Be- 
obachtung von Pseudohermaphroditismus femininus 
externus. Er wurde von Dr. Waszkiewicz behufs 
Konsultation zu einem 25 jährigen Dienstmädchen geholt 
wegen eines fluktuierenden Bauchtumors und beginnender 
Peritonitis. Allgemeinaussehen, Stimme, Brüste, Be- 
haarung ganz weiblich, aber Clitoris drei und einen 
halben Zentimeter lang, einem hypospadischen Penis sehr 
ähnlich. Wegen großer Schmerzhaftigkeit konnte eine 
genaue Tastuntersuchung weder per vaginam noch per 
rectum durchgeführt werden. Im Sawicz -Hospital 
wurde eine Parancetese durch die Bauchdecken vorge- 
nommen und ungefähr ein Liter einer sanguinolenten 
Flüssigkeit entleert; rechterseits eine große Inguinolabial- 
hernie. Momentan folgte auf die Paracentese eine subjective 
Erleichterung, aber der Tumor wuchs in der Folge so 
rasch, daß er schon nach drei Wochen die gesamte 
Bauchhöhle auszufüllen schien. Angesichts dessen, daß 
offenbar ein maligner Tumor vorlag, verzichtete man auf 



— 351 — 

eine Operation, entgegen dem Verlangen der Patientin, 
die in der vierten Woche nach der Aufnahme . starb. Bei 
der Nekropsie fand man in der Bauchhöhle viel 
sanguinolente Flüssigkeit, einen bis an die Leber 
reichenden Tumor, mit dem großen Netze, mit dem 
Bauchfell und den Darmschlingen verwachsen, ein 
riesiges, weiches Sarkom, ausgehend aus dem rechten 
Ovarium. Der linke Eierstock klein, flachgedrückt, der 
rudimenätre Uterus kaum 2 Centimeter lang. Niemals 
Periode oder Molimina menstrualia. Da der Autor mit 
keiner Silbe einer mikroskopischen Untersuchung des 
linken, für ein flachgedrücktes Ovarium von ihm an- 
gesehenen Geschlechtsdrüse erwähnt, so hat wahrschein- 
lich eine solche mikroskopische Untersuchung nicht statt- 
gefunden. Es ist also auch in diesem Falle ein gerechter 
Zweifel an der ovariellen Natur dieser Geschlechtsdrüse 
gestattet, die ebensogut ein Hoden sein konnte. Für mich 
bleibt also auch hier das Geschlecht trotz der stattgehabten 
Nekropsie zweifelhaft. 

45) S. Pozzi vollzog an einen von ihm undMagnan 
in Paris behandelten verheirateten Manne den Bauchschnitt 
wegen eines Tumors, der sich hinterher als Ovarialtumor 
erwies. Der Mann, ein weiblicher Scheinzwitter, über- 
stand die Operation gut und ist jetzt Witwer. [Laut 
mündlicher Mitteilung durch Herrn Poz z i im Februar 1903]. 

Fünfte Gruppe. 

23 Fälle von teils ausgeführten, teils von Ärzten vor- 
geschlagenen oder von einem Scheinzwitter verlangten 
chirurgischen Eingriffen an den Genitalien mit An- 
schluss einiger Hypospadieoperationen bei männlichen 
Scheinzwittern. 

1) Aetius und Paulus Aegine'.ta erwähnen, daß 
in Agyten bei den Stämmen der Ibbos undMandingos 



— 352 — 

häufig vor der Hochzeit die hypertrophische Clitoris 
amputiert wurde. 

2) Arn au d [„Dissertation sur les Hermaphrodites" 
Paris 1766], dessen Sammelwerk dreißig Jahre lag, ehe 
es im Druck erschien und eine Fundgrube für die ältere 
Kasuistik des Scbeinzwittertumes ist, erzählt folgende 
interessante eigene Beobachtung [siehe Fig. 24.] 

Im Jahre 1725 untersuchte er eine unverehelichte 
Näherin aus M£nilmontant bei Paris, welche all- 
monatlich schreckliche Leiden ausstand infolge von 
heftigen Molimina menstrualia: Leibschmerzen, Schwindel- 
anfälle, Erbrechen etc. plagten jedesmal die Kranke. 
Allgemeinaussehen, Gesichtsbehaarung, Brüste, Stimme 
männlich, in jeder Schamlefze tastete man Hoden, Neben- 
hoden und Samenstrang. Hypospadiasis totius penis 
neben Hypospadiasis partialis scroti. Die Schamlefzen 
erschienen in ihrem untersten Teile mit einander ver- 
wachsen, indem sie eine Art Frenulum labiorum bildeten. 
Der Damm erschien infolgedessen ausnehmend hoch. 
Keine Spur einer Raphe zu sehen. Man konnte die 
Hautdecken zwischen der Analöffnung und der Öffnung 
in der Schamspalte mit dem Finger ziemlich tief ein- 
stülpen in eine nach außen hin durch die Hautdecken 
verschloßenen Höhle, wenigstens ergab der tastende 
Finger so |eine Vorstellung für Arn au d. Während 
jener katamenialen Beschwerden stülpte sich diese Partie 
der Hautdecken am Damme etwas konvex nach außen 
vor, aber „ohne gleichzeitige auffallende Verfärbung der 
Hautdecken an dieser Stelle.* Die Anschwellung wurde 
stets sehr schmerzhaft zu jener Zeit; nach einigen Tagen 
ließen die Schmerzen nach und es erfolgte eine mehr- 
tägige Blutung ex ano, obgleich keine Haemorrhoiden 
vorhanden waren. Arn au d hielt diese Näherin für 
einen regelmäßig menstruierenden Mann. Die Bluten- 
leerung werde aber aufgehalten, weil die Scheide keine 



— 353 — 

AusführuDgsöffnung nach außen zu besaß — er hielt 
jenen geschlossenen, oben erwähnten Hohlraum für eine 
nach außen zu verschlossene Scheide, in welche man von 
außen her die Hautdecken am Damme einstülpen konnte. 
Dieses retinierte Menstrualblut sollte sich alsdann durch 
eine Fistel e vagina in den Mastdarm ausscheiden und 
dann aus diesem abfließen. Arnaud hatte sich persönlich 




Fig. 24. Vulva eines erwachsenen als Mädchen erzogenen Schem- 
zwitters von fraglichem Geschlecht. Beobachtung von Arnaud. 



mehrmals überzeugt von der Wahrheit aller der kata- 
menial auftretenden Beschwerden und der darauf folgenden 
Blutung ex ano, wie er sagt. Er machte unter Assistenz 
zweier Kollegen einen Einschnitt in die Hautdecken an 
der schon erwähnten Stelle am Damme und drang mit 
dem Finger in eine zwei Zoll tiefe Höhle ein, in deren 

Jahrbuch V. 23 



— 354 — 

Grande er eine Portio vaginalis uteri zu tasten glaubte. 
Die folgenden Menstrualblutungen entleerten sich be- 
schwerdefrei durch die von Arnaud geschaffene Öffnung. 
Leider aber wurde trotz Drainage die künstlich ge- 
schaffene Fistel immer enger, schloß sich nach 6 Monaten 
ganz und die alten Beschwerden waren wieder da. Die 
Patientin ging auf die Wiederholung der Operation nicht 
ein, verlangte aber statt dessen durchaus, Arnaud solle 
ihr das Geschlechtsglied abschneiden, den hypospadischen 
Penis, resp. die hypertrophische Clitoris, welches Organ 
ihr sub erectione sehr lästig falle. Da Arnaud das 
Individuum für einen Mann hielt, so schlug er diese 
Operation rundweg ab. Die Patientin wurde auch von 
Malaval, Puzos, Gu6rin, Morand, Garengeot 
und anderen Ärzten untersucht, welche sämtlich Ar- 
naud's Diagnose billigten, wie er schreibt. Als die un- 
glückliche Näherin im Jahre 1740 starb, 15 Jahre nach 
der von Arnaud vollzogenen Operation, bestimmte die 
Pariser Akademie zwei Delegaten für die Ausführung 
der Nekropsie: die Herren Verdier und Foubert. 
Verdier vollzog die Sektion des Leichnams und nahm 
die herausgeschnittenen Geschlechtsorgane mit sich nach 
Haus. So oft auch Arnaud und Foubert auf eine 
Aufforderung Verdiers hin zu ihm gingen, um gemein- 
sam das Präparat zu untersuchen, so wußte es Verdi er 
so einzurichten, daß sie ihn niemals zu Hause antrafen, 
bis schließlich das Präparat so verfault war, daß es nicht 
mehr zu untersuchen war. Arnaud sah in diesem Vor- 
gehen Verdi er's eine Intrigue, um vorzubeugen, daß 
ein Bericht an die Akademie abgesandt wurde. Nach 
Arnaud sollte es sich hier um einen menstruierenden 
männlichen Scheinzwitter mit mangelnder Vaginalöffnung 
handeln, also mit Haematokolpometra per rectum pro- 
fluens. Wenn man auch diesen älteren Mitteilungen mit 
Recht skeptisch gegenübertritt, so ist andererseits ihnen 



— 355 — 

doch nicht von vornherein jeder Wert abzusprechen. 
Wollen wir heute diesen Fall beurteilen, so werden wir 
eher annehmen, die Näherin war vielleicht ein weiblicher 
Scheinzwitter mit Hypertrophie und Erektionen der 
Clitoris und teilweiser Verwachsung der Vulva mit 
Atresie der Scheidenöfihung. Arnaud glaubte wohl, 
daß die in den Lefzen vorhandenen Gebilde Hoden, 
Nebenhoden und Samenstränge waren, das schließt jedoch 
keineswegs aus, daß es sich um ektopische Ovarien und 
Tuben z. B. gehandelt hat. Die Geschichte mit dem 
Verhalten Verdi er's hat sich auch wohl später schon 
in Arztekreisen wiederholt, so etwas kommt leider vor, 
da nicht immer das gegenseitige Handeln der Arzte von 
wissenschaftlichem Interesse und Kollegialität geleitet 
wird. 

3) Mc Arthur [Gynaecological Society of Chicago. 
7. I. 1902 — Referat: Monatsschrift für Geb. u. Gyn. 
1902. pg. 993]: „ Hermaphroditismus und Atresia ani." 
Es wurde ein neugeborenes Kind wegen Atresia ani 12 
Stunden post partum operiert, aber es starb trotzdem. 
Bei der Sektion konstatierte man weibliches Schein- 
zwittertum mit Persistenz der Kloake. 

4) Aveling erwähnt ein Individuum zweifelhaften 
Geschlechtes, welches im Londoner Saint Georges Ho- 
spital untersucht wurde. Es war eine Frau mit ganz 
fcesonderer Hypertrophie der Clitoris, welche Aveling 
amputierte, weil sie infolge der Reibung an den Kleidern 
der Frau lästig fiel. Aveling hatte bei dieser Person 
die Menstruation konstatiert. 

5) Benoit [Journal de la Soci£t£ de M£decine pra- 
tique de Montpellier. Novembre 1840] beschrieb folgende 
interessante Beobachtung: „Consultation sur un cas 
d'hermaphrodisme" : Ein 27jähriges verlobtes Mädchen 
wandte sich behufs Untersuchung an einen Arzt, welcher 
eine Atresia hymenis konstatierte. Er machte einen Ein- 

23* 



— 356 — 

schnitt, um die Scheide zu eröffnen, traf jedoch auf kein 
Lumen und die Operation blieb resultatlos. Trotzdem 
blieb das Fräulein in dem Glauben, dem weiblichen Ge- 
schlechte anzugehören. Es schob den Termin der Hochzeit 
unter stetig neuem Vorwande immer wieder hinaus, bis 
der Bräutigam endlich die Geduld verlor — da gestand 
es ihm die Ursache des Zögerns ein, es wisse, daß es 
mißgestaltet sei inbezug auf die Geschlechtsorgane. Der 
Bräutigam bestand dennoch auf der ehelichen Verbindung 
sobald wie möglich. Marie erbat sich noch einige 
wenige Tage Bedenkzeit und ging jetzt zu Benoit. 
Sie hatte jetzt begonnen an ihrem weiblichen Geschlechte 
zu zweifeln. Sie fragte Dr. Benoit direkt, zu welchem 
Geschlechte sie gehöre, ob sie einen Mann heiraten könne 
und ob bezüglich der Eheschließung eine Operation nötig sei 
oder nicht? — Nach genauer Untersuchung konstatierte 
Benoit männliches Scheinzwittertum, erklärte dem jungen 
Mädchen direkt, es sei ein Mann, keine Operation könne 
etwas daran ändern und die Hochzeit dürfte demnach 
nicht stattfinden. 

6) Berendes [siehe Koesters: „Ein neuer Fall 
von Hermaphroditismus spurius masculinus" I. D. Berlin 
1898, siehe auch Jahrgang für 1902 dieses Jahrbuches 
in meiner Arbeit: Gruppe IV. Fall IV. von Landau] 
amputierte einem Mädchen von vier Jahren auf Wunsch 
der Eltern die hypertrophische Clitoris. Das Mädchen 
erwies sich in der Folge als männlicher Scheinzwitter 
[siehe auch die farbige Abbildung in meiner vorerwähnten 
Arbeit]. 

7) W. Bittner [„Hermaphroditismus spurius mas- 
culinus completus", Prager Medizinische Wochenschrift 
1895 N: 43 pg. 491 mit zwei Abbildungen] : Interessante 
Beobachtung von erreur de sexe aus der Klinik von 
Bayer in Prag. Emilie P., 13j ährig, macht den Ein- 
druck eines Weibes, aber ihr Charakter und ihre Gewohn- 



357 — 



heiten kontrastieren damit ganz auffällig. Die Körper- 
kontouren weisen nirgends die weibliche Rundung auf, 
die Schulterbreite übertrifft die Beckenbreite, das Haupt- 
haar ist in zwei lange Zöpfe zusammengeflochten. Man 
suchte an den oberen Extremitäten vergeblich den Puls- 
schlag der arteria bracchialis, cubitalis, radialis, ulnaris, 
was auf einen abnormen Verlauf dieser Gefäße hinwies. 
Die Genitalien sahen aus wie die eines Weibes mit be- 




Fig. 25. Äußeres Genitale des von Bittner beschriebenen 
Scheinzwitters. 

deutender Clitorishypertrophie : die Clitoris ist 5 und 
einen halben Centimeter lang, hat eine deutlich sichtbare 
Glans mit langer Vorhaut. An der Spitze der Glans 
sieht man die Mündung eines Kanales, welcher eine 
dünne Sonde 5 Centimeter tief einläßt (!). Aus diesem 
Kanal kann man etwas Schleim ausdrücken, der ganz 
ähnlich dem Prostataschleim aussieht. Bei Betastung 
entdeckte man in dieser Clitoris einen zentral verlaufenden 



— 358 — 



Strang, der erst unterhalb der Schamfuge verschwand. 
Dieser Penis ist an seiner unteren Fläche gespalten und 
weist hier eine 3 bis 4 Millimeter breite Rinne auf, die 
nach unten zu immer schmäler werdend, im Abstände 
von drei Centimetern von der Spitze des Penis endet. 
Harnröhrenöffnung weiblich, der Katheter weist eine be- 
deutende Dilatation der Harnblase auf, indem er beinahe 
bis in Nabelhöhe eindringt. Dr. Busch in Teplitz 





Fig. 27. 
Schematischer Sagittalscbnitt der 
Beckengegend. 
Fig. 26. 
Fig. 26^ u. 27: Genitale eines männlichen Scheinzwitters von 13 
Jahren, irrtümlich als Mädchen erzogen. Beobachtung von Bittner. 

wegen Dysurie gerufen, hatte die Harnröhre mittels 
Bougies erweitert. Diese Erweiterung der Blase nach 
oben zu würde für eine Persistenz des Urachus sprechen. 
Die untere Harnröhren wand stülpt sich etwas nach unten 
vor, so als ob eine portio vaginalis uteri existierte. Unter- 
halb der Harnröhrenöffnung liegt die Mündung der Vagina. 
Beide Öffnungen liegen in dem 8 Millimeter langen Sinus 



— 359 — 

urogenitalis, der ganz glattwandig ist und ohne Spur von 
kleinen Schamlippen. Anus normal, Damm breit. In 
jeder Schamlefze tastete man ein Gebilde, von dem eine 
Art Strang bis in die Bauchhöhle verläuft. Diese Ge- 
bilde machen den Eindruck rudimentärer Hoden. Per 
rectum tastend, gewahrt man ein bohnengroßes Gebilde in 
der Mittellinie querliegend und leicht verschieblich, dicht 
hinter der Blase liegend und bei Anfüllung der Blase 
dem Finger entweichend Tuben oder Ovarien nicht getastet. 

Man betrachtete die in den Schamlefzen liegenden 
Gebilde als Hoden. (Siehe Fig. 25, 26, 27). Das per 
rectum getastete Gebilde war anscheinlich ein rudimen- 
tärer Uterus. Die Mutter verlangte durchaus die Ampu- 
tation der hypertrophischen Clitoris, man willfahrte diesem 
Verlangen jedoch nicht, weil man das Kind für einen 
männlichen Scheinzwitter hielt. 

8) M. R Blondel [„Observation de Pseudoherma- 
phroditisme" — Soci£t£ Obst^tricale et Gyn^cologique 
de Paris, S£ance du 12. Janvier 1899 — Bulletins et 
M^moires de la Soci£t£ Obst&ricale et Gyn£cologique 
de Paris. Paris 1899] beschrieb eine äußerst interessante 
Beobachtung folgender Art: Frau X. aus Angers, 45 
Jahre alt, seit 18 Monaten verheiratet, kam am 14. X. 
1998 in seine Klinik mit Klagen über Unterleibschmerzen 
Schwindelanfälle, Mattigkeit und Abgeschlagenheit und 
in letzter Zeit häufiges Nasenbluten; außerdem bemerkte 
sie seit zwei Jahren krampfhafte Zuckungen der Augen- 
lieder, welche von Herrn Landolt behandelt worden 
waren. Frau X. glaubt, alle diese Beschwerden stehen 
mit ihrem Alter, einer beginnenden Climax, im Zu- 
sammenhange. So hatte sich auch der Okulist ausge- 
drückt, so äußerten sich auch ihre Bekannten. Sie hat 
aber von all* diesen Beschwerden ihrem Hausarzte nichts 
gesagt, sondern zog es vor, einen Spezialisten in Paris 
zu konsultieren, da in ihrer Organisation etwas Absonder- 



— 360 — 

liches vorliege, was weder sie noch ihr Mann sich zu 
deuten im Stande seien. Sie verlangte jetzt eine genaue 
Untersuchung. Sie hatte niemals die Periode und konnte 
mit ihrem Gatten niemals den Beischlaf normal ausführen, 
weil sie dabei jedesmal vehemente Schmerzen empfinde; 
sie glaubt bemerkt zu haben, es müsse ein mechanisches 
Hindernis für die Vollziehung des Beischlafes vorliegen. 
Eltern normal gebaut und gesund, drei Schwestern haben 
normal die Periode, zwei haben Kinder. Frau X. hatte 
im Alter von 12 — 13 Jahren alle die Symptome an sich 
beobachtet, welche dem Eintritt der Regel vorauszugehen 
pflegen. Schmerzen in der Lendengegend, Schweregefühl 
im Unterleibe, Schwindelanfälle. Der Hausarzt verord- 
nete verschiedene Emmenagoga: Apiol,Senf, ließ Blutegel 
setzen, natürlich ohne jeden Erfolg. Ihre Leiden ver- 
loren sich später nach etwa zweijähriger Dauer! Als 
sie 19 Jahre alt war, bewarb sich ein junger Mann um 
ihre Hand. Obgleich der junge Mann ihr wohlgefiel, 
so zerschlug sich doch das Heiratsprojekt nach einem 
Jahre infolgedessen, daß sowohl die Eltern als auch das 
junge Mädchen voraussahen, die Ehe werde nicht glück- 
lich ausfallen angesichts zu erwartender Kinderlosigkeit, 
denn wie sollte sie eine Mutterschaft erwarten können, 
da sie noch nie die Periode gehabt hatte? Aus dem 
gleichen Grunde wurden auch mehrere andere Freier 
abgewiesen. Jetzt, wo Fräulein X. bereits 44 Jahre alt 
war, meldete sich abermals ein Freier, ein GOjähriger 
Wittwer, welcher von vornherein erklärte, er habe 
Kinder aus erster Ehe und verzichte auf weiteren 
Kindersegen freiwillig. Die Heirat kam zu Stande, aber 
der Beischlaf erwies sich als ganz unmöglich. Vor 6 
Monaten stürzte Frau X. aus einer Höhe von vier 
Metern herab und wurde mit einem Armbruch und der 
Verstauchung einer Hand aufgehoben: sie empfand 
gleichzeitig starke Schmerzen im Leibe, in den Leisten- 



— 361 — 

gegenden und Schweregefühl in den Schamlefzen. Der 
Arzt legte auf den Arm einen Gipsverband, bezüglich 
der Leistenschmerzen erkannte er einen doppelseitigen 
Leistenbruch als Ursache und verordnete ein Bruchband. 
Frau X. erklärt jetzt, sie könne dieses Bruchband auch 
nicht einen Augenblick missen, da sie sonst sofort von 
heftigen Schmerzen befallen werde in den Leistenringen. 
Sie hat auch bemerkt, daß seit jenem Falle in jeder 
Schamlefze ein Tumor existiere, den sie früher niemals 
bemerkt hatte. Blonde 1 vollzog nun die Untersuchung 
und fand zunächst absolut nichts, was eine erreur de 
sexe hätte voraussetzen lassen. Körperhöhe 170 Centi- 
meter. Das Gesicht ist vielleicht nicht ausgesprochen 
weiblich zu nennen, entbehrt aber jeder Spur männlicher 
Behaarung. Haupthaar lang, fein, wellig geringelt. 

Stimme etwas scharf, aber nicht gerade unweiblich, 
eher eine Art Mezzo-Sopran als Contraalt. Hände und 
Füße groß, Taille breit, Hüften stark, Muskelsystem 
üppig entwickelt. Bei Betrachtung der Vulva wird man 
zunächst frappiert von der Größe der Clitoris sowie auch 
der Schamlefzen. Die Hautdecke der Schamlefzen sieht 
gerunzelt aus wie das Scrotum; hier und da auf den 
Schamlefzen Haare. Clitoris kleinfingerdick, im flacciden 
Zustande 4, sub erectione 6 bis 7 Centimeter lang. 
Das Praeputium reich, umfaltet die Corona glandis und 
geht nach unten zu in die kleinen Schamlippen über. 
Zieht man die kleinen Schamlefzen auseinander, so ge- 
wahrt man eine schmale, enge, infantile Schamspalte. 
Es fallen hier mehrere Eigentümlichkeiten auf, welche 
Blondel wörtlich so beschreibt: 

„A la partie inf^rieure de Porifice vulvaire existent 
une fourchette et un vestibule indentiques k ce qu'on 
trouve ä l'£tät normal. Au milieu on trouve un orifice 
£troit, borde* d'un bourrelet frang6, tout-k-fait semblable 
& certains hymens. Au-dessus de celui-ci se montre la 



— 362 — 

vofite formte par la face inf£rieure du clitoris. : le raph£ 
parti du sillon median de celui-ci et qui correspond bien 
ä la bride dlcrite dans un cas semblable par Buisson 
la divise suivant son milieu en deux parties Egales et 
vient se perdre un peu au-dessus de la partie sup^ricure 
de l'hymen; k ce niveau existent deux orifices k la direc- 
tionlongitudinale; situ£ de part et d'autre du raph£ ils sont 
r£lativement volumineux et admettent chacun sur un 
trajet d' un demi k un centimfetre Pextr£mit£ d'un fin 
stylet : un liquide filant, trfes transparent, tout ä fait sem- 
blable k la s£cr£tion prostatique de Fhomme, s^cbappe 
devant nous de ce deux orifices." Man sah zunächst 
nirgends eine Harnröhrenöffnung: dieselbe lag scheinbar 
in einer pseudovaginalen Höhle, etwas nach hinten und 
nach innen zu von der Hymenalöffnung. Einen Katheter 
kann man längs des Fingers in die Blase einführen: 
Urethra etwa vier Zentimeter lang. Die Einführung des 
Fingers in die Hymenalöffnung bereitet der Frau viele 
Schmerzen, die Sander des Hymen sieht man auf dem 
Fingergliede gelagert. Die Hymenalränder sind dünn 
und sehr gespannt. In der Tiefe von drei Zentimetern 
erscheint die Vagina blindsackartig geschlossen. Per 
rectum tastet man sowie auch per vaginam an der Hinter- 
fläche der Harnblase zwei längliche Gebilde von vagen 
Kontouren, welche vielleicht einer Prostata oder den 
Samenblasen entsprechen. Beim Harnen mag ein Teil 
des Harnes in die Vagina fließen infolge der versteckten 
Lage der Urethralöffnung. In jeder der auffallend großen 
Schamlefzen tastet man je einen Hoden: der linke ist 
atrophisch, weich, abgeplattet, mit kleinem Nebenhoden 
und Samenstrange, die rechtsseitigen Geschlechtsdrüsen- 
gebilde sind normal. Man kann Kopf und Schwanz des 
Nebenhodens und den Samenstrang unterscheiden. Die 
Hoden gleiten unter Fingerdruck in ihrer Tunica vaginalis 
hin und her, die eine offenbar mit Lumen versehene 



— 363 — 

Tasche bildet. Die Hoden lassen sich erheben bis zur 
Leistenkanalmündung; der Versuch einen Hoden in den 
Leistenkanal einzuschieben ist zu schmerzhaft, obwohl 
die Hoden, wie oben gesagt, erst vor 6 Monaten infolge 
eines Trauma in das Scrotum fissum herabgestiegen waren. 
Bei dieser Frau wurde also eine erreur de sexe kon- 
statiert. Hypospadiasis peniscrotalis mit Persistenz eines 
Utriculus masculinus [resp. Vagina], welcher von Vesti- 
bulum pseudovulvare durch eine Art Hymen geschieden 
ist. Der Sinus urogenitalis, der Pseudovaginalkanal, das 
hinter dem Hymen belegene Stück eingerechnet, ist 
immerhin 5 — 6 Centimeter lang, läßt den Finger ein, aber 
nicht das Membrum conjugis. Der Gatte war bisher 
nicht im Stande den Widerstand jenes Hymen zu brechen. 
Der Mann hat gleichwohl mehrmals eine Immissio in jene 
Vulvargrube versucht mit Ejakulation in dieselbe hinein, 
aber jeder Angriff auf den Hymen ist von einem 
Schmerzenschrei der Frau gefolgt. Die Frau sagt, daß 
sie gleichwohl bei diesen Versuchen ihres Gatten Wollust 
empfinde, deren Kulminationspunkt der Moment sei, wo 
bei dem Gatten die Ejakulation erfolgte* In diesem 
Moment empfindet sie eine Art krampfartiger Erschütterung 
des ganzen Körpers rhytmischer Natur, und sie fühlt, daß 
bei ihr selbst eine Flüßigkeit sich in die Vulva ergießt. 
Nach diesen Spasmen erfolgt eine tiefe Prostration und 
hochgradige nervöse Depression. Die Frau unterscheidet 
sehr wohl diese Gefühle, welche sie erst seit der Hochzeit 
kennen gelernt hat, von anderen mehr oder weniger aus- 
gesprochenen aber vagen Wollustempfindungen mit 
Erektion der Clitoris und von Ejakulation gefolgt — 
aber nicht ruckweise sondern kontinuirlich diese Ejaku- 
lation — , welche sie schon früher vom 20. Jahre an manch- 
mal empfunden, wenn sie einen Roman las oder tränmte. 
Ob die Hoden während jener Spasmen nach oben 
wandern, vermag sie nicht anzugeben, sie sind aber äußerst 



— 364 — 

druckempfindlich und, wenn zufällig einmal ein Hoden 
einer Quetschung unterliegt, so empfindet die Frau starken 
Schmerz, den sie selbst als nauseös bezeichnet. 

Blondel war Zeuge einer Erektion und Ejakulation 
einer durchsichtigen, fadenziehenden, stark riechenden 
Flüßigkeit, welche vollständig dem Prostatasecret ent- 
sprach: er sammelte sogar etwas davon auf ein Schälchen 
zur Untersuchung. Die beiden Öffnungen, aus welchen 
diese Flüßigkeit ausgeschieden wurde, lagen unter- 
halb der Clitoris aber oberhalb der Harnröhrenöffnung. 
Es war leicht, diese beiden Öffnungen mit bloßem Auge 
zu sehen; man sah die Flüßigkeit aus ihnen hervorquellen. 
Die Flüßigkeit enthielt nur einige platte Zellen, aber 
keine Spermatozoiden. Keine Brustdrüsen vorhanden, 
nicht einmal merkliches Fettgewebe. Die Sternalregion 
war leicht behaart. Die scheinbar vaginale Mündung 
der Urethra in seinem Falle bezeichnet Blondel als 
einzig dastehend. Blondel wagt nicht zu sagen, ob 
jene beiden Öffnungen oberhalb der Urethra den Öffnungen 
von Cowper'schen Drüsen entsprachen oder Prostata- 
ausführungsgängen; jedenfalls funktionierten die drüsigen 
Gebilde, deren Secret sie ausschieden, energisch. Ob das 
per rectum getastete Gebilde eine Prostata war oder 
Samenblasen oder ein Uterus bicornis, kann Blondel 
nicht entscheiden. Keine männliche Gesichtsbehaarung. 
Neigungen und Geschmack dieser Person waren ganz 
weiblich und hat sie niemals männlichen, auf Frauen 
gerichteten Geschlechtsdrang empfunden. Was die kon- 
gestiven Erscheinungen der Pubertätsperiode anbetrifft 
sowie mensuelle Nasenblutungen im Alter der Menopause, 
so hat man solche Erscheinungen auch bei anderen 
männlichen Scheinzwittern ausgesprochen gefunden, die 
noch weit mehr männlich veranlagt waren als diese Frau. 
Was die sociale Stellung dieser Frau anbetrifft, so ist 
es klar, daß die Ehe eine nichtige sein muß. Durfte 



— 365 — 

man, fragt sich Blondel, in diesem Falle sowie die 
Frau es verlangte, einen operativen Eingriff unternehmen, 
um den Beischlaf in der Rolle einer Frau zu erleichtern? 
— Er beriet sich mit Maigrier und die Herren kamen 
dahin überein, daß das Verlangen der Frau ein berech- 
tigtes sei, er beschloß also den Hymen mit dem Messer 
zu spalten und dann die Pseudovagina zu verlängern 
durch einen Schnitt im Scheidengewölbe mit d^doublement 
des Septum recto vaginale und eventueller plastischer 
Bedeckung der geschaffenen Wunde. Die Frau gab an, 
sie werde sich am 20. November behufs Ausführung der 
Operation melden, kam aber nicht wieder. 

Beiläufig erwähne ich, daß Herr Kociatkiewicz 
in dem von mir früher beschriebenen Falle nach Exstir- 
pation der Hoden eines als Mädchen erzogenen männ- 
lichen Scheinzwitters, behaftet mit Hypospadiasis peni- 
scrotalis, um den Beischlaf in der Rolle einer Frau zu 
ermöglichen, eine Erweiterung des Aditus ad vaginam 
versuchte ohne jedoch eine wesentliche Veränderung zu 
erzielen. 

Bezüglich desBlondePschenFalles ist hervorzuheben, 
daß diese Frau, ein verkannter Mann, absolut weiblichen 
Geschlechtsdrang empfand. 

8) Realdo Colombo [siehe Debierre] „I/Ethio- 
pienne de Realdo Colombo de Cremone": Clitoris zu groß, 
Scheidenöffnung zu klein; Beischlaf weder mit Männern 
noch mit Frauen möglich. »Elle ne pouvait agir ni patir 
commod^ment." Diese Person verlangte die Amputation 
des männlichen Gliedes: Colombo schlug aber die Aus- 
führung dieser Operation ab, indem er die Verantwortung 
für diese Operation vor den Behörden scheute. 

Steg lehn er [1. c. pg. 89] schreibt bezüglich dieses 
Falles: „Realdus Columbius observavit mulierem, 
cni erat genitale membrum ambiguum crassum digiti 
minimi longitudinem aequans sed perforatum, sub eodem 



— 366 — 

ostium canalis sie angustum ut non nisi digiti minimi 
apicem admitteret. Viros haec ita coneupivit ut penis 
clitoridei resectionem et ostii vaginalis dilatationem a 
chirurgo expeteret. Qua strueturae vicissitudine manifesto 
patet, clitoride increscente muliebris genitalis canalem 
eadem proportione contrahi et coaretari." — Nach dieser 
Beschreibung scheint es sich hier um einen männlichen 
Scheinzwitter zu handeln mit Hypospadie des Scrotum 
und mehr oder weniger hochgradiger Entwickelung der 
Mü Herrschen Gange — jedenfalls scheint eine Scheide 
existiert zu haben. Der Fall ähnelt am meisten dem- 
jenigen von Maude aus der neueren Kasuistik. 

9) W. A. H. Coop [,,A curious anomaly of the 
female genitalia with striking resemblance to some of 
the external male elements changed by plastic surgery 
into a woman of normal appearance." American Gyn. 
and Obstetric. Journal-New York. May 1895. pg. 594]: 
24jährige Frau, verheiratet bei vollständig männlichem 
Aussehen der äußeren Genitalien infolge von Verwachsung 
der Schamlefzen untereinander. Plastische Operation mit 
gutem Ausgange. Coop ermöglichte durch eine Discision 
der Verwachsung die Ausführung des Beischlafes sowie 
auch Hu guier in einem später zu erwähnenden Falle 
— so wie auch eine solche einfache Operation den Bei- 
schlaf in der Rolle einer Frau Marie Magdalene 
Lefort ermöglicht hätte, wenn die Person sich der An- 
sicht von B£clard angeschlossen hätte, der ihr Geschlecht 
als weiblich richtig erkannt hatte entgegen der Meinung 
der sämtlichen anderen Ärzte, welche sie untersucht 
hatten. 

10) Coste [Marseille] [Journal des connaissances 
m^dico-chirurgicales par les Docteurs A. Trousseau, 
J. Lebaudy, H. Gouraud: 3-eme annee, 1835, pg. 276 
„Conformation vicieuse des organes g£nitaux chez une 
femme. Operation."] ermöglichte den Beischlaf in der 



— 367 — 

Rolle einer Frau einer Person von zweifelhaftem Ge- 
schlechte. Im September 1834 kam zu ihm Frau X. mit 
ihrer 21jährigen Tochter, weche eine genitale Mißstaltung 
hatte. An Stelle der zu erwartenden Clitoris fand Coste 
ein männliches, unten gespaltenes Glied, so groß wie bei 
einem etwa 12jährigen Knaben. Die Glans dieses Gliedes 
war infolge von Retraction des Praeputium vollständig 
entblößt. Aus der weiblichen Harnröhrenöffnung entleert 
sich nicht nur der Harn, sondern vom 13. Jahre an auch 
regelmäßig alle vier Wochen das menstruelle Blut; 
Unterhalb der Harnröhrenöffnung keinerlei Vertiefung 
zu sehen, man sah dort zwischen den kleinen Schamlippen 
nur eine behaarte Haut mit Anzeichen einer Raphe. Die 
großen Schamlippen waren rudimentär entwickelt, reprä- 
sentierten einfach zwei Hautfalten. Allgemeinaussehen 
dieses Mädchens, sowie die Brüste und allgemeine Be- 
haarung ganz weiblich, ebenso die Schambehaarung, aber 
das Becken und die Extremitäten waren männlich ver- 
anlagt. Charakter und Neigungen vollkommen weiblich, 
das Mädchen liebte zärtlich seinen Bräutigam, kannte 
keine Masturbation und hatte niemals eine Erektion 
seines Geschlechtsgliedes bemerkt. Die Mutter kam zu 
Coste mit der Frage, ob ihre Tochter heiraten könne 
oder nicht? Coste antwortete, daß ein Beischlaf nicht 
möglich sein werde, es sei denn nach Ausführung einer 
Operation. Da allmonatliche Blutungen vorlagen, so war 
Coste überzeugt von der Existenz eines Uterus: die 
Ausscheidung des Blutes durch die Harnröhre wies 
darauf hin, daß eine Kommunikation zwischen Uterus 
und Harnröhre existiere. Es ging nun um zwei Sachen : 
erstens um Schaffung einer Vagina zwischen Urethra und 
Rectum, zweitens um Amputation der hypertrophischen 
Clitoris. Das Fräulein ging im Prinzip auf die Operation 
ein, die auch von Coste am 20. IX. 1834 vollzogen 
wurde. Aus Rücksicht auf die Schamhaftigkeit der 



— 368 — 

Patientin, sowie darauf, daß es darauf ankam, das größte 
Geheimnis zu wahren, begnügte er sich mit einem einzigen 
Assistenten, Dr. Dun£s. Er begann die Operation mit 
einem Längsschnitte in der Raphe dartos zwischen 
Urethral- und Analmündung, wobei die Kranke so ge- 
lagert war wie bei einem Steinschnitt Da Coste selbst 
in der Tiefe von einem Zoll keine Scheide antraf und er 
befürchtete, die naheliegende Urethra oder das Rectum 
zu verletzen, so führte er jetzt einen Katheter in die 
Blase ein, indem er aber dem Katheter eine Richtung 
gab nicht nach der Harnblase sondern nach der Gebär- 
mutter zu. Die Sonde drang spontan in einen Kanal ein, 
welcher die Vagina zu sein schien. Jetzt entschloß sich 
Coste unter dem Risiko, eine Urethrovaginalfistel zu 
schaffen, dazu, das Septum zwischen dem in Urethra 
liegenden Katheter und der vermuteten Vagina von der 
Urethralmündung aus mit einem Messerschnitte zu spalten 
bis zu dem vermuteten Scheideneingange. Der in die 
Tiefe der Wunde eingeführte Finger gelangte in eine 
Höhle, die mit Schleimhaut ausgekleidet war; er tastete 
aber auch in dieser Höhle eine Portio vaginalis uteri. 
Coste tamponierte nun diesen ganzen Kanal mit Charpie, 
die er mit Wachs durchtränkt hatte. Dann zog er die 
Vorhaut der hypertrophischen Clitoris soweit er konnte 
nach hinten zurück und amputierte die Glans clitoridis 
mit einem Messerzuge so nah als es möglich war an der 
Symphysis ossium pubis. Er legte einen Heftpflaster- 
verband an und brachte die Operierte zu Bett. Das 
postoperative Fieber wurde durch strikte Diät bekämpft. 
Am dritten Tage nach der Operation erfolgte eine starke 
Blutung aus den durchschnittenen Corpora cavernosa 
clitoridis, welche Coste nicht fürchtete, weil diese Blutung 
eine vorteilhafte Depletion setzte!!!! Druckverband. 
Am 7. Tage nach Amputation der Clitoris war deren 
Wunde vernarbt. Nach zwei Monaten war die chirur- 



— 369 — 

gische Pflege der neugeschaffenen resp. eröffneten Vagina 
mittels Tamponade und Lapisgebrauch vollendet. Die 
Ränder der Harnröhrenwunde sollen spontan mit einander 
verwachsen sein, sodaß schließlich der Harnweg ganz 
separiert erschien von dem Genitalwege der Vagina. Die 
Periode erschien zur erwarteten Zeit und wurde per 
vaginam entleert. 8 Monate nach der Hochzeit hieß es : 
Matrimonium est consummatum. Die junge Frau sagte 
ihrem Operateur, der Beischlaf finde statt ohne Schwierig- 
keiten und sie sei zufrieden und habe auch Annehmlich- 
keit dabei, aber schwanger sei sie noch nicht seit dem 
letzten Besuche des Arztes. Es scheint, daß es sich in 
diesem Falle um einen weiblichen Scheinzwitter handelt 
mit inguinolabialer Ektopie eines Ovarium, welches Coste 
fälschlich für einen Hoden angesehen hatte, um eine 
Verwachsung der Schamlefzen unter einander und Mün- 
dung der Vagina in die Urethra oder in den Sinus 
urogenitalis. Interessant ist für den modernen Chirurgen 
die Art und Weise, wie damals solche Wunden behandelt 
wurden, wie z. B. die nach Amputation der Clitoris und 
ihrer Schwellkörper entstandenen. 

12) Duval [siehe: Debierre 1. c. pg. 46]: De- 
moiselle d'Anjou — „Nach Angaben von Duval ver- 
langte der Gatte die Scheidung" : „La cause du di- 
vorce pr^tendu £tait que cette demoiselle avait un membre 
viril, long de deux travers de doigts en la partie sup£- 
rieure de Povale muli&bre, lieu auquel devoit 6tre le 
clitoris, qui se dressait alors que son mari voulait avoir 
sa compagnie, et le blessait, de sorte qu'il n'avait encore 
eu d^cente habitation et copulation avec eile." Das 
Gericht entschied, daß die Ehe aufrecht erhalten werden 
wird, insofern die Gattin sich einverstanden erklärt zur 
Abschneidung „de la dicte partie superflue et inutile k 
une femme." Da jedoch die junge Frau auf eine Ope- 
ration nicht eingehen und nicht das verlieren wollte, was 

Jahrbuch V. 24 



— 370 — 

die Natur selbst ihr verliehen, „le mariage füt de con- 
sentement des deux parties d£clar£ solu et cass£* — 
Diesen Fall habe ich früher schon erwähnt in meiner 
Kasuistik der Mißehen „par erreur de sexe u , deren ich 
bis jetzt 63 gesammelt habe. 

13) Hartmann [Bulletins et M^moires de la Soci£t£ 
de Chirurgie de Paris. Tome XXVIII. 1902. Nr. 31. pg. 
931 und No. 34]. Im Jahre 1892 schnitt Hart mann bei 
einem 7 jährigen Mädchen, welches hartnäckig masturbierte, 
auf Wunsch der Mutter hin die hypertrophische Clitoris 
ab. Nach 10 Jahren sah Hartmann das Mädchen 
wieder. Angesichts einer Diskussion über das von 
Walther in der Pariser Soci£t6 de Chirurgie vorgestellte 
Individuum erinnerte er sich an dieses Kind und be- 
richtete einige Details: das 7jährige Kind verriet vor- 
zeitige geschlechtliche Entwicklung: der fette Mons 
Veneris und die Schamlefzen waren schon behaart. 
Während normal bei einem 7 jährigen Mädchen die Clitoris 
nicht länger am Dorsum ist als 47 (?) Millimeter lang, so 
hatte in seinem Falle die Clitoris die Größe des kleinen 
Fingers, sub erectione erschien sie noch größer. Das 
Organ sah aus wie ein hypospadischer Penis, die Crura 
clitoridis gingen über in die kleinen Schamlippen. An 
der unteren Fläche der scheinbar gespaltenen männ- 
lichen Penisharnröhre sah man eine weißliche glänzende 
Membran und darin hintereinander liegend mehrere 
Öffnungen: Lacunae Morgagni i. Hymen falciformis 
läßt den Finger in Yaginam eindringen bis an den 
Mutterhals. Die Schamlefzen vereinigen sich nicht mit 
einander oberhalb der Clitoris, sondern haben dort einen 
Abstand von einander von anderthalb Zentimetern. Per 
rectum tastete man das Corpus uteri, aber der Uterus 
lag nicht antevertiert, wie es sein sollte, sondern in 
retroversione. Jederseits tastete man im Becken in der 
Region der Articulatio sacroiliaca einen bohnengroßen. 



— 371 — 

druckempfindlichen Körper — . Die Oberlippe wies eine 
männliche Behaarung auf. Die Clitoris glich an Größe 
dem Membrum eines 7jährigen Knaben, wurde bei 
Digitalberührung steifer und näherte sich dabei der 
Schamfuge. Da Hartmann überzeugt war von dem 
weiblichen Geschlechte des Kindes und um der Onanie 
ein Ende zu machen, entschloß er sich zu der Amputation 
des inkriminierten Gliedes. Jetzt nach 10 Jahren bot 
das Mädchen ein absolut männliches Aussehen. Das 
Gesicht war üppig behaart, Brustkorb und Becken 
männlich. Das Individuum erwirbt sich den Unterhalt 
als Näherin und soll bis jetzt keinerlei Geschlechtstrieb 
empfunden haben. Schambehaarung weiblich. Der Stumpf 
der einstens amputierten Clitoris strotzt fingerdick unter- 
halb der Schamfuge, ist von rosaroter Färbung. Die 
10 Centimeter lange Scheide läßt ein Speculum bis an 
den Mutterhals vordringen, eine dünne Sonde dringt in 
den Uterus vier und einen halben Centimeter tief ein. 
Kegel bis jetzt noch nicht aufgetreten, aber alle Monate 
2 — 3 Tage lang Leibschmerzen, mehr linkerseits als 
rechterseits ausgesprochen und bis auf die Fossae iliacae 
ausstrahlend. Hartmann hält das Individuum für ein 
Mädchen, ich möchte dieses Urteil doch nicht ohne 
Weiteres unterschreiben und halte das Geschlecht bisher 
für zweifelhaft und die ausgeführte Operation für un- 
berechtigt, solange nicht das weibliche Geschlecht sicher- 
gestellt war — erinnere dabei an einen bekannten Fall, 
wo ein berühmter französischer Chirurg von einem seiner 
männlichen Patienten ermordet wurde aus Eache dafür, 
daß er ihm während einer Varicocelenoperation einen 
Hoden abgeschnitten hatte! 

14) HectorleNu wurde zu der 6 jährigen Tochter 
des Wilhelm Fr£rot gerufen, um deren hypertrophische 
Clitoris zu amputieren, schlug aber die Operation ab, 
weil er in jeder Schamlefze je einen Hoden und Neben- 

24* 



372 — 



hoden getastet, somit eine erreur de sexe konstatiert 
hatte. Hypospadiasis peniscrotalis. 

15) Huguier: Es handelte sich um die 1839 in 
Saint-Quentin geborene Louise D. [siehe Le*on leFort: 
„Les vices de conformation de Putärus et du vagin* 
Paris 1862. pg. 200—207.] (s. Fig. 28 u. 29.) Es waren 
die kleinen Schamlippen mit einander verwachsen, indem 
sie so die untere Wand eines Kanales bildeten, welcher 



Art 




Fig. 28 u. 29. Vulva eines 20 jährigen weiblichen Seheinzwitters 
Louise D. mit Verwachsung der Schamlefzen. Abbildung vor 

und nach Discision durch Huguier. 
A = Clitoris, B = Sonde in die Vulvaöffnung eingeführt, C *= Linkes 
Ovarium in hernia labiali, D=Urethralmtindung, I=Vaginalostium. 

unterhalb der Clitoris nach außen mündete. Louise D. 
hatte sich sonst regelrecht entwickelt und hatte vom 
18. Jahre an ihre Perioden, die allerdings jedesmal sehr 
schmerzhaft waren. Das Menstrualblut entleerte sich 
stets mit Harn gemischt durch jene unterhalb der 
Clitoris belegene Öffnung. Im 20. Jahre sollte Louise 
heiraten. Der Hausarzt erklärte eine Heirat für unmög- 
lich. Am 14. IX. 1859 stellte Debout in der Pariser 



— 373 — 

Soci£t£ de Chirurgie ein Gipsmodell der Geschlechtsteile 
der Louise D. vor, welche für einen Hermaphroditen 
angesehen wurde. Clitoris 1 — 5 Centimeter lang mit 
starken Erektionen. In einer Schamlefze lag ein Ovarium, 
welches eventuell für einen Hoden angesprochen werden 
konnte. So oft eine Erektion der Clitoris eintrat, sah 
man „un mouvement ascensionel se produire dans les 
grandes lfcvres comme si elles £taient doubl£es d'un muscle 
Cr^master". — Oberhalb jenes ektopischen Ovarium 
tastete man einen nach dem Leistenkanale zu verlaufenden 
Strang! Die Sonde, in die Öffnung unterhalb der Clitoris 
eingeführt, drang nicht in die Harnblase ein, sondern 11 
Centimeter tief in die Vagina und konnte per rectum 
nicht getastet werden. Debout war daraufhin fest über- 
zeugt, daß Louise ein Mädchen sei, und brachte sie in 
das Hospital Beaujon zu Huguier, welcher die ver- 
langte Discision der mit einander verwachsenen kleinen 
Schamlippen vollzog bis auf den Abstand von zwei 
Centimetern von der Analöffnung. Sofort erblickte man 
das Orificium vaginae von einem Hymen garniert, sowie 
die Harnröhrenmündung. Uterus sehr klein. In der 
Folge fügte Huguier noch einen zweiten kleinen Ein- 
griff hinzu, da die Öffnung der Schamspalte sich als sehr 
eng erwies. 

16) Als Seitenstück zu diesem Falle füge ich hier den 
berühmten Pariser Fall betreffend Maria Magdalena 
Lefort hinzu samt einigen Abbildungen sehr instruktiver 
Art. Dieser Fall ist vielfach diskutiert und mehrfach 
von französischen Autoren beschrieben worden, weil er 
in der Tat lehrreich ist. Die beiden Abbildungen stellen 
die Person vor im Alter von 16 und von 65 Jahren. 
[Siehe Debierre: L'Hermaphrodisme. Paris 1881. pg. 
70—83] (s. Fg. 30, 31, 32, 33). Am 16. Februar 1815 
wurde die damals 16 Jahre alte Maria Magdalena 
in der Pariser Ärztlichen Gesellschaft vorgestellt. 



— 374 — 

Chaussier, Petit-Radel und Beclard sollten sie 
untersuchen. Das Mädchen war von mittlerem Wuchs, 
hatte viele paradoxe Erscheinungen an sich; einen auf- 
fallenden Kontrast bildete die üppige männliche Gesichts- 




Fig. 30. Maria Magdalena Lefort, weiblicher Scheinzwitter 
im Alter von 16 Jahren. 

behaarung mit gleichfalls üppig entwickelten weiblichen 
Brüsten. Üppige Schambehaarung. Die Clitoris, mög- 
licherweise ein hypospadischer Penis, war im flacciden 
Zustande 7 Centimeter lang, sub erectione länger. Prae- 



— 375 — 

putium mobil. In der Mittellinie sieht man an der unteren 
Fläche dieses Gliedes eine seichte Rinne und darin fünf 
hintereinander liegende feine Offnungen, Lacunae Mor- 
gagni i. Zwei kurze schmale Schamlefzen sind stark 




Fig. r 31. Maria Magdalena Lefort im Alter von 65 Jahren. 
Beobachtung von Bßclard. 

behaart an ihrer Außenseite und reichen von der Clitoris 
bis etwa 10 Linien vor dem After. Zwischen den Scham- 
lefzen liegt eine Haut, durch die hindurch man eine da- 
rüber liegende Höhle zu tasten meint. Die Schamlefzen 



— 376 — 



sind leer, enthalten also keinerlei Geschlechtsdrüsen. 
Unterhalb der Clitorisbasis liegt eine Öffnung, durch 
welche der Harn abfließt und in die man eine dünne 
Sonde einführen kann. In den Leistengegenden tastet 
man nichts von Geschlechtsdrüsen. Magdalena gibt an, 
der Harn fließe ab aus der besagten Öffnung unterhalb 




Fig. 32. Scheinatischer extramedianer Sagittaldurchschnitt durch 

das Becken von Maria Magdalena Lefort 

J = Sonde unterhalb der Clitoris in das Orificium vulvae 

eingeführt, M = Vagina, = Ovarium, T = Tube, U = Uterus, 

1 = lig. rotundum, V = Blase, U = Ureter, d = Orificium urethrae 

R = Rectum, g = große Schamlippen. 

der Clitoris sowie aus den vorher als Lacunae Mor- 
gagnii erwähnten feinen Öffnungen, was wohl auf einem 
Irrtum beruhen mag. Das Mädchen gibt an, schon vom 
8. Jahre an menstruiert zu sein — Menstruatio praecox. 
Sie ist absolut außer Stande, vor Zeugen zu urinieren. 



— 377 — 

Ein durch jene Öffnung eingeführter Katheter entleert 
keinen Harn, gerät nicht in die Blase, sondern nimmt 
eine Eichtung nach hinten zu. Am nächsten Tage trat 
die Menstruation ein, wovon die Ärzte sich persönlich 
überzeugten. Der Katheter, jetzt eingeführt, wurde blut- 
gefüllt extrahiert aus einer Höhle, welche offenbar nicht 
die Harnblase war und vor dem Rectum lag. Zwischen 
dem Katheter und der Haut, welche die Schamlefzen 
miteinander verband, tastete man eine Scheidewand, 
welche etwa zweimal so dick erschien als die Haut selbst. 
In der Tiefe von 8 — 10 Centimetern stieß der Katheter 




Fig. 33. Vulva der Maria Magdalena Lefort. 



in dieser Höhle auf einen Widerstand. B^clard gelang 
es sogar, per rectum ein Gebilde wie eine Portio vaginalis 
uteri zu tasten. B^clard allein erklärte das Kind für 
ein Mädchen und proponierte die Durchschneidung der 
Labialverwachsung, welche von der Clitoris an bis zur 
Commissura labiorum posterior reichte. Auf diese Operation 
ging jedoch das Mädchen unvernünftigerweise nicht ein. 
Die Harnröhre erschien länger als sonst bei Frauen, 
sie reichte bis „au de la Symphyse pubienne se pro- 
longeant sous le clitoris — disposition qui le rapproche 



— 378 — 

du p£nis et est fort rare" — Maria Magdalena hatte 
die Regel vom 8. bis zum 49. Jahre, empfand stets rein 
weiblichen Geschlechtsdrang auf Männer gerichtet und 
soll auch einen Beischlafsversuch gemacht haben, der 
aber natürlich nur ein Beischlafsversuch blieb. Trotz der 
so eingehenden und genauen Untersuchung durch B 4 c 1 a r d 
und der richtigen Deutung des Untersuchungsbefundes 
durch Be'clard blieb die Mehrzahl der Parsier Chirurgen 
der Ansicht, daß hier Hypospadiasis mascula mit Kiypt- 
orchismus vorliege. Man stritt sich so lange hin und her, 
bis Maria Magdalena Lefort am 20. XIII. 1864 
infolge einer Pleuritis im Hospital in Paris starb. B^clard 
machte die Sektion, welche 40 Jahre nach seiner ersten 
Untersuchung glänzend seine früher geäußerte Meinung 
bestätigte. Die Person hätte, wenn die von B^clard 
geforderte Operation vollzogen worden wäre, selbst conci- 
pieren können, wie die Sektion zeigte. Die Sektion erwies, 
daß die vorgenannten 5 Offnungen in der Rinne an der 
unteren Fläche der Clitoris nicht mit der Harnröhre 
kommunizierten, sondern einfach den Lacunae Mor- 
gagni i entsprachen. Die Öffnung unterhalb der Clitoris 
führte zunächst in ein durch Verwachsung der Scham- 
lefzen miteinander in eine Höhle umgewandeltes Vesti- 
bulum vaginae von 6 Zentimeter Höhe und 2 Zentimeter 
Umfang. Man fand, wieB6clard vermutet hatte, einen 
Uterus, normal gebaut, und eine normale Vagina von 
6 Centimeter Länge und 74 Millimeter Umfang. Columnae 
rugarum vorhanden. In Utero fand man drei kleine 
Fibrome. Uterus von normaler Größe. Der rundliche 
Muttermund ließ eine Sonde nur 51 Millimeter tief 
ein. Tuben je 7 Centimeter lang, Ovarien normal mit 
rupturierten und vernarbten Graafschen Follikeln. 
Legros untersuchte mikroskopisch die Ovarien, fand aber 
keine Ovula mehr, was ja nicht zu verwundern steht, da 
M ar i a Magdalena im Alter von 65 Jahren gestorben war. 



— 379 — 

17) Beiläufig füge ich hier ein Bemerkung ein be- 
treffend die ihrer Zeit berühmte Katharina Ho hm an 
aus (Mellrichstadt, den späteren Karl Hohmann. 
KatharinaHohmann war als Mädchen getauft worden, 
obgleich das Aussehen der Genitalien nichts Mädchen- 




Fig. 34. Katharina Hohmann, männlicher Scheinzwitter. 

haftes bot. Die Hebamme schämte sich in der Folge 
ihrer Bestimmung so, daß sie von Mellrichsstadt fortzog. 
Katharina erreichte im 15. Jahre die Geschlechtsreife und 
es stellten sich Pollutionen ein. Damals begann sie mit 
Frauen ; zu kohabitieren, aber die Ejakulation erfolgte da- 
bei stets sehr schnell und die Immissio penis wurde wegen 



— 380 — 

seiner Abwärtskrümmung niemals eine vollständige. Bis 
zum 20 Jahre verriet sich bei ihr nur das männliche 
Geschlecht, später aber traten die angeblich menstruellen 
Blutungen ein und zwischen dem 20. und 30. Jahre sah 
sie Colostrum in den Brüsten. Damals begann Katharina 
weiblichen Geschlechtsdrang zu empfinden und kohabitierte 
jetzt mit Männern. Während des Beischlafes mit Männern 
erfolgte keine Erektion, Katharina hatte aber dabei 
Samenergüsse, auch hatte sie mehr Geschlechtsgenuß, wenn 




Fig. 35. Äußere Genitalien der Katharina Hohmann. 



sie mit Frauen kohabitierte. Der männliche Geschlechts- 
drang war bei ihr stets am stärksten in den ersten 2 — 3 
Tagen nach der angeblichen Periode. Diese Periode soll 
vom 20. — 30. Jahre regelmäßig, dann seltener geworden 
sein, aber bis zum 42. Jahre gedauert haben. 

Diese Person, welche von Virchow, Rokitansky, 
Schultze, Friedreich und vielen anderen hervorragen- 
den Ärzten untersucht und vielfach beschrieben wurde, 
hatte durch die Zweifelhaftigkeit ihres Geschlechts lebhafte 



— 381 — 

Kontroversen hervorgerufen, indem sie bald für einen 
Mann, bald für ein Weib, bald für einen echten Zwitter 
erklärt worden war. Tatsache ist, daß Virchow nor- 
males Sperma bei ihr konstatierte, es kann also keinem 
Zweifel unterliegen, daß Katharina Hohman ein 
männlicher Scheinzwitter war, — damit stimmt auch die 
Angabe, daß Katharina, welche mehr als 40 Jahre als 
Frau gelebt hatte, später als Mann in New- York heiratete 
und einen Sohn erzeugte. Eigentümlich und bisher nicht 
aufgeklärt erscheint nur der Umstand, daß Katharina 
bis zum 38. Jahre die Periode gehabt haben soll. Unter- 
halb des hypospadischen Penis lag die Scheidenöffimng. 
Als Katharina, 40 Jahre alt, untersucht wurde, konnte 
man per vaginam die Portio vaginalis uteri tasten. In 
der scheinbaren rechten Schamlefze tastete man den 
rechten Hoden, der linke lag unterhalb der äußeren 
Öffnung des linken Leistenkanales. Die Schamlefzen 
waren im unteren Teile in großer Ausdehnung mit ein- 
ander verwachsen, also das Scrotum nur im oberen Teile 
gespalten. Billroth proponierte Klara Hohman die 
Durchschneidung dieser Verwachsung: sie ging jedoch 
auf die Operation nicht ein. — Dieser Vorschlag Bi 11- 
roth's ist es, weshalb ich diese Beobachtung hier er- 
wähne. Katharina hat sowohl mit Männern als auch 
mit Frauen kohabitiert, was ja auch verständlich ist, 
insofern die physische Möglichkeit dazu vorlag. Katha- 
rina resp. Karl Hohmann starb 1881 in New- York 
zur Zeit als Mann verheiratet. Sie war ein männlicher 
Scheinzwitter mit stark entwickelten Brüsten, Hypospadie 
des ganzen Penis und teilweiser Hypospadie des Scrotum 
und angeblicher Menstruation. — Siehe Abbildungen: 
Fig. 34 u. 35. — 

R. Virchow [„Vorstellung eines Hermaphroditen" 
Berliner klinische Wochenschrift 1872, No. 49, pg. 585] 
stellte die Katharina Hohmann in der Berliner ärzt- 



— 382 — 

liehen Gesellschaft vor, nachdem sie bereits 1867 in 
Berlin untersucht worden war. Der Erste, welcher 
Katharina für einen Zwitter erklärt hatte, war Dr. 
Reder in Mellrichstadt, dem Geburtsorte Katharina's: 
sie hatte ihn wegen eines Leistenbruches konsultiert. 
Friedreich beobachtete Katharina lange Zeit hindurch 
in seiner Heidelberger Klinik, dann Bernhardt 
Schultze in Jena, dann v. Koelliker und v. Reck- 
linghausen in Würzburg, Krause in Budapest, Hoff- 
mann in Basel und Andere. Friedreich konstatierte 
zuerst normales Sperma der Katharina, konnte aber 
weder eine Prostata noch Samen blasen als reeeptaculum 
seminis tasten, v. Franqu6, v. Scanzoni, v. Reck- 
linghausen garantieren dafür, daß die von Katha- 
rina angegebene regelmäßige Blutausleerung aus den 
Genitalien, die angebliche Menstruation, auf voller Wahr- 
heit beruhe. Die Blutungen dauerten je zwei Tage, das 
ausgeschiedene Blut war mit Schleim gemischt. Alle 
diese Autoren behaupten, das TJlut sei aus der Harn- 
röhrenöffnung ausgeschieden. Friedreich untersuchte 
das Blut mikroskopisch und schlug jede Vermutung 
nieder, daß das Blut kein menschliches sondern tierisches 
sei. Virchow sagt, die Blutungen seien zwar nicht 
absolut periodische, regelmäßige gewesen, sollen sich aber 
von Zeit zu Zeit wiederholt haben. Wenn eine menstruelle 
Blutung einer Eireifung entspricht, wo soll man also hier 
den Eierstock suchen? fragt Virchow. 

Rokitansky gab an, er halte das vor dem linken 
Leistenkanale liegende Gebilde nicht für eine Geschlechts- 
drüse, sondern für einen obliterierten Bruchsack. Vir- 
chow möchte diese Behauptung nicht ohne Weiteres 
aeeeptieren, er verzichtete darauf, eine bestimmte Ansicht 
über die Natur dieses linksseitigen Gebildes auszusprechen. 

Virchow schreibt bezüglich der von den Forschern 
bei Katharina gesuchten Ovarien wörtlich folgendes: 



— 383 — 

„Man ist daher, weil das Ovarium bisher nirgends in den 
äußeren Genitalien getastet wurde, nach Innen gewiesen 
und hier stehen sich die Angaben der verschiedenen 
Untersucher stark entgegen. Zuerst hat Bernhard 
Schultze die positive Angabe gemacht, daß er innerlich 
auf der linken Seite und zwar ziemlich weit nach außen 
einen mehrere Zentimeter großen gegen Druck stark 
empfindlichen Körper gefunden habe, der durch einen 
Verbindungsstrang mit einem noch zu erwähnenden 
Uterus im Zusammenhange stehe. Er spricht diesen 
Körper als Ovarium an, welches demnach relativ an der 
richtigen Stelle liegen würde. Friedreich erklärte 
jedoch ebenso positiv, daß es ihm unmöglich sei, irgend 
etwas von diesem Körper zu finden. Die Höh mann 
sagte mir nach langjähriger Erfahrung, daß ein längerer 
Finger dazu gehöre, als der meinige ist. In Breslau sei 
nur ein einziger Professor gewesen, der soweit habe 
hinaufreichen können. Ich muß also in diesem Punkte 
mein Urteil salvieren. Jedenfalls habe ich diesen Körper 
nicht gefühlt. [Nach dem Buche, welches die Höh mann 
mit sich führt, haben die Erlanger Professoren Ziemsse n, 
Zenker, Roßhirt, C. E. E. Hoffmann, Hegar, 
Breisky und Spiegelberg diesen Körper gefühlt, in- 
dessen differierten ihre Angaben erheblich in bezug auf 
seine Größe.] Anders verhält es sich in Beziehung auf 
den mittleren Teil des Geschlechtsapparates. In dieser 
Beziehung darf ich wohl hervorheben, daß alle Herma- 
phroditen hierin die größte Übereinstimmung bieten. 
Alle Zwitter, auch die unvollständigen, kommen darin 
überein, daß der mittlere Teil des Geschlechtsapparates 
für einen Mann zu stark, für eine Frau zu schwach 
entwickelt ist. Auch bei männlichen Hermaphroditen 
findet sieh statt der Vesicula prostatica, die, wie man 
gewöhnlich sagt, Repräsentantin des Uterus ist, während 
man eigentlich sagen sollte, der Vagina, ein wirk- 



— 384 — 

licher Uterus. Wenn mau in die Urethra eingeht, so 
kann man, wie es auch bei der Hohmann der Fall 
ist, den Katheter ohne Schwierigkeit bis in die Blase 
bringen: die Urethra ist länger als beim gewöhnlichen 
Frauenzimmer. Geht man mit dem Katheter aber an 
der hinteren Fläche fort, so stößt man in gewisser Ent- 
fernung auf einen klappenartigen Widerstand, und wenn 
man hier sehr vorsichtig, etwa mit einer Sonde eindringt, 
so gelangt man in einen Kanal, die Vagina. Dieselbe 
ist durch ein langes Stück Urethra [Canalis urogenitalis], 
welches in diesem Falle also gleichzuachten ist einem 
verlängerten Vestibulum vaginae, von der äußeren Ober- 
fläche getrennt Die Vagina ist allerdings klein und 
kurz, aber unverkennbar. Dagegen ist der Uterus höchst 
rudimentär. Das Verhältnis ist so, daß an der verhältnis- 
mäßig langen Vagina ein ganz kurzes Endstück sitzt und 
von diesem aus ein Strang nach links hinabgeht, an dessen 
Ende man, nach Schultzeu. A. auf ein wirkliches Ovarium 
stößt. Wenn man durch das Rectum eingeht, so kann 
man den nach links gehenden Strang deutlich fühlen. 
Ob am Ende dieses Stranges ein besonderer Körper liegt, 
kann ich nicht angeben, nur kann ich bestätigen, daß die 
Person an dieser Stelle sehr empfindlich ist. Das ist 
Dasjenige, was ich über den Befund an den Genitalien 
mitteilen kann: ein sehr kurzer, stark nach rückwärts 
gebogener, unter den Hautdecken größtenteils verborgener 
hypospadischer Penis, über dessen Oberfläche zwei 
nymphenartige Krausen sich hinziehen, ein entwickeltes 
rechtes Scrotum mit einem Hoden, ein stark verkümmertes 
linkes ohne einen solchen, eine für ein Weib unverhältnis- 
mäßig lange Urethra, welcher nach rückwärts ein feiner, 
enger Vaginalkanal ansitzt, der in ein kleines, ver- 
kümmertes Ende [Uterus] ausläuft, von welchem noch 
ein kleiner, vielleicht dem Ligamentum ovarii oder der 
Tuba entsprechender Teil entspringt, auf der linken 



— 385 — 

Seite eine Tuba, endlich keine Samenbläschen und keine 
Prostata, sondern nur ein Vas deferens, von welchem 
man allerdings vermuten kann, daß es in den eigentlich 
urethralen Teil münden wird. Die. Mammae der 48- 
jährigen Katharina sind sehr stark entwickelt, obwohl 
sie schon im Rückgänge begriffen sind seit Aufhören der 
Menstruation. Katharina behauptet, daß zuweilen auf 
Druck sich aus den Mammae weißliche Flüssigkeit ent- 
leerte. Haarwuchs im Allgemeinen mehr dem weiblichen 
Typus entsprechend. Kopfhaare mäßig lang, glatt, 
schwarz. Katharina behauptete, die Haare seien 
früher länger gewesen, sie seien sehr ausgegangen und 
haben nicht mehr die frühere Länge angenommen, nach- 
dem ein Lehrer der Anatomie ihren Testikel so sehr 
gedrückt hätte, daß sie nicht blos vor Schmerz umge- 
fallen, sondern auch eine Zeit lang darnach infolge einer 
Entzündung krank gelegen habe. Virchow bestätigt, 
daß das Haupthaar früher länger gewesen ist. Umge- 
kehrt ist der Bartwuchs nicht so sehr entwickelt, es 
existiert kein Bart in der Art eines männlichen, sondern 
nur hier und da einige längere Haare, welche sich die 
Katharina herunterschneidet." 

Virchow hat Katharina Ho hm an n als Mann 
und als Weib gekleidet gesehen und behauptet entgegen 
früheren Beobachtern, der Gesammteindruck, den er 
empfangen, sei eher weiblich als männlich, die weibliche 
Erscheinung sei viel mehr harmonisch. Auch die Form 
des Rumpfes und der Extremitäten sei mehr weiblich, 
nur das Becken sei männlich. Katharina hat den 
Beischlaf mit Mann und Frau versucht und gibt an, in 
ihrer Jugend habe sie mehr die Neigung empfunden, sich 
als Weib zu gerieren, in späteren Jahren aber die um- 
gekehrte, als Mann. In ihrer Heimat trat sie in den 
letzten Jahren nur als Frau gekleidet auf; die männliche 
Kleidung, die sie auf ihren Schaustellungsreisen trägt, 

Jahrbuch V. 25 



— 386 — 

legt sie auf der letzten Station vor ihrer Vaterstadt ab. 
Sie war auf den Namen Katharina getauft und galt 
bei sich zu Hause rechtlich und gesellschaftlich als Frau, 
als Kind dürfte sie also wohl einen weiblichen Eindruck 
gemacht haben. Schwerlich würde sie die Schulzeit als 
Mädchen durchgemacht haben, schreibt Virchow, wenn 
man sie für einen verkleideten Jungen angesehen hätte. 
Von besonderer Bedeutung ist, daß die linke Seite, auf 
welcher sich an den Genitalien die wesentliche Anomalie 
concentriertj auch am übrigen Körper weniger entwickelt 
ist. Es gilt dies nicht bloß von den Extremitäten, an 
denen ein solches Zurückbleiben weniger auffällig wäre, 
sondern auch vom Rumpfe und Gesicht. An letzterem 
ist die mangelhafte Entwickelung schon von weitem recht 
auffällig. Daraus scheint hervorzugehen, daß es sich 
nicht bloß um eine lokale Bildungshemmung handelt, daß 
vielmehr der Hermaphroditismus nur eine Teilerscheinung 
einer allgemeiuen Störung ist." — Soweit Virchow. 

Ich habe absichtlich an dieser Stelle dieses ausführ- 
liche Citat nach Virchow eingefügt, weil in demselben 
Gedanken angeregt sind, denen sonst in der Betrachtung 
von Scheinzwittern und in der Beschreibung nur selten 
einmal Rechnung getragen wurde so z. B. in der Be- 
merkung bezüglich eines Falles, die rechte Gesichtshälfte 
habe einen männlichen Ausdruck gehabt, die linke einen 
weiblichen, die obere Körperhälfte habe einen männlichen 
Eindruck gemacht, die untere einen weiblichen etc. An 
anderer Stelle werde ich auf diese Punkte näher ein- 
gehen. 

18) K ei ff er [Un cas de virilisine „Socidte* Beige 
de Gyn^cologie et d'Obst&rique 1896 No. 10 pg. 214.] 
(Referat; Centralblatt für Gynäkologie 1897 No. 17 pg. 479) 
stellte ein Individuum vor, eine Frau, bei der er infolge 
von intermittierender Amenorrhoe und Dysmenorrhoe den 
Uteruskanal erweitert und eine Auskratzung vorgenommen 



— 387 — 

hatte. Trotz rudimentärer Entwicklung der Genitalien 
war die Periode schon im 10. Lebensjahre eingetreten, 
wiederholte sich aber nur in Abständen von je 7 — 8 
Monaten. Die äußeren Genitalien sehen kindlich aus, die 
inneren Genitalien machen einen weiblichen Eindruck, 
die äußeren dagegen einen männlichen bei Hypospadiasis, 
also die Scham sieht männlich aus. Die 25jährige 
Josephine X. mit langem Haupthaar trägt weib- 
liche Kleidung, rasiert sich oft ihren Schnurrbart und 
Backenbart. Wegen mangelnden Unterhautfettpolsters 
kontourieren sich die Muskeln sichtbar. Unterleib und 
untere Extremitäten sehr reich behaart. Mammae rudimen- 
tär entwickelt, Mamillae behaart, Skelett und Becken 
ganz männlich. Josephine macht sowohl in sitzender 
Position sowie auch in stehender ganz den Eindruck 
eines Mannes. Die sehr gering angelegten kleinen 
Schamlippen liegen zur Seite einer sehr engen Scham- 
spalte; oberhalb der Schamspalte eine erectile Clitoris- 
Pseudopenis — so groß wie bei einem 10jährigen Knaben. 
Harnröhrenöffnung weiblich, aber an der unteren Fläche 
der hypertrophischen Clitoriseine deutlich sichtbare Rinne. 
Scheide eng und tief, Uterus sehr klein, 6 cm lang, mit 
engem Kanal. Auch sub narcosi gelang es nicht, Ge- 
schlechtsdrüsen irgendwo zu tasten. Aus der Beschrei- 
bung ist es nicht ersichtlich, ob Keiffer seine Opera- 
tion bei einem männlichen oder bei einem weiblichen 
Scheinzwitter gemacht hat. Das Einzige, was für weib- 
liches Geschlecht zu sprechen scheint, ist die Angabe 
der stattgehabten menstrualen Blutungen, wenn es sich 
tatsächlich um solche gehandelt hat. 

19) P£an [siehe im Vorhergehenden, Gruppe IL 
No. 2) versuchte auf plastischem Wege durch einen Ein- 
schnitt zwischen Orificium urethrae und Orificium ani 
eine Scheide zu schaffen bei einem ursprünglich als Mäd- 
chen erzogenen, später irrtümlich als Knaben bestimmten 

25* 



— 388 — 

Individuum, bei dem er schliesslich auf dem Wege des 
Bauchschnittes weibliches Geschlecht konstatierte. 

20) Roux [Annales de Gyn^cologie et d'Obst^trique 
1891 Vol. XXXV pg. 324] beschreibt eine 36jährige 
verheiratete Frau mit Atresia vaginae und labialer Ektopie 
beider Ovarien. Niemals Periode. Nach Vollziehung 
einer plastischen Operation wurde diese Frau beischlafs- 
fähig. Leider stand mir die Originalbeschreibung nicht 
zu Gebote, sodaß ich nicht sagen kann, ob man nur ver- 
mutete, daß die in den Schamlefzen liegenden Gebilde 
Ovarien waren oder ob ein Beweis dafür geliefert wurde. 

21) Sonnenburg [siehe Jacoby. „Zwei Fälle von 
Hermaphroditenbildung" D. I. Berlin 1885] operierte in 
einem Falle von weiblichem Scheinzwittertum im Berliner 
Israelitischen Krankenhause. Er durchschnitt eine Ver- 
wachsung der großen Labia pudendi bei einem Mädchen 
mit Clitorishypertrophie behaftet. Das Original von 
Jacoby war mir nicht zugänglich, auch konnte Herr 
Professor Sonnenburg mir nicht mehr mit einem 
Exemplare der Dissertation aushelfen. 

22) Tauber [Warschau] amputierte den hypospadi- 
schen Penis in einem schon im vorigen Jahrgange dieses 
Jahrbuches von mir ausführlich beschriebenen Falle von 
Erreur de sexe [Gruppe IV., Fall 7] Bei dem 21jähri- 
gen verlobten Mädchen wurde nach Abtragung der 
Hoden aus den Schamlefzen durch Dr. Kociatkiewicz 
zweifellos männliches Scheinzwittertum konstatiert, gleich- 
wohl amputierte Professor Tauber zwei Jahre später 
das hypospadische Membrum virile. Die Person wurde 
nach dieser zweiten Operation noch korpulenter als nach 
der Kastration und sehr melancholisch, soviel ich gehört 
habe. Eine Berechtigung zu dieser Operation sehe ich 
in diesem Falle nicht ein. 

23) Vincent [„Sexe incertain" LyonM^dical 1897] 
wurde zu einem sechswöchentlichen unehelich geborenen 



— 389 — 

Kinde geholt. Defectus ani et urethrae. In der Gegend 
der Scham zwei „bourgeons cutan^s": es blieb 
fraglich, ob dies rudimentäre Schamlefzen waren oder 
Hälften eines Scrotum fissum? Zwischen diesen „bour- 
geons" lag eine dellenf orange Vertiefung, von einer 
glatten Membran ausgekleidet. Vincent durchschnitt 
diese Membran, eine Sonde drang jetzt 5 Centimeter 
tief in einen Kanal ein, aus dem der Harn floss: es sollte 
dies die Vagina sein, eine Urethra fehlte. Er machte 
künstlich eine zweite Öffnung, legte einen Anus coccygeus 
an. Das Kind lebt, wurde also durch diesen Eingriff 
gerettet, das Geschlecht blieb fraglich. 

Anhang : 
Sechste Gruppe: 

Auf die Beseitigung der penlscrotalen Hypospadie 
gerichtete Operationen. 

Anhangsweise füge ich hier die Kasuistik der Fälle 
hinzu, wo bei männlichen Scheinzwittern resp. bei Hypo- 
spadiasis peniscrotalis ausgedehntere plastische Operationen 
zur Anwendung kamen, um dem Manne das Harnen 
nach Männerart zu ermöglichen, resp. einen Beischlaf und 
Schwängerung zu erleichtern. 

1) C. Beck [A case of Hermaphrodism (?) — 
Medical Record 25. Juli 1899] beabsichtigte in seinem 
im Vorhergehenden erwähnten Falle auf dem plastischen 
Wege nach Thiersch eine penile Urethra herzustellen, 
jedoch kam es dazu nicht, da das Individuum nach 
dem Bauchschnitte verstarb [siehe im Vorhergehenden, 
Gruppe IV, Fall 5.) Nachdem Hoden-Sarkome aus der 
Bauchhöhle herausgeschnitten worden waren, erkrankte 
die Person am 18. Tage nach dem Bauchschnitte an 
Lungenentzündung und starb drei Tage darauf. [Medical 



— 390 — 

Record 25. Juli 1896 pg. 2 und 3 des Separatabdruckes 
finden sich die Abbildungen der äusseren Genitalien. 
Carl Beck: „Die Operation der Hypospadie." Münch. 
Med. Woch. 1901, Nr. 45, pg. 777. 

2) Thomas Brand vollzog in Gegenwart von 
Hunter an einem bis zum 7. Jahre als Mädchen geltenden 
männlichen Scheinzwitter eine Operation wegen schmerz- 
haften Hamens. Der Penis war nach abwärts gekrümmt 
aber von der Urethra durchbohrt. Die äußeren Ge- 
schlechtsteile sollen wie bei einem Mädchen ausgesehen 
haben. (Scrotalhypospadie?) [„The case of a boy had 
been mistaken for a girl."] London 1787. 

3) Castellana vollzog eine ausgedehnte Plastik bei 
einem als Mädchen erzogenen Scheinzwitter mit so glän- 
zendem Resultate, dass die neugeschaffene Harnröhren- 
mündung kaum einige Centimeter rückwärts einer nor- 
malen männlichen Harnröhrenöffnung zu liegen kam und 
das Individuum den Harn abgeben konnte nach Männer- 
art „senza bagniarsi i Calzoni." (Uretroplastia e chiusura 
dell orificio vaginale in uno caso d'ipospadie perineale con 
Cryptorchismo e vagina rudimentale bifida," Riforma 
Medica. Aug. XV. N. 213—215 pg. 769). Siehe meinen 
Aufsatz im vorigen Jahrgange dieses Jahrbuchs, Fig. 5 
daselbst. 

4) Fe*lizet [Bulletins et M&noires de la Soctete' 
de Chirurgie. Paris 1902. Tome XXVIII. Nr. 32 pg. 
973]. Im Jahre 1899 wurde in das Pariser Hospital 
Tenon ein lOjähriges Mädchen gebracht, ein Zwitter 
mit sehr hypertrophischer Clitoris. Grosse Scham- 
lefzen gut entwickelt, die kleinen rudimentär. Die 
grossen Schamlefzen waren trotz des jugendlichen Alters 
schon behaart, eine Vagina fand man nicht. In jeder 
Schamlefze tastete man Hoden, Nebenhoden und Samen- 
strang. Keine Hernie vorhanden. Per rectum tastete 



— 391 — 

man eine 5 Millimeter dicke Membran, welche das kleine 
Becken in eine vordere und hintere Hälfte zu teilen schien. 
Kein Uterus getastet. Man konstatierte also eine 
Erreur de sexe und brachte zunächst das Mädchen 
aus der Frauenabteilung in einen Männersaal herüber. 
F^lizet frischte die Ränder der Schamlefzen, also der 
beiden Scrotalhälften, an und vernähte sie miteinander. 
Die Plastik an dem Penis hypospadiäus ergab momentan 
nicht den gewünschten Erfolg, weil das Kind sich nicht 
vernünftig genug betrug für eine aussichtsvolle Nach- 
behandlung. Jetzt nach drei Jahren kam der Knabe 
wieder in das Hospital, um die Hypospadie von Penis 
und Glans zu beseitigen. Der Knabe masturbierte be- 
reits und hatte Erektionen und Ejakulationen. F^lizet 
beabsichtigt jetzt die noch nötigen Eingriffe zur Voll- 
endung der Plastik vorzunehmen. 

5) Garrä [siehe Doerf ler: „Hypospadiaperinaealis" 
Rostocker Aerzteverein II. VI. 1898. Referat: 
Münchener Medicinische Wochenschrift 1898 Bd. XLV. 
pg. 356 — 361]. Ein löjähriges Mädchen wurde von den 
Eltern in das Hospital gebracht, weil dieselben dessen 
weibliches Geschlecht bezweifelten. Man konstatierte eine 
erreur de sexe. Hypospadiasis peniscrotalis, Hoden 
und Zubehör lagen in den Scrotalhälften; der hypo- 
spadische rudimentäre Penis lag zwischen den Scrotal- 
hälften verborgen nach unten gekrümmt. Eine Vaginal- 
öffnung fand man nicht; orificium urethrae drei Centimeter 
oberhalb der Analöffnung belegen. Garr£ vollzog eine 
Reihe plastischer Eingriffe mit dreifachem Ziel: erstens 
um das Glied gerade zu richten und zu verlängern, 
zweitens, um nach der Methode von Duplay eine Penis- 
harnröhre zu schaffen, drittens, um die so neu geschaffene 
Penisharnröhre zu vereinigen mit der scheinbar weiblichen 
Harnröhrenöffnung. Das Resultat war so vorzüglich, daß 
heute auch der Laie nicht mehr an dem männlichen 



— 392 — 

Geschlechte zweifeln dürfte. Das Kind verließ die Klinik 
in männlichen Kleidern. 

6) Krajewski begann eine Plastik bei peniscrotaler 
Hypospadie in einem von mir beschriebenen Falle von 
erreur de sexe, ein 18 jähriges Mädchen betreffend, 
jedoch wurde nur die quere Durchschneidung des den 
Penis hypospadiaeus nach unten biegenden Stranges ge- 
macht mit Längsvernähung der gesetzten Wunde, dann 
entzog sich diese Person der weiteren Behandlung. 

7) Malt he [Magazin for Laegevidenskab 4 -de 
raekke, 10- de Bind, pg. 58: Forhandlinger Med. 
Selskab Moede 20 -de Marts 1895]. Man konstatierte 
bei einem 28jährigen Mädchen eine erreur de sexe 
und fand Hypospadiasis peniscrotalis: die Hoden lagen 
in scroto fisso. Anna Marie diente als Milchmädchen 
in einer Milchwirtschaft. Man machte 8 Operationen 
nach der Reihe behufs Plastik — und — h'/ute öffnet 
sich die neugeschaffene Harnröhre in glande penis. Die 
Ejakulationen finden so statt, daß der Mann jetzt ohne 
Weiteres befruchtungsfähig erscheint. 

8) Marwedel: „ Erfahrungen über die Beck'sche 
Methode der Hypospadieoperation." Beiträge zur klinischen 
Chirurgie XXIX. — I pg. 25 — 1901. 

9) Thiersch vollzog eine Reihe plastischer Opera- 
tionen bei einem männlichen Scheinzwitter, der jedoch 
infolge einer Peritonitis zu Grunde ging — siehe im 
Vorhergehenden Gruppe III Fall 11. 

10) Tuffier Traitement de Phypospadiasis par la 
tunellisation du p6nis et Papplication des greffes Olli er 
— Thiersch (Annales des maladies des organes genito- 
urinaires. Paris Avril 1899.) 

11) Vi 11 e min [Soctete* de Pädiatrie. S^ance du 
14. Mars 1899. U Inde'pendance m^dicale 1899 No. 12 
pg. 94] stellte einen 15jährigen Knaben vor nach von 
ihm vollzogener Plastik bei Hypospadiasis peniscrotalis. 



— 393 — 

Der verkannte Junge war bisher als Mädchen erzogen 
worden und hatte man dem Mädchen ein Bruchband 
angelegt, in der Meinung, es liege ein Bruch vor, während 
dieser durch den Hoden vorgetäuscht worden war. 

12) Waitz: „PerinaealeHypospadie bei einem Knaben 
durch plastische Operation behoben." Münchener Medicin. 
Wochenschrift 1899 pg. 300. 



Es liegt auf der Hand, daß eine Analyse der vor- 
liegenden Kasuistik nach sämtlichen Richtungen hin eine 
Arbeit liefern würde, welche den Rahmen eines Beitrages 
für dieses Jahrbuch weit überschreiten würde, würde doch 
z. B. die Betrachtung jeder einzelnen zu berücksichtigenden 
Frage ein umfangreiches Kapitel bilden, z. B. die Zusammen- 
stellung des Verhältnisses der secundären Geschlechts- 
charaktere zum anatomischen Charakter der Geschlechts- 
drüsen, die kritische Sichtung des überaus reichen Materials 
von katamenial wiederkehrenden Molimina bei männlichen 
Scheinzwittern, welche den Molimina menstrualia gleich- 
kommen, das Verhältnis des Geschlechtstriebes zu den 
Geschlechtsdrüsen, die mangelnde oder excessive Energie 
des Geschlechtstriebes etc., die kritische Beleuchtung der 
als menstruell bezeichneten periodischen Genitalblutungen 
bei männlichen Scheinzwittern und viele andere Fragen. 
Ich werde, soweit meine Zeit es gestattet, jede dieser 
Fragen gesondert erörtern und muß mich heute gemäß 
dem Plane dieses Aufsatzes auf die Erörterungen der für 
den Chirurgen in Frage kommenden Tatsachen beschränken. 
Die Kasuistik liefert uns ein überreiches Material. 

Da in der dritten Gruppe drei Fälle von Konstatierung 
der Gegenwart eines Uterus mit aufgezählt wurden, 
welche schon in der ersten Gruppe aufgezählt waren 
[Fälle von Pozzi, Sänger und Stonham], so reduziert 



— 394 — 

sich die Zahl der in Frage kommenden Individuen auf 54. 
Auf 54 Individuen kommen nicht weniger als 42 Fälle 
von Erreur de sexe vor, ein für die Diagnose des 
Geschlechtes schwerwiegendes Moment, umsomehr als in 
den meisten Fällen das angebliche Geschlecht der einer 
Operation unterworfenen Person gar nicht angezweifelt 
worden war — in den weitaus meisten Fällen war das 
Resultat der Operation quoad sexum ein für den Operateur 
überraschendes, unerwartetes! Nur Buchanan 
(Gruppe I, Fall 5), Green (Gruppe I, Fall 8), Doederlein 
(Gruppe I, Fall 17), Porro (Gruppe I, Fall 24), Sänger 
(Gruppe I, Fall 27), Swiencicki (Gruppe I, Fall 33), 
Tillaux (Gruppe I, Fall 34) vermuteten vor der 
Operation eine Erreur de sexe, also nur 6 mal auf 
die 38 Operationen der ersten Gruppe wurde eine 
Erreur de sexe vermutet. Bei 35 Mädchen, 2 ver- 
heirateten Frauen und 1 Witwe wurden Hoden entdeckt. 
In der zweiten Gruppe wurde zweimal weibliches Geschlecht 
eines Knaben resp. eines erwachsenen Mannes konstatiert 
(Fälle von P6an und Walt her). In der dritten Gruppe 
wurde 13 mal tubulärer Hermaphroditismus, also mehr 
weniger hochgradige Entwicklung der Müller' sehen 
Gänge bei Männern resp. bei 3 als Mädchen erzogenen 
männlichen Scheinzwittern entdeckt. 

Die Veranlassung zu dem Leistenschnitt ergaben 
meist Bruchbeschwerden, und in den Fällen von Pean, 
Porro, Tillaux und Thiersch wurde der Leisten- 
schnitt resp. Labial- resp. Scrotalschnitt ausschließlich zu 
diagnostischen Zwecken vorgenommen. Bei dea 38 als 
Mädchen erzogenen Scheinzwittern lag in den wenigsten 
Fällen ein Bruch mit Darm-, Netz- oder Harnblasen- 
anteil als Inhalt vor, meist handelte es sich um einseitigen 
oder beiderseitigen Descensus testiculi retardatus. 



395 — 



Erste Gruppe. 

38 Operationen an männlichen Scheinzwittern, als 

Mädchen erzogen. In welchem Alter wurde die 

Erreur de sexe konstatiert? 

Fall 1: Nach rechtsseitiger Herniotomie bei der 6 jähr. 
Klara Hacker. Der Bruch war vor 8 Tagen plötzlich 
aufgetreten. Im 13. Jahre war ein linksseitiger Bruch 
operiert worden: Hoden, Nebenhoden und Samenblase 
entfernt. 

Fall 2: Einseitige Herniotomie im 24. Jahre bei ander- 
sartigem Kryptorchismus. 

Fall 3 : Beiderseitige Herniotomie bei einem 14jähr. Mädchen. 

Fall 4 : Beiderseitige Herniotomie bei einem 14jähr. Mädchen. 

Fall 5 : Beiderseitige Herniotomie bei einem 9jähr. Mädchen. 

Fall 6 : Beiderseitige Herniotomie bei einem 24jähr. Mädchen. 

Fall 7 : Beiderseitige Herniotomie bei einer 42jähr. Witwe. 
Der Descensus testiculorum war erst vor einigen 
Tagen, also im 42. Lebensjahre, nach Aufheben einer 
Last plötzlich entstanden. 

Fall 8: Beiderseitige Herniotomie bei einem 24 jähr. 
Mädchen. Erreur de sexe vor der Operation erkannt. 
Castration auf ausdrückliches Verlangen des Mädchens 
hin. 

Fall 9: Beiderseitige Herniotomie bei einem 23jähr. 
Mädchen. 

Fall 10: Beiderseitige Herniotomie bei einem 3jähr. 
Mädchen. Castration, angeblich um späteren sozialen 
Unannehmlichkeiten vorzubeugen. 

Fall 1 1 : Beiderseitige Herniotomie bei einem erwachsenen 
Mädchen: erst einerseits der Hoden entfernt, dann auf 
ausdrückliches Verlangen des Mädchens hin auch der 
andere. 

Fall 12: Bei einem 28jähr. Mädchen trat ein rechtsseitiger 
Leistenbruch auf, Hoden entfernt, der linke durch 



— 396 — 

Leistenschnitt, im Leistenkanal, liegend in die Bauch- 
höhle hineingestoßen. Nach kurzer Zeit trat der linke 
Hoden heraus, jetzt wiederholter Leistenschnitt links, 
Abtragung. 

Fall 13: Im 20. Jahre bei linksseitiger Herniotomie 
angeblich labiale Ovarialektopie konstatiert, nach 8 
Jahren war rechterseits ein Hoden herabgetreten [keine 
Operation], 

Fall 14: Beiderseitige Herniotomie bei einem 21 jähr. 
Mädchen bei Diagnose einer Ovarialektopie. Kastration : 
Hoden. 

Fall 15 : Beiderseitige Herniotomie bei einem 21jährigen 
Mädchen. 

Fall 16: Einseitige Herniotomie bei einem jungen Mädchen 
bei Diagnose einer Labialcyste: als Bruchinhalt Netz, 
eine Cyste und ein Hoden, die entfernt wurden. Ander- 
seits Kryptorchismus. 

Fall 17: Im 16. Jahre war der rechte Hoden, im 18. 
der linke herabgetreten. Im 19. Jahre „erreur de sexe" 
vermutet, Kastration. 

Fall 18: Im 12. Jahre nach einem Fall linkerseits Hoden 
herabgetreten, später der rechte. Im 33. Jahre beider- 
seitige Herniotomie bei der verheirateten Frau. Diagnose : 
Ovarialektopie, auch nach der Kastration die Gebilde 
für Ovarien angesehen: Mikroskop.: Hoden. 

Fall 19: Beiderseitige Herniotomie bei einem 19 jährigen 
Mädchen. Kastration: Hoden. 

Fall 20: Im 19. Jahre rechtsseitige Herniotomie, im 20. 
linksseitige. Hoden entfernt. 

Fall 21: Im 6. Lebensjahre Leistenbruch rechts, im 20. 
Jahre links. Im 32. Jahre linkerseits Herniotomie. 
Nur Hoden und Hydrocele gefunden. Die dringend 
verlangte rechtsseitige Herniotomie in Dresden, Halle, 
Leipzig verweigert. Im 59. Jahre Tod infolge Ein- 
klemmung des rechtsseitigen Bruches (Inhalt ?) 



— 397 — 

Fall 22 : Im 18. Jahre Leistenbruch rechts, im 28. Jahre 
links Herniotomie erst einerseits, später auch anderseits. 
Kastration. Mikroskop: Hoden. 

Fall 23: Im 12. Jahre eine angebliche entzündete Leisten- 
drüse linkerseits entfernt, nach 7 Jahren mikroskopisch 
als Hoden erkannt. Rechterseits Kryptorchismus. 

Fall 24: Bei einem 22jährigen Mädchen bei vermuteter 
„Erreur de sexe" beiderseits diagnostischer Labialein- 
schnitt konservativ: Hoden, keine Kastration. 

Fall 25: Im 12. Jahre linkerseits Leistenbruch, im 23. 
Jahre beiderseitige Herniotomie bei Diagnose: Ektopie 
der Uterusadnexa beiderseits. Nach einem Jahre 
Bruchrecidiv linkerseits: Jetzt nur linkes Hörn eines 
Uterus bicornis und linker Hoden entfernt, auch das 
früher rechterseits entfernteGebilde erwies sich als Hoden. 

Fall 26: Rechterseits Leistenbruch im frühen Kindes- 
alter, linkerseits in der Pubertät. Im 23. Jahre beider- 
seitige Herniotomie: Rechterseits Hoden und Neben- 
hoden entfernt, linkerseits Bruchinhalt: Ein Harn- 
blasendivertikel. Linkerseits Kryptorchismus. 

Fall 27: Im 18. Jahre linkerseits Leistenbruch, im 32. 
Jahre Herniotomie bei vermuteter „ Erreur de sexe* : 
Uterus samt linker Tube, Parovarialcyste und einer 
jetzt für ein Ovarium angesehenen Geschlechtsdrüse 
entfernt: Mikroskop.: Hoden. 

Fall 28: Beiderseitige Herniotomie im 42. Jahre, Hoden 
entfernt. 

Fall 29: Beiderseitige Herniotomie bei einer 25jährigen 
Frau: Kastration bei Diagnose: Ovarialektopie. Mikros- 
kop: Hoden. 

Fall 30: Beiderseitige Herniotomie bei einem jungen 
Mädchen: Kastration. Mikroskop: Hoden. 

Fall 31 : Beiderseitige Herniotomie im 21. Jahre bei an- 
geborenen Leistenbrüchen. Diagnose: Ovarialektopie. 
Kastration. Mikroskop: Hoden. 



— 398 — 

Fall 32: Tod eines Kindes nach einseitiger Herniotomie 
[Bruchinhalt: Darm], Sub nekropsia beiderseitiger Krypt- 
orchismus gefunden. 

Fall 33 : Im 23. Jahre nach Entleerung einer linksseitigen 
Hydrocele Hoden und Nebenhoden getastet. Der andere 
Hoden gleichfalls in scroto fisso. Konservative 
Operation. 

Fall 34 : Beiderseitiger diagnostischer Labialeinschnitt bei 
vermuteter „Erreur de sexe". Hoden. Konservative 
Operation. 

Fall 35: Angeborener linksseitiger Leistenbruch, im 14. 
Jahre Herniotomie: Hoden entfernt. 

Fall 36: Beiderseitige Herniotomie (in welchem Lebens- 
jahre ?) rechts Hoden, links ein Fibroadenom entfernt. 

Fall 37: Beiderseitige Herniotomie im 54 Jahre. Kastra- 
tion: Hoden. 

Fall 38: Beiderseitige Herniotomie: Kastration: Hoden. 

Inhalt des echten oder vermeintlichen Bruches. 

Auf die vorstehenden 38 Leistenschnitte kam also 
ein echter Bruch nur wenige Male vor: 

Fall Pech (Darminhalt), Fall Pozzi (Uterushorn) 
Fall Sänger (Uterus), Fall Sänger (Ein Blasen- 
divertikel), Fall Stonham (Darminhalt), Fall Lanne- 
longue (Netz), sonst handelte es sich bei den vermeint- 
lichen Brüchen stets um Descensus retardatus oder in 
einigen Fällen congenitus eines oder beider Hoden. 
Zweimal führte eine Hydrocele zur Operation. Fall 
Pech, Fall Swiencicki. Was das Alter, wann der an- 
gebliche Leistenbruch entstand, anbetrifft, ist leider nur 
in wenigen Fällen eine Angabe gemacht. 

4 mal wurde konservativ operiert in den Fällen von 
Pozzi, Swiencicki, Tillaux, Stonham. 



— 399 — 



7mal wurde nur ein Hoden entfernt: Fälle: 
Jablonski, Lannelongue, Pech, Pozzi, Sänger, 
Sänger, Turner, 

27mal wurden beide Hoden entfernt: Fälle: 
Alexander Av£ry, Brycholow, Brjuchanow, 
ßuchanan, Chambers, Clark, Green, Griffith, 
Groß, Halloppeau, Heuck, Dixon-Jones, Kociat- 
kiewicz, Levy, A. Martin, A. Martin, Ch. Mar- 
tin, Philippi, Pozzi, Shattock, Snegirjow, 
Snegirjow, Solowij, Wegradt, Will, v. Winckel. 

2 Operationen betrafen verheiratete Frauen : Fälle : 
A. Martin, Snegirjow, 1 eine Witwe: Fall Clark, 
35 Operationen an Mädchen im Alter von 3 bis zu 54 
Jahren. 

Nur in sehr wenigen Fällen war eine „Erreur de 
sexe 8 vor der Operation erkannt resp. vermutet worden, 
in einem Falle vermutete man männliches Geschlecht 
der in den Schamlefzen enthaltenen Geschlechtsdrüsen 
wegen ausgesprochenen Cremasterreflexs. 

Zweite Gruppe. 

Tier Leistenbrüche bei Frauen resp. 2 als Männer 
erzogenen weiblichen Scheinzwittern. 

Im Falle Brohl ein linksseitiger Leistenbruch bei 
einem 36 jähr. Fräulein, seit mehr als 13 Jahren be- 
stehend. Diagnose: Ektopie des Uterus und linken 
Ovarium, der Bruch enthielt Uterus bicornis, beide Tu- 
ben und beide Ovarien. Kastration. 

Im Falle Sujetinow: Incarceration eines rechts- 
seitigen Leistenbruches, Operation, Uterus, Tuben und 
Ovarium in hernia. Dreimal auf diese 4 Fälle „Erreur 
de sexe" konstatiert. 

Im Falle P6an wurde ein 12 jähriges Mädchen 
für einen Knaben erklärt, mehrfache operative Eingriffe 
im 15. Jahre erwiesen weibliches Geschlecht 



— 4C0 — 

Im Fall Walther wurde ein Mädchen noch im 
Kindesalter für einen Jungen erklärt Beiderseitige Her- 
niotomie im 24. Jahre bei dem Manne. Rechts Ovarium 
und Tube in hernia, die in die Bauchhöhle geschoben 
wurden, linkerseits Mittelstück einer Sactosalpinx, Ovar 
und ein Stück Netz abgetragen. 

Auf diese 4 Fälle kam also dreimal ein echter 
Bruch und zwar zweimal ein einseitiger, einmal ein beider- 
seitiger Bruch. 

Dritte Gruppe. 

Dreizehn Leistenbrüche bei Männern resp. männlichen 

Scheinzwittern mit Konstatierung eines Uterus. 

IndenFällen Billroth, Bö ekel, Carle, Derveau, 
Fantino, Filippini, Gulden arm, Sänger, Pozzi, 
Thiersch fand man einen Uterus, resp. ein Uterushorn 
resp. eine Tube in hernia neben dem Hoden, in den 
Fällen Winckler und Stonham sub nekropsia früher 
oder später nach Bauchoperationen einen Uterus in der 
Bauchhöhle, im Falle Griff ith tastete man nach Ent- 
fernung beider Hoden einen Uterus. Vier von diesen 
Männern waren als Mädchen erzogen worden (Fälle von 
Griffith, Pozzi, Saenger und Stonham). 

Vierte Gruppe. 
Betrachten wir nun die 45 Einzelbeobachtungen 
dieser Gruppe von einzelnen Gesichtspunkten aus: 

Es kommen auf diese 45 Fälle nicht weniger als 
17 Fälle* von „Erreur de sexe". 

11 Mädchen als männliche Scheinzwitter er- 
kannt: Fall Abel, Audain, Bazy, Delage- 
ni£re, Gruber, (sub nekropsia), Hansemann 
(Nekropsie einer 82jährigen Witwe), Dixon-Jons, 
Mies, Obolonsky, Snegirjow, Westermann 
Nekropsie: Hoden). 



— 401 — 



6 Mädchen als weibliche Scheinzwitter er- 
kannt: Fall Bacaloglu u. Frossard, Fehling, 
Hall, Krug, Litten, Neugebauer. 

9 Männer als Scheinzwitter erkannt: Fall Beck 
(2 lj ähriger Mann bis zum 19. Jahre als Mädchen er- 
zogen) Carle, Kapsammer, Merkel, Paton 
(Pyosalpinxoperation] bei einem Mann), Primrose, 
Stimson, Stroebe, Winckler. 

5 Männer als weibliche Scheinzwitter er- 
kannt: Fall v. Engelhardt (sub nekropsia eines 
verheirateten Mannes Ovarien und Uteruscarcinom 
gefunden.) Gunckel (Geschlecht eines Mädchens irr- 
tümlich für männlich erklärt, sub nekropsiaim 50. Jahre : 
Ovarien), Krabbel (Ovariotonie bei einem Manne), 
P£an, Pozzi (Ovariotomie bei einem verheirateten 
Manne. 
11 mal blieb das Geschlecht fraglich: 

a) Trotz operativer Eröffnung der Bauchhöhle: 
Howitz, Neugebauer, v. Saexinger und E. 
Levy, Pfannenstiel, Sorel u. Ch£rot, Unter- 
berger: 6 mal, 

b) Trotz Nekropsie: Chevreuil, Howitz, Lesser, 
v. Saexinger u. E. Levy, Sorel und Ch£rot, 
Zahorski: 6 mal, 

c) bei klinischer Untersuchung: Levy, Lieb- 
mann, Quisling: 3mal. 

lmal angeblich wahres Zwittertum einer Geschlechts- 
drüse erkannt: Fall von v. Salän. 
Da von diesen 45 Beobachtungen 2 bereits in der 
I. Gruppe (No. 14 Dixon-Jones und No. 30 
Snegirjow) und 1 in der II. Gruppe (No. 2 P£an), 
mitgezählt sind, so kommen nur 42 Beobachtungen hier 
zur statistischen Verwertung : auf diese 42 Fälle wurden 
9 mal männliches Scheinzwittertum bei Mädchen und 
5 mal weibliches Scheinzwittertum bei Männern konsta- 

Jahrbuch T. 26 



— 402 — 

tiert, also im ganzen 14 mal eine erreur de sexe, 11 mal 
blieb das Geschlecht fraglich. 

8 mal konstatierte man einen mehr oder weniger ent- 
wickelten Uterus samt Tuben event. Ligamenten bei 
männlichen Scheinzwittern. lmal einen Harnstein in 
utriculo masculino (Fall Kapsammer). 

32 mal fand sich Coincidenz des Scheinzwitter- 
tums mit gut- oder bösartigen Neubildungen: 
Fall 1 (Abel): Sarkomatoese Cryptorchis sinistra [rechter- 

seits Hoden und Nebenhoden im LeistenkanalJ bei einem 

33jähr. Mädchen. 
Fall 2 (Audain): 2 Ovarialdermoide bei einem weib- 
lichen Scheinzwitter. 
Fall 5 (Beck): 2 Teratome der Hoden bei einem bis zum 19. 

Jahre als Mädchen erzogenen männlichen Scheinzwitter. 
Fall 7 (Chevreuil): Multilokularer Ovarialtumor (?) bei 

einem Scheinzwitter. 
Fall 10 (v. Engelhardt): Carcinoma uteri eines 59jähr. 

als Mann verheirateten weiblichen Scheinzwitters. 
Fall 11 (Fehling): Myxosarcoma eines Ovarium bei 

einem 26jähr. Scheinzwitter. 
Fall 12 (Grub er): Carcinom eines Hodens bei beider- 
seitigem Kryptorchismus eines 22jähr. als Mädchen 

erzogenen männlichen Scheinzwitters. 
Fall 13 (Gunckel): Myomatosis uteri bei einem 50 jähr. 

weiblichen Scheinzwitter, der irrtümlich früher für 

einen Mann erklärt worden war. 
Fall 14 (Hall): Carcinoma ovarii unius eines 17jähr. 

weiblichen Scheinzwitters. 
Fall 15 (Hansemann): Carcinom der Harnblase eines 

82jähr. männlichen Scheinzwitter, der als Frau verheiratet 

gewesen war. 
Fall 16 (Howitz): Myomatosis uteri bei fraglichem 

Geschlecht. 
Fall 19 (Krabbe 1): Cystosarcom eines Ovarium, später 



— 403 — 

ein neues Gewächs: Teratom — bei einem als Mann 

erzogenen weiblichen Scheinzwitter. 
Fall 20 (Krug): 2 Ovarialsarkome bei einem 19jähr. 

weiblichen Scheinzwitter. 
Fall 21 (Less!er): Alveolarsarkom (des Uterus?) eines 

25jähr. als Mädchen erzogenen Scheinzwitters. Geschlecht 

fraglich. 
Fall 22 (Levy): Unterleibstumor fraglicher Natur bei 

einem 16jähr. als Mädchen erzogenen Scheinzwitter 

fraglichen Geschlechts. 
Fall 23 (E. L e v y — v. S ä x i n g e r) : Maligne Degeneration 

der in der Bauchhöhle liegenden Geschlechtsdrüsen 

eines 20jähr. als Mädchen erzogenen Scheinzwitters von 

fraglichem Geschlecht. 
Fall 24 (L i e b m a n n) : Inguinolabialtumor fraglicher 

Natur [cystisch ?] bei einem 45jähr. als Frau verheirateten 

Scheinzwitter fraglichen Geschlechts. 
Fall 25 (Litten): Myxosarkom des rechten Ovarium 

eines 16jähr. weiblichen Scheinzwitters. 
Fall 26 (Merkel): Carcinoma recti eines 63jähr. männ- 
lichen Scheinzwitters. 
Fall 27 (Mies): Unterlippenkrebs eines 66jähr. als 

Mädchen erzogenen männlichen Scheinzwitters. 
Fall 28 (Neugebauer) : Carcinoma ovarii unius et uteri 

eines 56jähr. weiblichen Scheinzwitters. 
Fall 29 (Neugebauer): Sarkom einer Geschlechtsdrüse 

bei einer verheirateten Frau, wahrscheinlich Sarkoma 

cryptorchidis. 
Fall 30 (Obolonsky): Sarkom des rechten Hodens eines 

56jähr. als Mädchen erzogenen männlichen Scheinzwitters. 

Kryptorchismus bilateralis. 
Fall 32 (Pfannenstiel): Fibromyoma uteri eines 55-jäh- 
rigen als Mädchen erzogenen Scheinzwitters von frag- 
lichem Geschlecht. 
Fall 34 (Pr im rose): Sarkom eines Hodens eines 25-jäh- 

26* 



— 404 — 

rigen männlichen Scheinzwitters bei Kryptorchisinus 

bilateralis. 
Fall 36 v. (Sal£n): Fibromyoma uteri eines 43-jähr. als 

Mädchen erzogenen Scheinzwitters, angeblich ein Ova- 

riam links gefunden, rechts eine Ovotestis. 
Fall 38 (Sorel u. Chärot): Carcinom des Blinddarms 

eines 36-jährigen als Mädchen erzogenen Scheinzwitters, 

von fraglichem Geschlecht. 
Fall 39 (Stirn so n): Sarkom des linken Hodens eines 

46jährigen männlichenScheinzwitters. Cryptorchissinistra. 
Fall 40 (Stroebe): Carcinoma oesophagi eines 63-jähr 

männlichen Scheinzwitters., beiderseits Cryptorchismus. 
Fall 41 (Unterberge r): Sarkom eines Ovarium eines 

14-jährigen als Mädchen erzogenen Scheinzwitters von 

fraglichem Geschlecht. 
Fall 44 (Zahorski): Sarkom einer Geschlechtsdrüse in 

der Bauchhöhle belegen bei einem 25jähr. als Mädchen 

erzogenen Scheinzwitter fraglichen Geschlechts. 
Fall 45 (Pozzi): Ovarialtumor bei einem als Mann ver- 
heirateten weiblichen Scheinzwitter. 



Auf diese 32 Fälle kommen: 
Carcinom des Ovarium: Fall 14, 28 
des Hodens: Fall 12, 
des Uterus : Fall 10, Fall 28, 
des Rectum : Fall 26, 
der Harnblase: Fall 15, 
des Blinddarms: Fall 38, 
des Oesophagus : Fall 40, 
der Unterlippe: Fall 27, 
Sarkom eines Ovarium: Fall 11, 19, 20, 25, 

einer Cryptorchis: Fall 1, 30, 34, 39, 
des Uterus: Fall 21. 
Maligne Degeneration fraglicher Geschlechts- 
drüsen: Fall 23, 29, 41, 42. 



— 405 — 

Dermoide der Ovarien: Fall 2. 

Teratome der Hoden: Fall 5. 
Multilokulare Cysten einer fraglichen Ge- 
schlechtsdrüse: Fall 7. 
Myomatosis uteri: Fall 13, 16, 31, 36. 
Tumoren fraglicher Natur: Fall 22, Fall 24. 
Welcher Art Operationen wurden in diesen 
45 Fällen vollzogen? 

Nephrolithotomie: Fall 8. 

Pyosalpinxoperation mit Bauchschnitt bei einem Manne: 

Fall 31. 
Harnsteinoperation: Fall 18. 
Bauchschnitt wegen Darmocclusion : Fall 43. 
Bauchschnitt wegen Appendicitis: Fall 3, 4 — in einem 

dritten und 4. Falle von Appendicitis (Fall 35 u. 42) 

wurde nicht operiert. 
Diagnostischer Bauchschnitt bei zweifelhaftem Geschlecht: 

im Falle 9 mit Entfernung des Hoden, im Falle 33 

der Ovarien, Konservativ: Fall 37, Fall 6, 17. 
Amputation des myomatösen Uterus: Fall 16, 32, 36. 
Bauchschnitt bei Carcinom des Blinddarmes: Fall 38. 
Bauchschnitt mit Exstirpation von Ovarialtumoren: Fall 

2, 11, 14, 19, 20, 45. 
Bauchschnitt mit Exstirpation von Hodentumoren bei 

Kryptorchismus: Fall 5, 29, 34, 39. 
Bauchschnitt mit Exstirpation von Tumoren fraglicher 

Geschlechtsdrüsen: Fall 23, 29, 4L 
Paracentese von Bauchhöhlentumoren durch die Bauch- 
wand: Fall 11, 44. 
Paracentese einer als Haematometra angesprochenen 

Cryptorchis sinistra per vaginam: Fall 1. 
Entleerung einer Hydrocele durch Paracentese: Fall 34. 
Auf diese 45 Beobachtungen kommen 26 Fälle, wo 
nicht operiert wurde, sondern das Scheinzwittertum nur 



— 406 — 

a) klinisch oder b) sub nekropsia konstatiert wurde, 
a: Fall 22, 24, 27, 28, 35, = 5 mal. 
b: Fall 7, 10, 12, 13, 15, 21, 25, 26, 30, 40, 42, = 

11 mal. 
Scheinzwitter wurde sub nekropsia nach tötlich ver- 
laufener Operation konstatiert: 

Fall 1, 3, 5, 8, 16, 23, 34, 38, 43, 44 = 10 mal. 

Fünfte Gruppe: 
Auf die hierher gehörigen 23 Einzelbeobachtungen 

kommen : 

Verlangte aber abgeschlagene Amputation der angeblichen 
hypertrophischen Clitoris: Fall 2, 7, 9, 12, 14. 

Ausgeführte Amputation der hypertrophischen Clitoris: 
Fall 4 und 11. 

Ausgeführte Amputation des irrtümlich für eine hypertro- 
phische Clitoris angesehenen hypospadischen Penis : 
Fall 6, 17 (?) 22. 

Es kommen auf diese Gruppe 8 Fälle von konstatierter 
„erreur de sexe" Fall 5, 6, 7, 8, 9 (?), 12, 14, 17, 

Fraglich blieb das Geschlecht: Fall 2, 13, 18, 23. 

Männliches Scheinzwittertum im Fall: 5, 6, 7, 8, 9, 12, 
14, 17, 22. 

Weibliches Scheinzwittertum im Fall: 3, 4, 10, 11, 15, 
16, 19, 20, 21. 

Eine Discision einer Schamlefzenverwachsung bei weib- 
lichen Scheinzwittern wurde vorgeschlagen Fall 16, aus- 
geführt in Fall 10, 11, 15, 20, 21. Dieselbe Operation 
wurde einem männlichen Scheinzwitter vorgeschlagen: 
Fall 17. 

Im Falle 2 wurde angeblich ein Hämatokolpometradurch 
Einschnitt vom Damme aus entleert. 

Einmal wurde wegen Atresia ani bei einem Neonaten 
operiert mit tötlichem Ausgange: Fall 3, einmal mit 
gutem Ausgange, Fall 23. 



— 407 — 

Einmal wurde ein Hysteroekpetasis gemacht bei frag- 
lichem Geschlecht: Fall 18. 

Einmal vergeblicher Versuch zwischen Urethral- und Anal- 
mündung eine Vagina zu schaffen: Fall 19. 

Sechste Gruppe. 

Bezüglich der in der VI. Gruppe erwähnten plasti- 
schen Hypospadieoperationen an männlichen Schein- 
zwittern ist zu bemerken, daß eine „erreurde sexe" vorlag 
in den Fällen von Beck, Brand, Castellana, F^lizet, 
Garr6, Krajewski, Malthe, Villemin. 

Zum Schluß bleibt nochj Folgendes zu bemerken: 

1. Die gesamte Kasuistik dieser Arbeit von 
137 Beobachtungen erstreckt sich, da einzelne 
Beobachtungen in mehreren Gruppen figurieren, 
auf 118 Scheinzwitter, wovon 

männlichen Geschlechts: 79, 
weiblichen Geschlechts: 23, 
fraglichen Geschlechts: 16. 

Auf diese 118 Scheinzwitter kommen 53 irrtümliche 
Geschlechtsbestimmungen, darunter merkwürdigerweise 
2 Fälle, wo das Geschlecht bei der Taufe des Kindes 
richtig als weiblich angegeben war, später aber irrtümlich 
für männlich erklärt worden war (Fälle von P£an 
und von Gunckel). 

2. Sind die zur Nekropsie gelangten Fälle zu 
vermerken: 

a) Todesfälle nach vorausgegangener Operation: aus 
Gruppe III; Fall 1 (Billroth) Verblutungstod nach 
Herniotomie, Fall 12 (Thiersch) Tod nach 
Herniotomie an Peritonitis, Fall 13 (Win ekler) Tod 
nach Bauchschnitt an Peritonitis. Aus Gruppe IV: 
Fall 1 (Abel) Tod an Peritonitis nach vaginaler 
Paracentese einer Kryptorchis sinistra sarcomatosa» 
Fall 3 (Bacaloglu und Fossard) Tod an Peritonitis 



— 408 — 

nach Appendicitis-Bauchschnitt, Fall 5 (Beck) Tod" 
infolge von Pneumonie 3 Wochen nach Bauchschnitt 
Fall 8 (Clark) Tod nach Nephrolithotomie, Fall 16 
(Howitz) Tod an Peritonitis nach Bauchschnitt 
Fall 23 (Levy — v. Saexinger)Tod an Peritonitis 
nach Bauchschnitt ohne Entfernung des Tumors, 
Fall 34 (Primrose) Tod an Peritonitis nach Bauch- 
schnitt bei Hodensarkom, Fall 36 (E. v.Sal<*n) Tod 
an Peritonitis nach Amputation eines myomatösen 
Uterus, Fall 38 (E. Sorel und Ch<*rot) Tod nach 
explorativem Bauchschnitt bei Blinddarmcarcinom. 
Aus Gruppe V: Fall 3 (Mc. Arthur) Tod nach 
Operation wegen Atresia ani. 

b) 14 Todesfälle ohne vorausgegangene chirurgische 
Eingriffe : 

Gruppe I Fall 21. (Pech) Tod infolge Einklemmung 
des rechtsseitigen Leistenbruchs, dessen operative 
Beseitigung verweigert worden war. 

Gruppe IV Fall 7 (Chevreuil) Tod infolge eines 
Ovarial- resp. Hodentumors. Fall 10 (v.Engelhar dt) 
Tod infolge von Uteruscarcinom. Fall 12 (Grub er) 
Tod infolge eines Hodencarcinoms. Fall 13 (Gun- 
ckel) Tod ans unbekannter Ursache. Fall 15 
(Hansemann) Tod infolge von Blasenkrebs. Fall 
21 (Lesser) Tod infolge von Blutung in der Bauch- 
höhle nach spontaner Ruptur eines Tumors. Fall 25 
(Litten) Tod infolge Myxosarcoma ovarii unius. Fall 
26 (Merkel) Tod infolge Carcinoma recti. Fall 30 
(Obolonski) Tod infolge eines Hodensarkoms. 
Fall 39 (Ströbe) Tod infolge eines Carcinoma 
oesophago Fall 41 (West er mann) Tod infolge 
von Appendicitis ulcerosa. Fall 44 (Zahorski) Tod 
infolge von Kachexie bei Sarkom einer Geschlechts- 
drüse. 



— 409 — 

Gruppe V. Fall 2 (Arnaud) Tod aus unbekannter 
Ursache. 
Indem ich mir vorbehalte, in nächster Zukunft das hier 
zusammengestellte kasuistische Material auch in Beziehung 
auf andere als chirurgische Beziehungen zu sichten, schließe 
ich diese heutige Arbeit, die hoffentlich dazu beitragen 
wird, dem Gebiete des Scheinzwittertums auch in weiteren 
Arztekreisen ein regeres Interesse zu widmen. Wenn 
wir auch in den wenigsten Fällen dem physischen Ge- 
brechen Abhilfe schaffen können, so können 'wir doch viel 
dazu beitragen, diese unglücklichen Existenzen, die Schein- 
zwitter vor den psychischen Leiden und Qualen zu be- 
wahren, die aus einer irrtümlichen Geschlechtsbestimmung 
erwachsen ! 

An sämtliche Fachgenossen richte ich die Bitte, jede 
neuere zu ihrer Kenntnis gelangende Beobachtung von 
Scheinzwittertum möglichst eingehend beschrieben, mir 
übermitteln zu wollen, womöglich mit Photogrammen 
und Berücksichtigung aller in Frage kommenden Einzel- 
heiten. 

Dr. med. Franz Neugebauer. 

Warschau, Leszno 33, am 3. Februar 1903. 



Inhaltsübersicht 



Erste Gruppe. 

38 Leistenschnitte bei Mädchen, bez. Frauen mit Konstatierung 

männlichen Geschlechtes. 

1. Fall von Alexander: Klara D., 16 jährig, im 13. Jahre links- 
seitige Herniotomie durch Er asm us, im 16. Jahre rechtsseitige 
durch Hahn: Beiderseits Hoden und Nebenhoden abgetragen. 
Vagina vorhanden ohne Uterus, Gonorrhoe, Beischlaf mit 
Männern. 



— 410 — 

2. Fall von Avery: Einseitige Herniotomie der 24jährigen Ann y 
C: Hoden entfernt. Vagina vorhanden ohne Uterus. 

3. Fall von Bryeholow: Beiderseitige Herniotomie bei der 14- 
jährigen Marie X. 

4. Fall von Brjuohanow: Beiderseitige Herniotomie bei einem 
14jährigen Mädchen: beide Hoden entfernt. 

5. Fall von Buchanan: Beiderseitige Herniotomie bei einem 
9jährigen Mädchen: beide Hoden entfernt Vagina von nor- 
maler Länge vorhanden ohne Uterus. B. vermutete richtig eine 
erreur de sexe wegen vorhandenen Cremasterreflexes an den 
Schamlefzen. 

6. Fall von Chambers: Beiderseitige Herniotomie bei einer 24- 
jährigen Frau: beide Hoden entfernt Vagina vorhanden, ohne 
Uterus. 

7. Fall von Clark: Beiderseitige Herniotomie bei einer 42jährigen 
Witwe: beide Hoden entfernt. Beischlaf mit dem Gatten. 
Vagina vorhanden ohne Uterus. 

8. Fall von Green: Konstatierung der erreur de sexe bei 
einem 24jährigen Dienstmädchen. Kastration auf das aus- 
drückliche Verlangen des Scheinzwitters hin. 

9. Fall von Griffith; Beiderseitige Herniotomie bei einem 23- 
jährigen Mädchen: beide Hoden entfernt. Uterus und Vagina 
vorhanden. 

10. Fall von Groß: Doppelseitige Herniotomie bei einem 3jährigen 
Mädchen: beide Hoden entfernt 

11. Fall von Hallopeau: Konstatierung der erreur de sexe bei 
einem Mädchen nach Exstirpation eines Hodens. Auf das 
ausdrückliche Verlangen der Person hin wurde auch der an- 
dere Hoden entfernt. Vagina vorhanden ohne Uterus. 

12. Fall von Heuck: Bei einem 28jährigen Dienstmädchen rechts- 
seitiger Leistenbruch: Netz als Inhalt vermutet — Hoden und 
Nebenhoden entfernt. Später auch der linke Hoden entfernt. 
Vagina vorhanden ohne Uterus. Beischlaf mit Männern ohne 
Libido. 

13. Fall von Jablonski: Bei der 28 jähr. Anna Luise E. kon- 
statierte J. die Gegenwart eines Hodens und schließt daraus, 
daß auch die sub herniotomia 8 Jahre zuvor in hernia vorge- 
fundene Geschlechtsdrüse, für ein ektopisches Ovarium damals 
angesehen, ein Hoden gewesen sei. 

14. Fall von Dixon Jones: Beiderseitige Herniotomie bei der 
21jähr. Emma E. und diagnostischer Bauchschnitt: beide Ho- 
den entfernt. Vagina vorhanden ohne Uterus. 



— 411 — 

15. Fall von Kociatkiewicz-Neugebauer: Beiderseitige Her- 
niotomie bei der 21jährigen verlobten Josephine K., beide 
Hoden durch Eociatkiewicz entfernt. Vagina vorhanden 
ohne Uterus. Nach der Kastration starke Obesität und Me- 
lancholie. 

16. Fall von Lannelongue: Einseitige Herniotomie bei einem 

jungen Mädchen: (Netzinhalt) Unterhalb des Bruches eine 
Cyste in der Schamlefze und darüber ein Hoden, der entfernt 
wurde. Vagina vorhanden ohne Uterus. 

17. Fall von Levy: Bei der 19jährigen Näherin Chr. L. vermutete 
Doederlein Hoden als Bruchinhalt. Beiderseitige Herniotomie : 
beide Hoden entfernt. Vagina vorhanden ohne Uterus. 

18. Fall , von A. Martin: Bei einer 33jährigen, seit 10 Jahren ver- 
heirateten Frau entfernte Martin sub diagnosi einer beider- 
seitigen Ovarialektopie beide Hoden. Erst das Mikroskop 
klärte den Irrtum auf. Vagina vorhanden ohne Uterus. 

19. Fall von A. Martin: Beiderseitige Herniotomie bei einem 19- 
jährigen Hausmädchen Martha W.: beide Hoden entfernt. 
Vagina vorhanden ohne Uterus. 

20. Fall von Chr. Martin: Bei einem 20 jähr. Kindermädchen 
hatte man vor einem Jahre sub herniotomia rechterseits ein für 
ein ektopisches Ovarium gehaltenes Gebilde in die Bauchhöhle 
geschoben. Jetzt Herniotomie links, ein Hoden entfernt. Scheide 
vorhanden ohne Uterus. 

— Fall von Mund 6: In der Vermutung einer erreur de sexe 
schlug M. der 46 jähr. Köchin Marie O'Neill den beiderseitigen 
Leistenschnitt vor, es kam jedoch nicht zur Operation. Vagina 
vorhanden, ohne Uterus. 

21. Fall von Pech: Linksseitige Herniotomie bei der 32jährigen 
Marie Rosine, dem späteren Gottlieb Goettlich: der 
Bruch enthielt weder Darm noch Netz sondern eine Hydrocele 
und einen Hoden. Im 59. Jahre Tod infolge Einklemmung 
eines rechtsseitigen Leistenbruches. Rosine huldigte der freien 
Liebe, erkrankte zuerst an einem Ulcus molle, später an 
Syphilis. Sie kohabitierte mit Frauen und mit Männern, mit 
letzteren lieber. Die dilatierte. Urethra vertrat die angeblich 
mangelnde Vagina. 

22. Fall von Phil ippi: Bei einem 28jährigen Mädchen erst rechts- 
seitige, nach einigen Monaten linksseitige Herniotomie: beide 
Hoden entfernt. Vagina vorhanden ohne Uterus. 

28. Fall von Poore: P. entfernte bei einem 12 jähr. Mädchen eine 
angebliche entzündete Drüse durch Leistenschnitt. 7 Jahre 



— 412 — 

später erhärtete das Mikroskop, daß diese Drüsen ein Hode war. 
Vagina vorhanden, ohne Uterus. 

24. Fall von Porro: bei einem 22 jähr. Mädchen vermutete P. eine 
erreur de sexe, legte durch diagnostischen Einschnitt beide 
Drüsen bloß, konstatierte Hoden, die er nicht exstierpierte. 

25. Fall von Pozzi: Bei einem 32 jährigen Stubenmädchen Marie 
C. diagnosticierte Peyrot einen beiderseitigen Leistenbruch 
mit Diagnose einer Ektopie der beiderseitigen Uterusadnexa 
bei fehlendem Uterus. Beiderseitige Herniotomie: Linkerseits 
eine Cyste, für Hydrosalpinx angesehen, ein Gebilde für ein 
ektopisches Ovarium angesehen und ein Körperohen für einen 
rudimentären Uterus angesehen. Cyste reseciert, Uterus und 
Ovarium in die Bauchhöhle gestoßen. Rechterseits 2 nicht 
reponible Gebilde abgeschnitten, eine Cyste und eine Drüse, 
für das rechte Ovarium angesehen. Nach 1 Jahr Bruohrecidiv 
linkerseits. Jetzt operierte Pozzi und entfernte den Bruch- 
inhalt: 2 Gebilde: den linksseitigen Hoden und das linke Hörn 
eines Uterus bicornis. Das Mikroskop wies nach, daß auch die 
rechtsseitige von Peyrot entfernte Geschlechtsdrüse ein Hoden 
war. Vagina und Uterus vorhanden. Nach der ersten Operation 
erwachte der Geschlechtstrieb und zwar ein weiblicher, gleich- 
zeitig stellte sich Melancholie ein, die nach der zweiten Operation 
noch zunahm. Hymen eingerissen bei einer Stupration im 8. 
Lebensjahre. 

26. Fall von M. Saenger: Beiderseitige Herniotomie bei einem 
23 jähr. Dienstmädchen sub diagnosi: Ovarialhernie. Rechter- 
seits Hoden und Nebenhoden entfernt, im linksseitigen Bruchsack 
ein Blasendivertikel. Scheide vorhanden ohne Uterus. 

27. Fall von M. Saenger: Bei einer 82 jähr. Lehrerin vermutete 
S. bei linksseitigem Leistenbruch eine „erreur de sexe u , Hoden 
mit Hydrocele, fand aber bei der Herniotomie einen Uterus 
samt Tube, eine Parovarialcyste und eine Geschlechtsdrüse, 
die er jetzt makroskopisch für ein Ovarium ansprach. Das 
Mikroskop erwies einen Hoden. Bruchinhalt entfernt mit 
Uterusamputation. Uterus und Vagina vorhanden. 

28. Fall von Shattock: Beiderseitige Herniotomie bei einem 
42jährigen Scheinzwitter: Beide atrophischen Hoden entfernt. 
Nach der Kastration starke Obesität. 

29. Fall von Snegirjow: Bei einer 25 jähr, verheirateten Köchin 
beiderseitige Herniotomie : beide Hoden entfernt. Vagina vor- 
handen ohne Uterus. Beischlaf mit dem Gatten anfangs cum 
libidine, später perhorresciert. 



— 413 — 

30. Fall von Snegirjow: Beiderseitige Herniotoinie bei einem 
Mädchen: beide Hoden entfernt. Diagnostischer Bauchschnitt 
hinzugefügt. 

31. Fall von Solowij: Beiderseitige Herniotomie bei einem 21- 
jährigen Mädchen bei Diagnose: Ovarialhernien. Beide Hoden 
entfernt. Vagina vorhanden ohne Uterus. 

32. Fall von Stonham: Tod eines Mädchens nach Herniotomie. 
In der Bauchhöhle neben Hoden ein Uterus bicornis mit 2 
Tuben gefunden, Vagina existierte. 

— Fall von Stratz: S. vermutete eine erreur de sexe bei 
Nambrok Sadinah und schlug einen diagnostischen Leisten- 
(resp. Labial-) einschnitt vor, Operation verweigert. 

33. Fall von Swiencicki: Labialtumor linkerseits bei einem 23- 
jährigen Bauernmädchen: Hydrocele, Punktion, Entleerung, 
Hoden, Nebenhoden und Samenstrang getastet, gleiche Gebilde 
in der rechten Schamlefze. Geschlechtsdrang männlich, schon 
im 16. Jahre. Beischlaf mit einem Mädchen versucht. Vagina V 

34. Fall von Till au x: Bei einem 12jährigen Mädchen beider- 
seitiger Leistenbruch: T. sollte ein Bruchband anlegen, ver- 
mutete erreur de sexe. Diagnostischer Labialschnitt. Hoden 

3ö. Fall von Turner: Bei einem 14jährigen Mädchen linksseitige 
Ovarialhernie diognosticiert, Bruchband nicht vertragen, Her- 
niotomie mit Entfernung eines Hodens. Vagina vorhanden 
ohne Uterus, noch keinerlei Geschlechtstrieb. 

36. Fall von Wegradt: Beiderseitige Herniotomie bei einem 
Mädchen: rechterseits ein Hoden entfernt, linkerseits ein Fi- 
broadenom. 

37. Fall von Will: Beiderseitige Herniotomie bei einem 54jährigen 
Mädchen Kristine W.: beide fibrös entarteten Hoden ent- 
fernt. Vagina vorhanden ohne Uterus. Geschlechtsdrang 
männlich, aber E. S. hatte niemals einen Beischlaf mit einem 
Weibe versucht, sondern stets nur mit Männern unter Benutzung 
der dadurch stark dilatierten Urethra, obgleich eine Vagina vor- 
handen war. 

38. Fall von v. Win ekel: (?) Beiderseitige Herniotomie bei einem 
Mädchen. Entfernung beider Hoden. 

Zweite Gruppe: 

Vier Leistenschnitte bei weiblichen Scheinzwittern, von 

denen 2 als Männer erzogen waren. 

1. Fall von Brohl: Bei einer 36jährigen Dame linksseitige Her- 
niotomie: Uterus und beide Ovarien im Bruchsacke. Uterus- 



— 414 — 

amputation und Kastration. Uterus bicornis. Clitoris 6,5 cm, 
sub erectione 11 cm lang. Seit dem 18. Jahre normale Men- 
struation. 

2. Fall von P6an: Ein löjähr. Mädchen wurde für einen Knaben 

erklärt mit Kryptorohismus. Beiderseits Leistenschnitt, um die 
Hoden aufzusuchen. Bei späterem diagnostischen Bauchschnitt 
Uterus und Ovarien konstatiert. Kastration. Mangel der Vagina. 
Clitoris erectil. Männlicher Stimmbruch. Keine Menstruation. 

3. Fall von Sujetinow: Herniotomie rechterseits wegen einge- 

klemmten Leistenbruches bei einer 4öjähr. Frau. Vagina blind- 
sackförmig geschlossen, in hernia Uterus, eine Tube und 
Ovarium. Clitoris 5 cm lang. Nur 2 Jahre lang Menstruation 
und sehr unregelmäßig. (???) 

4. Fall von Walther: Beiderseitige Herniotomie bei einem 24- 

jährigen Sattler: rechtsseits Tube und atrophisches Ovarium in 
die Bauchhöhle reponiert, linkerseits Sactosalpinx, sclerotisohes 
Ovarium und ein Stück Netz abgetragen. Clitoris stark hyper- 
trophisch, erectil, starker rein männlicher Gesohlechtsdrang mit 
angeblicher Ejakulation sub erectione. Bis jetzt hat der 
Sattler, der sich für einen Mann hält, noch keinen Beischlaf 
als Mann versucht, weil sein Glied, das wie ein hypospadischer 
Penis aussieht, hakenförmig nach abwärts gekrümmt ist. W. 
fügte einen Bauohschnitt hinzu, um die Netzstümpfe zu kon- 
trollieren und fand einen kleinen Uterus. Vagina mündet 
wahrscheinlich in die Urethra. Seit dem 16. Jahre alle Monate 
2 — 3 Tage lang Blutungen aus der Harnröhre. 

Dritte Gruppe: 

13 Leistenschnitte bei Männern, bez. männlichen Schein- 
zwittern mit Konstatierung eines mehr oder weniger ent- 
wickelten Uterus uni- oder bicornis, einer oder beider 
Tuben in hernia bez. in der Bauchhöhle. 

1. Fall von Billroth: Rechtsseitige Herniotomie bei einem 24- 
jährigen Hypospaden. Tod infolge von Verblutung nach Ab- 
gleiten einer Ligatur. Das sub herniotomia resezierte Ge- 
bilde erwies sich als ein amputierter Uterus mit Tube. 
Vagina mündete in die Urethra. In der linken Schamlefze 
Hoden und Nebenhoden. Vom 16. Jahre an periodische Blu- 
tungen ex Urethra und aus einer Fistel der rechten Schamlefze 
ex utero eotopioo. Obwohl der Geschlechtsdrang männlich, hatte 
dieser Mann mit Knaben und Mädchen kobabitiert. 



— 415 — 

2. Fall von Boeckel: In einer Leistenhernie bei einem Manne 
sub operatione ein Uterus bicornis mit einer Tube, ein Hoden 
und ein Nebenhoden gefunden. 

3. Fall von Carle: Linksseitige Herniotomie bei einem 36jährigen 
Telegraphisten. In hernia ein Uterus bicornis mit Tuben neben 
Hoden (Teratom ?) und Nebenhoden, die Organe wurden abgetragen. 
Der Mann übte den Beischlaf mit seiner Gattin aus, aber die 
Ehe war kinderlos. Bei der Operation wurde vom Leistenkanal 
aus die Bauchhöhle eröffnet. 

4. Fall von Derveau: Herniotomie bei einem 69jähr. Manne, 
Vater von 6 Kindern trotz Kryptorchismus. In hernia Uterus 
mit Tuben und oberer Anteil der Vagina, ^die wahrscheinlich 
in urethram mündete. 

5. Fall von Fantino: Rechtsseitige Herniotomie bei einem Manne 
mit Entfernung eines Uterus mit 2 Tuben und beider Hoden. 
Linke Hodensackhälfte leer. 

6. Fall^Fillippini: Rechtsseitige Herniotomie bei einem 23 jähr. 
Manne: Uterus, Tube und angeblich ein Ovarium ex hernia 
entfernt, in der linken Scrotalhälfte ein Hoden. 

7. Fall von Griffith: siehe Gruppe I No. 9: Uterus entdeckt 
nach beiderseitiger Herniotomie mit Entfernung beider Hoden 
bei einem 23 jähr. Mädchen. 

8. Fall von Guldenarm: Linksseitige Herniotomie bei einem 
Manne mit rechtsseitigem Kryptorchismus. Ex hernia ein Uterus 
bicornis, Hoden und Nebenhoden entfernt. Vagina mündete 
im urethram. 

9. Fall von Pozzi: siehe Gruppe I Fall 25: Uterushorn in hernia 
neben Hoden. 

10. Fall von Sa eng er: siehe Gruppe I Fall 27: Uterus mit einer 
Tube und Parovarialcyste in hernia neben dem Hoden. 

11. Fall von Stonham: siehe Gruppe I Fall 32: Uterus neben 
Hoden. 

12. Fall von Thiersch. Bei einem 22jährigen Hypospaden links- 
seitiger Leistenschnitt mit unbewußter Amputation der linken 
Tube. Tod an Peritonitis: Uterus bicornis, Vagina mündet in 
urethram. Kryptorchismus unilateralis. 

13. Fall von Winkler: Herniotomie rechterseits. Später Bruch- 
recidiv, Bauchschnitt, im 25. Jahre Tod an Peritonitis. Uterus 
bicornis mit Tuben und Vagina, linke Tube im Leistenkanal, 
beide Hoden in der Bauchhöhle, Vagina mündet in urethram. 



— 416 — 

Anhang: Fall von Garr6: angeblieh Hoden und Ovarium in 
einer Leistenhernie gefanden bei einem als Mann erzogenen 
Individuum. 

Vierte Gruppe: 
45 Einzelbeobachtungen betreffend 32 Fälle von Coincidenz 
gut oder bösartiger Neubildungen vorherrschend der Ge- 
schlechtsorgane mit Scheinzwittertum, 29 an Scheinzwittern 
vollzogene Bauchschnitte, 1 Nephrolithotomie, 1 Stein- 
operation bei Sitz des Steines in utriculo masculino. Auf 
diese 45 Beobachtungen kommen nicht weniger als 20 Fälle 
von erreur de sexe, 9 mal blieb das Geschlecht fraglich, 
darunter 5 mal trotz vollzogenen Bauchschnittes, ein einziges 
mal sollen Hoden- und Ovarialgewebe gleichzeitig 
vorgelegen haben in einer Geschlechtsdrüse (?) (Fall 
von v. Sal6n). 

1. Fall von Abel: Tod der 33jährigen Albertine R. an 
Peritonitis nach vaginaler Paraoentese einer vermeintlichen 
Haemtometra, die sich sub necropsia als sarkomatöse Cryptorchis 
sinistra erwies. Vagina vorhanden, man glaubte eine rudi- 
mentäre Portio vaginalis uteri im Scheidengrunde zu tasten. 
Erreur de sexe. 

2. Fall von Audain: 2 ovarielle Dermoide bei einem weib- 
lichen Scheinzwitter entfernt. Bedeutende Clitorishypertrophie. 

3. Fall von Bacaloglu und Fossard: Bauchschnitt bei der 
31 jähr. A. Lefrangois mit tötlichem Ausgange. Clitoris 8 
Centimeter lang, 5 Centimeter dick, Vaginalostium fehlte infolge 
Verwachsung der Schamlefzen miteinander. Weibliches Schein- 
zwittertum. 

. 4. Fall von Bazy: Gelegentlich einer Operation wegen Appen- 
dicitis bei einem 26 jähr. Fräulein männliches Geschlecht mit 
Hypospadiasis peniscrotalis konstatiert. Keinerlei Geschlechts- 
trieb bisher ausgesprochen. Erreur de sexe. 

5. Fall von Bock: Bauchsohnitt bei einem 21 jähr. Manne der 
bis zum 19. Jahre als Mädchen gegolten hatte. (Syphilis 
acquiriert). Vagina vorhanden, collum uteri getastet. 2 Teratome 
der Geschlechtsdrüsen, angeblich Ovarien, wahrscheinlich Hoden 
entfernt. Tod am 18. Tage an Pneumonie. Sub coitu Ejaku- 
lation aus 2 seitlich vom „Infundibulum" belegenen Oeffnungen. 
Hypospadiasis peniscrotalis, Hymen eingerissen. 

6. Fall von Carle: sub herniotomia Bauchhöhle zu diagnostischen 
Zwecken eröffnet (siehe: Gruppe III> Fall No. 3). 



— 417 — 



7. Fall von Chevreuil. Sanduhrförmiger angeblicher Ovarial- 
tumor sub necropsia der Anna Bergault entdeckt, teils in 
der Bauchhöhle belegen, teils durch einen Leistenring in eine 
Schamlefze hineingetrieben. Clitorishypertrophie. (Geschlecht 
fraglich). 

8. Fall von Clark: Die Nekropsie einer Frau nach Nephrolitho- 
tomie wies eine Erreur de sexe nach, ein Hoden in scroto 
fisso, der andere im Leistenkanal. 

9. Fall von Delageniere: Bauchschnitt bei einem Mädchen um 
die blind endende Vagina mit dem Uterus zu vernähen. Kein 
Uterus gefunden, aber 2 atrophische Hoden in der Bauchhöhle. 
Erreur de sexe. 

10. Fall von Engelhardt: Als Todesursache des 59jährigen 
Witwers Karl Menniken wurde Carcinoma uteri sub necropsia 
gefunden. Ovarium vorhanden. Vagina mündete in Urethra. 
Clitoris hypertrophisch, von der Harnröhre durchbohrt. Erreur 
de sexe. Der Mann hatte in seiner Ehe mit der Gattin zu 
deren Zufriedenheit kohabitiert, obgleich er selbst ein verkanntes 
Weib war. 

11. Fall von Fehling. Bei einem 21 jähr. Mädchen erst Fehl- 
diagnose einer Haematometra, nach vergeblicher Paracentese 
Diagnose richtig auf Tumor eines Ovarium gestellt bei inguino- 
labialer Ektopie des anderen. Myxosarcom des linken Ovariums 
durch Bauchschnitt entfernt, rechtes Ovarium und Tube in die 
Bauchhöhle hineingezogen. Clitoris hypertrophisch und erectil. 

12. Fall von Gruber: 22 jähr. Mädchen an Carcinom einer Ge- 
schlechtsdrüse verstorben. Vagina und Uterus vorhanden, die 
andere Geschlechtsdrüse ein Hoden. Erreur de sexe, 
Ery ptor chismus . 

13. Fall von Gunkel. Ein Mädchen mit männlichem Geschlechts- 
trieb wegen Incest angeklagt wird nach Untersuchung für einen 
männlichen Scheinzwitter erklärt, erhält aber die Erlaubnis auch 
ferner weibliche Kleider zu tragen. Im 50. Jahre Tod. Sektion 
erweist Erreur de sexe. Ovarien, myomatöser Uterus 
mit Tuben, Vagina mündet in capite gallinaginis urethrae. 
Prostata vorhanden, Clitoris hypertrophisch, penisartig von der 
Urethra durchbohrt bis an eine Stelle 2 1 /» Centimeter nach 
rückwärts von der normalen männlichen Harnröhrenöffnung 
belegen. 

14. Fall von Hall: Carcinoma ovarii unius durch Bauchschnitt 
entfernt bei einem 17 jähr, weiblichen Scheinzwitter. Clitoris 
hypertrophisch. 



Jahrbuch V. 



27 



— 418 — 

15. Fall von Hansemann: Die Sektion der 32 jähr., lange Jahre 
hindurch verhreiatet gewesenen Kristine Book fleisch, 
verstorben an Blasenkrebs, ergibt eineErrenr de sexe. Hypo- 
spadiasis peniscrotalis mit Hoden und Nebenhoden jederseits in 
scroto. Keine Vagina vorhanden, Urethra 10,5 Centimeter lang, 
ließ den kleinen Finger in die Blase ein. Beischlaf als Frau. 

16. Fall von Howitz: Sektion eines 49jährig«n Mädchens nach 
letal verlaufenem Bauchschnitte mit Amputation eines fibroma- 
tösen Uterus. Vagina vorhanden. Clitoris 6 Centimeter lang. 
Die mandelgroßen Geschlechtsdrüsen von Chiowitz für rudi- 
mentäre Ovarien gehalten. Beweis fehlt. Gesohlecht fraglich 
trotz Mikroskop. 

17. Fall von Dixon-Jones: Diagnostischer Bauchsohnitt einer 
beiderseitigen Herniotomie hinzugefügt bei Erreur de sexe 
(siehe Gruppe I, Fall 14). 

18. Fall von Kapsammer: Unicum! Nitze entfernte operativ 
bei einem 30jährigen Manne einen Harnstein von 165 Gramm 
aus dem Utriculus masculinus. Pseudoherm. masculinus internus. 

19. Fall von Kr ab bei: Bauchsohnitt bei einem 32 jähr. Manne er- 
gab einen Ovarialtumor, also Erreur de sexe. Clitoris 
hypertrophisch, Vagina vorhanden, Uterus klein, das rechte 
Ovarium normal. linksseitiger Ovarialtumor ein multilokulaeres 
Cystom. Nach Vj 2 Jahren zweiter Bauchschnitt mit Entfernung 
eines Teratoms von sarkomatösem Bau. 

20. Fall von Krug: Ovariotomie bei einem 19jährigen Mädchen. 
Clitoris 2 Zoll lang, 2 Ovarialsarkome. Uterus und Vagina 
rudimentär. Weibliches Scheinzwittertum. 

21. Fall von Lesser: Tod eines 25jährigen Mädchens durch Ver- 
blutung infolge von Platzen eines Alveolarsarkoms, von Lesser 
auf den Uterus bezogen. Sektion: Keine Ovarien gefunden, 
Vagina vorhanden, Clitoris 5,5 cm lang. Geschlecht fraglich. 

22. Fall von Levy: 16jähriges Mädchen, Anna Schulze, mit 
hypertrophischer erectiler Clitoris und Tumoren der Geschlechts- 
drüsen. Geschlecht fraglich. 

23. Fall von E. Levy: Bauchschnitt bei einem 20jährigen Mädchen 
durch v. S a e x i n g e r. Tod nach unvollendeter, wegen Blutung 
abgebrochener Operation. Clitoris 5,8 cm lang, erectil. Uterus 
und Vagina vorhanden. Sektion ergab 2 Sarkome der Ge- 
schlechtsdrüsen. Es war weder Hoden- noch Ovarialgewebe 
gefunden worden. Geschlecht fraglich. 

24. Fall von Lieb mann: Elastischer Tumor in der linken Leiste 
einer 45jährigen Frau, die mit 25 Jahren einen 66jährigen Mann 






— 419 — 



heiratete. Keine Spur von Uterus, Vagina, Ovarien zu ent- 
decken. Geschlecht fraglich. 

25. Fall von Litten: Die 16jährige Klara Hackerwegen Bauch- 
tumor aufgenommen, man schwankte ob Mädchen oder Knabe. 
Clitoris 5,5, sub erectione 10 cm lang. Uterus und Vagina 
vorhanden. Nach Paracentese Tumor für ovariell erklärt, die 
Gebilde in den Schamlefzen für Hoden entgegen Virchow, 
der sie für ektopische Ovarien hielt. Nekropsie: Myxosarcom 
des rechten Ovariums, linkes glattwandig klein. Die Gebilde 
in den Schamlefzen ein Haemato- resp. Hydrocele processus 
vaginalis peritonaei. Weibliches Scheinzwittertum. 

26. Fall von Merkel: Sektion eines 63jährigen an Carcinoma rect. 
verstorbenen Mannes ergab die Gegenwart eines Uterus und 
einer Vagina. Normales Sperma, normaler Beischlaf mit der 
Gattin. 

27. Fall von Mies: Die 66jährige Else G. wegen Unterlippen- 
krebs aufgenommen. Die Seltenheit dieser Krebslokalisation 
bei Frauen sowie diverse männliche Erscheinungen erweckten 
den Verdacht einer Erreur de sexe. Männlicher Schein- 
zwitter mit Hypospadiasis peniscrotalis, Hoden und Nebenhoden 
in scroto fisso, Prostata. 

28. Fall von F. Neugebauer: Carcinoma uteri et ovarii sinistri 
bei der 56jährigen Anastasia K. Clitoris 3 l / a cm lang. 
Weibliches Scheinzwittertum. 

29. Fall von Neugebauer: Bauchschnitt bei einer 35 jähr, als 
Frau verheirateten Person von männlichem Aussehen. Niemals 
Periode, Scheide rudimentär, Sarkom einer Geschlechtsdrüse, 
die andere Geschlechtsdrüse nicht zu finden. Geschlecht fraglich. 

30. Fall von Obolonsky: Sektion einer 50jährigen Arbeiterin er- 
wies Erreur de sexe. Vagina, Uterus bicornis, Kryptorchis- 
mus bilateralis, Sarcoma testiouli dextri. Hypospadiasis peni- 
scrotalis. 

31. Fall von Paton: Bei einem Bauchschnitte fand man bei einem 
20jährigen jungen Manne einen, Uterus, pyosalpinx duplex pro- 
fluens, eine in scroto fisso mündende Vagina; die Urethra mün- 
dete in die Vagina. Uterus und linksseitige Tube samt an 
Stelle des Ovarium liegendem Hoden entfernt. Hypospodiasis 
peniscrotalis mit Kryptorchismus. Noch kein Geschlechtstrieb. 
Unioum. 

32. Fall von Pfannenstiel: Bauchschnitt bei einem 55jährigen 
Mädchen Chr. Schm.: Clitoris 3, sub erectione 5 cm lang. 
Vagina und Uterus vorhanden. Uterus wegen Fibromen am- 

27* 



— 420 — 

putiert. Tuben stark verlängert. Die exstirpierten Geschlechts- 
drüsen als Ovarien angesprochen aber ohne Nachweis ovariellen 
Baues. Geschlecht fraglich trotz Mikroskop. Melancholie. 

33. Fall von P6an: Diagnostischer Bauohschnitt nach beiderseiti- 
gem Leistenschnitt bei einem Knaben: Erreur de sexe. Ab- 
tragung der Uterusadnexa. (siehe Gruppe II. No. 2). 

34. Fall von Primrose: Tod eines 25jährigen Kryptorchisten 
nach Entfernung eines Hodensarkomes durch Bauchschnitt. 
Nekropsie: Uterus entdeckt. Vagina mündet in capite gallina- 
ginis urethrae. 

35. Fall von Quisling: Appendicitisanfälle bei einem angeblich 
weiblichen 27jährigen Scheinzwitter mit Uterus und Vagina, 
Clitoris 4 Centimeter lang, Masturbation, weiblicher Geschlechts- 
drang. (Geschlecht fraglich?) 

36. Fall von E. v. Sal6n: Bauchschnitt bei der 43 jähr, unverehe- 
lichten Auguste Persdotter mit Entfernung eines grossen 
Cystofibrom (des Uterus?) und der Geschlechtsdrüsen: linke 
Geschlechtsdrüse ein Ovarium, die rechte soll (Ovotestis) ova- 
rielle und testiculaere Struktur aufgewiesen haben. Uterus 
und Vagina vorhanden, Clitoris 5 Centimeter, Beischlaf mit 
Männern schmerzhaft, mit Frauen nicht versucht. 

37. Fall von Snegirjow: Diagnostischer Bauchschnitt einer 
beiderseitigen Herniotomie mit Kastration hinzugefügt. Erreur 
de sexe.. (Siehe Gruppe I Fall 30). 

38. Fall von Sorel u. Chßrot. Bauchschnitt bei der 36jährigen 
Aline C. Carcinom des Blinddarmes. Clitoris 6 Centimeter 
lang, erectil, Geschlechtsdrang männlich, aber Beischlafver- 
suche mißglückten. Tod. Nekropsie: Mangel der Vulva, 

Vagina, der Hoden und Ovarien, Utriculus masculinus gefunden. l 

Geschlecht fraglich. 

39. Fall von Stimson: Bauchschnitt bei einem 46jährigen Neger, 
der Vater war. Sarkom des linken Bauchhodens, der rechte in 
scroto non fisso unterhalb eines Leistenbruches. Uterus bicornis 
mit beiden Tuben. 

40. Fall von Stroebe: Sektion eines 63jährigen an Carcinoma 
oesophagi verstorbenen Mannes. Kryptorchismus beiderseits. 
Ausgebildeter* Uterus mit beiden Tuben und Vagina, in die 

capite gallinaginis urethrae mündet. Penis normal, Sero tum i 

leer. Der Mann war kinderlos verheiratet gewesen. ; 

41. Fall von Unterberger: Bauchschnitt bei einem 14jährigen 
Mädchen: Diagnose Ovarialsarkom trotzdem die Scham das 
Aussehen einer Hypospadiasis peniscrotalis bot. Mannskopf- 



421 



großes Sarkom der linken Geschlechtsdrüse, Uterus vorhanden 
Vagina öffnet sich wahrscheinlich in urethram, rechtsseitige 
atrophische Geschlechtsdrüse für Ovariuin gehalten, aber ohne 
mikroskopischen Beweis. Geschlecht zweifelhaft. 

42. Fall von Westermann: Sektion eines 30jährigen an Appen- 
dicitis ulcerosa verstorbenen Mädchens: Erreur de sexe. 
Hypospadiasis peniscrotalis, Kryptorchismus beiderseits, Uterus 
mit Tuben und Vagina vorhanden. 

43. Fall von Win ekler: Bauchschnitt wegen Darmocclusion bei 
einem 56jähr, männlichen Scheinzwitter: Uterus sub nekropsia 
entdeckt. (Siehe Gruppe III No. 12). 

44. Fall von Zahorski: Bauchparacentese wegen Bauchtumor 
bei einem 25jährigen Dienstmädchen. Tod an Erschöpfung. 
Sarkom der linken Geschlechtsdrüse, rechte klein, flachgedrückt, 
Uterus und Vagina vorhanden. Clitoris S x l 2 Centimeter lang. 
Geschlechtsdrüsen für Ovarien angesehen ohne mikroskopische 
Untersuchung. Geschlecht zweifelhaft. 

45. Fall von Pozzi u. Magnan: Bei einem verheirateten Manne 
ein Bauchtumor entfernt, der sich als Ovarialtumor erwies. 
Erreur de sexe. 



Fünfte Gruppe: 

23 Fälle von teils ausgeführten, teils nur von dem Arzte, 
dem Scheinzwitter oder seinen Eltern verlangten chirur- 
gischen Eingriffen an den Genitalien mit Anschluss einiger 
Hypospadieoperationen bei männlichen Scheinzwittern. 

1. Amputation der hypertrophischen Clitoris bei den Stämmen 
der Ibbos und Mandingos im antiken Aegypten. 

2. Fall von Arn and: Verlangte aber vom Arzte abgeschlagene 
Amputation der hypertrophischen erectilen Clitoris bei einer 
35 jähr. Nähterin: angebliche Hämatokolpometra per rectum 
profluens bei unterem Scheidenversohluß, Eröffnung, Wieder- 
verschluß. Angeblich Hoden, Nebenhoden und Samenstränge 
in scroto fisso getastet. Nach 15 Jahren Tod, Nekropsie. 
Geschlecht fraglich. Fall aus dem 18. Jahrhundert. 

3. Fall von Mo. Arthur: Operation wegen Atresia ani bei einem 
neugeborenen Scheinzwitter fraglichen Geschlechts. Nekropsie: 
weibliches Scheinzwittertum mit Persistenz der Kloake. 

4. Fall von Aveling: Amputation der hypertrophischen Clitoris 
bei einer Frau nach Eonstatierung der Menstruation. 



— 422 

5. Fall von B6noit: Vergeblicher operativer Versuch bei einem 
27jährigen verlobten Mädchen, die angeblich verwachsene 
Scheidemttndung zu eröffnen. Erreur de sexe, Hypospadiasis 
peniscrotalis. Verlobung gelöst. 

6. Fall von Berendes: Amputation der angeblichen hypertrophi- 
schen Clitoris bei einem 4jährigen Mädchen auf Verlangen der 
Eltern, später von Landau Erreur de sexe, männliches 
Scheinzwittertum konstatiert Verlobung gelöst (siehe Neu- 
gebauer: dieses Jahrbuch für 1902: Gruppe IV. Fall 4). 

7. Fall von Bittner: Die Mutter eines 14jährigen Mädchens ver- 
langte durchaus, Bittner solle die 5 l / 2 Centimeter lange Clitoris 
amputieren, wurde aber abschlägig beschieden wegen Erreur 
de sexe. Hypospadiasis peniscrotalis. Vagina vorhanden, 
vielleicht auch Uterus. Harnröhrenöffhung weiblich, früher 
von Dr. Busch künstlich erweitert. An der Spitze derGlans 
penis öffnet sich ein Kanal, welcher eine Sonde 5 Centimeter 
tief einlässt, schleimgefüllt. Es scheint aber nur die basale 
Partie des Penis, resp. nur das Scrotum gespalten zu sein, eine 
seltene Form der Hypospadie. 

8. Fall von Blond el: 45jährige Frau seit 18 Monaten verheiratet. 
Beischlaf stets schmerzhaft aber libidinös, früher mehrere Be- 
werber abgewiesen wegen befürchteter Kinderlosigkeit einer 
Ehe wegen genitaler Mißstaltung. Ein Sturz vor 6 Monaten 
führte zur Entstehung eines beiderseitigen Leistenbruches. Der 
jetzt erst im 45. Jahre erfolgte Deoensus testiculorum retar- 
datus führte zur Erkenntnis einer Erreur de sexe. Hypospa- 
diasis peniscrotalis mit Vagina, noch unzerrissenem rigiden Hymen, 
der incidiert werden sollte mit nachfolgender plastischer Er- 
weiterung der Vagina. Penis fissus sub erectione 6—7 Centi- 
meter lang. Hoden und Nebenhoden in den Schamlefzen getastet. 
Vagina eng, ohne Uterus (?). Geschlechtsdrang absolut weiblich. 

9. Fall von Realdo Colombo: Amputation der Clitoris ab- 
geschlagen bei einer Aethiopierin, die weder mit Männern noch 
mit Frauen bequem sexuell verkehren konnte. Wahrscheinlich 
männlicher Hypospade mit rudimentärer Vagina, deren künst- 
liche Erweiterung verlangt wurde. Geschlechtsdrang wohl 
weibüch. 

10. Fall von Coop: Discision einer Schamlefzenverwachsung bei 
einer 24jährigen verheirateten Frau, einem Scheinzwitter, er- 
möglichte den Beischlaf. 

11. Fall von Coste: Bei einem weiblichen Scheinzwitter, einem 
21jährigen Mädchen, welches heiraten wollte, Beischlaf ermöglicht 



— 423 — 

durch Durschneidung einer Atresie mit teilweiser Spaltung der 
Urethra. In der so eröflheten Vagina ein collum uteri ge- 
tastet. Amputation der hypertrophischen Clitoris. Die Vagina 
mündete in urethram. Hochzeit, Beischlaf gelingt Periode 
tritt ein. 

12. Fall von Duval: Behufs verlangter Ehescheidung vom Forum 
ecclesiasticum verfügt: falls Amputation der angeblichen hyper- 
trophischen Clitoris gestattet wird von der Frau, soll die Ehe 
fortbestehen. Die Frau geht darauf nicht ein, Ehe geschieden, 
Erreur de sexe. Männlicher Scheinzwitter, ein Hypospade, 
war als Frau verheiratet gewesen. 

13. Fall von Hartmann: Auf Verlangen der Mutter Amputation 
der angeblichen hypertrophischen Clitoris wegen Masturbation 
bei einem 7jährigen Mädchen. Clitoris kleinfingergroß, sub 
erectione noch größer. Vagina und Uterus vorhanden. Geschlecht 
fraglich, möglicherweise Hypospadiasis peniscrotalis mit 
KryptorcMsmus, Vagina und Uterus. 

14. Fall von Hector le Nu: Vom Vater Amputation der angeb- 
lichen hypertrophischen Clitoris bei der 6 jähr. Tochter verlangt, 
aber abgeschlagen, weil männlicher Scheinzwitter. Erreur 
de sexe. 

15. Fall von Huguies: Die 20 jähr. Louise D. sollte heiraten, 
Menstruation vorhanden, Clitoris 5 Centimeter lang, erectil, 
Schamlefzen, verwachsen mit einander, täuschen ein leeres 
Scrotum vor. Discision bei zutreffender Diagnose. Beischlaf 
ermöglicht. Erfolg genügend. 

16. Fall von B 6 c 1 a r d u. Anderen : Weiblicher Scheinzwitter Maria 
Magdalena Le fort mit erectiler hypertrophischer Clitoris und 
partieller Verwachsung der Schamlefzen mit einander. Discision , 
verweigert. 

17. Fall von Virchow: Katarina, der spätere Karl Hohmann, 
ein männlicher Scheinzwitter, angeblich menstmierend. Penis 
hypospadiaeus, Scrotum teilweise gespalten. Billroth schlug 
die Durchschneidung der Schamlefzenverwachsung vor, um den 
Aditus ad vaginam bloßzulegen. Operation verweigert. Bei- 
schlaf mit Männern und mit Frauen. Vom 16. — 20. Jahre nur 
männlicher Geschlechtsdrang, nach dem 20. Jahre weiblicher, 
nach dem 40. Jahre heiratete Karl, früher Katarina Hoh- 
mann, ein Mädchen. 

18. Fall von Keiffer. Hysteroekpetasis wegen intermittierender 
Amenorrhoe und Dysmenorrhoe bei einem 25 jähr. Mädchen 



— 424 — 

Josephine X. — Hypertrophische, erectile Clitoris, Geschlecht 
fraglich, eher weiblich als männlich. 

19. Fall von P6an: Vergeblicher Einschnitt zwischen Urethral- 
nnd Analmündung im Bestreben eine Vagina zu schaffen bei 
einem irrtümlich als Knabe erzogenen Mädchen. (Siehe Gruppe 
H No. 2.) 

20. Fall Roux: Verheiratete Frau mit beiderseitiger labialer 
Ovarialektopie und teilweiser Schamlefzenverwachsung wurde 
durch Discision der Verwachsung beischlafsfähig. Das weib- 
liche Geschlecht nur vermutet. 

21.* Fall von Sonnenburg: Durchschneidung einer Schamlefzen- 
verwachsung bei einem Mädchen mit hypertrophischer Clitoris. 

22. Fall von Tauber: Amputation des Penis hypospodiaeus bei 
einem 23jährigen männlichen Schemzwitter, der bis zur Kastra- 
tion (Hoden) vor 2 Jahren als Mädchen galt und mit einem 
Manne verlobt war, jetzt einem männlichen Kastraten (siehe 
Gruppe IV. Fall 7). 

23. Fall von Vincent: Bei einem mit Defectus ani eturethrae ge- 
borenem Kinde zweifelhaften Geschlechtes ein Anus coccygeus 
angelegt. Lebensrettender Eingriff. Geschlecht fraglich. 

Anhang. 

Sechste Gruppe. 

Auf die Beseitigung der peniscrotalen Hypospadie ge- 
richtete Operationen. 

1. Beck, 2. Brand, 3. Castellana, 4. Fälizet, 5. Garre, 
6. Krajenoski, 7. Malthe, 8. Marwedel, 9. Thiersch, 
10. Tuffier, 11. Villemin, 12. Waitz. 



425 



Brief Wolfgang von Goethes 
über die mannmännliche Liebe in Rom. 

Dr. P. I. Möbius übersandte uns zur Veröffentlichung 
im Jahrbuch folgenden bisher wenig bekannten Brief 
Goethes, welcher für den vorurteilsfreien Blick des großen 
Mannes auch in dieser Hinsicht Zeugnis ablegt. 

Am 29. December 1787 schreibt Goethe aus Rom 
an den Herzog von Weimar: 

„Mich hat der süße kleine Gott in einen bösen Weltwinkel 
relegiert. Die öffentlichen Mädchen der Lust sind unsicher 
wie überall. Die Zibellen (unverheurathete Mädchen) sind 
keuscher als irgendwo, sie laßen sich nicht anrühren und 
fragen gleich, wenn man artig mit ihnen thut: e che con- 
cluderemo? Denn entweder soll man sie heurathen oder 
verheurathen und wenn sie einen Mann haben, dann ist die 
Messe gesungen. Ja man kann fast sagen, daß alle ver- 
heuratheten Weiber dem zu Gebote stehn, der die Familie 
erhalten will. Das sind denn alles böse Bedingungen und 
zu naschen ist nur bey denen, die so unsicher sind als 
öffentliche Kreaturen. Was das Herz betrifft, so gehört 
es garnicht in die Terminologie der hiesigen Liebeskanzley. 
Nach diesem Beytrag zur statistischen Kenntniß des Landes 
werden Sie urtheilen, wie knapp unsere Zustände sein müssen 
und werden ein sonderbar Phänomen begreifen, das ich 
nirgends so stark als hier gesehen habe, es ist die Liebe 
der Männer untereinander. Vorausgesetzt, daß sie selten 
biß zum höchsten Grade der Sinnlichkeit getrieben wird, 
sondern sich in den mittleren Regionen der Neigung und 
Leidenschaft verweilt: so kann ich sagen, daß ich die 
schönsten Erscheinungen davon, welche wir nur aus grie- 
chischen Überlieferungen haben (S. Herders Ideen III. Band 
pg. 171) hier mit eigenen Augen sehen und als ein aufmerk- 
samer Naturforscher das psichische und moralische davon 
beobachten konnte. Es ist eine Materie, von der sich kaum 
reden, geschweige schreiben läßt, sie sei also zu künftigen 
Unterhaltungen aufgespart." 

(Goethes Briefe. S. Band p. 314. Weimar 1890.) 




Felicita von Vestvali. 



Felicita von Vestvali. 

Von 
Rosa von Braunschweig. 



Das Quellenmaterial, welches uns zuverlässige Mit- 
teilungen aus dem Leben urnisch veranlagter Frauen 
bietet, ist bei weitem nicht so vielfältig als über ihre 
männlichen Genossen. Nicht etwa, weil diese eigenartige 
Veranlagung bei Frauen weniger verbreitet wäre — es 
kommt weit öfter vor als man ahnen kann — sondern 
weil sich die Frauen eine größere Zurückhaltung auf- 
erlegen. Es ist dies eine Folge ihrer Erziehung, denn 
schon als Kinder werden die Mädchen zu größerer Scham- 
haftigkeit erzogen als die Knaben, und dieses sensible 
Empfinden hindert sie später, wenn der sexuelle Trieb in 
seine Rechte tritt, sich zu decouvrieren. 

Zwar bedroht in Deutschland die homosexuelle Liebe 
zwischen Frauen kein Gesetzparagraph, doch gesellschaft- 
lich leiden sie vielleicht noch mehr unter dem Vorurteil 
als die Männer, da ihre Neigung von der unwissenden 
Menge meist als niedere Sinnlichkeit gebrandmarkt wird. 
Wie anders wäre es, wenn die Eltern sich über das Wesen 
der Homosexualität aufklären ließen und erkennen lernten, 
daß dieselbe etwas von der Natur Gegebenes ist. Leicht 
würden sie dann schon im Kinde die eigenartige Ver- 
anlagung erkennen ; wenn z. B. die Mädchen mehr Inter- 
esse für knabenhafte Spiele haben, als für ihre Puppen, 



— 428 — v 

und sich bei der späteren Entwickelung des Charakters 
deutliche Spuren einer männlichen Richtung zeigen. Bricht 
dann schließlich — durch irgend einen nebensächlichen 
Umstand veranlaßt — die homosexuelle Neigung deut- 
licher durch, so könnten die Eltern manche Unbesonnen- 
heit der Tochter zum Guten lenken. Wie oft treibt man 
Mädchen gegen ihren Willen in eine Ehe, durch die sie 
nicht allein sich, sondern noch einen zweiten unglücklich 
machen. Lernten es die Eltern, aus den ihrem Geschlecht 
widersprechenden Charaktereigentümlichkeiten ihrer Kin- 
der auf deren sexuelle Veranlagung richtig zu schließen 
und diese mit mildem Sinn gerecht beurteilen, so würde 
viel Unheil in der Welt verhütet werden. 

Daß die urnische Veranlagung keineswegs den 
Charakter verdirbt oder minderwertig macht, m beweisen 
unzählige Beispiele. Vereinigt der weibliche Urning doch 
meist mit spezifisch weiblichen Eigenschaften, wie Zart- 
heit der Empfindung und Gefühlstiefe, zugleich männliche 
Energie, Tatkraft, zielbewußtes Wollen und ist frei von 
der Kleinlichkeit, Eitelkeit und Unselbständigkeit der 
Frauen, während anderseits ihm allerdings auch oft Sinn- 
lichkeit und Leichtsinn des Mannes bescheert sind — doch 
vollkommene Geschöpfe sind schließlich die hetero- 
sexuellen Menschenkinder auch nicht. Jedenfalls bildet 
der Verein männlicher und weiblicher Eigenschaften — 
unter günstigen Bedingungen entwickelt — sehr oft 
Wesen, deren Begabung die der Mutterweiber weit über- 
flügelt, und sie leisten in Kunst und Wissenschaft der 
Menschheit oft ebenso wertvolle Dienste, als die der 
Fortpflanzung des Menschengeschlechtes dienenden Frauen. 

Zu diesen außergewöhnlichen Geschöpfen gehörte 
Felicita von Vestvali. Sie hat die alte und neue Welt 
mit ihrem Ruhm erfüllt und nicht zum geringsten Teil 
dankte sie es ihrer urnischen Natur, daß sie mit männ- 
licher Energie alle Hindernisse zu überwinden wußte und 



— 429 — 

ihr unbegrenztes Streben siegreich das hohe Ziel erreichte, 
zu dem ihr Genie sie prädestinierte. 

Vielfach ist behauptet worden, sie sei ein weiblicher 
Zwitter gewesen. Die Anfeindungen, die sie von den 
Herren der Schöpfung erfuhr, waren zahllos, und man 
scheute keine Verdächtigung, um sie herabzusetzen. Diesem 
gegenüber wollen wir mit aller Bestimmtheit erklären, 
daß alles, was über diesen Punkt gefabelt worden ist, 
in's Reich der Märchen gehört. Sie ist sogar Mutter 
einer Tochter, welche heute noch in Amerika lebt. 

Es gehört eben nicht zu den Seltenheiten, daß ganz 
homosexuelle Frauen ihr Wesen erst erkennen, nachdem 
sie durch einen Mann in die Mysterien der Liebe einge- 
weiht sind. So erging es Felicita von Vestvali. Als 
sie aber näher aufgeklärt war, hätte sie — wie viele 
urnische Frauen — einen ferneren intimen Verkehr mit 
einem Mann als eine Unmoralität betrachtet, da er ihrem 
innersten Empfinden auf das Entschiedenste widersprach. 
Allerdings fühlte sie oft mit tiefem Schmerz den Konflikt, 
in den sie dadurch mit den bestehenden Gesetzen der 
Sitte geriet, aber die Wahrheit gegen sich selbst stand 
ihr höher, als ein Sittenkodex, der ohne Rücksicht auf 
das dritte Geschlecht gemacht ist, dessen Dasein nun 
einmal nicht weggeleugnet werden kann und über welches 
die Menge aufzuklären sich jetzt hervorragende Männer 
der Wissenschaft bestreben. 

Felicita von Vestvali's wirklicher Name war Anna 
Marie Stägemann. Sie war die jüngste Tochter eines 
höheren Beamten in Stettin und dort am 25. Februar 
1829 geboren. Die Eigenartigkeit ihres Wesens trat 
schon früh hervor. So wünschte sie als Kind — Missions- 
prediger zu werden. Wenn das Schulzimmer im elter- 
lichen Hause leer war, schlich sie sich hinein, stellte sich 
aufs Katheder und predigte mit einer über ihr Alter 
hinausgehenden Begeisterung, wie sie die Menschen 



— 430 — 

bessern wolle. Ihr Vater hörte ihr einst vom Garten 
aus zu und umarmte dann tränenden Auges sein Kind. — 
Zu anderen Zeiten tollte sie wieder mit ihren Brüdern 
um die Wette, wie der wildeste Junge. 

Furchtlosigkeit und Edelmut war ein Grundzug ihres 
Wesens bis zu ihrem Tode, und diese Eigenschaften zeigten 
sich schon in ihrer Kindheit Sollte eines der Geschwister 
von dem sehr strengen Vater bestraft werden^ dann trat 
sie nicht selten vor und nahm die Schuld auf sich. Als 
sie das Theater kennen lernte, erwachte in ihr der glühende 
Wunsch Schauspielerin zu werden, doch wie so oft 
wollten auch ihre Eltern absolut nichts davon wissen und 
kurz entschlossen enfloh sie in Knabenkleidern. Bei 
einer herumziehenden Schauspielgesellschaft Brökelmann 
fand sie ein Engagement. Der Direktor, ein alter Theater- 
praktikus, erkannte sehr bald das hervorragende Talent 
des jungen Mädchens und wollte dasselbe für längere 
Zeit an seine Bühne fesseln. Felicita oder Marie, wie 
sie damals noch hieß, zog es jedoch bald aus den klein- 
lichen Verhältnissen fort, sie fand in Leipzig ein Engage- 
ment und hier wurde sie Proteg^e der berühmten 
Wilhelmine Schröder -Devrient. Unter deren Leitung 
sang sie dort recht erfolgreich Partien wie Agathe, 
Regimentstochter und schließlich sogar Norma. Ihr dem 
Höchsten zustrebender Geist fühlte aber den Mangel 
wirklichen Könnens; was das Publikum entzückte, war ihre 
jugendfrische Stimme. Um gründliche Gesangsstudien zu 
machen, begab sie sich nach Paris an das dortige Konser- 
vatorium. Sie studierte mit unermüdlichem Eifer, aber 
daneben genoß sie auch das Leben mit vollen Zügen. 
Hier war es auch, wo sie durch eine Freundin über ihre 
urnische Veranlagung aufgeklärt wurde. So sehr nun 
auch ihre nach Lebensfreude dürstende Natur Liebes- 
glück verlangte, so war ihr dasselbe doch stets nur eine 
Blume, welche ihren Lebenspfad schmückte, der Kern 




In Straßentoilette. 




— 432 — 

ihres Strebens galt ihrem Beruf. So ergriff sie ein ^ 

Anerbieten zu einer größern Konzerttournee, ehe sie ihre I 

Studien vollendet hatte. Diese Tournee, die sie auch auf 
die Insel Jersey führte, wurde dort jäh unterbrochen, da 
der Impresario mit der Kasse das Weite suchte. Kurz 
entschlossen ließ sich unsere junge Künstlerin dort als 
Gesangslehrerin nieder und spielte Sonntags in der Kirche 
Orgel. Ihr Unternehmungsgeist, vereint mit ihrer jugend- 
schönen Erscheinung, verhalfen ihr zu einem glänzenden i 
Erfolge, und schon nach einem Winter war sie in der 
Lage, ihre Gesangsstudien bei Mercadante in Neapel 
wieder aufzunehmen. Unter seiner Leitung entwickelte 
sich ihre Stimme zu einem Kontra- Alt von so phänomenaler 
Tiefe, daß spekulative Impresarien ihr rieten, Tenor- 
partien zu studieren, aber die Ärzte erklärten, ihre Stimme 
würde dies Experiment höchstens 10 Jahre aushalten. 
Das war zu wenig für ihren Ehrgeiz. Um nun ihre 
schwere Stimme auch für den leichten Gesang gefügig 
zu machen, ging sie noch zu dem in Florenz lebenden 
berühmten Gesangsmeister Romani und trat bald darauf 
zum ersten Mal öffentlich auf in der Scala zu Mailand, ^ 
gelegentlich der ersten Aufführung von Verdi's „Tro- ! 
vatore" als „Azucena". Sie nahm nun den Namen 
Felicita von Vestvali an. Ihre nächsten Rollen waren i 
„ Romeo* 4 in Bellini's „Romeo und Julia" und „Tancred*. j 
Ihr Erfolg war ein grandioser. Dann sang sie in ver- j 
schiedenen Konzerten in London und wurde von der \ 
dortigen Aristokratie so ausgezeichnet, wie wenig Sänger- 
innen vor und nach ihr. Im Hause von Lord und 
Lady Palmerston verkehrte sie wie eine Freundin. 

Das Land ihrer Sehnsucht war jedoch Amerika und im 
Jahre 1854 schiffte sie sich dorthin ein. Die Yankees trieben 
gleich nach ihrem ersten ^Auftreten einen förmlichen \ 

Kultus mit ihr, man verglich ihre Erscheinung mit der 
amerikanischen Freiheitsgöttin und nannte sie: Vestvali, 



— 433 — . 



the Magnificent! In New-York erhielt sie eine Monats- 
gage von 10,000 Franks. Nun folgte eine Tournee durch 
sämtliche große Städte der Union. 

In Mexiko war die berühmte Sängerin Henriette 
Sonntag, welche die Direktion des dortigen National- 
theaters leitete, gestorben und man bot der Vestvali das 
Theater mit einer jährlichen Subvention von 45000 Dollars 
an. Sie reiste nach Europa, um sich eine auserlesene 
Gesellschaft zusammen zu stellen. Als sie mit derselben 
in Mexiko eintraf, war die ganze Stadt wie zu einem 
Nationalfest geschmückt, der damalige Präsident Caminfort 
empfing sie mit den Spitzen der Behörden, man machte 
ihr 6 herrliche Pferde zum Geschenk, gab ihr im Palast 
Iturbid ein großes Fest, und brachte ihr einen Fackel- 
zug. Wahrlich Ehrungen, wie sie wohl selten einer Frau, 
einer Künstlerin zuteil geworden. 

Auf ihre große Beliebtheit pochend, machte sie in 
Mexiko das Experiment, den „Figaro" im „Barbier von 
Sevilla" in spanischer Sprache zu singen. 

Als später die Revolution ausbrach, konnte man ihr 
die ganze Subvention nicht auszahlen und gab ihr ein 
Stück Landes, welches noch heute nach ihr den Namen 
führt. 

Des aufreibenden Lebens müde, kehrte sie nach 
Italien zurück, um sich zu erholen. Allein ihr blieb nur 
kurze Ruhezeit. Das neue Theater in Piacenza wurde 
eingeweiht und man ersuchte sie, in der Vorstellung mit- 
zuwirken. Dann bot sich ihr ein Engagement an der 
großen Oper in Paris, wo sie mit mehreren hervor- 
ragenden Sängerinnen, so auch der bekannten Tietjens, 
in Konkurrenz trat und alle besiegte. Kaiser Napoleon 
schenkte ihr sogar für ihren „Romeo" eine Rüstung aus 
gediegenem Silber. Zwei Jahre blieb sie in Paris, und 
in ihrem Salon vereinigte sich alles, was Anspruch machte 
in der literarischen Welt einen Namen zu haben, sowie 

Jahrbuch V. 28 



. — 484 — 

die Geburts- und Geldaristokratie. Viel schöne Frauen 
wetteiferten um die Gunst der Vestvali und mancher 
Ehemann hatte Grund, auf den schönen, ritterlichen 
Romeo eifersüchtig zu sein. 

Wieder zog es sie jedoch nach Amerika. Sie wollte 
dort Glucks „Orpheus" auffuhren. Felicita hätte aber 
den Geschmack der Amerikaner besser kennen sollen, 
die stilvolle, klassische Musikweise des Altmeisters Gluck 
war nichts für den Geschmack der Yankees. Das Unter- 
nehmen scheiterte. Zeit, Mühe, Geld waren verschwendet 
und erbittert zog sich die Vestvali auf eine Villa in der 
herrlichen Umgebung von St. Franzisko zurück. 

Zu ihrer Erholung studierte sie hier den „Hamlet", 
für den sie seit Jahren schwärmte. Sie führte das Buch 
auf allen Reisen mit sich und ebenfalls den „Romeo" 
des großen Briten, denn schon in der Oper hatte sie 
dem Bellinischen „Romeo" stets etwas Shakespeareschen 
Geist eingehaucht. 

Da erkrankte am Theater in St. Franzisko der erste 
Liebhaber, und man bestürmte die Vestvali, als „Romeo* 
aufzutreten. Der Mißerfolg vom „Orpheus" hatte ihr 
den Geschmack an der Oper genommen, und mit Be- 
geisterung ergriff sie die Gelegenheit zum Schauspiel 
überzugehen und diese ideale Jünglingsgestalt im Drama 
und in englischer Sprache zu verkörpern. Das Publikum 
bereitete ihr eine enthusiastische Aufnahme, wieder be- 
reiste sie die Städte der Union und abermals folgte ein 
Triumphzug ohne gleichen, zu den Rollen des „Romeo" 
und „Hamlet" hatte sie noch einige Männer- und Frauen- 
rollen genommen. 

Von dieser Zeit datierte auch eine Freundschaft mit 
einem Fräulein E. L., einer deutschen Schauspielerin, die 
bis zu ihrem Tod währte, und der sie den größten Teil 
ihres Vermögens vermachte, obwohl diese Verbindung 
ihr kein ungetrübtes Glück gewährte. 



— 435 



Im Jahre 1868 gastierte die Vestvali am Königl. 
Lyceum-Theater zu London. Sie spielte dort 20mal den 
„Hamlet" und 22mal den „Romeo", sowie den Petruchio 
(Bezähmte Widerspenstige). Auch hier wurden ihr her- 
vorragende Ehrungen zu teil. Die Königin Viktoria em- 




Felicita von Vestvali 

als Petruchio in: 
„Die bezähmte Widerspenstige." 



pfing die Vestvali in Privataudienz. Lord Bulver ver- 
sicherte, nie eine geistvollere Wiedergabe des „Hamlet" 
gesehen zu haben und die englischen Zeitungen nannten 
sie den „weiblichen Kean". Die „Union of Art" in 

28* 



— 430 — 

London ernannte die Vestvali zum Ehrenmitglied, eine 
Auszeichnung, die sie von der „Santa Cecilie" in Rom 
schon lange besaß. 

Bisher hatte sie, die Deutsche, alle ihre Erfolge nur 
in fremden Sprachen erzielt. Sie hatte in italienischer, 
französischer und spanischer Sprache gesungen und in 
englischer Sprache im Drama gewirkt. Plötzlich regte 
sich aber der deutsche Geist in ihr und sie, die beide 
Hemisphären mit ihrem Ruhm erfüllt hatte, wollte auch 
in ihrem Vaterlande zeigen, was Genie mit unbezähm- 
barem Schaffensdrang und außergewöhnlicher Energie 
zu erreichen vermochte. 

Vielfach hatte man ihr abgeraten. Leider ist Deutsch- 
land ja das Land, wo man dem Außergewöhnlichen am 
wenigsten Berechtigung zugesteht, selbst wenn geistige 
und körperliche Vorzüge dasselbe rechtfertigen. Aber 
Vestvali ließ sich nicht abschrecken. In Hamburg trat 
sie zuerst als „ Romeo" in deutscher Sprache auf. Das 
große Publikum nahm sie sofort enthusiastisch auf, aber 
die Presse hatte viel zu nörgeln, so auch, daß ihre 
Aussprache etwas englischen Accent verriet. Sie arbeitete 
mit Eifer, sich die langentwöhnte Muttersprache wieder 
mundgerecht zu machen und schon als Hamlet war der 
Fehler beseitigt. In Leipzig schrieb der bekannte Kritiker 
Gottschall : 

„Der weibliche Hamlet. Gastspiel von 
Felicita von Vestvali. Bei ihrem gestrigen Debüt 
konnte man annehmen, daß wohl der größte Teil des 
Publikums nur der Absonderlichkeit willen und teilweise 
sogar mit dem Vorsatz gekommen waren, eine Dame, 
die so kühn war, den Hamlet zu spielen, mindestens 
— „abfallen" zu lassen. Als die Vestvali zuerst als 
Hamlet erschien, empfing man sie lautlos. Die edle 
Gestalt — die den König und viele andere mitspielen- 
den „Helden" an Größe der Gestalt, alle aber an 



437 — 



Noblesse der Haltung überragte, das ausdrucksvolle 
Gesicht zu Boden geheftet — entwaffnete schon das 
Vorurteil. Der zweite Zweifel fiel als sie zu sprechen 
begann — dieses sonore Altorgan, diese verständliche 
und dialektlose Deklamation zeigten die ihrer Aufgabe 
auch in dieser Beziehung gewachsene Künstlerin und 
der erste Akt war noch lange nicht zu Ende, als man 
ihr schon reiche Beifallsspenderi zuteil werden ließ, 
die sich bald in dem Maße steigerten, daß die Gastin 
am Schluß etliche 18 mal gerufen worden war. Ver- 
gessen war vor der Macht des Genies alles, was man 
vorher von den verschiedenartigsten Standpunkten aus 
gegen das Männerrollenspielen einer Frau hatte geltend 
machen wollen; der Eindruck, den dieser Hamlet her- 
vorbrachte, war ein gewaltiger. Frl. v. Vestvali gab 
ihn nicht bloß als sentimentalen Träumer, sondern sie 
brachte auch das energische Wollen, den drängenden und 
bohrenden Entschluß zur Tat und seine Schwankungen 
bis zum Augenblicke der Ausführung zu lebendiger 
Anschauung. Die bedeutendste Szene war vielleicht 
der Kampf am Grabe Ophelia's und das Hervorbrechen 
der Liebe zu ihr — und um neben der geistigen Auf- 
fassung auch das Technische nicht zu vergessen : fechten 
sahen wir auf der Bühne noch niemals besser." 

Frl. von Vestvali setzte ihr erfolgreiches Gastspiel 
in Leipzig als „Romeo*, „Elisabeth" in Laube's „Essex* 
und „Isabella* in „Braut von Messina" fort. Laube 
selbst erklärt sie als seine beste Elisabeth-Darstellerin. 

Von Leipzig aus eroberte sich die Vestvali durch 
ihr Gastspiel am National-Theater in Berlin — dasselbe, 
schon vor Jahren ein Raub der Flammen geworden, wird 
nur noch älteren Theaterbesuchern erinnerlich sein — 
die Gunst der Metropole und somit gewissermaßen erst 
volle künstlerische Anerkennung ihres Wertes für 
Deutschland. 



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in 
k 



— 438 — 

Ein gefürchteter Kritiker des Berliner Tageblattes 
schrieb damals: 

„National-Theater. Am 20. Januar: 
Hamlet, Prinz von Dänemark. Hamlet, Fräul. 
von Vestvali als Gast. 




Felicita von Vestvali 

als Hamlet. 



„Ein blonder Nordlandssohn, mit hellem Haar und 
frischer, gesunder Farbe", behäbig, schon ein wenig 
„embonpointiert" und darum von Haus aus hypochon- 
drischer Neigung — so der Hamlet Felicita von 
Vestvali's. Er ist mit Recht eine der berühmtesten 



— 439 — 



und ohne Zweifel eine der originellsten und genialsten 
Leistungen der gesamten Schauspielkunst — ja er steht 
einzig in seiner Art und Bedeutung da. 

Zur äußeren Verlebendigung eines weiblichen 
Hamlet hat Mutter Natur wohl Keine, Keine so glänzend 
begabt und specifisch „männlich" bemittelt, wie eben 
Felicita von Vestvali. Schon der ganze Gliederbau 
dieser Gestalt gemahnt an den — sogenannten — 
Herrn der Schöpfung. Dazu ein machtvolles Organ, 
das oft tiefer gestimmt scheint als ein Tenor. 

Was die geistige Auffassung der Rolle anlangt, 
so deuteten wir unsere Meinung schon an: von den 
zirka zwei Dutzend Hamlete, welche wir im Laufe 
der Jahre sahen, ist der unserer Gastin jedenfalls der 
originellste gewesen — auch hier nicht vom Äußer- 
lichen gesprochen, sondern lediglich vom Intellektuellen, 
nicht von der Schale, sondern vom Kern der Leistung." 

Auch aus Wien liegt uns noch der Ausspruch einer 
der beliebtesten Dichter Österreichs vor, derselbe sagte: 
„Eine hervorragende Existenz wie die Vestvali 
hat die Berechtigung; ihrem vulkanischen Genie die 
Zügel schießen zu lassen. Weder die Sitte, noch der 
ästhetische Regelzwang kann für das geistige Bedürfnis 
eines solchen schrankenlosen Kunstnaturells maßgebend 
sein. Daß dem so ist, ist keineswegs ein Kunstverderbnis, 
es ist nicht darüber „Wehe" zu rufen, wie einige 
Kritiker es tun. Die bewundernswerte Intelligenz der 
Vestvali macht alle Angriffe zu Schanden." 

Wir haben hier Stimmen der Presse aus den maß- 
gebendsten Städten angeführt, die beweisen, wie siegreich 
die Vestvali aus den vielen ihr entgegentretenden An- 
feindungen hervorging. Sie bereiste denn auch Deutsch- 
land mehrere Jahre und gastierte stets überall mit größ- 
tem Erfolg. 



— 440 — 

Aber die großen Anstrengungen, die sie Zeit ihres 
Lebens durchgemacht, blieben nicht ohne Einfluß auf 
ihre Gesundheit. Immer öfter wurde sie genötigt, ihrem 
rastlosen Streben Kühe zu gönnen. Sie zog sich denn 
auf ihre Villa in Warmbrunn zurück. Ein ganz tatenloses 
Leben war ihr jedoch unmöglich ; war sie also nicht durch 
die Ausübung ihrer Kunst in Anspruch genommen, so 
warf sie sich auf Bauspekulationen. Sie baute in Warm- 
brunn die ganze russische Kolonie. Ein Besuch bei ihrer 
in Warschau lebenden, verheirateten Schwester ließ sie 
auch dort Terrain ankaufen und Bauten ausführen, die 
sie selbst leitete und beaufsichtigte. All diesen Strapazen 
war ihre Gesundheit nicht mehr gewachsen. Eine un- 
heilvolle Krankheit warf sie nieder und machte diesem 
reichen, tatenvollen Leben ein zu frühes Ende. Sie starb 
in Warmbrunn am 3. April 1880, im 52. Lebensjahr. 

Wir lassen noch einige kurze Auszüge aus Briefen 
an eine junge Schauspielerin folgen, mit der aufrichtige 
Freundschaft sie bis zu ihrem Tode verband. Treue 
Freundschaft war ein Grundzug ihres edlen und idealen 
Wesens, und diejenigen, die sie derselben würdigte, 
hängen noch heute mit rührender Verehrung an dieser 
hervorragenden Natur, die sich oft selbst „Hamlet* 
nannte, wie sie jene junge Schauspielerin — ich bin es 
selbst — in ihren Briefen „Horatio" anredete. Die Briefe 
beleuchten in kurzen Blitzen sowohl ihre künstlerische 
Anschauung, als auch ihre urnische Natur. In einem 
derselben heißt es u. a.: 

„Ach, es ist schrecklich langweilig, so von Stadt 
zu Stadt zu gastieren. Ich komme mir schon wie ein 
Dorfküster vor, der mit dem Klingelbeutel herumgeht. 
Amen! — Wenn man nur immer tüchtig darin vor- 
findet, meinte E. 1 ), dann geht es schon. Auch ein 



*) Ihre langjährige Freundin und Begleiterin. Anm. d. Verf. 



— 441 — 

Standpunkt für einen idealen Schöngeist, nicht wahr, 
Horatio? Nein, ein ordentliches Theater möchte ich 
in Berlin haben und nirgends anders, ausgenommen 
Amerika. Ach, wenn die verdammte Reise nicht 
wäre — so wäre ich gewiß schon längst drüben, mir 
sagen nun mal abenteuerliche Sachen zu — ich bin 
nun wie ich biri. Ä 

Der letzte Brief, den sie von ihrem Krankenbett aus 
in Warschau an mich schrieb, lautete wie folgt : 

„Wie ist alles anders gekommen, wie ichs mir 
gedacht, mein nervöses Leiden, das furchtbar ist, ist 
mir durch G/s 1 ) Gegenwart versüßt. Sie ist himmlisch 
gut. Sie können mir glauben, Horatio, ich fühle meine 
Leiden nicht die Hälfte, wenn sie bei mir ist. Ich 
bin ihr rasend gut und möchte ihr Tag und Nacht was 
Liebes tun. Jetzt ist's auch gleich, ob's unterm Pfirsich- 
baum oder Apfelbaum war, ob sie mich oder ich sie 
verführt, wir haben uns rasend lieb. Ich möchte bloß, 
daß Sie bei uns wären, lieber Horatio. Sie hätten Ihre 
Freude an uns. Gedenken Sie noch unseres Gesprächs 
nachts in der Charlottenstraße h, propos von G. ? 
Das Resultat ist, ich "liebe sie rasend. G. wird Ihnen 
bald selbst schreiben, sie muß jetzt auf die Bahn und 
E. abholen und hat die ganze Nacht nicht geschlafen, 
sie wohnt nämlich jetzt Bett an Bett neben mir. Wir 
beide grüßen Sie herzlich und ich drücke Sie an mein 
Herz in alter Freundschaft 

Ihr Hamel-fett. Ä 

Die Vestvali, welche bei ihrer Schwester in Warschau 
erkrankte, wurde dort von einem Frl. G. mit rührender 
Sorgfalt gepflegt, erst in der letzten Zeit kam auch 

x ) „G." war die letzte Liebe der Vestvali, doch konnte sie von 
ihrer langjährigen Freundin E. sich nicht trennen, es spielten da 
pekuniäre Verhältnisse mit, die zu lösen, Vestvali zu ehrenhaft dachte. 



— 442 — 

Frl. E. gleichfalls zu ihrer Pflege, da die Beziehungen 
zwischen der Vestvali und der E. längst nicht mehr be- 
glückende waren, so vermochte sie dieselben doch nicht 
zu lösen, während ihr ganzes Herz der „G." gehörte. 
Dieser Zwiespalt drückte die Vestvali sehr, obwohl sie 
die ganze Sache, wie vorstehender Brief zeigt, immer noch 
mit einem gewissen Humor behandelte. Mit welcher 
Liebe dies Frl. G. an der Vestvali ihrerseits hing, zeigt 
folgender Brief: 

„Lieber Horatio, mit Feli geht es immer schlechter; 
gestern den ganzen Abend hatte sie so rasende Schmerzen 
im Kücken und im rechten Arm, daß sie laut stöhnte, 
dann leise wimmerte und Gott um Hülfe anflehte, daß 
Einem das Herz hätte brechen mögen. Die Ärzte 
sagen nun auch, daß es die alte Krankheit sei und 
große Blutarmut. Und nicht helfen zu können, sein 
Liebstes auf so schaudervolle Weise zu Grunde gehen 
zu sehen. Sie will die E. kommen lassen und ich kann 
ihr nicht widerraten, denn es regt sie alles so sehr auf. 
Vielleicht also sehen wir uns bald in Berlin, lieber 
Horatio. Erschrecken Sie nicht, wenn ich frühmorgens 
bei Ihnen auftauche. Tausencf Grüße von Ihrer G.* 
So wollen wir depn das Bild der Vestvali, welches 
wir hier in diesen Blättern entrollt haben, schließen. Sie 
war ein an Geist, Gemüt und Talent gleich hervorragender 
Mensch, und niemand, der je mit ihr in nähere Berührung 
gekommen, wird den Zauber ihrer Persönlichkeit ver- 
gessen. Die bestrickende Liebenswürdigkeit ihres Wesens 
lag wohl in der Natürlichkeit, mit der sie sich gab, denn 
trotz ihrer großen Erfolge, war sie frei von jedem Hoch- 
mut, förderte bereitwillig jedes aufstrebende Talent, doch 
trat sie unnachsichtig jedem Nichtskönnen entgegen. Sie 
betonte nie ihre urnische Natur und darum fühlten sich 
auch Männer, die dieser Veranlagung durchaus abhold 
waren, durch ihre geistige Begabung zu ihr hingezogen 



— 443 — 

und es bestand manch kameradschaftliches Band zwischen 
ihr und hervorragenden Vertretern des männlichen Ge- 
schlechts. Auf Frauen wirkte sie in geradezu fascinieren- 
derJWeise und es würde weit über den Rahmen dieser 
kleinen Skizze führen, wollte man anführen, wie vielfach 
sie angebetet worden war. Jedenfalls gehörte Felicita 
von Vestvali zu den Ausnahme-Erscheinungen sowohl in 
der JKunst, wie im Leben, deren Eigenartigkeit nur von 
einem Kenner der Homosexualität verstanden werden kann. 




Rosa Braunschweig, 

die Verfasserin vorstehender Arbeit, 
in einer Offiziersrolle. 



Quellenmaterial zur Beurteilung 
angeblicher und wirklicher 



Uranier. 



Zusammengestellt 



von 



F. Karsch 



Dr. phil., Privatdozent in Berlin. 



Zweite Reihe.*) 

„Es ist besser, in jeden andern, als in sich 
selbst verliebt zu sein." Jean Paul. 

Auf die erste, drei der Geschichte angehörende 
Männer: Theodor Beza, Johann von Müller und 
Alexander von Ungern-Sternberg enthaltende 
Reihe angeblicher und wirklicher Uranier folgt hier die 
zweite Reihe, welche wiederum drei Männer, den Ver- 
fasser des „Eros": Heinrich Hößli von Glarus, den 
Mörder sein es Geliebten : Franz Desgouttes von Bern 
und den Herzog von Sachsen-Gotha und Altenburg: 
Emil Leopold August, außerdem aber noch eine der 
interessantesten tribadischen Gestalten der Neuzeit, die 
Opernsängerin Madame (genannt Mademoiselle) Maupin, 
darzustellen unternimmt. 

Zwischen den drei männlichen Gestalten dieser Reihe 
besteht ein gewisser Zusammenhang. Als der einfache 
Mann aus dem Volke, der Putzmacher Heinrich Hößli 
von Glarus (1784 — 1864), als erster Kämpe unsrer Zeit- 
rechnung im Jahre 1836 für die absolute natürliche und 
sittliche Berechtigung des gleichgeschlechtlichen Liebes- 
triebes mit allen Waffen des Geistes und mit mutiger 
Preisgabe seines Namens in seinem tiefgründigen wissen- 
schaftlichen Werke „Eros", 52 Jahre alt, in die Schranken 



*) Erste Reihe in diesem Jahrbuche für sexuelle Zwischenstufen, 
IV. Jahrgang, 1902, Seite 289—571 : 1. Theodor Beza (1519—1605) 
S. 291-349, 2. Johann von Müller (1752—1809) S. 349—457 und 3 
A. von Sternberg (1806—1868) S. 458—571. 



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— 448 — 

trat, hatte bereits dreißig Jahre vorher (1805) der deutsche 
Herzog August (1772—1822), 33 Jahre alt, die Leidenschaft 
desselben Liebestriebs an einem anschaulichen, konkreten 
Beispiel als erster Novellist in seiner Novelle „Kyllenion* 
mit dichterischer Naivetät geschildert und darin die 
gleichgeschlechtliche Liebe als mit der gegengeschlecht- 
lichen Liebe vollkommen auf der gleichen Stufe stehend 
dargestellt. Den Rechtsanwalt Dr. Franz Desgouttes 
(1785 — 1817) aber, der nicht das Geringste von Bedeu- 
tung, weder für seine Zeit noch für die Nachwelt, leistete 
und dessen Persönlichkeit man kaum irgend etwas 
Rühmenswertes wird nachsagen können, unter den beiden 
obengenannten Männern einen Platz anzuweisen, erscheint 
absurd; insofern lag jedoch dazu ein Zwang vor, als seine 
Leidensgeschichte zum „Eros" Heinrich Hößli's den 
Anstoß gab. 

Nur die Maupin (1673 — 1707) steht ohne Beziehung 
da. Sie gibt sich bei äußerlicher Weiblichkeit als einen 
Uebermann, als eine überaus seltene Erscheinung, wie 
solche in mehreren Jahrhunderten wohl nur einmal vor- 
kommt; diejenigen Gelehrten und Ungelehrten, welche 
es für ihre Pflicht halten, in den Erscheinungen gleich- 
geschlechtlichen Liebestriebs nicht etwas Urwüchsiges, 
nicht etwas von der Natur durch die Allmacht der Vari- 
ation Gegebenes, sondern überall nur Degeneriertes, Ent- 
artetes zu sehen, werden diese Kraftgestalt für ihre 
Schwächenhypothese zu verwerten schwerlich im Stande 
sein. 



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4. Heinrich Höfsli (1784—1864) 

(mit 5 Textbildern und 1 Kupfertafel) 

„Findet da eine Wahrheit an deinem Wege, 
Hülflos und nackt und sonder Pflege, 
Viel Schriftgelehrte gehn vorbei, 
Du aber ihr Samariter sei." 

Paul Heyse. 

Die seit einigen Jahren in Deutschland erwachte 
und von Jahr zu Jahr gewachsene Bewegung zu Gunsten 
der Beseitigung des § 175 des geltenden Strafgesetzbuches 
befindet sich in der Lage, auf ein Vor mehr als 60 Jahren 
in der Schweiz erschienenes deutsches Buch sich zu 
berufen, welches die gleichgeschlechtliche Liebe nicht 
als „widernatürliche Unzucht", sondern als eine in den 
ewigen Gesetzen der Natur begründete, zu Recht bestehende 
Erscheinung auffaßt und darstellt, den Glauben an deren 
Unnatürlichkeit mit dem Hexenglauben und die Ver- 
folgung der dieser Liebe Unterworfenen mit den Hexen- 
prozessen auf eine Stufe stellt. Das Buch fuhrt den 
Titel: „Eros. Die Männerliebe der Griechen: 
ihre Beziehungen zur Geschichte, Erziehung, Literatur 
und Gesetzgebung aller Zeiten* und den Untertitel: 
„Die Unzuverlässigkeit der äußern Kennzeichen im Ge- 
schlechtsleben des Leibes und der Seele. Oder: Forschungen 
über platonische Liebe, ihre Würdigung und Entwürdigung 
für Sitten-, Natur- und Völkerkunde" *); gewidmet ist 

*) Erster Band, Glarus, 1836, bei dem Verfasser, XXXIII und 
304 Seiten. — Zweiter Band, St. Gallen, 1838, in Kommission bei 
C. P. Scheitlin. XXXII und 352 Seiten in Oktav. 

Jahrbuch V. 29 



— 450 — 

es „ dem Schutzgeist des menschlichen Geschlechts.* Das 
Buch hatte seine eigenen Schicksale: von der Behörde 
des Schweizerkantons, in dem es zum größten Teile 
gedruckt wurde, verboten, ward der Restbestand der Auf- 
lage bei einer Feuersbrunst vollständig vernichtet 

Was vom Leben und Streben, Wesen und Charakter des 
Verfassers dieses zweibändigen „Eros", Heinrich Hößli, 
bisher bekannt geworden ist, beschränkt sich auf die im 
„Eros* selbst enthaltenen gelegentlichen Angaben; wir 
erfahren aber nur bitter wenig: Im Jahre 1817 fiel ihm 
die Binde von den Augen und 1819 reiste er mit Büchern 
bepackt von Glarus nach Aarau zu dem damals populärsten 
Schweizer Volks-Schriftsteller Heinrich Zschokke 1 ), 
um diesen durch Zurede und Unterweisung zur Abfassung 
und Herausgabe einer aufklärenden Schrift über seine 
Idee des Eros oder der gleichgeschlechtlichen Liebe als 
Natur- und Sittengesetz zu veranlassen, weil er 
selbst „ der Regeln der Schulen seines Landes* sich nicht 
kundig fühlte und daher sich nicht für geeignet hielt, 
als Schriftsteller aufzutreten und erfolgreich zu wirken. 
Wirklich erschien im Jahre 1821 aus Heinrich Zschokke's 
Feder eine Novelle im Druck „Der Eros oder über die 
Liebe" 2 ); hier läßt Zschokke den edlen Vater Holmar, 
Mitglied des Obergerichtshofes, die Erosidee Heinrich 

1 ) Joh. Heinr. Dan. Zschokke, geb. 22. März 1771 zu Magdeburg, 
gest. 27. Juni 1848 zu Aarau; anfangs Schauspieldichter, seit 1792 Privat- 
dozent in Frankfurt, dann 1795 Leiter einer Erziehungsanstalt in 
Reichenau (Graubtindten), kam er 1798 als Deputierter nach Aarau, 
dem damaligen politischen Mittelpunkte der Schweiz, wurde Mitglied 
des großen Rats und ein fruchtbarer Volksschriftsteller. Als solcher 
zeigte er weniger kühne Genialität und theoretische Tiefe als Gesund- 
heit und praktischen Verstand. 

2 ) Nach Hößli's Eros I S. 277 bildet der Eros von Zschokke das 
achte Heft von Zschokke's Erheiterungen, Jahrgang 1821, und erschien 
in seinen Ausgewählten Schriften als X. Teil, in den 1836 erschie- 
nenen Ausgewählten Novellen und Dichtungen als 14. Stück. Mir 



liegt nur eine spätere Ausgabe vor in: „Ausgewählte Novellen und 
Dichtungen von Heinrich Zschokke. Erster Teil. Mit der Abbildung 
von H. Zschokke's Landhaus: die Blumenhalde. Taschen- Ausgabe 
in zehn Teilen. Sechste vermehrte Original- Auflage.* 4 Aarau, Sauer- 
länder. 1843. Seite 231—292. 

29* 



— 451 — 

Hößli's vertreten; allein die Bedeutung seiner Anschauung 
und seiner Beweisführung läßt Zschokke am Schlüsse des Ge- 
sprächs durch Holmar's Zugeständnis wieder abschwächen, 
daß er sich so gut irren könne, wie seine Gegner: „Die 
Natur u , läßt er ihn sagen, „hat in ihrem Buche viele 
dunkle Stellen; kein Wunder, daß die Ausleger von ein- /i 

ander abweichen." Solches war nun durchaus nicht in j 

Heinrich Hößli's Sinne; und im Innersten empört über I 

die Halbheiten der Zschokke'schen Schrift, fand sein t 

Geist keine Ruhe mehr und zwang ihm die Feder in 
die Hand. So kamen die beiden gedruckten Bände seines 
in drei Bänden geplanten philosophischen Werkes „Eros* 
zuStando, die er „unter Drangsalen und Rutenstreichen u , 
jedoch mit unentwegter Begeisterung nach einem Zeit- 
räume von 17 Jahren vollendete; erst dann haben ihn 
Vertrauen und Hoffnung auf den Sieg seiner Idee, die 
als ewige Wahrheit ihn bis in seinen Tod begleitete, 
verlassen. 

In Heinrich Hößli's „Eros" pulsiert eine gewaltige 
Kraft, die nie versagt und sich nirgends erschöpft; er 
überzeugt, er reißt fort; er ermüdet nie; er scheut nicht 
Wiederholungen, wenn er wuchtig und eindringlich wir- ' 

ken will; und wirken will er; eigene Gedanken belegt 
er womöglich mit zahlreichen Stellen aus den Werken 
der hervorragendsten Schriftsteller aller Völker und Zeiten. 
Seine Idee vom Eros als Natur- und Sittengesetz beleuchtet 
er von allen Seiten und immer wieder neu mit anders- ; 

farbigem Licht. Aus den Schätzen aller Wissenschaften, ■ 

aller Künste sucht er mit kundiger Hand geschickt / 

hervor, was immer geeignet ist, erklärend und verklärend 



— 452 — 

für seine verachtete und verlassene Wahrheit zu wirken. 
Ein hohes Pathos beherrscht ihn und sein Satzbau flutet 
in oft gedehnten Perioden dahin; vom höchsten sittlichen 
Ernste getragen arbeitet er seine Ideen rastlos heraus 
und schreckt nie vor vielfältigem Ausdruck eines und 
desselben ihm fruchtbar erscheinenden Gedankens zurück. 
Heinrich Hößli's „Eros" ist nicht mit dem Kopfe allein 
geschrieben und darf nicht allein mit diesem beurteilt 
werden; er ist mit dem Herzen verfaßt und solche Bücher 
sind selten; selten müssen wohl auch Menschen sein, die 
solches zu Wege zu bringen fähig sind, und man ist 
beständig versucht, man glaubt ein Recht zu haben, Miß- 
trauen in Hößli's wiederholte Versicherung zu setzen, 
daß er die Regeln der Schulen seines Landes nicht gekannt, 
ja nicht einmal eigentlich lesen und schreiben gelernt 
habe. Seit des großen griechischen Philosophen Plato 
„Gastmahl" 1 ) und „Phädrus* ist Heinrich Hößli's 
„Eros* das bedeutendste Werk über Männerliebe; was 
jene unsterblichen Schriften für das Altertum gewesen 
sein mögen, eben das bedeutet Hößli's „Eros* für die Neu- 
zeit oder wird es ihr noch bedeuten; mit vollster, bewußter 
Klarheit erkennt er die Liebe von Mann zu Mann als 
ein unzerstörbares Natur- und Sittengesetz und stellt 
dieses lichtvoll und allseitig mit höchstem sittlichen 
Ernste dar. 

So war denn wohl der Wunsch selbstverständlich, 
über diesen einzigen, merkwürdigen Menschen, so lange 
die Möglichkeit noch vorlag, mehr in Erfahrung zu bringen, 
als das bescheidene Maß dessen betrug, was er selbst in 
seinem „Eros" über seine Person mitzuteilen für gut 
befunden hatte, und das Gefundene der drohenden Ver- 
gessenheit zu entreißen. Von diesem Verlangen beseelt, 



*) Deutsch von Schleiermacher in Ph. Reclam's Universal- 
Bibliothek, Nummer 927 (20 Pfennig). 



— 453 — 

unternahm Verfasser dieses im Herbste 1902 eine For- 
schungsreise in die Schweiz; das Glück war ihm hold; 
es ließ gar Manches sich noch feststellen und das Wich- 
tigste des Ermittelten findet sich hier gewissenhaft zu- 
sammengetragen. 

Angenehmste Pflicht wäre mir Nennung aller meiner 
Quellen, meiner Gewährsmänner und Gewährsfrauen. 
In Glarus und in Zürich gelang es mir, bejahrte Leute 
aufzufinden, welche mit Heinrich Hößli in persönlichen 
Beziehungen gestanden hatten und mancherlei über ihn 
und von ihm zu berichten wußten; auch jüngere, ihm 
näher oder entfernter Verwandte wußten Wichtiges, bald 
vom Hörensagen, bald durch Augenschein ; — ihre Namen ■ 

alle hier mitzuteilen, wird mir leider durch die Verhält- 
nisse verwehrt. ; 

Die absolut genauen und zuverlässigen Angaben über l 

Heinrich Hößli's und seiner nächsten Anverwandten ; 

in aufsteigender und in absteigender Linie, sowie seiner 
sämtlichen Geschwister Geburts- und Todestag, welche 
im allgemeinen Interesse mir geboten erschienen, verdankt 
man einzig dem überaus freundlichen Entgegenkommen 
des Herrn Polizeiinspektors J. J. Kubly-Cham in 
Glarus, welcher mit unermüdlicher, fast übermenschlicher 
Arbeitskraft eine ihrer Vollendung entgegenreifende, viele 
Foliobände füllende, kalligraphische, vollständige und 
übersichtliche Genealogie aller Glarner Leute ausarbeitet i 

Allen genannten und ungenannten liebenswürdigen t 

Landsleuten des unvergeßlichen Heinrich Hößli, welche 
Anteil an diesem Biogramme haben, des Verfassers herz- , 

lichster Dank! 



I. Heinrich Hößli's äußeres Leben. 

Heinrich Hößli wurde zu Glarus in der Schweiz im 
Hause 525 der Straße Innere Abläsen, im fünften Hause 
der Abläsch vom Landsgemeindeplatze aus, am G. August 



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— 454 — 

1784 geboren; in diesem Hause hatte Heinrichs Vater, 
der Hutmachermeister Hans Jakob Hößli, sein Geschäft. 
Vorher war dasselbe Haus Eigentum des Besitzers Stein- 
müller gewesen, bei welchem die am 21. Juli 1782, also 
nur zwei Jahre vor Heinrich Hößli's Geburt, als Hexe 
hingerichtete Anna Göldin gewohnt hatte, deren Hößli 
in seinem „Eros* gedenkt. 1 ) Heinrich war seiner Eltern, 
die es auf nicht weniger als 14 Kinder — 8 Mädchen 
und 6 Knaben — gebracht haben, viertes Kind und 
erster Sohn; seine Mutter Margreth war eine geborene 
Vogel aus Glarus. 

Sein ganzes Kindesalter scheint Heinrich in seiner 
Geburtsstadt verlebt zu haben; erst als im Jahre 1799 
die Russen unter dem General Suwarow 2 ) die Schweiz 
und speziell Glarus heimsuchten und daselbst Hungersnot 
herrschte, gaben Heinrichs Eltern einige ihrer Kinder 
an andre Leute in der Schweiz; und so kam Heinrich 
nach Bern, wo er seine Handelschaft erlernt haben 
dürfte, später aber wieder nach Glarus zurück. 

Am 5. Mai 1811 verheiratete sich der noch nicht 
siebenundzwanzigjährige Mann mit der Elisabeth Grebel 
von Zürich, des Adjutanten Rudolf Grebel Tochter; das junge 
Paar blieb aber nicht beisammen; Elisabeth lebte in 
Zürich weiter und Heinrich in Glarus; doch besuchte er 
öfter sein Weib und zeugte mit ihm zwei Söhne: den 
am 19. April 1812 geborenen Jakob Rudolf und den 
am 9. Januar 1814 geborenen Johann Ulrich, auf 
welche wir später noch zurückkommen werden. 

In seinem bürgerlichen Berufe war Heinrich Hößli 
Putzmacher; er besaß einen ausgebildeten weiblichen 
Geschmack, den sogenannten Schick; in den zwanziger 

*) Eros von Hößli I. S. 62*) 

2 ) Eine Gedenktafel kennzeichnet jetzt zu Riedern bei Glarus 
das Haus, in welchem der russische General Suwarow am 1. Ok- 
tober 1799 Aufenthalt genommen hatte. 




Heinrich Hößli's Geburtshaus in Glarus auf der Abläsch, 

vom großen Brande in der Nacht des 10. auf den 11. Mai 1861 

verschont; nach einer photographischen Aufnahme im Januar 1903; 

links erblickt man den Gipfel des Glärnisch. 



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— 456 — 

Jahren des 19. Jahrhunderts war er „die erste Putz- 
macherin* von Glarus; er war auch zeitlich der erste, 
welcher dort Damenhüte herstellte; diese lieferte er geleimt, 
nicht genäht, und er war so ganz bei seiner Arbeit, daß man 
im schwarzen Adler sein Mittagessen um 7 Uhr Abends 
noch unberührt neben ihm stehen fand. Er hat auch 
das erste „Trüböri", einen dreieckigen Hut, Napoleons- 
hut oder Dreimaster, verfertigt und eingeführt, die Kopf- 
bedeckung des Landammanns, des Souverains des Kan- 
tons Glarus, dessen Landgemeinde, was auch heute noch 
der Fall ist, am ersten Sonntage im Mai jeden Jahres 
zusammentrat. Auch dekorierte er mit einem Faltenwurfe 
aus grünem Stoffe die Kanzel der Kirche zu Glarus. 
Am württembergischen Hofe zu Stuttgart, woselbst sein 
Eheweib, die Elisabeth Grebel, als „ höhere Hülfe" an- 
gestellt war, hat Heinrich Gardinen aufgesteckt, war er 
doch auch geschickter Dekorateur. 

Weil Heinrich Hößli die Mode angab und Mode- 
waren verkaufte, so erhielt er den Spitznamen „Modenhößli." 

Aber Heinrich war nicht allein Putzmacher und 
Dekorateur, er war auch Handelsmann und lebte als 
solcher stets gut situiert und in durchaus geordneten 
Verhältnissen, sodaß er in Hinsicht seines Auskommens 
nicht Ursache zu klagen fand. Ein offenes Geschäft 
betrieb er zuerst in der „Meerenge* zu Glarus im Gast- 
hofe zum seh warzen Adler (1827 — 1832); alsdann hat er 
eine Zeit lang dieses Geschäft aufgegeben und „im Sand* 
gewohnt, später aber wieder einen gut frequentierten 
kleinen Laden auf dem Kirch weg (Glarnerisch Kilchweg), 1 ) 



l ) „Im Kilchweg auf den Wurzeln der alten Birn- und Apfel- 
bäume an einer Reihe von 20 neuen Häusern bewohne ich jetzt ein 
eigenes recht artiges Haus, das ich letzten Winter kaufte, schnurgrad 
Seckelmeister Dinners gegenüber mit freier fröhlicher Aussicht." 
(Brief vom 9. July 1842 an seine Schwester Regula Rehlinger in 
Kaufbeuern.) 



— 457 — 



Ecke der äußeren Zaunstraße am jetzigen Volksgarten, auf- 
getan. Hier handelte er mit Damenkleiderstoffen aller 
Art, besonders englischen Ursprungs (bedruckte Indienne 
u. dergl.), aber auch mit Futter-, Bettzeug-, Vorhang- 
stoffen u. s. w., alles solider, praktischer Ware. Drei 
Häuser von seinem Geschäft wohnte ein ihm Zeit seines 
Lebens befreundet gebliebenes Fräulein Margaretha 
Brunner, die spätere Frau Präsident Vögeli-Brunner. 
Heinrichs Eigentum war auch das nahe seinem Ge- 
schäft gelegene Haus Ecke der Bärengasse, welches er 
seinem langjährigen Ladendiener und Neffen Jakob Kubli 
für 2500 Franken billig abtrat. Im Kirch weg liquidierte 
Heinrich 1848, verkaufte sein Geschäft, wohnte zuerst 
auf der Almei als Privatier und führte alsdann bis April 
1851 ein neues Geschäft auf dem Spielhofe im Löwen 
(Leuen). Zur Hülfeleistung im Geschäfte bediente sich 
Heinrich seines Neffen Jakob oder Jogg Kubli, der 
Margaretha Hößli Sohn, welcher von seinem zwölften 
Jahre an fast bis zum 30. Lebensjahre als Ladendiener 
bei dem Onkel aushielt und dessen bevorzugter Lieb- 
ling blieb. 

Bald jedoch begann für Heinrich Hölili ein unruhiges 
Wanderleben ; er verließ Glarus als dauernden Aufenthalt 
für immer und ließ sich zuerst in Stäfa am Nordufer des 
Zürichsees nieder, woselbst er im Mai und Juni im Stern 
und dann bis Oktober 1852 in der Mühle im Kehlhof 
wohnte. Von Stäfa zog es ihn nach Schmerikon am 
obern Ende des Zürichsees unweit der Einmündung der 
Linth; hier stieg er in der Krone ab und mietete gleich 
am 1. Oktober 1852 drei neben einander liegende Kammern 
beim Kronenwirt Franz Wenk; im November 1854 hatte 
er Wohnung beim Landammann Kriech, im Oktober 1855 
machte er einen Abstecher nach Zürich und besorgte sich 
1856 einen auf 12 Monate lautenden Paß nach Deutsch- 
land. 1857 siedelte er nach Lachen am Südufer des 



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— 460 — 

Ztirichsees über, woselbst er im Gasthaus zum Ochsen ver- 
kehrte; aber schon im November 1858 finden wir ihn 
wieder im Kanton Glarus, in Mollis, am rechten Ufer 
des Escher Kanals; bis September 1860 hielt er sich in 
Vogelsang bei Winterthur auf, zog Ende Oktober 1860 
nach Wtilflingen nahe Winterthur, wo er seinen „fort- 
währenden Aufenthalt* bis April 1861 im Pfarrhause beim 
Pfarrer Freuler nahm, und zog von da nach Winterthur 
selbst, wo er zur Zeit des großen Brandes im Mai 1861, 
welcher halb Glarus einäscherte, weilte; bis Ende Juni 
wohnte er hier im gelben Ring an der Metzgasse, mietete 
am 29. Juni 1861 in S. Grüblers Haus den zweiten Stock und 
Platz für Holz, wofür er diesem vierteljährlich 60 Franken 
bei 8 Wochen vorheriger Kündigung zu zahlen hatte; den 
Monat November 1861 hat er in Haltli bei Mollis zuge- 
bracht; April 1862 hatte er Wohnung im Seidenhof, im Mai 
in der Steinhütte zu Winterthur und hier ist er im einund- 
achtzigsten Lebensjahre am 24. Dezember 1864 Morgens 
9Va Uhr nach kurzer Krankheit im Spital verstorben. 

Seine beiden Knaben hat Heinrich Hößli nicht 
selbst erzogen, vielmehr tat dieses deren Mutter Elisa- 
beth Hößli-Grebel. Was über diese einzigen Nachkommen 
Heinrichs zu erfahren war, dürfte, so weit es für ihre 
Individualität charakteristisch ist, nicht ohne Interesse sein. 

Heinrichs älterer Sohn Jakob Rudolf, kurz Jogg oder 
Jöggi genannt, wurde Ingenieur und wanderte nach 
Amerika aus; er hat sich daselbst verheiratet, blieb dann 
aber vollständig verschollen; sein Totenschein lautet 
auf den 1. Januar 1871; er war Erbe der gesamten 
Hinterlassenschaft seines Vaters ; diese belief sich zwanzig 
Jahre nach Heinrichs Tode mitsamt den Zinsen auf 
etwa 28000 Franken; lange Jahre, bis zur Teilung, 
verblieb das Vermögen im Waisenamte in Glarus. Vor 
seiner Auswanderung nach Amerika, wo er zuletzt in 
Otisco Önondago County, State of New- York, gelebt haben 



— 461 — 



soll, war Jakob Hößli am Hofe des russischen Kaisers 
in St. Petersburg beschäftigt gewesen und hatte für seine 
dortigen Verdienste vom Zaren ein Diplom erhalten. Er 
dürfte demnach durchaus nicht ohne Talente gewesen sein. 
Heinrich Hößli's jüngerer Sohn Johann Ulrich oder 
kurz John, Heinrichs „lieber Hansi", „hatte des Vaters 
im „Eros" niedergelegte Anschauungen geerbt" ; er war als 
„Weiberfeind" bekannt, was ihn jedoch nicht hinderte, an 
seiner Mutter mit der innigsten Liebe zu hängen, seine 
Jugendfreundin Ammann als Universalerbin einzusetzen 
und mit vielen Damen sowohl in Amerika als in Europa 
in regem freundschaftlichen Verkehr zu stehen. Er wird 
als ein großer, schöner und intelligenter Mann von nobel- 
ster Gesinnung geschildert. Während des amerikanischen 
Krieges zwischen Nord und Süd hatte er in seine 
Schweizer Heimat aus New- York geschrieben, er habe 
Besitz genug im Norden, wenn dieser siegen sollte, und 
Besitz genug im Süden, falls jener unterliegen sollte. 
Sein erstes Vermögen erwarb sich John durch seine Ge- 
schäfte in „Dry Goods" in Galveston,dann spekulierte er 
in großartiger Weise in Bauterrains und zwar besonders 
in New- York. Sobald er jenseits des Meeres festen Fuß 
gefaßt hatte, ließ er seine Mutter nachkommen; Ende 
Mai 1842 trat er, fast zehn Jahre nach seiner Aus- 
wanderung, in Begleitung der geliebten Mutter von Texas 
aus „mit aller möglichen Bequemlichkeit" die erste Heim- 
reise an ; später aber kam er, da er die Mutter in Europa 
zurückgelassen hatte, alle zwei oder drei Jahre in sein 
Heimatland und besuchte Mutter und Vater, mit welchem 
er in regelmäßigem Briefwechsel stand. Niemals unter- 
ließ er dann, bei der Familie Jakob Kubli's einzukehren, 
dessen jüngere Tochter Rosina Magdalena (Rosalina) sein 
Patenkind war. In Glarus traf er anfangs der vierziger 
Jahre auf der Straße vor dem Rathause einen weinen- 
den Knaben und fragte ihn voll Mitleid, warum er weine. 



— 462 — 

Die Antwort des Bürschchens lautete, seine Mutter habe 
sich als Salzverkäuferin gemeldet, sei aber nicht gewählt 
worden und nun fehle es ihr und ihren Kindern am 
täglichen Brode. „Ich nehme dich mit nach Amerika, 
wenn du mit mir kommen willst", bot nun John dem 
weinenden Knaben an; hatte er doch schon vergeblich 
ein gleiches Angebot dem Jakob Kubli früher gemacht; 
dieser war aber zu ängstlicher Natur und überdies bereits 
Vater eines Sohnes geworden ; bei dem fremden Knaben 
Heinrich Bosenberger aber stieß John Hößli nicht auf 
Widerstand. Er schickte den Knaben in eine Fabrik bei 
Glarus und bevor er ihn nach Amerika mitnahm, beließ 
er ihn noch einige Zeit im Geschäfte seines Vaters in 
Glarus, damit er hier einige Warenkenntnisse sich an- 
eigne. In Amerika stand John mit dem jungen Bosen- 
berger in freundschaftlichem Verhältnisse; sie führten 
anfangs ein gemeinsames Geschäft, blieben aber nicht 
dauernd beisammen; Bosenberger wurde Schweizer Konsul 
in Galveston, blieb jedoch an Johns Geschäft beteiligt. 
Als John im Juni 1854 wieder in seiner Heimat weilte, 
entschloß sich die Mutter zum zweiten Male, dem ge- 
liebten Sohn nach Amerika zu folgen, wo sie 1858 starb. 
Der Sohn sollte die Mutter nicht lange tiberleben; am 
11. Mai 1861 geriet das Schiff, welches ihn von Halifax 
(Canada) aus in die Heimat zum geliebten Vater tragen 
sollte, zwischen zwei gewaltige Eisblöcke, welche es mit 
allem auf ihm Befindlichen erdrückten. Die merkwürdige 
Geschichte zweier Testamente Johns, in welcher Hein- 
rich Bosenberger eine nicht wenig zweideutige Bolle 
spielte, muß hier übergangen werden. Als Haupterbin 
war im ersten Testamente von 1851 mit einem Vermögen 
von 20 000 Franken das Fräulein Ammann, eine Gold- 
schmiedstochter in Zürich, von John Hößli eingesetzt 
worden, weil dieselbe den beiden bedürftigen Knaben Hein- 
rich Hößli's und der Elisabeth Grebel, denen es mit 



— 463 — 

ihrer Mutter oft recht traurig erging, viel Unterstützung 
hatte zu Teil werden lassen. Auch der Knabenanstalt 
Linthkolonie und Bitten im Kanton Glarus hatte John 
in diesem Testamente 20 000 Franken mit dem Bemerken 
vermacht, daß ein Teil der Zinsen zur Unterstützung 
für junge intelligente, nach Amerika auswandernde Söhne 
verwendet werden sollte. 



Genealogie des Heinrich Hößli von Glarus. 

1. Heinrich Hößli's Eltern: 

Hans Jakob Hößli, Hutmachermeister, auf der Abläsen, Sohn 
des Tuchhandelsmanns und Löwenwirts Heinrich Hößli und der 
Elisabeth Eimer, geb. 25. November 1758, gest. 18. September 
1846. 

Margret h Vogel von Glarus, Tochter des Meisters Johannes Vogel 
und der Margreth Ltitschg, geb. 11. August 1757, gest. 2. März. 
1831, kopuliert mit dem Vorigen 21. Juli 1780. 

2. Heinrich Hößli's Geschwister: 

1781. 6. Januar: Anna Magdalene, ehelichte den Uhrmacher 

Bernhard Milt. 
1781. 19. Dezember: Margaretha; ehelichte den Melchior Kubli 

von Glarus. 

1783. 26. März: Elisabeth ... 

1784. 6. August: Heinrich, siehe unter 3. 

1785. 14. September: Barbara, ehelichte den Feldwebel Heinrich 
Tschudi von Glarus. 

1786. 23. September: Johannes, gest. an der Schwindsucht 
12. Juli 1793. 

1787. 26. Oktober: Kegula, gest. 27. März 1789. 
1789. 4. Februar: Johann Jakob, wohnhaft in Chur. 
179Ö. 12. Mai: Johann Ulrich, Hutmacher in Glarus. 

1792. 30. Januar: Cosmus, gest. an den Blattern 28. März 1797. 

1793. 4. März: Kegula, ehelichte den Jonas Daniel Kehlinger 
von Kaufbeuern. 

1796. 3. August: Verena, ehelichte den HansJHeinrich Gamper 

von Stettfurt, Kanton Thurgau. 
1800. 23. Februar: EUbeth, gest. an den Blattern 1. August 1801. 
1802. 6. September: Johannes, gest. 2. Dezember 1802. 



t 



— 464 — 

3. Heinrich Hößli jünger nebst Eheweib: 

Heinrich Hößli von Glarus, Patzmaoher und Tuchhandelsmann, 
Verfasser des „Eros" 1836/38, Sohn des Hutmachers Johann 
Jakob Hößli und der Margaretha Vogel, geb. 6. August 1784, 
gest. 24. Dezember 1864 in Winterthur. 

Elisabeth Grebel von Zürich, des Adjutanten Rudolf Grebel 
Tochter, kopuliert mit Heinrich Hößli jünger am 5. Mai 1811. 

4. Heinrich Hößll's Nachkommenschaft: 

1812. 19. April: Jakob Rudolf, zuletzt in Otisco-Onondago 
County, State ot New -York, dann verschollen; sein Toten- 
schein lautet auf den 1. Januar 1871. 

1814. 9. Januar: Johann Ulrich (John), nach Amerika aus- 
gewandert, ertrank während einer Heimreise auf dem Ozean 
am 11. Mai 1861. 



II. Heinrich HöBli's Wesen und Charakter. 

Heinrich Hößli war von mittelgroßem Wüchse und 
erschien in Folge kurzer Beine von fast kleiner Gestalt; 
er war nicht schön, aber von gesunder Stärke; er hatte 
einen breiten Mund und trug das Gesicht glatt rasiert, 
das braune Kopfhaar struppig, ungepflegt, wild genial, 
indem er sich selten eines Kammes bediente. In seiner 
Erscheinung durchaus männlich ohne das geringste Weibi- 
sche, zeigte er ein Benehmen wie eine höfliche Frau und 
besaß ganz das Temperament seiner um ein Jahr jüngeren 
Schwester Barbara, der Ehefrau des Feldwebels Heinrich 
Tschudi, als Witwe unter dem Namen „Hebamme Hößli" 
in Glarus bekannt, von Heinrich zärtlich „Baby* genannt. 1 ) 



*) Von Heinrich Hößli als Mann in den mittleren Jahren habe 
ich ein Portrait nicht aufgetrieben. Die hier als Titelbild beigegebene 
Kupferradierung mit Autogramm beruht auf einer nach der Erinne- 
rung und unter Benutzung der Autotypieen des Jünglings und des 
Greises vom Zeichner Caspar Müller in Glarus mit Bleistift ausge- 
führten Zeichnung. Caspar Müller bemerkt dazu : „Eine Charakte- 
ristik eines Bildes von Hößli liegt in dessen schwarzseidenem Hals- 
tuche, ebenso auch in diesem Hauskäppchen, das er sich immer 
.selbst anfertigte." 



— 465 



Auf der Straße vor dem Hause, am Brunnen, selbst 
in der Wirtsstube erschien Heinrieh oft im Schlafrock; 
er zeigte sich stets freundlich und zuvorkommend gegen 
jedermann, besonders liebenswürdig gegen seine ausschließ- 
lich weiblichen Kunden, und pflegte wohlgefällig zu 
lächeln. Nie ist er Soldat gewesen. In Glarus war er 
Mitglied der Kasinogesellschaft und, gern gesehen über- 
all, galt er als Mann von Lebensart, Sein Geist war 
von außerordentlicher Lebhaftigkeit, unruhig, rastlos, sein 
Temperament nicht jedoch eigentlich sanguinisch. Daheim 
schlief er selten in einem Bett, sondern auf Matrazen 
mit einem Dutzend zusammengehüufter Leinentücher am 
Boden oder auf einer Kiste; diese Schlaf weise fand er 
sauber. Er fegte seine Zimmer selber aus, kochte seinen 
Kaffee selbst und säuberte auch eigenhändig sein Tafel- 
geschirr; zu seiner Freundin, Fräulein Brunner, die ein- 
mal bei ihm Kaffee trank und ihr Mißbehagen nicht 
überwinden konnte, äußerte er ? sie solle sich nicht ekeln, 
er sei sehr säuberlich. In Heinrichs Geschäftsräumen 
sah es wohl recht unordentlich aus; die Ellenwaren 
hingen da oft wüst über den Ladentischen; selbst die 
Kasse für die Kupfermünzen stand offen da, so daß jeder 
hatte hineingreifen können. In Glarus gab es ein Sprich- 
wort: „Das ist eine Ordnung wie beim Hueter-Hößli." 
Auf diesem Mangel an Ordnung beruhte wohl auch vor 
allem ein gewisser Grad von Miß trauen ? der Heinrieh 
stets fürchten ließ, bestohlen zu werden; man sagte ihm 
nicht nur nach, daß er überall Spiegel anbringe, um zu 
wissen, ob, wann und von wem er bestohlen würde, 
sondern er tat dieses ) wirklich. Wurde er nun bestohlen, 
so gewahrte er es leicht und wußte sich dann ohne viel 
Aufhebens wieder in Besitz seines Eigentums zu setzen. 
Brillen hatte Heinrich wohl ein halbes Hundert und 
kaufte solche auch dutzendweise, jedoch faud er sie nicht 
am rechten Ort und zur rechten Zeit und während er 

Jahrbuch v. oO 




Heinrich Hößli 

als Jüngling von neunzehn Jahren nach einer anscheinend am 
11. Februar 1804 vollendeten Aquarellzeichnung. 






Heinrich Hößll 

als Greis nach einer Daguerrotypie, 
Von sechs Personen, welche HÖßli gekannt haben, ist mir bestä- 
tigt worden, daß dieses Bild den Verfasser des „Eros" „leibhaftig" 
darstelle, wenn auch gealtert und verbittert. 



— 468 — 

zwei bis drei Stück auf der Nase hatte, suchte er solche 
gleichwohl in allen seinen Taschen. Auf Reisen verbarg 
er sein Geld in einem Strumpfe und versteckte es, wenn 
er irgendwo zu Besuch weilte, hinter einem Spiegel. 

Auch in seiner Kleidung war Heinrich nachlässig 
und zerstreut; an einem Leichenbegängnisse nahm er 
einmal mit einem Stiefel und einem Pantoffel bekleidet 
teil und bemerkte das erst, als er sich schon im Zuge 
befand; ein andermal wollte er seinen Hut abnehmen, 
trug aber keinen auf dem Kopfe. Er gab nicht viel auf 
. eigenen Kleiderputz und eigene Eleganz, wo es aber 
Andern daran fehlte, bemerkte er es sofort. Demunge- 
achtet zeigte er sich nicht ganz ohne Eitelkeit; stets trug 
er einen schweren goldenen Ring und eine goldene 
Uhrkette. 

Der Gewohnheit des Rauchens hat Heinrich nicht 
gehuldigt, doch soll er einer Prise nicht abgeneigt ge- 
wesen sein. 

Heinrich war ein wenig rechthaberisch, besaß eine 
nicht geringe satirische Anlage und konnte von göttlicher 
Grobheit sein; diesbezüglich weiß man in Glarus mancher- 
lei zu erzählen. Jedoch auch rührende Züge großer Gut- 
mütigkeit und reichen Gemütslebens werden, von ihm 
berichtet. In Glarus pflegte Heinrich im Löwen auf dem 
Spielhofe zu speisen, da er in jenem Gasthofe, wie frü- 
her bei der gleichen Familie im schwarzen Adler, seinen 
Verkaufsladen und sein Logis im Erdgeschoß inne hatte. 
Zeitlebens stand er mit dieser Familie in aufrichtiger 
Freundschaft, welche sich auf deren Kinder übertrug; 
dieses Freundschaftsverhältnis war so bekannt, daß der 
jüngste Sohn des Löwenwirts, mit dem und mit dessen 
Frau Heinrich stets freundschaftlich verkehrte und in 
regelmäßigem Briefwechsel stand, anläßlich seiner zum 
Tode führenden Krankheit in Winterthur von den 
Glarner Behörden kurz vor Hößli's Tode zum Vormunde 



— 469 — 



und Liquidator seiues Vermögens ernannt wurde. Für 
Heinriche fast zarte Liebe zum hülf losen Tiere erlebte 
ein jetzt achtzigiähriger Greis in Glarus einen äußerst 
charakteristischen Fall, Einst kam dieser mit einem 
Freunde nach Lachen und traf im dortigen Gasthause 
zum Ochsen auch Heinrich Hößli an. Nach Tische lad 
dieser seine Ortsgenossen zur Besichtigung seines schön 
gelegenen originellen Heimwesens ein; in der Wohnstube 
befand sich hier ein großer runder Tisch mit Büchern 
aller Art überlegt und mitten darin ein Vogelkäfig mit 
einem Kanarienvögelchen, Auf des Ortsgenossen Bemer- 
kung: „Sie halten also auch ein Vögel chen?" erwiderte 
Heinrich: „Ja, leider! Ich kann Ihnen damit den Beweis 
liefern, daß einer kein freier Mann ist, wenn er nur ein 
Vögel chen besitzt. Ich begab mich auf eine Reise, als 
mir unter wegs ? da eben mein SchitF in Stäfa landete, 
plötzlich in den Sinn kam, daß ich mein Vögelchen zu 
füttern vergessen hatte. Was tun ? Um das Tierchen 
am Leben zu erhalten, mußte ich mit dem nächsten Schiffe 
wieder umkehren und die geplante Heise aufschieben/ 

Heinrich war ungeachtet mancher Fehler und 
Schwachen, wie solche wohl jedermann eigen sind, ein 
edler, ideal gesinnter Mensch, Gauz besonders stark war 
sein Gerechtigkeitsgefühl entwickelt. Hörte er, daß man mit 
einem Steine oder dergl, nach einer Katze geworfen hatte, 
so brummte er: „Teufel auch! Wenn man die Menschen 
so hetzte wie eine Katze, so würden auch sie falsch und 
diebisch!" Eine seltene Willenskraft, welche weder durch 
die Ueberzeugung von der eigenen Unzulänglichkeit 
zurücksehreckte, noch durch äußere Widerwärtigkeiten 
schlimmster Art lahm gelegt wurde, hat Heinrich durch 
die Herausgabe des zweiten Bandes seines „Eros" hin- 
länglich dargetan ; auch daß er seinem einmal ergriffenen 
Berufe treu geblieben, ohne je höher hinaus zu wollen, 
ungeachtet des Vorherrschens seiner Hinneigung zu an- 



— 470 — 

gestrengter geistiger Tätigkeit, zeugt für seine intensive 
Willensstärke nicht weniger als verschiedene kleine, mehr 
Augenfällige positive Züge seines Wesens, so z. B., daß er, 
wenn er am 1. eines Monats Zahnschmerzen hatte, mit 
Kreide an die Wand schrieb: Am 4. habe ich sie nicht 
mehr. Ueberhaupt schrieb er alle Wände voll mit allerlei 
Notizen, selbst über der Türe, so daß manche einfältige 
Leute glaubten, daß er ein halber Zauberer oder Hexen- 
meister sei, was ihn oft recht belustigte, und in seinem 
Nachlasse fanden sich hunderte beschriebener Papier- 
schnitzel vor, zumeist geschäftlichen Inhalts. In seiner 
Einsamkeit gewöhnte er sich an, laut mit sich selbst 
zu sprechen. 

Heinrich gehörte der evangelischen Kirche an, war 
aber vollkommen freidenkerisch und spottete freisinnig 
über Religionsbekenntnisse und „Pfaffen", ohne aber dabei 
im Geringsten Atheist zu sein; auf die Geistlichkeit hatte 
er einen gewissen scheinbar unversöhnlichen Haß geworfen, 
welcher jedoch sicherlich nur der von derselben vertretenen 
Sache, keineswegs der Person galt, wie seine Freundschaft 
mit mehreren geistlichen Herren, dem Pfarrer Freuler 
in Wülflingen, dem Pfarrer Speich in Glarus, genugsam 
beweist; diesem Hasse gab er auch durch Spott gelegentlich 
deutlichen Ausdruck; seine vertraute Freundin Fräulein 
Brunner, die er aus der Kirche kommen sah, fragte er 
höhnisch: „Nun, was hat der Herr Pfarrer gepregelt?", wo- 
rauf sie ihm erwiderte: „Wenn Sie so fragen, werde ich es 
Ihnen niet sagen". Heinrich spottete aber nur über die 
bigotte Geistlichkeit und „Pfaffenwelt" und deren oft eng 
begrenzten Horizont; und wenn er die Geistlichkeit zum 
Teil haßte, so war dazu wohl auch ein Grund der, daß 
manche Geistliche s. Z. sich hervortaten, damit der 
weitere Druck seines Buches „Eros" verboten werde. 
Wenn er vom Sterben und vom Tode sprach, so betonte 
er oft: Er werde dereinst ruhig vor den Richterstuhl 



— 471 — 



Gottes treten, denn er habe stets nur das Gute gewollt 
und er hoffe, Gott werde ihm seine Irrtümer und Fehler 
wie allen s und igen und reuigen Menschen verzeihen* 

Für alles Gute, Edle und Schöne war Heinrich stets 
begeistert; er schwärrate für Gesang, besonders für die 
Lieder des Sängervaters Hans Georg Naegeli von Zürich; 
auch war er ein aufrichtiger Freund der Natur und ein 
scharfsinniger Beobachter derselben« 

Vermöge seiner hochentwickelten Intelligenz zeigte 
er sich auf keinem geistigen Gebiete verlegen; er konnte 
sich mit Künstlern und Gelehrten 3 unter denen er ver- 
traute Freunde besaß, unterhalten, obwohl er Schule nicht 
genossen hatte; und dieses war nicht nur die Meinung 
derer, die ihn dieses Vorzuges wegen zu beneiden Ursache 
hatten, sondern ebenso auch die Auffassung der gebildeten 
Kreise. Als Zeugnis dessen diene das nachfolgende in der 
Orthographie des Originals wiedergegebene Schreiben 
des Dr. Müglich an die Gräfin v. Bentzel-Sternau: 

„ Ihrer Hochgeboren der 

Frau Gräfin v. Bentzel-Stemau 
gebornen Baronin v, Seckendorf 

Mariahalden, 

Gnädige Frau Gräfin, 

Wenn ich auch sonst auser Berührung mit Ihrem edeln 
Hause bleiben eolte> so nehme ich mir doch die Freiheit, 
mich zuweilen durch die Feder mit demselben noch in 
Verbindung zu sezen. So jezt. Herr Heinrich Hößli 
von Glarus wünschte auf einer Reise nach Zürich Ihre 
Gemälde zu sehen. Ich sagte ihm, Sie seyen so ge- 
fällig, ihm dieselben auch ohne mein Billet sehen zu 
lassen: er drang aber in mich und ich wilfahre ihm, 
Diser Mann ist mir Üuserst merkwürdig erschiuen. 
Er ist ein Autodidakt und ich mögte wohl sagen, ein 
Filosof, ob er gleich bürgerlich nur ein Fuzmacher 



— 472 — 

ist. Ich furcht also nicht, daß Ihre Excellenz ihn so 
sarkastisch aufnehmen werde, wi Napoleon diStael, indem 
er si fragte, wivil kostet eine Elle der Spizen hir an 
Ihrer Hälskrause? 

Hochachtungsvol 

Ihrer Excellenz 
ergebenster Diner 
Mollis, 1827. Dr. J. K. A. Müglich". 

Und diese Auffassung von Heinrich Hößli's Geistes- 
art galt nicht nur zu der Zeit, als er noch am „Eros" 
arbeitete, sondern auch noch, als dieser längst er- 
schienen und verboten war, blieb sein Verfasser überall 
äußerst beliebt und jedermann hielt ihn für einen ge- 
scheidten Kopf. Er interessierte sich lebhaft für jeg- 
lichen Fortschritt; in den vierziger Jahren "pflegte er be- 
züglich der Erfindungen seines Jahrhunderts zu äußern: 
„Es kommt noch so weit, daß man in den Hafenkübel 
hineinhockt und — zum Fenster hinausfliegt." Eine be- 
sonders große Liebe war Heinrich zum gestirnten Him- 
mel eigen und kundig war er der Sterne und ihrer 
Bahnen, ihres Standes und ihres Erscheinens. Er war 
ein leidenschaftlicher Freund guter Bücher und hielt 
streng auf deren sorgfältige Behandlung; „Eselsohren" 
waren ihm ein Greuel; seiner vertrautesten Freundin, 
Fräulein Brunner, lieh er Werther's Leiden, weil er wisse, 
daß sie das Buch angemessen behandeln würde, er gäbe 
es aber nicht einem jeden. Aus dem Hause des 
Pfarrers Freuler zu Wülflingen ersuchte er noch am 
22. November 1860, bereits über 76 Jahre alt, J. J. 
Siegfriede Buchhandlung und Antiquariat in Zürich um 
Zusendung von 37 wissenschaftlichen und dichterischen 
Werken aus dessen 127. Verzeichnisse; a / 8 davon wolle 
er jedenfalls behalten, wahrscheinlich alle ; und er sendete 
20 Franken Vorschuß ein. Seine erstaunliche Kenntnis 



473 — 



der Literatur war seinen Freunden wohl bekannt; sie 
ließ nicht tiach, als Heinrieh die Fortsetzung seines 
„Eros" definitiv aufgegeben hatte; ein Brief des W. E. 
von Gonzenbach am Berg aus St, Gallen vom 24. No- 
vember 1854 hebt diese Kenntnis Hößli's und seine 
Liebe zur Literatur hervor. *) Bei seinem Tode hinter- 
ließ er 8 Kisten mit Büchern. Heinrichs um sechs Jahre 
jüngerer Bruder Johann Ulrich, mit dessen weder lieb- 
reichem noch aufrichtigem Charakter sich Heinrich nicht 
zu befreunden vermochte, nannte ihn nur den „gefehlten 
Gelehrten". 

Ein langjähriger Bekannter Heinrich HöJMi's zeich- 
nete diesen mit den sechs Worten: „Er war Idealist — 
Eros sein Steckenpferd." 

Mit dem eingetretenen Greisenalter scheint nicht 
zum mindesten das trostlose Schicksal seiner Idee vom 
Eros an Heinrichs Herzen genagt zu haben; er galt 
mehr und mehr als Sonderling, wurde im Verkehr mit 
seinen Mitmenschen eher wortkarg als mitteilsam und 
äußerst vorsichtig und zurückhaltend in Rede und 
Urteil. Auch verfiel er auf Sonderbarkeiten, die bei 



I 



') Von der Tiefe seines Interesses tttr Philosophie und Dicht- 
kunst zeugt auch die Tatsache, daß er aus den Vorlesungen an 
der Universität Zürich im Wintersemester 1853/54 nach der „Neuen 
Zürcher Zeitung - % Nummer 238, Beilage, in seinem Notizbuch 
notierte i 

„Philosophische Fakultät — Prot; ord. Dr, H, A. Th. Kochly 
1. Geschichte der griechischen Weltliteratur (der allge- 
meinen griechischen Literaturgeschichte zweite Hälfte) 
4 Stunden. 
2* Vergleichende Erklärung der Elektra des Sophokles 
und der Elektra des Euripides; 3 Stunden, 

3. Ausgewählte Gedichte der römischen Elegiker; 3, St 

4, Uebung-en der philologischen Gesellschaft (Erklärungen 
von Piatons Fhädrus), unentgeltlich; 2 Stunden. 

Anfang 31. Oktober." 



— 474 — 

seinem sonst so ausgesprochen edlen Wesen nicht recht 
verständlich sind. 

Ein glücklicher Mensch ist Heinrich Hößli nie 
gewesen. In einem Briefe an seine sehr unglücklich ver- 
heiratete Schwester Frau Regula Rehlinger geb. Hößli 
in Kaufbeuern, aus Glarus vom 9. Juli 1842 datiert, in 
welchem der 58jährige Mann schildert! der Vater sei 
noch so gesund wie ein junger Hirsch und die Brüder 
befänden sich in Wohlstand und ziemlichem häuslichen 
Frieden, findet sich der nachfolgende erschütternde Satz : 

„Bei diesen 1 ) Dingen aber kenne ich, liebe Schwester, 
das Leben und Schicksal der Menschen, ich darf wohl 
sagen, von allen seinen fürchterlichen Seiten. Meine 
Vergangenheit ist eine Reihe beinahe unaufhörlichen Un- 
glücks und Leidens; ich sehe mit Schaudern zurück; und 
wenn Du einmal hörst, daß ich auch den letzten Streit 
vorüber habe, so falle vor Dank und Freude nieder vor 
Deinem Gott** 

Allein trotz dieser durch manches Bittere, das er 
erleben mußte, notwendig hervorgerufenen düsteren 
Stimmungen, die Heinrich nicht Herr über sich werden 
ließ, sah man ihn oft heiter und froh, besonders dann, 
wenn freudige Ereignisse in den ihm befreundeten Fa- 
milien eintraten oder wenn in den Zeitungen von einem 
weltbewegenden Fortschritte zu lesen war. 

Als Rekapitulation und zugleich als Dokument aus 
der damaligen Zeit folgt hier der Nekrolog Hößlis im 

„Republikaner." 

„ — Winterthur. (Einges.) Ende letzter Woche 
verschied hier im 83. 2 ) Lebensjahre ein auch in weitern 
Kreisen bekannter origineller Glarner, Namens Heinrich 
Hößli. Derselbe wurde im Jahre 1782 8 ) von unbemittelten 



*) (d. h. Heinrichs Wohlstand betreffenden) 

2 ) Im 81. Lebensjahre nach Seite 460 und 464. 

3 ) 1784 nach Seite 454 und 464. 



— 475 — 

Eltern geboren, kam dann in den auch fürs Giamerland 
so verhängn iß vollen neunziger Jahren mit einem Trausporte 
armer Kinder nach Zürich und später in ein Handlungs- 
geschäft in Bern. 

„Im Anfang dieses Jahrhunderts eröffnete er in 
Glarus ein sogenanntes Putzgesehäftj das er mit Erfolg 
bis Ende der vierziger Jahre betrieb ? nnd gab es damals 
wohl wenige Familien landauf und ab ? die nicht mit dem 
Putzmacher Hößli verkehrten, Neben seinem Geschäfte 
hatte derselbe einen unermüdlichen Drang nach Wissen 
und Bildung und verausgabte auch einen großen Tb eil 
seiner Ersparnisse für Bücher und Schriften aller Art. 
In Folge dessen eignete er sich eine tiefe Denkungsart 
an und erhielt sein Geist einen philosophisch gelehrten 
Zug. Hößli stand s. Z. auch in Verbindung mit Zschokke 
und Troxler und erzählte stets mit Freuden, daß auf 
seine Eingebung hin jener den „Bros" in seine Novellen 
schrieb, 

„Mit seinem selbstgeschriebenen Werke „Eros" hatte 
der Verfasser jedoch wenig Glück, indem der damalige 
Rath von Glarus dasselbe weiter zu schreiben 1 ) verbot; 
immerhin wird dieses Buch, wie wir schon Gelegenheit 
hatten 211 hören, von sehr gelehrten Personen weit milder 
beurtheilt und sagten einst die Verleger selbst, daß frag- 
liches Buch von Laien meist nicht verstanden, dagegen 
oft von Literaten gekauft werde, um daraus zu schöpfen, 
und es bewuudernswerth sei, wie es einem uugeschidtcn 
Manne möglich geworden, einen solchen Schatz von Ge- 
lehrsamkeit und eigenen neuen Ideen darin niederzulegen. 

„Nach Aufgebung seines Geschäfts in Glarus arbei- 
tete der Alte mit regem Interesse an einem dritten Bande 
seines Werkes 2 ), um Unterlassenes nachzuholen und über- 



*) Zu drucken, nicht zu schreiben, nach S. 450 u, S. 500 
") Dieser war von vornherein geplant nach S. 451 u. S, 477. 




— 476 — 

baupt seine Idee verständlicher und klarer zu machen, 
konnte denselben jedoch nicht mehr beenden, indem er 
von seinem unruhigen Geiste stets hin und her getrieben 
wurde und ein wahres Wanderleben führte. 

„Von Jugend auf ein Freund der Natur, fesselten 
ihn besonders die Gestade des schönen Zürichsees und 
so wohnte er oft in Glarus, dann in Stäfa, Richterswyl, 
Lachen, Mollis, wieder Glarus und endlich zog er nach 
Winterthur. 

„Bis zu der Zeit, wo jenes in den Blättern veröffent- 
lichte eigenthümliche Testament seines Sohnes „JohnHößli 
aus New-York" ihm zu Ohren drang, blieb der Alte, 
seine angebornen Eigenheiten abgerechnet, immer heiter 
und froh und als guter Gesellschafter stets gerne gelitten; 
seither war aber eine Veränderung an ihm wahrzunehmen, 
die ihn nach und nach körperlich und geistig zerstörte. 
Hößli behauptete nämlich immer und vielleicht nicht mit 
Unrecht, daß fragliches Testament nicht das richtige sei 
und noch ein anderes späteres Dokument existiren müsse. 

„In der That klingt es etwas sonderbar, wie ein unver- 
heiratheter Sohn, der ein Vermögen von beiläufig einer 
halben Million besaß, seinen alten, nicht sehr bemittelten 
Vater in seinem letzten Willen nur mit Fr. 5000 beden- 
ken und seinen einzigen Bruder ganz übergehen konnte, 
währenddem die Hauptsumme seiner damals schon seit 
vielen Jahren abgeschiedenen Mutter zukommen soll oder 
nach deren Tod einer ehemaligen Jugendfreundin des 
Erblassers, die außer der Familie steht. Um so mehr, 
da der Sohn seinen Vater einige Monate vor seiner Ver- 
unglückung auf dem Meere noch von seiner Ankunft 
unterrichtete mit der freudigen Mittheilung, daß er nun 
in der Schweiz zu bleiben und irgendwo einen hübsch 
gelegenen Landsitz zu kaufen gedenke, auf welchen er ihn 
dann zu sich nehmen wolle, um ihm den Rest seines un- 
ruhigen Lebens noch zu verschönern. 



— 477 — 

„Hbßli bemühte und härmte sich vergebens, dieses 
Dunkel zu lösen, es sollte ihm nicht mehr beschieden 
sein, diese Sache in klarem Lichte zu sehen. 

„Er hat nun ausgekämpft mit der Welt, die ihn so 
oft mißverstanden, Rühe seiner Asche!" 

Aus: Der Republikaner, Zürcher Intel ligenzblatt, 
Elfter Jahrgang. Nr.l. Sonntag, 1. Januar 1865, Seite 2* 



III. Heinrich Hoßli's zweibändiger „Eros 14 . 

Den Entschluß zur Abfassung seines Lebenswerkes 
,Eros u hat Heinrich Hößli erst einige Jahre nach dem 
Erscheinen der durch ihn angeregten Novelle „Der Eros 
oder über die Liebe * von Heinrich Zschokke (1821) ge- 
faßt; seine Erosidee aber, nachdem sie IB17 in Hößli' s 
03. Lebensjahre geboren war, hat ihn bis in sein Todes- 
jahr unablässig begleitet und ihn nicht früher Ruhe finden 
la&seil, als bis er 1836 den ersten und 1838 auch den 
zweiten Band gedruckt vor sich sah. Dann erst gab er 
den Plan, einen dritten Band folgen zu lassen, auf und 
es blieben die zu demselben fertigen Kapitel un gedruckt, 
die auf ihn bezüglichen Notizen unfertig liegen. 

Es dürfte nunmehr eine dreifache Aufgabe mir zu- 
fallen: erstlich den wesentlichen Inhalt der beiden ge- 
druckten, 721 Oktavseiten füllenden Bände und, soweit 
es sich feststellen läßt, auch den geplanten Inhalt des 
dritten, ungedruckt gebliebenen Bandes in möglichster 
Gedrängtheit wiederzugeben; — alsdann den Werde- 
gang und das Schicksal des „Eros" zu verfolgeu ; — 
und drittens dem Leser einige der bedeutendsten Stellen 
des Eroswerkes unverkürzt vorzuführen, Stellen, welche 
die geistige Bedeutung Hoßli's hervortreten lassen und 
entweder durch die Eigenartigkeit oder durch den Reich- 
tum der Gedanken oder aber durch ihre Kraft oder 



— 478 — 

ihren individuellen Ausdruck für die Denkweise und die 
Schreibart Höfili's charakteristisch sind. 

1. Der wesentliche Inhalt von Heinrich Höfili's „Eros". 

Versuchen wir, den Erosinhalt unter Vermeidung 
aller subjektiven Phraseologie aus dem an allgemeinen 
Gedanken und eigenen Gesichtspunkten, besonders in den 
Vorreden zu beiden Bänden, überreichen Buche rein 
herauszuschälen, ohne uns streng an den Gedankengang 
des Werkes zu halten. 

Eine außergewöhnlich fürchterliche Hinrichtung, die 
des Doktors der Rechte und Bürgers von Bern Franz 
Desgouttes, 1 ) der 1817 seinen Schreiber und Liebling 
Daniel Hemmeier ermordete und dafür gerädert 
wurde, 2 ) hatte bei ihrem Bekanntwerden in Hößli die 
noch schlummernde Empfindung der Notwendigkeit 
einer aufklärenden Schrift über die den alten Griechen 
als Natur bewußt gewesene, der Neuzeit jedoch als 
Unnatur dunkle und mit schweren Strafen bedrohte 
Knaben- oder Männerliebe geweckt. Hößli schmerzte 
es als das unerträglichste aller Leiden, zahlreiche seiner 
Mitmenschen ohne jede Schuld unaufhörlich von den 
Gesetzen bedrängt zu sehen. 8 ) Die Liebe zu den Lieb- 
lingen hatte er aus seinem durch vieljährige Prüfung 4 ) 
erlangten Wissen und durch seine von der Literatur be- 
stätigte und bestärkte Ueberzeugung ) als eine von der 



1 ) Ueber ihn handelt das folgende (5.) Biogramm dieser Quellen- 
materialien. Hößü's Eros handelt über ihn I S. IX, S. XVI, S. 61 
u. S. 278; femer II S. 53, S. 212—213, S. 225, S. 239, S. 263—264, 
S. 279, S. 327*) und S. 351. 

2 ) Darüber in Hößli's Eros I S. IX; S. XVI; S. 61; S. 278; 
— Eros II S. 53; S. 212— 213; S. .225; S. 263—264; S. 279; 
S. 327*); S. 351. 

3 ) Eros I S. XXIII— XXIV. 4 ) Eros I S. XXIX. 
6 ) Eros I S. XXV- XXVI. 



— 479 — 



Natur geforderte, reine, einfache, ewige, unwandelbare, 
sittlich berechtigte Naturerscheinung längst erkannt. l ) 

Diese Natur, die gleichgeschlechtliche Liebe, kann 
als Naturerscheinung zum Laster, zum Verbrechen führen/ 2 ) 
braucht es aber nicht notwendig. Solche Eigenschaft 
hat sie mit der zweigesehlechtlichen Liebe gemeinsam 
und ebenso wie diese beruht sie auf geschlecht- 
licher Anziehung. ) Sie ist aber, obschon sie ihre Wur- 
zeln im Erdreiche hat, auch zugleich gottlichen Ursprungs 
und sie ist vom Schöpfer für höhere Zwecke, gleich der 
zweigeschlechtlichen Liebe, bestimmt. 4 ) Dieserhalb ist sie 
auch, wie diese, der Veredlung, der Vergöttlichung, der 
Idealisierung nicht nur fähig, sondern bedürftig. 6 ) Die 
der Männerliebe zu Grunde liegende Natur zeigt über- 
all sowohl die weiblichen als die männlichen 
Hauptzüge und Eigenschaften der Seele und 
des Gemüts mit allen ihren mannigfachen 
Kräften und Stimmungen in sich vereinigt, 6 ) 
derart, daß die bloß äußerlichen Kennzeichen 
des Geschlechtes, welche für die Bezeich- 
nungen „Mann" und „Weib" maßgebend sind, 
für das Geschlechtsleben des Leibes und der 
Seele nicht den Ausschlag geben. 7 ) Genau so 
wurde die gleichgeschlechtliche Liebe von Plato und 
den alten Griechen überhaupt aufgefaßt und von ihnen 
nach Möglichkeit veredelt, vergöttlicht und idealisiert*) 
In der griechischen Kunst ist auch der Gegenstand der 
Männerliebe durch jungfräuliche Männlichkeit, die nicht 
weibische Mannheit ist, zur Darstellung gebracht 9 ) 

Ganz anders in der Neuzeit Alle jene Wahrheiten 
hat man völlig vergessen und daher müssen sie von 

») Eros I S. 35. *) Emu I S. 148; II S. XV— XVL; 8. 240. 
•) Eros II S. XVI; S. 35-86; S. 295—296. 4 ) Eros U S. 29—33. 
*) Eros II S. 24—25. •) Eros II & 299-801. *) Eros I S, 44; 
II S. 16—53. *) Eros I S. 120; II S. 194—195 u. öfter, ■) Eros H S. 325. 



— 480 — 

neuem bewiesen werden. 1 ) Zwar haben in neuerer Zeit 
drei deutsche Schriftsteller, von Ramdohr, Meiners 
und Zschokke, die der Neuzeit dunkle Sache aufzu- 
klären versucht, 9 ) allein ihre Auffassungen sind nur halb 
wahr und daher auch halb unwahr. 8 ) Diese unsere Neu- 
zeit übersah ganz den göttlichen Ursprung der gleich- 
geschlechtlichen Liebe; sie vereitelte den Plan des 
Schöpfers, verhinderte ihre mögliche Veredlung, drückte 
sie in den Sumpf hinab und führte sie so naturnotwendig 
zum Laster und zum Verbrechen [bei Desgouttes], ent- 
göttlichte sie, anstatt, gleich den Griechen, sie zu ver- 
göttlichen. 4 ) Individuen, deren äußere Kennzeichen als 
unzuverlässig für das Geschlechtsleben ihres Leibes und 
ihrer Seele sich erwiesen, gab es stets, bei allen Völkern und 
zu allen Zeiten, 6 ) solche gibt es auch in der Gegenwart; 
von ihrer Gefährlichkeit spricht jedermann 
so halblaut, gerade so wie unsere in Gott 
ruhenden Väter von den Hexen geredet 
haben. 6 ) Man kann sie nicht nennen, ohne sie zugleich 
dem Verderben durch unsere Henkersanstalt preiszu- 
geben, und man ist genötigt, auf Stimmen und 
Zeugen, die derMenschheitsgeschichte angehören, 
sich zu beschränken. 7 ) Als solche Stimmen und Zeugen 
führt Hößli in 42 Nummern, fast 100 Seiten füllend, 
Dichtungen und Aussprüche, die gleichgeschlechtliche 
Liebe betreffend, aus allen Zeiten und von allen Völkern 
stammend, auf. 8 ) Indem das Christentum die Tatsache 
der Unzuverlässigkeit der äußeren Geschlechtskennzeichen 
übersieht, 9 ) bemüht man sich, andere Erklärungen für 
die Erscheinung, die man weder leugnen, noch aus der 
Welt schaffen kann, aufzufinden; so soll die Ursache der 
gleichgeschlechtlichen Liebe bald Schönheitssinn, bald 

») Eros I S. 44. 2 ) Eros I S. 275—280. 3 ) Eros I S. 66. 
4 ) Eros I S. 116—119; S. 272. B ) Eros II S. 43—44. 6 ) Eros II S. 189. 
7 ) Eros II S. 44; S. 172. 8 ) Eros II S. 53—150. e )Eros II S. 161. 



— 481 — 



Ausartung, bald Willkür oder Selbstbestimmung, bald 
bloß griechische Liebe sein, bei uns aber weniger oder 
gar nicht mehr vorkomm en, bald soll sie ein Laster wie 
andere, bald bloß ein Heldenlaster, ja selbst Knaben- 
schändung sein : allein alle diese Erklärungsversuche sind 
nur untergeschoben 1 ), und gegenüber der auf geschlecht- 
licher Anziehung beruhenden, gegenüber der reinen, 
naturnot wendigen, der Veredlung fähigen gleichgeschlecht- 
lichen Liebe sind sie hinfällig. 

Au und für sich wäre die Liebe zu den Lieblingen 
nicht ein so bedeutender Gegenstand, daß ein dreibän- 
diges aufklärendes Werk über sie brauchte geschrieben 
zu werden; allein bei deu irrigen Vorstellungen, welche 
das falsche Christentum der Neuzeit von ihr hat, wird 
sie dazu gestempelt. 2 ) Der Naturforscher, der Erforscher 
der Wahrheit, hat nicht danach zu fragen, ob durch die 
erkannte Wahrheit und ein dieser entsprechendes Aufgeben 
falscher Vorstellungen geltende Sitten-, Natur- und 
Hechts -Lehren und -Begriffe in Trümmer fallen, da er 
nur einen Richter^ die Natur, über sich anerkennt j 
was durch Naturwahrheit gestürzt wird, war nicht selbst 
Natur und kann nur durch Vernichtung der unschuldigen 
Natur mit Gewalt aufrecht erhalten werden. s ) Das über 
die Ausübung der gleich geschlechtlichen Liebe gesetzte Ge- 
richt unserer Zeit ist die größte Unrechtsanstalt auf der 
ganzen Erde; 4 ) Auch ist es eine unmenschliche Scham, zu 
glauben, daß ein diesen so dunklen Gegenstand aufklärendes 
Buch dem Christentum irgend welchen Schaden stiften 
könne. & ) Wer sich Erzieher, wer sich Lehrer nennt und den 
nicht kennt, nicht kennen will, den er erziehen, den er 
lehren soll, führt einen Spottnamen und ist in Wirk- 
lichkeit nur Barbar oder HalbnieDschJ 1 ) 



*) Eros II S. 214—269. *} Eros I S. 96. *) Eros I S. 172—173. 
*) Eros I S. XXV. fi ) Eros I S. XXXII. B ) Eros II S, 274—575, 
Jahrbocb V, 31 



— 482 — 

Hößli gibt im 2. Bande des „Eros" 1838 seiner be- 
sondern Befriedigung darüber Ausdruck, daß er in dem 
1837 erschienenen Drama „Die Freunde* von Wiese 
schon so bald nach Ausgabe seines 1. Bandes (1836) eine 
Unterstützung seiner Bestrebungen fand. 1 ) 

Ich lasse nun eine einfache Inhaltsübersicht 
des Eroswerkes folgen, welche den Besitzern desselben 
gewiß nicht unwillkommen sein wird, da eine solche dem 
Werke fehlt und Gesuchtes ohne solche nicht leicht auf- 
findbar ist. 

Inhalt des ersten Bandes: 

Dem Schutzgeist des menschlichen Geschlechts S. V — X. 

Einleitende Worte als Vorrede S. XI — XXXIX. 

Erster Abschnitt: Hexenprozeß und -glaube, Pfaffen und 
Teufel als würdiges Seitenstück zu dem Wesen unserer Meinungen 
und Begriffe vom Eros der Griechen, wie er in seinen Folgen und 
Einflüssen mitten in unserm Leben waltet S. 1 — (274 statt) 30. 

Zweiter Abschnitt: Wahn und Wahrheit, Aberglaube und 
Unwissenheit, unsere Meinungen und Begriffe vom Eros der Grie- 
chen, unser Irrglaube an eine Zuverlässigkeit der äußeren Kenn- 
zeichen im Geschlechtsleben des Leibes und der Seele S. 31 — 72» 

Dritter Ab schnitt: Deutungen des Charakters der Mensch- 
heit zu allen Teilen und Bestimmungen ihrer geistigen und leib- 
lichen Natur S. 73—92. 

Vierter Abschnitt: Nähere Bezeichnungen und Bestimmun- 
gen der Aufgabe dieses Buchs und des Unterschieds zwischen uns 
und den Griechen in Betreff des Eros, oder der Natur, der An- 
sichten und der Behandlung der Liebe zu den Lieblingen, wie 
unseres Glaubens an eine (nicht vorhandene) Zuverlässigkeit der 
äußern Kennzeichen im Geschlechtsleben des Leibes und der Seele, 
in sittlicher, moralischer und anthropologischer Hinsicht und. Be- 
ziehung S. 93—112. 

Fünfter Abschnitt: Das Wesen der menschlichen Ge- 
schlechtsliebe (Erfahrungen und Glaubensbekenntnis) S. 113 — 154. 

Sechster Abschnitt: Natur S. 155—174. 

Siebenter Abschnitt: Plato S. 175—192. 



*) Eros II S. 327**). 



— 483 — 



Achter Abschnitt; Leb od und Wissenschaft der Griechen 
in der Idee der Manne rliebe und die spateren Zeiten außer derselben 
S. 193—238. 

Neunter Abschnitt: Unsere Schriften und Schriftsteller 
über die Liebe des Plato, welche Keeultate geben sie uns, was 
leisten sie uns ftlr das Studium der Griechen, des Geschlechtslebens 
und des Eres und was die Schriften der Alten für Wissenschaft und 
Leben? S. 239—304. 

Verbesserungen (Druckfehler) 2 Seiten. 

Inhalt des zweiten Bandes: 

Verb ess er un gen ( D ruc kie hl er) . 

Einleitende Worte als Vorrede und Fortsetzung derjenigen im 
ersten Band S. I— XXXIL 

Erster Abschnitt: ') Die Zuverlässigkeit der äußern Kenn- 
zeichen im Geschlechtsleben des Leibes und der Seele ist Wahn; 
platonische liebe nach unsern Begriffen: ein Hirngespinst; die 
Männerliebe der Griechen ; reine und unwandelbare Natur S, 1—352, 

Stimmen und Zeugen: 1. Bejli Hassan S. 53—65; — 
2. Flavins Philostratus S. 55—56; — 3, Des persischen Dichters 
Sadi 5 Blumen S, 56 — ö7; — 4, Bora« S. 58; — 5. Hiero, Simonides u, 
Xenophon S. 59—61; — (J, Griechische Antholog-ie S, 61—64; — 
7. Agesilmis und Xenophon S. 64—66 ; — 8. Zeugnis der männlichen 
Liebe aus Persien. Sechs Dichtungen, verdeutscht von v. Hammer 
g, &J—71 ; _ 9. Xenophon iindSokrates S. 71—73; — 10. Apollodor 
S. 74; — 11. Vakrius Maximus und Ephialtes S. 74—75; — 12. 
Mo ha med Ferdi (aus dem Türkischen übersetzt von Thomas Seh aber t) 
S. 75—78; — 13. ÄJistotele* S. 78; — 14. Sokrates und Plato 
S« 79; — 15. Monla Abdul Latifi mit Schejch Elwan SchJrasi 
S P 79—80, Ssubhi (Brussa) 8. 80—81 und Bassiri (Herat) S. 81—82: 
16. Anakreons Grab S, 82 — 88; — 17. Schejch Husch eni, 3ftad| 
Tachelebi und Äsaji S. 88—93; — 18. Der Di van des Mahomed 
Scherased-Din Hafis (nach v. Hammer) S. 93—95; — 19. Tibidla 4. 
und 9 + Elegie S. 95— 99; — 20, Erasistratua undPlutaroh.S. 99—101; 
— 21, Perikles, Sophokles und Valerius Muxiinus S. 105; — 22. 
v. H aminer' s Zueignung des persischem Divans an den Grafen 
V, Harrach und drei von ihm Übersetzte Oden aus demselben 
S. 105—109; — 2B, Plato und sein Zeitalter 5. 109—110; — 24, 
Arian, Alexander und Aelian S. 110—112; — 25, Xenophon (Ana- 



l ) 4 Dpr * weile Band ersehe lju durch Zufall nicht in bCMOd/BBS Abschnitt« 
St?ürdjiLa. u HöflK: Erua IL S. 44, 

31* 






— 484 — 

basis 2. VI) S. 112—114; — 26. Sadi (Rosengarten, nach v. Ram- 
dohrs Venus Urania IV. S. 25) S. 114—115; — 27. Virgil (zweite 
Ekloge) S. 116—118; — 28. Lucian im Eingang seines Gespräches : 
Das Schiff oder die Wünsche S. 118—121; — 29. Ishak Tschelebi 
S. 121—122, Ussuli S. 123 nnd Affitabi S. 123—124; — 30. Ahmed 
Pascha S. 125—126; — 31. Theokrits siebente Idylle S. 126—129; 
— 32. Antinous und Hadrian S. 129; — 88. Morgenländischc 
Stimmen und Zeugen der platonischen liebe S. 129—131 ; — 34. Die 
Insel der Liebe (von Herder aus dem griechischen) S. 132; — 35. 
Griechische und römische Geschichte (Aelianus und Athenäus) S. 132 
bis 133; — 36. F. W. B. von Ramdohr, über die Natur der Liebe, 
über ihre Veredlung und Verschönerung. 3. Bandes 1. Abteilung, 
12. Kap. S. 134—135; — 37. Persische Stimmen und Zeugen S. 135 
bis 136; — 38. Theokrits Idyllen S. 136—141; — 39. Ahmed 
Daji, Dichter aus dem Lande Kermjan in Kleinasien S. 141; — 40. 
Xenophon im Symposion S. 141 — 143; — 41. Durch v. Hammer 
tibersetzte kleine orientalische Dichtungen S. 143 — 148; — 
42. Plutarch S. 148—150. 

Die Männerliebe der Griechen war weder A: Schön- 
heitssinn S. 215—219, noch B: Seelenliebe S. 219—224, noch C: 
Ausartung S. 224—226, noch D: Willkür, Selbstbestimmung S. 226. 
bis 234, noch E : bloß griechische Liebe S. 234—287, auch ist sie 
F: nicht bei uns weniger oder gar nicht vorhanden S. 237—239, 
noch G: ein Laster und Verbrechen wie andere S. 239 — 264, noch 
H: bloß ein Heidenlaster S. 264, noch I: Knabenschändung 
S. 264—269. 

Für den dritten Band des „Eros" waren außer der 

Leidensgeschichte Desgouttes' von Hößli die folgenden 

fünf Kapitel geplant: 

1. Die Bedeutung und Heiligkeit der Geschlechtsnatur, physisch, 
psychisch und intellektuell, die innerhalb ihrer Schranken möglichen 
Gefahren und Entwürdigungen und was an ihr zu bilden oder zu 
zerstören ist (nach Eros II. S. XH und S. XV). 

2. Die besondere gleichgeschlechtliche Geschlechtsnatur, jetzt 
unterdrückt und verwahrlost, bleibt trotzdem vorhanden und ab- 
solut wirksam (nach Eros IL S. 343—344). 

3. Der große und unabwendbare Einfluß des jetzt verworfe- 
nen Teils der Geschlechtsliebe (der gleichgeschlechtlichen) auf alle 
Gebiete des Lebens mit besonderer Rücksicht auf den körperlichen 
Punkt (nach Eros II S. VII UDd S. 346—347). 



, ! ' 



— 485 — 



4. Verfiittlichiing der Mann erliebe ; der Lichtkreis, in welchem 
□hb künftig 1 alles Rätselhafte, Rechtliche und Unrechtliche, Sittliche 
und Unsittliche, kurz, der ganze Geist, die Moral und Idee des Eros 
und der Lehren des Flato aufgehen wird (nach Eros II S. XXHI 
und S. 342—343), 

5. Was hat die Religion aus dem Eros zti machen und die 
diesem Versuche zu widersprechen scheinenden Bibelstellen (nach 
Eros U S. 351*). 

2. Entstehung, Werdegang und Schicksal des „Eros". 
Als Heinrich Hüßli 1817 bei Bekanntwerden der 
Ermordung des unglücklichen Bure au Schreibers Daniel 
Hemmeier durch die Hand des nicht minder un glück liehen 
Rechtsagenten Dr. jur. Franz Desgouttes in Langenthai 
die „Fesseln dieser Zeit um seinen Geist* sich lösen fühlte, 
war er 33 Jahre alt, schon 6 Jahre Ehemann und bereits 
Vater seiner beiden begabten und später so unternehmungs- 
lustigen Sohne geworden. In seinem überaus empfäng- 
lichen, allem Unrecht abholden Gemüt e verschmolz mit 
dem lodernden Zorne, in welchen er durch den ihm 
überall entgegentretenden Mangel an Erkenntnis der 
Natürlichkeit und Naturnotwendigkeit der gleich- 
geschlechtlichen Liebe geriet, der Unmut über den 
von der Geistlichkeit seines Landes geduldeten, wenn 
nicht gar genährten Aberglauben an Hexen, deren letzte, 
Anna Göldin, in Heinrichs Geburtsbause zu Glarus ge- 
lebt hatte und kurz vor seiner Geburt durch Menschen- 
hand vom Leben zum Tode gebracht worden war, zu 
einer in seiner Seele gewaltig kochenden Empörung. Die 
völlige Verstandnislosigkeit seiner Zeitgenossen für das 
nach seiner Ueberzeugung auf der gleichen Stufe mit 
der zweigescblechtlichen Liebe stehende Problem der Liebe 
zu den Lieblingen war im Falle Desgouttes wieder einmal 
grauenvoll an das Tageslicht getreten. Hößli zermarterte 
sein Gehirn mit dem Versuche, io unwiderleglicher Dar- 
stellung der Welt zu zeigen, wie sie in Hinsicht ihrer 
Verfolgung der Erscheinungen gleich geschlechtlicher 



— 4«6 — 

Liebe noch völlig demselben finstern Aberglauben ver- 
fallen, in einer analogen Wahnidee befangen sei, wie die 
Welt des früheren Jahrhunderts bezüglich der Hexen. 
Aber noch fühlte Hößli sich nicht reif für ein wirksames 
eigenes Unternehmen, noch fehlte ihm die Kraft, ein 
Werk zu schaffen, das um ein Jahrhundert den Zeit- 
genossen vorauseilen sollte, noch vermochte er nicht, 
seine Gedanken so zu sammeln und zu sichten. Es kam 
ihm der Einfall, einen seiner Meinung nach würdigeren 
Mann, als er selber war, zum Mundstück seiner Ideen 
zu gewinnen. Er schrieb nun einen Aufsatz „über Ge- 
schlechtsverhältnisse* nieder und suchte 1819 Heinrich 
Zschokke in Aarau auf, um ihn außer durch Uebergabe 
seines Aufsatzes auch mündlich zum Schreiben über seine 
Idee für den Druck anzuregen. Der damals als Lehrer 
der Philosophie in Luzern tätige, Hößli befreundete 
Trox ler 1 ) übernahm es, Hößli bei seinem Duzfreunde 
Zschokke einzuführen; Abends spät traf er mit Hößli in 
Aarau ein und beide suchten noch am selben Abend 
Zschokke in dessen Landhause, der Blumenhalde, auf. 
Schon im Gange rief Troxler seinem Freunde Zschokke 
seinen Gruß entgegen und fügte hinzu: „Ich bringe Dir 
hier einen halben Gelehrten," worauf dann Zschokke 
schlagfertig erwiderte: „Entweder ist's ein ganzer Ge- 
lehrter oder ein Narr!" Von dem Empfange bei Zschokke 
teilt Hößli in seinem „Eros* 2 ) mit, daß jener ihn als Fremd- 
ling mit großer Güte und Gastfreundschaft aufgenommen 
und behandelt, auf seine Ansicht hingegen, seiner eigenen 



2 ) Ignaz Paul Vital Troxler, geb. 11. Aug. 1780 zu Münster 
im Kanton Luzern, wurde von Jesuiten erzogen, widmete sich kurze 
Zeit der praktischen Medizin, ergab sich dann ganz seiner Lieblings- 
wissenschaft, der Philosophie, und war nacheinander Lehrer der- 
selben in Luzern und Basel und Professor der Philosophie in Bern. 
Seine „Metaphysik" hat Heinrich Hößli in seinem „Eros" benutzt. 

2 ) Hößli: Eros I S. 278. 



487 



vielen allbekannten Arbeiten, Amtsgesehäfte und Lieb- 
lingsforsehungen wegen, äußerst wenig Zeit verwendet 
habe. Als Zschokke's sehnliehst erwarteter „Eros" 1821 
erschien, sah Hößli eich um so bitterer getäuscht, je mehr 
er sich von ihm versprochen hatte; er erkannte voll- 
kommen die Vergeh liehkeit seines Schrittes. „Ihm be- 
wies ich" — heißt es in Hoßli's handschriftlichem Nach- 
lasse — „mit meiner Reise und Mittheilung die größte 
Achtung, das größte Zutrauen, eigentliche Verehrung . * . 
In meinem Aufsatz hat es ganz offenherzig Desgouttes 
geheißen, was Herr Zschokke in Lucasson verwandelte ♦ . . 
Ich erstarrte gleichsam über diese Schrift (Eros), in der 
Holmar meistens meine eigenen Worte ausspricht — da- 
mit die Anderen ihn widerlegen können, verlor meinen 
Glauben an Mensch und Wahrheit — und nahm mir vor, 
zu schweigen und zu sterben. — Jahre vergingen und 
nun rufen Stimmen von außen und innen . . , Die männ- 
liche Natur und Liebe — nicht entmannte — in solcher 
Gestalt tb eilte ich meine Idee Herrn Zschokke mit und 
vorn in seinem Gespräch scheint^ als wolle er nichts 
Castriertes zum Besten geben — aber auf einmal muß 
das Geschlechtliche weg und das Verstümmelte an dessen 
Stelle, aber da erkenne ich meine Wahrheit in Herrn 
Zschokke J s Gewand nicht.'* 

Um den ganzen In grimm Hoßli's gegen Zschokke's 
Schändung seiner Eros-Idee zu verstehen, müssen wir 
Zschokke selbst zu Worte kommen lassen. 

Heinrich Zschokke's Novelle „Der Eros oder über 
die Liebe* kennt von uraischen Liebespaaren Dämon uud 
Pythias, Achilles und Patroklus, Orestes und Pylades, 
Theseus und Pirithous, Harmodius und Aristogiton, 
Epaminondas und Kaphisodor, Sokrates und Alcibiades, 
Jonathan und David, Jakob I, von England und Bucking- 
hanij Lucasson und Walter (erdichtete Namen für Franz 
Desgouttes und Daniel Henimeler); von Urningen macht 



I 



— 488 — 

die Schrift namhaft: Heinrich III. und Ludwig XIII. 
von Frankreich, Pabst Julius IL und Lord Byron. 
Bei vielen schiefen Auflassungen erscheint als wichtigste 
Stelle der Passus »Menschenkenner" 1 ), welcher als eine 
Art Selbstbekenntnis Zschokke's, zum mindesten aber als 
ein Bekenntnis Zschokke'scher Auffassung des Uranismus 
anzusehen ist. Hier erklärt er die Liebe zwischen Per- 
sonen einerlei Geschlechts für eine Zauberei, mit welcher 
der vermummte Amor ein Herz schlagen macht, das sich 
selbst noch nicht versteht; es gebe wohl wenige Männer 
von gefühlvoller Gemütsart-, welche nicht auch als 
Knaben von irgend einem andern hübschen Knaben 
stärker denn von allen andern sich angezogen fühlten 
und diesem mit einer fast leidenschaftlichen Zuneigung 
anhingen, welche sie nachher nie wieder in dieser Art 
gegen Personen ihres eigenen Geschlechts em- 
pfänden. Er erinnere sich eines solchen Zuges aus 
seinem eigenen Kindesalter. Daher stamme die lange 
bleibende Sehnsucht nach einem Freunde, wie man ihn 
sich gern träumt und nie findet, besonders im Ungestüm 
der Jünglingsjahre, wo mancherlei Verhältnisse noch vom 
nähern Umgang mit Frauenzimmern entfernt halten oder 
noch keine weibliche Schönheit den Sieg über uns errang. 
Daher die überspannten Begriffe sowohl bei jungen 
Männern als bei Jungfrauen, welche sie von der wahren 
Freundschaft zwischen Personen einerlei Ge- 
schlechts hegten. Die mancherlei Verhältnisse aber, 
welche vom nähern Umgang mit Frauen entfernt halten, 
sind nach ihm diese: Der wildere Knabe spiele am liebsten 
mit seines Gleichen und plage das kleine Mädchen, weil 
es immer etwas voraus haben wolle oder weine. So 
bleibe er immer von diesem entfernt; als werdender Jüng- 



J ) Zschokke: 
451 Fußnote. 



Der Eros, Ausgabe 1843, S. 281—284, siehe S. 



489 — 



ling nicht minder, denn teilweise reife er viel später ab 
die Jungfrau, teils zerstreuten ihn Anstrengungen und 
Arbeiten auf dem Felde, in den Werkstätten, in den 
Schulstuben. Und wann im Jüngling die dunkle Sehnsucht 
des Herzens heller werde, trete er scheu vor dem andern 
Geschlecht zurück, sei es, weil ihm der Zwang lästig sei, 
welchen er seiner ungebundenen, noch knabenhaft-rohen 
Art in Gegenwart fein gesitteter Frauenzimmer auflegen 
müsse; oder weil er im Gefühl einer gewissen Unbeholfen- 
heit, die dem Alter eigen sei, welches Jean Paul das der 
Flegeljahre heiße, blöde und scheu dastehe; oder weil er 
stark und besonnen genug sei, zu begreifen, daß er auf 
seiner erwählten Lebensbahn noch mit keinem Ernste an 
irgend eine Liebe denken dürfe; oder weil ihm bei seiner 
eigentümlichen Sinnesart der Umgang mit Weibern, 
wie sie ihm bisher erschienen, nicht zusage. Während 
so vom andern Geschlecht mehr oder minder willkürlich 
sein Herz entfernt bleibe, verstumme die Stimme der 
Natur in diesem Herzen nicht Sie rede der Freund- 
schaft das Wort für irgend einen Liebling und erhöhe 
diese mit Leidenschaft zu irgend einer Schwärmerei, von 
deren Ursprung es sich selbst nicht Rechenschaft zu 
geben wisse. Je entschiedener und standhafter die 
Denkart des Mannes sei, um so dauerhafter werde 
seine Neigung; je weniger befriedigend diese neben seiner 
ewigen Sehnsucht stehe, um so stürmischer, alles über- 
wältigend werde die Zuneigung, welche zuletzt sein ganzes 
Wesen so verzehre, wie die unglückliche Liebe eines 
W e r t h e r oder S i e g w ar t oder eines Mädchens ver- 
zehrend werde, das hoffnungslos um den Geliebten seufzt. 
Wenn es bei uns in Europa möglich sei, daß junge 
Männer von der Sehnsucht ihrer von ihnen selbst ver- 
gessenen Natur sich irre führen lassen: um wie viel 
leichter sei es im alten Griechenland gewesen, w r o die 
Scheidung beider Geschlechter schärfer als bei uns 



— 490 — 



gezogen gewesen wäre; dort hätten mehr und längere 
Zeit als bei uns Männer ausschließlich mit Männern 
gelebt; in Werkstätten, Schauspielen, Bädern, auf Märkten 
und Feldzügen hätten sie meistens nur sich gesehen, 
während die Weiber in den Gynäceen verschlossen mit 
Vätern, Brüdern, Verlobten und Ehemännern umgingen. 
Alle Wissenschaft, alle Kunst, alle geistige Bildung sei 
das Gut des Mannes gewesen, während das Weib auf 
das Treiben im engen, häuslichen, ruhmlosen Leben und 
auf die Kunst des Putzes beschränkt geblieben sei. Daher 
hätte sich früh die Achtung des Mannes dem Mann zu- 
gelenkt, während das durch die bürgerlichen Ordnungen 
stiefmütterlich versäumte Weib selten oder nie durch 
Hoheit des Gemütes und durch Reichtum geistiger 
Bildung bleibendes Wohlgefallen hätte erregen können. 
Die vergängliche Schönheit der Jungfrau, ihr schwäch- 
liches Wesen seien des helden sinnigen Griechen und 
seiner Leidenschaft für Ruhm und Vaterland unwert 
gewesen. Seine Neigung hätte sie daher nur auf kurze 
Zeit und nur, weil sie Weib war, fesseln können. Dauer- 
hafter und genußreicher hätten die Freundschaften der 
Männer unter einander sein müssen, oft durch gegenseitige 
Hülfe, oft durch gleiche staatstümliche Ansichten, bürger- 
liche Bestrebungen und andere Interessen gestärkt. Denke 
man sich noch hinzu: die Schwärmerei der Jugend, das 
Fernstehen vom weiblichen Geschlecht, den Zauber des 
Schönen für den allem Schönen aufgeschlossenen Sinn 
des Griechen. Es sei nicht zu leugnen, daß im Antlitze 
eines schönen Jünglings w r eit seelenreichere Züge sprächen 
und mehr Heldenmut, Hochgefühl, Zärtlichkeit und 
Schwärmerei uns darin anrede, als im Gesicht des schönsten 
Mädchens, weil jener schon früh seine Leidenschaft offen 
spielen lasse, die dann seinen zarten Mienen die ersten 
Spuren eingrabe, während das Mädchen mit sittiger 
Klugheit ihr Innerstes verhehle und gerade das Gesicht, 



— 491 — 



statt zum Spiegel, nur zum Schleier ihres Gemütes 
mache* Die erste Liebe des Jünglings und der Jung- 
frau sei in ihrem Streben heilig, alles vergütt behend 
und voll Grauen vor roher Tierheit, Anschauung 
und schweigende Anhetung und ein beseligendes Er- 
widern des liebebekennenden Blickes seien ihnen höch- 
ster Genuß ; der bloße Gedanke an einen Kuß sei 
schon Entweihung und frevelvolles Vergehen am Heilig* 
tum. Diese gegenseitigen Vergötterungen zweier Lie- 
bender hätte n ihren Ursprung im allgewaltigen Gebot der 
Natur, deren Zepter alle beseelten Geschöpfe wissend 
oder unwissend gehorchten. Plato, Xenophon und Plutarch, 
die Gesetzgeber und die Dichter Griechenlands erwiesen 
die angebliche Heiligkeit ihres Eros unverkennbar als 
Selbsttäuschung. Er entspringe bei Einzelnen wie bei 
Völkern zwar aus der Verirrung des Naturtriebes; doch 
sei die gleichgeschlechtliche Liebe rein und erhaben, wie 
immer die erste und wahrhafte Liebe; aber zuletzt gehe 
bei Einzelnen und Völkern diese Liebe ekelhaft aus. 
Alle Weisen hätten die herrsehenden, selbst üblen Sitten 
ihrer Nation nur mit sorgsamer Umsicht berührt und, 
wenn sie nicht hoffen konnten, dieselben auszurotten, nur 
getrachtet, dieselben vom Unflat zu reinigen und zu 
adeln, oder sie zu Stützen und Unterlagen des Edlern 
zu machen. Je länger er über diesen Gegenstand denke, 
je schauderhafter sei ihm der Gedanke, Griechenlands 
Gesetzgebung in dieser Hinsicht zum Muster zu nehmen. 
Über solchen „Verrath* konnte Hößli sich nicht be- 
ruhigen; sein handschriftlicher Nachlaß enthalt darüber 
blind ige Belege: „Hätte Herr Zschokke damals nur seinen 

Hol mar und nicht alles reden lassen es gilt hier nicht 

einen Menschen; es gilt hier tausend und tausend Men- 
PC 1 le n dasein und eine unumwundene, schlichte, einfache, 
nicht gekräuselte Wahrheit, unabänderliche, feste, ewige 
Naturerscheinung und nicht eine in allen Fahnen und 



— 492 — 

Fähnchen gezierte Meinung, es gilt tausend und aber- 
mal tausend Menschendasein . . . Ich wage nicht zu sagen, 
daß die Liebe eine Krankheit sei, wage auch nicht zu 
behaupten, daß sie keine sei — doch ist sie eine gebä- 
rende Gährung der menschlichen Wesen — sie ist eine 
gewaltsame, in unsrer Natur wirkende Kraft und es wird 
wohl kein Moment im Kreislauf des Menschenlebens 
geben, in dem alles Innere der Menschennatur sich le- 
bendiger offenbarte, als in der Liebe — mögen wir sie 
für Krankheit oder für Gesundheit halten, und darum ist 
die Liebe zu kennen auch von dieser Seite wichtig . . . 
Ich theilte früher meine Ansicht dem Verfasser mit, und, 
wie es scheint, hat er solche seinem Holmar in der Ab- 
sicht, mich zu widerlegen, in den Mund gelegt; und doch 
sind Holmar's Reden die Wahrheit und diese zu suchen 
und retten zu wollen ist Menschenpflicht und Menschen- 
beruf, da allervörderst, wo es unmittelbar um die Rettung 
oder die Schändung von tausend Mitmenschen zu thun 

ist. — Meine Idee sie ist mein Kind, von 

den innersten Falten des Lebens habe ich sie geboren, 
ohne ihr damals Obdach und Kleidung, Heimath und 
Pflege zu wissen; das arme Kind trug ich mit Vertrauen 
und Thränen zu ihm — aber er entließ es zur unglück- 
lichen Schaar der Heimatlosen — nackend und kalt . . . 
wäre Holmar je einer gewesen, so wäre er's noch und 
wäre er's jetzt, so wäre er's Immer gewesen . . . daß 
er es noch bis zu diesem Verrath fortsetze, das habe ich 
nicht gedacht — aber Z. gewiß auch nie, wie gleichgül- 
tig er mir ist dieser Verrath — und wie zwecklos von 
ihm — denn gesetzt, ich sei selbst — oder ich sei es 
nicht — so gleich als zwei Wassertropfen — so gleich 
wie blondes oder schwarzes Haar u. s. w." 

Indem Hößli sich diese Gleichgültigkeit einredete, 
brachte er es fertig, an Zschokke nachfolgendes Schreiben 
zu entwerfen: 






— 493 — 



„Glarus im Juny 1826, 

„Verehruugs würdiger Herr! 

„Ich habe vor etlichen Jahren meine Freude, Sie 
kennen gelernt zu haben, meinem Freunde, dem Herrn 
Pfarrer Speich, nicht verborgen. Er kommt jetzt, im 
Begriff, nach Aarau abzureisen, zu mir, daß ich ihn 
Ihnen empfehlen möchte, wenn Sie ihm ßath geben 
könnten, eine Pfründe in Ihrem Canton zu erhalten, 
seine hiesige beträgt nur f. 350, was zu wenig ist Wenn 
er nicht so still und recht und fromm sein ganzes bis- 
heriges Leben seiner jetzigen Gemeinde gewidmet hätte 
ohne Tadel, so würde ich gewiü nicht wünschen, daß 
Sie ihm Rath ertheilen möchten. Er hat mich über- 
rascht, ich weiß ihm jetzt nicht zo entgehen, kein 
schicklicher Vor wand stellt sich mir dar, so verwegen 
es ist, Ibnen nach Ihrem letzten Schreiben wieder mit 
einem Briefe beschwerlich zu sein. Vergeben Sie mir! 
Es soll Jahre lang nicht wieder geschehen . . . . und 
hier noch das allerletzte Wort des Eros halber » . . . 
Vor etlichen Monaten erst habe ich zu meinem Er- 
staunen eingesehen, daß ich geradezu eine Sache ver- 
theidigtc, deren Dasein in der Natur ich mir be- 
weisen wollte, ich bin mit sammt der Thür ins Haus 
gerannt, dunkel ahnend, daß Gutes lieber gehört werde 
als Böses, und schöner sei, dem Guten das Wort zu 
reden als dem Bösen u, s. w, — so ist, was ich schrieb, 
eine Art Apologie geworden, mit der ich mir Ihr 
Schreiben zugezogen habe. Piaton beschreibt genau 
die Natur der Männerliebe, er schildert und glaubt 
sie, wie ich sie geschildert habe und ewig glauben 
muß ? aber der göttliche Plato lehrt, wie das Thierische 
dieser Natur überwunden werden soll — er will for- 
schen, er will reinigen, bilden, gerecht sein, erziehen, 
erheben, nicht ersticken, nicht wegwerten, nicht un- 



— 494 — 

gehört verdammen, nicht verwahrlosen; wirkliche Na- 
turen, die unter seinen Augen stehen, nicht leugnen, 
ihnen sagen: «Ihr seid nicht," aber wie durch des 
Geistes Macht sie sich vom Staub erlösen sollen, 
lehrt sie sein himmlischer Geist, der es nicht könnte 
und sich auch nicht dazu gedrungen fühlen würde, 
wenn er an ihrem Dasein gezweifelt hätte. Das, was Ihr 
Schreiben meine Hauptidee nennt, verachtet Piaton, wie 
Sie es verachten, und schreibt ebendeßhalb seine Er- 
lösungslehre von derselben. In Ihrem Eros aber sehe 
ich jene Naturen bezweifelt — nicht angenommen — 
und ich, indem ich das Dasein einer Sache erweisen 
wollte, schrieb eine erbärmliche Apologie derselben, 
was ich, gegeißelt durch Ihr Schreiben, mit Scham und 
Reue einsehen gelernt habe. Dagegen habe ich aber 
dennoch eine der jetzigen Welt, selbst Ihnen und Herrn 
Doktor Troxler unbekannte Wahrheit laut und rein und 
ohne Scheu und ohne Furcht ausgesprochen und ver- 
diene von dieser Seite her keine Verachtung. Zwar bis 
auf weiteres schweige ich und keinem Freund und keinem 
Bruder wird darüber sich mein Herz aufthun; ich 
habe das meinige gethan — das ist süß! und sehe, was 
die Menschheit ist, das ist bitter! ! 

„Ueber die im Xenophon (der die Frauen liebte) 
angestrichenen Stellen darf ich der Weitläufigkeit 
wegen, die Sie mir nicht vergeben würden, nicht ein- 
treten, was mich Ueberwindung kostet. Aber beweist 
nicht die kürzeste derselben streng das, was ich eigent- 
lich will, nämlich, Liebe sei ihrer Natur nach nicht 
Freundschaft beim Homer und Freundschaft nicht 
Liebe — sie lautet also: Achilles rächt den Tod 
des Patroklus nicht als den Tod eines Lieblings, 
sondern eines Freundes. Und was sind die Lob- 
reden auf des Sokrates Keuschheit ohne das Dasein 
dieser Liebe, welcher auch der Liebhaber des herr- 



— 495 — 



liehen Dichters Agathon sogar in ihrer ungereinigten 
Sinnlichkeit eine Lobrede gehalten hat, welche Xeno- 
phon zwischen von mir angestrichenen Stellen aus- 
schwatzt. 1 ' 

„Ich schließe mit dem innigsten Wunsch, daß 
Sie und Ihr theures Haus gesegnet sei und stets ge- 
segnet bleibe, und mit der Bitte, daß Sie mir groß- 
müthigst alles vergeben, und mit der Versicherung 
meiner unveränderlichsten Hochachtung 

Herr Cantons Kath 

Dero ergebenster Diener* 

Mit Sicherheit geht aus dem obigen an Zschokke 
gerichteten Schreiben Hößli'ä hervor, daß dieser im Juni 
1826 die begreifliche Scheu, mit seiner Idee selbst schrift- 
stellerisch hervorzutreten, noch nicht überwunden hatte 
und der mutige Entschluß zu seinem „Eros* damals noch 
nicht von ihm gefaßt warj und doch war er bereits 42 Jahre 
alt. Den Zeitpunkt, in welchem diese Wandlung in 
seiner Seele vorging, habe ich nicht ermittelt. 

Als Heinrich Hößli zu Anfang der dreißiger Jahre 
am „Eros* arbeitete, wohnte er auf dem Spiel hofe im 
„süßen Winkel" beim Schlossermeister Andreas StüssL 
Die Gedanken an seinen Gegenstand beschäftigten ihn 
derart, daß er Schiefertafeln und Kreide mit in's Bett 
nahm, um deren über Nacht entstandenen Inhalt am 
nächsten Morgen zu ordnen und abzuschreiben; auch 
schrieb er im dunkeln Hinterzi romer des schwarzen 
Adler seine Ideen, so wie sie ihm kamen, um sie nicht 
aus dem Gedächtnisse zu verlieren, mit Kreide au die 
getäfelte Wand j er spannte eine Schnur an der Wand 
aus, um beim Schreiben in der dunkeln Stube die Linie 
innehalten zu küuneu; Lieht anzuzünden verschmähte er, 
vielleicht, weil im Dunkeln die Gedanken reichlicher und 
ungestört ihm zuflössen. 



— 496 — 

Vom 11. Dezember 1834 bis über den 13. Juli 1835 
hinaus stand Heinrich Hößli, damals im schwarzen Adler 
zu Glarus wohnhaft, in Unterhandlung mit dem Buch- 
händler Fr. Schultheß in Zürich bezüglich des Druckes 
seines „Eros". Er hatte sich erboten, 200 Franken zu 
zahlen oder die Hälfte der Druckkosten für die beiden 
ersten fertigen Bände tragen zu wollen gegen Ueber- 
lassung der Hälfte der zu druckenden Exemplare. Die 
Verhandlungen liefen aber zunächst ohne positives Er- 
gebnis aus, indem die Schultheß'sche Buchhandlung an 
Heinrich Hößli schon unter dem 31. Dezember 1834 
schrieb: „Wir bedauern wirklich sehr, Ihnen hinsichtlich 
der Verlagsübernahme eine ablehnende Antwort ertheilen 
zu müssen, denn obgleich wir den Werth der Schrift 
vollkommen anerkennen und den Fleiß des Verfassers 
bewundern, so können wir uns doch nicht überzeugen, 
daß der Absatz der Schrift mit den Kosten des Druckes 
im Verhältniß sein werde/ Auf der Rückseite des 
Schreibens der Firma steht von Hößli's Hand vermerkt: 
„20 Bogen würden höchstens 30, vielleicht nur 25 Ldors. 
kosten". Später jedoch betraute dieselbe Firma einen 
Freund, „einen Geist-, nicht Buchstaben-Philologen", mit 
der Durchsicht des Hößli'schen Manuskriptes zu den bei- 
den ersten Bänden; und da der vorsichtige Freund, be- 
vor er ein Urteil fällte, auch noch das Manuskript zum 
dritten Bande zu sehen wünschte, so erbat sich die 
Firma unter dem 13. Juli 1835 auch dieses, erhielt es 
aber nicht, da es noch nicht fertig war. Endlich schrieb 
die Schultheß'sche Buchhandlung auch noch an den 
Buchdrucker Cosmus Freuler in Glarus, nachdem dieser 
von Heinrich Hößli mit dem Druck des „Eros* beauftragt 
worden war: „Hinsichtlich des Werkes des Herrn Hößli 
möchte ich Ihnen rathen, vorsichtig zu sein, indem ich 
nicht glaube, daß der Debit die Druckkosten decken 
könne; ich habe dies dem H. Verfasser mehrmals ge- 



497 



sagt und ihn von der Herausgabe abzunehmen gesucht. 
— Aus dem gleichen und noch einem andern Grande 
müßte ich es ablehnen, daß meine Firma auf den Titel 
gedruckt werde und ich mich des Absatzes im Auslande 
annehme, der ganz gewiß auch mehr Kosten als Ein- 
nahme nach sich zöge/ 

Bevor Hößli sein Manuskript der Buchdruckerei 
Freuler übergab, wünschte er dessen Durchsicht von 
Seiten eines Gebildeten; er wählte zu diesem Behuf e den 
Lehrer an der Elementarschule zu Glarus Burghard 
Marti; dieser jedoch wies HöJJli's Ansinnen zurück; Da- 
gegen übernahm diese Revision bereitwillig der Lehrer 
an der Sekundärschule zu Glarus Gottlieb Strässer *). 

Noch während des Druckes des ersten Bandes seines 
„Eros* erhielt Hößli durch den Studenten der Philosophie 
Job. Christ Tschudi aus Zürich Anfangs Juli 1836 von 
diesem erbetene Bücher zugesendet mit dem brieflichen 
Vermerk: „Es wird überflüssig sein, zu bemerke n 3 daß 
Sie in Platon's Symposion, das ich gerade in der Ur- 
sprache durchlese, bedeutende Materialien zu Ihrer 






J ) Gottlieb Strässer wurde 1801 au Keraecheid geboren, 
war bis 1852 Lehrer an der Sekundärschule zu Glarus, einer vier- 
klangen Realschule, welche von den jungen Leuten, nachdem sie 
diel Elementarschule im 12. Lebensjahre absolviert, im 18. besucht 
wurde, und kam von da nach Abö haften bürg-, woselbst er erkrankte, 
von seinen ehemaligen Glarner Schülern durch eine freiwillige 
Kollekte unterstützt wurde und am 23, Juli 1862 arm verstarb; er 
war eine Zeit lang auch Vorsteher der ehemaligen ^Evaugel. Lan- 
desbibliothek in Glarus, welche jetzt im Geriehtshause unter- 
gebracht ist; hier wird ein Manuskript aufbewahrt des Titels: 
„Quellen zur Glarnergesehlehte. Mit Vorrede von G. St 184^, Mit 
Nachträgen von Peter Leuzinger* Fol*" In diesem Manuskripte fin- 
det sich die Notiz: „H, Hößli f 1864. Verf. d, Eros, die Männer- 
liebe der Griechen. Der grüßte Theil wnrde seiner Zeit confiscirt," 
— Diese Notiz brachte mich erst auf den richtigen Weg, um wel- 
chen von den zahlreichen Heinrich Hößli von Glarus es hier sich 
handelt. 

Jahrbuch Y. 32 



— 498 — 



\ 



Schrift finden" — ein Beweis, daß Hößli für ihn frucht- 
bare Hülfe zu finden verstand, daß man seinen Wert 
zu schätzen wußte und daß es ihm an entgegenkommen- 
dem Verständnis nicht fehlte. Erst im Dezember 1836 
hatte des „Eros" erster Band die Presse verlassen und 
konnte versendet werden; hierüber Aufschluß gibt ein 
Schreiben des H. Dietrich Schindler aus Mollis vom 
20. Dezember 1836, welcher das ihm zum Kaufe ange- 
botene Exemplar mit dem Bemerken zurücksandte: „Ich 
las mir einige Abschnitte und halte es nach diesem für 
einen interessanten Versuch, über einen in mannigfacher 
Hinsicht wichtigen Punkt mehreres Licht zu verbreiten 
oder zur weiteren Untersuchung Veranlassung zu geben." 
Hößli's reine Freude über das gelungene Werk bezeugt 
folgendes Fragment seines Schreibens an einen Unge- 
nannten (wahrscheinlich Troxler): 

„Aber ob wir dies Denkmal unter eines Galgens 
schauderhaftem Schutt zu errichten Pflicht hatten oder 
nicht — das entscheide der Genius der Menschheit — 
der Geist wahrer Religion. 

„Was Sie, Freund der leidenden Menschheit, hier 
empfangen, hatte bei den Griechen nicht gefunden werden 
können; es sind Resultate jener und späterer Zeiten — 
und ich schreibe über ein Verkennen und dessen Folgen 
und über eine Unwissenheit, die Griechenland nicht um- 
nachtet haben. Die Humanität der Griechen und das 
spätere Versinken unsers Geschlechts haben nur vereint 
mir diesen Blick in's innere Menschenthum geben können. 

„Ich zweifle nicht, daß, wenn ich hier die Erzeugungs- 
und Fortbildungs-Geschichte meiner Idee beschrieben hätte, 
auch sich mein Endzweck sicherer gefunden haben würde. 
Aber das wäre der Arbeit für Jahre genug und in einer 
Lage wie die meine nie möglich. 

„Wenn das, was ich hier Gott weiß wie hingeschrie- 
ben habe, zu überzeugen hinreicht — so ist mein Triumph 



r 



— 499 — 



der größte eines Sterblichen, man hat nur alsdann einen 
Maßstab für ihn, wenn man glaubt, daß ich mit meinem 
Leben der Menschheit diese Wahrheit kaufen wollte. Sic 
steht in ihrer Himmelshoheit vor mir, aber ich vermochte 
keinen Zug in seiner Majestät von ihr zu geben und Winke 
sind es nur und Wünsche, — Ob sie verstanden und erfüllt 
werden können oder nicht? — Im letzt ern (Fall bab' ich 
die schwere Pflicht erfüllt — meinen Schlaf und Schweiß 
und vieles noch zum Opfer dargebracht und mich ver- 
senkt in alle Dunkel einer Menschen seele — wegen 
der ewigen Wahrheit und der namenlosen Dulderin, der 
Mutter und ihres Sohns am Rad, Jetzt thun Sie das 
Beste — ich weiß es — die Seele eines edlen Mannes 
umarmt eine Welt. Im erstem Fall — ertrüg ich ihn 1 
vermag ich ihn zu denken? empfing noch vor dem Tode 
der Dulderin des Sohnes gebrochenes Bein ein Friedhof? 
Und meine Lehre schrieb ich besser hin — ein anderes 
Denkmal der erlösenden Wahrheit und der Völkertugend 
Griechenlands* 

„Zu unsrem Gebäude ist die Naturlehre das Funda- 
ment, hier sind zwar noch roh durch einander geworfen, 
die Materialien dazu, weihen Sie! den Eckstein ein — 
so bau' ich fort — der Entwurf zu einer Sitten- und 
Bildungslehre ist da. Diese zwei letzteren Theile 
werden erst, was jetzt noch roh und frucht- und planlos 
scheint, erklären. 

„Wäre es vielleicht ein Scherflein auf dem Altar 
Griechischer Weisheit, wenn Herr Professor Dannecker, 
den ich zwar nie gesehen habe, aber wegen seines Eros 1 ) 
um ein Urtheil über meine Idee gebeten würde? 

„ So viel ich noch zu sagen hätte, muß ich schließen, 
Gott segne Ihr Thun, Wohlthäter der Menschheit ! Ich bin 
mit tiefster Hochachtung Ihr Verehrer," 



Heinrich HöMi: Eros I S. 296. 



82* 



— 500 — 



i i 



Allein sein Glück sollte dem Verfasser des „Eros" 
bald vergällt werden. Denn kurz nach dem Er- 
scheinen des ersten Bandes, am 13. Januar 1837, wurde 
Heinrich Hößli auf Veranlassung des Evangelischen Rates 
von der Kanzlei der Regierung von Glarus eingeladen 
und aufgefordert, von seiner Schrift »Eros*, dessen 1. Band 
nebst den bereits gedruckten Bogen des 2. Bandes ein- 
zureichen der Buchdrucker Freuler als Verleger schon 
beauftragt wäre, den ganzen Rest des Manuskriptes zum 
2. Bande umgehend „zu geeignetem Gebrauche" zu 
übermitteln. 1 ) Hößli scheint der Aufforderung auch 
nachgekommen zu sein, aber zugleich eine Rechtfertigung 
seines Buches versucht zu haben, indem er dem Evange- 
lischen Rate seine Meinung nicht vorenthielt. Zeugnis 
dessen sind in seinem handschriftlichen Nachlasse be- 
findliche Papiere mit Bemerkungen, welche nicht wohl 

*) Das Schreiben lautete: 

Herrn Heinrich Hößli, Handelsmann, Dahier. 
Glarus den 13ten Jänner 1837. 
Im letzten Evangelischen Rathe wurde die von Ihnen dem 
Druck übergebene Schrift, betitelt „Eros oder Männerliebe" 
besprochen und uns von demselben der Auftrag ertheilt, sich den 
gedruckton ersten Band sowie die gedruckten Bogen zum 2ten 
Band und zugleich das Manuscript zu verschaffen. 

Wir wandten uns sofort an Herrn Buchdrucker Freuler als 
Verleger dieser Schrift, der uns auch den ersten Band sowie die 
gedruckten Bogen des 2. Bandes übermittelte, dabei aber bemerkte, 
daß das Manuscript in Ihren Händen sich befinde. 

In Folge dieser erhaltenen Rückäußerung wenden wir uns an 
Sie mit der Einladung und Aufforderung, uns umgehend das 
Manuscript dieses besagten Werkes zu geeignetem Gebrauche zu 
übermitteln. 

In dieser bestimmten Erwartung besteht achtungsvoll 

Die Kanzlei. 
Für dieselbe 

Schmid 
Landschreiber. 



— 501 



anders denn als Entwürfe zu einer solchen Antwort ge- 
deutet werden können: 

B E Pfr. * * * 

„Richter — Anatomen — Gesetzgeber — Natur- 
forscher — sind alle ihre Angelegenheiten und Stoffe 
Gegenstände geselliger Unterhaltung?!! 

„Habe ich eine Schrift für Ihren Wirkungskreis ge- 
schrieben? oder wird ein vernünftiger Mensch sie in 
solchen hineinreLßen ? ! ! 

„Man kann nicht bezweifeln, daß gerade diejenigen 
Dinge, Über die man sich in einer öffentlichen Gesell* 
schaft zu reden billigermaßen schämte, dennoch zuweilen 
zu den wichtigsten Angelegenheiten unseres Lebens ge- 
hören können; es ist also ©ine tiefe Bosheit oder Dumm- 
heit, die diese Schrift gewaltsam in einen Kreis hinüber- 
reißt, für den sie nicht bestimmt ist, in den sie nicht 
gehört, also bloß, uro sie dann da zu verdammen; in 
der Bibel sind mehr Stellen, die sich ohne Erröthen in 
keiner Gesellschaft verhandeln ließen, als in meinem Buch. 

„Dem Buch, das durch den Stillstand von Glarus jetzt 
zum Gegenstand Ihrer Verhandlung geworden, hat sein 
Verfasser absichtlich den nicht anziehenden Titel gegebe n, 
den es nun hat, damit es sowohl hier als anderwärts nur 
von wenigen wissenschaftlichen Männern gekauft und 
verstanden werden möchte. Daher kann es ihm nur 
höchst erwünscht sein, Hoehdemselben hiermit die 
schriftliche Erklärung ehrerbietigst zu überreichen, nämlich 
daß er dieses Buch im hiesigen Canton (außer an seine 
wenigen Herren Subscribenten als nunmehrige Besitzer 
des 1, Bandes) an niemand weiter mehr verkaufen, noch 
sonst abgeben, ankündigen oder fortdrucken lassen werde. 
Er bittet aber dagegen Hochdenselben um seine Schrift, 
sein Eigenthum, damit er gelegentlich den ehrenden Still- 
stand der Gemeinde sowohl als den Hohen Rath des 



— 502 — 

j Cantons Glarus über die vollständige Idee und Gefahr- 

j losigkeit seines Baches beruhigen könne. Inzwischen er 

; sich in dieser Angelegenheit mit ehrfurchtsvollster Er- 

gebung dem Schutze seiner hohen Obrigkeit empfiehlt. 
„Meine Schrift führe zu einem Verbrechen — Knaben- 

1 schänderei — also ich schrieb über dieses Verbrechen, 

i ' 

| ich will es prüfen und damit jedem Richter einen Dienst 

leisten, dafür ich allen Dank erwarte: man ist über einen 
■ Kriminalgegenstand hoffentlich doch gern im Reinen. 

! »Will man eine Schrift, Idee oder Lehre verurtheilen, 

ohne sie zu kennen — und kennt man ein nicht halb 
; geborenes Werk? weiß man jetzt schon ganz, was ich 

will? Man muß mich ganz abhören, das heißt, mir gnädig 
erlauben, mein Buch mit meinem Geld zu drucken und 
ihm alsdann — sein Recht widerfahren lassen. 

„Man will hier die Obrigkeit vorführen, man will 
sie hier zum Werkzeug der Unwissenheit und Bosheit 
mißbrauchen. 

„Ich sage immer und zwar mit allem Recht: dieses 
Buch ist ein rein wissenschaftliches — und man will da 
diese hohe Behörde gegen mein Buch und mich zu einer 
rein wissenschaftlichen machen — man spielt mit ihr gegen 
einen Bürger, der nicht weniger werth als meine Gegner. 

„Die zwei Titelblätter, genau, buchstäblich, wie sie 
jetzt vor beiden Bänden stehen, gab ich, gedruckt bei 
C. F., herum — auf diese hin machte man sich für. den 
Ankauf eines Exemplars verbindlich. Nim fragen wir: 
sprachen diese zwei Titelblätter mit ihren Motto's eine 
bestimmte, begreifliche, menschliche, vernünftige Aufgabe 
aus oder keine? 

„Herr Straßer hat gesagt, das Buch ist wahr, aber 
— Ich Monarch verbiete es — Griechenland ist durch 
die Ausschweifungen der Mäunerliebe untergegangen — 
Stehlen ist ein Verbrechen und man kann mit dieser 
Natur geboren sein — Man kann doch gleich heirathen, 



iL 



j03 — 



es gibt ja nur Unglück liehe Ehen — Abnormitäten, Aus- 
artungen, Auswüchse, Unkraut! Poesien sind Phantasie, 
gelten und bedeuten nichts. 

„Ich erinnere mich eben, daß einst ein Mann anläß- 
lich zu mir sagte: Alle diese (oder solche) Menschen 
machen nie ein Glück, sie kommen immer in Zerfall 

— und erst nach Jahren ward es mir sonnenklar, 

daß dieses eine höchst wichtige Beobachtung und Wahr- 
heit sei ■ — die wohl wenig eingesehen wird; so sind 
sie ganz richtig durch uns zum Fluch geboren, ja 
durch uns zum Fluch geboren, und das ist die ganze 
Wahrheit, der ganze Triumph unsers diesfühlig herrlich- 
sittlichen Standpunkts. 

„Preßfreiheit ist nicht Lasterfreiheit, Durch die Presse 
tritt der Urheber des Guten und Schlechten, eben in 
diesen Eigenschaften, ans Licht; und es tritt der Mensch, 
die Wahrheit, die O Öffentlichkeit, die allgemeine Vernunft 
in ihrer vom Schöpfer beabsichtigten Thätigkeit auf — 
darin liegt eben der Werth der Presse. Ein schlechtes 
Buch wird durch sein Erscheinen nicht sicher, es über- 
liefert sich selbst wie rasend dem Gericht der "Welt, der 
Verachtung, dem Spott, und es muß, was in seiner Absicht 
nicht liegt, gerade dem Guten und Wahrhaften Thür und 
Thor öffnen, 

„ Wollten Hochderselbe mir mein nun einziges Ehre- 
Rettungsmittel untersagen? (das heißt^ den Druck meines 
Buchs) — — — Wenn Sie mich das Buch drucken 
lassen, alsdann geschieht gewiß, was in der Pflicht liegt, 
ich werde gerichtet durch das Buch oder geschützt und 
gerettet durch das Buch und das liegt beides in der 
Obliegenheit 

„Geben Hochderselbe auch zu, daß sich verlarvte 
Menschen, das heißt solche, die sich mir nicht nennen 
(ich habe mich genannt), geheim gegen die h. Wahrheit 



— Ö04 — 

meines Buchs und auch gegen mich, meine bürgerlichen 
Rechte stellen? Ich heiße hier und vorn auf meinem 
Buch 

Heinrich Hößli." 

Das Endergebnis der Verhandlungen Heinrich 
Hößli's mit der Behörde war dieses, daß er die Auflage 
seines Werkes zwar behielt, auch sein Manuskript zurück- 
bekam, daß er aber innerhalb des Kantons Glarus weder 
ein weiteres Exemplar des bereits Gedruckten verkaufen, 
noch sein Manuskript weiter drucken lassen durfte. Ge- 
mäß einer Bekundung soll er eine schwere Buße (angeb- 
lich 2000 Franken oder mehr) haben zahlen müssen, nach 
einer andern Quelle kam er dagegen ohne Buße davon. 
Seinem bisherigen Buchdrucker Freuler war damit die 
Möglichkeit des Weiterdruckes abgeschnitten. 

Man wird sich schwer des Argwohns entschlagen 
können, daß das Vorgehen des Evangelischen Rates 
gegen Hößli nicht lediglich Heinrich Hößli's wenn auch 
entschiedener so doch von jeglicher Lüsternheit freier Ver- 
teidigung der gleichgeschlechtlichen Liebe gelten sollte, 
sondern mehr und vielleicht besonders seine religiös-freie 
Denkungsweise, der er durch Einbeziehung von Hexen- 
prozeß und -glauben, Pfaffen und Teufeln in sein Werk 
von der Männerliebe der Griechen unverhohlenen Aus- 
druck gab, zu treffen bestimmt gewesen ist. War schon 
die Darstellung der geschlechtlichen Natur der Männer- 
liebe zu damaliger Zeit eine sehr bedenkliche Kühnheit, 
welche höchste Vorsicht erforderte, so muß gar ihre 
Verquickung mit Angelegenheiten des Glaubens als 
äußerst unvorsichtig bezeichnet werden. Der Gedanke 
eines Parallelismus zwischen Verfolgung gleichgeschlecht- 
licher Liebe und den Prozessen gegen Hexen, welche 
wie ein roter Faden durch beide Bände des „Eros" sich 
hindurchzieht, mag dazu mitgewirkt haben, daß auch 
Solche Hößli nicht verstehen wollten, die ihn hätten ver- 



. i 



— 505 — 

stehen nnd der Verbreitung seiner Erosidee hätten förder- 
lich werden können, daß er zur Zeit seines Auftretens, 
im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts, unbeachtet blieb 
oder totgeschwiegen wurde, daß er tauben Ohren predigte 
und nach dem Erscheinen seines ersten „ Eros "-Bandes be- 
reits einem geschlossenen Widerstand sich gegenüber sab ? 
an dem selbst seine im höchsten Maße opferwillige und 
trotzige Energie und seine von un unterdrück barer Ueber- 
zeugung getragene Willenskraft nach kurzem Kampfe 
zerschellte; diese unglückselige Verquickung von Liebe 
mit Glauben, welche freilich in seinem Gerechtigkeits- 
gefühle wurzelte, mag vorzugsweise die Schuld tragen, 
daß Hößli am Siege seiner Wahrheit für absehbare Zeit 
endgültig verzweifeln mußte und ein Prediger in der 
Wüste nicht nur seinen Zeitgenossen, sondern bis auf die 
heutige Stunde geblieben ist Sein großes unsterbliches 
Lebenswerk, sein zweibändiger „Eros", hat denn auch tat- 
sächlich das Schicksal erlebt, daß es an der Wende des 
19. Jahrhunderts, fast 60 Jahre nach seinem Erscheinen 
und fast 30 Jahre nach Hößli's Hinscheiden, von einer 
Seite, welche HößIi J s Wiesen und Bedeutung mit Ver- 
ständnis zu erfassen vermochte, in zwei völlig getrennte 
Bücher zerlegt worden ist — in „Hexenprozeß und 
-glauben, Pfaffen und Teufel" einerseits und in 
„Mann er liebe der Griechen* andererseits. 1 ) 



J ) 1, Hexenproceß — und Glauben, Pfaffen und Teufel. Als 
Beitrag zur Cultur- und Sittengeschichte der Jahrhunderte. Von 
Heinrich Hüßii, Leipzig, H, Barsdorf. 1892. 80 Seiten in Oktav. 
— Diese Schrift enthält manches ausgeführt, was in Hößli 1 s „Eros u 
nur angedeutet ist, außerdem vieles von Hößli gar nicht berührte, 
eodaß über die Hälfte ihres Inhalts gar nicht von unserem Heinrich 
Hößli stammt. 

2. Eros. Die Männerliebe der Griechen, ihre Beziehungen 
zur Geschichte, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten, Oder 
Forschungen über Platonische liebe, ihre Würdigung und Ent- 
würdigung für Sitten-, Natur- und Völkerkunde. Von H* Ho"ßli. Zweite 




— 506 — 



Dieses Mißgeschick jedoch, das Verbot des Vertriebes 
und des Weiterdruckes seines Eros innerhalb der Gren- 
zen des Kantons Glarus, brach Hößli's Wagemut noch 
nicht; — er sah sich nur genötigt, nach einem Ersätze 
für den Drucker Freuler in einem anderen Kanton sich 
umzusehen, und einen solchen fand er alsbald in der 
Person des J. Fr. Wartmann in St Gallen. Mit Hülfe 
dieses ausgezeichneten Mannes gelangte Heinrich Hößli 
sicher und schnell zu seinem ersehnten Ziele. Vom 
zweiten Erosbande waren bereits 8 Bogen gedruckt, nur 
die Seiten 43 und 44 mußten als unbrauchbar verworfen 
werden; der schriftliche, den Druck des Eros betreffende 
Verkehr zwischen beiden Männern währte vom 17. März 
1837 bis zum 31. Oktober 1838; alsdann war der Druck 
auch des 2. Erosbandes vollendet. Der Austausch der 
Gedanken zwischen Wartmann und Hößli hatte in- 
zwischen vertraulich, fast herzlich, ja freundschaftlich sich 
gestaltet ; öfter war die Rede von geplanten persönlichen 
Zusammenkünften, bei denen dann auch der „liebe Kubli" 
immer eine Rolle spielte. Wartmann führte Klage bei 
Hößli über unleserliches Manuskript: „Bei diesem Anlaß" 
— schreibt er am 10. Juni 1837 — „nehme ich mir die 
Freiheit, eine Bitte an Sie zu richten, die Sie mir gewiß 
nicht übel deuten werden. Es kommen nämlich in dieser 
Manuskriptsendung einige Blätter vor, wovon ein paar 
nur mit der größten Mühe und eines (wie Sie in der 
Korrektur finden werden) an einigen Stellen gar nicht 
entziffert werden konnten. Ich muß Sie deßwegen im 
Interesse der Sache wirklich dringend bitten, etwas mehr 



Auflage. Münster i. d. Schweiz. IL und 125 Seiten in Oktav. Von 
H. Barsdorf, Leipzig, übernommen. — Diese Schrift ist ein etwas 
dürftiger, stark vernüchterter Auszug aus dem Originalwerke mit 
Auslassung aller auf Hexenprozeß und -glauben, Pfaffen und Teufel 
bezüglichen Stellen; die Wortstellung Hößli's ist z. T. modernisiert, 
die Reihenfolge der Sätze willkürlich gewechselt. 



— 507 — 

Sorgfalt auf dasselbe zu verwenden; denn äußerst unan- 
genehm ist es für den Verfasser eines Werkes wie für 
den ebrliebenden Buchdrucker, wenn auf diese Weise 
sinn- und gei st störende Fehler einschleichen." Ein an- 
deres Schreiben Wartmann's vom 10. Oktober 1837 
nimmt Bezug auf den Evangelischen Rat: „Die Glarner 
Sperren scheinen Retraite schlagen lassen zu wollen und 
zu dem lieben Juste-milieu zurückzukehren. War es dann 
wohl der Mühe werth, einen so gewaltigen Lärm in der 
Welt zu machen, wenn man am Ende doch den Muth 
nicht hat, einigen intriganten Pfaffen den Hals zu brechen?" 
Wartmann gelang es ? auch die Verlagsbuchhandlung C. 
P, Scheitliu in St Gallen zur Uebernahme der Kommis- 
sion für beide Erosbände mit 50 % Provision zu ge- 
winnen: „Dem mit dem Bucbhäudlergeschäft nicht Ver- 
trauten" — schreibt er unter dem 28. Januar 1838 an 
Hößli — »mag allerdings diese Forderung etwas hoch 
erscheinen ; allein es ist zu bemerken, daß Hr. Scheitlin 
allen andern Buchhandlungen 25 % geben muß, daß ferner 
alle Spesen für Fracht, Ankündigungen des Werkes und 
dergl. auf seine Rechnung 1 fallen. Den Preis der zwei 
Bände dürfte man auf 3 h\ oder mindestens auf 2 fl. 42 
stellen/ 

Ueber Heinrich Hößli's Gemütsverfassung während 
des Druckes des 2, Bandes seines „Eros* in St. Gallen 
giebt ein Schreiben Auskunft, welches aller Wahrschein- 
lichkeit nach für den von Hößli im „Eros Ä zitierten Ver- 
fasser einer Metaphysik, den Professor Troxler, bestimmt 
war und dessen Konzept in HößÜ/s Nachlasse vorliegt; 

„Glarus, ira May 1838. 

„Hochzu verehr ender Herr Professor! 

„Obscbon mich die so vollständige Uuverhältnili- 
mäßigkeit meines geistigen Standpunktes zu dem Ihrigen 
abschrecken will von dem Schritt, den ich hier wage: 




— 508 — 

so ermuthigt und treibt mich dagegen wieder der Geist, 
den ich bald am Himmel, bald über der Erde, bald außer 
mir, bald in mir wandeln und wirken sehe, der mich 
genöthigt hat, diese Schrift, die ich Ihnen, ehrwürdiger 
Herr! hier in Demuth und Ehrfurcht lasse zuschicken, 
und die auch in Ihrem Geist in viel weiterem Sinn und 
Kaum als in mir wirksam ist. 

„In den zwei platonischen Gesprächen Phädrus und 
Symposion sind, obwohl von unsrer Zeit noch nicht 
erkannt, Religion, Natur und Kunst — von deren Ein- 
heit oder ewigen Unzertrennlichkeit Ihre Seele so tief 
erleuchtet ist — dennoch gleich gewiß vorhanden, als 
diese zwei Schriften selbst vorhanden sind. Da indessen 
aber das ihnen zu Grunde liegende Prinzip oder ihr eigent- 
liches und ausschließliches Natur-Element uns darum im 
Dunkeln liegt, weil wir es bisher immer nur umgangen, 
statt erforscht, aufgesucht oder festgehalten haben — und 
uns dadurch dann auch zugleich ihre Religion und Kunst, 
wie sie mit der Natur unzertrennlich Hand in Hand 
gehen — eben gerade weil sie in ihrem eigentlichen 
Leben untrennbar sind, in die größte Verwirrung, Un- 
bestimmtheit und Nutzlosigkeit gestellt, verloren oder, 
da wir ihre Natur im Begriff, in der Idee nicht haben, 
so haben wir auch ihre Kunst nicht und ihre Religion 
nicht. Aber die in menschlicher Natur tief und unzer- 
störbar begründete, ewige Idee derselben umfaßt und 
bedingt, ganz angemessen Platon's geweihter Seele, 
wahrlich weit andere, bestimmtere, unaufhörlichere, 
wichtigere und heiligere Beziehungen zur Menschen- 
gesellschaft, als wir bisher eingesehen, geahnt oder 
unsere schwankenden Begriffe enthalten und angedeutet 
haben. 

„Der Wink ernster Menschenliebe, über die Folgen 
und Bedeutungen unsres da so irrigen, so unbestimmten 
Standpunktes — und des griechischen, nicht irrigen zu 



— 509 — 



Plato und der Menschheit in Betreff" des so wichtigen, 
positiven und unverborgenen Naturgegenstandes der 
beiden benannten Kunstwerke — den ich Ihnen liier 
zur Beurtheilung durch gefällige Vermittlung des Herrn 
J. F. Wartmann zu überreichen wage, ist freilich nur 
das überaus mangelhafte und rohe Werk eines eben 
so wohl Schule und Erziehung, als Hüfsmittel und 
Muße ermangelnden, in aller Verlassenheit leidenden 
und zum Theil auch verfolgten Menschen. Ich will 
Ihnen, ehrwürdiger Herr, hier keine von den Gedanken 
der Vorworte beider Bände wiederholen, sondern nur 
auch für diese Sie um einen Ihrer Tief blicke in das Wesen 
der Religion, Natur und Kunst oder des Mensehen 
eben so dringend bitten, als um ein kurzes Resultat 
Ihrer mir so hochwichtigen Ansicht und zugleich dann 
endlieh auch um groß inüth ige Vergebung der Freiheit, 
die ich anmit zu nehmen mich gedrungen fühlte, und 
diesen Anlaß nur noch dazu benutze, der besondern, 
individuellen Verehrung zu gedenken, mit der ich zeit- 
lebens sein werde 3 hochzu verehrender Herr Professor, 

Ihr ergebener 

H. Hößli jünger," 

Bis zur Fertigstellung des 2. Bandes des „Eros* reichte 
Hößli ? s Kraft und Energie; dann hat er jede Absicht 
öffentlichen Wirkens jäh aufgegeben. Die zahlreichen Vor- 
arbeiten zum 3. Bande ließ er unverändert liegen, aber 
ohne sie zu vernichten. Er redete sich fortan ein, daß 
sein Werk nichts tauge^ daß der wirksamen Darstellung 
seiner Eroaidee er selber nicht gewachsen sei» In einem 
Briefe wegen der j iiugsten Schrift über den Hexen-Prozeß 
und eine ältere von J, F, Rubel schreibt er: „Bios um 
Wort zu halten, kommt der Eros hier auch mit. Sie 
werden ihn nicht lesen — ■ wegwerfen, denn schlechter ist 
kein Buch geschrieben; und es ist auch zum Theil dieses 



— 510 — 

Gefühl, diese Ueberzeugung, daß ich den 3. Thl. liegen 
ließ; je tiefer ich von der großen Bedeutung der Idee 
ergriffen bin, um so sicherer ist auch meine traurige Ueber- 
zeugung, daß sie nur durch einen großen, gebildeten, 
gelehrten Mann unsrer Zeit gemäß darstellbar ist; wie 
einst den Griechen durch Plato, der noch so prächtig 
dasteht. Der Stoff, wie jedes Element der ganzen Schöpfung 
ist immerwährend vorhanden: zum Heil oder zum Ver- 
derben ... da aber sitzt der Verfasser des ersten oben 
berührten Schriftleins Pag. 157 Zeile 4, 5 u. 6 wahrlich 
noch im dicken Nebel." 

Allein wie sehr seine Erosidee bis in sein Greisen- 
alter Hößli beschäftigte und ihm am Herzen lag, davon 
zeugt die verlorene rührende Klage im Konzepte eines 
Briefes von ihm aus dem Jahre 1855: »Wie froh wäre 
ich, alle meine die Idee des Eros betreffenden zahlreichen 
Bücher einem fähigen Manne im Interesse einer ver- 
lassenen Wahrheit überlassen zu können: und der hätte 
bei mir den Rechtstitel darauf — weil ich heute oder 
morgen sterbe, denn ich bin schon 71 Jahre alt." Und 
hatte Hößli auch mit dem Jahre 1838 alle Hoffnung auf 
öffentlichen Erfolg vollends aufgegeben, so verlor er da- 
mit gleichwohl nicht die Lust, seine Erosidee weiter zu 
begründen, zu erforschen und zu vertiefen. Zeugnis 
dessen sind zahlreiche Auszüge und Bemerkungen seines 
handschriftlichen Nachlasses, Notizen, welche bis in das 
Jahr des Todes des achtzigjährigen Greises reichen, von 
denen eine beschränkte Auslese hier Aufnahme finden möge: 

Nov. 1854 : Es war der Fluch unserer Irridee, die 
auch am Leben dieses Göttlichen (J. v. Müller) nagte. 

24. December 1858: Glarnerzeitung. Bern. Die 
Fleischvergehen scheinen sich auch in diesem Canton, 
wie in Zürich, zu vermehren. So werden nächstens vor 
den Geschwornen des Mittellandes wieder 3 Anklagen 
auf widernatürliche Unzucht verhandelt. 



J 



— 511 — 

* 7 ' 4. Juni 1859: Neue Glarnerzeitung, 3, Jahrgang, 
kriminal statistische Notizen vom May 1858 bis 59. 
. . . . jene Prozeduren moderner Raffiniertheit, die ander- 
wärts im Vordergrund der Schwurgericht! ich en Dramen 
stehen, kennen wir bei uns noch nicht und auch das 
wüste Feld der unnatürlichen Fleischverbrechen, die 
anderwärts in der ganzen Abscheu! ich k ei t ihrer Formen 
immer wieder auf den Traktanden stehen, ist unter uns 
Gottlob unbekannt! 

1859: Die Liebe von J, Michelet. Uebersetzt von 
F. Spielhagen, Leipzig, J. J. Weben 1859. — Dir habe 
ich Michelet's ewig bewunderungswürdiges Buch „von 
der Liebe" oder vielmehr von der göttlichen Tiefe des 
Weibes zu danken und durch solches die Ueberzeugung 
gewonnen, daß es wirklich Mensch en, Männer, Geister 
gibt wie dieser Michelet; das sind Seher, Lehrer, Ge- 
miither, Seelen, Engelszungen, Priester und Diener an 
den Altären der Menschheit, der Tugend, der Religion, 
der Natur. Von diesem Buch mochte ich viel reden — 
das ist ein Sinn, ein Griffel, eine Sprache, ein Geist 
Daß du den Sinn hattest, mir dieses Buch mitzutheilen, 
freut mich sehr, — Ü daß wir auch über andre Sphären 
der Wunder dieser Weltschöpf ung solche Bücher hatten. ] ) 

18. Nov. 1860: — ja! ja! aber um der Tugend und 
der Vergöttlichung der männlichen Liebe willen — wie 
bei der zweigeschlechtlichen die Venus Urania — war 
für die Männer liebe der Eros in Tempeln und Gym- 
nasien , . , . 

9. April 1861 : Landbote No. 84, Winterthur. Ver- 
mischtes. — Unter den Miszellen eines deutsehen Blattes 



*) Das Werk J, Michelet's, Die Liebe, Übersetzt von Fried r. 
Spielhagen, bildet 3 Bündchen (2523—2525) der Philipp Reclanf sehen 
Univers al-Bibliothek (Preis fiO Pfennige). 



— 512 — 

lesen wir folgendes : In Vevey am Genfersee genießt das 
Hotel des Trois Couronnes, auch Hotel Monnet genannt, 
eines altbewährten Rufes. Aber Herr Monnet, der dieses 
Etablissement gründete und so glücklich emporbrachte, 
genießt nunmehr einer behaglichen Kühe. Und die 
Sache ist folgender Maßen gekommen. Vor etwa zwei 
Jahren logierte in dem Hotel ein reicher Russe und fand 
an dem ihn empfangenden Oberkellner, einem Frankfurter- 
kinde, ein besonderes Wohlgefallen; ja seine Zuneigung 
stieg so weit, daß er den jungen Mann um seine An- 
sichten und Pläne für die Zukunft befragte. Diese 
waren so bescheidener Natur, daß er die Frage seines 
Gönners, „ob er nicht gern dieses Hotel übernehmen 
würde? 1 *, für einen Scherz nahm. Aber der Russe meinte 
es anders; nach Jahresfrist kehrte er nach Vevey zurück, 
hat das große Etablissement für 1250000 Franken ge- 
kauft und unter bestimmten, sehr mäßigen Bedingungen 
dem glücklichen Oberkellner überlassen, der es hoffentlich 
eben so gut verwalten wird, als der Gründer desselben. 

3. December 1862 : Landblatt No. 288. — Lucern. 
Jener Heini, Bedienter des Nuntius, der wegen unnatür- 
licher Vergehen verhaftet wurde, ist vom Kriminalgericht 
zu 6 Jahren Zuchthaus verurtheilt worden. 

4. Juni 1863: Neue Glarner Zeitung No. 67. Unter 
Verschiedene*. Turin. In dem ökandalprozeß der 
Priesterkongregation der unwissenden Brüder „Ignoran- 

j telli* kommen ttlglieh neue Fakta zur Kenntniß, welche 

es unbegreiflich erscheinen lausen, wie diese Gesellschaft 
ihr (lewerbe so lange ungestraft treiben konnte. Von 
den 260 ZOgllngen, welche das Institut von San Primi- 
tive umfaßt, soll mehr als ein Drittheil der viehischen 
Gemeinheit der Brüder zum Opfer gefallen sein. Der 
Prozeß gegen die Ignomntelli soll auch zu Untersuchun- 
gen bei einem ihnen verbündeten Frauenorden geführt 



— 513 



haben, wobei sehr ärgerliche Dinge an das Tageslicht 
gekommen seien. 

6. Juli 1863 : Landblatt No. 159. Turin. Bekannt- 
lich ist vor längerer Zeit ein Prozeß gegen die Brüder 
„ Ignorant! " (eine klerikale Genossenschaft) wegen Ver- 
brechen gegen die Sittlichkeit anhängig gemacht worden. 
Das nun gefällte Urtheil lautet auf 5 Jahre Gefängniß- 
strafe gegen Bruder Arcadius wegen Unzucht; zwei an- 
dere Brüder worden auch der Unzucht schuldig erkannt, 
mußten aber, da kein Privatkläger aufgetreten, frei ge- 
sprochen werden. 

Der schwerste Schlag, der Heinrich Hoßli überhaupt 
treffen konnte, war ihm für sein Greisenalter vorbehalten. 
Als er 1857 oder 1858 nach Lachen, Bichterswyl 
(oder Wadenschwyl) zog, übergab er den ganzen ihm 
noch verbliebenen Rest seiner „Eros "-Auflage dem Besitzer 
der Eisenhandlung im Löwen zu Glarus, Herrn Josua 
Durst, der ihn oben im Ritters aale unterbrachte — und 
hier ist, was vom „Eros" den Weg in die Welt noch nicht 
gefunden hatte, vom 10. bis 11. Mai 1861 bei dem großen 
Brande von Glarus *), der die halbe Stadt einäscherte, 
noch 3 Jahre vor Heinrich Hößli's Ableben, durch Feuer 
vollständig vernichtet worden. 



*) Die Literatur über den großen Brand von Glarus 1861; 
1. Der Brand von Glarus am 10/11. Mai 18(51. Berichterstattung 
des Htilfskomite in Glarus, Glarus, Friedr, Schund jun,, 1862. 80 
Seiten nebst Beilagen von 44 und 60 Seiten in Quart. — 2. Der 
Brand in Glarus in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1861. Ab- 
druck aus der Neuen Zürcher Zeitung vom 20. Mai 1861. Zürich, 
Grell, Ftißli und Comp. 1861. 16 Seiten nebst Karte von Glarus, 
aufgenommen am 12. Mai 1861. In Oktav. — 3. Das alte Glarus, 
Album mit Plan und 20 Ansichten aus Glarus vor dem Brande von 
1861 nach Aufnahmen von H. Brunner Haffter in Glarus, in Licht- 
druck vervielfältigt von Rom ml er & Jonas in Dresden. Mit er- 
läuterndem Text herausgegeben von der Gasin nges ellschaft in Glarus. 
Glarus 1901, 10 Seiten und 18 Tafeln. 

Jalubiich v. 33 













1 1 



— 514 — 

Zum Schicksal eines Buches gehört auch die Er- 
örterung, wie es vom Publikum verlangt und wie es be- 
urteilt wird. 

Durch den großen Brand von Glarus zu einer Rari- 
tät geworden, ist der „Eros* Hößli's im Buchhandel äußerst 
selten ; da aber Hößli mit geschenkten Exemplaren nicht 
kargte, so kann man am ehesten noch darauf rechnen, 
ein Exemplar aufzutreiben, wenn man sich an die noch 
lebenden Freunde oder Verwandten Hößli's oder deren 
Nachkommen wendet; allein auch dann wird man oft 
eine Enttäuschung erleben. 

Gedruckte literarhistorische Urteile über Heinrich 
Hößli's „Eros" sind mir keine bekannten dem Riesenwerke 
„Allgemeine deutsche Biographie* (Leipzig, Duncker und 
Humblodt) ist Hößli nicht aufgenommen. Von einem 
guten Freunde Heinrich Hößli's wurde mir gesagt, daß 
der schweizerische Schriftsteller Iwan von Tschudi mündlich 
den „Eros" als ein gutes Buch bezeichnet habe. Ein- 
zig Karl Heinrich Ulrichs, Heinrich Hößli's Nach- 
folger ! ) im Kampfe für Anerkennung der Natürlichkeit 
und sittlichen Berechtigung der gleichgeschlechtlichen 
Liebe, hat Hößli wiederholt zitiert 2 ) und auch ein kriti- 
sches Urteil über seinen „Eros" geäußert. 8 ) Er tadelt am 
„Eros", daß er ermüdend weitschweifig sei, 2 starke Bände 



*) Ulrichs trat mit seiner ersten Schrift über mannmännliche 
Liebe „Inclusa" als Numa Numantius 1864 — also im Todesjahre 
Heinrich Hößli's — hervor; erst am 12. Februar 1866 erfuhr er 
vom „Eros" seines Vorgängers, nachdem er bereits den letzten 
Federstrich an seiner fünften Schrift „Ära spei a (1865) getan 
(nach Ulrichs' siebenter Schrift „Memnon" 1868, Abt. II S. 128). 

a ) Ulrichs, sechste Schrift „Gladius furens" 1868 S. 1—2; 
S. 4, Fußn. 3; S. 11, Fußn. 10; S. 18, Fußn. 16; S. 21, Fußn. 16 u. 
.20; — siebente Schrift „Memnon" 1868 I S. XIV; II S. X, 6, 7; 
.8. 94, § 109 u. 110; S. 128—130, § 134,8; — neunte Schrift 
„Argonauticus" 1869, S. 157, 12. 

8 ) Ulrichs siebente Schrift „Memnon" 1868 II S. 119—130. 



— 515 — 

umfasse, daß er etwas zu viel mit Phrasen und etwas zu 
wenig mit Gründen die Verfolger angreife und daß alle 
und jede Gliederung des Stoffes fehle. Jedoch sei auch 
dem 9 Eros \ wie ihm . das An g ebo rensei n der Männer- 
liebe das Fundament, auf das er ihre Berechtigung 
gründe. Freilich werde dies Fundament von ihm nur 
behauptet, nicht bewiesen. Wenigstens sei das kein Be- 
weis, was er dafür anführt; urnische Lieb esge dichte, 
griechisch e^ römische, persische u. a. Diese bewiesen ja 
nur die gar nicht bestrittene Tatsache, daß Männerliebe 
existiert Die ganze naturwissenschaftliche Seite des 
Gegenstandes, so namentlich die Muliebrität. werde nicht 
berührt. Einmal nur (Eros I S, 296) könne er nicht 
umhin, diesen Punkt wenigstens zu streifen. Aber er 
fürchte, von ihm in ein Labyrinth geführt zu werden 
ohne Ausweg. Dennoch sei Hößli's^Eros" reich an glän- 
zenden Partien, Erschütternd sei neben allem edlen Zorn 
das unendlich tiefe Gedrücktsein, das fast aus jedem 
Satz hervorleuchte und das noch gar fern sei von jener 
inneren Sicherheit, welche allein durch die Vorahnung 
der Freiheit verliehen werde. Gegen Ulrichs 1 Kritik ist 
einzuwenden, daß Hößli die Muliebrität des Urnings sehr 
wohl erkannt hat und nicht nur im Band 1 S. 296 
streift, sondern im Band II S. 325 eingehender behan- 
delt; alle anderen Vorwürfe aber treffen auch Ulrichs 
selbst; sein angeblicher Beweis ist nicht ein solcher, 
sondern eine Hypothese, welche viel Wahrscheinlichkeit 
für sich hat; auch seine Schriften lassen in Folge der 
Art ihres Erscheinens in 12 Heften innerhalb eines Zeit- 
raumes von 15 Jahren die gewünschte Gliederung und 
Uebersicht des Stoffes vermissen. Und schließlich war 
Hößli noch nicht fertig mit seinem zweibändigen „Eros", 
sondern hatte noch einen dritten Band geplant* 



33* 



— 516 — 

8. Stellen aus Heinrich Höfili's „Eros" 

a. Allgemeine Sentenzen. 
Wir stehen uns beim Suchen immer selbst im Wege! 

(II 263). 

Es gibt einen religiösen, einen politischen, einen 



I sittlichen Fanatismus (I 52). 



Wir liegen erst in den Wehen für wahrhaft 
menschliche Sitten und Gesetze (II, X). 

Zeit ist es, aus diesem Sündenschlaf zur Wahrheit, 
zur Vernunft und zum Recht zu erwachen .... (1 118). 



Gesetze ohne Wissenschaft sind Henker ohne Obrig- 
keit (I 118). 

Religion ohne Liebe, Staaten ohne Gerechtigkeit, 
Kirchen ohne Wissenschaft — das sind vollkommen teuf- 
lische Dinge (II 175). 

Wir sind vielleicht zu unheidnisch, um einzusehen, 
daß wir kein einziges Laster weniger als die Heiden 
haben (II 264). 

Aller Forschung voran geht die Naturforschung . . . 
Die Gesohlechtsnatur des Menschen ist nicht Wille 
des Menschen, nicht Wahl des Menschen; so darf sie 
nicht stehen in unsern Menschen-Natur-Lehren, denn sie 
ist es nicht; die dießseitige Auffassung, Darstellung und 
Behandlung des Menschen ist darum von der höchsten 
Wichtigkeit, weil eben hier alle Radien seines Lebens, 
entweder verbindend oder auflösend, verwirrend oder 
erklärend, verherrlichend oder entwürdigend, glücklich 
oder unglücklich machend, ausgehen und zusammen 
treffen (II 4). 



— 517 — 

Keine Natur Wahrheit hat eine andere Behörde über 
sich anzuerkennen, als wieder eine Naturwahrheit, also gar 
keine — weil es in der Wahrheit keinen Widerspruch 
und keine Rangordnung, nur eine ewige Harmonie giebt, 
und Wahrheiten nicht über- und untereinander, sondern 
nebeneinander stehen, wie die Blumen des Feldes, der 
Flur oder des reichen und wohlbestellten Gartens 
(H, XI). 



Im Samen, im Keim, im Embryo ist der ganze 
Mensch; wir können nichts in solchen hineinbringen, 
nur sich entwickeln lassen das in ihm Verschlossene, und 
wenn schon viel, das in ihm ist, zur Verkriipplungnöthigen, 
ersticken und nicht aufleben lassen, es doch nicht tilgen 
(XI 201—202), 

Der Hexenglaube und HexenprozeU, der schreck- 
lichste Abgrund, in den unser Geschlecht je versank, be- 
stand im Mangel der Naturlehre; durch deren erste 
Schritte war er weg: weil man Gespenster nur sieht — 
wenn's Nacht ist (II, XXVII). 



Es ist in unserer und jeder Zeit nicht genug, das, 
war wahr, was recht, was schön ist, zu studieren, man 
muß auch, es ist noch wichtiger, das, was unrecht, was 
Unwahrheit, was befleckt und entstellt ist, erforschen, 
enthüllen, retten, um — eine bessere Menschheit zu 
werden (II, IX). 

Wir sollten freudig Alles, was uns auf irgend eine 
Weise an der Ausübung eines Unrechte auch gegen den 
geringsten unsrer Mitmenschen verhindert., was das Be- 
gehen eines solch en erspart oder erwehrt, segnen. Aber 
das einzusehen, mangelt es nns vielleicht an der dazu 
nöthigen Demuth, und wir zanken lieber darüber (II, XV). 






— 518 — 

Weder übersehen, noch verachten, weder entstellen, 
noch verdammen soll der Mensch etwas an seiner 
Schöpfung — nur kennen, leiten, erziehen und dahin 
stellen, wo seine Endzwecke sichtbar werden können 
(II 243). 



Nur der Wahnmensch sagt zum Bruder: „Das ist 
nicht deine Natur, weil sie die meine nicht ist — Sünde 
ist die deinige, weil sie wie meine nicht ist — verderblich 
ist deine, weil es außer der meinigen keine andere giebt, 
du bist nicht da, Staat und Kirche wissen dich nicht 
und darum will ich mitwirken, dich zu verderben, zu 
verdammen; denn außer unsrer Wissenschaft und meinen 
Begriffen kann es nichts geben" (I 116 — 117). 



Wie durch die Liebe, so ist der Mensch auch zur 
Liebe erschaffen, und zwar zu der, die sich von selbst, 
ohne Hinzuthun eines Menschen, in ihm kundgiebt, reget; 
wie es auch noch in keines Menschen Gehirn, nicht ein- 
mal in dem eines Verrückten, zur Frage gekommen sein 
kann: was will ich lieben? Dazu brauchts eine National- 
verrücktheit, für Individualitäten ist sie unmöglich . . . 
(II 240—241). 



Bei uns kennt man rechtlich, sittlich und wissen- 
schaftlich nur die allgemeine Liebe der zwei Geschlechter; 
was nicht zu ihr gehört, ist uns Willkühr, Selbstbestim- 
mung und Verbrechen; das ist unser Standpunkt; den 
Griechen aber wäre ein solcher in aller auf Geschlechts- 
liebe bezüglichen Menschenbehandlung und Menschendar- 
stellung Frevel an der allgemeinen wie an der besondern 
Menschennatur gewesen (I 100). 



— 519 — 



Wo ein Mensch mit gutem. Willen und klarer Ein- 
sicht gegen irgend ein Anliegen der Menschheit eine Er- 
gänzung, einen Einklang, .Erklärung und Genugthuung 
für und gegen einen geachteten oder verachteten Gegen- 
stand aufzufinden bemüht und dazu von der Natur 
gleichsam bestimmt und gestimmt ist, da kann nur ein 
entartetes Geschlecht ungeprüft verfolgen; die SchäcUich- 
Erklärung eines Unschädlichen ist nichts anderes als 
Schuldige machen, um sie bestrafen zu können (II, IX). 



So grundfalsche Ansichten haben wir gräßlicher 
Weise bei der Leitung, Erziehung und aller Behandlung 
von Millionen eben so menschlicher als schuldloser Einzel- 
wesen fiir ihre leibliche und geistige Zerstörung gesetzt 
und festgehalten und, erblindet für Wahrheit und Natur, 
das Vorhandene nicht gesehen und das Nichtvorhandene 
am Platz des Vorhandenen behandelt und verkündiget. 
Aber die Lügen, die sind wahrlich schlechte Grundlagen 
der Menschenerziehung, der Sitten und Gesetze. Wahrheit 
mangelt unserm Leben und Wahrheit seinen Richtungen. 
Auf Lügen gebaute Sitten verwandeln endlich das Leben 
selbst in eine Lüge (II 197). 



Der Gesetzgeber muß jede vorhandene, wirkliche 
Natur, die der Gesellschaft gefährliche Handlungen be- 
gehen könnte, wissen, beachten, durchschauen, unter das 
Gesetz stellen; aber das Gesetz darf nicht den Menschen 
aufheben, darf nicht lügen, und darf keine Naturerschei- 
nung als Nichtnatur erklären, um sie verfolgen zu können. 
Der Mensch soll im Gesetz groß, nicht klein werden. 
Der Gesetzgeber muß überall Wahrheit suchen und über- 
all Wahrheit reden, denn wichtiger als bei ihm ist sie 
nirgends. Das Gesetz ist in der Natur von Gott und im 
Gesetz ist das Wesen Gottes. Im Gesetz ist der Mensch 
von Gott und sich selbst am höchsten gestellt. Laster 




— 520 — 

und Verbrechen verhüten, oder sie im Geheimen und 
Oeffentlichen gleichsam künstlich erzeugen, hervorbringen, 
noth wendig machen, das sind verschiedene Dinge. Am 
gewissesten wird die unterdrückte Natur lasterhaft und 
begeht Verbrechen, denn sie sind alle auf eine Natur, 
die wir ehren und leiten .sollen und die kein Verbrechen 
ist, zurückzuführen und sind darum aber, wegen ihrer 
Folgen und Einflüsse, wieder nichts desto weniger Ver- 
brechen (II 250). 



b. Bemerkungen über Zweck und Bedeutung 

des Eroswerkes. 

Wer ein mit Blut gefärbtes Samenkorn auf den 

Brachfeldern des Guten auferweckt, der arbeitet im Garten 

und Vertrauen Gottes an der Menschheit (I 189 — 190). 

Das Schicksal dieser zwar äußerst mangelbaren Schrift 
wird dennoch ein Meilenzeiger und Gericht dieser Zeit 
sein für den Geist der Geschichte der Menschheit 
(II, XXIII). 

Habe ich meine Wahrheit und Erfahrungen unge- 
lehrt geschrieben, so schreibe sie gelegentlich ein anderer 
gelehrt; habe ich sie nicht christlich geschrieben, so schreibe 
sie ein anderer christlicher. Wahrheit aber ist sie und 
wenigstens doch rein menschlich geschrieben — eben so 
gewiß, als sie aller Christenheit neu ist — und wenn es 
unchristliche Wahrheiten geben könnte, es läge die Schuld 
nicht an der Wahrheit — weil es weder im Himmel noch 
auf Erden eine einzige gibt, die eine andere zu widerlegen 
vermöchte (I, XXV— XXVI). 



Ja, es sind da nun große Menschennamen (die 
Stimmen und Zeugen) entweder wissenschaftlich zu reinigen 
oder — mit neuem Unflat und alter Blindheit zu ver- 



— 521 — 



unstalten; die Wissenschaft dieser Zeit aber wird nun 
von diesen beiden das thun, was — - sie kann (II 52). 



Wer eich über das bisher Aufgeführte, über diesen 
Theil der alten klassischen Litteratur, über diese Stimmen 
des Erdkreises jener und aller Zeiten nicht nach Licht 
und Erklärung umsehen mag, der sitzt wahrlich unwürdig 
auf jedem Lehrstuhl, er sei der Alterthuniskunde, dem 
Recht, der Philosophie, kurz, dem Genius des Menschen- 
geschlechts, in welcher Richtung es immer sei, geheiliget, 
er befleckt ihn! (II 161). 



„Ueber nichts Göttlicheres kann wohl ein Mensch 
einen Beschluß zu fassen haben, als über seine eigene 
und seiner Angehörigen Ausbildung" 1 ) und „Manches, was 
im Allgemeinen als unbedeutend erscheint, kann dennoch 
auch aus besonderen Gründen, für viele oder einige, von 
Werth sein, — wenn das Kenn eräuge solches entdeckt 
und an's Licht zieht" -). So wäre und ist der Gegenstand 
dieser Schrift, über welchen wir noch ganz im Finster» 
sitzen, an und für sich unbedeutend, aber unsere Mei- 
nungen, unsere Urthe.il e, Vorstellungen von ihm, das, was 
wir aus ihm gemacht haben, was wir auf ihn gründen, 
das ist jetzt über den halben Erdkreis noch eine weit 
gefährlichere Pest, als die blos vorübergehende Cholera- 
Epidemie* Wenn einer an und für sich allenfalls unbedeu- 
tenden Sache eine solche Richtung gegeben wird, daß 
dadurch Millionen Menschen vernichtet werden, auf 
tausendfache Weise, alsdann ist sie nicht mehr klein 
und unbedeutend, vielmehr aller Untersuchung reif und 
werth (I 95—96). 



l ) Plato, 

3 ) v. Rotteck. 



— 522 — 

. . . wir haben in diesem Gebiete nur Schriften, die 
uns. nichts erklären, und andere, die uns nicht erklärt 
sind. Die gegenwärtige, unter völlig ertödtenden Um- 
ständen und Drangsalen, unter unaufhörlichen Ruthen- 
streichen, aber auch unter unaufhörlicher Begeisterung 
für alle Wahrheit geschrieben, ist nur bloße Hindeutung 
auf die hier ja nicht kunstgerecht entwickelte oder be- 
leuchtete Idee, und noch viel weniger ist sie die Spezial- 
Charte zum entdeckten neuen Land — aber sie ist gleich- 
sam das Gefühl, die Ueberzeugung von dessen Dasein, 
von seiner nöthwendigen Nähe und von der Lücke auf 
unserm Globus der Anthropologie. Aufmerksame Reisende 
hören und sehen ohnehin in dieser Gegend immer so 
wunderlich und bedeutsam brausen und tönen und leuchten, 
die einen Gespenster und die andern Geister durch dicke 
Nebel auf- und abhuschen, und es sollen da die Alten 
laut Bericht und — Versteinerungen sogar eine ihrer 
kostbaren und wichtigen Pflanzungen besessen haben — 
und Metallgruben, aus denen jetzt immer noch Kobolde 
aufhüpfen und hie und da eine Apotheke noch Gift — 
aber nur granweise und gegen die polizeilichen Be- 
stimmungen, mithin nicht ohne Gefahr für ihre eigene 
Existenz, verkauft (II, II). 



Für Menschen, die noch nie eingesehen, nie empfun- 
deq haben, welchen Raum die Liebe in ihrem irdischen, 
individuellen Dasein einnimmt, habe ich nicht geschrieben, 
auch nicht zum Zeitvertreib, denn Menschen haben doch 
keine zu vertreiben. Ich weiß, es ist dieses ein trau- 
riges Buch, aber ich weiß auch, daß es ein Samenkorn 
reiner Menschlichkeit ist; ich werfe es trauernd und 
hoffend unter Disteln und Dornen — dazu fiel mir das 
ernste Loos; und der Mensch mag ja solchem Schicksal 
nicht entgehen. Mit ertödtenden Lebensverhältnissen 
ringend, bin ich wohl auch schon im Begriff und in Ver- 



— 523 — 



suchung gestanden, diese Schrift aufzugeben; aber es war 
der Satan ; und dann standen wieder vor mir das Gericht 
und die ewigen Griechen und von seinen Weisen und 
Helden, seinen Sängern und fiednern, seinen Künstlern 
und Gesetzgebern diejenigen, die der Natur des Eros, 
von der Plato immer redet, selbst angehörten, und die iu 
ihr und durch sie geworden sind, was sie in ihr und ihrem 
Griechenland der Menschheit werden konnten; und ich 
fragte und sah wieder vor mir, was wir aus ihnen gemacht 
hätten — unsere Erwürgten — die todten Hingerichteten 
und die lebendigen Hingerichteten und die noch nicht 
gebornen Hingerichteten und die unseligen Mütter an 
den Wiegen der schuldlos Verdammten, die Richter und 
Erzieher mit verbundenen Augen — und der Todten- 
gräber zuletzt den Sargdeckel über meine Nase schiebend . . . 
dann faßte mich wieder siegend die Macht der Menschen- 
liebe und der Wahrheit mit ihrer ganzen Gewalt an 
und ich suchte, dachte und schrieb wieder fort und 
wendete sorglos, selbstvergesscnd meine Augen vorsätz- 
lich ab von allen denen, die dafür, wie ich wohl weiß, 
an meinem Verderben arbeiten. Zu schon begangenen 
Verbrechen schweigen, das lasse ich hier liegen; wenn 
aber Greuelthaten begangen, wenn Feuer eingelegt, ver- 
giftet und das Vaterland verratlien und der Unschuldige 
geschlachtet werden will — alsdann habe ich menschlicher 
Weise durchaus keine Wahl mehr zwischen reden und 
schweigen — zwischen Schuldlosigkeit und Theilhaftig- 
keit — an dem, so geschieht! -*- Das, Mitmenschen, ist 
wieder der individuelle Ursprung dieses Buchs, Wer 
aber mit über Tod und Leben entscheidendem Wahn 
und der solchen aufhellenden Wahrheit blos geistreich 
uud gewissenlos um Geld spielt, mit beiden seinen Spott 
treibt, Wahrheiten nach Gewinn und Ruhm wiegt und 
mißt und feil bietet, an geheiligte Lügen sich festklammert, 
in allerlei Narrentrachten verschachert, um seiner ver- 





— 526 — 

geht und sich verschließt, wo sie sucht und wo sie fin* 
det, wo es ihr Tag ist und Nacht ist und Reichthum ist 
und Armuth ist und ihr Himmel ist und ihre Hölle ist? 
Muß die Wissenschaft am Menschen das Vorhandene 
aufsuchen oder das Nichtvorhandene? Muß die hier zu 
erledigende Frage von der Natur beantwortet werden 
oder nicht? An wen kann und wird da eine wahre 
Menschenforschung ihre Fragen stellen? Oder soll oder 
darf oder muß sie da gar nicht fragen, nur verurtheilen, 
verfluchen, verzerren, verwirren, tödten, läugnen, hin-» 
richten? (H 163). 



Wenn diese Neigung in der wirklichen Natur, wenn 
sie Natur und Wirklichkeit selbst ist und als ihr Gesetz 
in tausend unabänderlich niu* für sie bestimmten Wesen 
besteht; kann es in diesem Fall noch schwer zu ent- 
scheiden sein, wer da als Unmenschen und Barbaren ge- 
handelt habe und wer menschlich, wir oder die Griechen ! ! 
Und welche Folgen uns und ihnen da zu Theil werden mußten 
und konnten. Und wenn sie ist, diese Liebe, ist es gut, 
recht, rathsam, daß sie als solche außer unsern Gesichts- 
kreisen sei und durch die, so fälschlich an ihr nichts zu 
verlieren glauben, in den Verbrechertafeln klebe ? — 
(II 282). 



Der Griechen Behandlung der Männerliebe eröffnete 
den männerliebenden Naturen eben so ein sittliches 
Heiligthum — wie sie und wie wir, in der Ehe, für die 
Liebe der beiden Geschlechter eines eröffnet haben. Die 
Griechen waren durch ihr Wissen und Festhalten der 
Unzuverläßigkeit der äußern Kennzeichen im Geschlechts- 
leben des Leibes und der Seele auf ein weit geistigeres, 
sinnigeres und mannigfaltigeres Beachten alles mensch- 
lichen Innenlebens und eben dadurch auch auf einen 
vielseitigeren Kreislauf von Kräften und Formen und 



— 527 — 

Eichtungen des allgemeinen Mens chth ums geleitet als wir 
(I 297—298). 

Naturwurzeln haben alle Verbrechen; Gut und 
Habe besitzen wollen ist Natur, Zorn und Rache sind 
Natur, in der zweigeschlechtlichen Liebe sind die Wur- 
zeln zahlloser Verbrechen und zahlloser Tugenden und 
großer Handlungen. Die wahrste Menschenkunst und 
Wissenschaft hat aber keinen wesentlicheren Beruf, als 
der ist, die Wurzelfasern der menschlichen Verbrechen 
und Tugenden aufzusuchen und darzulegen und ihnen 
in ihre untersten Tiefen nachzuspüren; beide sollten 
gerade da, wo ihre Blicke die natürlichen Wurzeln eines 
Verbrechens nicht erreichen, nachdenkend stille stehen 
und eben so ernst als demüthig eine neue Aufgabe der 
Seelenforschung glauben lernen. Griechen haben keine 
Tugenden zu begründen und eben so keine Laster zu be- 
strafen gesucht, deren innerer Zusammenhang mit der 
Menschennatur ihnen nicht klar gewesen wäre; aber unsere 
hohe Menschenkunst — die ist über solche Kleinigkeiten 
weit erhaben (II 152—153). 



Sitten und Gesetze für Erschaffung oder Zernichtung 
einer Liebe sind lächerlicher, oft aber verbrecherischer 
Unsinn gegen die Schöpfung, gegen die Natur des Menschen ! 
Die Griechen sind frei von ihm — wir aber, indem wir die 
eigenthümliche Daseins-Sphäre der Natur des Eros der 
der andern, allgemeinen, zweigeschlechtlichen auferlegen, 
begehen ihn in beiden Richtungen zugleich und im 
Sitten- und Criminalwesen wird das Lächerliche zum 
bittern Ernst. Wir glauben eine Proklamir- und Trans- 
portirbarkeit der Geschlechtsliebe; wir bilden uns ein, 
es sei durch uns, durch unsere sittliche Erhabenheit das- 
jenige nicht mehr vorhanden, was den Griechen durch 
ihre Sittenlosigkeit, durch die Art und Weise ihres un- 



— 528 — 

gebundenen Lebens in das Leben gekommen sei. — Diese 
schamlose Verkündigung steht wieder ganz neu, als ein 
Götze dieser verrosteten Zeit, breit und frech in einer 
bei uns vielgelesenen Zeitschrift (II, XXIX). 



Eben weil wir jene Liebe als Natur nicht kennen 
und als Unnatur weglästern aus allem Leben, aus dem 
unsrigen wie aus dem der Griechen, seine ganze Entfaltung, 
alle seine geistigen Einflüsse, alle im Wesen des Menschen 
wurzelnden und vorbereiteten Natur- und Kunstgestal- 
tungen, was alles, theils durch den Natursinn der 
Griechen, wie durch die Hände ihrer Weisen als 
die zarteste und reinste Lebensentwickelung aufblühte, 
noch nie mit Ehrfurcht und Bewunderung, nicht 
einmal mit Schonung oder frommem Nachdenken 
angeschaut haben, so halten wir nur ein Teufli- 
sches, ein vom Göttlichen Abgetrenntes oder ihm in 
und an sich entgegenstehendes Scheusal in allen unsern 
Forschungen und Lehren und Auslegungen und An- 
wendungen der Griechen fest. Aber nur verworfenen 
Menschen, ohne allen Kunst- und Natursinn, kann dieses 
ohne Bedeutung sein. Es mangelt uns da an allem Licht 
und vorzüglich an dem heiligen Element der Menschen- 
liebe Jesu (II 203). 

Der Lasterhafteste kann die Frauen und der Tugend- 
hafteste die Männer lieben. Die Erde, die Geschichte ist 
dieser Erweise voll; keine Liebe ist an sich Tugend oder 
Laster, so wenig als Wille und Selbstbestimmung. In 
diesen wenigen und einfachen Wahrheiten liegt wahrlich 
ebensowohl der Erweis unseres Irrglaubens als unsers 
Irrwissens, ebensowohl unseres Unrechts als unserer 
Schmach — und die volle Gewißheit, daß wir bis auf 
diese Stunde, schon durch unsere finstern Lästerungen 
allein, noch in jener entmenschenden Stockfinsterniß der 



— 529 — 

Hexen- und Ketzerzeit sitzen und einem gräßlichen Wahn- 
götzen einen bedeutenden Theil unsers gesunkenen Ge- 
schlechts hinmorden. Der Wahn würgt mit verhüllten 
Augen, er kennt seine Schlachtopfer nicht; er ist der 
Abgott wähnender, unwissender, blinder Völker und Zeiten. 
Die Priester seiner Tempel sind nicht blos Pfaffen; auch 
unsere Geld- und Mode-Schriftsteller, die ihre Produkte 
nach Thalern und Zeitumständen modeln und schwelgen, 
sind es; — ihre Gegner darben jederzeit gefährdet, ver- 
folgt und verdächtigt (II 233). 



Hat die Liebe der beiden Geschlechter Zwecke und 
Rechte und Pflichten? Giebt der Mensch sie sich selbst 
oder ist sie ihm gegeben? Kann er sie ablegen, wenn 
er sie hat? Kann er sie annehmen, wenn er sie nicht 
hat? Giebt es keine Menschen ohne sie oder sind die, 
so sie nicht haben, keine Menschen? Was sind sie dann? 
Was können, was sollen, was müssen sie sein? Was 
waren sie den Griechen ? Was haben wir ein Recht aus 
ihnen zu machen? Und was sie aus sich selbst? Ge- 
hören sie keinem Plan, keinem Zweck, keiner Idee der 
Schöpfung an? Sind sie wirklich außer diesem allem 
und doch da? Soll man ihnen zu dem, was sie werden 
können, verhelfen, wie die Griechen? Und warum sich 
ihnen entgegenstellen? Sind sie von Gott. selbst außer 
seine Haushaltung gestellt, kann er sie erschaffen haben, 
wenn es ein Recht zu ihrer Verfolgung giebt? Kann 
er sie erschaffen haben, wenn es ein wahres Naturrecht 
für die Zernichtung dieses ihres Daseins giebt? Gehören sie, 
in diesem Fall, nicht in den Plan eines weltregierenden 
Satans und keinem Gott an ! ! Und wenn sie sind, diese 
Wesen, und in diesem Augenblick ihrer wieder eben so 
viele, als in jeder Vergangenheit, sich der Stunde ihrer 
Geburt für diese Erde nähern, hat die Menschheit und 
die Wissenschaft ihnen kein Menschenschicksal zu be- 

Jahrbueh V. 34 



— 530 — 

reiten ? Und endlich, wer, welche Kunst> welche Wissen- 
schaft löset alle diese Fragen? (II 165—166). 



Unsere Antipathie gegen eine vorhandene, an ihrem 
Dasein und dessen Wirkungen völlig schuldlose Menschen- 
natur hatten die Griechen (was eben mit und bei ihrem 
vollendeten Schönheits- und Zartsinn uns als ein höchst 
wichtiger Umstand auffallen sollte) nicht, sondern vielmehr 
das unbedingteste Mitgefühl, das absolut auf nichts An- 
derem, als da diese Liebe Natur ist, auf Menschensinn, 
Gefühl, Güte und Liebe beruhen konnte. Sie hatten 
eine geläuterte Abneigung gegen Unnatur, wir dagegen 
haben eine solche gegen die Natur. Wenn wir von da 
aus den merkwürdigen Bedingungskräften, die unser Ge- 
fühlsvermögen beherrschen, nachsinnen, so werden wir 
gar mannigfaltige Aufschlüsse über die Macht des Wahns, 
der Vorstellung, der Irrideen, des Hexenglaubens und 
Hexenprozesses aufzufinden und festzustellen Anlaß und 
Gelegenheit finden. Der Irrthum unserer Ansicht, nach 
welchem es sich hier um gar keine Natur handelt, ist all- 
zugroß, als daß seine Folgen und Wirkungen nicht noth- 
wendig schrecklich sein müßten. Diese Sphäre ist uns 
völlig leer an Licht, an Werth, an Wahrheit, an Gott, 
also im engsten und eigentlichsten Sinne — gottlos 
(II, XVII). 

Man kann nichts Armseligeres sagen, als man dürfe 
irgend einem rein psychischen Leben, seiner leiblichen 
und sinnlichen Offenbarungen wegen, nicht in die Augen 
sehen, oder, da wo das Leibliche eines Psychischen her- 
vortrete, oder, da wo unsere Augen nur das Physische 
wahrzunehmen vermögen — sei kein Seel- und Geistleben 
im Innern und Plato habe, wie dieser Versuch, da blos 
zur Beschönigung eines Lasters geschwärmt ! — Laster und 
Plato! Laster und Liebe!! Griechen und Unnatur !! ! — 



— -^ 



— 531 — 

Da sind die Stempel unsers sittlichen Verfalls, unsers 
geistigen Elends; ja wir würden, wenn man uns die Aus- 
fertigung eines Verzeichnisses abscheulicher Gesetze, die 
die Menschen zu allen Zeiten gemacht haben, auftrüge, 
solches mit denen der Griechen, bezüglich auf den Eros, nicht 
blos erweitern, nein, anfangen und ein Verzeichniß unsrer 
sittlichen und moralischen Vorzüge vor den Griechen auch 
von dieser Seite her beginnen und krönen — nicht 
wahr ? Wer aber einen Plato begreift, der begreift auch 
leicht, daß es mit unsrer Ansicht ja nicht so ganz richtig 
sein könnte, wie wir glauben. Wir sind eine Nation, 
welche ihr Geschlechtsleben noch nicht zu der ihm ein- 
wohnenden geistigen Erhabenheit und Bedeutung in die 
freie Idee empor zu heben gelernt hat (II, XVI). 



Wir haben diese Keim- und Wurzelgewalt, Neigung, 
Sympathie, Instinkt, Fleisch, Gemüth nur verdammen, 
nicht ertödten und nicht erziehen mögen ! Und wahrlich, 
wahrlich, kein Barbar und Unmensch aller Zukunft wird 
sie ausrotten, denn sie sind Wahrheit und andere Natur 
bedingende Natur von Gott — sie werden immerdar 
sein, wie sie immerdar waren; sie müssen, als gegebenes, 
erschaffenes Fleisch- und Sinuengesetz, erzeugen ent- 
weder was sie den Griechen erzeugten oder was sie uns 
erzeugen! ! Was sie aber seien als Gesetz der Natur, 
unabhängig und völlig geschieden von dem, was wir 
von ihnen lehren, wie von dem, was die Griechen von 
ihnen gelehrt haben, und wo und warum — darüber, 
kalter Sünder, willst du rechten mit dem Ewigen und 
anspeien und verurtheilen einen Plato, und dich aber 
baden in den Lüsten deiner, andern Zwecken dienenden, 
sonst gleichen Natur . . . und eine andere anders machen, 
als sie ist — und zur brennenden Sonne aufwärts kehren 
und dörren die frevelhaft vom Erdreich entblößten 
Wurzeln und gewaltsam reißen abwärts aus dem ener- 

34* 



— 532 — 

gischen Licht und dem luftigen Aether und Glanz und 
Duft des Ewigen, Geistigen, in den Erdenkoth die Kronen 
und Wipfel der Seelen, des Lebens, der Liebe, und wenn 
sie zerstampft sind und erwürgt sind und entheiliget sind 
und gebrandmarkt von deinem Wahne, alsdann predigen 
deine Rechte und deinen Triumph der Hölle über deine 
Schande, über dem Zerstörten, und verkündigen die Herr- 
lichkeit und das Heil deiner Völker und Zeiten den 
Völkern und Zeiten und das Ermordete abnagen, wie ein 
Hund, und tausend Lügen, frech und entmenscht, hinauf- 
heulen zum verspotteten Gott und hinab zur betrogenen, 
verführten, entstellten und nicht verstandenen Mensch- 
heit!!! (II 24—25). 

Daß diese Liebe, die kein Wesen des andern Ge- 
schlechts anfachet, wohl aber das eigene, diese griechische 
Liebe, nicht oder wenig mehr sei, gegen diese größte 
aller gedruckten Lügen auf Erden rufe ich, so laut ich 
vermag, Jedem das Gegentheil zu; sie ist noch und zwar 
aus dem ganz einfachen Grunde, weil sie Natur ist, weil 
sie es einmal war und deßhalb auch nie als mit dem 
Menschengeschlecht selbst aufhören kann .... Und ihr 
fraget nun, wo und was sie denn jetzt sei, diese Liebe 
der Griechen, und ich will euch antworten : O, es ist sehr 
leicht. Sie schleicht als Laster unter den Lasten einer 
allgemeinen Verdammung, zerstöret und zerstörend, segen- 
und kraft- und thatenlos, voll Schuld und Qualen, außer 
aller Menschenwürde und Idee, meist in abstoßenden, 
nicht Griechengestalten, einen ganz eigenen Kreis der 
Verdorbenheit, der Laster, der Sünden, der Verderben, 
deren Ursprung wir nicht suchen, bildend, in unserer 
Mitte umher, sie durchrinnet als eine eigne vergiftete, 
reiche Quelle der Entwürdigung und des Elends, als 
Irridee ein ganzes Reich des Guten und Menschlichen 
verschlingend, alle Kreise unsers häuslichen und öffent- 



— 533 — 

liehen Lebens, nachtet als schreckliches Räthsel, verwahr- 
loset, in sich selbst zerrüttet und versunken, über tausend 
schuldlosen Familien, heulet ausgestoßen in tausend Ge- 
fängnissen unseres Welttheils, sich selbst und der Stunde 
ihrer Geburt fluchend, in Nacht und Finsterniß gehüllet, 
ein täglich sich erneuendes, selbstverzehrendes und un- 
aufhörlich widersprechendes Ungeheuer, und liefert, so 
gestaltet, Kerkermeistern und Henkern Arbeit und Brod 
oder löset auch zuweilen hie und da die Schmachfesseln 
eines also verdämmten Erdenlebens, das Räthsel solchen 
Daseins, durch uns unerklärliche Selbstmorde .... Und 
es spricht in ihnen die heilige Nemesis und redet der 
Engel der Menschheit fürchterlich warnend und weinend 
für meine Idee! (II 237—239). 



Unsere ganze Behandlung dieser Erscheinung, wie 
wir alle gar wohl wissen, beruht lediglich auf dem Aus- 
spruch: „Sie ist nicht Natur." Das menschlichste und 
in sich klarste Volk, das je gelebt hat> vor dem wir 
nichts voraus haben, als etliche mechanische und 
physikalische Erfindungen und Maschinen (von denen 
die jetzige Menschheit selbst die größte und merkwürdigste 
ist), dieses Volk aber sagte: „Sie ist Natur." Wir aber 
und die Schand- und Schmachzeiten alles Menschlichen 
sagen das Gegentheil; aus diesen ganz entgegengesetzten 
Ansichten, Aussprüchen und Behandlungsweisen sind dann 
auch die sich so vollständig entgegengesetzten Wirkungen 
und Einflüsse entstanden; — ob darin denn nun für uns 
auch weiters keine Bedeutung und keine fernere Lösung 
für Menschenrecht und Wissenschaft mehr liege, das ist 
wieder eine andere und ebenfalls noch nie beantwortete 
Frage. Der Griechen Menschensinn und Menschenbe- 
handlung war auf Menschennatur-Wissenschaft gegründet; 
unsere aber wurzeln in Zeiten, wo das Wort und der 
Begriff Natur auf den Scheiterhaufen führte. Sollte es 



— 534 — 

in der That noch nicht möglich und noch nicht an der 
Zeit sein, sowohl der Griechen Ja als unser Nein auf 
die Wage ächter Menschen- und Naturforschung zu legen? 
Schaudert uns etwa vor den Verbrechen, die durch 
solchen Entscheid auf uns erweislich würden? Wollen wir 
sie lieber noch anhäufen und auf den Nacken unserer 
Kinder richten, als einsehen ? Im Namen der wissenschaft- 
lichen Dreifaltigkeit: der Wahrheit, der Menschlichkeit 
und des Rechts, lege ich diese Frage, an Gottes schönem 
Sonnenschein, ich weiß zwar nicht eigentlich, wem, vor; 
nehme sie auf, wer ihrer werth ist, gewiß ist sie ein 
Samenkorn des Bessern (II 182 — 183). 



Hr. Goldhagen läßt in seiner Uebeisetzung des 
Gesprächs zwischen Simonides und Hiero das ganze, 
sich ausschließlich auf die Liebe zu den Lieblingen be- 
ziehende Blatt, ohne Umstände zu machen, weg! — Ach, 
wenn man so einen Hrn. Goldhagen neben Xenophon 
sieht — wie er ihn corrigirt und amputirtü — Wir begehen 
aus lauter Zucht und Ehrbarkeit solche literarische Unzucht! 
Unsre Schriftsteller sind, durch unsern Gesichtspunkt, 
mit dem wissenschaftlich vielsagenden Wörtlein „unnatür- 
lich" immer so unvorsichtig als freigebig, obschon es 
das Menschengeschlecht zu unaussprechlichen Unthaten 
gestimmt und bestimmt hat . . . Man sollte nie un- 
natürlich sagen, bis man recht wüßte, was Natur ist . . . 
Es braucht schon Natur, um Natur zu beurtheilen (I 260). 



Das ist wahrlich in der Literatur ein Frevel, wie 
wir uns unter Sodomiterei in der Liebe einen zu denken 
gewohnt sind, und wie der auch ist, wenn unsre Geist- 
lichen im Tempel des Herrn, im Namen Gottes, des Vaters, 
des Sohnes und des heiligen Geistes, Wesen zu unaus- 
weichlichem "Verderben zusammenschmieden, die sich ihrer, 
ihnen völlig dunklen Natur gemäß ewig abstoßen und 



"I 



— 535 — 

sich selbst eben so fremd sind, wie ihrem Priester. Hätten 
unsere Gelehrten schon längst über diesen Theil der 
Menschennatur Licht gesucht und zu verbreiten verstan- 
den, so läge über diesem fürchterlichen, das Glück und 
Heil, die Tugenden und Laster, den Tod und das Leben 
vieler Tausenden entscheidenden und bedingenden Gegen- 
stand nicht noch solche Mordnacht — solcher Fluch 
der Ketzer- und der Hexenzeit, der tiefsten Unwissenheit! 
Ihr, die ihr durch Unwissenheit die Schätze des mensch- 
lichen Gemüths veruntreuet und mit ihnen Spiel und Spott 
und Wucher treibet, wisset, die Folgen eurer Verhunzungen 
der Klassiker, eurer literarischen Schinderstreiche und Dieb- 
stähle sind die hauptsächlichsten Stützen der kalten, alten, 
eisernen Mörderanstalten des neunzehnten Jahrhunderts 
(I 268—269). 



Bei uns und unserm Wahn nimmt hier jeder Narr 
und Sündenknecht und Sinnensclav voll eitlen Wahns 
noch immerfort mit aller Gravität seinen hohen Ehrensitz 
im Tempel der Sittlichkeit und Keuschheit ein und 
dunkelt sich rein von — einer Sünde, die mit seiner innern 
Geschlechtsorganisation und Stimmung in gar keiner Be- 
rührung steht, und weiß nicht, daß da seine Tugend 
etwa die eines Schweines, das nicht davon fliegt, ist; er 
meint, seine Natur sei die jenes Frevlers und die jenes 
Frevlers sei ursprünglich wie die seinige; er aber habe 
sie bewahret und heilig gehalten, er ehre sie, er habe 
sich selbst bestimmt und an sie angeschlossen, er sei in 
ihr, nicht sie in ihm, der andere aber habe sich von seiner 
Natur entfernt u. dgl. m. So schaut er richtend und ver- 
achtend und behaglich, oft vom Unflat seiner Unenthalt- 
samkeit, auf andere Menschen — auf Griechenland und 
Plato hoch herab und schämt sich ihrer und mißt und 
demonstrirt sich selbst und andern diese Höhe seiner 
Kraft und seines Werths und sein Verdienst vor Gott 



— 536 — 

und seiner Zeit und zeigt durch die Verdammung anderer 
die Herrschaft seiner Seele über solche Sünden an. Ja 
es ist, als wie wenn wir an diesem stummen, aber viel 
entscheidenden Ungeheuer gerade noch darum festhielten, 
damit der Auswurf unserer Gesellschaft, damit der Greuel 
und Abscheu unsers Geschlechts, alle die tausend non 
plus ultra der Charakterlosigkeit, der Bosheit und Ent- 
würdigung, der physischen und moralischen Verworfenheit, 
damit alle diese Schmachwesen, alle diese Muster der 
eigentlichsten und vollständigsten Scham- und Sitten- 
und Gottlosigkeit, in jeder Gemeinde zerstreut, für ihre 
innere Verruchtheit noch — Etwas unter sich selbst 
aufzuweisen und zu verurtheilen wissen, statt — sich 
selbst .... Auch das, diese Schutzwehr der Ver- 
worfensten im Schooße der menschlichen Gesellschaft, war 
den Griechen nicht vorhanden und bewirkte ihnen nicht 
in tausend Fällen die Vergeblichkeit unsers Erziehens 
und unserer sittlichen Bestrebungen und gab den 
Schlechtesten ihrer Menschheit nicht ein scheinbar noch 
Schlechteres zu ihrer Rechtfertigung und Beruhigung an 
die Hand. Wahrhaft wissenschaftliche, stille und ge- 
wissenhafte Menschen werden da prüfen, der ihnen gegen- 
überstehende Troß aber urtheilen und verurtheilen, ohne 
untersucht — ohne gelesen zu haben (II 13 — 15). 



Ich frage euch Menschen alle: Könnte jetzt einer 
von uns aufhören, das, was er ist, zu sein ? Könnte jetzt 
einer von uns unberührt bleiben von Allem, was ihn bis- 
her berührte, oder ergriffen von dem, was bisher seinem 
innersten Menschen fremd war, seine Natur aufgeben, sie 
nicht mehr haben, nicht mehr fühlen und ein leidenschaft- 
licher Knabenliebhaber werden? Jeder, der da Ja sagt, 
lügt, und Jeder, der da Nein sagt, widerspricht und 
Verläugnet sich also selbst. Hexen und Gespenster^ 
Wunder und Teufel sind aus unsern Listen der Wirklich- 



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keit gestrichen; aber die Sünder und Sünde wider die 
Natur — deren es in der Natur nie gegeben hat, so we- 
nig als Hexen — die sind uns noch mit allen Einflüssen 
des Hexen- und Zauberglaubens geblieben. Hier ist der 
erste ernstliche Versuch dagegen. Ich kann mich vor 
dem, was man einem Menschen in solchen Fällen anlügt 
und andichtet, wissenschaftlich noch lange nicht so ent- 
setzen, als wie über das, was man ihm abspricht, weg- 
disputirt, wegdichtet, weglügt oder an ihm nicht einsieht. 
Wir verfolgen und verdammen in wirklichen, rein und 
deutlich gegebenen Menschennatureu, die wir aber weder 
wissen noch sehen, ganz andere, die gar nicht sind, deren 
es, solange die Welt steht, keine gegeben hat, so wenig 
als Hexen. Wir richten tausend Wesen moralisch hin, als 
solche, 1 die ihre Natur verlassen haben, als solche, die in 
sich die Liebe zum andern Geschlecht zwar tragen, aber, um 
sie in sich zu ersticken, mit frevelndem Willen widernatür- 
liche Neigungen und Begierden, das heißt, unsere Sünde 
wider die Natur, in sich aufgenommen haben. Wir setzen 
in ihnen eine Natur voraus, die sie nie gehabt haben, die 
ihnen ewig fremd bleiben muß, und die sie nie haben 
können, nie haben sollen und nie haben werden; und 
ihre eigentliche, einzige, wahrhafte, ihre wirkliche, wahre, 
unwandelbare aber, die sprechen wir ihnen ab und erklären 
sie blos für die Handlung einer freien Willkühr und 
Selbstbestimmung und verabscheuen in und an ihnen 
eine Handlung, die nie ein Mensch begehen kann .... 
So trug die Allmacht eines blutigen Wahns, in die Nebel 
geweihter, geheimnißvoller Unwissenheit, in die Prunk- 
gemächer der Gelahrtheit, des Herrscher- und Kirchen- 
thums gehüllet, als Mordprivilegium, als Saat und 
Zeichen des Todes, den Eros über anderthalbtausend 
Jahre durch alle Abgründe einer versunkenen Menschheit 
triumphirend in alle Winkel unsers Erdtheils . . . Und 
dadurch nun ist es jedem Haus eine schwarze, verhäng- 



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nißvolle Stunde des Verderbens, unter dessen Dach eine 
unglückselige Mutter ein neues Opfer unsers Irrwahns 
und unserer Unwissenheit mit Schmerzen gebiert, und, o 
es wäre besser, daß der Tod beider Leben in dieser un- 
heilvollen Stunde zernichtete Oder wenn ihr 

ihnen, ihrem Dasein hienieden eine andere Erklärung, andern 
Spielraum des Lebens außer in eurer Henkeransicht 
oder meiner Idee wisset, so thut das Eure, wie ich hier das 
meine . . . damit fürderhin keine Eltern mehr die Stunde 
jener Zeugung zu verwünschen haben und nicht mehr 
ein über alles Dasein, über Zeit und Grab hinausrei- 
chendes Unglück, ohne alle Selbstverschuldung, auf ihr 
ruhen könne! ! (II 280—288). 



Wo aber freche Wuth statt frommem Menschensinn 
und blinder Stolz statt reiner Wissenschaft ein Volk er- 
greift, da mordet es. Keinem Wahne ward je so viel 
geopfert, als dem: Der Mensch kann seine Natur aus- 
ziehen, wie ein Kleid, oder es giebt eine Zuverläßigkeit 
der äußern Kennzeichen im Geschlechtsleben des Leibes 
und der Seele, was man auf diesen Tag noch wähnt, 
noch träumt, noch glaubt — nämlich, daß jeder, der in 
einen Jüngling sich verliebe, zuerst seine Urnatur, die 
wir nach den äußern Kennzeichen bestimmen, ausgezogen, 
mit Füßen getreten und weggeworfen habe .... Das 
kann nur Unwissenheit wähnen, die weiters wähnet, es 
sei jedes Geschlecht nur das andere zu lieben von der 
Natur angewiesen, von innen aus bestimmt und gestimmt, 
und jedes Wesen anderer Art und anderer Neigung sei 
nur Willkühr, Selbstbestimmung und frecher Sünden 
willen und liege in keinem Pl